Montag, 29. Januar 2018

Leistung statt Freude?

Eine Komponente der „schwarzen“ Pädagogik, der dominanten Erziehungsform, der unsere Eltern-, Groß- und Urgroßelterngenerationen ausgesetzt waren und die deshalb bis heute in uns und unserer Kultur wirkt, stellt die Unterdrückung von positiven Gefühlen dar. Kinder, die sich zu viel freuen, werden den Ernst des Lebens nicht verstehen und nicht die Anstrengungen aufbringen, die notwendig sind, um später diese Herausforderungen zu bewältigen. Deshalb wäre es wichtig, die Freudenausbrüche der Kinder zu unterbrechen und sie konsequent auf den „Ernst des Lebens“ vorzubereiten.

Eltern, die aus dieser Erziehungstradition handeln, sind der (unbewussten) Auffassung, dass ihre Kinder auf eine feindliche Welt vorbereitet werden müssen, in der man sich jede Belohnung mühsam verdienen muss. Eine Position in dieser Welt kann man nur erwerben, wenn man die geforderten Leistungen erbringt. Die Gefühle von Freude und Leichtigkeit stehen dieser Haltung im Weg und müssen deshalb unterbunden werden. Nur so wären die Kinder für eine Welt gewappnet, in der einem nichts geschenkt wird.


Freudlose Religionen


Gespeist wurde dieser Aspekt der Pädagogik zusätzlich noch von der Tradition der Leibfeindlichkeit und Leidenspflege in der katholischen Kirche. Die Gläubigen sollten sich von übermäßiger Freude fernhalten, weil damit vergessen würde, dass sich Jesus durch sein Leiden bis zum Tod für die Erlösung der Menschen eingesetzt hat. Die Selbstaufgabe und der hingebungsvolle Einsatz für andere müsse deshalb im Vordergrund stehen, und alles, was unbeschwerten Genuss und einfache Freude bereitet, müsse mit Misstrauen betrachtet werden, weil die dahinterstehende Haltung der verderblichen Selbstsucht Vorschub leiste.  Außerdem sollten sich die Menschen immer bewusst halten, dass ihr eigenes Leben begrenzt ist und dass dieses dem guten Tun zu widmen sei, um sich damit ein ewiges Leben im Himmel zu verdienen, wo dann erst die Freude, allerdings in ewiger Dauer, zuteil wird. Die Erde als Jammertal und Ort von Mühen und Qualen hat das Weltbild vieler Menschen bis in die Pädagogik hinein geprägt und tiefe Spuren in den Motivationsgefügen der Menschen hinterlassen.

Denn es wird über die Jahrhunderte ein Muster etabliert und eingeprägt: Du bekommst erst ein Recht auf Freude, wenn du vorher Entbehrungen durchlitten hast. Die Freude ist kein natürliches spontanes Gefühl und sie ist auch kein Geburtsrecht der Menschen, sondern etwas, das durch das Durchleiden von Mühsal verdient werden muss.

Der Protestantismus hat dieser Verzerrung der Natur (die sich von sich aus einfach freuen will, wenn es einen Anlass gibt) noch eins draufgesetzt, indem einige der Reformatoren die Auffassung vertreten haben, dass nicht einmal genügt, sich durch Leistung den Zugang zur Freude zu verdienen, sondern dass diese ein unverdientes Geschenk darstelle, das der Gnade Gottes verdankt ist und von einem Menschen nicht eingefordert werden kann. Als Lebensaufgabe bleibt nur, sich permanent anzustrengen, um sich der Gnade für würdig zu erweisen.


Anpassung zum Überleben


Diese freudlosen Botschaften, die in den westlichen Religionen verankert sind, spiegeln die Lebensrealität über weite Strecken der Menschheitsgeschichte wieder. Über Jahrtausende konnten weitaus die meisten Menschen nur überleben, wenn sie sich den harten Außenbedingungen vorbehaltslos anpassten: Karge Ressourcen und starre Unterordnung unter hierarchische Zwänge. Die Kinder mussten von Anfang an dazu gebracht werden, dass sie in diese Korsette passen. Deshalb schien es konsequent, nicht mit der Rute zu sparen, denn es musste von früh an gelernt werden, Strafen durch Anpassung und Unterwerfung zu vermeiden. Auf diese Weise wurde die Selbstbestimmung und Selbstmotivation eingeschränkt, die in der Gesellschaft ohnehin keinen Platz hatte. Besser war es, das eigene Leben nach den Mechanismen von Belohnung und Bestrafung zu fristen.

Die Dynamik der Industrialisierung bis zur Digitalisierung hat dazu geführt, dass dieses Gesellschafts- und Kulturmodell mehr und mehr überflüssig wurde. Zunächst erforderte zwar die Fabriksarbeit Menschen, die zuverlässig und fehlerfrei einfache Vorgänge ausführen konnten, die also über ausgeprägte Selbsthemmungs- und Selbstkontrollmechanismen verfügen mussten. Aber die zunehmende Automatisierung führte zum Verschwinden gerade der einfachen und routinierten Arbeitsabläufe, die eben von Maschinen übernommen werden können.

Die komplexeren Aufgaben, die in der postindustrialisierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft anfallen, erfordern dagegen keine gehemmten und dressierten Individuen, sondern Menschen, die über Eigenmotivation und Kreativität verfügen. Und diese inneren Kräfte werden nur frei, wenn wir in Übereinstimmung mit uns selbst sind, wenn wir die spontanen Gefühle und Impulse in uns selber spüren und zulassen können. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir dauernd neue Fertigkeiten erlernen müssen, und nach Meinung vieler Psychologen ist Lernen nur dann effektiv, wenn es von Begeisterung angetrieben ist.


Arbeit gegen Freizeit


Die Folge ist eine zweigespaltene Gesellschaft, in der auf der einen Seite freudlos Leistungen erbracht werden, und auf der anderen Seite die Freuden in der Freizeit maximiert werden müssen. Funktionieren und Enthemmen, Anpassen und im Genuss Versinken, wie ein englischer Snob, der vor seinem Bentley und seiner Villa steht und meint: „Hier sage ich nur ‚Morgen‘, ein guter Morgen ist es erst auf der Jacht vor St. Tropez.“ Oft besteht allerdings der vermeintliche Genuss nur mehr darin, die Last der Entbehrungen möglichst effektiv loszuwerden – oder, wie im Fall des Snobs, die allgegenwärtige Langeweile zu bekämpfen. Für ein entspanntes Genießen und für die stillen Freuden, für ein Verweilen im Zauber des Moments  ist in diesem Lebensmodell kein Platz.


Zur Psychologie der Freudlosigkeit


Was passiert, wenn Kinder entmutigt werden, Freude und andere positive Gefühle zu genießen, sei es durch das unbewusst wirksame Beispiel, durch Abwertungen oder Androhen von Strafen? Sie sollen gezwungen werden, ein bestimmtes, von außen festgelegtes Verhalten zu zeigen. Die Drohung löst Angst aus, und dadurch wird der Selbstbezug gehemmt. Die Kinder verlernen, sich selber, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Motivationen zu spüren. Selbstbestimmtes Handeln wird gehemmt. Vorsätze, die den eigenen Wünschen entsprechend, können schwerer umgesetzt werden.

Wo es die Möglichkeit gibt, positive Gefühle selbst zum Ausdruck zu bringen und dadurch Selbstmotivation entsteht, kann der Selbstzugang wachsen: Die Selbstmotivation kommt aus dem Selbst, und dadurch wird selbstkongruentes Verhalten möglich. Das Freudeverbot verhindert diesen Weg in das selbstbestimmtes Handeln. Allerdings erleichtert es das Umsetzen von automatisierten und routinierten Verhaltensabläufen, ist also für das Funktionieren in einer einfachen Industriegesellschaft geeignet.

„Hemmt man positive Gefühle, so kann man sogar besonders gut über schwierige, ja sogar völlig unrealistische Ziele und Ideale nachdenken (weil das Intentionsgedächtnis und das Denken durch Hemmung der Freude intensiviert wird) und man kann Aufträge und Instruktionen ausführen, besonders wenn diese keine besondere Planung brauchen, also direkt ausführbare Handlungsroutinen ansprechen. ... Wenn Frustrationstoleranz und Opferbereitschaft mehr eingeübt werden als Freude und Genussfähigkeit, besteht die Gefahr, dass Menschen sich in ihren Idealen und guten Vorsätzen verfangen, bis sie kaum noch etwas von ihren anspruchsvollen Idealen umsetzen können und immer mehr auf Fremdsteuerung durch Routinen, Regeln und Geboten angewiesen sind, die auch ohne positive Gefühle umgesetzt werden können.“ (Aus: Julius Kuhl: Spirituelle Intelligenz, S. 119f)


Neid auf die Lebendigkeit


Warum kommen die Eltern mit der spontanen Begeisterung und Freude der Kinder nicht zurecht? Kinder drücken über ihre Gefühle ihre Lebendigkeit aus, von Anfang an, also sobald sie auf der Welt sind und schon davor. Das erinnert die Eltern an die eigene nicht gelebte Lebendigkeit, und diese Erinnerung löst Sehnsüchte und Ängste aus: Der Wunsch nach dieser Lebendigkeit und die Ängste, die mit den Versagungen und Bestrafungen verbunden waren, die in der eigenen Kindheit auf Gefühls- und Lebendigkeitsausdruck gefolgt sind. Da sie gelernt haben, ihre Wünsche zu verleugnen und mit Anpassung die Angst vor Bestrafung zu bewältigen, geben sie diese Botschaft ans Kind weiter: Lebendigkeit ist bedrohlich, für dich und für andere. Freude und Überschwang führen zu Leid. Zügle deine Lebendigkeit, dämme deine Begeisterung ein, dämpfe deine Freude. Dann kommst du besser zurecht mit einer Wirklichkeit, in der es um Anpassung, Verzicht und Selbstbeschränkung geht.


Leistungsentlastung und die Räume der Freude


Es könnte sein, dass sich unsere Gesellschaft in die Richtung entwickelt, dass nur noch eine Minderheit einer Erwerbsarbeit nachgehen kann, weil ansonsten ein Großteil der notwendigen Tätigkeiten von Maschinen erledigt wird. Wer keinen Platz in der Arbeitswelt findet, kann die Selbstdefinition über Leistung aus Anpassung und Verzicht hinter sich lassen. Sie wird nicht mehr benötigt. Der biblische Fluch, das Brot im Schweiß der Mühsal zu essen, verliert seine Macht, wie alle anderen Formeln und Rituale der schwarzen Pädagogik.

In jedem Fall sollten beginnen, die Relikte der freud- und lustfeindlichen Pädagogik abzuarbeiten, alle daraus stammenden Konditionierung zu überwinden und unsere natürlichen Anlagen zu allen positiven Gefühlen völlig freizulegen. So können alle Gefühle spontan fließen und unseren Selbstausdruck stärken. Wir pflegen und stärken die Fähigkeit, uns an den großen und kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und aus diesen Freuden die Kreativität zu entwickeln, um unser Selbst zum Ausdruck zu bringen, zur Freude für die anderen Menschen.  In Übereinstimmung mit dem, was sich in uns zeigt, entfalten wir uns am leichtesten und halten mit unserer inneren Harmonie auch unsere Gesundheit aufrecht. Wir können die Räume, die frei werden, mit Freude und Lebensgenuss füllen, sie warten schon drauf.


Zum Weiterlesen: 
In der Mangel des Erfolgsstrebens
Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen

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