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Freitag, 11. Juli 2025

Ich weiß besser als du, was für dich gut ist

Bei dem Satz: „Ich weiß besser als du, was für dich gut ist“ handelt es sich um eine subtile Variante der Formel, mit Bösem Gutes schaffen zu wollen. Das Böse ist in diesem Satz nicht aufs Erste sichtbar, scheint er doch von wohlmeinender Fürsorge auszugehen: „Da ich es gut mit dir meine, muss ich dir sagen, was für dich gut und was schlecht ist.“ Allerdings findet eine Grenzüberschreitung statt, die nicht aus der Liebe sondern aus einem Machtanspruch kommt: „Ich weiß besser über dein Innenleben Bescheid als du selbst. Deshalb kann ich bestimmen, wie du dein Leben leben sollst.“

Es handelt sich also um Bevormundungen, wenn dieser Satz fällt. Sie erscheinen in der Regel wohlgesonnen – sie meinen es gut mit der angesprochenen Person. Doch kommen sie schlecht an, weil sie verletzende Abwertungen enthalten, vor allem die Unterstellung, selbst nicht zu wissen, was hilfreich und gut für das eigene Leben ist, und keine Verantwortung übernehmen zu können. Sie stammen aus einer überheblichen Position, aus der wie bei einer Entmündigung mit dem Innenleben des Kindes umgegangen wird. 

Die Unterscheidung zwischen innen und außen

Eltern wissen natürlich in vielerlei Hinsicht besser als die Kinder, was für sie gut ist. Sie haben ein weitgespanntes Wissen über die Funktionsweise in der äußeren Erwachsenenwelt, das sich die Kinder schrittweise aneignen. Es ist besser für das Kind, wenn es nicht auf die Straße läuft, obwohl es den Impuls dazu hat. Es ist gesünder, nur wenig Süßigkeiten zu essen, obwohl ihm das schmeckt. 

Wichtig ist die Unterscheidung, was die Außenwelt und was die Innenwelt anbetrifft. Denn manche Eltern neigen dazu, ihr überlegenes Wissen bezüglich der äußeren Welt auf die Innenwelt des Kindes zu übertragen, also auf die Gefühle, Bedürfnisse und Interessen des Kindes. Dort kommt es zu Grenzüberschreitungen, die auf das Kind herablassend und entmündigend wirken. Sie melden Herrschaftsansprüche über das Innere des Kindes an und berauben es eines Teiles seiner Innenwelt. Selbst wenn Eltern ihre Kinder besser kennen als alle anderen Menschen, verfügen sie nie über sicheres Wissen über deren Innenleben so, wie sie ein angemessen sicheres Wissen über die Außenwelt haben können. Sie geben vor, die Experten für das Innenleben des Kindes zu sein und maßen sich die Deutungshoheit über die Seele des Kindes an. Damit nehmen sie dem Kind ein Stück seines Selbstbezuges weg, seines inneren Sinnes, der ihm sagt, was gut ist und was nicht. An die Stelle des Selbstbezuges tritt eine Beziehung zwischen einer verinnerlichten Elterninstanz und den eigenen Bedürfnissen und Strebungen. 

Folge von narzisstischen Kränkungen

Solche unbewusst wirkende Tendenzen der Eltern, die Innenwelt ihres Kindes umzudeuten und in Besitz zu nehmen, stammen aus narzisstischen Prägungen. Es sind Tendenzen zur Erweiterung des eigenen Selbst in das Selbst des Kindes hinein, dem damit ein Stück seiner Innerlichkeit weggenommen wird. Statt des Eigenen wird Fremdes eingepflanzt. Solche narzisstischen Übergriffe unterlaufen Eltern, deren Selbstbezug durch Manipulationen und andere Grenzüberschreitungen in der Kindheit geschwächt wurde. Der Mangel an Selbstgefühl, der daraus folgt, führt dann dazu, sich den Mangel an Selbstgefühl von den eigenen Kindern zurückzuholen. Auf diese Weise setzen sich die narzisstischen Muster von einer Generation zur nächsten fort. 

Eine Form dieser Übergriffe besteht darin, dass etwa die Eltern ihren Nachkommen eine Berufswahl aufdrängen wollen, weil sie ja besser wüssten, was für sie geeignet wäre. Der Nachkomme, der sich danach richtet, weil er gelernt hat, das eigene Für-richtig-Halten geringzuschätzen, ergreift dann den Wunschberuf der Eltern und fühlt sich unglücklich damit oder führt ihn schlecht aus. Es kann sein, dass sich irgendwann später das verdrängte Innere meldet und auf einen Berufswechsel drängt. Dann ist ein Teil der eigenen Innerlichkeit wieder zurückgewonnen.

Respekt für die Innenwelt 

Eltern, die die Innenwelt ihrer Kinder ernst nehmen und respektieren, helfen ihnen, ein gutes Fundament für eigene Willensentscheidungen und Lebensorientierungen zu bilden. Das Kind braucht die Sicherheit, von den Eltern in seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Interessen angenommen zu sein. Dann kann es auf dieser Basis seine eigenen Werte entwickeln und ihnen gemäß leben. Natürlich können die Eltern immer wieder Hinweise und Ratschläge geben, die dem Kind helfen, andere Perspektiven einnehmen und Alternativen mitbedenken zu können. Aber sie brauchen die Achtsamkeit und die Achtung, dem Kind Entscheidungsspielräume zur Verfügung zu stellen, in denen es seine Bestrebungen ausleben kann und Erfahrungen mit dem Durchführen von Willensakten sammelt. Es wird sich dann auch später im Leben leichter tun, aus der Vielzahl an Angeboten für ein gelingendes Leben das für es individuell passende herauszufinden.

Zum Weiterlesen:

Donnerstag, 10. Juli 2025

Böses tun, um Gutes zu bewirken?

Böses zu tun, um Gutes zu bewirken, kommt in jeder Strafe vor. Das Gute, falls es wirklich dazu kommt, ist in der Folge untrennbar vom Schatten des Bösen belastet. Kinder, die bestraft werden, nehmen die Strafe als böse war, als etwas, das sie verletzt und beschämt. Das ist ja auch der Sinn der Strafe – sie soll schmerzhaft und nicht angenehm spürbar sein, um eine Wirkung zu erzielen. Eine Woche Hausarrest ist keine Strafe für ein Kind, das ohnehin nie draußen spielen will. Eine Woche Handyverbot schmerzt hingegen ein Kind, das glaubt, ohne das Gerät nicht mehr leben zu können. 

Für das Opfer der Strafe ist auch die bestrafende Person im Moment der Frustration böse. Allerdings ziehen vor allem kleine Kinder in der Folge den Schluss, dass sie selbst die Bösen sind, wenn sie bestraft werden, auch und gerade wenn sie den Sinn der Strafe nicht nachvollziehen können, weil sie nicht verstehen, was sie falsch gemacht haben. Da sie aber die Erwachsenen nicht ohne Grund für klüger halten als sie selbst, nehmen sie an, dass die Eltern schon einen Grund haben werden, warum sie das Kind bestrafen. Oft rechtfertigen Erwachsene die Strafen, die sie als Kinder erhalten haben, damit, dass es die Eltern gutgemeint hätten, und tun sich schwer, etwas Unangemessenes an der Strafe zu finden. Sie nehmen also die Eltern in Schutz, weil sie als Kinder gelernt haben, dass ein Aufbegehren gegen die Strafe sinnlos ist und zu weiteren Strafen oder zu Liebensverlust führt.

„Aus Liebe spare nicht mit der Rute.“

Aus dem Alten Testament stammt ein Zitat, das die Pädagogik in Richtung Gewalt beeinflusst hat: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ (Spr 13,24) In alten patriarchalen Kulturen war es Usus, vor allem Knaben mit Gewalt zu bestrafen – aus diesem Hintergrund stammt dieses Zitats. Die Buben sollten für das Aushalten von Schmerz und für die bedingungslose Unterordnung unter eine Autorität trainiert werden; ihren Hass und ihre Aggressivität als Folge der Demütigung durch die Bestrafung sollten sie im Krieg und gegenüber Frauen ausleben dürfen. Doch bis heute berufen sich evangelikale Kreise in den USA auf diese Formel und praktizieren sie. In der Folge lernen die Kinder, autoritätshörig zu werden und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu bejahen, womit sie dann als Erwachsene in rechten und rechtsextremen Parteien ihre politische Orientierung finden.

Formung von Autoritätshörigkeit und Hassprojektion

Wohl kann dieses Zitat aus der Bibel frei so übersetzt werden, dass es zur Liebe zu einem Kind gehört, ihm Grenzen zu setzen und zur Formung von Disziplin und Selbstdisziplin anzuleiten. Allerdings steckt im Wort der Züchtigung die Zucht, also das willkürliche und u. U. gewaltvolle Anpassen von anderen, im Sinn von: Du musst dich nach meinen Erwartungen richten und sollst dich so verhalten, wie ich es will. Der Wille der anderen Person wird übergangen und, vor allem, wenn Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Vorstellung angewendet wird, gebrochen. Das Kind leidet unter der Gewalt, und oft wird ihm zusätzlich noch das Ausdrücken des Leides verboten und aberzogen. Damit wird auch eine Grundlage dazu bereitet, dass später die unterdrückten Gefühlen nach außen projiziert werden, weil sie kein anderes Ventil finden – Hass gegen Minderheiten, Schwächere, Leidende. Das Wählerreservoir für rechte Parteien wird aus Menschen mit solchen Lebensgeschichten gespeist. 

Politiker, die mit dieser Masche Propaganda betreiben, appellieren an Menschen, die den Zusammenhang von bösen Mitteln für einen (vermeintlich) guten Zweck in ihrer Kindheit eingeprägt haben, und die gelernt haben, ihn mit liebevoller Erziehung zu verwechseln. Solche Politiker präsentieren sich als Bösewichter gegenüber Feinden oder Feindbildern und als liebevolle Menschen gegenüber jenen, die sie verehren und ihnen folgen. Sie werden von Menschen bewundert, die aus ihrer Kindheit beides kennen: Eltern, die gleichermaßen böse und liebevoll sind, die es aber verstanden haben, ihr Böses als Ausdruck von Liebe zu tarnen. 

Besserwissen ohne Beschämung

Es ist nicht böse sondern oft notwendig, wenn Eltern ihren Kindern Grenzen setzen, auch wenn sich diese dadurch verletzt fühlen und die Eltern spontan als Bösewichter empfinden. Wenn die Eltern aber die Verletzung, die sie dem Kind mit einem Verbot oder einem Verzicht zumuten, ignorieren oder zusätzlich noch abwerten („Führ dich nicht so auf!“) oder bestrafen („Wenn du so schreist, mag ich dich nicht mehr.“), dann muss das Kind lernen, seine Verletzung zu vergraben und sich zu fügen. Das Böse, das ihm angetan wurde, darf nicht böse sein. Die Eltern stehen als die Guten da, die nur das Beste des Kindes im Auge haben, nach dem Motto, dass der Zweck das Mittel heiligt, und an diesem (Schein-)Heiligenschein darf nicht gerüttelt werden. 

Achten die Eltern hingegen die Gefühle und die Interessen des Kindes, ohne dass sie sich ihnen unterordnen, dann lernt das Kind, dass es frustriert sein darf und dass es diese Gefühle frei ausdrücken darf. Die Gefühle gehen nach einiger Zeit vorüber, ohne dass die Liebe der Eltern unterbrochen wird. Das Kind hat die Chance zu erkennen, dass es mit der Grenze, die ihm von den Eltern auferlegt wurde, leben kann und dass es nicht darunter leiden muss. In dem Maß, wie der Wille des Kindes respektiert wird, erlernt es den Respekt für den Willen der Erwachsenen. Erziehung gelingt in dem Maß, in dem die Liebesbeziehung zwischen den Eltern und dem Kind auch in Konfliktsituationen aufrecht bleiben kann und Frustrationen aushalten kann. Das Erlernen von Frustrationen ist ein wichtiger Schritt im emotionalen Reifungsprozess.

Zum Weiterlesen:
Die vielen Guten und die wenigen Bösen
Moralischer Fortschritt


Samstag, 20. Juni 2015

Ich weiß, was für dich gut ist

„Ich weiß besser, was für dich gut ist als du selber.“ Eltern gebrauchen diesen Satz ihren Kindern gegenüber. Er wird oft verbal geäußert, noch öfter aber implizit in Handlungen übersetzt, nach dem Muster: „Du machst es jetzt so, wie es sich gehört, was ich weiß und du nicht.“

Eltern wissen mehr als Kinder, das ist nun mal sonnenklar, und sie wollen nur ihr Bestes für ihre Kinder. Also müssen sie ihnen auf den Weg mitgeben, wie es richtig und wie es falsch gemacht wird im Leben.

Was sollen Kinder gegen diese Argumentation sagen? Schließlich sind sie vergleichsweise noch kurz auf der Welt und können bei vielen Themen nicht mitreden. Es fehlt ihnen an Wissen und Erfahrung. Deshalb übernehmen sie notgedrungen ungeprüft die Aussagen der Eltern.

Doch gibt es zweierlei Arten von Wissen, die hier eine Rolle spielen. Die eine Art von Wissen handelt von den Dingen und Umständen dieser Welt: Wenn die Ampel auf Rot steht, darf die Straße nicht überquert werden. In der Nacht wird es dunkel, weil die Sonne nicht mehr scheint. Zwei und zwei ergibt vier. Das wissen Kinder von Anfang an nicht, das müssen sie lernen, und da müssen sie sich denen anvertrauen, die es besser wissen.

Die andere Art von Wissen bezieht sich darauf, was ein gutes und ein richtiges Leben ist. Da schöpfen die Eltern aus ihrer Lebenserfahrung, die aber auf ihr Leben beschränkt ist. Ihre Kinder haben viel später, in einer anderen Zeit, mit ihrem Leben begonnen und sind mit gänzlich anderen Voraussetzungen gestartet – genetisch, innerpsychisch, sozial, politisch, ökologisch usw. Die Ähnlichkeiten, die wir an unseren Kindern erkennen, haben nichts damit zu tun, dass diese ganz neue Menschen sind, die in dieser Weise noch nie da waren. Und deshalb ist ihnen unsere Lebenserfahrung nur beschränkt von Nutzen. Sie können sie in ihre Lebensgestaltung als Möglichkeit hineinnehmen, müssen aber selber entscheiden, was ihnen daran nachahmenswert erscheint und was davon sie nicht brauchen können.

Wir haben also in Wirklichkeit überhaupt kein Wissen darüber, was für jemand anderen gut ist. Manchmal maßen wir uns ein solches Wissen an, stülpen dabei aber den anderen unsere Sicht der Welt über – aus Angst, dass wir selber leiden würden, wenn die Person nicht macht, was wir für sie als optimal bestimmen. Wir haben aus unserer Lebensperspektive heraus Erwartungen, und wollen nicht, dass sie von anderen enttäuscht werden, weil wir dann unsere Planungen ändern müssten.

Es sind vor allem die unbewussten elterlichen Erwartungen, die das Erziehungsverhalten steuern. Diese Erwartungen sind oft von den Frustrationen der Eltern gesteuert: Was sie selber in ihrem Leben erreichen wollten und nicht erreichen konnten, erwarten sie von ihren Kindern. Unbewusst erleben sie ihre Kinder aus Erweiterungen ihres Selbst, das mit deren Erfolgen wächst und mit den Misserfolgen schrumpft. Solche Eltern erzählen dann z.B.: „Auf die Mathematik-Schularbeit haben wir eine Zwei bekommen“, als hätten sie selber die Schularbeit geschrieben und als könnten sie den Erfolg aufs eigene Konto verbuchen. Im Fall des Misserfolgs leiden sie mit dem Kind, aber vor allem mit sich selbst, und machen dem Kind den Druck, die Leistung zu erbringen, weil es eigentlich um sie selber geht.

Solche Eltern können sich auch schwer von ihren Kindern lösen. Sie wollen zwar ihren Kindern eigene Fehler und Umwege ersparen, lassen sie aber nicht voll in ihr eigenes Leben. Denn sie können ja nur ein gutes Leben leben, wenn es nach den elterlichen Maßstäben gestrickt ist. Sie halten ihre Kinder damit in Abhängigkeit und bleiben ebenso von ihnen abhängig, es entsteht also eine wechselseitige Dependenz. Mit „bestem Wissen und Willen“ wird den Kindern ein eigenständiges Leben verweigert oder schwergemacht.

Sollen Kinder dagegen mündige und selbstbewusste Erwachsene werden, müssen wir sie in ihrer Eigenwahrnehmung stärken, sodass sie mehr und mehr für sich selber entscheiden können, was für sie gut ist und was nicht. Sie erwerben damit die Sicherheit mit ihrem inneren Sinn, sodass sie spüren können, in welche Richtung sie gehen wollen. Dieses Vertrauen in sich können sie nur entwickeln, wenn ihnen die Eltern vertrauen – bedingungslos, aber nicht blind.

„Keiner weiß besser, was ihm gut tut und für ihn notwendig ist, als der Betroffene selbst. Wir können einander also nicht beibringen, was für uns gut ist. Nicht mit noch so ausgeklügelten Techniken. Aber wir können einander dabei unterstützen, es selbst herauszufinden,“ schreibt der personzentrierte Psychotherapeut Peter F. Schmid.

Unmündigkeit in der Gesellschaft


Wir finden das Modell des Besserwissens in unserer Gesellschaft, und es ist da weit verbreitet, offenbar weil es auch in der Erziehung nach wie vor eine große Rolle spielt. Nehmen wir als Beispiel das Gesundheitssystem. Was eine gute Therapie für ein Leiden darstellt, wird von der etablierten Medizin bestimmt, möglichst, aber praktisch nur in seltenen Fällen, gestützt auf evidenzbasierte Medizin. Denn zur größten Zahl der Behandlungen gibt es nur Erfahrungswerte, aber keine empirische Daten. Jedenfalls bestimmt der medizinische Experte, was gut für den Patienten ist. Der Patient mit seinem eigenen Wissen über seinen Organismus und seine Persönlichkeit kommt dagegen nicht oder kaum zur Sprache. Das Gesundheitssystem weiß, was für seine Zugehörigen das Beste ist, auch wenn es nur statistische Daten oder herkömmliche Verfahrensweisen sind, die zur Verfügung stehen.

Es ist die Dritte-Person-Perspektive, die hier eingenommen wird: Es gibt ein objektives Wissen, dem gefolgt werden muss, damit das Heil erlangt wird. Die Person selber und ihr Wissen spielt keine Rolle und ist nicht gefragt. Sie wird behandelt wie ein unmündiges Kind, dessen unmündiger Status bewahrt werden soll. Das ist der Preis der Auslieferung an den Standard der Dritten-Person-Perspektive als einzig vertrauenswürdigen Quelle von sinnvollem Wissen: Die Irrelevanz des subjektiven Wissens und des inneren Sinns als Informationsquelle. Patienten, die ihre Befindlichkeit und ihr Wissen über sich selbst einbringen, stören und sind lästig, wie kleine Kinder, die zuviele Fragen stellen anstatt zu tun, was man ihnen sagt.

Der Aufruf an die Aufklärung, den Immanuel Kant im 18. Jahrhundert formuliert hat:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, müsste heute lauten: „Habe Mut, deinem inneren Sinn zu vertrauen.“ Zu diesem Mut gehört, aus dem Vertrauen selbstbestimmt zu handeln und im eigenen Leben beide Perspektiven zu verbinden: Das objektive Wissen, das die Wissenschaften liefern, und das subjektive Wissen, das der innere Sinn zur Verfügung stellt. Zu dem Mut gehört auch, anderen Menschen diesen Mut zuzumuten. Dann kommen wir unseren Kindern und auch allen Mitmenschen gegenüber nie mehr auf die Idee, besser als sie selber zu wissen, was für sie gut ist.

Vgl. Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft
Die Innenperspektive