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Freitag, 26. Juni 2015

Spirituelle Kreissätze

Spirituelle Lehren verwenden häufig an zentralen Stellen sprachliche Gemeinplätze in der Form von Kreissätzen. Das Alltagsdenken mit seiner am Praktischen orientierten Logik kann damit nicht viel anfangen. Deshalb eignen sich solche Sätze für Kabarettnummern und bieten flapsigen intellektuellen Skeptikern Anlass für Pointen.

Ein Beispiel für einen spirituellen Sprachkreis: „Es geschieht alles so, wie es bestimmt ist = Es ist so bestimmt, wie es geschehen soll.“ Geschehen und Bestimmung ist eins, und beide bedingen sich wechselseitig. Was geschieht, ist bestimmt, was bestimmt ist, geschieht.

Damit ist kein Informationsgewinn verbunden, sondern es wird bestätigt, was schon bestätigt ist. Also ist die Nachricht redundant, es kommt nichts Neues damit rein. Wozu also das Brimborium, wozu der Heiligenschein um einen solchen Satz herum?

Der Sinn eines spirituellen Satzes liegt nicht im Übermitteln einer neuen Information, sondern im Vermitteln einer Haltung zum Leben. Der Satz zielt auf einen Meta-Sinn: Worum geht es im Leben? Wie verhalte ich mich zu dem, was geschieht?

Wenn alles, was geschieht, bestimmt ist, heißt das, es soll genauso sein, wie es geschieht. Es heißt, dass es gut so ist, wie es geschieht. Das ist also keine Aussage über die Fakten, es ist aber auch keine Aussage im Sinn einer ethischen Wertung. Denn auf der Ebene der Ethik können und müssen wir vieles nicht gutheißen, was geschieht. Im Gegenteil, wir sind aufgefordert, gegen Unrecht, Unmenschlichkeit, Misshandlungen und Gewalt zu protestieren und all das, soweit es in unserer Macht liegt, zu verhindern.

Allerdings gibt es eine Ebene, die jenseits der ethischen Einschätzung liegt, eben die spirituelle. Sie umfasst zwar die ethische Dimension ebenso wie die des pragmatischen Wirklichkeitsbezugs, geht aber darüber hinaus. Sie bringt den Menschen in seine innere Mitte, in seine Balance, indem sie die Möglichkeit anbietet,  dass wir das, was passiert, nicht in Frage stellen müssen, sondern so akzeptieren können, wie es eben kommt. Mit dieser Einstellung wird auch das Umgehen mit den anderen Ebenen gefördert.

Die bewertungsfreie Ebene ermöglicht, in Frieden zu kommen mit allem, was auf den anderen Ebenen nicht im Frieden ist. Ein häufiges Missverständnis besteht darin, dass dieses In-Frieden-Kommen mit dem Unfrieden als ein Sich-Abfinden, als eine resignative oder zynische Abkehr von der Welt aufgefasst wird. Dem Missverständnis unterliegen im Übrigen nicht nur Beobachter von außen, sondern manchmal auch die Akteure selbst. Denn die spirituellen Lehrsätze werden dann zu Leersätzen, wenn sie genau dafür verwendet werden, die eigene Überforderung oder Bequemlichkeit angesichts der friedlosen Umstände des Lebens zu rechtfertigen: Es ist ja alles gut so wie es ist, also brauche ich nichts tun und kann mich zurücklehnen.

Den Frieden finden mit dem, was nicht im Frieden ist, bedeutet, nicht gegen das anzukämpfen, was geschieht, sondern mit ihm mitzugehen und mitzuleben. Dann ist es am besten möglich, das Notwendige und Passende zu tun, wo etwas zu tun ist, und das Unnotwendige zu lassen. Es geht um die Haltung der Gelassenheit, aus der heraus das Handeln im richtigen Maß und in der optimalen Orientierung stattfinden kann. Gelassenheit hat nichts mit Gleichgültigkeit oder Passivität zu tun, sondern bildet den Hintergrund für Aktivitäten, die aus der entspannten Wachheit und Achtsamkeit für die Erfordernisse des Moments kommen.

Spirituelle Kreissätze machen also nur dann einen Sinn, wenn Sprecher und Empfänger in diesem Modus der Gelassenheit sind. Sie können auch als Verlockung dienen, in diesen Zustand zu kommen, wenn ihm jemand schon sehr nahe ist. Dann lassen solche Sätze ein Gefühl der Weite und Offenheit erahnen, das zum Verweilen und tieferen Erkunden einlädt. Sie dienen als Türöffner für eine Welt der inneren Freiheit, nach der wir immer wieder auf der Suche sind.

Die Sätze können auch als Hypothese ausprobiert werden: Wie fühlt sich das an, wenn ich annehme, dass alles, was geschieht, auch so bestimmt ist? Kann ich mich dabei tiefer entspannen oder regen sich Widerstände? Wenn letzteres der Fall ist, „ist es auch bestimmt, dass es so geschieht“, sprich ist es nicht weiter tragisch, und es heißt, dass ich mich auf einer anderen Bewusstseinsebene befinde. Merke ich, dass mich der Satz tiefer mit mir und der Wirklichkeit verbindet, hat er seine Wirkung getan.

Deshalb ist es wichtig, mit solchen Sätzen, auch wenn sie schon als hilfreich für sich selber erfahren wurden, nicht wahllos oder unbedacht um sich zu werfen. Wenn die Adressaten nicht auf der entsprechenden Wellenlänge sind, kann die spirituelle Lehre mehr Schaden als Nutzen anrichten. Aus der Lehre wird eine Belehrung, und Belehrungen haben üblicherweise nur eine Richtung: von oben nach unten. Niemand ist gerne unten.

Immer sollten wir uns auch daran erinnern, dass es in sprachlicher Form keine absoluten Wahrheiten geben kann. Alles, was wir haben, sind vorläufige Formulierungen, und diese machen nur Sinn, wenn sie an den jeweiligen Kontext, also an die Bewusstseinsebene der Empfänger, angepasst sind. Spirituelle Kreissätze sind trotz ihrer erhabenen Gravität, die sie für Eingeweihte ausstrahlen, auch nur relative, sprich scheiteranfällige Versuche, das Absolute zum Vorschein zu bringen. Diese Sätze brauchen also nicht den Anspruch auf Wahrheit zu erheben, sondern bieten sich als Dienstleister an, die wir wahlweise nutzen können.

Auch die Poesie nutzt diese Form der Redundanz: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, lautet der Refrain in Erich Frieds bekanntem Gedicht. Der Dichter verweist mit der scheinbar nichtssagenden Formulierung auf das Unaussagbare, also auf das Spirituelle. Er macht uns darauf aufmerksam, dass wir mittels Informationen die Mysterien nicht verstehen können, z.B. das Geheimnis, was die Liebe ist.

Vgl. Im Unfrieden in Frieden sein

Sonntag, 16. Februar 2014

Friede ist nicht das Gegenteil des Krieges

Friede ist immer da, ob jetzt alles ruhig ist oder ob Kriege toben. Unfriede ist, wenn wir den Frieden nicht wahrnehmen können. Weil wir so wenig Zugang zu dem Frieden in uns haben, leben wir immer noch mit der Realität des Unfriedens. Das Leben ist nicht aus einem „Daseinskampf“ entstanden, sondern aus seiner inneren Kreativität, die es ihm ermöglicht hat, trotz Zerstörungen und Vernichtungen weiter zu wachsen.

Als Immanuel Kant seine Schrift vom Ewigen Frieden veröffentlichte, hatte er wohl eine Verfasstheit des Gemeinwesens und der Weltgesellschaft im Auge, in der Kriege ein für alle Mal unterbunden werden können, mit dem utopischen Ziel, Bedingungen für eine Ordnung zu entwerfen, innerhalb derer keine Kriege stattfinden können. In dieser Tradition habe ich auch in meinem Buch die Etablierung einer Weltregierung mit Gewaltmonopol als Bedingung der Möglichkeit für die Verunmöglichung von Kriegen vorgeschlagen und eingefordert.

Eine erweiterte Sichtweise auf dieses Thema, die uns vor allem auf der Ebene des holistischen Bewusstseins zugänglich wird, beruht darauf, dass der Friede primär eine innere Verfasstheit ist, die wir kultivieren können, gleich wie die äußeren Bedingungen gerade beschaffen sind.

Wir müssen den inneren Frieden einüben, weil er vielen Gewohnheiten widerspricht, die uns vertraut sind und unser Leben regieren, Verhaltens-, Gefühls- und Denkgewohnheiten. Die Übung gelingt leichter, wenn wir nicht mitten im Getümmel sind. Wir müssen erst die Zugänge öffnen, die uns zu dieser Erfahrung des inneren Friedens führen, sodass wir dann wahrnehmen können, dass Kriege immer nur an einer Oberfläche stattfinden.

Dennoch: Kriege sind uns vertraut: in Form von Beziehungsstreitigkeiten und als Kämpfe in uns selber – damit findet fortwährend das Einüben in die Gewaltbereitschaft statt. So lernen wir, das Gewaltsame für selbstverständlich zu nehmen, und so verlernen wir, den Frieden als die Grundlage des Lebens zu erkennen. Wir halten eine latente Kampfbereitschaft und Kriegserwartung in uns aufrecht, und schon zählen wir zu denen, die schnell bereit wären, hinzugehen, wenn Krieg ist. Deshalb finden sich immer wieder Menschen, die hingehen, wenn Krieg ist.

Natürlich haben die großen Kriege komplexe politische und soziale Hintergründe. Aber diese Bedingungen münden nur dann in Kriege, wenn zu wenig Menschen da sind (oder an der Macht sind), die um die Möglichkeiten des Friedens Bescheid wissen, und wenn genügend gewaltbereite Menschen bereitstehen, die Brandreden halten, Leute aufhetzen, Waffen produzieren und verteilen und schließlich die Armeen in Marsch setzen.

Natürlich trägt die Einsicht in die innere Kraft des Friedens unmittelbar nichts dazu bei, dass die Kriege, die an den Konfliktherden dieser Erde toben, endlich zu Ende kommen. Dazu braucht es die Auflösung der politischen und sozialen Spannungen und die Herstellung von mehr Gleichheit unter den Menschen in Bezug auf ihre Lebenschancen.

Weil wir so an die Existenz von Kriegen gewohnt sind, belächeln wir gerne die Friedensoptimisten und zeihen sie der Naivität. Nur, wer die Komplexität der Verhältnisse nicht durchschaut und die Menschen nicht kennt, käme auf solche Ideen. Doch denk ich, dass dieser Vorwurf aus der Perspektive einer deformierten anthropologischen Sichtweise stammt. Der Mensch wird reduziert auf eine Aggressionsmaschine. Die Notfallprogramme, über die wir als Menschen verfügen, werden mit unserem Wesen gleichgesetzt. „Eigentlich“ wären wir auf Aggression und Gewaltausübung eingestellt, doch haben uns Gesellschaft und Kultur mit aller Mühe (und Gewalt!) dazu gebracht, unsere zerstörerischen Impulse zu zähmen und uns brav den Regeln des Zusammenlebens unterzuordnen. Kaum würden diese Regeln aufgehoben, käme sogleich wieder die Bestie Mensch zum Vorschein, die mit aller Lust, alles niedermacht, was sich ihr entgegenstellt. So denken die Friedenspessimisten.

Für unser Überleben als Menschheit haben wir beides benötigt: Die Friedensbereitschaft und die Kriegsbereitschaft. Für diese Zwecke sind wir auf der Ebene des vegetativen Nervensystems mit vagalen und mit sympathischen Systemen ausgestattet, dafür haben wir ein präfrontales Großhirn mit seiner Empathiefähigkeit und die Muskelkraft fürs Kämpfen.

Doch haben wir inzwischen eine Welt erschaffen mit einem so großen Maß an Sicherheit des Überlebens, dass wir die individuelle Gewaltbereitschaft weit herunterfahren und in den Hintergrund verlegen können. Das bedarf der Übung und des Umlernens, der Reprogrammierung. Was wir in der Psychotherapie, in Selbsterfahrungsgruppen, Entspannungstrainings und Meditation üben, ist die Fähigkeit, unsere Angstprogramme, die uns in Gewaltbereitschaft versetzen, zu entwaffnen. Dabei führt kein Weg daran herum, dass wir auch unsere aggressiven Impulse kennenlernen, um sie in ihrer Destruktivität verstehen zu können.

Ohne dieses Üben, das Mut, Konsequenz und Disziplin verlangt, wird es auch nicht gehen, dass die großen und kleinen Kriege vom Antlitz dieser Erde getilgt werden. Und jeder Schritt des Trainings in Gewaltfreiheit lohnt sich, weil er uns selber und den Menschen um uns herum das Vertrauen in den Frieden und seine Kraft wiedergewinnen lässt.

Für diese Aufgabe kann uns bestärken, wenn wir immer wieder in die Bereiche in uns vorstoßen, in denen der ewige Friede herrscht, bis er uns so vertraut ist, dass es dazu keine Alternative mehr gibt.



Vgl. Im Unfrieden im Frieden sein
Vgl. Friede und Aktivität

Montag, 20. Januar 2014

"Alles ist bestimmt"

"Alles ist bestimmt", so lautet ein Satz, den spirituelle Lehrer, vor allem aus der Advaita-Tradition, gerne verwenden. "Alles ist gut so, wie es ist, und alles muss so geschehen, wie es geschieht, weil es so vorgesehen ist."

Was hat dieser Satz, über eine Tautologie hinaus, zu sagen? Wenn alles so sein muss, wie es ist, so heißt das, dass es nicht anders sein kann, was ja, nachträglich betrachtet, immer stimmt, und deshalb ein leerer Satz ist. Die Sonne geht auf, weil es so bestimmt ist. Was sagt das mehr aus, als wenn wir bloß feststellen, dass die Sonne aufgeht?

Erst wenn wir uns am Lauf der Dinge stoßen, wenn wir aus irgendeinem Grund nicht wollen, dass die Sonne aufgeht, z.B. weil wir als Vampir noch zu weit von unserer Ruhestätte entfernt sind, oder weil wir mit dem Morgengrauen aufstehen müssen und noch lieber im Bett blieben, erst dann mahnt uns der Satz, dass wir gegen bestimmte Abläufe in der Wirklichkeit keine Chance haben.

Es ist unser Ego, das mit dem Satz besänftigt werden kann. Es will die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten, es will ihr seinen Willen überstülpen. Es leidet darunter, wenn uns etwas Unvorhergesehenes oder Schicksalhaftes trifft. Dann braucht es einen Trost und eine Hilfe, um sich mit dem Unabwendbaren zu versöhnen.

Die Wirklichkeit macht, was sie will, ohne uns zu fragen. Unsere Einflusssphäre ist winzig klein im Vergleich zu dem, was völlig unserer Kontrolle entzogen ist. Das Wetter entwickelt sich unabhängig von meinen Ausflugsplänen, die Regierung beschließt Gesetze, die mir nicht sinnvoll und gerecht erscheinen, auf der Welt werden Kriege geführt, obwohl ich das schrecklich finde, Menschen (und wir selber auch) werden krank, auch wenn es besser wäre, gesund zu bleiben, und allzu viele haben zu wenig zu essen, wie sehr ich das auch bedauere.

Spiritueller Zynismus


Ist es angesichts des mannigfaltigen Leides auf der Welt, angesichts des elementaren Mangels, in dem die meisten Menschen auf dieser Erde leben, nicht zynisch zu sagen, dass alles so bestimmt ist, wie es ist, dass eben die Armen arm und die Reichen reich sind, dass die einen am Zuviel-Essen und die anderen am Zuwenig-Essen sterben?

Es ist auch bestimmt, dass wir es zynisch finden, wenn wir es zynisch finden, dass jemand angesichts von Katastrophen und elendiglichen Lebensumstände davon redet, dass alles so bestimmt sei. Und bestimmt ist auch, dass wir uns dafür einsetzen (wenn wir das tun), dass sich die Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf der Welt verringern. Es ist bestimmt, dass wir über ein Gewissen verfügen, das uns daran erinnert, dass unsere eigenen Handlungen Auswirkungen auf das Wohlergehen anderer haben, und dass wir Verantwortung nicht nur für unser eigenes Leben, sondern darüber hinaus noch für die gesamte Welt haben - mit unserem vergleichsweise winzigen Anteil, der aber auch der einzige ist, über den wir verfügen können.

Kritik an der Wirklichkeit


Das, was ist ("weil es dazu bestimmt wurde, so zu sein"), ist nicht verdammt dazu, so zu bleiben, wie es jetzt gerade ist. Es gilt, das, was in unseren Kräften steht, zu mobilisieren, Änderungen der Wirklichkeit in Gang zu bringen, in eine Richtung, die uns als besser und menschenwürdiger erscheint. Deshalb ist es wichtig, an dieser Wirklichkeit immer wieder Kritik zu üben, indem wir sie an den Standards eines evolvierten und evolvierenden Bewusstseins messen. Und deshalb ist es wichtig, die kreative Fantasie zu entwickeln, die es braucht, um neue Kräfte ins Spiel zu bringen, die verkehrten und verfahrenen Situationen dieser Wirklichkeit aus ihren Verengungen herauszuführen. Auch dann sind wir in Übereinstimmung mit dem, was gerade ist.

Insofern lässt uns das Wort von der Bestimmtheit nicht einfach in Frieden, fast scheint es, als wären wir von ihm eingesponnen wie von einem Spinnennetz. Wir brauchen uns allerdings nicht permanent auf seine reflexive Spitzfindigkeit einlassen. Es genügt, wenn wir die Gedankenoperation an Schlüsselpunkten unseres Lebens aktivieren und uns ins Bewusstsein rufen, dann eben, wenn uns das Schicksal aus der Bahn zu werfen droht.

Gibt es Bestimmer der Bestimmung?


Wer bestimmt, was bestimmt ist? Wir müssen für die Instanz, die die Geschicke der Dinge lenkt, nicht unbedingt ein göttliches Wesen annehmen. Sollte dieses für nichts anderes gut sein als für ein monotones tautologisches Geschäft, gewissermaßen für eine permanente affirmative Verdoppelung dessen, was gerade abläuft? Wie ein alter Herr, der hinter den Geschehnissen nachläuft und dabei dauernd kundtut: "Genau so wollte ich es, genau so habe ich es bestimmt." Wir brauchen auch keine Idee der Vorherbestimmtheit, der Prädetermination, die Idee einer gigantischen Intelligenz, die alle Vorgänge des Weltgeschehens von seinen Anfängen bis in alle Zukunft vorausgeplant hat. Das sind nur Gedankenspielereien, die dem Satz von der So-Bestimmtheit all dessen, was ist, eine besondere Mächtigkeit und gravitätische Würde verleihen sollen, die er in seiner Einfachheit und für seine Wirksamkeit gar nicht braucht.

Wir können vielmehr vom einfacheren Ausgangspunkt starten, dass die Wirklichkeit, so wie sie wirkt, die Ereignisfolgen bestimmt, in unserem Inneren wie in der kleinen und der großen weiten Welt um uns herum. Das, was ist und wird, ist und wird die Wirklichkeit, die nicht anders sein kann, als sie ist. Das erleben wir im Grund auch so, im Wach- wie im Schlafzustand, und in vielen Momenten des Lebens - außer eben, es kommt etwas Heftiges in uns hoch, das sich zwischen uns selbst und diese Wirklichkeit drängt, wodurch wir uns vom Dahinfließen dieses Lebens abkoppeln, weil wir ihm unsere Zustimmung versagen. Wann immer wir das tun, tun wir das nicht freiwillig, sondern es unterläuft uns, weil uns unsere eigene Agenda dazwischenkommt, das, was wir aus unserer Selbstvollkommenheit als passend vorgesehen hatten und weil wir in diesem Moment gerade nicht Kraft und Bewusstheit aufbringen können, die es brauchen würde, zu akzeptieren, was ist.

Vielmehr bleiben wir in der Kurzsichtigkeit stecken, die uns nur sehen lässt, dass etwas quertreibt, ohne uns um Erlaubnis zu fragen. Um uns wieder einzukriegen, sagt uns dann jemand oder etwas in uns: "Es war eben genau so bestimmt, was geschehen ist, es sollte genau so geschehen." Dann können wir aufwachen und wieder den Einklang mit der Wirklichkeit und ihren Abläufen suchen.

Ich kann eine kleine Erfahrung zu dieser Wirkung beisteuern. Nachdem ich den obigen Text am Flughafen vor dem Boarding geschrieben und korrigiert habe, habe ich mich während des folgenden interkontinentalen Nachtfluges mehrfach daran erinnert – wenn mich etwas in der Umgebung gestört hat oder kein Schlaf kommen wollte oder die Knochen zu schmerzen begannen. Der Satz: „Alles ist bestimmt so“ ist gekommen, und schon war Frieden im Inneren. Und irgendwann wusste ich dann nicht mehr, wo die Stunden hingekommen waren, als ich kurz vor der Landung auf die Uhr schaute.

Beziehungsunterbrechung mit der Wirklichkeit


Woran wir leiden, sind ja nicht die einzelnen Prozesse, die die Wirklichkeit ausmachen, sondern unsere Einschätzung dieser Prozesse. Unsere inneren Bewertungsvorgänge entscheiden, ob uns die Vorgänge um und in uns gefallen oder gegen den Strich gehen, ob sie uns erfreuen, wie beim Gewinnen eines Wettspiels, oder uns in unseren Grundfesten erschüttern, wie beim überraschenden Tod einer nahestehenden Person. Wir haben uns die Welt so oder so in unserem Kopf eingerichtet, und sie hat so zu sein und sich so zu verhalten, wie es diesem Szenario in uns entspricht; im besten Fall sollten sie unsere „kühnsten Träume“ noch übertreffen. Sobald aber die Entwicklung gegen unsere Pläne verläuft, wird unsere Beziehung zur Wirklichkeit unterbrochen.

Niemand außer uns selbst kann diese Unterbrechung reparieren. Wir müssen uns klarmachen, dass es in unserer Verantwortung lag, den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren, auch wenn es nicht unsere Absicht war. Wir müssen aufhören, andere oder die Wirklichkeit als Ganze dafür verantwortlich zu machen, weil wir damit jeden Einfluss auf unser eigenes Wohlbefinden abgeben und uns davon abhängig machen, dass die Wirklichkeit zufällig irgendwann wieder mit unseren Vorstellungen in Einklang kommt.

"Es ist alles bestimmt, wie es kommt", der Satz erinnert uns wieder daran, dass die Wirklichkeit darauf wartet, dass wir wieder mit ihr mitgehen, statt trotzig unseren eigenen Weg einzufordern. Wir können in jedem Moment die innige Beziehung mit dem Leben, das wir sind und das durch uns fließt, wieder aufnehmen und damit genau die Bestimmung leben, die uns bestimmt ist.

Sein und Sollen


“Alles soll so sein, wie es ist.” Ein Missverständnis gibt es noch zu klären. Wie oben schon gesagt: Das „Sollen“ bedeutet hier nicht, dass alles, was ist, in einem ethischen Sinn auch gut ist, dass es also einem ethischen Sollen entspricht. Es heißt vielmehr, dass die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, der Zusammenklang von Welt und Selbst etwas Gutes ist, weil wir dadurch zu innerem Frieden und Klarheit kommen, und weil es Leiden schafft, wenn beides auseinander fällt.

„Alles soll so sein, wie es ist“, will also heißen: „Mit allem, was geschieht, sollst du übereinstimmen, mit allem sollst du sein. Du sollst aber nicht allem zustimmen, was ist und geschieht und du musst nicht alles davon als gut einschätzen.“