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Samstag, 20. Juni 2015

Ich weiß, was für dich gut ist

„Ich weiß besser, was für dich gut ist als du selber.“ Eltern gebrauchen diesen Satz ihren Kindern gegenüber. Er wird oft verbal geäußert, noch öfter aber implizit in Handlungen übersetzt, nach dem Muster: „Du machst es jetzt so, wie es sich gehört, was ich weiß und du nicht.“

Eltern wissen mehr als Kinder, das ist nun mal sonnenklar, und sie wollen nur ihr Bestes für ihre Kinder. Also müssen sie ihnen auf den Weg mitgeben, wie es richtig und wie es falsch gemacht wird im Leben.

Was sollen Kinder gegen diese Argumentation sagen? Schließlich sind sie vergleichsweise noch kurz auf der Welt und können bei vielen Themen nicht mitreden. Es fehlt ihnen an Wissen und Erfahrung. Deshalb übernehmen sie notgedrungen ungeprüft die Aussagen der Eltern.

Doch gibt es zweierlei Arten von Wissen, die hier eine Rolle spielen. Die eine Art von Wissen handelt von den Dingen und Umständen dieser Welt: Wenn die Ampel auf Rot steht, darf die Straße nicht überquert werden. In der Nacht wird es dunkel, weil die Sonne nicht mehr scheint. Zwei und zwei ergibt vier. Das wissen Kinder von Anfang an nicht, das müssen sie lernen, und da müssen sie sich denen anvertrauen, die es besser wissen.

Die andere Art von Wissen bezieht sich darauf, was ein gutes und ein richtiges Leben ist. Da schöpfen die Eltern aus ihrer Lebenserfahrung, die aber auf ihr Leben beschränkt ist. Ihre Kinder haben viel später, in einer anderen Zeit, mit ihrem Leben begonnen und sind mit gänzlich anderen Voraussetzungen gestartet – genetisch, innerpsychisch, sozial, politisch, ökologisch usw. Die Ähnlichkeiten, die wir an unseren Kindern erkennen, haben nichts damit zu tun, dass diese ganz neue Menschen sind, die in dieser Weise noch nie da waren. Und deshalb ist ihnen unsere Lebenserfahrung nur beschränkt von Nutzen. Sie können sie in ihre Lebensgestaltung als Möglichkeit hineinnehmen, müssen aber selber entscheiden, was ihnen daran nachahmenswert erscheint und was davon sie nicht brauchen können.

Wir haben also in Wirklichkeit überhaupt kein Wissen darüber, was für jemand anderen gut ist. Manchmal maßen wir uns ein solches Wissen an, stülpen dabei aber den anderen unsere Sicht der Welt über – aus Angst, dass wir selber leiden würden, wenn die Person nicht macht, was wir für sie als optimal bestimmen. Wir haben aus unserer Lebensperspektive heraus Erwartungen, und wollen nicht, dass sie von anderen enttäuscht werden, weil wir dann unsere Planungen ändern müssten.

Es sind vor allem die unbewussten elterlichen Erwartungen, die das Erziehungsverhalten steuern. Diese Erwartungen sind oft von den Frustrationen der Eltern gesteuert: Was sie selber in ihrem Leben erreichen wollten und nicht erreichen konnten, erwarten sie von ihren Kindern. Unbewusst erleben sie ihre Kinder aus Erweiterungen ihres Selbst, das mit deren Erfolgen wächst und mit den Misserfolgen schrumpft. Solche Eltern erzählen dann z.B.: „Auf die Mathematik-Schularbeit haben wir eine Zwei bekommen“, als hätten sie selber die Schularbeit geschrieben und als könnten sie den Erfolg aufs eigene Konto verbuchen. Im Fall des Misserfolgs leiden sie mit dem Kind, aber vor allem mit sich selbst, und machen dem Kind den Druck, die Leistung zu erbringen, weil es eigentlich um sie selber geht.

Solche Eltern können sich auch schwer von ihren Kindern lösen. Sie wollen zwar ihren Kindern eigene Fehler und Umwege ersparen, lassen sie aber nicht voll in ihr eigenes Leben. Denn sie können ja nur ein gutes Leben leben, wenn es nach den elterlichen Maßstäben gestrickt ist. Sie halten ihre Kinder damit in Abhängigkeit und bleiben ebenso von ihnen abhängig, es entsteht also eine wechselseitige Dependenz. Mit „bestem Wissen und Willen“ wird den Kindern ein eigenständiges Leben verweigert oder schwergemacht.

Sollen Kinder dagegen mündige und selbstbewusste Erwachsene werden, müssen wir sie in ihrer Eigenwahrnehmung stärken, sodass sie mehr und mehr für sich selber entscheiden können, was für sie gut ist und was nicht. Sie erwerben damit die Sicherheit mit ihrem inneren Sinn, sodass sie spüren können, in welche Richtung sie gehen wollen. Dieses Vertrauen in sich können sie nur entwickeln, wenn ihnen die Eltern vertrauen – bedingungslos, aber nicht blind.

„Keiner weiß besser, was ihm gut tut und für ihn notwendig ist, als der Betroffene selbst. Wir können einander also nicht beibringen, was für uns gut ist. Nicht mit noch so ausgeklügelten Techniken. Aber wir können einander dabei unterstützen, es selbst herauszufinden,“ schreibt der personzentrierte Psychotherapeut Peter F. Schmid.

Unmündigkeit in der Gesellschaft


Wir finden das Modell des Besserwissens in unserer Gesellschaft, und es ist da weit verbreitet, offenbar weil es auch in der Erziehung nach wie vor eine große Rolle spielt. Nehmen wir als Beispiel das Gesundheitssystem. Was eine gute Therapie für ein Leiden darstellt, wird von der etablierten Medizin bestimmt, möglichst, aber praktisch nur in seltenen Fällen, gestützt auf evidenzbasierte Medizin. Denn zur größten Zahl der Behandlungen gibt es nur Erfahrungswerte, aber keine empirische Daten. Jedenfalls bestimmt der medizinische Experte, was gut für den Patienten ist. Der Patient mit seinem eigenen Wissen über seinen Organismus und seine Persönlichkeit kommt dagegen nicht oder kaum zur Sprache. Das Gesundheitssystem weiß, was für seine Zugehörigen das Beste ist, auch wenn es nur statistische Daten oder herkömmliche Verfahrensweisen sind, die zur Verfügung stehen.

Es ist die Dritte-Person-Perspektive, die hier eingenommen wird: Es gibt ein objektives Wissen, dem gefolgt werden muss, damit das Heil erlangt wird. Die Person selber und ihr Wissen spielt keine Rolle und ist nicht gefragt. Sie wird behandelt wie ein unmündiges Kind, dessen unmündiger Status bewahrt werden soll. Das ist der Preis der Auslieferung an den Standard der Dritten-Person-Perspektive als einzig vertrauenswürdigen Quelle von sinnvollem Wissen: Die Irrelevanz des subjektiven Wissens und des inneren Sinns als Informationsquelle. Patienten, die ihre Befindlichkeit und ihr Wissen über sich selbst einbringen, stören und sind lästig, wie kleine Kinder, die zuviele Fragen stellen anstatt zu tun, was man ihnen sagt.

Der Aufruf an die Aufklärung, den Immanuel Kant im 18. Jahrhundert formuliert hat:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, müsste heute lauten: „Habe Mut, deinem inneren Sinn zu vertrauen.“ Zu diesem Mut gehört, aus dem Vertrauen selbstbestimmt zu handeln und im eigenen Leben beide Perspektiven zu verbinden: Das objektive Wissen, das die Wissenschaften liefern, und das subjektive Wissen, das der innere Sinn zur Verfügung stellt. Zu dem Mut gehört auch, anderen Menschen diesen Mut zuzumuten. Dann kommen wir unseren Kindern und auch allen Mitmenschen gegenüber nie mehr auf die Idee, besser als sie selber zu wissen, was für sie gut ist.

Vgl. Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft
Die Innenperspektive

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft


Die Erste-Person-Perspektive und die Dritte-Person-Perspektive


Wenn wir über Wissenschaft reden, meinen wir üblicherweise eine Wissenschaft, die auf der Dritten-Person-Perspektive (3PP) begründet ist. Eine solche Wissenschaft beruht auf objektiven Fakten und auf Schlussfolgerungen, die auf Regeln beruhen, die von einer breiten Öffentlichkeit geteilt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen valide und wiederholbar sein, sodass sie auch von anderen Mitgliedern der wissenschaftlichen Gemeinschaft überprüft werden können. Das Prinzip der Falsifizierbarkeit nach Karl Popper sollte anwendbar sein: Es muss bei einer Theorie grundsätzlich möglich sein, dass ihre Falschheit bewiesen werden kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind solche, die keine absolute Geltung in Anspruch nehmen.


Wissenschaft des inneren Sinns


Auch wenn das die gewohnte Form von Wissenschaft ist, die wir gut kennen, so ist es doch nicht die einzige. Denn neben der 3PP verfügen wir immer auch über eine 1-Person-Perspektive (1PP), ein unmittelbares Wissen über uns selbst, das nur uns selbst zugänglich ist. Wo es Wissen gibt, kann es grundsätzlich auch eine Wissenschaft geben. 

Worin könnte nun eine Wissenschaft der Ersten-Person-Perspektive (1PP) bestehen? Deren Daten sind subjektiv und nur für die inneren Sinne zugänglich. Folglich sind sie singulär und einzigartig. Es gibt keine Möglichkeit zur Wiederholung und Falsifikation im traditionellen Sinn. Dennoch können die Daten und die Theorien, die aus ihnen abgeleitet sind, kommuniziert, evaluiert und verglichen werden.

Als die Wissenschaften begannen, die Welt der Kognitionen zu erobern, war die 1PP-Wissenschaft so wichtig und anerkannt wie die 3PP-Wissenschaft. Es wurde jedoch die 3PP-Wissenschaft im Lauf des 20. Jahrhunderts vorherrschend und diktierte den Goldstandard für Wissenschaftlichkeit, während die 1PP-Wissenschaft an den Rand der Welt der Wissenswelt verbannt wurde. Zusätzlich gewann die 3PP-Wissenschaft eine tonangebende Rolle für Gesellschaft und Politik, indem sie eine zentrale Rolle in der Welterklärung beanspruchte und verlangte, dass vernünftige Entscheidungen für das Leben von einzelnen wie von Staaten auf ihren Prinzipien beruhen sollten.

Die Vorteile der 3PP sind offensichtlich und beziehen sich auf ein Alltagsverständnis von Wahrheit. 3PP-Wissen leitet sich aus Daten ab, die wir über die äußeren Sinne empfangen: Sehen, hören, berühren, riechen, etc. Auf diese Weise nehmen wir Objekte wahr. Die Wahrnehmung der Objekte wird von jedermann geteilt: Wer schon in Paris war, kann bestätigen, dass es dort einen Eiffelturm gibt. Wer noch nicht dort war, kann hinfahren und die Wahrnehmung der anderen bestätigen. Aber sie können auch an das glauben, was ihnen andere berichten: "Ich habe den Eiffelturm mit eigenen Augen gesehen." Das wird zu einer verlässlichen Wahrheit, wenn ihre eine bestimmte Anzahl von Personen zustimmt.

Wenn jemand sagt: "Ich habe gesehen, wie ein Raumschiff in meinem Garten gelandet ist", so würden wir dieser Person nur glauben, wenn es eine genügende Anzahl von anderen Leuten bestätigen könnte. Dann könnten wir einen Konsens über die objektive Existenz des Raumschiffes bilden. Käme jemand und behaupte, dass da kein Objekt wäre, können wir an seinen Sinnen oder seinem Verstand zweifeln. Wenn jedoch eine genügend große Anzahl von Leuten die Existenz des fraglichen Objekts leugnen, müssen wir die Objektivität seiner Existenz aufgeben. (Nebenbei gesagt: 20% der US-Einwohner glauben an außerirdische Entführung - stellen wir uns nur vor, dass nur jene an der Umfrage teilnehmen konnten, die heil von der Entführung zurückgekommen sind - und was machen wir, wenn eines Tages die Zahl der Alien-Überzeugten die magischen 50 Prozent überschreitet?)

Soll also eine Theorie angenommen werden, müssen die Daten und die Schluss folgerungen von der Wissenschaftsgemeinschaft (scientific community) akzeptiert werden. Ohne deren Segen bleibt jedes Forschungsergebnis eine private Spekulation.

Mitglieder dieser Gemeinschaft der Wissenschaftler sind Menschen, die sich gemäß den wissenschaftlichen Standards verhalten. Sie brauchen eine Form der ethischen Integrität, aus der heraus sie sich an die Regeln der Wissenschaft halten und ihnen entsprechend handeln. Es ist also ein 1PP-Standard erforderlich, damit die 3PP-Wissenschaft funktionieren kann. Sich wissenschaftlich zu verhalten, ist keine "normale" Form des Verhaltens, sondern eine sehr exklusive und extravagante Form, sich mit der Welt auszutauschen. Sie erfordert eine gründliche Ausbildung und die Disziplin, Objekte mit Geduld und ohne Vorurteile zu studieren. Z.B. kann das bedeuten, Stunden, Tage und Wochen durch ein Mikroskop oder auf einen Computerbildschirm zu starren. 

Jemand, der nicht bereit ist, diese Disziplin auf sich zu nehmen, wird nicht in der Lage sein, die Theorien irgendeiner Wissenschaft zu wiederholen oder zu falsifizieren. Deshalb verlässt sich die 3PP-Wissenschaft auf 1PP-Qualitäten, die sie braucht, damit sie so arbeiten kann, wie sie arbeitet.


An den Schnittstellen


Gegen Ende des letzten Jahrhunderts und fortgesetzt ins neue Millennium sind neue Tendenzen aus den 3PP-Wissenschaften hervorgegangen, die sich zunehmend den Grenzen der 1PP annähren. Das prominenteste Beispiel dafür sind die Neurowissenschaften, die beträchtliche Fortschritte verzeichnen  konnten und konsequent an der Schnittstelle von Gehirnprozessen und Erfahrungen, von Objektivität und Subjektivität, von 3PP und 1PP arbeiten.

Untersuchungen zum Placebo-Effekt haben paradoxe und widersprüchliche Ergebnisse gebracht. Diese rätselhaften Phänomene können wahrscheinlich nur erklärt werden, wenn eine 1PP dazugenommen wird. Ein anderer Wissenschaftszweig beruft sich auf die Embodiment-Theorie: Körper und Verstand dürfen nicht getrennt betrachtet werden. Jedes Studium des menschlichen Verstandes muss die komplementären Prozesse auf der Körperebene miteinschließen und benötigt dazu folglich eine 1PP.

Die Epigenetik, ein weiterer Zweig der modernen wissenschaftlichen Froschung, konnte belegen, dass die Gene permanent mit ihrer zellulären Umgebung interagieren und ihre Funktionen den aktuellen Bedürfnissen der Zelle und des ganzen Organismus anpassen. Wenn es gelingt, Methoden zu finden, die diese interaktiven Prozesse für Heilungszwecke regulieren und modulieren, dann kann sich hier ein fruchtbares Feld für gemeinsame 1PP- und 3PP-Forschungen eröffnen.

Weitere Gebiete für eine Kombination von objektiver und subjektiver Wissenschaft können in den Psychotherapie-Wissenschaften und in neuen Zugängen in der Medizin wie z.B. in der personzentrierten Medizin gefunden werden. 

Deshalb sollte die Wissenschaftstheorie die neuen Möglichkeiten in der Kooperation und Integration von 1PP und 3PP berücksichtigen: Der Vorzug der 3PP, der in einem allgemein akzeptierten zuverlässlichen Weg zur Gewinnung von objektiven Erkenntnissen und relativen und nützlichen Wahrheiten besteht,  könnte mit einer wissenschaftlichen 1PP kombiniert werden. Denn diese stellt einen unverzichtbaren Zugang zu Daten zur Verfügung, die durch die 3PP niemals gefunden werden können und die wesentlich sind, damit wir uns einer vollständigen Erklärung der Wirklichkeit und ihrer Funktionsweise annähern können

Das ist der Grund, warum wir eine inklusive Form des wissenschaftlichen Wissens am Horizont sehen. Es wird notwendig sein, um einerseits bestmöglich für das menschliche Wohl zu sorgen und andererseits die wissenschaftliche Verlässlichkeit zu gewährleisten. Dazu wird auch die Mitberücksichtigung einer Zweiten-Person-Perspektive erforderlich sein, die das Wissen, das aus zwischenmenschlichen Beziehungen erwächst, zum Gegenstand hat, und einer Ersten-Person-Plural-Perspektive, welche sich um das Wissen kümmert, das sich in kollektiven Erkenntnissen, in der Weisheit von Gruppen, Gemeinschaften und größeren Gesellschaftsformationen findet.

Wir müssen diese Perspektiven in die wissenschaftliche Forschung integrieren, wenn wir ein holistisches wissenschaftliches Modell der Welt erstellen wollen. Daten aus den verschiedenen Quellen der Wahrnehmung sollten gleichermaßen zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen, als Äquivalent zu einer demokratischen Gesellschaft. Dann können wir auch neue Zugänge zu den Fragen um die Gesundheit finden, die auch von Menschen akzeptiert werden können, die sich skeptisch und enttäuscht vom wissenschaftlichen Denken abgewandt haben, weil diesem die 1PP-Erfahrungen fehlen.

Wenn es gelingt, dieses inklusive wissenschaftliche Wissen über die Welt im allgemeinen und über die Menschen im besonderen in eine akzeptable und nutzbringende Form zu bringen, können wir neue Perspektiven zu wichtigen Fragen öffnen: Was ist Gesundheit? Was ist der Mensch? Was ist das Selbst als Horizont für inneres Wachstum?

Aus einem Vortrag zum Thema "What Science can Learn From Breathwork?", gemeinsam erarbeitet von Wolfgang Fellner und Wilfried Ehrmann für die Konferenz der International Breathwork Foundation im Juli 2014 in Irland

Vgl.
Die Verdinglichungstendenz
Das innere Wissen und eine neue Methodologie
Das innere Wissen und sein Beitrag für die Welt

Donnerstag, 29. Mai 2014

Die Verdinglichungstendenz

Unter Verdinglichung verstehe ich einen Vorgang, bei dem unser Verstand Prozesse in Dinge umwandelt. Etwas, das in der äußeren Wirklichkeit eine veränderliche Form hat, wird in unserem Inneren etwas Feststehendes und Unveränderliches.

Bei der Verdinglichung handelt es sich um eine Art der verzerrenden Wirklichkeitskonstruktion. Sie ist mit einer Kontaktverminderung zur Wirklichkeit verbunden, sodass man von einer systematischen Entfremdung von dieser Wirklichkeit sprechen kann. Denn die fließende Wirklichkeit im Außen wird in eine starre Repräsentation im Innen überführt. Die Begriffe „Verdinglichung“ und „Entfremdung“ gehören zum Grundrepertoire von marxistischen und neomarxistischen Argumentationen. Ich möchte auf diese Zusammenhänge hier nicht eingehen, sondern die Wirksamkeit dieser Begriffe im Bereich der Wissenserzeugung erörtern.


Die Verdinglichungstendenz


Warum fällt es uns schwer, abstrakte Begriffe wie „Geist“ oder „Seele“ oder „Information“ undinglich vorzustellen, also nicht als Gegenstand? Das Wort „Gegenstand“ kommt ja daher, dass wir, um etwas „konkret“ „fassen“ zu können, etwas brauchen, das sich uns entgegenstellt. Am Widerstand merken wir, was es mit einem Etwas auf sich hat und nehmen dann an, dass das, was uns da entgegensteht, sicher, objektiv und unbestreitbar da ist. Wir sind ja mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen, da ist es klar, dass diese Wand real ist.

Alles Nicht-Gegenständliche erscheint uns dagegen als unsicher, instabil und schwer fasslich. Der Klang verschwindet, das gesprochene Wort ist flüchtig. Erst recht innere Vorstellungen, Fantasien und Gedanken haben keinen Bestand, oft haben wir, am Ende eines Satzes, den wir aussprechen, den Anfang schon vergessen. Das ist wohl der Grund, warum der Seh- und der Tastsinn eine dominante Rolle in unserer Wirklichkeitserfahrung einnehmen und als Garanten für sichere Tatsachen stehen.

Aus diesem Sicherheitsgefühl stammt unsere Tendenz, alle unsere gedanklichen Erzeugnisse mit visuellen und gegenständlichen Merkmalen zu versehen. Eine Idee beginnt zu wirken, wenn wir ein markantes Bild von ihr haben. Damit können wir sie „festhalten“ und auf sie „zurückgreifen“, das Visuelle dabei mit dem Haptischen verbindend.

Relatives Wissen ist jedoch nie absolut, d.h. es ist in seiner Gültigkeit immer beschränkt. Seine Relativität bedeutet, dass es kontextabhängig ist, also immer nur in Bezug auf den jeweiligen Zusammenhang gilt. Sobald sich der Zusammenhang ändert, ändert sich auch das Wissen.


Die Vergänglichkeit

Samsara, der ewige Kreislauf von
Entstehen und Vergehen

Es gibt nichts, was von Dauer ist. Alles, was lebt, verändert sich. Alles, was nicht lebt, ebenso. Dinge altern ähnlich wie Tiere und Menschen, deshalb entwickeln wir zu ihnen Formen der Fürsorge und Zuneigung wie zu Lebewesen. „Mein Auto ist in die Jahre gekommen“, „mein Computer lässt mich im Stich“, „mein Handy spinnt“ – Dinge werden zu Lebensbegleitern mit Ablaufdatum. Fast physisch kann sich der Schmerz anfühlen, wenn wir eines der Dinge loslassen müssen. Dank unserer fleißigen Marktwirtschaft kriegen wir gleich den Trost in Form eines noch schöneren, noch spannenderen und funktionaleren neuen Dinges.

Wer als Herrscher früherer Epochen etwas auf sich gehalten hat, wollte Bauwerke errichten, die für immer vom eigenen Ruhm und Reichtum Zeugnis ablegen sollten. Doch irgendwann beginnt jedes Gebäude zu bröckeln und es braucht einen Denkmalschutz, der sich dann abmüht, all die für die Ewigkeit errichteten Bauten vor dem Verfall zu bewahren.

Mittels Verdinglichungen stemmen wir uns gegen den Strom der Vergänglichkeit. Wir werfen ihm Steine in den Fluss. Doch lohnt es den Aufwand nicht, denn auch die Steine sind der Vergänglichkeit unterworfen. Wir gleichen kleinen Kindern, die meinen, dass sie einen Fluss aufhalten können, wenn sie ein paar Steinchen hineinwerfen. 


Verdinglichte Konzepte


Wie die Dinge enthalten auch die verdinglichten Vorstellungen die Illusion der Beständigkeit und Dauerhaftigkeit. Z.B. besteht ein Grund, warum ich Artikel für diese Blogseite verfasse, darin, dass ich darauf hoffe, dass Gedanken und Wissen auf diese Weise für eine „Ewigkeit“ bewahrt werden. Ich brauche nur nachzublättern, wenn ich Zusammenhänge, die mir schon einmal klar waren, wieder vergessen habe, oder wenn ich ein schon gesammeltes Wissen nicht mehr abrufen kann. Die Illusion ist, dass das virtuelle Ding eine absolute Dauerhaftigkeit haben könnte – es braucht nur der Strom ausfallen, schon ist das Ding weg. Server brechen zusammen, Betreiberfirmen gehen Bankrott, das Rad der Vergänglichkeit dreht sich, was auch immer wir unternehmen, um es aufzuhalten.

Die Vergänglichkeit alles dessen, was es gibt, wir selber mit eingeschlossen, erinnert uns daran, dass die Wirklichkeit Prozess ist und nicht eine Ansammlung von Dingen. Alles, was uns statisch und feststehend in der Zeit und im Raum erscheint, unterliegt nur einer nicht so leicht erkennbaren, feineren oder langsameren Bewegung. Die Physiker erklären uns, dass der Sessel, auf dem wir sitzen, eine Ansammlung von Elektronen und Atomkernen ist, die sich mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten umeinander drehen, inmitten von „riesigen“ leeren Räumen.

Unsere Tendenz zum Verdinglichen hat Auswirkungen auf unseren Umgang mit Konzepten. Auch sie werden festgehalten, als hinge das eigene Leben davon ab, ob das Konzept allgemein akzeptiert wird. Wir streiten uns und zerstreiten uns, weil wir Konzepte wichtiger nehmen als Menschen. Wir tun so, als hinge unser Leben von der Richtigkeit von Konzepten ab. Wir binden unsere Identität an sie, indem wir uns z.B. als „Grüner“, als „Feministin“, als „Buddhist“, als „Pazifistin“ bezeichnen. Sobald ein derartiges Konzept fix mit unserer Identität verknüpft ist, befürchten wir, dass wir unsere Identität verlieren, wenn wir das Konzept aufgeben.

Gleichermaßen hängen wir den Menschen um uns herum Konzepte um, mit deren Hilfe wir sie einordnen, was uns dazu dient, den Umgang mit ihnen zu vereinfachen und gegen unliebsame Überraschungen abzusichern. Sie bekommen eine verdingliche Identität, sodass wir sie als Dinge sehen, die durch ihre Eigenschaften definiert sind. „Ein schwieriger Zeitgenosse“, „eine umgängliche Person“, „ein unfähiger Kollege“, usw. Das Etikett ist angeklebt, die Person hat keine Möglichkeiten, es jemals wieder loszuwerden.


Sicherheit im Wissen


Wir erkennen unsere Tendenz zur Verdinglichung auch daran, dass wir vermeinen, im Wissen und Erkennen eine  Sicherheit zu finden: „Jetzt weiß ich, was es ist, jetzt habe ich den Zusammenhang verstanden, jetzt besitze ich es, jetzt will ich es nie mehr verlieren.“ Die spezielle Sicherheit, die von Dingen geleistet wird, ihre Verlässlichkeit und Beständigkeit, wird auf Gedanken übertragen. Das ist der Kern des Fundamentalismus und seiner Anziehungskraft für ängstliche Seelen.

Verdinglichte Konzepte in unserem Denken und Wahrnehmen, aber auch in unserem Fühlen sind, um ein Bild zu gebrauchen, wie Klumpen im Blut, die, wenn sie irgendwo in der Blutbahn steckenbleiben, zu verheerende Folgen führen können. Ähnlich gefährlich sind die Konzepte, die wir für absolute Wahrheiten halten. Ein Blick in die Schlagzeilen genügt: Menschen sind bereit, auf der Grundlage von solchen Kurzschlüssen zu töten und sich töten zu lassen. 


Verdinglichung und Wissenschaft


Die Verdinglichungstendenz macht auch vor den Wissenschaften nicht Halt. Sie liegt in der Sicherheit, die wir wissenschaftlichen Erkenntnissen zusprechen: „Das hat die Wissenschaft bewiesen.“ Dem kann niemand etwas entgegensetzen, darauf kann man vernünftige Entscheidungen, die sich in aller Zukunft als richtig erweisen, gründen, darauf kann sich eine rationale, nicht von Einzelinteressen geleitete Politik berufen. „Fragen wir einen wissenschaftlichen Experten, dann wissen wir, was richtig und was falsch ist, und können dann die richtigen Entscheidungen treffen.“

Wir wissen zwar nicht, wie sicher sich der wissenschaftliche Experte seines Wissens ist. Wissenschaftliches Wissen hat auch Halbwertszeiten und wird nach einiger Zeit von neuem Wissen überholt. Aber wir haben uns daran gewohnt, den Wissenschaften nahezu vorbehaltlos den Glorienschein der Sicherheit umzuhängen und wollen daran unter allen Umständen festhalten. „Ich gehöre zur Gruppe der Vernünftigen, mit diesem Hintergrund kann mir nichts passieren. Nur Unvernünftige, die sich nicht auf die Wissenschaften verlassen, machen Blödsinn, lassen sich verführen und irren.“

Kein Wissenschaftler ist gefeit vor Verdinglichungen. Da Wissenschaftler nur in Ausnahmefällen ihre eigene Person (Erste-Person-Perspektive) in ihre Überlegungen miteinbeziehen, übersehen sie leicht die eigenen Verdinglichungstendenzen. Zudem erleben sie tagtäglich und auf ihren Fachkongressen, wie flexibel und kreativ sie sich im Rahmen ihres eigenen Forschungsgebietes bewegen und erkennen deshalb nicht, wie sie an den Rändern ihres Gärtchens verdinglichte Zäune aufgebaut haben.


Psychotherapie und Wissenschaften


Ein Beispiel ist der Bereich der Psychotherapie: als psychotherapeutische Methode wird nur anerkannt, was nach den Standards der Wissenschaften geprüft und für gut befunden wurde. Damit sollen die möglichen Konsumenten von Psychotherapie vor schlechter Behandlung geschützt und die Qualität der Behandlung hoch gehalten werden.

Dahinter steckt die Annahme, dass die Wissenschaft wissen könne, was für die Menschen gut ist. Doch beruft sich die Wissenschaft fast ausschließlich auf die Dritte-Person-Perspektive, die nur äußerst indirekt und fehleranfällig erheben kann, was Menschen selbst für sich als gut empfinden. Deshalb sind im Bereich der Psychotherapie Hunderte, wenn nicht Tausende Methoden und Techniken in Anwendung, die nie nach den Standards der Wissenschaften geprüft sind und doch gute Resultate aufweisen. Wenn solche Methoden über Jahre hinaus Bestand haben, kann das auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Menschen, die sie nachfragen, davon Nutzen ziehen, gleich, ob dieser Erfolg wissenschaftlich abgesichert ist oder nicht.

Was in aufwändigen und teuren wissenschaftlichen Untersuchungen als valide und wissenschaftliche therapeutische Methode abgesichert wurde, bezieht sich auf einen winzigen Ausschnitt aus den tagtäglich ablaufenden Tausenden von therapeutischen Sitzungen, die nur in einem Bruchteil vage Ähnlichkeiten mit dem aufweisen, was in der Wissenschaft als wirksames therapeutisches Vorgehen „bewiesen“ wurde. Die therapeutische Praxis ist schon längst immer woanders als die Wissenschaft mit ihren Labortestungen oder Doppelblindexperimenten. Denn, wie ich glaube, muss der Therapeut mit jedem Klienten eine neue Therapiemethode erfinden und weiterentwickeln.


Systemisches Bewusstsein


Das systemische Bewusstsein versucht, das Fließen der äußeren Wirklichkeit im Inneren abzubilden. Die hartnäckige Tendenz unserer Wirklichkeitskonstruktion, Prozesse zu Dingen zu machen, erschwert uns den Zugang zu diesem Denken. Es ist, als müssten wir dauernd unser Denken ermahnen: „Alles ist doch relativ“. Doch dabei sollten wir nicht in die Beliebigkeit geraten, die sagt: „Wenn alles relativ ist, ist alles gleich-gültig“, oder in die Resignation, die sagt: „Wenn alles relativ ist, hat es keinen Sinn, sich um Wissen zu bemühen“. Beide Reaktionen sind selber wieder durch die Verdinglichungstendenz bedingt: Wissen muss sicher und unveränderlich sein, darunter nehme ich es gleich gar nicht. Wenn Wissen kein Ding ist, kann ich es nicht brauchen.

Systemisches Bewusstsein heißt, dass wir in der Lage sind, unser Denken, also unsere Wirklichkeitskonstruktion, permanent an die äußeren und inneren Umstände anzupassen. Wir nutzen Wissen, über das wir verfügen, solange es zu den Umständen passt und uns hilft. Sobald sich die Umstände ändern, ersetzen wir das bisherige Wissen durch ein besseres. Wir sind also bereit, alles das loszulassen, was uns nicht mehr dienlich ist. Wir erwerben dadurch ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität. Wir verflüssigen unsere verdinglichten Denkinhalte, wenn wir ihrer bewusst werden, erkennen also ihre Prozesshaftigkeit.

Wir stellen uns dabei den oft sehr subtilen Ängsten, die uns aus dem Kontakt zur fließenden Wirklichkeit aussteigen lassen und statt dessen Verdinglichungen aufzubauen. Dabei hilft uns keine objektive Wissenschaft, sondern nur die Innenerforschung, die wir immer wieder anstellen sollten, um unseren beharrlichen Verdinglichungstendenzen entgegen zu wirken.

Ähnlich, um gegen Ende noch einmal auf die marxistische Tradition zurückzukommen, wie Leo Trotzki der Tendenz von Machtapparaten, in ihren Strukturen zu versteinern und dadurch unmenschlich zu werden, mit der Idee der permanenten Revolution entgegentreten wollte.

Was wir dazu brauchen, ist ein gerüttelt Maß an Weltvertrauen und Angstfreiheit. Wir benötigen auch einen starken Glauben an das Gute in den Menschen, denn nur so können wir unsere Tendenzen, die anderen zu kontrollieren und Macht über sie auszuüben, eindämmen. Es sind das ja wieder Tendenzen, mit denen wir uns selber im Inneren verdinglichen.

Der Glaube an das Gute in den anderen fällt uns leichter und wird uns selbstverständlicher, wenn wir uns klarmachen, dass Menschen nur dann ihrer Verdinglichungstendenz verfallen, weil sie Angst vor einer Veränderung haben. Je mehr Ängste wir uns bewusst machen und auflösen können, desto klarer können wir erkennen, dass andere Menschen nicht aus Dummheit oder Bosheit die Starrheiten und Sturheiten in sich selbst zulassen und pflegen, sondern aus den Leiden in ihrer Lebensgeschichte, die ihnen keine andere Wahl ließen als unflexibel und unkreativ zu werden. 


Vgl.:
Das innere Wissen und eine neue Methodologie 

Das innere Wissen und sein Beitrag für die Welt