In der Spiri-Szene hat der Begriff „spirituelles Bypassing“ eine gewisse Bekanntheit erworben. Grob gesprochen ist damit gemeint, dass spirituelle Konzepte dafür missbraucht werden können, eigene nicht aufgearbeitete emotionale Themen zuzudecken und zu verschleiern. Statt sich dem Schmerz und all den anderen Gefühlen zu stellen, die mit der Wurzel des Themas verbunden sind, hängt man sich ein spirituelles Mäntelchen um und schwindelt sich über die seelische Wunde hinweg. Der Begriff wurde von dem Psychologen und Schüler von Chögyam Trungpa Rinpoche John Welwood (1943–2019) geprägt, der erkannte, dass tiefe spirituelle Erfahrungen zu erweiterten Bewusstseinszuständen führen können, ohne dass die unbewussten Verletzungen aus der Kindheit davon berührt würden. Er hat unter „vorzeitiger Transzendenz“ verstanden, dass sich das Bewusstsein über die eigene fragmentierte und von Traumen erschütterte Seele erhebt, ohne mit ihm im Reinen zu sein. (Welwood 2010) Der Buddhist und Psychologe Jack Kornfield (*1945), hat darauf hingewiesen, dass die mühsame Arbeit darin besteht, die spirituellen Einsichten in das Alltagsleben, der voll von psychologischen Verstrickungen ist, zu integrieren, unter dem Motto: „Nach der Erleuchtung die Wäsche zu waschen.“ Der integrale Philosoph Ken Wilber (*1949) hat mit seinem Modell der Prä-Trans-Verwechslungen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Missbrauchs von Spiritualität für emotionale Zwecke beigetragen. Er hat zwischen „waking up“ und „growing up“ unterschieden, also zwischen dem Aufwachen und dem Aufwachsen. Beides braucht unsere Aufmerksamkeit und unser Engagement, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Emotional erwachsen werden wir, indem wir an unseren Kindheitsthemen arbeiten. Aufwachen im spirituellen Sinn geschieht durch die Meditationspraxis und durch Gnade.
Nach dem kanadischen Psychotherapeuten Robert Augustus Masters (*1947) handelt es sich beim spirituellen Überholen um einen Abwehrmechanismus (Masters 2010). Er beschreibt in seinem Buch Spiritual Bypassing eine Reihe von Erscheinungsformen dieser Abwehr.
Die übermäßige emotionale Distanzierung
Was sich als spirituelle Tugend des Gleichmutes und der Gelassenheit darstellt, kann die Auswirkung einer Dissoziation oder eines traumatischen Erstarrungszustandes sein. Die emotionale Taubheit, die oft hinter dem Rezitieren von spirituellen Sätzen steckt, dient dem Nichtspüren der tieferen Gefühle und dem Nicht-Einlassen auf interpersonale Beziehungen, die mit ihrer Emotionalität die Taubheitsabwehr herausfordern könnten.
Die zwanghafte oder giftige Positivität
Es gilt als unspirituell, negative Gedanken zu haben – sie könnten negative Ereignisse anziehen und sie passen nicht zum Selbstbild der eigenen Heiligkeit. Also müssen alle negativen Gedanken ausgerottet werden; für jeden dennoch auftretenden Gedanken aus dieser Richtung sollte man sich schämen. Negativ zur eigenen Negativität zu sein, verdoppelt nur die innere Belastung. Stattdessen wird verordnet: Denk ausschließlich positiv, dann wird alles gut. Dieser Ratschlag dient wiederum dem Vermeiden der aktuell auftauchenden unangenehmen Gefühle. „Da ich ja so spirituell bin, habe ich keine ‚negativen‘ Gefühle, sondern bin immer im göttlichen Licht.“ Das Denken hilft aus der Patsche, der Preis ist die Gefühlsvermeidung.
Die voreilige Vergebung
Wenn Verletzungen durch andere Menschen geschehen sind, will die sich spirituell wähnende Person schnell vergeben, um nicht in einer negativen Haltung, die der Spiritualität widersprechen würde, festzuhängen. Doch kann eine echte Vergebung nur dann geschehen, wenn alle mit der Verletzung entstandenen Gefühle zugelassen und anerkannt wurden. Ansonsten bleiben diese Gefühle unterschwellig erhalten und führen zu Ressentiments in anderen Beziehungen. Der Konflikt schwelt weiter und besteht im Inneren fort. Außerdem wird der anderen Person die Chance genommen, aus der Situation zu lernen und das eigene Verhalten zu überdenken. Oft sind es in der Kindheit erworbene Muster, die hinter der Vermeidung von Konfrontation stecken. Dadurch wird nicht nur die Chance auf eine wirkliche Versöhnung vertan, zusätzlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass es wieder zu einer ähnlichen Verletzung kommen wird, weil die andere Person gar nicht mitbekommt, was sie angestellt hat.
Das blinde Mitgefühl
Opfer von Misshandlungen nutzen spirituelle Versatzstücke, um ihre Traumen nicht spüren zu müssen. Oft werden sie darin von spirituellen Lehrern unterstützt, die ihnen raten, die Täter zu verstehen, die ja in den entsprechenden Situationen nicht anders konnten und im Grund göttliche Wesen wären. Viele Opfer erzählen bereitwillig, welch schwere Kindheit ihre Eltern hatten, sodass sie auch nicht immer das Richtige tun konnten, statt das eigene Leid anzuerkennen. Die Gefühle von Ohnmacht, Wut, Trauer, Angst und Scham, die mit solchen Erfahrungen verbunden sind, müssen nicht gespürt und integriert werden, wenn die Täter mit spirituellen Phrasen entschuldigt werden. Die „neurotische Toleranz im Gewand der Fürsorge“ (Masters 2010 S. 57) stellt eine sehr wirksame Form der Selbstentmächtigung dar.
Die zwanghafte Vermeidung von Beurteilungen
Wir können nicht anders, als permanent zu bewerten und zu beurteilen, was um uns herum und in uns selbst geschieht. Allerdings ist es in spirituellen Kreisen verpönt zu beurteilen, weil man sich mit jedem Urteil über die andere Person stellt. Doch das eigene Urteil verschwindet nicht, indem man so tut, als wäre es nicht da. Es geht nicht darum, dass wir innerlich urteilsfrei werden, sondern dass wir einen guten Umgang mit dem Urteilen finden, indem wir unsere Urteile bewusst wahrnehmen und sie reflektieren, also klären, ob sie angebracht, sinnvoll oder verletzend und abwertend sind. Es gibt Urteile über das Verhalten von anderen, die ausgesprochen werden sollten, damit einem missbräuchlichen Handeln eine Grenze gesetzt wird.
Die Illusion der Abkürzung
Viele spirituelle Lehrer verkünden, dass sich alle persönlichen Probleme durch die Meditation oder durch andere von ihnen vertretene Methoden lösen lassen. Es gäbe also einen Abschneider, der von der Neurotizität direkt ins Nirvana führt und auf dem man sich die mühsame therapeutische Auseinandersetzung mit den Traumen erspart.
Nicht-Nichtduale spirituelle Lehren
Die Lehre von der Nichtdualität, die den Kern vieler Richtungen der Spiritualität vor allem aus den östlichen Traditionen bildet, kann leicht missbraucht werden, indem reale aktuelle Probleme bagatellisiert und entwertet werden, statt ihre Lösung anzugehen. Jemand sagt: „Ich leide an der Hitze“, und wir antworten darauf: „Es gibt ja gar kein Ich“, dann ignorieren und entwerten wir das Leid der Person und fügen ihr obendrauf eine Verletzung zu, weil wir sie implizit als spirituell uneinsichtig verachten. „Wenn wir sagen: „Alles ist eine Illusion“, ist ein sich aus der Affäre ziehen, zugemüllt mit den Trümmern eines Verstehens aus zweiter Hand und verfrühten Ansprüchen auf eine fortgeschrittene spirituelle Verwirklichung.“ (Masters 2010, S. 304) „Aus nondualen Verkündungen eine intellektuelle Immobilie zu machen, begründet keine Weisheit.“ (Ebd. S. 307) Werden Erkenntnisse, die nur in einem nondualen Erfahrungszustand zugänglich sind, auf alltägliche Probleme angewendet, laufen sie ins Leere und bewirken allenfalls eine Beschämung von Mitmenschen, die an ihren Problemen leiden.
Magisches Denken
Zentral für diese Art des Denkens ist die Annahme, dass hinter allen Zufällen eine Kausalität steckt. Daraus leitet sich die Annahme ab, durch die Kraft des eigenen Denkens die Realität kontrollieren zu können. Natürlich stammt die Idee der Allmacht aus der Kindheit, als Umkehrung von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der Unterlegenheit gegenüber den mächtigen Erwachsenen. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir unsere Wirklichkeit nicht bewältigen können, hilft das magische Denken, um scheinbar handlungsmächtig zu sein. Wir können alles haben, wenn wir nur affirmativ genug denken, so lautet ein verbreiteter Satz aus dem magischen Denken.
Die Kehrseite des Wegerklärens von allem, was zufällig sein könnte, ist eine egozentrische Sichtweise: Dinge, die in der Welt passieren, sind durch uns verursacht oder sollen uns eine Lektion erteilen. Der Bus kommt zu spät – was habe ich daraus zu lernen? Wir tun so, als käme der Bus nur unseretwegen zu spät. Wir können natürlich aus allem lernen, aber nicht alles, was geschieht, zeigt sich, um uns etwas zu lehren; so wichtig sind wir nicht.
Manche meinen, dass Krankheiten und Schicksalsschläge durch die eigene Mangelhaftigkeit im Denken oder im spirituellen Wachstumsprozess verursacht sind. Mit dieser Einstellung ist eine permanente Selbstabwertung verbunden, die mit ihren Schuld- und Schamgefühlen im Extremfall selbst krankheitswertig ist – in jedem Fall ist sie dem eigenen Schicksal geschuldet und bedarf einer therapeutischen Aufarbeitung.
Bewusstheit und Unterscheidungskraft
Wir alle entwickeln Neigungen zu der einen oder anderen Form des spirituellen Bypassing, sobald wir uns mit diesem Bereich näher befassen. Je mehr uns davon bewusst wird, desto schneller kommen wir aus den „Flitterwochen mit der Spiritualität“ (Ebd. S. 330) heraus und können unterscheiden zwischen den unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen aus der Kindheit und den Herausforderungen des inneren Wachsens und der Öffnung für das Mystische. Auf diesem Weg gelangen wir zu einer erwachsenen und integren Form der Spiritualität. Auf diesem Weg gelangen wir zu einer erwachsenen und integren Form der Spiritualität.
Literatur:
Jack Kornfield: A Path with Heart. New York: Bantam Books 1993
Robert Augustus Masters: Spiritual Bypassing: When Spirituality Disconnects Us from What Really Matters. Berkeley: North Atlantic Books 2010
John Welwood: Psychotherapie & Buddhismus. Der Weg persönlicher und spiritueller Transformation. Freiburg: Arbor Verlag 2010
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos: Eine Jahrtausend-Vision. Fischer Taschenbuch 2011 (1995)
Zum Weiterlesen:
Die Prä-Trans-Verwechslung
Prä- und transrationale Erfahrungen unterscheiden
Narzissmus und Prä-Trans-Verwechslungen
Spiritualität und sexueller Missbrauch: Epstein und Deepak Chopra
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