Samstag, 29. August 2015

Die zuträgliche Leichtigkeit und die Schwere

"Das Leben ist schwer" hören wir vermutlich wesentlich öfter als: "Das Leben ist leicht".
Wer leichtlebig ist, erfreut sich keinen guten Rufs. Wer es schwer hat, verdient Mitleid. Alles, was leicht geht, ist verdächtig. Wir müssen uns unser Leben erst verdienen, möglichst durch hartes und konsequentes Arbeiten, damit der biblische Fluch, dass wir unser tägliches Brot nur im Schweiß unseres Angesichts erwerben können, auch Recht behält.

Wie können wir uns von dem Fluch erlösen? Es kann doch nicht sein, dass am Anfang der Bibel den Menschen eine anthropologische Konstante, noch dazu in Form eines Fluches, von höchster Stelle aufgebrummt wurde, die wir niemals mehr loswerden können? Was, wenn es sich um eine Beschreibung der Menschen handelt, die unter erschwerenden Bedingungen entstanden ist und einer Notsituation Ausdruck gibt, aber nicht das Wesen des Menschen für alle Zeiten festlegt, unabhängig von historischen und sozialen Umständen?

Was schwer ist, drückt uns nieder, engt uns ein und macht uns klein. Es raubt uns den Atem und die Freiheit. Alles wird mühsamer und anstrengender. Freude und Genuss sind verpönt, Anspannung muss sein, jedes Nachlassen bedeutet Gefahr. Die Schwere ist eine Folge der Angst, die Angst ist eine Folge der Verängstigung. Ängste entstehen, wo etwas bedroht und das Ausmaß an Sicherheit zu gering ist. Die Rede ist vor allem von den frühesten Zeiten unserer Existenz, von der Empfängnis angefangen bis in unsere Kindheit und Jugend. Mit dem Älterwerden können wir mehr und mehr für unsere Sicherheit selber sorgen, doch plagen uns immer wieder Ängste, die sich aus den frühen Zeiten melden, weil wir uns mit ihren Wurzeln nicht beschäftigt und bewusst auseinandergesetzt haben.

Der biblische Fluch verheißt uns also, dass wir immer von Ängsten belastet sein werden. Die Botschaft der Erlösung dagegen sagt, dass wir uns befreien können von allen Verfluchungen. Wir sind nicht an die Schwere angekettet. Befreiung heißt, leicht werden, weit und offen. Das, worum wir die Vögel beneiden: die Flügel ausbreiten, kurz flattern und schon sind wir leichter als die Luft. Wir entkommen der Schwerkraft, mit der uns die Erde an sich klammern will.

Die innerliche Leichtigkeit braucht nicht einmal Flügel. Sie will die innere Schwere überwinden, die durch unsere Ängste und Sorgen entstanden ist. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir den Raum der Liebe betreten können. Solange wir uns schwer fühlen, sind wir auf uns selber fixiert. Wir schleppen uns dahin und unser Blick geht nach unten, sodass wir die anderen gar nicht wirklich wahrnehmen können. Unsere alten Belastungen halten uns gefangen, und wir haben keine Kapazität, uns über uns selbst hinaus zu weiten. Zu sehr sind wir gefangen von unseren Problemen. So denken wir uns den Kopf wund, um einen Ausweg aus der Schwere zu finden, und belasten uns nur noch mehr.

Das Sein ist leicht, und diese Leichtigkeit muss nicht unerträglich sein, im Gegenteil, sie ist uns höchst bekömmlich, und wir sollen sie, sobald sie uns geschenkt ist, in vollen Zügen genießen. Denn erst dann sind wir Menschen im vollen Sinn, weil wir erst dann liebesfähig sind. Die Liebe kommt nur auf leichten Sohlen. Sie verschenkt sich aus dieser Leichtigkeit heraus, indem sie das leicht macht, was sich so schwer anmutet.

Die Liebe, die wir einander entgegenbringen, ist also die Medizin, die uns zur Leichtigkeit im Leben verhilft. Und die Leichtigkeit im Leben verhilft uns dazu, dass wir gewährende und gebende Menschen werden können, die aus der Fülle füreinander da sind. So können wir uns gegenseitig von der Schwere befreien.

"Wir alle halten es für undenkbar, dass die Liebe unseres Lebens etwas Leichtes, etwas Gewichtsloses sein könnte." (Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)

Freitag, 28. August 2015

Das Erbe und die Endgültigkeit

Quelle: Berliner Zeitung
Familien können über einen Erbstreit auseinanderfallen – Geschwister können sich nicht mehr in die Augen schauen, Eltern vergrämen die Kinder, Hinterbliebene lamentieren den Rest ihres Lebens über entgangenen Reichtumsgewinn aus einem Erbe.

Hinter den vielfältigen und unterschiedlichsten Konstellationen, die durch die Weitergabe von Gütern nach dem Tod entstehen können, möchte ich auf eine Dynamik hinweisen, die innerpsychisch hinter der massiven Emotionalität steckt, die durch Erbangelegenheiten ausgelöst werden kann. Ich gehe dabei nicht darauf ein, was manche Erblasser mit ihrem Testament machen, indem sie z.B. die „Braven“ belohnen und die „Schlimmen“ bestrafen wollen. Mit solchen Aktionen werden bestehende Konflikte bis über das eigene Grab hinaus weiter geschürt. Ich lasse auch den Aspekt der Geschwisterrivalitäten beseite, die aus der Kindheit stammen und bei Erbstreitigkeiten heftig aufbrechen können. Ich möchte hier auf einen anderen Gesichtspunkt hinweisen.

Ein Erbe zu bekommen, sollte eigentlich als Geschenk empfunden werden: Wir haben, was wir haben, und bekommen ohne weitere Leistung etwas dazu. Ein Erbe haben wir uns nicht verdient (außer wir verstehen uns als haupt- oder nebenberufliche Erbschleicher). Jedenfalls sollten wir unser Leben nicht darauf ausrichten, irgendwann ein Erbe zu bekommen, weil wir dabei auf den Tod einer Person spekulieren.

Erben ist mit dem Tod verbunden. Jemand stirbt und hinterlässt seine Güter. Wenn jemand in unserer Umgebung stirbt, werden wir an unsere eigene Endlichkeit erinnert, und das macht uns Angst. Um diese Angst, die uns meist nicht bewusst ist, zu bewältigen, wollen wir uns die Güter der verblichenen Person sichern. Dinge geben Sicherheit, je mehr davon, desto mehr Sicherheit, je weniger davon, desto mehr Angst. Darum streiten wir, oft mit den unfairsten Mitteln und mit gieriger Zähigkeit, möglichst viel für uns aus dem Kuchen herauszuschlagen. Wir wollen aus dem Tod einer Person möglichst viel Leben für uns herausschlagen.

Natürlich ist die Hoffnung illusorisch, durch möglichst viel Haben mehr Leben zu sichern und den Tod zu besiegen. Wir können uns eben nichts mitnehmen, wenn wir dran sind zu gehen, soviel auch immer wir angehäuft haben. Vielleicht können wir den Zeitpunkt des Todes hinauszögern, wenn wir mehr Reichtum auf der Seite haben: Reiche leben länger als Arme, das weiß auch die Statistik. (Eine Reise vom 1. Wiener Bezirk in den 15., Dauer 10 Minuten mit der U-Bahn, also von einem reichen zu einem armen Bezirk, ist auch eine Reise von hoher zu wesentlich geringerer Lebenserwartung.) Aber früher oder später müssen auch die Reichen das Zeitliche segnen, das wissen wir spätestens seit dem Jedermann.

Es ist also unsere eigene Endlichkeit, an die wir erinnert werden, wenn jemand stirbt. Und diese Erinnerung wird an das Dingliche geknüpft, wenn wir eine Erbschaft machen. Unser Unbewusstes versucht, sich vor dem Grauen des eigenen Endes zu schützen, indem es uns auffordert, möglichst viel aus der Verlassenschaft der verstorbenen Person auf unsere Seite zu bringen. Wir können uns dann ganz auf das konzentrieren, was wir besitzen, damit haben wir genug zu tun und müssen nicht an den eigenen Tod denken.

Die Endgültigkeit des Todes spiegelt sich in der Endgültigkeit einer Erbverhandlung. Wenn die Entscheidung gefallen ist, ist sie endgültig. Deshalb müssen wir gleich mit voller Vehemenz auftreten, um unseren Anteil an der Hinterlassenschaft zu reklamieren. Mit der Abhandlung des Erbes akzeptieren wir auch den Tod der verstorbenen Person endgültig. Doch geht das leicht unter, wenn wir bei der Aufteilung des Erbes unsere Gier befriedigen.

Die Endgültigkeit, die uns immense Angst verursacht, spielt also hinter den Kulissen die eigentliche Regie, wenn Erbstreitigkeiten ausbrechen. So erfinden wir immer wieder Ablenkungen vor der Radikalität des Lebensendes. Unsere Gier nach Gütern und Besitzobjekten ist eine von vielen. Je mehr wir diese Ablenkungen durchschauen, desto weniger binden wir uns an Dinge und gewinnen den inneren Freiraum für das, was hinter den Dingen liegt.

Dienstag, 18. August 2015

Zellgedächtnis: Belege in der Wissenschaft

Das Zellgedächtnis ist eine Theorie, die wir brauchen, wenn wir pränatale
Psychotherapie betreiben. Ohne diese Annahme wüssten wir nicht, warum wir unter den für Regression geeigneten Umständen und Methoden, z.B. vertieftes Atmen und angeleitete Rückführung, zu Erinnerungen aus einer Zeit unserer Geschichte fähig sind, in der es kein Großhirn gegeben hat, und im Extremfall nicht einmal Nervenzellen, sondern nur eine einzige Zelle.

Viele Menschen haben beispielsweise schon die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, eine frisch befruchtete Eizelle zu sein oder konnten sich in das Sperium einfühlen, das zu ihrer Befruchtung unterwegs ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Geschichte über den Pränatalforscher William R. Emerson, der vor einigen Jahrzehnten bei einer Innenerforschung ganz deutlich erlebt hat, wie sich die Eizelle, aus der er später entstanden ist, nach dem Eisprung rollend im Eileiter vorwärtsbewegte. Nach damaligem Wissensstand gab es kein Rollen in dieser Vorwärtsbewegung. Doch genauere Forschungen einige Jahre später bewiesen, was Emerson erlebt hatte. Offenbar, wenn es sich nicht um einen - recht unwahrscheinlichen - Zufall handelt, ist es ihm gelungen, das Gedächtnis seiner Eizelle wachzurufen, die die Form ihrer Bewegung abgespeichert hat.

Dennoch ist die Theorie, dass Zellen in der Lage sind, Gedächtnisinhalte zu speichern, sodass sie später abgerufen werden können, bisher in den empirischen Wissenschaften mangels Beweisen als Spekulation abgetan worden. Sogar die Erforschung des Wissensgedächtnisses im Gehirn ging davon aus, dass langlebige Erinnerungen nicht in darauf spezialisierten Gehirnzellen abgespeichert sind, sondern in den berühmten Synapsen, den Zwischenräumen zwischen einzelnen Neuronen, der mittels bioelektrischer Impulse überwunden wird. Degeneriert das synaptische Netzwerk, so wird der Gedächtnisinhalt vergessen.

Forschungen (im Online-Journal eLife publiziert) an Meeresschnecken haben nun ergeben, dass Nervenzellen tatsächlich in der Lage sind, Erinnerungen zu speichern, in diesem Fall, wieviele Synapsen sie bilden müssen. In dem Experiment wurden die Nervenzellen zuerst dazu gebracht, mehr Synapsen zu produzieren, und dann dazu, diese wieder zu reduzieren. Die Neuronen kamen nach der Stimulation und anschließenden Hemmung genau bei der gleichen Anzahl von Synapsen wieder an, wie sie anfangs spontan selber produziert hatten, obwohl auch neugebildete Synapsen bei den übriggebliebenen waren. Also musste die Nervenzelle wissen, wieviele Synapsen sie bilden sollte, sprich, sie musste über einen Begriff von Zahl verfügen. Jedenfalls kündigt sich damit ein neues Paradigma in der Gedächtnisforschung an, das die Theorie des Zellgedächtnisses empirisch bestätigt. Weiters hieße das, dass Erinnerungen nie wirklich verloren gehen, sondern dass wir den Zugang dazu durch mangelnde Nutzung verlieren können.

Das Forschungsergebnis ist insoferne überraschend, weil daraus hervorgeht, dass eine Nervenzelle weiß, wieviele Synapsen sie bilden soll, was nur geht, wenn es eine Art von Gedächtnis dafür gibt. In einem ähnlichen Experiment mit lebendigen Meeresschnecken, in dem die Forscher herausfanden, dass das Langzeitgedächtnis völlig gelöscht (gemessen an den zerstörten Synapsen) und dann mittels einem nur kleinen Erinnerungsreiz neugebildet werden kann, ergibt sich ebenfalls die Annahme, dass es Informationen gibt, die im Körper eines Neurons gespeichert war.

Der Forschungsleiter David Glanzman, ein Neurologe an der University of Califormia (L.A.) verglich die Synapsen mit den Fingern eines Konzertpianisten. Selbst wenn Chopin keine Finger mehr hätte, würde er noch immer wissen, wie er seine Sonaten spielen muss.

Unklar ist dabei noch immer, wie die Zellen wissen können, wo sie die Synapsen anbringen und wie stark sie sind — was zentrale Komponenten der Erinnerungsspeicherung sind. Die Forschungen lassen vermuten, dass die Synpasen nicht versteinern, wenn sie Gedächtnisinhalte aufzeichnen: Sie können allmählich verschwinden und sich neubilden, wie eine Erinnerung zunimmt und abnimmt.

Quelle: http://www.scientificamerican.com/article/could-memory-traces-exist-in-cell-bodies/

Freitag, 14. August 2015

Mitgefühl hat keine Grenzen

Die Informationen, die über die Medien auf uns hereinprasseln, sind zum größten
Teil negativ: Dort ist eine Bombe explodiert, da sind Flüchtlinge ertrunken, dort ist ein Krieg aufgeflammt, da werden Menschen unterdrückt und ausgebeutet, und die Zerstörung der Natur geht ohne Unterlass weiter.

Manche Leute sagen, dass es besser ist, die Medien zu ignorieren oder zu boykottieren, weil sie nur von Katastrophen und Schrecklichkeiten berichten und damit Ängste schüren und das innere Gleichgewicht stören. Was macht es für einen Sinn, sich den Grausamkeiten dieser Welt medial auszusetzen, wo doch nichts dagegen getan werden kann?

Es stimmt, dass der Medienkonsum unsere Ängste vermehren kann. Und es stimmt, dass es niemandem, am wenigsten uns selbst hilft, wenn wir unter Ängsten leiden. Doch ist es wohl ein Vogel-Strauß-Trugschluss zu meinen, dass die Ausblendung aller negativen Informationen die Ängste löst und uns zu einem ruhigeren Leben verhilft. Vielmehr stammen diese Ängste aus anderen Ursachen, und sie werden durch die Medien nur wachgerufen. Wenn es nicht die Medien sind, finden sich genügend andere Auslöser für unsere Ängste. Hätten wir das entsprechende Maß an Entspanntheit, könnten uns selbst die schlimmsten Katastrophen und Gräueltaten nicht in Angst versetzen. 

Deshalb liegt es in unserer Verantwortung, unsere Ängste in unserem Inneren zu lösen. Dann können wir der Welt und allem, was sie am Gutem, Schlechtem und Bösen hervorbringt, gelassen begegnen. Gelassen heißt nicht blind zu sein, sondern wach und bewusst. Es wird nichts an dem Schrecklichen verharmlost, nur bleibt die innere Reaktion ruhig, weil Außen und Innen nicht verwechselt werden.


Globale Schicksalsgemeinschaft


Es gibt noch einen anderen Grund, warum die Abstinenz von der Negativität der Welt kein wirklicher Ausweg ist. Selbst wenn wir unsere Ängste nicht zur Gänze aufgelöst haben, kann es nicht der Weisheit letzter Schluss sein, die Augen zu schließen und in die eigene kleine Welt abzutauchen. Schließlich sind wir eine Welt- und Menschengemeinschaft, unterwegs auf dem Planeten Erde im weiten Weltraum. Was sich darauf an irgendeinem Ort abspielt, betrifft uns in gewisser Weise immer auch selber. Wir können uns nicht abschotten und eine Inselgemeinschaft gründen, in der alles in Butter ist. Selbst wenn wir die medialen Kanäle verstopfen, die überall in unser Leben hineinragen, bleiben wir beeinflusst von dem, was sich tut auf der Welt, ob nah oder fern. 


Jede Grenze des Mitgefühls ist willkürlich


Manchmal ist es so offensichtlich wie die Flüchtlinge und Asylwerber, die das Elend ihrer Heimatländer zu uns tragen und uns vor Augen halten, manchmal wissen wir nicht einmal aus den Medien, dass irgendwo auf der Welt Kinder ausgebeutet werden oder Kranke ohne Beistand und Pflege sterben müssen. Gleich ob wir direkte Erfahrungen haben oder nichts davon wissen: Das Leid von einem Menschen hinterlässt Spuren in allen anderen. Wir spüren es nur deutlicher, wenn es einen Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung betrifft. Würden wir es genauso deutlich mit allen anderen Leidenden empfinden, könnten wir das gar nicht aushalten. Aber das heißt nicht, dass wir davon völlig unbeeindruckt sind. Die Auswirkungen auf uns sind nur so gering, dass wir sie nicht wahrnehmen, in Summe aber betreffen sie uns und unser Lebensgefühl sehr wohl.
Umgehen mit der Hilflosigkeit und Ohnmacht, mit dem Nichtübernehmen-Können von Verantwortung, weil unsere Macht begrenzt ist: in unserem immer begrenzten Rahmen Gutes tun und Nichtgutes vermeiden.

Menschliches Leid, in welcher Form auch immer und an welchem Ort auch immer, aktiviert unser Mitgefühl. Es steht uns nicht zu, uns einfach daraus zu stehlen. Unsere Verbundenheit darf nicht am Gartenzaun enden. Wo immer wir willkürlich eine Grenze für unser Mitgefühl einziehen (z.B. Mitgefühl ist nur angebracht, wenn es jemanden aus der eigenen Nation betrifft), verhärten und verschließen wir uns. Unser Denken soll unser Betroffensein ersticken: "Das geht uns nichts an, die gehören nicht zu uns."

Wir wollen uns in unserer Hilflosigkeit und Ohnmacht trösten und ablenken. Doch gehören diese Gefühle zu unserer Position im Ganzen. Wenn wir unsere Ohnmacht akzeptieren, statt sie wegzurationalisieren, zeigt sie auf unsere Macht. Wenn wir unsere Hilflosigkeit akzeptieren, erkennen wir, wo und wie wir helfen können.

Andererseits: Wir können auch nur unser Ausmaß an Mitgefühl leben, und das ist nicht unendlich, sodass es nie ausreicht für das unermessliche Leid, das auf der Welt besteht und tagtäglich von Neuem angerichtet wird. Wir haben eine begrenzte Kapazität an Tränen, die wir für all das Unglück vergießen können.


Mitgefühl und Verantwortung


Deshalb brauchen wir zweierlei:
Das Mitgefühl und die Klarheit über unsere Möglichkeiten und Verantwortung. Ohne Mitgefühl werden wir hart und urteilen überheblich über das Schicksal anderer Menschen: "Hätten sie doch das nicht getan, dann wären sie jetzt nicht in dieser Schwierigkeit." "Die sollen selber schauen, wie sie mit ihrer Katastrophe fertig werden." So grenzt sich der verhärtete Verstand ab von dem, was ihm Angst macht, und knebelt das Mitgefühl. 

Sind wir jedoch nur in der Weichheit des Mitgefühls, so drohen wir angesichts der Masse an Leid darin zu versinken. Soviele Tränen haben wir gar nicht, als es leidende Menschen gibt, und niemandem geht es besser, wenn wir sein Schicksal beklagen und bejammern. Mit der Klarheit über das, was wir tun können, wo wir Verantwortung tragen und wo unsere individuellen Grenzen liegen, können wir dem Mitgefühl zur Seite stehen und handlungsfähig bleiben. 

Ohne Mitgefühl bleiben wir blinde Egoisten und verfolgen nichts als den eigenen Vorteil, gleich was wir damit anrichten. Wenn sich jedoch das Mitgefühl mit der Handlungsfähigkeit verbindet, können wir unser Tun danach ausrichten, was zum Besten für uns und für die Leidenden ist. Wir überprüfen unser Handeln beständig an der Wirklichkeit, in der wir mit allen Menschen verknüpft sind. Deshalb hat jedes Tun einen Anteil daran, das Gute in der Welt zu vermehren oder zu vermindern. 
Das Mitgefühl macht uns darauf aufmerksam, dass es für diese Aufgabe kein Ende gibt. Es sagt uns jedoch nicht, dass wir die Verantwortung für das Aufheben des Leidens und die Heilung aller Verletzungen haben. Diese Weisheit müssen wir aus einer anderen Quelle schöpfen, aus der Klarheit unserer Vernunft. Sie sieht unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen im Übernehmen von aktiver Verantwortung.


Die Freiheit des Dienens


Es gibt noch eine weitere Ebene, die die Dualität von Mitgefühl und Vernunft überspannt. Von ihr aus betrachtet, sind alle Phänomene des menschlichen Lebens nichts als ein universeller Tanz, ein göttliches Spiel, ein kosmischer Witz, und das Unglück und Leiden der Menschen Teil der Vielfältigkeit des Lebens. Diese Einsicht gilt jedoch nur so lange, als sie frei ist von Zynismus. Wenn sie auf dem Mitgefühl ruht, dient sie dazu, uns der Freiheit von Anmaßung und Hilflosigkeit zu versichern, die uns die klarste Kraft und Orientierung für unser Handeln gibt. 

Denn unser Part in diesem Spiel besteht im Finden der richtigen Weise des Dienens für die Entwicklung vom Schlechteren zum Besseren. In dieser Haltung tun wir alles, was in unserer Macht liegt, und erkennen zugleich die Grenzen dieser Macht, wo die eigene Verantwortung angrenzt an die von anderen Menschen. Weder als Einzelpersonen noch als Gruppen können wir alle Höllen dieser Welt in Himmel verwandeln. Jedoch ist jedes Stückchen Himmel, das wir erschaffen können, ein unermesslicher Beitrag, der uns selber so beglückt, dass wir mit unserer Kraft diesen Weg weitergehen, frei von Druck und Überverantwortung.

Samstag, 1. August 2015

Die einfache Lehre statt Meinung als Wissen

Manche spirituelle Lehrer liefern mit ihren Einsichten in das Wesen des Menschseins
Quelle: http://www.hybridwing.com/illustration/guru-mascot/
gleich Erklärungen über die Kosmologie und die Ethik mit: Wie alles entstanden ist, wie das Bewusstsein das Sein hervorgebracht hat, was mit den Seelen vor und nach einem individuellen Leben passiert, wie das Gute und das Böse im Universum ausgeglichen wird, ob alles bestimmt und von vornherein festgelegt ist usw.

Solche Fragen interessieren viele Menschen, und sie erwarten von Lehrern, die von sich behaupten, in die Tiefe des Unerklärbaren vorgestoßen zu sein, dass sie auch zu diesen Fragen kompetente Antworten bieten können. Viele Lehrer sind auch der Meinung, dass sie über eine kompetente Ansicht zu diesen Fragen verfügen. Die Innenerfahrung, die sie zu einer radikalen Selbsterkenntnis geführt hat, kann zu der Überzeugung verleiten, jetzt über letztgültige Antworten auf kosmologische oder ethische Fragen zu verfügen, die sie selber schon lange beschäftigt haben. Jetzt, wo ihnen das Wesen der Dinge offenbar geworden ist und die Welt des Scheins und der Illusionen durchstoßen wurde, wird auch klar, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Zu vielen dieser Einsichten gibt es konkurrierende und widersprechende Erkenntnisse. Menschen finden aufgrund ihres Bildungsweges unterschiedliche Antworten zu solchen Themen. Deshalb unterscheiden sich auch spirituelle Lehrer hier voneinander: Die einen halten z.B. die Lehre von Präexistenzen und von der Seelenwanderung für ein zentrales Lehrstück, während andere nichts davon halten. Die einen nehmen an, dass alles aus Bewusstsein entstanden ist, die anderen kennen nicht einmal einen Unterschied zwischen Sein und Bewusstsein. Die einen sehen das Böse als Illusion und Schein, die anderen als Reinigungsaufgabe auf dem Seelenweg.

Es gibt keinen Konsens und es gibt keine übergeordnete Instanz, die hier über richtig und falsch entscheiden könnte. Es gilt nicht einmal die korrektive Funktion der Forschergemeinschaft, die in den Wissenschaften dafür sorgt, dass Wissen durch Nachprüfung und kritischen Diskurs abgesichert werden kann. Jeder kann auf diesem Feld also behaupten, was er/sie will.

Alles, was widersprüchlich ist, weil es dazu konkurrierende gleichwertige Ansichten gibt, gehört nicht in die spirituelle Lehre, sondern ist im besten Fall Gegenstand eines philosophischen Diskussion, im weniger guten Fall Resultat esoterischer Spekulation. Wie man spiritueller Lehrer nicht einfach dadurch wird, dass man sich als solcher bezeichnet, sondern durch einen tiefgreifenden Erfahrungs- und Lernprozess, ist man auch nicht Philosoph dadurch, dass man Meinungen über kosmologische Fragen formulieren kann. Auch die Philosophie muss gelernt und geübt werden. Sonst fällt es schwer, Argumente, die begrifflich formuliert werden und einem kritischen Diskurs standhalten können, von zusammenfantasierten, gechannelten, schlampig zusammengeflickten und schlecht recherchierten Meinungen zu unterscheiden.

Die griechischen Philosophen haben nicht umsonst den Unterschied zwischen Meinung und Wissen eingeführt, um auf diesen Sachverhalt aufmerksam zu machen. Meinung ist subjektives Für-Wahrhalten, Wissen ist intersubjektiv und objektiv zustandegekommene Erkenntnis, die grundsätzlich nie fertig und abgeschlossen sein kann, sondern in einem Prozess des Werdens und der Weiterentwicklung steht, in beständiger Rückkoppelung zu einer Expertengemeinschaft und zum gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Subjektive Meinung hat keine über das Subjekt hinausgehende Verbindlichkeit und Verantwortung.

So bin ich bei manchen spirituellen Lehrern und Lehren versucht zu sagen: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Wenn du einen anderen Leisten verwendest, erkläre dazu, dass es nicht deiner ist und du ihn deshalb nur unzureichend handhaben kannst. Lehre Spiritualität, wenn du spiritueller Lehrer bist; sprichst du über Themen, die ihren Ort in der Physik oder Philosophie haben, bring dazu dein ganzes erworbenes Wissen und die dazu gehörenden Kenntnisse ein, ohne zu diesen Themen deine spirituelle Autorität zu bemühen. Jeder kann zu allem und jedem Meinungen haben, schließlich gilt die Meinungsfreiheit als Grundrecht. Jedoch handelt es sich um Etikettenschwindel, mit der Autorität des Mystikers in Bereichen, die nicht zur Mystik gehören, Wahrheitsansprüche zu behaupten.

Der Leisten der spirituellen Lehre ist einfach und universell. Er lässt sich widerspruchsfrei formulieren und ist auf den suchenden Menschen abgestimmt: Was braucht es, damit die Freiheit vom Leiden erlangt werden kann? Was braucht es, damit Liebe und Mitmenschlichkeit zum vordringlichen Motiv wird? Was braucht es, um zum inneren Frieden zu gelangen?

Zur Beantwortung dieser Fragen braucht es keine Erkenntnisse über den Anfang der Welt, nicht einmal über den Anfang des Leidens oder des Bösen. Es braucht keine Einsichten in die Kosmologie oder Erkenntnistheorie.

Es genügt, den Menschen, die den Weg zur Befreiung suchen, diesen zu weisen. Dazu gehört es auch, ihnen klarzumachen, dass sie keine Antworten auf die Fragen nach Anfang und Ende, nach Sinn und Unsinn, nach Zufall und Bestimmtheit benötigen, um frei zu werden.

Die spirituelle Lehre hat ja gar nicht den Sinn, allgemeine Fragen zu beantworten. Sie dient dazu, Menschen bei ihrer Suche zu unterstützen. Sie ist deshalb, obwohl sie in ihrem Inhalt universell ist, auf die Individualität des Suchers abgestimmt. Jeder Sucher kann die Wahrheit nur in seiner eigenen Sprache verstehen, da jeder seinen eigenen Käfig mitbringt, zu dem es einen eigenen Schlüssel gibt. Wenn kosmologische Rätsel oder ethische Konflikte Teil des individuellen Käfigs sind, genügt ein Hinweis darauf, dass es auch zu diesen Fragen weiterführende Einsichten gibt, dass diese aber nicht für die mystische oder spirituelle Suche von Bedeutung sind.

Die mystische Lehre hat gar keine allgemeine Form. Sie erfüllt ihre Aufgabe, wenn die Botschaft beim Suchenden ankommt. Darum muss sie für jede Situation und für jeden Menschen neu formuliert werden. Die absolute Wahrheit verfügt über keine Versprachlichung, die überall angewendet und verstanden werden könnte. Sie muss sich ihre Versprachlichung stets aufs Neue suchen.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Angstkraft und Lebenskraft

Kraft ist nicht Kraft. Auf der psychischen Ebene ist es wichtig, zwischen zwei Formen der
Kraft zu unterscheiden. Manchmal fühlen wir uns kraftlos, weil uns alles zu viel ist oder weil uns die Motivation fehlt. Bei Kraft fühlen wir uns, wenn wir gefordert sind, wenn etwas von uns verlangt wird, und wir in den Funktionsmodus kommen, den wir wie einen Motor anwerfen, und der so lange Resultate produziert, bis er erschöpft ist. Er arbeitet also wie ein Akku, der Energie für Leistung zur Verfügung stellt, bis er erschöpft ist und neu aufgeladen werden muss. Es ist auch bekannt, dass Akkus eine begrenzte Lebensdauer haben, dass also jedes Entladen und Wieder-Aufladen an der Substanz des Gerätes zehrt, bis es irgendwann seinen Geist aufgibt.

Die techniklastige Metaphorik („Motor“, „Akku“) ist nicht zufällig eingeflossen. Wir sind zwar lebendige Wesen und keine Maschinen, aber wir sind in der Lage, uns selbst maschinenähnlich zu verhalten. Vielleicht sind wir nur deshalb auf die Idee von Maschinen gekommen, weil wir selber so funktionieren können. Wenn wir unseren lebendigen Organismus als Maschine „emulieren“, also so tun, als wären wir ein lebloses Ding, hat das einen Gewinn: Wir liefern gute Resultate, weil wir alles dafür einsetzen, dass wir fehlerfrei arbeiten. Es hat auch einen Nachteil: Wir handeln gegen unsere Natur und betreiben Raubbau an ihr (vielleicht auch kein Zufall, dass der Raubbau an der Natur im Großen mit dem Aufstieg der Maschinenwelt und der Funktionsgesellschaft, also mit dem materialistischen Bewusstsein begonnen hat).

Raubbau heißt, dass wir unsere Ressourcen plündern, statt sie nachhaltig zu verwalten. Der Funktionsmodus braucht unsere Energiereserven auf, ohne etwas zu ihrer Erneuerung und Regeneration beizutragen. Deshalb reagiert der Körper irgendwann mit Störungen, die im Extremfall zum Tod führen. Viele, wenn nicht alle unserer Zivilisationskrankheiten können in der Stressbelastung, die durch den Funktionsmodus entsteht, ihren Ursprung haben. Wenn etwa 80 Prozent der Menschen im Lauf des Lebens einmal mit Rückenschmerzen konfrontiert sind und wenn bei 80 Prozent von diesen Menschen keine organischen Störungen gefunden werden können, wird das Ausmaß des Raubbaues deutlich. Auch symbolisch steht ja der Rücken für alles, was wir uns aufladen und was uns überlastet. Für Österreich wurden die direkten und indirekten Kosten der Rückenprobleme mit 6 Milliarden EURO berechnet (Aus einem Vortrag bei den österreichischen Schmerztagen 2010).

Die gestörten Systeme unseres Körpers konsumieren dann noch zusätzliche Energie, z.B. die Muskeln, die bei einer Haltungsstörung im Rücken zusätzlich belastet werden und in Dauerspannung gehalten werden müssen. Als Folge erleben sich Menschen, die unter Beschwerden leiden, leicht erschöpft und kraftlos. Die Antriebsenergie, die sie brauchen, um weiter funktionieren zu können, ist schnell aufgebraucht. So kreist das Leben um Energieverbrauch und Wiederaufladung zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit, für mehr an Lebensqualität bleibt keine Kraft übrig.

Deshalb können wir diese Form der Kraft als Überlebenskraft bezeichnen. Sie dient unserer Überlebenssicherung und ist im Hintergrund von einer Angst gelenkt und gespeist. Wir erleben diese Angst als „Müssen“, als Zwang, der uns auferlegt ist. Die Arbeitsverhältnisse in unserer Gesellschaft übernehmen leicht diesen Charakter. Wir haben uns zwar in den meisten Fällen unseren Job ausgesucht und waren froh, ihn überhaupt zu kriegen, haben aber oft dann nach einiger Zeit bemerkt, welches Korsett wir uns damit aufgeladen haben. Abgesehen von den Notwendigkeiten, die geregelte Arbeitsabläufe erfordern und die darin münden, dass die Arbeitskräfte ihren Alltag (z.B. den Wach- und Schlafrhythmus) danach regeln müssen, berichten viele Menschen aus verschiedenen Berufen, dass die interne Arbeitsbelastung kontinuierlich steigt. Es wird immer mehr an Arbeitsleistung erwartet und verlangt. Auf der subjektiven Seite bedeutet das, dass immer mehr Stress entsteht und der Funktionsmodus immer stärker aktiviert werden muss. Der innere Sinn der Arbeit und ihr Charakter als Dienst an den Menschen geht dabei verloren, sodass auch das Gefühl der eigenen Autonomie verloren geht und nur mehr der Eindruck von Fremdbestimmung übrig bleibt.

Dass sich diese Frustrationen langsam, aber sicher zu Depressionen weiterentwickeln, ist nicht wirklich verwunderlich. Depression heißt, dass der Bezug zur eigenen und eigentlichen Lebenskraft verloren gegangen ist, weil nur mehr die Überlebenskraft zur Verfügung steht und zur Verfügung stehen muss. Was ist diese Lebenskraft? Sie ist die Energie, die das Fließen des Lebens aufrecht erhält und weiter wachsen lässt. Sie kennt nicht den Zyklus von Kraftaufbau, -verbrauch und –erschöpfung, sondern von Spannung und Entspannung. Die Lebenskraft spüren wir, wenn wir uns aus Freude und Lust bewegen, z.B. wenn wir tanzen oder lockeren Sport betreiben, aber auch, wenn wir uns kreativ betätigen und ganz in unserem Tun aufgehen. Es ist die Kraft, die einen Maler eine Nacht durchmalen lassen, der in diesem Klischeebild sein Kunstwerk fertigstellen will und erst dann zur Ruhe kommt. Der Verbrauch der Kraft endet in einem Zustand der Befriedigung und des Wohlbefindens, in den wir uns hinein entspannen können, bis sich wieder die aktivierenden Kräfte zum nächsten Zyklus melden. Der Entspannungszustand dient zur Regeneration, die dann endet, wenn wieder genug Reserven angesammelt sind, um nach der Orientierung nach außen wieder mehr mit dem Inneren in Verbindung zu treten.

Es ist dies auch ein Zyklus, der von einer von innen kommenden Motivation eingeleitet wird. Das Bewegende kommt also aus der Lebenskraft selber, nicht von außen durch etwas, was andere von uns wollen, erwarten oder fordern, oder aus einer verinnerlichten Stimme, die uns sagt, wir sollten besser immer das tun, was andere von uns wollen, erwarten oder fordern, wenn wir ein schlechtes Gewissen vermeiden wollen. Statt dessen ist die Motivation Teil des fließenden Lebens, das uns durchpulst und sich durch unsere Individualität Ausdruck verschafft. Diese Verbundenheit mit uns selber lässt uns offen und gleichzeitig kraftvoll durchs Leben gehen, weil es dieses Leben selbst ist, das uns trägt.

Den Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Kraft können wir darin finden, dass die eine mit Anspannung und Druck verbunden ist, während die andere aus der Entspannung kommt. Im einen Fall sind wir getrieben, im anderen getragen. Die eine Kraftquelle fällt weg, sobald wir den äußeren Druck los sind, die andere steht uns immer zur Verfügung.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Absichten, die unsere Orientierung stärken


Wir kennen auch Absichten, die uns helfen, bei der Verwirklichung unserer Ziele weiterzukommen. Oft beginnen solche Ziele mit Absichten, allerdings braucht es eine innere Entscheidung, damit wir vom bloßen Wünschen zu den konkreten Schritten der Umsetzung kommen. Eine solche Entscheidung wirkt wie ein Weg in die Zukunft hinein, der mit diesem Schritt gebahnt wird. Die Orientierung geht "nach vorne", sie richtet uns aus, und aus der Spannung zwischen dem, was wir jetzt in die Zukunft hinein wollen, entsteht Kraft und innere Klarheit. Wenn wir uns z.B. vornehmen, zugunsten unserer Gesundheit auf ein Abendessen zu verzichten, kann uns das helfen, trotz Versuchungen bei unserer Entscheidung zu verbleiben.

Bei solche Absichten können wohl auch Ängste des Egos mitspielen. Aber wir brauchen bei jedem kreativen Prozess auch die proaktiven Aspekte unseres Egos, das uns helfen muss, damit wir die Ideen und Visionen, die uns zufallen, auch in die Wirklichkeit hinein übersetzen können.


Wie uns Absichten am Weiterkommen hindern


Absichten steuern also unser Leben. Wir richten uns mit ihnen in die Zukunft hinein aus. Wir spannen einen Bogen, der  vom Jetzt dorthin reicht, was nach unserer Absicht sein soll. Wir gehen an den Badestrand, um uns im angenehm warmen Wasser abkühlen zu können. Wir kommen an den Strand, und es bläst ein heftiger Wind, der die Absicht zum Abkühlen zum Verschwinden bringt.

Wir können jetzt enttäuscht sein und über den Wind jammern, der uns die Badefreude nimmt. Aber natürlich leiden wir nicht am Wind, sondern an unserer Erwartung, die uns ein anderes Bild der Zukunft vorgezaubert hat, bevor wir aufgebrochen sind. Die Diskrepanz zwischen unserer Absicht und der danach eintretenden Realität lässt uns leiden. Hätten wir uns darauf eingestimmt, einfach Zeit am Strand zu verbringen, wie auch immer das Wetter gerade ist, wäre uns die Enttäuschung erspart geblieben. Die Zukunft offen lassen, heißt, sich von Absichten befreien.

Christian Sator weist in seinem Artikel auf den Unterschied von dualer und nondualer Wirklichkeitssicht hin. Absichten trennen uns von der Wirklichkeit, genauer gesagt, das Festhalten an ihnen. Sobald wir merken, dass sich die Wirklichkeit mit der Absicht überkreuzt, können wir die Absicht loslassen und uns auf die Wirklichkeit einlassen, dann kommen wir in ein nonduales Erleben des Fließens. Bleiben wir an unserer ursprünglichen Absicht hängen, sind wir in unserem Bewusstsein gespalten, also dual: Ein Teil ist am windigen Strand, ein anderer in der Vorstellung des windstillen, angenehm warmen Strandes.

Christian schreibt: "Jede Absicht hat ein Ziel, das in der Zukunft liegt, oder hat die Wurzel in einer Angst, die in der Vergangenheit liegt. Dadurch geht die volle Achtsamkeit für das Jetzt verloren. Wenn ich absichtsvoll handle, kann mir nur mehr das, was ich mir wünsche, Freude schenken. Ich schränke also die Möglichkeiten der freudebringenden Zukunft für mich radikal ein. Ich schaue mit einem Tunnelblick in die Zukunft, und kann mich nur mehr freuen, wenn sich dieser winzig kleine Ausschnitt der Wirklichkeit, den ich ersehne, erfüllt hat. Bringt die Zukunft etwas ganz Anderes, bin ich meist frustriert. ... Bin ich präsent und voll in der Gegenwart, ist jeder Augenblick einmalig, einzigartig und kostbar, auch dann, wenn aus der Sicht des Verstandes nichts Besonderes geschieht."

Überwinde ich also meinen Widerstand gegen die Wirklichkeit, so gibt es nichts mehr, was mich frustrieren kann. Umgekehrt kann ich jede Frustration, die ich erlebe, darauf zurückführen, dass ich gerade im Widerstand gegenüber der Wirklichkeit bin. Diese reflexive Einsicht kann es mir erleichtern, wieder in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu kommen und damit den gegenwärtigen Augenblick in seiner Einzigartigkeit wertschätzen: Oh, jetzt habe ich gerade aus dem Fließen der Erfahrung ausgeklinkt, und es wird Zeit, wieder zurückzukehren.

Wir werden schwerlich unsere Gewohnheit, Absichten zu bilden, abstellen können. Wenn wir etwas planen, verbinden wir damit immer gewisse kognitiv und emotional gefärbte innere Bilder. Wenn wir ein Buch kaufen, erwarten wir interessante Einsichten und erfüllte Lesezeiten. Aber wir können unsere Neigung, an unseren Absichten festzuhalten, erkennen und abschwächen. Bewusstheit bringt uns immer in die Gegenwart, und Bewusstheit mit Frustrationserfahrungen macht uns auf die Spaltung aufmerksam, die uns unterlaufen ist.

Absichtslosigkeit ist deshalb nicht ein absolutes Ziel, das wir erreichen müssen, um innerlich frei zu sein. Der Begriff erinnert uns vielmehr daran, dass wir unsere Vorstellungen und Ideen über die Zukunft immer wieder loslassen können. Denn unsere Absichten sind nur Luftblasen, die wir zerplatzen lassen können, sobald sie ihr kreatives Schillern verloren haben. Jede verschwundene Luftblase kann einer neuen Platz machen, und so bleibt unser Leben ein kreativer, aus sich heraus wachsender Prozess. Dazu ist es wichtig, dass wir den leeren Raum zwischen den Blasen bewusst wahrnehmen als den Einstieg in die eigentliche Quelle von allem. Die Freiheit von Absichten gehört zum Luxus des meditativen Lebens; die Kunst, Absichten klar zu erkennen, zu bewerten, zu Entscheidungen zu führen, und sie dann zum besten Zeitpunkt zu vergessen, ist Teil der alltäglichen Lebenskompetenz, an der wir immer wieder feilen müssen.


Zum Weiterlesen:
Absichtslosigkeit in der Therapie

Freitag, 26. Juni 2015

Spirituelle Kreissätze

Spirituelle Lehren verwenden häufig an zentralen Stellen sprachliche Gemeinplätze in der Form von Kreissätzen. Das Alltagsdenken mit seiner am Praktischen orientierten Logik kann damit nicht viel anfangen. Deshalb eignen sich solche Sätze für Kabarettnummern und bieten flapsigen intellektuellen Skeptikern Anlass für Pointen.

Ein Beispiel für einen spirituellen Sprachkreis: „Es geschieht alles so, wie es bestimmt ist = Es ist so bestimmt, wie es geschehen soll.“ Geschehen und Bestimmung ist eins, und beide bedingen sich wechselseitig. Was geschieht, ist bestimmt, was bestimmt ist, geschieht.

Damit ist kein Informationsgewinn verbunden, sondern es wird bestätigt, was schon bestätigt ist. Also ist die Nachricht redundant, es kommt nichts Neues damit rein. Wozu also das Brimborium, wozu der Heiligenschein um einen solchen Satz herum?

Der Sinn eines spirituellen Satzes liegt nicht im Übermitteln einer neuen Information, sondern im Vermitteln einer Haltung zum Leben. Der Satz zielt auf einen Meta-Sinn: Worum geht es im Leben? Wie verhalte ich mich zu dem, was geschieht?

Wenn alles, was geschieht, bestimmt ist, heißt das, es soll genauso sein, wie es geschieht. Es heißt, dass es gut so ist, wie es geschieht. Das ist also keine Aussage über die Fakten, es ist aber auch keine Aussage im Sinn einer ethischen Wertung. Denn auf der Ebene der Ethik können und müssen wir vieles nicht gutheißen, was geschieht. Im Gegenteil, wir sind aufgefordert, gegen Unrecht, Unmenschlichkeit, Misshandlungen und Gewalt zu protestieren und all das, soweit es in unserer Macht liegt, zu verhindern.

Allerdings gibt es eine Ebene, die jenseits der ethischen Einschätzung liegt, eben die spirituelle. Sie umfasst zwar die ethische Dimension ebenso wie die des pragmatischen Wirklichkeitsbezugs, geht aber darüber hinaus. Sie bringt den Menschen in seine innere Mitte, in seine Balance, indem sie die Möglichkeit anbietet,  dass wir das, was passiert, nicht in Frage stellen müssen, sondern so akzeptieren können, wie es eben kommt. Mit dieser Einstellung wird auch das Umgehen mit den anderen Ebenen gefördert.

Die bewertungsfreie Ebene ermöglicht, in Frieden zu kommen mit allem, was auf den anderen Ebenen nicht im Frieden ist. Ein häufiges Missverständnis besteht darin, dass dieses In-Frieden-Kommen mit dem Unfrieden als ein Sich-Abfinden, als eine resignative oder zynische Abkehr von der Welt aufgefasst wird. Dem Missverständnis unterliegen im Übrigen nicht nur Beobachter von außen, sondern manchmal auch die Akteure selbst. Denn die spirituellen Lehrsätze werden dann zu Leersätzen, wenn sie genau dafür verwendet werden, die eigene Überforderung oder Bequemlichkeit angesichts der friedlosen Umstände des Lebens zu rechtfertigen: Es ist ja alles gut so wie es ist, also brauche ich nichts tun und kann mich zurücklehnen.

Den Frieden finden mit dem, was nicht im Frieden ist, bedeutet, nicht gegen das anzukämpfen, was geschieht, sondern mit ihm mitzugehen und mitzuleben. Dann ist es am besten möglich, das Notwendige und Passende zu tun, wo etwas zu tun ist, und das Unnotwendige zu lassen. Es geht um die Haltung der Gelassenheit, aus der heraus das Handeln im richtigen Maß und in der optimalen Orientierung stattfinden kann. Gelassenheit hat nichts mit Gleichgültigkeit oder Passivität zu tun, sondern bildet den Hintergrund für Aktivitäten, die aus der entspannten Wachheit und Achtsamkeit für die Erfordernisse des Moments kommen.

Spirituelle Kreissätze machen also nur dann einen Sinn, wenn Sprecher und Empfänger in diesem Modus der Gelassenheit sind. Sie können auch als Verlockung dienen, in diesen Zustand zu kommen, wenn ihm jemand schon sehr nahe ist. Dann lassen solche Sätze ein Gefühl der Weite und Offenheit erahnen, das zum Verweilen und tieferen Erkunden einlädt. Sie dienen als Türöffner für eine Welt der inneren Freiheit, nach der wir immer wieder auf der Suche sind.

Die Sätze können auch als Hypothese ausprobiert werden: Wie fühlt sich das an, wenn ich annehme, dass alles, was geschieht, auch so bestimmt ist? Kann ich mich dabei tiefer entspannen oder regen sich Widerstände? Wenn letzteres der Fall ist, „ist es auch bestimmt, dass es so geschieht“, sprich ist es nicht weiter tragisch, und es heißt, dass ich mich auf einer anderen Bewusstseinsebene befinde. Merke ich, dass mich der Satz tiefer mit mir und der Wirklichkeit verbindet, hat er seine Wirkung getan.

Deshalb ist es wichtig, mit solchen Sätzen, auch wenn sie schon als hilfreich für sich selber erfahren wurden, nicht wahllos oder unbedacht um sich zu werfen. Wenn die Adressaten nicht auf der entsprechenden Wellenlänge sind, kann die spirituelle Lehre mehr Schaden als Nutzen anrichten. Aus der Lehre wird eine Belehrung, und Belehrungen haben üblicherweise nur eine Richtung: von oben nach unten. Niemand ist gerne unten.

Immer sollten wir uns auch daran erinnern, dass es in sprachlicher Form keine absoluten Wahrheiten geben kann. Alles, was wir haben, sind vorläufige Formulierungen, und diese machen nur Sinn, wenn sie an den jeweiligen Kontext, also an die Bewusstseinsebene der Empfänger, angepasst sind. Spirituelle Kreissätze sind trotz ihrer erhabenen Gravität, die sie für Eingeweihte ausstrahlen, auch nur relative, sprich scheiteranfällige Versuche, das Absolute zum Vorschein zu bringen. Diese Sätze brauchen also nicht den Anspruch auf Wahrheit zu erheben, sondern bieten sich als Dienstleister an, die wir wahlweise nutzen können.

Auch die Poesie nutzt diese Form der Redundanz: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, lautet der Refrain in Erich Frieds bekanntem Gedicht. Der Dichter verweist mit der scheinbar nichtssagenden Formulierung auf das Unaussagbare, also auf das Spirituelle. Er macht uns darauf aufmerksam, dass wir mittels Informationen die Mysterien nicht verstehen können, z.B. das Geheimnis, was die Liebe ist.

Vgl. Im Unfrieden in Frieden sein

Samstag, 20. Juni 2015

Ich weiß, was für dich gut ist

„Ich weiß besser, was für dich gut ist als du selber.“ Eltern gebrauchen diesen Satz ihren Kindern gegenüber. Er wird oft verbal geäußert, noch öfter aber implizit in Handlungen übersetzt, nach dem Muster: „Du machst es jetzt so, wie es sich gehört, was ich weiß und du nicht.“

Eltern wissen mehr als Kinder, das ist nun mal sonnenklar, und sie wollen nur ihr Bestes für ihre Kinder. Also müssen sie ihnen auf den Weg mitgeben, wie es richtig und wie es falsch gemacht wird im Leben.

Was sollen Kinder gegen diese Argumentation sagen? Schließlich sind sie vergleichsweise noch kurz auf der Welt und können bei vielen Themen nicht mitreden. Es fehlt ihnen an Wissen und Erfahrung. Deshalb übernehmen sie notgedrungen ungeprüft die Aussagen der Eltern.

Doch gibt es zweierlei Arten von Wissen, die hier eine Rolle spielen. Die eine Art von Wissen handelt von den Dingen und Umständen dieser Welt: Wenn die Ampel auf Rot steht, darf die Straße nicht überquert werden. In der Nacht wird es dunkel, weil die Sonne nicht mehr scheint. Zwei und zwei ergibt vier. Das wissen Kinder von Anfang an nicht, das müssen sie lernen, und da müssen sie sich denen anvertrauen, die es besser wissen.

Die andere Art von Wissen bezieht sich darauf, was ein gutes und ein richtiges Leben ist. Da schöpfen die Eltern aus ihrer Lebenserfahrung, die aber auf ihr Leben beschränkt ist. Ihre Kinder haben viel später, in einer anderen Zeit, mit ihrem Leben begonnen und sind mit gänzlich anderen Voraussetzungen gestartet – genetisch, innerpsychisch, sozial, politisch, ökologisch usw. Die Ähnlichkeiten, die wir an unseren Kindern erkennen, haben nichts damit zu tun, dass diese ganz neue Menschen sind, die in dieser Weise noch nie da waren. Und deshalb ist ihnen unsere Lebenserfahrung nur beschränkt von Nutzen. Sie können sie in ihre Lebensgestaltung als Möglichkeit hineinnehmen, müssen aber selber entscheiden, was ihnen daran nachahmenswert erscheint und was davon sie nicht brauchen können.

Wir haben also in Wirklichkeit überhaupt kein Wissen darüber, was für jemand anderen gut ist. Manchmal maßen wir uns ein solches Wissen an, stülpen dabei aber den anderen unsere Sicht der Welt über – aus Angst, dass wir selber leiden würden, wenn die Person nicht macht, was wir für sie als optimal bestimmen. Wir haben aus unserer Lebensperspektive heraus Erwartungen, und wollen nicht, dass sie von anderen enttäuscht werden, weil wir dann unsere Planungen ändern müssten.

Es sind vor allem die unbewussten elterlichen Erwartungen, die das Erziehungsverhalten steuern. Diese Erwartungen sind oft von den Frustrationen der Eltern gesteuert: Was sie selber in ihrem Leben erreichen wollten und nicht erreichen konnten, erwarten sie von ihren Kindern. Unbewusst erleben sie ihre Kinder aus Erweiterungen ihres Selbst, das mit deren Erfolgen wächst und mit den Misserfolgen schrumpft. Solche Eltern erzählen dann z.B.: „Auf die Mathematik-Schularbeit haben wir eine Zwei bekommen“, als hätten sie selber die Schularbeit geschrieben und als könnten sie den Erfolg aufs eigene Konto verbuchen. Im Fall des Misserfolgs leiden sie mit dem Kind, aber vor allem mit sich selbst, und machen dem Kind den Druck, die Leistung zu erbringen, weil es eigentlich um sie selber geht.

Solche Eltern können sich auch schwer von ihren Kindern lösen. Sie wollen zwar ihren Kindern eigene Fehler und Umwege ersparen, lassen sie aber nicht voll in ihr eigenes Leben. Denn sie können ja nur ein gutes Leben leben, wenn es nach den elterlichen Maßstäben gestrickt ist. Sie halten ihre Kinder damit in Abhängigkeit und bleiben ebenso von ihnen abhängig, es entsteht also eine wechselseitige Dependenz. Mit „bestem Wissen und Willen“ wird den Kindern ein eigenständiges Leben verweigert oder schwergemacht.

Sollen Kinder dagegen mündige und selbstbewusste Erwachsene werden, müssen wir sie in ihrer Eigenwahrnehmung stärken, sodass sie mehr und mehr für sich selber entscheiden können, was für sie gut ist und was nicht. Sie erwerben damit die Sicherheit mit ihrem inneren Sinn, sodass sie spüren können, in welche Richtung sie gehen wollen. Dieses Vertrauen in sich können sie nur entwickeln, wenn ihnen die Eltern vertrauen – bedingungslos, aber nicht blind.

„Keiner weiß besser, was ihm gut tut und für ihn notwendig ist, als der Betroffene selbst. Wir können einander also nicht beibringen, was für uns gut ist. Nicht mit noch so ausgeklügelten Techniken. Aber wir können einander dabei unterstützen, es selbst herauszufinden,“ schreibt der personzentrierte Psychotherapeut Peter F. Schmid.

Unmündigkeit in der Gesellschaft


Wir finden das Modell des Besserwissens in unserer Gesellschaft, und es ist da weit verbreitet, offenbar weil es auch in der Erziehung nach wie vor eine große Rolle spielt. Nehmen wir als Beispiel das Gesundheitssystem. Was eine gute Therapie für ein Leiden darstellt, wird von der etablierten Medizin bestimmt, möglichst, aber praktisch nur in seltenen Fällen, gestützt auf evidenzbasierte Medizin. Denn zur größten Zahl der Behandlungen gibt es nur Erfahrungswerte, aber keine empirische Daten. Jedenfalls bestimmt der medizinische Experte, was gut für den Patienten ist. Der Patient mit seinem eigenen Wissen über seinen Organismus und seine Persönlichkeit kommt dagegen nicht oder kaum zur Sprache. Das Gesundheitssystem weiß, was für seine Zugehörigen das Beste ist, auch wenn es nur statistische Daten oder herkömmliche Verfahrensweisen sind, die zur Verfügung stehen.

Es ist die Dritte-Person-Perspektive, die hier eingenommen wird: Es gibt ein objektives Wissen, dem gefolgt werden muss, damit das Heil erlangt wird. Die Person selber und ihr Wissen spielt keine Rolle und ist nicht gefragt. Sie wird behandelt wie ein unmündiges Kind, dessen unmündiger Status bewahrt werden soll. Das ist der Preis der Auslieferung an den Standard der Dritten-Person-Perspektive als einzig vertrauenswürdigen Quelle von sinnvollem Wissen: Die Irrelevanz des subjektiven Wissens und des inneren Sinns als Informationsquelle. Patienten, die ihre Befindlichkeit und ihr Wissen über sich selbst einbringen, stören und sind lästig, wie kleine Kinder, die zuviele Fragen stellen anstatt zu tun, was man ihnen sagt.

Der Aufruf an die Aufklärung, den Immanuel Kant im 18. Jahrhundert formuliert hat:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, müsste heute lauten: „Habe Mut, deinem inneren Sinn zu vertrauen.“ Zu diesem Mut gehört, aus dem Vertrauen selbstbestimmt zu handeln und im eigenen Leben beide Perspektiven zu verbinden: Das objektive Wissen, das die Wissenschaften liefern, und das subjektive Wissen, das der innere Sinn zur Verfügung stellt. Zu dem Mut gehört auch, anderen Menschen diesen Mut zuzumuten. Dann kommen wir unseren Kindern und auch allen Mitmenschen gegenüber nie mehr auf die Idee, besser als sie selber zu wissen, was für sie gut ist.

Vgl. Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft
Die Innenperspektive

Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Zumutung

"X hat das von mir verlangt - was für eine Zumutung!" So verwenden wir das Wort: Es wird uns etwas rübergeschoben, was wir als Überlastung empfinden. Der andere ist so egoistisch, denkt nur an sein Eigenes und nicht an uns, er nimmt keine Rücksicht, sondern will uns nur vor seinen Karren spannen. Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen.

Interessanterweise könnte in dem Wort eine weitere Bedeutung stecken: Jemand schreibt uns den Mut zu, dass wir das oder jenes machen oder nicht machen. Ich soll morgen früh um sechs aufstehen, weil du mit mir frühstücken willst? So eine Zumutung! Du hältst mich also für so mutig, sprich kraftvoll und entschlussfreudig, dass ich es schaffe, so früh aufzustehen. In der Zumutung steckt die Anerkennung von Qualitäten, derer ich mir selbst vielleicht gar nicht so bewusst bin.

Ich kann mir dann noch immer überlegen, ob ich diesen speziellen Mut, den mir der andere zuschreibt, aufbringen will; das ist ja letztlich noch immer meine eigene Entscheidung. Aber wenn ich die Zumutung im wörtlichen Kontext verstehe, entspanne ich mich leichter, und wenn ich mich entspanne, kann ich leichter in mich hineinhorchen und dem nachspüren, was ich wirklich selber will. Ich kann dann auch den Mut aufbringen, zum Wunsch der anderen Person Nein zu sagen, oder den Mut, meine Müdigkeit am Morgen zu überwinden.

Wenn wir anderen etwas zumuten, signalisieren wir, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen: Wir anerkennen sie als gleich mächtig wie wir selber. Wir vertrauen ihnen, dass sie das schaffen, was wir von ihnen möchten, weil wir sehen, wozu sie in der Lage sind. Wir fordern sie heraus, zu ihrer eigenen Kraft zu stehen und aus ihr heraus zu handeln. Wir glauben von ihnen, dass sie über ihren Schatten springen und ihre Komfortzone überschreiten können. 

Allerdings ist es wichtig, dass wir bei der Zumutung  die Grenzen der anderen Person achten und nicht blind auf unserer Erwartungshaltung beharren. Wenn wir anderen etwas zumuten, gehört dazu, dass wir uns selbst zumuten, eine Ablehnung der Zumutung auszuhalten und zu respektieren. Wir können den Blick der anderen auf ihre Möglichkeiten richten, aber es steht uns nicht zu, zu verlangen, dass sie danach handeln. Schließlich müssen sie unsere Sichtweise nicht teilen. Wir müssen uns also zumuten, unsere Zumutung zurückzuziehen, wenn sie bei der anderen Person auf Ablehnung stößt.

Andererseits brauchen wir auch nicht aus Höflichkeit oder vermeintlicher Anspruchslosigkeit auf jede Zumutung zu verzichten. Wenn wir von anderen Personen nichts verlangen, aus welchen Gründen auch immer, glauben wir, dass sie nicht in der Lage sind, sich innerlich zu dehnen und zu strecken und über sich und ihre Gewohnheiten hinauszuwachsen. Die Aufgabe von Lehrern ist es immer, an die weiteren Möglichkeiten, die in jedem Menschen stecken, zu appellieren. Da wir im täglichen Umgang miteinander immer auch Lehrer füreinander sind, trifft es auch dort zu, dass wir uns selber zumuten können, anderen mehr zuzumuten, als sie sich selber zutrauen. 

Mut ist der Gegenspieler der Angst, und wir schauen der Angst der anderen ins Auge, wenn wir eine Zumutung aussprechen. Dazu müssen wir oft selber über die Schwelle einer eigenen inneren Angst steigen. Doch wenn wir dem anderen signalisieren können, dass wir uns der Angst stellen, motivieren wir sie, sich nicht völlig ihren Ängsten auszuliefern. Dann wird aus der Zumutung eine Ermutigung und aus dieser eine Ermächtigung.

Die Zumutbarkeit der Wahrheit


Ein Beispiel für die Rolle der Zumutung kommt in dem berühmten Zitat von Ingeborg Bachmann zur Sprache: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Die Dichterin formuliert einen Anspruch, der aus dem Menschsein selbst hervorgeht: Die Wahrheit repräsentiert die Ganzheit des Menschseins und fordert die beständige Suche danach. Das Fragmentierte am Menschen ist das, was all die Probleme verursacht, unter denen die Menschen und die Menschheit leidet. Wird die Suche nach der Wahrheit nicht mehr zugemutet, wird also der Selbstverblendung kein Spiegel mehr vorgehalten, dann versinkt die Menschheit in der Dunkelheit, in der auch Spiegelbilder nicht mehr gesehen werden.

Hier folgt der Zusammenhang des Zitats aus einer Rede, in der Ingeborg Bachmann
auf die Aufgabe der Schriftsteller zu sprechen kommt: "Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar." (Aus: Dankrede bei der Entgegennahme des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" 1959)

An einer anderen Stelle schreibt sie:  "Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit. Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zuwege bringen: dass uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen." (Ingeborg Bachmann, Werke, IV, S. 276 [Über die Kunst])