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Donnerstag, 10. Juli 2025

Böses tun, um Gutes zu bewirken?

Böses zu tun, um Gutes zu bewirken, kommt in jeder Strafe vor. Das Gute, falls es wirklich dazu kommt, ist in der Folge untrennbar vom Schatten des Bösen belastet. Kinder, die bestraft werden, nehmen die Strafe als böse war, als etwas, das sie verletzt und beschämt. Das ist ja auch der Sinn der Strafe – sie soll schmerzhaft und nicht angenehm spürbar sein, um eine Wirkung zu erzielen. Eine Woche Hausarrest ist keine Strafe für ein Kind, das ohnehin nie draußen spielen will. Eine Woche Handyverbot schmerzt hingegen ein Kind, das glaubt, ohne das Gerät nicht mehr leben zu können. 

Für das Opfer der Strafe ist auch die bestrafende Person im Moment der Frustration böse. Allerdings ziehen vor allem kleine Kinder in der Folge den Schluss, dass sie selbst die Bösen sind, wenn sie bestraft werden, auch und gerade wenn sie den Sinn der Strafe nicht nachvollziehen können, weil sie nicht verstehen, was sie falsch gemacht haben. Da sie aber die Erwachsenen nicht ohne Grund für klüger halten als sie selbst, nehmen sie an, dass die Eltern schon einen Grund haben werden, warum sie das Kind bestrafen. Oft rechtfertigen Erwachsene die Strafen, die sie als Kinder erhalten haben, damit, dass es die Eltern gutgemeint hätten, und tun sich schwer, etwas Unangemessenes an der Strafe zu finden. Sie nehmen also die Eltern in Schutz, weil sie als Kinder gelernt haben, dass ein Aufbegehren gegen die Strafe sinnlos ist und zu weiteren Strafen oder zu Liebensverlust führt.

„Aus Liebe spare nicht mit der Rute.“

Aus dem Alten Testament stammt ein Zitat, das die Pädagogik in Richtung Gewalt beeinflusst hat: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ (Spr 13,24) In alten patriarchalen Kulturen war es Usus, vor allem Knaben mit Gewalt zu bestrafen – aus diesem Hintergrund stammt dieses Zitats. Die Buben sollten für das Aushalten von Schmerz und für die bedingungslose Unterordnung unter eine Autorität trainiert werden; ihren Hass und ihre Aggressivität als Folge der Demütigung durch die Bestrafung sollten sie im Krieg und gegenüber Frauen ausleben dürfen. Doch bis heute berufen sich evangelikale Kreise in den USA auf diese Formel und praktizieren sie. In der Folge lernen die Kinder, autoritätshörig zu werden und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu bejahen, womit sie dann als Erwachsene in rechten und rechtsextremen Parteien ihre politische Orientierung finden.

Formung von Autoritätshörigkeit und Hassprojektion

Wohl kann dieses Zitat aus der Bibel frei so übersetzt werden, dass es zur Liebe zu einem Kind gehört, ihm Grenzen zu setzen und zur Formung von Disziplin und Selbstdisziplin anzuleiten. Allerdings steckt im Wort der Züchtigung die Zucht, also das willkürliche und u. U. gewaltvolle Anpassen von anderen, im Sinn von: Du musst dich nach meinen Erwartungen richten und sollst dich so verhalten, wie ich es will. Der Wille der anderen Person wird übergangen und, vor allem, wenn Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Vorstellung angewendet wird, gebrochen. Das Kind leidet unter der Gewalt, und oft wird ihm zusätzlich noch das Ausdrücken des Leides verboten und aberzogen. Damit wird auch eine Grundlage dazu bereitet, dass später die unterdrückten Gefühlen nach außen projiziert werden, weil sie kein anderes Ventil finden – Hass gegen Minderheiten, Schwächere, Leidende. Das Wählerreservoir für rechte Parteien wird aus Menschen mit solchen Lebensgeschichten gespeist. 

Politiker, die mit dieser Masche Propaganda betreiben, appellieren an Menschen, die den Zusammenhang von bösen Mitteln für einen (vermeintlich) guten Zweck in ihrer Kindheit eingeprägt haben, und die gelernt haben, ihn mit liebevoller Erziehung zu verwechseln. Solche Politiker präsentieren sich als Bösewichter gegenüber Feinden oder Feindbildern und als liebevolle Menschen gegenüber jenen, die sie verehren und ihnen folgen. Sie werden von Menschen bewundert, die aus ihrer Kindheit beides kennen: Eltern, die gleichermaßen böse und liebevoll sind, die es aber verstanden haben, ihr Böses als Ausdruck von Liebe zu tarnen. 

Besserwissen ohne Beschämung

Es ist nicht böse sondern oft notwendig, wenn Eltern ihren Kindern Grenzen setzen, auch wenn sich diese dadurch verletzt fühlen und die Eltern spontan als Bösewichter empfinden. Wenn die Eltern aber die Verletzung, die sie dem Kind mit einem Verbot oder einem Verzicht zumuten, ignorieren oder zusätzlich noch abwerten („Führ dich nicht so auf!“) oder bestrafen („Wenn du so schreist, mag ich dich nicht mehr.“), dann muss das Kind lernen, seine Verletzung zu vergraben und sich zu fügen. Das Böse, das ihm angetan wurde, darf nicht böse sein. Die Eltern stehen als die Guten da, die nur das Beste des Kindes im Auge haben, nach dem Motto, dass der Zweck das Mittel heiligt, und an diesem (Schein-)Heiligenschein darf nicht gerüttelt werden. 

Achten die Eltern hingegen die Gefühle und die Interessen des Kindes, ohne dass sie sich ihnen unterordnen, dann lernt das Kind, dass es frustriert sein darf und dass es diese Gefühle frei ausdrücken darf. Die Gefühle gehen nach einiger Zeit vorüber, ohne dass die Liebe der Eltern unterbrochen wird. Das Kind hat die Chance zu erkennen, dass es mit der Grenze, die ihm von den Eltern auferlegt wurde, leben kann und dass es nicht darunter leiden muss. In dem Maß, wie der Wille des Kindes respektiert wird, erlernt es den Respekt für den Willen der Erwachsenen. Erziehung gelingt in dem Maß, in dem die Liebesbeziehung zwischen den Eltern und dem Kind auch in Konfliktsituationen aufrecht bleiben kann und Frustrationen aushalten kann. Das Erlernen von Frustrationen ist ein wichtiger Schritt im emotionalen Reifungsprozess.

Zum Weiterlesen:
Die vielen Guten und die wenigen Bösen
Moralischer Fortschritt


Dienstag, 8. Juli 2025

Die vielen Guten und die wenigen Bösen

Viele, viele Menschen sind grundsätzlich gegen Krieg, Unterdrückung, Hunger, Ungerechtigkeiten und Ausbeutung eingestellt. So verhalten sich Menschen im Normalfall. Sie wollen das Gute und lehnen das Böse ab. In Einzelfragen gibt es Unterschiede, und bei moralischen Fragen tauchen oft auch widerstreitende Meinungen auf. Doch geht es dabei um unterschiedliche Auffassungen von dem, was unter dem Guten verstanden wird.

Wir haben es nur mit einer kleinen Gruppe von Personen zu tun, die voller Überzeugung Hass und Gewalt in Wort und Tat propagieren und ausleben. Es sind Menschen voll innerer Verbitterung und Verzweiflung, die es geschafft haben, sich einen Habitus von Stärke und Durchsetzungskraft zu geben und damit andere zu beeindrucken. 

Damit erwecken sie bei vielen den Eindruck, dass es sinnvoll ist, dem Guten mit Hass und Gewalt zum Durchbruch verhelfen zu wollen. Es sind die Ängstlichen und Verschämten, die sich verblenden lassen und die Nöte der Hetzer und Unverschämten nicht durchschauen. Vielmehr erhoffen sie sich von den Hasspredigern Abhilfen für ihre eigenen Ängste und Nöte. 

Deshalb schaffen es immer wieder viele der von Bosheit getriebenen Menschen, in verantwortungsvolle Machtpositionen zu gelangen. Dort richten sie großes Unheil an, in der Überzeugung, damit letztendlich dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Ihre menschenverachtenden und Zerstörung bewirkenden Taten versuchen sie durch Manipulationen und Wahrheitsverdrehungen zu verschleiern. Sie rechtfertigen das Böse, das sie tun, mit der moralisch verbrämten Überzeugung, es wäre der einzige Weg zur Verbesserung der schlechten Zustände. 

Tue Böses, damit daraus Gutes erwachse

Die Formel: Tue Böses, damit daraus Gutes erwächst, spielt eine zentrale Rolle bei der Popularisierung von Hass und Gewalt. Sie hat ihre Wurzel in gewaltvoll agierenden Erziehungspraktiken, die davon ausgehen, dass Kinder von Natur aus böse sind und von Anfang an gemaßregelt werden müssen. Mehr dazu im nächsten Blogartikel.

Eine überwältigende Mehrheit will das Gute und nur wenige das Böse, aber allzu viele nehmen das Böse hin, ohne sich dagegen zu wehren oder folgen ihm sogar, weil sie dadurch Besseres erhoffen. Dennoch haben wir viel Grund für die Hoffnung, dass es Erscheinungen sind, die sich mit aller Macht in den Vordergrund drängen, aber dann wieder zurücktreten müssen, wenn sich die anderen Kräfte gesammelt haben. Denn die Rückschritte in der Moral und in den (Menschen)rechten auf ein mittelalterliches Niveau (vgl. die Propagierung des "Rechts des Stärkeren") können nicht von Dauer sein. 

Allerdings haben es allzu viele von diesen Menschen in verantwortungsvolle Positionen geschafft, mit Unterstützung der Ängstlichen und Verschämten, denen sie Abhilfen für ihre Nöte versprochen haben. Das Unheil, das von solchen Manipulatoren angerichtet wird, ist groß. Fällt die Politik auf eine archaische Ebene zurück, so entstehen unweigerlich massive Spannungen in der Gesellschaft. Das ganze Gefüge beginnt zu krachen, weil die ökonomischen, sozialen und kulturellen Kräfte nach vorne ziehen, während die Politik mit aller Macht versucht, in die andere Richtung zu zerren.

Rückwärtsgewandte Ideologien können keine Zukunft gestalten

Wir haben trotz zahlreicher gegenteiliger Vorkommnisse, Grund für die Hoffnung, dass die manifesten Erscheinungen von bösen Taten, die sich mit aller Macht in den Vordergrund drängen, wieder zurücktreten müssen, wenn sich die anderen fortgeschrittenen Kräfte gesammelt haben. Denn die Rückschritte in der Moral und in den (Menschen)rechten auf ein mittelalterliches Niveau (vgl. die Propagierung des "Rechts des Stärkeren") können nicht von Dauer sein, weil sie kein Lösungspotenzial enthalten, sondern die Probleme nur verschärfen. Z.B. kann mit dem Prinzip „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ kein Handel und Güteraustausch betrieben werden. Mit Machtausübung können keine Konflikte nachhaltig gelöst werden. Mit Schuldzuschreibungen statt Verantwortungsübernahme für eigene Fehler wird das Lernen unterbunden. Mit dem Hass auf Minderheiten kann keine globale Verständigung aufgebaut werden. Die Ablehnung der Verantwortung in Bezug auf die Zukunft der Umwelt führt dazu, dass die Kosten für die entstandenen Schäden umso größer werden.

Ab einem gewissen Grad an Zerstörung, der durch solche Rückentwicklungen angerichtet wird, wird immer mehr Menschen bewusst, dass sie durch das Tun des Bösen zum Zweck des Guten stärker verlieren als gewinnen. Der Widerstand wird schließlich so mächtig, dass sich die Kräfte des Fortschritts durchsetzen.

Die menschlichen Bestrebungen, die Lebensbedingungen zu verbessern, sind langfristig übermächtig 

Viele maßgebliche Entwicklungen schreiten voran, in der Wirtschaft, Technologie, im Sozialleben und in den Künsten. Sie sind angetrieben vom Bestreben nach der Verbesserung des Lebens. Sie führen unweigerlich zu mehr globaler Zusammenarbeit und beruhen auf ethischen Maßstäben, die von gegenseitigem Respekt und von der Achtung für die individuellen Unterschiede geprägt sind. Die meisten Bereiche stehen in globalen Zusammenhängen, sodass eine Politik, die auf kleinräumige oder auf die Vergangenheit gerichtete Interessen bezogen ist, keine Lösungen und Weiterentwicklungen anbieten kann, sondern an den Realitäten scheitern muss. Das Nationale hat keine Zukunft, wenn die Wirtschaft und viele Bereiche der Kultur längst die Staatsgrenzen überschritten haben. Das Gestrige liefert kein Verständnis für das Morgige, geschweige denn das Vorgestrige für das Übermorgige. 

Zum Weiterlesen:
Fortschritt trotz Rückschritten
Moralischer Fortschritt
Das "Recht des Stärkeren"


Dienstag, 7. Februar 2023

Dankbarkeit: Das universale Heilmittel.

Die Dankbarkeit ist ein Universalheilmittel. Sie befreit von Sorgen und Problemen. Sie bringt uns sofort in den Moment und in die Verbundenheit mit dem Ganzen. Wenn wir auf unser Leben als Ganzes schauen, müssen wir zugeben: Wir haben so viele Geschenke erhalten, seit wir auf der Welt sind, ganz abgesehen von dem unermesslichen Geschenk des Lebens überhaupt. Was wir zurückgeben können, ist im Grund nicht viel mehr als unsere Dankbarkeit.

Im Gefühl der Dankbarkeit schwinden die Unterschiede zwischen Innen und Außen. Es vollzieht sich ein permanentes Geben und Nehmen, ein Fließen des Austausches. Das eigene Ich tritt zurück und wird unwichtig. Das Leben fühlt sich leicht an und ausgerichtet auf das, was von selber geschehen will. Dankbar zu sein befreit von übermäßigem Verlangen, Habenmüssen, Tunmüssen, befreit von Selbstwertproblemen und Selbstzweifeln. In der Dankbarkeit erfahren wir, dass es immer ein Größeres gibt als die kleinen Themen, mit denen wir gerade identifiziert sind.

Wenn wir uns bei jemandem bedanken, fühlen wir uns mit ihm verbunden und er mit uns. Wenn wir uns bei dem großen Ganzen, bei der Natur, bei unserem Körper, bei unseren Begabungen bedanken, sind wir mit dem verbunden, dem unsere Dankbarkeit gilt, und dieses verbindet sich mit uns. Jede Verbindung enthebt uns der Verstricktheiten in unsere Alltagsgeschichten und webt uns ein in die umfassende Geschichte, von der wir nur ein winziger Teil sind.

Werden wie die Kinder

Im Zustand der Dankbarkeit erkennen wir, dass wir wie Kinder sind. Kinder bekommen alles, was sie brauchen, ohne dass sie all das jemals zurückgeben können. Alles, was sie zu geben haben, ist ihre Liebe und Dankbarkeit. In der Dankbarkeit werden wir zu Kindern dieser Erde und gewinnen die kindliche Unschuld zurück.

Ähnlich geht es uns im Erwachsensein, in dem wir so viel kriegen und im Grunde vergleichsweise so wenig zurückgeben. Allein die Luft, die wir in jedem Moment zum Atmen brauchen, ist für uns da, ohne dass sie etwas von uns verlangt. Was wir zurückgeben, die Ausatemluft, dient uns zur Entlastung und den Pflanzen als Energielieferant. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, wurde von der Erde, der Sonne und von der Arbeit von anderen Menschen erzeugt. Die Bildung, die wir erworben haben, verdanken wir denen, die sie uns vermittelt haben. Ein Buch, das wir lesen, kostet seinen Preis, aber sein Inhalt ist unermesslich.

Mit der Dankbarkeit bringen wir ins Gleichgewicht, was sich sonst in einem Überhang nach unserer Seite neigt: Das Übermaß dessen, was wir bekommen im Vergleich zu dem, was wir geben. Mit dem Größeren, das uns im Geben immer voraus ist, können wir nur mit Dankbarkeit in Balance kommen. Dadurch gleicht sich das Verhältnis mit dem Außen aus und zugleich findet unser Inneres zu sich selbst. Wir kommen in einen tiefen Frieden mit uns und mit der Welt um uns.

Das Böse in dieser Welt

Wie aber können wir angesichts des Schlimmen in der Welt dankbar sein? Das Schlimme ist schlimm, daran lässt sich nichts rütteln. Das menschliche Leid, das durch Unbewusstheiten und Bosheiten angerichtet wird, verdient unser Mitgefühl. Jede Dankbarkeit für Übeltaten wäre zynisch und fehl am Platz. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, das Schlechte zum Guten zu wenden, soweit es in unserer Macht liegt. Unsere Aufgabe ist es also, Raum für Dankbarkeit zu schaffen. Wo Schlimmes dem Guten weicht, wo etwas in der Welt wieder ins Lot kommt, sollten wir dankbar sein.

Selbst für die Fähigkeit, etwas zu verbessern, über die wir oder andere verfügen, ist unsere Dankbarkeit angesagt. Denn diese Fähigkeit ist nicht unsere Errungenschaft, sie ist uns oder anderen gegeben. Außerdem bietet alles, was wir „aus uns heraus“ erschaffen, Anlass für Dankbarkeit, denn selbst das ist nur zum geringeren Teil unsere aus uns erzeugte Leistung, sondern der Ertrag einer Leistungsfähigkeit, die wir geschenkt bekommen oder mit der Hilfe anderer erworben haben.

Wir sollten nie übersehen, dass in jedem Schlechten etwas Gutes steckt, in jedem Bösen etwas Menschliches. Es gibt das Böse nicht in Reinkultur, unvermischt, sondern nur in einer Gemengelage mit den verschiedensten Motiven und Strebungen. Wenn wir uns bemühen, das Schlechte und Böse zu verstehen, werden wir entdecken, wie vielschichtig diese Phänomene sind. Da gibt es Schichten im Bösen, die gut sind und für die wir dankbar sein können, ohne die anderen Schichten, die sich oft darüber gelagert haben, zu übersehen oder zu bagatellisieren. Wir werden das Böse, wenn wir es erforschen, nicht mehr als Feind und Widersacher sehen, sondern als einen komplexen Teil der Wirklichkeit. Damit verliert es seine dämonische Macht.

Alle Formen von Bosheit weisen auf etwas hin, was nicht in Ordnung ist. Ein Mensch, der stiehlt, macht das, weil er meint, benachteiligt zu sein. Er macht uns auf soziale Ungleichheiten aufmerksam, die verändert werden sollten. Dazu kommt, dass jede böse Tat einen Widerstand hervorbringt, der das Böse nicht zulassen will und nach neuen Formen des Guten sucht. Es gibt nichts Böses, das unwidersprochen bleibt. Alles Schlimme, das geschieht, erzeugt neue Anreize für das Lernen. Deshalb folgen auf schwierige Epochen der Geschichte, in denen die Gewalt vorherrschte, solche mit neuen ethischen Errungenschaften.

Dankbarkeit für körperliches Leiden?

Wie schaut es mit der Dankbarkeit aus, wenn wir unter Schmerzen stöhnen oder unter einem hartnäckigen Gebrechen leiden? Sollen wir dafür dankbar sein? Körperliches Leiden zieht all unsere Aufmerksamkeit auf sich, sodass wir oft an gar nichts anderes denken können. Erst wenn wir wieder genesen, wissen wir es zu schätzen, frei von Schmerzen zu sein. Unsere Gesundheit gewinnt einen ganz anderen Wert, und wir nehmen uns vor, sie nicht für selbstverständlich zu halten, sondern für etwas, das unsere Fürsorge und Vorsorge benötigt. Wir erkennen, wie wichtig es ist, in der Achtsamkeit auf unseren Körper und seine Bedürfnisse beständiger zu sein. Dazu hilft uns die Übung der Dankbarkeit, bei der wir uns bei unserem Körper für sein permanentes Bewirken bedanken und den verschiedenen Teilen, Organen und Geweben unseres Körpers unsere Wertschätzung geben. Auf diese Weise stellen wir einen Einklang zwischen unserem Körper und unserem Geist her, die beiden Seiten Gutes tut. Wir setzen uns mit unserer Dankbarkeit aktiv dafür ein, unsere Gesundheit auf eine nachhaltige Basis zu stellen.

Krankheiten stellen besondere Aufgaben des Lernens für uns dar. Sie bringen uns in Kontakt mit unserer Verletzbarkeit, Bedürftigkeit und Schwäche. Sie fördern unsere Selbstachtsamkeit. Letztlich erinnern sie uns an unsere Endlichkeit. Und sie weisen uns darauf hin, wie kostbar das Geschenk unseres Lebens ist.

Zum Weiterlesen:
Dankbarkeit - die hohe Schule der Lebenskunst
Wertschätzung für unseren Körper
Die Welt der Wunder

Donnerstag, 7. Juli 2022

Böse sind immer die anderen, oder?

Was andere falsch machen und uns antun, merken wir meist schneller als das, was wir selber angestellt haben. Wenn andere unsere Grenzen überschreiten oder missachten, reagiert unser System sofort mit Alarmreaktionen, und wir merken uns solche Vorfälle auch leichter, weil sie in unserem Angstgedächtnis solide abgespeichert werden. Deshalb kommen wir schnell zur intuitiven Auffassung, dass das Böse um uns herum geschieht und wir selber nur ganz selten, wenn überhaupt, seiner Versuchung unterliegen. Außerdem meinen wir, dass unser Leid schlimmer ist als das der Menschen, die sich bei uns über unser Verhalten beklagen. Den eigenen Schmerz spüren wir allemal stärker als jenen der Mitmenschen.

In Beziehungen entstehen aus diesen Sichtweisen die bekannten Ping-Pong-Spiele, die wir schon im Sandkasten mit Gleichaltrigen gelernt haben: Du warst zuerst gemein zu mir; du warst viel böser zu mir als ich zu dir; du hast mich tiefer verletzt als ich dich, usw. 

Wenn wir nicht ganz unverschämt sind, sehen wir einen Teil der Schuld an solchen Streitereien bei uns, aber üblicherweise den kleineren. Wir wähnen uns als die Besseren und können damit unsere Selbstachtung aufrechterhalten. Zugleich geraten wir in die Opferrolle, denn wenn wir schwerer betroffenen sind als die andere Person, sind wir als Opfer einem mächtigeren Täter in die Hände geraten. Die Opferrolle ist mit Ohnmacht und Hilflosigkeit verbunden, und deshalb ist sie uns sehr unsympathisch, auch wenn sie uns dazu dienen kann, diejenigen, die uns Böses antun, anzuprangern. Tätersein ist noch unsympathischer als die Opferrolle. Schließlich können wir mit der Unterstützung und Empathie der Umwelt rechnen, wenn wir unschuldig einer Bosheit zum Opfer fallen.

Diese Dynamik kennen wir aus vielfältigen Beziehungserfahrungen. Anderen Böses zuzuschreiben haben wir früh gelernt, als unsere Eltern einer Verwechslung aufgesessen sind: Wir haben als Kinder etwas gemacht, was nicht den Regeln oder Erwartungen entsprochen hat, und wurden dafür mit moralischen Zuschreibungen zurechtgewiesen: Du bist böse, wenn du so etwas machst. Die Eltern haben unser unschuldiges und unwissendes Verhalten mit unserer Person verwechselt und diese infrage gestellt, was uns auf einer tiefen Ebene getroffen, verunsichert, beschämt und verletzt hat.

Später nutzen wir als Waffe, was uns früher verletzt hat. Unser Unbewusstes will sich rächen für Verletzungen, die uns früh zugefügt wurden. Andere Menschen werden zur Projektionszielscheibe, obwohl die Beschädigung, die uns leiden lässt, schon lange vorher zugefügt worden ist.

Die Notwendigkeit und Relativität der moralischen Kritik 

Wenn es nun so heikel und missverständlich ist, wenn wir das Böse in anderen wahrnehmen und rückmelden, sollten wir deshalb lieber den Mund halten? Sollten wir wegschauen oder darüber hinweggehen? Wir müssen Akte des Bösen, die andere begehen, benennen. Denn die Untaten von Mitmenschen zu ignorieren, zu vertuschen oder zu entschuldigen, ist selber eine Untat, weil sie das Bestehen von Amoralität unterstützt oder begünstigt. Wir sind also beim Wegschauen, Schönreden, Bagatellisieren oder Ablenken von bösen Handlungen selber mit dem Bösen im Bunde. Böses, das nicht in die Schranken gewiesen wird, neigt zur Wiederholung und Ausbreitung. Wer mit Betrug Erfolg hat, wird zu weiteren Betrugshandlungen ermutigt. Wer mit gewaltsamer Konfliktlösung durchgekommen ist, wird schneller den Impuls verspüren, den anderen niederzureden oder zuzuschlagen.

Wir helfen grundsätzlich dem Guten, wenn wir Böses aufzeigen und auf Täter und ihre Taten aufmerksam machen. Allerdings ist das Benennen des Bösen nur gut, wenn die angeprangerte Tat wirklich böse ist, was oft nicht zweifelsfrei festgestellt werden kann. Es kann sein, dass wir die Sachlage nicht ausreichend überprüft haben und deshalb eine ungerechtfertigte Kritik anbringen, die aus Projektionen gespeist ist und der anderen Person Unrecht tut.

Dazu kommt, dass es individuelle Maßstäbe für das Gute und das Böse gibt, die durch Kindheitserfahrungen entstanden sind. Dazu kommen noch kollektive Einflüsse. Sie stammen aus dem sozio-kulturellen Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind und enthalten häufig gewichtige Anteile an ungeprüften Ideologien und Glaubenssystemen. All diese Maßstäbe sind von Emotionen und emotional geprägten Erfahrungen getränkt, die meist über das Unbewusste die inneren Bewertungskriterien beherrschen und in der öffentlichen Debatte mitmischen. Die rationalen Begründungen bei solchen Bewertungen und daraus abgeleiteten Maßstäben spielen im Allgemeinen nur die zweite Geige.

Die Rolle der Scham

Moralische Kritik ist also für die Pflege des Zusammenlebens notwendig. Sie bedient sich der Scham als emotionalem Hebel: Wer eines asozialen Verhaltens beschuldigt wird, soll mit Scham reagieren und mit deren Unterstützung sein Verhalten ändern. Das schlechte Gewissen für eine schlechte Handlung entsteht, wenn ihre Sozialschädlichkeit erkannt und benannt wird. Oft meldet sich das Schamgefühl gleich nach der Tat, manchmal braucht es die Nachhilfe durch aufmerksame Mitmenschen. In diesen Fällen war eine Schamabwehr aktiv, die die eigene Schamreaktion unterdrückt hat, indem es ein Gefühl der Selbstrechtfertigung erzeugt hat.

Die Zwiespältigkeit der moralischen Kritik

Was noch zu beachten ist: Bei der Kritik am Verhalten anderer Menschen begeben wir uns allzu leicht in die übergeordnete Position einer moralischen Autorität, die uns eigentlich nicht zusteht. Wir sind ja keine besseren Menschen als all die anderen, wir verfügen nicht über das Monopol der moralischen Bewertung. Vielmehr befinden wir uns grundsätzlich mit allen Menschen auf einer Augenhöhe. Nur wenn jemand durch sein Tun aus dem konsensuellen Rahmen des Zusammenlebens ausgeschert ist und auf Kosten der Mitmenschen den eigenen Vorteil betreibt, wenn also jemand die Ebene der Augenhöhe verlassen hat, muss die Überschreitung der Regeln kritisiert und eine Korrektur eingemahnt werden. Vorausgesetzt, es handelt sich um Regeln, die für das Zusammenleben unerlässlich und erforderlich sind, damit es weiterhin funktionieren kann.

Wir befinden uns also in einer Zwickmühle: Wir müssen das Böse in den anderen Menschen aufzeigen und begeben uns selber ins Reich des Bösen, sobald wir uns auf ein moralisches Podest stellen und von dort mit Verachtung auf die Übeltäter herabschauen. Dieser Falle entgehen wir nur, wenn wir unsere Kritik möglichst frei von Ego-Einflüssen halten. Im Grund handelt es sich um einen selbstlosen Dienst, den wir damit der Gemeinschaft leisten. Wir sollten dabei nicht zulassen, dass sich Impulse zum Beschämen einschleichen, wie z.B. bei einer herabwürdigenden oder lächerlichmachenden Kritik. Auch spöttische Belehrungen, haltlose Unterstellungen, Erpressungen oder Drohungen fallen unter diese Kategorie, die aus moralischer Arroganz gespeist ist. 

Egofreie Rückmeldungen

Stattdessen gilt es, darauf zu achten, dass die Kritik von einem Ort der Wertschätzung kommt. Die kritisierte Person sollte als Mensch respektiert werden und sich so fühlen können, und diese Haltung sollte auch in der Form der Kritik zum Ausdruck gebracht werden, indem wir sie mit Respekt und Höflichkeit äußern. Was auch immer Menschen Böses tun, berechtigt uns nicht, eine Position der verachtenden Überheblichkeit einzunehmen, aus der heraus wir die andere Person als ganze aburteilen. Sobald sich also unser Ego einmischt, richten wir mehr Schaden an als wir an Nutzen erzeugen können.

Wir alle verfallen selber manchmal dem Antrieb zum Bösen, ohne dass wir es wirklich wollen. So geht es auch den anderen, wenn sie Schaden anrichten: Ihr Unbewusstes hat sie im Griff. Wir sind in unserer Anfälligkeit für das Böse gleich. Wir können nur selber dafür sorgen, dass sich diese Antriebe verringern. Von den anderen können wir nur hoffen, dass sie zu besseren Menschen werden wollen.

Kritik, die wir im Rahmen von Respekt und Wertschätzung ausüben, hat viel höhere Chancen darauf, dass sie angenommen und umgesetzt wird, als aggressiv oder abschätzig geäußerte Rückmeldungen. Sobald eine moralische Kritik mit druckvollen Änderungserwartungen verstärkt wird, erzeugt sie Ängste und Schamgefühle, die zu Abwehrformen und Widerstand führen. Wenn hingegen spürbar ist, dass es die Person, die uns kritisiert, grundsätzlich gut mit uns meint, tun wir uns leichter, unser Verhalten zu ändern. Umgekehrt heißt das, dass wir, wenn uns das Verhalten anderer stört oder verletzt, nur mit einer achtungsvollen Einstellung bewirken können, dass sich die andere Person ändert. Jeder Druck, jeder Stress, den wir in die Rückmeldung hineinlegen, läuft unseren eigenen Intentionen zuwider und führt zum Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen. 


Dienstag, 9. Oktober 2018

Gerechtigkeitsideen im Advaita

Manche Advaita-Lehrer finden, dass die Gerechtigkeit in der Welt durch ein von vornherein in diese Welt implantiertes Ausgleichsprinzip zwischen dem Guten und dem Bösen gewährleistet wird.

Der Advaita-Lehrer Werner Ablass schreibt z.B.: „Gottt ist absolut chancenlos sich selbst in seiner Manifestation zu helfen. So groß und gewaltig die Macht Gotttes ist, ist auch seine Ohnmacht! 50:50. Also im exakt gleichen Verhältnis wie Licht und Schatten, Hässlich und Schön, Gut und Böse zueinander.“ (Werner Ablass: Außergewöhnlich gewöhnlich. BoD Norderstedt 2018, S. 202) (Anm.: Werner Ablass schreibt Gottt mit drei t, um seinen Gottesbegriff von einem alltäglich verwendeten zu unterscheiden.)

Unser romantisches Gerechtigkeitsempfinden


Wir verfügen offensichtlich über ein biographisch und ästhetisch begründetes Gerechtigkeitsempfinden – jeder, der Geschwister hat, ist damit besonders imprägniert –  und wir fühlen uns wohl, wenn Güter paritätisch geteilt werden. Das ist das Prinzip des Erbrechts in vielen Kulturen: Kinder sollen von ihren Eltern gleichviel erben. Wenn alle gleich viel haben, wird alles gut, so die romantische Hoffnung.

Davon ausgehend erscheint es zwar plausibel, dass das Hässliche und das Schöne, das Gute und das Böse, dass also alle Dualitäten in gleichen Anteilen im Gesamtplan vertreten sind. Aber wir können nicht einmal wissen, ob irgendwer oder irgendwas außer uns Menschlein im Universum an dieser Form von distributiver Gerechtigkeit interessiert ist. Und zu klären bleibt, ob dieses Ideal, das wir uns im großen Ganzen wünschen, im Grund nur dazu dient, unsere unerfüllten kindlichen Sehnsüchte zu befriedigen: Es sollen am Ende alle Unebenheiten in Gerechtigkeit ausgeglichen werden, ein grandioses Happyend zur Feier des Endes der Geschichte. Vielleicht brauchen wir für die Tröstung dieser Bangigkeit nicht einmal eine spirituelle Lehre, sondern es genügt unser inneres Verständnis für unser vielfältiges biographisches Leiden an diversen Ungerechtigkeiten.

Gibt es eine ästhetische Waage?


Aus anderen Gründen fraglich ist die Vorstellung vom Ausgleich zwischen den gerne so genannten Dualitäten. Die Anwendung des Begriffs der Dualität habe ich schon an anderem Ort in Frage gestellt. Ob Schönes und Hässliches ausgeglichen im Universum vertreten ist oder nicht, scheint mir eine letztlich unbeantwortbare und ins Uferlose führende Frage, weil es gerade in diesem Bereich von unendlichen Subjektivitäten nur so wimmelt. Was für die eine Person der Inbegriff des Schönen ist, z.B. ein Klavierkonzert von Mozart oder ein Selbstportrait von Rembrandt, kann für die andere Person hässlich oder belanglos sein. Es geht der Prozess der kulturellen Evolution in einer kreativen Weise weiter und schafft beständig neue Kriterien für das Schöne, unbeschadet der Befunde über ein ultimatives Ergebnis der kosmischen ästhetischen Waage.

Unterwegs zu einer gerechteren Gesellschaft


Noch problematischer wird es im Bereich der ethischen Polarität zwischen dem Guten und dem Bösen. Wenn wir proklamieren, dass sich das Verhältnis zwischen dem Guten und dem Bösen immer im Gleichmaß auspendelt, bewegen wir uns von einem schlüpfrigen auf ein tendenziell asoziales Terrain. Denn wir brauchen für das Funktionieren und für die Verbesserung unserer Gesellschaften und unserer Menschheitsgemeinschaft die Ausrichtung auf die Reduktion des Bösen zugunsten des Guten. Wir können auch, wenn wir einen distanzierten Blick auf die Menschheitsgeschichte richten, erkennen, dass sich die ethischen Standards und deren Implementierung laufend weiterentwickelt haben. Ein Höhepunkt war die Formulierung der Menschenrechte ab dem 18. Jahrhundert und deren weltweite Proklamation im Jahr 1948. Wenn heute z.B. sexuelle Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche oder sexuelle Übergriffe in der MeToo-Bewegung angeprangert werden und häufig zu gerichtlichen Verfolgungen führen, zeigt sich der Fortschritt im ethischen Bewusstsein. Verletzungen der Menschenwürde, die vor Jahrzehnten noch vertuscht, verschwiegen und bagatellisiert wurden, kommen zunehmend in ihrer Bosheit in die Öffentlichkeit, wodurch eine Erweiterung und Vertiefung der ethischen Normen und Werte erfolgt.

Steven Pinker (Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Fischer TB 2013) hat in Hinblick auf den Begriff der Gewalt eine detaillierte Studie vorgelegt, in der er nachweisen konnte, dass es einen durchgängigen Trend in der Menschheitsgeschichte gibt, der die kontinuierliche Reduktion von Gewalttaten anzeigt. Der Trend hat sich zwar im letzten Jahrzehnt abgeflacht (als Folge der vielen bürgerkriegsartigen Konflikte auf der Welt), aber aufs Ganze der Geschichte bezogen, ist der Befund eindrucksvoll und überzeugend, wenn auch möglicherweise subjektiv kontraintuitiv.

Wenn wir nun – aus welcher Quelle oder übernatürlichen Einsicht heraus auch immer – darauf beharren, dass das Gute und das Böse immer in Balance bleiben und aus Prinzip bleiben müssen, kann uns das vielleicht helfen, mit dem Ausmaß an Bösem in der Welt, das uns manchmal überfordert und überwältigt, zurecht zu kommen. Es kann vielleicht als Trost dienen, wenn wir uns einreden, dass den Bösen irgendwann auch Böses widerfahren wird, wie in einem gängigen Hollywood-Film, und dass die armen Guten, die immer draufzahlen, schließlich und endlich doch ihren Lohn bekommen. Aber wir erlangen auf dieser Ebene keine spirituellen Meriten, sondern im günstigen Fall die Heilung von Wunden aus unserer eigenen Lebensgeschichte.

Vielmehr laufen wir Gefahr, mit dem Konzept von der Ausgleichung von Gut und Böse in eine ethische Nivellierung zu geraten. Wir missbrauchen dabei die Advaita-Lehre für einen sozialethischen Indifferentismus, der im gesellschaftlichen Kontext bestens dafür taugt, reaktionäre und asoziale Tendenzen zu unterstützen oder zu rechtfertigen. Jeder Extremist, der der Gesellschaft seine Moralvorstellungen mit Gewalt aufzwingen will, hätte sonst eine perfekte Rechtfertigung seiner menschenverachtenden Taten: Ich will ja nur die guten Taten mit etwas Bösem ausgleichen.

Wir alle sind, Advaita hin oder her, Teil der Gesellschaft, ob viertel-, halb- oder ganz erleuchtet, erwacht oder normal neurotisch. Und auf dieser Ebene tragen wir unsere individuelle Verantwortung, die uns niemand abnehmen kann, auch keine spirituelle Lehre, dafür, dass sich die Achtung unter den Menschen verstärkt und die Missachtung zurückgeht. Nehmen wir diese Verantwortung nicht wahr, so behindern wir aktiv die Weiterentwicklung des Guten zugunsten des Bösen. Nutzen wir dafür eine spirituelle Theorie, dann agieren wir einfach als blinde Heuchler.

Innenarbeit verringert das Böse


Nach meiner Ansicht und Einsicht kann die Advaita-Lehre nur funktionieren, wenn sie anerkennt, dass Menschen in ihrer inneren Entwicklung, in der sie sich mehr und mehr von Ängsten und Verletzungen lösen und in Frieden mit sich und der eigenen Geschichte gelangen, immer mehr ihre Impulse verlieren, böse zu handeln und statt dessen zur Selbstverständlichkeit des Guten gelangen.

Um es im Kontext von Advaita auszudrücken: Im Bewusstsein der Einheit mit dem Ganzen, in dem das, was geschieht, ohne Entscheidung, Handlung und Verantwortung geschieht, geschieht das, was im konventionellen sozialen Sinn als das Gute bezeichnet wird, „von selber“ und es wird ebenso das Böse weniger. Wer mit sich selbst im Frieden ist, verspürt keinen Impuls mehr, andere in Unfrieden zu stürzen. 

In diesem Sinn haben wir jeden Grund, darauf zu vertrauen, dass das Gute mehr und das Böse weniger wird, je mehr Menschen sich ihrer eigenen inneren Entwicklung und spirituellen Suche widmen. Die Welt darf ruhig eine bessere werden, d.h. das Leiden der Menschen soll weniger werden, und dafür tragen wir alle die Verantwortung. Denn jeder von uns kann dazu seinen Beitrag leisten, durch innere Heilungsschritte und dadurch, im Außen Gutes zu tun und Böses zu lassen. Kosmologische Theorien, die ein vorherbestimmtes Gleichgewicht zwischen diesen Polen proklamieren, können dieser Entwicklung nur im Weg stehen und sollten deshalb nicht weiter ernst genommen werden.

Die ethische und die spirituelle Vernunft


Zuständig für das Gute und das Böse sowie deren Unterscheidung ist die ethische Vernunft (die bei Immanuel Kant die „praktische Vernunft“ heißt). Sie hat die Aufgabe, das Zusammenleben der Menschen zu regeln und zu verbessern, um eine menschenwürdige und friedliche Gesellschaft zu bilden. Die spirituelle Vernunft hat eine andere Aufgabe – sie prüft und verfeinert die Wege zur inneren Befreiung und zum inneren Frieden. Aus der Ethik und auch aus der Politik sollte sie sich tunlichst heraushalten, sonst kommt es zu Überscheidungen und Verwerfungen, für die es in der Geschichte bis heute viele abschreckende Beispiele gibt. Wann immer spirituelle Autoritäten – Kirchen, religiöse Führer und spirituelle Meister – kraft ihrer Autorität in „weltlichen“ Dingen mitmischen wollen, stehen sie in der Gefahr, Radikalität, Fundamentalismen und Gewalt zu säen.
Denn sie wecken in den Menschen die Hoffnung, es bedürfe nur der Durchsetzung bestimmter Werte, Normen oder Gesellschaftsordnungen, um ein inneres oder ewiges Heil zu erlangen. Mit dieser vermeintlichen Hoffnung verbinden die verzweifelten Menschen schnell die Bereitschaft zur Gewalt. 

Die spirituelle Vernunft macht uns auf die Unterschiede aufmerksam: Die Bereiche der Ethik und der Politik haben ihre eigenen Erfordernisse und Eigentümlichkeiten, und wer diese missachtet, wird dort scheitern, auch mit den besten Absichten. „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, ist man versucht zu sagen, wenn spirituelle Lehrer aus ihrer Weisheit heraus versuchen, ethische Grundfragen zu lösen oder politische Ansichten zu äußern. Ihre Kompetenz in diesen Themenbereichen bemisst sich nicht an der Kompetenz in der spirituellen Sphäre, sondern an ihrem Verständnis und Informationsstand für die ethischen und politischen Lebensbereiche und ist sonst in nichts anderen in diesem Feld überlegen.

Die spirituelle Weisheit ist viel zu weit entfernt von der Alltagspraxis und den damit verbundenen Problemen. Sie ist nicht tauglich für die feineren Differenzierungen zwischen Gut und Böse, die im zwischenmenschlichen Leben immer wieder neu gefunden werden müssen, und noch weniger für die komplexen Fragen der Machtverteilung und des Interessensausgleiches, die in der Politik ausverhandelt werden müssen. 

Jeder Mensch hat das Recht auf seine Meinungen und Stellungnahmen, und jeder sollte sich auch in die öffentlichen Diskurse einbringen. Aber eine wichtige Verantwortung spiritueller Führer und Lehrer liegt darin, die eigenen persönlichen Ansichten zu den lebenspraktischen Verhältnissen von den Weisheiten, die sie aus tieferen Quellen schöpfen, säuberlich und klar zu unterscheiden, um die Zuhörer und Schüler nicht zu verwirren oder zu manipulieren. Absolute und relative Wahrheiten müssen als solche gekennzeichnet werden, da es sonst zu einem Etikettenschwindel kommen kann. So sollten wir das Wort von Jesus anwenden: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Die Beschränkung auf das Wesentliche sollte ein Markenzeichen jeder spirituellen Lehre sein, denn das Absolute verträgt keine konstruierten subjektiven Beiwerke, sei die lehrende Person noch so berühmt und heilig.

Zum Weiterlesen:
Sind wir zwei oder eins?

Die Anhänglichkeit an die Dualität
Das Ego und die Dualität
Advaita und die Vorherbestimmung

Sonntag, 25. Februar 2018

Der Bösewicht in uns

Als „böse“ gelten Intentionen und Handlungen, die das Zusammenleben der Menschen erschweren und behindern, weil sie den Eigennutzen über den Gemeinnutzen stellen. Menschliche Gemeinschaften können nur funktionieren, wenn es einen fairen Ausgleich zwischen den individuellen Strebungen und den Bedürfnissen der Gruppe gibt. Diese Balance muss immer wieder hergestellt werden, durch Kommunikation und Diskurs in der Gesellschaft und durch die Instanz des sozialen Gewissens. Böses Handeln ist dann ein solches, das sich gegen dieses Gewissen und damit gegen das Gemeinwohl entscheidet.

Der Psychiater und Verbrechensforscher Reinhard Haller sagt: „Es muss im Menschen so etwas wie einen Moralinstinkt geben. Denn Delikte wie Töten, Vergewaltigen oder Rauben werden zu allen Zeiten, in allen Kulturen als verwerfliche Taten angesehen, die man verhindern und bestrafen muss. Der Mensch weiß das also instinktiv. Tatsächlich beginnt das Böse, glaube ich, an dem Punkt, an dem man den Moralinstinkt überspringt.“ (Interview in der ZEIT)

Was Haller als Moralinstinkt bezeichnet, würde ich das soziale Gewissen nennen, jene Instanz, die wir brauchen, um unsere inneren Impulse mit den Erfordernissen der Gemeinschaft abzustimmen. Das Gewissen macht uns darauf aufmerksam, dass wir Normen und Regeln beachten müssen, aber auch, dass wir den grundlegenden Respekt vor jedem anderen Menschen aufbringen müssen. Mein Eigennutz muss sich immer wieder diesen Werten unterordnen, damit die Gemeinschaft weiter bestehen kann. 


Die Leere nach der Tat


Wie geht es einem Verbrecher nach der Tat? Die Spannung, die mit der Planung der Tat verbunden war, fällt ab, das Ziel ist erreicht, das Böse ist getan. Der Täter fällt in eine Leere, die den Schmerz verdeckt über das, was anderen Menschen angetan wurde. Das soziale Gewissen holt jeden ein, die Strafe ist emotionale Kälte oder noch schlimmer, innere Leere, die durch den Verlust der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft entsteht. Die Tat schädigt in ihren Folgen den Täter selbst.


Wenn uns Böses widerfahren ist, sinnen wir auf einen Ausgleich, und das ist die Rache. Indem dem Bösewicht Böses zugefügt wird, soll er seine Bosheit erkennen. Rache ist süß, solange das Opfer leidet. Danach droht auch hier die Leere. Die Bitterkeit zieht ein. Die Leere bedeutet, dass durch die Tat nichts besser wird, sondern dass deutlich wird, dass die Tat durch die Illusion motiviert war, sie könne alles zum Besseren ändern. Der Bankräuber lebt nach der Tat in der Angst, erwischt zu werden, die ihm mehr Kraft kostet als der Mangel an Geld, an dem er möglicherweise vorher gelitten hat. Die Rächerin vermeint, dass das Leiden der anderen Person das eigene Leiden mindert. In Wirklichkeit bessert sich nichts, vielmehr leidet sie zusätzlich an ihrer eigenen Schlechtigkeit und an dem Verlust einer moralisch überlegenen Position gegenüber dem ursprünglichen Täter.


Der Gewöhnungseffekt an das Böse


Menschen verfügen über eine Hemmung vor unmenschlichem Verhalten, ob es nun ein Instinkt ist oder eine verinnerlichte soziale Instanz. Es bedarf einer starken Willensanstrengung oder eines heftigen Affekts, um über diese Schranke hinauszugehen. Viele Erfahrungen belegen allerdings, dass, sobald einmal die Überwindung der Hemmung geschehen ist, das böse Verhalten selbstverständlicher wird. Das soziale Gewissen stumpft ab, wird verdrängt und stillgelegt. Die Skrupel weichen einer asozialen Haltung. Der Täter stellt sich selber außerhalb der menschlichen Gemeinschaft (auch wenn er vielleicht Mitglied einer asozialen Teilgesellschaft ist) und wird zum Außenseiter.

An diesem Punkt kann das verwerfliche Verhalten nur durch eine starke Gegenreaktion der Gesellschaft aufgehalten werden, es müssen Strafen eingesetzt werden, um den sozialen Ausgleich wieder herzustellen und den böse handelnden Menschen mit seinem sozialen Gewissen zu konfrontieren, sodass es im besten Fall zu einer „Re-Sozialisierung“ kommt: Das Individuum, das mit seinem übermäßigen Bestreben nach Eigennutz aus dem sozialen Rahmen ausgeschert ist, bekommt die Chance, wieder einen Platz in der Gemeinschaft einzunehmen, vorausgesetzt der Egoismus wird reduziert und das Gemeinwohl erhält einen höheren Wert. Dazu ist es notwendig, dass dieser Mensch in sich das Böse integriert hat, sodass es nicht mehr als isolierter Teil der Persönlichkeit aktiv werden kann.


Das Böse in uns selbst


Wir alle haben den Wunsch in uns, dass es uns auf Kosten anderer besser geht. Wir alle kennen also das Böse in uns, auch wenn es einfacher ist, es im Außen zu lokalisieren und zu bekämpfen. Wir können unser Leben als Prozess der beständigen Auseinandersetzung zwischen unseren selbstsüchtigen Impulsen und unseren sozialen Orientierungen verstehen. Zu erlernen, bewusst mit diesen Konflikten in uns umzugehen, ist ein wichtiger Schritt zur inneren Freiheit.

Es geht zunächst darum, das Böse in uns zu spüren und anzuerkennen. Dazu müssen wir die Eitelkeit überwinden, die uns sagt, dass wir ja so gut sind oder dass wir das Böse in uns bekämpfen und nicht akzeptieren sollen. Allerdings hat jeder einen Verbrecher in sich, ob er sich offensiv oder verdeckt in unserem Leben äußert. Er ist durch viele Hemmmechanismen gezähmt, die aus unserem sozialen Gewissen und aus unserer Sozialisation stammen. Vermutlich fließen auch noch Prägungen ein, die wir aus der Generationenlinie übernommen haben.

Ein wichtiger Aspekt dieser Hemmungen ist die Angst vor diesen Impulsen und ihrer destruktiven Kraft. Das zerstörerische Potenzial des Bösen führt dazu, dass es verdrängt werden muss. Wollen wir also das Böse in uns erlösen, so müssen wir uns dieser unserer Destruktivität stellen. Es handelt sich um die Emotionen von Wut und Hass, die uns dabei begegnen. Diese Gefühle enthalten eine Menge Kraft und Energie, die wir ins Konstruktive transformieren können, indem wir ihre Destruktivität annehmen und überwinden.

Die Bereitschaft, in die Rolle des zerstörerischen Täters zu schlüpfen und sie als eigenen inneren Teil anzunehmen, verringert die Angst und ermöglicht den inneren Ausgleich zwischen der Opfer- und der Täterrolle. Weil wir erkennen, dass diese Energien Aspekte oder Teile unseres Inneren sind, können wir uns leichter von beiden Rollen desidentifizieren, von der gewohnten und der gefürchteten, der zum Selbstbild passenden und der fremden, angstbesetzten, und beide verlieren an Macht, die eine auf der bewussten und die andere auf der unbewussten Ebene. Im Alltagsverhalten kann keine von beiden mehr so leicht alleine das Kommando übernehmen. Die schwache Komponente, auf der die Opferrolle beruht, und die starke Komponente, die in der Täterrolle erscheint, gleichen einander aus, sodass immer wieder eine gute und kräftige Mitte erreicht werden kann, die balancierte Kraft, die flexibel auf die Umstände reagieren kann: Wenn die Situation vertrauensvoll ist, kann die weichere und nachgiebigere Seite zum Vorschein kommen; wenn die Situation riskanter ist, kann die härtere und durchsetzungsfreudige Seite wirksamer werden.

Der ausbalancierten Persönlichkeit kann kein Täter etwas anhaben, weil er einer klaren abgrenzenden Kraft begegnet. So besteht keine Gefahr, in die Opferrolle abzurutschen. Andererseits weitet sich der Bereich, in dem der soziale Austausch friktionslos und ausgeglichen abläuft, sodass kein Machteinsatz notwendig ist, um die Opferrolle zu vermeiden und keine Selbstverleugnung, um nicht Täter zu werden. Der ausbalancierte Mensch kennt das Böse in sich und erkennt es in anderen, muss diese Destruktivität aber nicht zum Einsatz bringen, weil die in sich ruhende Kraft den Respekt vor jedem anderen erlaubt und den Respekt von jedem anderen erzeugt.


Zum Weiterlesen:
Wut, das herausforderndste Gefühl
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses

Mittwoch, 12. November 2014

Über den Ursprung des Bösen und des Hasses

Gibt es einfach böse Menschen oder werden Menschen böse, obwohl sie gut sein wollen? Gibt es Menschen, die aus ihrem tiefsten Wesen heraus hasserfüllt sind, oder hassen Menschen, weil sie selber abgelehnt und unterdrückt wurden?

Lange Zeit war diese Frage strittig und abhängig von der anthropologischen Grundannahme: Das Böse ist im Menschen grundgelegt, z.B. als Folge seines Aggressionstriebs bzw. eines entsprechenden Gens, oder das Bösesein ist ein Verhalten, das anerzogen oder ankonditioniert wurde.

Ich denke, dass diese Frage mit dem Fortschritt an psychologischer Einsicht, auch unterstützt durch die moderne Hirnforschung eindeutig beantwortet werden kann. Dazu stelle ich zwei Argumente vor.

Das erste Argument wurzelt tiefer und geht auf die Geschichte der Menschheit ein, von den Anfängen bis jetzt. Aggression und Gewalttätigkeit waren zu jeder Zeit die Ausnahme in Vergleich zu prosozialen Handlungen. Sonst wäre das weitere Bestehen der Menschheit gescheitert. Ohne Fürsorge und liebevolle Unterstützung kann keine Generation heranwachsen. Auch wenn in frühen Kulturen das relative Ausmaß an Gewalttätigkeit größer war als in späteren Gesellschaftsformen, wie Steven Pinker (Gewalt. Die neue Geschichte der Menschheit. Fischer: Frankfurt 2013) nachweisen konnte, gilt auch hier schon die Regel, dass prosoziales Handeln die Regel und Aggression die Ausnahme war. Deshalb kann das erste Argument so formuliert werden: Menschliche Gemeinschaften brauchen, um langfristig existieren zu können, ein hohes Maß an freundschaftlicher Zwischenmenschlichkeit, und  böses Handeln findet deshalb nur in eingeschränktem Maß in besonderen Situationen statt, das auch im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsordnung sanktioniert wird.

Das zweite Argument stammt aus der psychologischen Perspektive. Menschen kommen nicht als „böse“ auf die Welt. Vielmehr sind sie für das Leben nach der Geburt mit einem hohen Maß an Liebesfähigkeit ausgestattet, das sie brauchen, um die erwachsenen Menschen für sich zu gewinnen. Schließlich müssen diese für sein Überleben sorgen. Alles, was das Baby dafür einsetzen kann, ist sein Charme, der die Herzen der Großen erweichen soll und im Normalfall das Fürsorgeverhalten auslöst.

Wenn die Erwachsenen um das Baby zu selten und immer wieder falsch auf diesen Appell reagieren, wenn sie also immer wieder die Bedürfnisse ignorieren oder nur mangelhaft erfüllen, dann schwindet der Charme des Babys, und die Liebesfähigkeit schrumpft in dem Maß, in dem sie nicht erwidert wird. Statt dessen wird das innere Gleichgewicht im Baby zerstört, es verliert zunehmend die Fähigkeit, sich nach dem Stress von drängenden Bedürfnissen wieder zurückregulieren zu können. Es baut sich eine grundlegende chronische Stressbelastung auf. Diese nimmt diejenigen Bereiche in der inneren Landschaft ein, die vorher von liebevollem Verhalten besetzt waren. Gleichsam in den verwahrlosten Arealen der Seelenlandschaft machen sich Aggression und Hass breit. Meist werden diese verödeten Landstriche des Inneren versteckt und abgeschirmt von der bewussten Einsicht, aber sie machen ihren Einfluss indirekt geltend.

Menschen mit chronifiziertem Stress haben im Grund nur zwei Möglichkeiten: Aggressiv oder depressiv zu werden. Manchmal ergeben sich auch Mischtypen. Und aus der therapeutischen Praxis wissen wir, dass Depressive zumeist und vor allem unter ihrer unterdrückten Wut leiden.

Also lautet das zweite Argument: Menschen werden böse, wenn ihnen Böses zugefügt wurde. Sie sind hasserfüllt, weil ihnen Hass entgegengebracht wurde. Sie können auch als Erwachsene nicht anders, weil ihnen insbesondere in Stresssituationen die Verhaltensalternativen fehlen. Sie können auf zu wenig Ressourcen im prosozialen Verhalten zurückgreifen, sodass sie aggressiv und hasserfüllt reagieren, wenn sie in eine Notlage kommen.

Sie neigen dann dazu, das, was ihnen selber in der frühen Zeit ihres Lebens angetan wurde, auf andere Menschen, die ihnen nichts getan haben, zu projizieren. Dazu eignen sich bekanntlich Menschengruppen, die als Außenseiter definiert werden. Diese kriegen dann den Hass ab, der eigentlich den Menschen gelten sollte, die die „Täter“ einer kindlichen Unterversorgung oder eines emotionalen oder sexuellen Missbrauchs waren, die also die erwachsene Verantwortung für Traumatisierungen hatten, die den Kindern widerfahren sind.

Die „Täter“ sind geschützt durch das mangelhafte Gedächtnis für solche schlimmen Erfahrungen. Denn wir haben einen Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, dass wir uns immer wieder an besonders schwierige und schmerzhafte Erfahrungen erinnern. Wir können mit Hilfe dieses Mechanismus zwar weiterleben, aber mit beschränkter Lebenskraft und Lebensfreude. Statt dessen tragen wir ein Potenzial an Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Hass mit uns herum. Dieses Potenzial kann dann jederzeit hervorbrechen und auf Unschuldigen abgeladen werden. Besonders eigenen sich für diese undankbare Rolle die eigenen Kinder, da uns deren Heranwachsen besonders an unsere eigene Kindheit mitsamt ihren Mängeln und Widernissen erinnert.

Damit kommen wir gleich zu der Erklärung, warum ich „Täter“ unter Anführungszeichen gesetzt habe. Wenn nämlich dieses Argument stimmt, dann waren Täter immer zuerst Opfer. Menschen werden nur zu bösen Tätern, wenn sie selber Böses erlebt haben und erleiden mussten. Solche Erfahrungen, die nicht verarbeitet werden konnten, reduzieren die Möglichkeiten für das Tun des Guten. Denn das Tun der Guten kann nur heranwachsen, wenn es vorgelebt und konsistent erwidert wird.

Wir brauchen also den „bösen“ Menschen kein unabänderliches Schicksal infolge einer schlechten genetischen Ausstattung, eines angeborenen mangelhaften Charakters andichten, sondern können darauf setzen, dass böses Verhalten eine Schutzhandlung darstellt, die nicht freiwillig und mit voller Verantwortung übernommen wird. Vielmehr wird sie gewählt, weil keine Alternative zur Verfügung zu stehen scheint, wenn der Stress und die innere Anspannung zu groß sind.

An anderer Stelle wurde schon dargelegt, dass es zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen der Liebe und dem Hass, kein Kontinuum wie zwischen hell und dunkel gibt, sondern dass wir das eine (das Gute) als das Normale des Menschen ansehen können, das er mehr oder weniger gut erfüllen kann, und das andere (das Böse) als die Ausnahme, die in Zuständen innerer Not gewählt wird.

Zum Weiterlesen:  
Liebe und Hass - eine Polarität?
Der Bösewicht in uns