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Mittwoch, 1. Juli 2026

Das Dämonische

„Gibt es eine dunkle Macht, die so feindlich und herrisch einen Faden in unser Inneres spinnt, woran sie uns dann packt und fortzieht auf einem gefahrvollen, verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muss sie sich in uns, wie wir selbst gestalten, ja unser Ich werden; denn nur so glauben wir an sie und weichen ihr den Platz, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“ (E.T.A. Hoffmann) 

Die dunklen Mächte im Inneren sind abstoßend und faszinierend zugleich. Die Beschäftigung mit dem Dämonischen ist riskant, wie Hoffmann in mehreren seiner Erzählungen geschrieben hat (“Der Sandmann”, “Die Elexiere des Teufels”, “Das Fräulein von Scuderi”). Denn sie fordern das rationale Ich heraus. Gewinnen sie die Oberhand, so kann das Ich zerfallen und dem Wahnsinn Platz machen. Gelingt es, sie mit Mut und Umsicht zu zähmen und zu bändigen, so wachsen die Persönlichkeit und ihre Ich-Autonomie. Wer mit den inneren Mächten Freundschaft geschlossen hat, den kann nichts mehr erschüttern. 

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
(Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 146) 

Das Ungeheuer im Inneren ist das Dämonische, die Verkörperung der Schattenseiten, der dunklen Bereiche der Seele. Es sind vor allem die zerstörerischen Kräfte, die im Seelengrund schlummern, aber immer wieder an die Oberfläche drängen. Wenn man mit ihnen kämpft, wird man zum Krieger, der vernichten will, wird also selbst zum zerstörerischen Ungeheuer. Wenn man den Kampf verweigert, bleiben die Scham und die Angst. Wer sich wegduckt und klein macht, verharrt in der Position der Ohnmacht und erzeugt einen inneren Druck, der dazu führt, dass auf einer anderen Ebene die passive Aggressivität wirksam wird.  

Der Blick in den Abgrund erfordert Mut, er bringt in Kontakt mit den Dämonen, und die Dämonen blicken mit der unerbittlichen Botschaft zurück: Stell dich uns oder gib auf! Der Abgrund, der in dich hineinblickt, präsentiert die Herausforderung, dich allen Ängsten, Wut- und Hassgefühlen, allen beschämten Aspekten zu stellen. 

Nach Sigmund Freud ist das Unheimliche ein Seelenteil, der verdrängt und dadurch entfremdet wurde. Als Dämonisches drängt es ins Bewusstsein, damit er gesehen und verstanden werden kann. Doch das verängstigte Ich reagiert mit allen Mitteln der Abwehr, um sich dem Schrecken nicht stellen zu müssen. So muss sich das Verdrängte neue Wege suchen, um ans Licht zu kommen. Es wird nicht lockerlassen, bis es an sein Ziel kommt. Träume, Fehlleistungen und neurotische Verhaltensweisen sind Wege, auf denen es sich bemerkbar machen wird. 

Die gesellschaftliche Dimension des Dämonischen 

Während Nietzsche und Freud das Ungeheuerliche im Inneren des Menschen beschrieb, erkannten die Dialektiker der Aufklärung (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno) dämonische Dimensionen in der Verstrickung der menschlichen Vernunft mit dem technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Die Natur soll beherrscht werden, aber am Ende ist es der Mensch, der von den Geistern, die er rief, nicht mehr loskommt und von ihnen beherrscht wird. Weil die Vernunft, die zum Instrument der Naturbeherrschung geworden ist, nicht mehr das Ganze im Blick haben kann, wird sie ihrer Aufgabe untreu, das Gerechte und Menschliche einzumahnen.  

Neue Formen der Unterdrückung der Menschlichkeit gehen mit den Glücksversprechen der Moderne einher und konterkarieren sie. Während die Menschen mehr Freiheiten und Rechte genießen können, werden sie neuen Zwängen im Konsum und in den Leistungsanforderungen ausgesetzt. Je mehr Glücksmöglichkeiten sich öffnen, desto größer werden die Ängste, das bereits Erworbene wieder zu verlieren. Um diese Spannung zu kompensieren, kommt es zu Rückfällen in den Mythos, zu Versuchen der Welterklärung mit vormodernen Mitteln. Dabei werden die emotional aufgeladenen und zerstörerischen Kräfte dieser archaischen Erzählungen geweckt, in denen alles gebündelt werden kann, was die Moderne an Schattenseiten hervorgebracht hat. 

Der Teufelspakt  

Thomas Mann, Zeitgenosse und Gesprächspartner von Adorno, griff die Dynamik des Dämonischen in seinem Roman „Doktor Faustus“ auf. Der Komponist Adrian Leverkühn will Musik schaffen, die einer völligen rationalen Kontrolle unterliegt, eine strenge Form der Zwölftonmusik. Es kommt aber zum Umschlag: Die Musik erstarrt, wie gebannt von dem Zwang, der ihr auferlegt wird – so wie in der Dialektik der Aufklärung die Vernunft, statt zur Erweiterung der Freiheit zu führen, in die Unterdrückung umschlägt.  

Es kommt im Roman dann zu einer Begegnung des Komponisten mit dem Teufel, also mit dem verkörperten Dämon. Der faustische Pakt, den Leverkühn mit dem Teufel eingeht, ist ein tollkühnes Bündnis mit den unbewussten Kräften, für den Zweck, die künstlerische Kreativität aus allen kulturellen Schranken zu befreien.  Der Preis, die Überwältigung des rationalen Ichs durch die unkontrollierten Mächte des Unbewussten im Dienst des Absoluten in der Kunst, besteht im Missbrauch des Spirituellen für ungelöste innere Konflikte. Die Vernunft wird also geopfert, um einem Ego-Bedürfnis zum Durchbruch zu verhelfen. 

Der historische Wiederholungszwang

Es handelte sich beim sozialphilosophischen und beim literarischen Zugang um den Versuch, die Barbarei des Nationalsozialismus zu verstehen. Die Kapitulation und der Verrat der Vernunft vor den mythologischen Ideologien durch das scheinbar aufgeklärte Bürgertum in den hochentwickelten europäischen Staaten und Kulturräumen hat mit dem unerforschten Dämonischen zu tun, das seine Anziehungskraft aus seiner Verdrängung gewinnt. Es handelt sich dabei nicht nur um Mächte, die im Individuum unterdrückt sind, sondern auch um Dynamiken, die das kollektive Bewusstsein prägen.  

Unschwer können wir erkennen, dass wir uns heute wieder in einer Zeit befinden, in der sich die Dialektik der Aufklärung in neuem Gewand zeigt. In den Ländern mit dem höchsten Wohlstand im Vergleich zu ärmeren Regionen und zu allen bisherigen Geschichtsepochen steigen Unzufriedenheit und Unsicherheit, verbunden mit dem Wiederaufleben des Dämonischen, das sich in narzisstischen und empathielosen Politikern zeigt, deren hasserfüllte Parolen immer mehr Menschen faszinieren. Die Faszination kommt daher, dass Leute bewundert werden, die ohne Scham aussprechen, was im eigenen Unbewussten lauert und Angst macht.

Solange das Dämonische nicht verstanden und integriert ist, wird es sich immer wieder melden. Das gilt auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene. 

Zum Weiterlesen: 
Die spirituelle Umgehung
Die Kraft der Zerstörung
Auf dem Weg zur Hassgesellschaft?

 

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Migrationsmythen und die Realität

Das Thema Migration ist emotional hoch aufgeladen und beherrscht die Politik. Gerade deshalb ist es dafür geeignet, dass sich Mythen bilden. Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger hat ein Buch geschrieben, in dem sie auf der Grundlage vieler Studien Narrative und Mythen zur Migrationspanik" entkräftet. Der folgende Artikel ist aus dieser Quelle gespeist und mit eigenen Gedanken ergänzt. Die Zitate beziehen sich auf das Buch: Judith Kohlenberger: Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert. Wien: Picus Verlag 2025

Mythos 1: Die Massenzuwanderung hat zur Ausländerfeindlichkeit und zum Aufstieg der Rechtsparteien geführt.

Realität: Die immer restriktiver werdende autoritäre bis brutale (Stichwort „Push-Backs“) Asyl- und Migrationspolitik hat die Migration als größte Gefahr für den Nationalstaat populär gemacht. Es ist also umgekehrt: Die Ausländerfeindlichkeit hat nur den Rechtsparteien genutzt, gleich ob sie von linken oder konservativen Parteien benutzt wurden. Die rechten und rechtsextremen Parteien konnten an Zulauf gewinnen, weil sie dieses Narrativ am glaubwürdigsten vertreten und in der Regel über wenig andere politische Ziele verfügen. Eine restriktive Migrationspolitik hat das Ziel einer umfassenden Abschottung („Grenzen dicht machen“), weil ja angeblich die Gefahr so groß wäre. Die Angst, von welcher Seite auch immer sie gesät wird, bedienen die rechtsradikalen Kräfte besser als die moderaten.

Mythos 2: Die Fluchtursachen haben nichts mit uns zu tun, wir sind nur die Opfer von Konflikten und Krisen irgendwo anders auf der Welt.

Realität: Durch die Klima-, Handels- und Sicherheitspolitik der europäischen (und der anderen westlichen) Staaten werden laufend Fluchtursachen in den ärmeren Ländern erzeugt. Die Politik in unseren Ländern hat vor allem die Eigeninteressen im Blick und kümmert sich nur marginal um die Interessen anderer Länder, bzw. derer Bewohner. Bekanntlich leiden die ärmeren Länder unter der Klimakrise am meisten, während die reicheren Länder umso mehr zur Erderwärmung beisteuern, sich aber am besten vor den Auswirkungen schützen können. Diese beschämenden Zusammenhänge werden tunlichst aus den Debatten und Entscheidungsfindungsprozessen herausgehalten.

Mythos 3: Wenn die Migration zurückgeht, werden auch die Rechtsparteien an Einfluss verlieren.

Realität: Die panischen Gefühle um das Thema Migration herum haben sich schon so stark in den Mentalitäten der Menschen verfestigt, dass es gar keine neue Migration mehr braucht, um den Rechtsparteien zu mehr Einfluss zu verhelfen. Die Zahlen der Einwanderungswilligen gehen seit Jahren zurück, während der Zulauf zu den Rechtsparteien in den meisten Ländern kontinuierlich ansteigt. Eine Ausnahme stellt übrigens Spanien dar, das eine liberale Migrationspolitik betreibt, mit dem zusätzlichen Resultat, dass die Wirtschaftsdaten wesentlich besser ausfallen als in den anderen EU-Ländern, die die Zuwanderung eindämmen wollen.

Mythos 4: Integration kann nur gelingen, wenn sich die Zuwanderer anpassen.

Realität: Natürlich bedarf es der Anstrengungen der Migranten, sich in das Gastland einzufügen, die Sprache zu lernen und die Regeln zu akzeptieren. Aber solange die Einheimischen die Fremden als Störung und nicht als Bereicherung erleben und nur Ihresgleichen” als vollwertig anerkennen können, wird die Integration nicht gelingen. Es sind also Anstrengungen auf beiden Seiten notwendig, und das wird von der einschlägigen Propaganda tunlichst ignoriert. Denn es widerspricht der Logik der Propaganda: Wir haben die Oberhand, weil wir zuerst hier waren, wer später kommt, muss sich unterordnen. Wir brauchen sie nicht, also sind wir in der stärkeren Position. Übersehen wird bei diesem Denkmuster, dass die westlichen Länder ohne Zuwanderung sehr schnell in wirtschaftliche Probleme geraten würden und langfristig unter einer schrumpfenden Bevölkerung mit zunehmender Überalterung leiden würden. 

Mythos 5: Wir sind schon für Zuwanderung, aber nur die Leute, die wir für die Wirtschaft brauchen. Alle anderen müssen draußen bleiben.

Realität: Die Beschränkung der Zuwanderung auf die oft zitierten qualifizierten Facharbeitskräfte ist der Wunschtraum aller gemäßigten Migrationspopulisten. Er scheitert daran, dass diejenigen, die sich aufgrund ihrer Qualifikationen die Länder aussuchen können, in die sie übersiedeln, meiden verständlicherweise Länder mit ausgeprägter Ausländerfeindlichkeit. Alle Länder, in denen die rechtsgerichtete ausländerfeindliche Propaganda stark ist, bekommen gerade die Fachkräfte nicht, die sie sich wünschen.

Das ist ein typisches Beispiel für die Widersprüchlichkeit in der Migrationspropaganda: Sie propagiert eine grundsätzliche Ausländerfeindlichkeit, will aber die Rosinen aus dem Kuchen picken, indem nur die „brauchbaren“ Zuwanderer genommen werden. Das funktioniert aber kaum oder gar nicht, weil das feindselige Klima vor allem jene Migranten abschreckt, die die Wahl haben; die anderen, die keine Wahl haben, wandern ein, auch wenn sie damit rechnen müssen, auf eine gastfeindliche Gesellschaft zu treffen. Denn sie wollen vor allem ihre Haut retten.

Mythos 6: Wir brauchen eine homogene Gesellschaft. Das geht nur, wenn sich die Zugewanderten an unsere Normen anpassen. Dazu müssen wir ihnen diese Werte eintrichtern.

Realität: Diese „unsere Normen und Werte“ sind eine Fiktion. In einer pluralen und individualisierten Gesellschaft sind Werte so unterschiedlich, dass ein gemeinsamer Nenner nur mehr abstrakte Normen beinhaltet. Manche Politiker haben zwar Wertekataloge vorgestellt, die darstellen sollen, was die heimische Identität ausmacht. Aber diese Kataloge enthalten entweder Allgemeinplätze (z.B. gegenseitiger Respekt) oder verweisen auf lokales Brauchtum bezogen (z.B. Nikolaus-Feiern), das von Region zu Region verschieden ist. 

Den meisten Einheimischen ist gar nicht klar, worin das besteht, was sie von den „Fremden“ unterscheidet. Denn die heimische Kultur ist so divers und vielschichtig, dass es sinnlos ist, sie auf eine Liste von Werten zu reduzieren. Es ist eher so, dass sich ein Autochthoner mit linker oder liberaler politischer Ausrichtung stärker von einem Autochthonen mit rechter Gesinnung unterscheidet als von einem Ausländer oder Migranten, mit dem er mehr Überscheidungspunkte seiner Ansichten hat. 

Historisch betrachtet, ist z.B. die österreichische Kultur das Produkt aus verschiedenen Migrationsbewegungen der letzten Jahrhunderte. Als Telefonbücher noch verbreitet waren, genügte ein kurzes Blättern, um festzustellen, dass die Ansammlung an Familiennamen zugleich eine Ansammlung an unterschiedlichen Herkünften zeigt, vor allem aus dem Raum der ehemaligen Habsburgermonarchie, aber auch darüber hinaus. Die heutigen Österreicher sind das Produkt vieler Migrationsbewegungen und nicht die Abkömmlinge eines genetisch homogenen Stammes oder gar einer Rasse. Fremdenfeindlich kann man nur sein, wenn man die Geschichte ausblendet, vor allem die eigene Abstammungsgeschichte. 

Dazu kommt, dass sich die Kultur durch Übernahmen aus anderen Kulturen laufend ändert. Im deutschsprachigen Raum ist z.B. ein fortgesetzter Trend zu bemerken, Wörter aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum zu adaptieren. Das Jugendwort 2025 ist „das crazy“, auf den Plätzen landeten: „goonen“ und „checkst du“, drei Anglizismen mit deutscher Grammatik. In Österreich kann bemerkt werden, wie immer mehr Wörter aus Deutschland übernommen werden, z.B. „Tschüss“ oder „lecker“ – kein Wunder, weil ja die größte Gruppe der Zuwanderer in Österreich aus der Bundesrepublik Deutschland kommt. 

Aber solche Veränderungen stören die Migrationspaniker nicht wirklich, weil es sich um Einflüsse handelt, die aus Kulturen stammen, die sie als gleichwertig oder überlegen betrachten. Was sie stört, sind kulturelle Einflüsse aus Kulturen, die sie abwerten, weil sie als minderwertig angesehen werden, z.B. moslemische Kulturen. 

Mythos 7: Eine harte Zurückweisungspolitik an den Grenzen macht die Gesellschaft sicherer.

Realität: Was sich an den Außengrenzen der EU abspielt, widerspricht in vielen Fällen dem Recht – nationalem, EU- und Völkerrecht. Trotz der massiven und kostspieligen Anstrengungen werden die erwünschten Erfolge nicht erzielt. „Weltweit gibt es sechsmal so viele Grenzmauern und -zäune wie während des Kalten Krieges.“ Und dennoch wird das Sicherheitsgefühl jener, die innerhalb der Mauern und Zäune leben, immer schwächer. „Dazu kommt, dass Grenzbefestigungen ökonomisch, sozial und politisch sehr teuer sind, dass sie aber Migration nicht regulieren.“ (S. 60) 

Ein weiteres Paradoxon besteht darin, dass der vermeintliche Schutz der Grenzen die organisierte Kriminalität befördert, die vergeblich bekämpft werden soll. Je mehr Grenzbefestigungen, desto mehr Versuche, sie zu überwinden, mit allen Mitteln, die zu Gebote stehen. Wo die Not wächst, finden sich schnell Leute, die sie auf kriminelle Weise für ihre Zwecke ausnutzen können.

Als weitere Folgewirkung der Brutalisierung, die an den Grenzen stattfindet, sinken in der öffentlichen Wahrnehmung die Standards für die Menschenrechte. Steter Tropfen höhlt jeden Stein, stetiges Ignorieren von menschenrechtlichen Standards durch offizielle Stellen untergräbt die Moral. Aggression an den Grenzen wirkt nach innen weiter, die Polizei gewöhnt sich an Unmenschlichkeiten und die Bürger nehmen Rechtsbrüche hin, weil es ja keine Konsequenzen gibt. Auf diese Weise erodiert das Regelverständnis und eine von Empathie geleitete Ethik wird an den Rand gedrängt, an dem ein paar Idealisten ausharren. Stattdessen wird auf breiter Front der Nährboden für eine Politik ohne Mitgefühl bereitet, nach der Macht des Stärkeren. Es wird also ein Rückfall auf frühere Niveaus der Menschlichkeit unterstützt. 

Die zwei Gesichter der Fremdenangst

Die Fremdenangst hat zwei Gesichter. Das erste, offensichtliche, besteht darin, dass die Fremden anders sind als wir und dass sie deshalb mit Misstrauen beäugt werden müssen. Sie sind ein Fremdkörper und werden immer einer bleiben, denn sie können ihre Fremdheit nicht ablegen. Das andere Gesicht der Angst ist verborgener und weist auf das genaue Gegenteil: Wäre es nicht viel schlimmer, wenn sich die Fremden so anpassen und die einheimische Lebensweise übernehmen, dass sie nicht mehr unterscheidbar sind? Was bleibt dann noch von uns? Geht der „Ur-Österreicher endgültig verloren? Angeblich stammt selbst „Ötzi“, die Gletschermumie, genetisch aus Anatolien, war also selbst ein Migrant.

Stattdessen wird die Angst verbreitet, dass die Fremden nie so werden “wie wir sind”. Dabei ist den meisten Menschen, die von dieser Angst betroffen sind, gar nicht klar, worin dieses Wir-Sein überhaupt besteht.

Mythos 8: Wenn wir den Nationalstaat stärken, bekommen wir die Migration in den Griff.

Realität: Die Globalisierung ist ein Trend, der über Jahrhunderte wirkt und nicht aufgehalten werden kann. Er bewirkt, dass der Nationalstaat immer mehr Kompetenzen an übergeordnete Strukturen abtreten muss. Er verliert zusehends an Kompetenzen. Der hochgezogene und hochgelobte Grenzschutz erscheint als Propagandaveranstaltung, mit dem die Bedeutung des Nationalstaats demonstrativ hochgehalten werden soll, während ihm durch die Prozesse der Globalisierung beständig das Wasser abgegraben wird. Der Nationalstaat, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, hat keine Zukunft, sosehr sie auch von rechtsgerichteten Politakteuren ersehnt wird. Sie nutzen das Migrationsthema, um die überkommene Idee des Nationalstaates als Allheilmittel anpreisen zu können.

Deshalb wirkt das Orbán-Ungarn wie ein absurder Fremdkörper in Europa, das eine abgeschottete Nationalstaatspolitik betreibt, während es von der EU reichliche Finanzmittel bekommt, bei den meisten Beschlüssen eine Außenseiterposition einnimmt und dennoch von der transnationalen Mitgliedschaft profitiert. Weil es funktioniert, rhetorisch die Rebellenposition einzunehmen und zugleich am Futtertrog mitzunaschen, findet dieses Modell Anklang und Nachahmung bei allen Rechtsparteien. Die angeheizte Migrationspanik liefert den emotionalen Untergrund für den Zulauf, den diese Gruppierungen haben.

Nicht von ungefähr haben rechte und rechtspopulistische Parteien dort die größten Zugewinne, wo gar keine Flüchtlinge leben, wie etwa in Ungarn. Dort nämlich gibt es gar keine Möglichkeit zu verifizieren, ob das, was ein Viktor Orbán über Schutz suchende Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika verbreitet, wirklich stimmt. (S. 114)

Mythos 9: Die Migration ist schuld an der Zunahme der Straftaten.

(Dieser Abschnitt bezieht sich nicht auf das Buch von Judith Kohlenberger, sondern auf eine Zeitungsmeldung mit Daten, die der Soziologe Soziologe Günther Ogris vom Dema Institut am 23.11.2025 präsentiert hat.)

Realität: Auch hier stoßen wir auf ein Paradoxon: Österreich ist nachgewiesen eines der sichersten Länder der Welt – und trotzdem sinkt das subjektive Sicherheitsgefühl. Seit 2001 ist die österreichische Bevölkerung um 1,13 Millionen Menschen gewachsen. Wäre die Kriminalität proportional zur Bevölkerung geblieben, müsste sie gestiegen sein. Stattdessen sank die Zahl der Verurteilten insgesamt, pro Kopf gerechnet sogar um 43 Prozent. Obwohl sich die Zahl der ausländischen Bevölkerung mehr als verdoppelt hat, ist die absolute Zahl der verurteilten Ausländer gesunken – von 14.000 auf 12.685. Hinzu kommt, dass rund 17 Prozent der „ausländischen Tatverdächtigen“ gar keinen Wohnsitz in Österreich haben. Es handelt sich um Touristen oder Durchreisende.

Eine Studie aus Deutschland hat nachgewiesen, dass eine Wahrnehmungsverzerrung stattfindet: Ausländische Tatverdächtige machen in der deutschen Kriminalstatistik rund ein Drittel der Gesamtzahl Verdächtiger aus. In Zeitungs- oder TV-Berichten über Kriminalität wird hingegen zu mehr als 90 Prozent über Menschen berichtet, die keine deutsche Herkunft haben – selbst in Medien mit linker Zielgruppe.

Wir sollten uns also immer wieder diese verzerrte Optik, der wir schnell unterliegen, klarmachen: Worin besteht die Realität und was sind die Bilder, die aufgrund des Medienkonsums in unseren Köpfen entstehen? Wie verhält sich die Realität und wo verfangen wir uns in Narrativen, die die uns plausibel erscheinen, aber einer Nachprüfung nicht Stand halten? Wachsamkeit und Urteilsfähigkeit sind Kompetenzen, die wir in diesen Zeiten brauchen, damit die Menschlichkeit und die Vernunft nicht unter die Räder kommen.

Literatur: 
Judith Kohlenberger: Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert. Wien: Picus Verlag 2025

Zum Weiterlesen:

Mittwoch, 6. April 2022

Die toxische Männlichkeit und die Verletzlichkeit

Traditionell sind Kriege Männersache. Es gibt zwar die Mythen von den kämpfenden Amazonen, und immer mehr Frauen übernehmen Rollen in den Streitkräften. Aber nahezu alle Kriege in der Menschheitsgeschichte wurden von Männern angezettelt und ausgefochten. In früheren Zeiten war ihre Körperkraft gefragt, wenn es darum ging, den eigenen Stamm vor Feinden zu schützen, während die Frauen für die Nachkommen sorgen sollten. Heutzutage, wo Kriege nicht nur im Schlamm, sondern zunehmend von geschützten Kontrollzentren aus geführt werden, ist die männliche Dominanz beim Führen von Kriegen obsolet geworden. Und die Frage wird immer wieder gestellt, ob es mit mehr Frauen an der Macht weniger Kriege würde oder ob sogar das Phänomen des Krieges vom Planeten verschwinden würde, wenn überall die Frauen das Sagen hätten. So weit sind wir noch lange nicht. Deshalb wird in diesem Artikel den Spuren des Patriarchalismus nachgegangen, um die männlichen Aspekte bei den Versuchen gewaltsamer Konfliktbewältigung besser zu verstehen.

Im Zusammenhang mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine viele Kommentare auf die Rolle von Männern im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch hin. Die Hauptakteure und Hauptverantwortlichen dieses Krieges sind allesamt Männer und die Kriegsrhetorik ist auch sehr stark männlich geprägt. Hier kommt das Stichwort von der toxischen Männlichkeit ins Spiel.

Toxische Männlichkeit

Der Begriff der Toxizidität ist in Mode gekommen. Er stammt ursprünglich aus der Pharmakologie und der Lehre von Giften und wird nun auch in der Psychologie und Alltagssprache auf Personen, Werthaltungen und Beziehungen angewendet. Das geht manchmal so weit, dass jemand alles als toxisch bezeichnet, was einem nicht gefällt. Der Begriff spielt mit den Emotionen von Angst und Ekel – Gifte bedrohen unser Leben und wir sollten uns davor hüten, mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Mit toxischer Männlichkeit wird ein Bündel von Eigenschaften bezeichnet, die einem traditionellen Männerbild entsprechen: Neigung zu Gewalt, Dominanzgehabe, Einschüchterungsverhalten, Gefühlsabwehr, Abwertung und Unterdrückung von Frauen. Es ist der Patriarchalismus, der diese Form von Männlichkeit hervorgebracht hat, und er ist über die Jahrhunderte eng mit der Kriegsgeschichte verknüpft, und viele dieser Elemente wirken auch am aktuellen Kriegsgeschehen mit. 

Geburt und Heldenprägung

Männer dürfen keine Schwäche zeigen, sondern müssen hart sein, so lautet ein Leitspruch des Patriarchalismus. Die bekannten Mythen der Unverwundbarkeit sind aus diesen Quellen gespeist: Achill und Siegfried, die im Unterweltsfluss oder im Drachenblut baden und nur an einer kleinen Stelle verwundbar bleiben. Der Mythos besagt, dass der Held von der Sehnsucht nach einem völlig geschlossenen Außenschutz geleitet ist, in dem es keine Lücke der Verletzbarkeit gibt.  Er besagt aber auch, dass es aber keine vollständige Panzerung gibt, dass also immer eine Schwachstelle bestehen bleibt, über die sich der Tod einschleichen kann. 

Auf die Ebene des Psychischen übertragen, erkennen wir das Psychogramm des Mannes im Patriarchalismus. Das Streben nach Unverletzbarkeit, das auch ein Streben nach Unsterblichkeit beinhaltet, führt weg von der Innenwelt mit ihren Wunden und Ambivalenzen. Wenn von außen keine Gefahren mehr Angst machen müssen, braucht es keine Beschäftigung mit den Dämonen im Inneren. Alles, was bedrohlich ist, kann in der Außenwelt bekämpft und besiegt werden. Doch weist der Mythos auf den illusionären Charakter dieser gewaltbereiten Agenda hin: Auch die beste Abwehr weist eine Schwachstelle auf, über die das Innere aus seinen Tiefenschichten ins Bewusstsein drängt und die Abwehrbereitschaft unterminiert.  

Der Mythos vom Drachenblut

Das Drachenblut, das in der germanischen Sage diesen Schutz gewähren könnte, enthält deutliche Bezüge zur Geburt, denn ohne Mutterblut gibt es keine Geburt. Es ist also in diesem Fall eigentlich das Mütterliche, von dem das heldenhaft Männliche seine Unversehrbarkeit erhofft. Im Abschied vom mütterlichen Schutz, der die Unversehrbarkeit garantiert hat, braucht es einen neuen Schutzmantel, den die Mutter dem künftigen Helden auf den Weg mitgeben soll.

Das Blut wird im Mythos frei als Folge von Gewalt gewonnen, es muss ein Drache getötet werden, damit das Bad in seinem Blut möglich ist. Der Schutz wird gewährt, indem ein anderes Leben verletzt oder getötet wird. Auch die Mutter hat Gewalt erlitten, durch die Macht der Wehen und durch das Durchdrängen des Babykörpers durch die Enge des Geburtskanals. Das Blut kommt aus den Wunden, aus den Verletzungen, es trägt die Signale des Schmerzes in sich. Und gerade dieses Blut soll hinkünftig  jede Verletzlichkeit tilgen und damit vor allen Folgen von äußerer Gewalt schützen. Imprägniert mit dem Mutterblut, durch das das eigene Leben zur Welt gekommen ist, soll der Held dieses Leben meistern. 

Der Drache gilt als Symbol der unberechenbaren und unkontrollierbaren Zerstörung, er ist ein Vernichter und ein Verwandler von Ordnung in Chaos. Auf die Geburt bezogen, repräsentiert er die wuchtigen Gebärmutterkontraktionen, denen sowohl Mutter als auch Kind während der Austreibungsphase ausgesetzt sind. Die Ordnung des vorgeburtlichen Lebens wird über den Haufen geworfen, ein riesiges Chaos setzt ein. Es gibt kein Zurück, aber das Wohin ist ungewiss. Im Drama der Geburt entfaltet sich eine gewaltige Macht über Leben und Tod. Sie führt die Regie bei dem Geschehen. Es ist ein Kampf ums Überleben, gegen einen scheinbar übermächtigen Drachen. Mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpft sich das Baby den Weg durch den Geburtskanal in die Freiheit, mit ähnlicher Anstrengung gibt die Mutter das neue Lebewesen frei. Die Bedrohungen im Chaos wurden überwunden, eine Heldentat ist vollbracht.

An der Schwelle des Todes

Der griechische Heldenmythos von Achilleus greift in anderer Weise auf die Geburtsmetaphorik zurück: Der kleine Achill wurde von seiner Mutter im Styx gebadet, in dem Fluss, der die Lebenden und die Toten trennt. Sie hielt ihn an der Ferse fest, wodurch diese Stelle nicht geschützt war. Er wurde kopfüber ins giftige Wasser gehalten, wie auch fast alle Menschenbabys kopfüber geboren werden. Im Niemandsland gewissermaßen, zwischen Leben und Tod, kann die Unverwundbarkeit erlangt werden. Dort, wo der Geburtsprozess auf der Kippe steht, wo er gut oder schlecht ausgehen kann, ist der Moment der Entscheidung. Das Überleben ist die Meisterung der Bewährungsprobe und verleiht die Unverwundbarkeit. Wenn diese Gefahren bewältigt wurden, kann nichts mehr im Leben unüberwindlich erscheinen. 

Das Gift im mythologischen Fluss stellt ein Symbol für die fremden Substanzen und Gerüche dar, denen das Baby im Geburtskanal begegnet und auf die es mit Ekelgefühlen reagiert. Auch diese Herausforderung wird mit jeder gelungenen Geburt bewältigt. Sie immunisiert vor allem, was jemals wieder Ekel verursachen könnte.

Die Instrumentalisierung der Helden im Patriarchalismus

Diese Heldenreise haben aber nicht nur die Männer, sondern auch alle Frauen hinter sich, sobald sie geboren sind. Dennoch finden offenbar unterschiedliche Codierungen, unterschiedliche Bedeutungsgebungen statt, gemäß dem vorherrschenden sozialen Umfeld, das den neuen Erdenbürgern seine bewussten und unbewussten Erwartungen mitgibt. Für männliche Babys wird eine Vorahnung und Vorprägung für das tapfere Bestehen von äußeren Herausforderungen im späteren Leben übermittelt, während die weiblichen Babys auf die Mühen der späteren eigenen Mutterschaft eingestimmt werden. Deshalb wird die Metaphorik der Unverletzbarkeit nur von den männlichen Heldenepen aus dem Geburtsprozess übernommen. 

Mannsein bedeutet, keine Verletzbarkeit zu kennen und stattdessen alle Schmerzen, die das Leben bereitet, mutig durchzustehen, gewappnet mit dem Mutterblut oder Muttergift. Es bedeutet, keine Feigheit und keine Schwäche zuzulassen und die Gefühle, die damit verbunden sind, unter Kontrolle zu haben. Insbesondere die Schamgefühle, die in Hinblick auf die eigene Bedürftigkeit bestehen, müssen gut verdrängt bleiben, nach dem Motto: Lieber unverschämt als beschämt durchs Leben gehen.

Im Patriarchalismus wird von den Männern erwartet, dass sie sich genau so verhalten: schmerzunempfindlich, gefühlsbefreit und durchsetzungsstark. Sie sollen alles unter Kontrolle haben, einschließlich ihrer selbst. Toleriert wird allenfalls die verstärkte Neigung zur Aggression, die aber in zivilen Grenzen bleiben muss. Das ist das Korsett, in das dem Mann gesteckt wird. Der Erwartungsdruck kommt von den anderen Männern und von den Frauen, die zugleich unter dieser Form der deformierten Männlichkeit leiden.

Die Selbstentfremdung

Das ist der tragische Zyklus des Patriachats und der aus ihm entstandenen toxischen Männlichkeit: Die Abspaltung der Verletzlichkeit führt zur inneren Verhärtung, und diese entfernt noch weiter von den feineren Gefühlen und damit vom inneren Selbst. Der Preis der Panzerung liegt in der Selbstentfremdung. Es ist die Angst vor Verletzung und in der Folge die Angst vor der Verletzlichkeit, die das Erleben und Handeln bestimmt. Zugleich ist die Schamvermeidung am Werk, die es für unmöglich erklärt, die eigenen Verletzungen zuzugeben. Für viele Männer ist der Satz: „Ich bin verletzt!“ nicht aussprechbar. Die Angstvermeidung und die Schamvermeidung wirken zusammen, sodass immer weniger gespürt werden kann. Als einzige emotionale Reaktionsweise auf Verletzungen meldet sich verlässlich die Wut.

Von hier ist die Schiene zur Ausbildung einer einseitig auf Gewalt gestützten Männlichkeit gelegt. Jede Form der Gewaltausübung stammt aus der Verdrängung der vulnerablen Seite. Zuerst kommt die Gewalt, die den eigenen Gefühlen angetan wird, und dann richtet sie sich nach außen, auf Konkurrenten, Gegner und Feinde, auf die Natur und auf alles, was in irgendeiner Weise an Schwäche und Verletzbarkeit erinnert. Alles, was Schwäche signalisiert, ist bedrohlich. 

Das Erleben von Gewalt gibt hingegen das Gefühl von Überlegenheit und Kontrolle. Je mehr davon gespürt werden, desto höher ist die Sicherheit vor der Verletzbarkeit. Es verleiht die Illusion der Mächtigkeit, mit deren Hilfe alles, was einen verunsichern könnte, bekämpft werden kann. Verletzlichkeit, Schwäche, Bedürftigkeit sind angstbesetzte Zustände, die abgewehrt und abgespaltet werden müssen. Durch diese innere Spaltung wird die Männlichkeit toxisch.

Jede Gewaltausübung, ob geistig, emotional oder physisch, hinterlässt Schneisen von Verletzungen. Jede Verletzung konfrontiert mit der Zerbrechlichkeit des Menschlichen. Um von dem Grauen, das nach dem Gräuel bleibt, nicht berührt zu werden, muss das Zerbrechliche im eigenen Inneren mit Gewalt unterdrückt und zum Schweigen gebracht werden. Die Mechanismen der Grausamkeit setzen ein, die immer zuerst gegen das eigene Selbst wirken, ehe sie die Zerstörungen in der Außenwelt anrichten. 

Zum Weiterlesen:
Der Verlust des Männlichen im Patriarchalismus
Schamverdrängung im Ukrainekrieg


Dienstag, 25. Juni 2019

Gibt es Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte?

Gibt es im Geschichtsverlauf Notwendigkeiten oder sind all die Abläufe rein von Zufällen gesteuert? Das Thema erscheint reichlich abstrakt – dennoch wirkt es bis in unsere kollektive und individuelle gegenwärtige Verfasstheit hinein. Wir Menschen sind geschichtliche Wesen, und die Art und Weise, wie wir diese Geschichtlichkeit für uns selber definieren, bestimmt, wie wir uns fühlen und wie wir die Gegenwart erleben und in die Zukunft schauen. 

Die Annahme von Notwendigkeiten im Geschichtsverlauf geht aus von der Auffassung, dass es menschenmöglich ist, den Gang der Geschichte vorherzusagen. Prinzipiell ist die Zukunft für uns unkontrollierbar und unverfügbar. Dennoch kann es Sinn machen, Modelle zu entwerfen und daraus Prognosen abzuleiten, wie bei der Wettervorhersage. In der Geschichtsphilosophie wird versucht, gesetzmäßige Abläufe oder Stufenabfolgen herauszudestillieren und daraus wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu prognostizieren, also eine Art von Trendprognose zu erstellen. Die Grundlage liegt dabei nicht in einer summierten Auswertung von empirischen Daten, sondern in einer selektiven Auswahl unter bestimmten vorgegebenen Gesichtspunkten, um daraus einen übergeordneten Sinn zu gewinnen. 

Geschichtsdeterminismus und Gewalt 


Für Hegel, einem der einflussreichsten  Geschichtsphilosophen, bestand das Entwicklungsgesetz der Geschichte im „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Für Fakten, die dem unerbittlichen Fortschreiten des Weltgeistes im Weg standen, hatte er wenig Verständnis. In seinem Geschichtsbild spiegelt sich der Optimismus der Aufklärung, aber auch die konservative Zufriedenheit mit dem preußischen Staatswesen der nachrevolutionären Zeit – und eine distanzierte Überheblichkeit angesichts des Leidens der Menschen („Aber auch indem wir die Geschichte als diese Schlachtbank betrachten, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht worden, so entsteht dem Gedanken notwendig auch die Frage, wem, welchem Endzwecke diese ungeheuersten Opfer gebracht worden sind.“ Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, 1. Kapitel, hg. 1837). Karl Marx übernahm den Hegel‘schen Geschichtsdeterminismus, ersetzte aber die Bewusstseinsentwicklung durch die Entwicklung von Gesellschaftsformen auf der Grundlage von ökonomischen Zwängen. Mit dem Anspruch, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, („Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, Marx-Engels-Werke Bd. 13) proklamierte er den notwendigen und unausweichlichen Fortschritt vom Kapitalismus zum Kommunismus.  

Solche Notwendigkeitsannahmen haben Umstürze und Revolutionen angestiftet, aber auch eine riesige Zahl an Todesopfern auf dem Gewissen, denn ihre Vertreter gingen oft von den Annahme aus, dass der Fortschritt keine Grausamkeiten zu scheuen hätte, weil das Leiden einer kleinen Zahl von Menschen nichts zähle im Vergleich zum Paradies für die vielen, das um jeden Preis erreicht werden muss.

Der Geschichtsdeterminismus ist aber nicht nur auf der politisch linken Seite zu finden. Auch rechte Ideologen verbreiten ihre Geschichtsmythen mit dem Anspruch der gesetzmäßigen Notwendigkeit. Hitlers „Mein Kampf“ ist voll von solchen Theorien, die einer Rasse die Vorherrschaft über alle anderen sichern sollten, was immer es auch an Menschenleben kostet. 

Deshalb aber ist Vorsicht geboten mit Theorien, die Notwendigkeiten im Geschichtsablauf dekretieren. Denn sie eignen sich in der politischen Praxis zur Tarnung von Machtgelüsten und zur Rechtfertigung von Gewalttaten. Theorien, denen eine Bereitschaft innewohnt, über Leichen zu gehen, sind an einem gefährlichen ideologischen Virus erkrankt und sollten dringend in Quarantäne gesperrt werden.

Die Notwendigkeit zur Weltverbesserung 


Mit diesem Befund hat das Notwendigkeitsmodell allerdings noch nicht abgedankt. Denn wir können andererseits erkennen, dass es eine mächtige Entwicklungsdimension zu mehr Menschlichkeit, zur Verbesserung des Zusammenlebens und zur Achtung der Individuen gibt, zu einem Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit und in der Freiheit selbst. Ein Beispiel sind die Fortschritte in der Gleichberechtigung von Minderheiten, unterschiedlichen Rassen und geschlechtlichen Orientierungen, die mehr und mehr Staaten in ihre Gesetze übernehmen, weil es von den Zivilgesellschaften gefordert wird. Die Entwicklung und Weiterentwicklung der Menschenrechte, für die Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße gehen und oft ihr Leben riskieren, ist keine Beliebigkeit, sondern wird von vielen als Lebensnotwendigkeit empfunden. Das Gleiche gilt für die Wiederherstellung eines ausgeglichenen Zusammenlebens zwischen der Menschheit und der übrigen Natur.

Diese Orientierung ist nicht durch etwas anderes ersetzbar. Sie kann nicht einfach außer Kraft gesetzt werden. Sie unterliegt nicht individuellen oder kollektiven Machtfantasien. Sie fügt sich nicht unserer Willkür und Geschmacksrichtung. Sie ist sogar stärker als der individuelle Überlebenstrieb. Denn als Menschen können wir uns nicht aussuchen, unmenschlich zu leben, so wie sich die Birke nicht entscheiden kann, unbirkengemäß zu leben. Menschlichkeit ist das, was Menschen zu Menschen macht und was deshalb ihrem Wesen und ihrem innersten Wollen entspricht. Folgen sie diesen Impulsen nicht, geraten sie mit sich selber auseinander, weil sie ihr Wesen verraten.

Natürlich kommt gleich der Einwand, dass viele Menschen ungeheuer unmenschliche Taten vollbracht haben und bis heute vollbringen. Das Handeln aus Gewalt, Grausamkeit, Ausbeutung, Unterwerfung, Ungleichbehandlung usw. ist nicht zu tolerieren. Es ist offensichtlich auch ein Teil des Menschseins. Im Lauf der Geschichte sind immer wieder solche Handlungen geschehen, und es wird sie wohl auch in Zukunft im Leben der meisten Menschen, uns selbst miteingeschlossen, geben, wenn wir genauer hinschauen.

Gleichzeitig ist uns klar, dass es um Willen der Menschlichkeit darum geht, solche Handlungen zu unterbinden und die Motivationen, die dahinter stecken, zu überwinden und in prosoziale Absichten umzuwandeln. Und darin sind sich tatsächlich alle einig, selbst die Täter von Untaten, sobald sie einen Schritt aus der Selbstbezogenheit setzen. Wir verstehen alle, dass ein menschenwürdiges Leben von den Prinzipien der Achtung und des gemeinsamen Wohlergehens getragen sein müsste. Und wir verstehen alle, dass wir ein solches Leben wollen und anstreben sollten. 

Einschränkung oder Offenheit 


Wir unterscheiden uns freilich darin, wie wir vom jetzigen Zustand zu dieser Utopie kommen können. Die einen meinen, dass die Menschlichkeit nur im Rahmen von sicher abgeschotteten Räumen – Nationalstaaten, Wohlstandsinseln, Reichenvierteln usw. praktiziert werden kann. Die anderen gehen davon aus, dass sich die Menschlichkeit nicht abgeschottet für eine auserwählte Gruppe verwirklicht werden kann, also mit dem Prinzip der Ausgrenzung, sondern dass die Menschlichkeit nur global, unter Einschluss aller Menschen, erreicht werden kann.

Es gibt auch unterschiedliche Auffassungen darüber, ob wir glauben, dass ein derartiges Leben der Gewaltfreiheit und gegenseitigen Achtung Überhaupt jemals eintreten könne. Manche meinen, dass der in der Natur des Menschen gelegene Egoismus immer wieder verhindern wird, dass es zu einer Menschengemeinschaft im Zeichen der Gerechtigkeit kommen würde. Andere, zu denen ich mich zähle, glauben, dass dem Menschen der Drang innewohnt, das Ego mit seinen Antrieben zu überwinden und Auswege aus den Neigungen zum Bösen zu suchen.

Die letztere Auffassung wird nicht nur durch den common sense, sondern auch durch viele empirische Befunde gestärkt, während die erstere ihre Wurzeln in der Ideologie des Wirtschaftsliberalismus nicht verleugnen kann. Gerade neulich wurde übrigens eine Studie veröffentlicht, bei der die Ehrlichkeit von Findern untersucht wurde. Die Ergebnisse waren für alle überraschend, die an den Egoismus der Menschen glaubten, denn es zeigte sich, dass die Leute gefundene Geldbörsen mit mehr Geld häufiger zurückgaben als solche ohne. (Quelle) Wir sind viel weniger “wirtschaftliberal” und viel solidarischer als viele glauben. 

Spreu und Weizen 


Wie können wir willkürlich ersonnene Ideologien und anthropologisch verankerte Notwendigkeiten im Geschichtsverlauf unterscheiden?

In unserem Leben haben wir es immer mit einer Mischung aus Notwendigkeiten und Zufällen zu tun. Alle Ereignisse, die wir in Muster und Strukturen einordnen können, erhalten den Charakter von Notwendigkeit, weil wir sie als Bestätigung für die jeweilige Struktur verstehen können. Alle Ereignisse, für die wir keine Muster und keine Strukturen haben, erleben wir als Zufälle. Wenn wir auch dafür Muster gefunden haben, in die wir sie einfügen können, sagen wir gerne: „Es gibt ja doch keine Zufälle.“ 

Sowohl das Notwendige wie das Zufällige sind Konzepte, die wir zum Verstehen der Wirklichkeit einsetzen. Die Wirklichkeit – die Natur wie die Menschheitsgeschichte – ist weder notwendig noch zufällig, oder ist beides zugleich, je nachdem, was wir in ihr finden wollen, je nachdem, wie wir sie sehen wollen. Wir müssen nur aufpassen, wenn solche Konzepte als Wirklichkeiten verkauft werden, wenn also etwas, das im Inneren produziert wurde, als Äußeres, als vorgegebene Wirklichkeit angepriesen wird. Es geht darum, herauszufinden, was die Absicht dahinter ist und wovon die Absicht gesteuert ist.

Es gibt klare Unterschiede unter den Absichten. Sind sie auf uns selber und die Vermehrung des eigenen Seins ausgerichtet oder dienen sie einem größeren Ganzen; sind sie von Überlebensängsten gesteuert oder vom Wunsch nach mehr Menschlichkeit? Das Konzept der Notwendigkeit kann in Zusammenhang mit einem Grundpessimismus gebracht werden, indem z.B. jemand Weltuntergangsideen predigt, und in der Absicht, andere Leute zu warnen, innere unaufgearbeitete Ängste in ein theoretisches Kleid steckt. Das Konzept des Zufalls kann mit der Absicht verbunden sein, die eigene Bequemlichkeit und Verantwortungsscheu zu pflegen, indem jemand z.B. in Bezug auf die Vorgänge in der Geschichte jede strukturelle Gesetzmäßigkeit ablehnt, woraus sich dann die Unsinnigkeit von jedem Engagement für eine bessere Zukunft ableitet. 

Wird hingegen das Konzept der Notwendigkeit als Ausdruck der Wachstumsbereitschaft der Menschen als Einzelne und als Gesamtheit verstanden, dann stärkt es die Kräfte, wieder im Individuum und in der Gesellschaft, die die Unmenschlichkeiten verringern und überwinden und das Menschliche vermehren wollen. 

Geschichtsbrillen 


Wir können die Geschichte mit verschiedenen Brillen lesen – mit der Brille des Pessimismus und Fatalismus, mit der Brille der Selbstbestätigung oder mit der Brille des Lernens über das Menschliche, das im Menschen liegt und damit unser Ego oder unsere kollektive Verantwortung stärken. Wir können sie mit einer rückwärts oder einer vorwärts gerichteten Brille lesen, und damit den Rückschritt oder den Fortschritt unterstützen.  

In allen Fällen sind wir gut beraten zu berücksichtigen, dass sich in der Geschichte wie in allen menschlichen Belangen Notwendigkeiten und Zufälligkeiten zeigen und dass wir beide Sichtweisen brauchen, um mit gutem Geist in die Zukunft weiterzuschreiten. Denn das Anerkennen von Notwendigkeiten kann unser Engagement für die Verbesserung der Welt anfeuern, um die Geburt des Neuen zu erleichtern. Das Anerkennen von Zufälligkeiten wird uns die nötige Bescheidenheit und den nüchternen Realitätssinn vermitteln, den wir benötigen, um angesichts der Wechselfälle des Lebens auf Kurs zu bleiben.
  
Wichtig ist es zudem, unsere Intentionen zu reflektieren, um die Gefühle aufzuspüren, die hinter unseren Einstellungen stecken und diese lenken. Bewusstheit und innere Achtsamkeit sind die Schlüsselelemente, die uns helfen, aus der Geschichte, d.h. aus unserem Gewordensein als Individuen und als Gesellschaft, die richtigen und stimmigen Schlüsse zu ziehen und auf dieser Grundlage die Entscheidungen für die Zukunft zu fällen, die unserem tiefsten Inneren entsprechen.

Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie wollen wir zusammenleben? Die Antworten auf diese Fragen finden wir in uns selber, in der Weise, wie wir mit uns selber umgehen wollen, wie es für uns selber gut und stimmig ist. In unserem Inneren gibt es diesen Platz, aus dem Antworten kommen, die nicht beliebig und zufällig sind, sondern die nicht anders sein können. Von dort aus können wir einen klaren Blick auf die Geschichte und auf die Zukunft der Menschheit richten und unser Leben danach ausrichten. Je mehr Menschen diesen Weg gehen, desto stärker wird ein kollektives Subjekt, das die Geschichte mit den Notwendigkeiten des Menschseins in Übereinstimmung bringen kann. 

Zum Weiterlesen:
Die Dritte Aufklärung
Die Illusionsmaschine Internet
Links-Rechts - Versuch einer Unterscheidung
Evolution und Zufall
Über den Zufall

Mittwoch, 4. Mai 2016

Herr Hofer und die Erlösungssehnsüchte in der österreichischen Seele

Der herrschende Wahlkampf zum Amt des österreichischen Bundespräsidenten zeigt einen eigenartigen Drall, unter dem das Amt so aufgebläht wird, dass es nur von einem „starken Mann“ ausgefüllt werden kann. Kein Wunder, dass die einzige Frau, die sich beworben hat, auf der Strecke geblieben ist. Die Kandidaten werden befragt, wie sie ihr Amt ausüben wollen, was natürlich jeden Wähler interessieren sollte. Wenn aber dann als Antwort kommt, dass Regierungen entlassen werden, wenn sie „über 2,3 Jahre“ nichts tun (gibt es ein einziges Beispiel einer Regierung in der Geschichte Österreichs, die über Jahre faul herumgelegen ist und sich nicht um die Probleme des Landes gekümmert hat?) Man muss nicht über alle Maßnahmen zufrieden sein, aber völlige Untätigkeit kann man wohl keiner Regierung nachsagen. Außerdem haben wir ein Parlament, das die Performance der Regierung zu kontrollieren hat, 183 Mandatare, denen auch so auffallen sollte, wenn ein Minister die Gesetze, die da beschlossen wurden, nicht ausführt. Dafür werden sie schließlich bezahlt.

Also dient die jetzt im Raum stehende Drohung offenbar nur dazu, dass sich der Kandidat, der solches äußert, den Mund voll nimmt, um als der mächtige Oberlehrer dazustehen, der kontrolliert, ob die faulen Schüler die Hausübungen vollständig und richtig gemacht haben und ob sie schön genug geschrieben haben. Wenn nicht, kommt zuerst der erhobene Zeigefinger, und, wenn das nicht fruchtet, werden die Schüler entlassen.

Ein autoritäres Verständnis des höchsten Amtes im Staat und der Verfassung wird da propagiert. Oben steht der Präsident, und die Regierung hat es ihm recht zu machen. Herr Hofer spricht von Untätigkeit, bei der er eine Regierung entlassen würde. Das ist aber ein weitgestecktes Feld, das viele Interpretationen offen lässt. Die Drohung kann auch schlagend werden, wenn der künftige BP der Meinung ist, die Regierung werde nicht in der Weise tätig, wie er sich das vorstellt – sie will beispielsweise die Mindestsicherung für Asylwerber nicht kürzen oder streichen, was er sich von seinem ideologischen Hintergrund wünschen und für den Staat als unbedingt notwendig erachten könnte. Die Regierung macht nicht das, was er gerne hätte, also wird sie entlassen, damit eine gefügigere oder genehmere Regierung gebildet werden kann.

Dass solches autoritäres Denken gerade von der Person vertreten wird, die als dritter Präsident dem Nationalrat, also dem gesetzgebenden Organ vorsteht, mutet seltsam an. Denn aus dem Amt müsste er wissen, dass Recht und Gesetz vom Volk ausgehen, das diesen Nationalrat wählt. Dieses Gremium berät und beschließt die Gesetze und überwacht deren Ausführungen, mit denen die Regierung betraut ist. Es gibt da keine autoritäre Über- und Unterordnung, sondern ein System von check and balance.

Eine ähnliche Schieflage zeigt sich bei der Debatte um internationale Verträge, die in diesen Wahlkampf hineingetragen wird: Da brüsten sich die Kandidaten, Verträge, die dem Land schaden könnten, nicht zu unterschreiben. Aber alles, was ein Präsident an Gesetzen und Verträgen unterschreiben soll, wird ihm vom Parlament auf den Tisch gelegt, und allein die Annahme, dass dieses Gremium unfähig ist zu erkennen, was dem Land guttut und was ihm Schaden zufügt, ist eine Missachtung der Parlamentarier und eine maßlose Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Wieso sollte eine Person an der Spitze des Staates um so viel mehr Durchblick und Weisheit haben als 183 Abgeordnete?

Die Sehnsucht nach dem starken Mann – noch immer


Doch verfängt eine derartige Ansage nur dort, wo der zitierte „starke Mann“ ersehnt wird. Da meint man vielleicht, dass dieses Motiv doch längstens obsolet sein sollte: Die Schneise der Verwüstung, die dieses Konzept durch unsere äußeren und inneren Landschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezogen hat, sollte doch genügen, um für den Reste der Geschichte gegen die verblendenden Versprechen eines starken Helden immunisiert zu sein. Doch reagiert unser historisches Immunsystem nur, wenn es Bewusstheit und Reflexion in die Zusammenhänge gebracht hat.

Auffälligerweise wird vieles an dem erfolgreichen und smarten BP-Kandidaten der FPÖ bemerkt; über seine Anspielungen an den Mythos des starken Mannes, der sich über die demokratischen Institutionen stellen möchte, habe ich noch kaum etwas gelesen, noch fließt dieser Zusammenhang in die Diskurse ein.  Herr Hofer spielt, bewusst oder unbewusst, mit den Sehnsüchten, die aus den Seelen der Österreicher noch immer nicht getilgt sind und die besonders dann wieder lebendig werden, wenn die Wirtschaftslage pessimistisch gesehen wird und ein furchterregender Druck von außen in Form von Flüchtlingsmassen bildlich in den Köpfen verankert ist. Die Unübersichtlichkeit der Lage, verbunden mit dem Gefühl der Bedrohung, mobilisiert Sehnsüchte nach einem Retter, der mit starker Faust alle Not bannt und jede Gefahr in die Schranken weist.

Die Situation erinnert an die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, allerdings übertragen auf ein ungleich höheres Niveau des Wohlstandes und der sozialen Absicherung. Doch die tieferen Seelenstrukturen haben diesen Unterschied nicht zur Kenntnis genommen, die irrationalen Ängste und medial erzeugten Bedrohungsszenarien nähren irrationale Hoffnungen, sobald blaue, verheißungsvoll nach oben gerichtete Augen suggerieren, dass alles noch heil werden kann.


Wer historisch denkt, kann da leicht ein mulmiges Gefühl bekommen. Die Herabwürdigung, Lächerlichmachung und Abwertung des Parlaments stand am Anfang der Errichtung der Diktatur in Deutschland und Österreich. In beiden Fällen tragen die „starken Männer“ auf, von ihren Anhängern hysterisch verehrt, martialisch schreiend ihre Durchsetzungskraft in die Welt posaunend. Die Taten folgten schnell und konsequent, mit den verheerenden Folgen, die uns bis heute zur Mahnung dienen sollten.

Man soll ja nicht das Schlimmste befürchten, und auch Herr Hofer ist an seinen Taten zu messen, sollte ihm der Griff nach dem obersten Amt im Staate gelingen. Aber ich zumindest werde mich nicht wundern, sollte tatsächlich der Mythos des starken Mannes reinszeniert werden. Schließlich wurde das alles schon angedeutet.