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Samstag, 19. September 2020

Emotionalisierung durch emotionale Kälte - ein aktuelles Beispiel

Müssen Politiker die emotionale Kälte kultivieren, um eine vernünftige Politik zu gestalten? Oder geht es darum, wertbefreit Wählerstimmen zu ködern, ohne Rücksicht auf Menschlichkeit?

Der österreichische Außenminister Schallenberg spricht davon (In der Zeit im Bild 2, 10. September 2020), die Debatte um die Migration anlässlich des Flüchtlingslager auf Lesbos zu deemotionalisieren und zu „rationalisieren“, also sie von den Gefühlen weg zur Vernunft zu bringen. Vernunft heißt für ihn, die Ereignisse von 2015 wieder herbei zu beschwören: „Jedes Mal, wenn ein Schiff auftaucht oder ein Zwischenfall in einem Lager ist, gibt es sofort das Geschrei ‚Verteilung‘. … Es geht jedes Mal um ein paar Kinder oder um 13 000, und dann sind es 50 (Tausend), das ist leider Gottes ein realistischer Pragmatismus.“ 

Der Pragmatismus Schallenberg’scher Prägung besteht also darin, keine Emotionen zu beachten und vor allem kein Geschrei zuzulassen, die Türen fest verschlossen halten und statt dessen Geld und Decken schicken – das schafft ein paar heimische Arbeitsplätze und Firmengewinne. Dazu ein Kommentar von Cornelius Obonya im Standard: „Wenn man Decken und Zelte und ein wenig Geld ins Südliche schickt, dann sieht man die Menschen nicht mehr, weil die sind ja dann unter der Decke.“ 

Wenn wir aber die Grenzzäune nur einen Spalt breit aufmachen und 100 Kinder hereinlassen, käme unweigerlich die große Flut. Das ist für den Außenminister keine Spekulation oder Hypothese, sondern vor dem Eintreten schon eine Realität. Realistischer Pragmatismus nach Schallenberg ist die Vorwegnahme einer Realität, um sie in der Gegenwart schon in den Ansätzen zu ersticken. Die Realität im Kopf dient damit nichts anderem als der Angsterzeugung, die die Abschottungspolitik rechtfertigen soll.

Der Außenminister ist emotionslos im Sinn der emotionalen Kälte, einer Abwehrform der Scham. Obwohl emotionslos, geht es ihm um nichts anderes, als zu emotionalisieren, indem er Ängste schürt. Realistischer Pragmatismus ist die demagogische Behauptung, die eigenen Fantasien wären real, eine Aufforderung zur vorweggenommenen Angst und Katastrophenpanik. Und eine Verleitung zur geistigen Verwirrung, die Gegenwart mit einer fantasierten Zukunft zu verwechseln.

Dem zitierten Gott wird diese Haltung und der Mensch, der sie vertritt, sicher leid tun, wenn es ein Gott der Liebe ist. Selbst der Interviewer Armin Wolf erschien geschockt angesichts dieser Aussagen und warf dem Außenminister Zynismus vor, prallte aber ab: Es sei kein Zynismus, sondern eben realistischer Pragmatismus.  

Hinter der emotionalen Kälte verbirgt sich die Scham. Die Zustände im Flüchtlingslager Moria, das wir uns jetzt, da es abgebrannt ist, endlich merken müssen, waren und sind beschämend, für jeden, der in Europa ein ausreichendes und sicheres Leben führt. Die Scham knüpft an jene an, die uns befallen hat, als plötzlich hunderttausende Menschen mit Rucksäcken, Kinderwägen und Rollstühlen an den Grenzen standen, verzweifelt und hoffend. Um dieser Scham ja nicht wieder zu begegnen, wird der Deckmantel der Menschenverachtung und des Ekels über alle gebreitet, die sich anmaßen, an ihrem elenden Flüchtlingsschicksal etwas verbessern zu wollen.

Denn die Schamverdrängung von vor fünf Jahren wollen wir uns auch nicht mehr antun, die im Angstszenario des zusammenbrechenden Sozialsystems bestanden hat. Wie soll der Staat so viele Eindringlinge versorgen und all die Leistungen, derer wir uns erfreuen, aufrechterhalten? Die Ängste waren unberechtigt, aber sie haben die Scham übertönt. Also wird jetzt im Vorfeld gleich die Angst in Stellung gebracht, damit wir uns nicht schämen müssen, wenn wir die Bilder des verkommenen und überfüllten Flüchtlingslagers über den Bildschirm huschen.

Nichts gelernt seit 2015?

Das Ringen zwischen unmenschlichem „Pragmatismus“ und Menschlichkeit, in dem kurz die Menschlichkeit Oberhand bekam, hat letztlich die Abschottungspolitik für sich entschieden, und diesen Sieg wollen sich die Sieger nicht nehmen lassen.

Die Frontlinien der emotionalen Reaktionen auf die aktuellen Vorgänge sind die gleichen wie 2015: Die naiven Gutmenschen gegen die pragmatischen Zyniker. Fünf Jahre ohne Lernen, ohne innere Veränderung, was für ein Luxus, die wir uns leisten können, weil unsere Wohlstandssicherheit nur an der Oberfläche angekratzt wurde, ein kleiner Lackschaden. 

Die Katastrophe als Folge der Flüchtlingswelle ist ausgeblieben. „Wir“ haben das geschafft. Die Wirtschaft ist weiter gewachsen, die Löhne und Sozialleistungen sind gestiegen, die Pensionen kommen nach wie vor aufs Konto, die Kriminalität hat sich nicht wesentlich verändert, keine Katastrophe weit und breit. Sicher gibt es Schwierigkeiten, manche der 100 000 Migranten, die Österreich aufgenommen hat, tun sich leichter, manche schwerer. Der Arbeitsmarkt und das Bildungssystem haben viel zu tragen, aber es ist auch viel Arbeits- und Leistungskraft und Intelligenz in unser Land geströmt. Und Tausende Einheimische haben ihr Herz geöffnet, ihren Mut zusammengenommen und sind über ihren Schatten gesprungen, um den Neuankömmlingen zu helfen und ihnen unter die Arme zu greifen, bis sie Fuß gefasst haben. Es gab eine Welle der Hilfsbereitschaft, die nichts mit einer Katastrophe zu tun hatte, sondern ein kräftiges Lebenszeichen der Menschlichkeit darstellte.

Doch einigen geht es jetzt nur darum, dass die traumatische Erfahrung von damals, die durch die Fantasie einer Katastrophe erzeugt wurde, uns niemals wieder beunruhigen dürfe. Wer will schon retraumatisiert werden? Lieber emotional kalt und ungerührt das Elend verdrängen, als die Ängste von damals wieder spüren zu müssen. 100 unbegleitete Kinder, also Kinder, die ihre Familie verloren haben, aus Moria könnten die alten Panikgefühle wieder wachrufen. Also schicken wir Decken und Geld hin, damit das menschliche Leid weg von uns bleibt und wir es nicht in der Nähe der eigenen Haut spüren zu müssen.

Push und Pull

Da ist die Rede von Push- und Pullfaktoren, die auch Teil dieses realistischen Pragmatismus sind. Wenn 100 Kinder ins Land kommen und freundlich aufgenommen werden, dann spricht sich das herum und erzeugt einen Pull. Nur sind die Pullfaktoren keine Realität, die faktisch nachgewiesen werden könnte, sondern ein Konstrukt, dessen Wirksamkeit in der Wissenschaft kritisch bewertet wird. Ich denke mir, wenn ich nur ein paar Stunden in einem derartigen Lager verbringen müsste, hätte ich einzig und allein den Push-Faktor, dort rauszukommen, gleich wohin. Möglicherweise war dieser Effekt so mächtig, dass er zum Anzünden des Lagers geführt hat. Aber Herr Schallenberg hat da offenbar eine andere Erfahrung.

Symbolpolitik

Immer wieder ist dazu noch die Rede von der Symbolpolitik. Politik ist immer Symbolpolitik, deshalb ist das Schlagwort nicht geeignet, um damit andere Meinungen zu diskreditieren. Ein paar Migrantenkinder ins Land zu holen, sei ja nur ein Symbol ohne humanitäre Folgen, der Tropfen auf den heißen Stein. Die Migratenfrage bleibt dadurch ungelöst. Natürlich hätte ein derartiger Schritt auch Symbolwirkung: Ein Symbol für Menschlichkeit und für Hoffnung. 100 Schicksale werden zum Besseren gewendet. Den Schritt nicht zu setzen und die Aufnahme von Flüchtlingen zu verweigern, ist auch Symbolpolitik, nämlich die Symbolisierung von Unmenschlichkeit und Hoffnungslosigkeit und 100 Menschen nicht zu helfen. Die Migratenfrage bleibt dadurch genauso ungelöst und kommt nicht einmal einen minimalen Schritt weiter. Im Gegenteil, die österreichische Regierung (zumindest in ihrem türkisen Teil, der ja alle relevanten Ministerien umfasst: Innen-, Außen- und Integrationsressort) verstärkt die Spaltung innerhalb der EU und geht auf die Seite der osteuropäischen Länder, die jede Aufteilungsquote von Migranten ablehnen. Österreich positioniert sich als einziges Land in dieser Gruppe mit europäischem Spitzenwohlstand. 

Im Kontrast dazu haben viele Einzelpersonen, Gemeinden und Städte ihre Bereitschaft bekundet, einen Akt der Solidarität und der Menschlichkeit zu setzen. Das zeigt, dass dieses Land mehr verdient als unmenschliche Spitzenpolitiker, die mit hohlen Phrasen die Ängste der Menschen in diesem Land schüren, und dass es möglich ist, Menschlichkeit und Politik zu verbinden – eine Hoffnung, die wir nie aufgeben sollten.


Mittwoch, 18. Mai 2016

Die rechte Rhetorik: Perfide und zugleich simpel

„Predigen Sie etwas Einfaches. Teilen Sie die (soziale) Welt in zwei Teile: in DIE WIR und in DIE ANDEREN. Definieren Sie DIE WIR als bedroht. Geben Sie niemals einen Fehler zu. Bei Angriffen: Wechseln Sie blitzschnell in die Opferrolle. Erfinden Sie Sündenböcke. Erklären Sie Ihr Weltbild durch (erfundene) Einzelfälle. Polarisieren Sie. Erfinden Sie für alles unüberbrückbare Gegensätze.“

So zitiert der Journalist Hans Rauscher den Kommunikationswissenschaftler Walter Ötsch, der sich mit der Rhetorik der Rechtspopulisten beschäftigt hat. Wir können daran erkennen, dass der rechte Rhetoriker sein Publikum in den Kampf-Flucht-Modus verleiten will. Er erzeugt eine Angst, indem er eine Gefahr an die Wand malt. Rechte Politiker fürchten sich vor Chemtrails, Vegetariern und Flüchtlingsmassen. Oder – wir wissen ja gar nicht, ob sie sich selber fürchten oder die Furcht nur anderen einimpfen wollen.

Jedenfalls wollen sie Ängste wachrufen und in die Menschen einpflanzen, und die Erfolge geben ihnen recht. Ängstliche und ängstlich gemachte Menschen sind unsicher und lassen sich leichter vor den eigenen Karren spannen. Sie fühlen sich verstanden und reagieren mit Begeisterung und Hysterie, wenn der Angstprediger auftaucht. Denn er erfüllt eine Doppelrolle: Zunächst macht er die Bedrohung dingfest und gibt damit den Eindruck, dass er jemand ist, der den Durchblick hat, der weiß, von wo der Wind der Gefahr droht. Damit bietet er sich als Rudelführer an. Dann blicken die verängstigten Augen zu ihm auf und er bietet sich als der Retter an. Natürlich muss er gewählt werden. Denn er ist der, der sich am besten auskennt (alles, was ihm widerspricht, ist linkslinks und damit von vornherein doppelt Pfui, oder stammt aus der „Lügenpresse“, die von sinistren Drahtziehern gesponsert und manipuliert ist).

Sicher, wer verstanden hat, dass wir fortwährend Wirklichkeiten konstruieren, dass wir Prägungen haben, die uns bestimmte Wirklichkeitskonstruktionen wahrscheinlich machen, und dass wir unter Angst möglichst einfache Wirklichkeitskonstruktionen bevorzugen, wird nicht so leicht auf die Propagandamaschine hereinfallen, die von rechter Seite in ganz Europa und mit besonderer Perfidie in Österreich auf Hochtouren arbeitet. Wer verstanden hat, dass die Wirklichkeit immer komplexer ist als unsere Konstruktionen, und wer verstanden hat, dass wir über die Zukunft nichts wissen und vorher wissen können und dass wir auf die langfristig Entwicklung der kollektiven Vernunft vertrauen können, wird gelassen bleiben können angesichts der ausgestreuten Ängste und auch angesichts zunehmender Erfolge der Angstillusionserzeuger. Denn die Retter wollen mit Hilfe ihrer Opfer an die Macht kommen und scheitern, sobald sie mit der Komplexität der Wirklichkeit konfrontiert sind.

Wer nicht komplex denken kann (also nicht einmal die Anfangsgründe der systemischen Vernunft verstanden hat), wird keine langfristigen Einflüsse auf die vielfältige Realität ausüben können, sondern irgendwelche Löcher stopfen, die anderswo wieder aufbrechen. Die Angstmacher sind nicht fähig zu Visionen, denn Ängste blockieren die Intelligenzentwicklung und die Kreativität. Die Fixierung auf die Durchsetzung der eigenen Ideologie verhindert durchgreifende zukunftsorientierte Reformen. Rechte Politiker sind unfähig, das Ganze eines Staatswesens und seiner Angehörigen im Blick zu behalten, und deshalb können ihre Eingriffe in die Strukturen keine dauerhaften Resultate bringen. Der Schaden, den sie anrichten, kann heftig sein, z.B. im kulturellen Bereich, wo zu erwarten ist, dass die gehasste und verleumdete Avantgarde und fortschrittliche Kunst auf Förderungen zugunsten von Heimat- und Trachtenvereinen verzichten muss. Die Modernisierung soll aufgehalten werden, so lange und so gut es geht. Im Grund geht es um Abwehr, Abwehr dessen, was ohnehin nicht aufzuhalten ist, sondern was nur verzögert werden kann. Das Verzögern kommt teuer, aber die Räder, die rückwärts gedreht werden, drehen sich dann, wenn der Spuk wieder vorbei ist, umso schneller nach vorne. Freilich laufen die Kosten weiter, die, die aufgewendet werden müssen, um die angerichteten Flurschäden zu bereinigen. Aber wir haben's ja.

Was den massivsten Einbruch der rechten Ideologie in die Gesellschaft anbetrifft, den Nationalsozialismus, sind die angerichteten Schäden noch lange nicht aufgearbeitet. Auch deshalb bietet sich der rechten Rhetorik bis heute ein fruchtbarer Nährboden. Doch führt kein Weg darum herum, denn die Schädigungen, die der rechte Extremismus angerichtet hat, betreffen nicht nur die Materie, sondern gehen vor allem tief in die Seelen. Deshalb braucht es eine eingehende und umfassende Geschichtstherapie.

Wir haben es hier in Österreich „nur“ mit einer „sozialen Heimatpartei“, also keiner sozialen Nationalpartei, geschweige denn mit einer nationalen Sozialpartei zu tun, eine Partei, die schon einmal eindrucksvoll ihre Unfähigkeit im Gestalten und Regieren und ihre Schamlosigkeit in der Selbstbedienung unter Beweis gestellt hat. Zu mehr ist sie vermutlich auch in diesen Tagen aufgrund der Enge ihrer Ideologie nicht in der Lage, im Guten wie im Bösen. Mit jeder rhetorischen Tirade, die aus diesem Eck in die Öffentlichkeit dringt, verstärkt sich dieser Eindruck.

Literatur: Walter Ötsch: Haider Light. Handbuch für Demagogie.  Wien Czernin, 1. Auflage 2000. 

Genauere Hinweise zur rhetorischen Trickkiste von Norbert Hofer finden sich unter diesen Adressen: Was kann man gegen Kampf-Rhteorik machen?  sowie Norbert, der Profi

Mittwoch, 4. Mai 2016

Herr Hofer und die Erlösungssehnsüchte in der österreichischen Seele

Der herrschende Wahlkampf zum Amt des österreichischen Bundespräsidenten zeigt einen eigenartigen Drall, unter dem das Amt so aufgebläht wird, dass es nur von einem „starken Mann“ ausgefüllt werden kann. Kein Wunder, dass die einzige Frau, die sich beworben hat, auf der Strecke geblieben ist. Die Kandidaten werden befragt, wie sie ihr Amt ausüben wollen, was natürlich jeden Wähler interessieren sollte. Wenn aber dann als Antwort kommt, dass Regierungen entlassen werden, wenn sie „über 2,3 Jahre“ nichts tun (gibt es ein einziges Beispiel einer Regierung in der Geschichte Österreichs, die über Jahre faul herumgelegen ist und sich nicht um die Probleme des Landes gekümmert hat?) Man muss nicht über alle Maßnahmen zufrieden sein, aber völlige Untätigkeit kann man wohl keiner Regierung nachsagen. Außerdem haben wir ein Parlament, das die Performance der Regierung zu kontrollieren hat, 183 Mandatare, denen auch so auffallen sollte, wenn ein Minister die Gesetze, die da beschlossen wurden, nicht ausführt. Dafür werden sie schließlich bezahlt.

Also dient die jetzt im Raum stehende Drohung offenbar nur dazu, dass sich der Kandidat, der solches äußert, den Mund voll nimmt, um als der mächtige Oberlehrer dazustehen, der kontrolliert, ob die faulen Schüler die Hausübungen vollständig und richtig gemacht haben und ob sie schön genug geschrieben haben. Wenn nicht, kommt zuerst der erhobene Zeigefinger, und, wenn das nicht fruchtet, werden die Schüler entlassen.

Ein autoritäres Verständnis des höchsten Amtes im Staat und der Verfassung wird da propagiert. Oben steht der Präsident, und die Regierung hat es ihm recht zu machen. Herr Hofer spricht von Untätigkeit, bei der er eine Regierung entlassen würde. Das ist aber ein weitgestecktes Feld, das viele Interpretationen offen lässt. Die Drohung kann auch schlagend werden, wenn der künftige BP der Meinung ist, die Regierung werde nicht in der Weise tätig, wie er sich das vorstellt – sie will beispielsweise die Mindestsicherung für Asylwerber nicht kürzen oder streichen, was er sich von seinem ideologischen Hintergrund wünschen und für den Staat als unbedingt notwendig erachten könnte. Die Regierung macht nicht das, was er gerne hätte, also wird sie entlassen, damit eine gefügigere oder genehmere Regierung gebildet werden kann.

Dass solches autoritäres Denken gerade von der Person vertreten wird, die als dritter Präsident dem Nationalrat, also dem gesetzgebenden Organ vorsteht, mutet seltsam an. Denn aus dem Amt müsste er wissen, dass Recht und Gesetz vom Volk ausgehen, das diesen Nationalrat wählt. Dieses Gremium berät und beschließt die Gesetze und überwacht deren Ausführungen, mit denen die Regierung betraut ist. Es gibt da keine autoritäre Über- und Unterordnung, sondern ein System von check and balance.

Eine ähnliche Schieflage zeigt sich bei der Debatte um internationale Verträge, die in diesen Wahlkampf hineingetragen wird: Da brüsten sich die Kandidaten, Verträge, die dem Land schaden könnten, nicht zu unterschreiben. Aber alles, was ein Präsident an Gesetzen und Verträgen unterschreiben soll, wird ihm vom Parlament auf den Tisch gelegt, und allein die Annahme, dass dieses Gremium unfähig ist zu erkennen, was dem Land guttut und was ihm Schaden zufügt, ist eine Missachtung der Parlamentarier und eine maßlose Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Wieso sollte eine Person an der Spitze des Staates um so viel mehr Durchblick und Weisheit haben als 183 Abgeordnete?

Die Sehnsucht nach dem starken Mann – noch immer


Doch verfängt eine derartige Ansage nur dort, wo der zitierte „starke Mann“ ersehnt wird. Da meint man vielleicht, dass dieses Motiv doch längstens obsolet sein sollte: Die Schneise der Verwüstung, die dieses Konzept durch unsere äußeren und inneren Landschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezogen hat, sollte doch genügen, um für den Reste der Geschichte gegen die verblendenden Versprechen eines starken Helden immunisiert zu sein. Doch reagiert unser historisches Immunsystem nur, wenn es Bewusstheit und Reflexion in die Zusammenhänge gebracht hat.

Auffälligerweise wird vieles an dem erfolgreichen und smarten BP-Kandidaten der FPÖ bemerkt; über seine Anspielungen an den Mythos des starken Mannes, der sich über die demokratischen Institutionen stellen möchte, habe ich noch kaum etwas gelesen, noch fließt dieser Zusammenhang in die Diskurse ein.  Herr Hofer spielt, bewusst oder unbewusst, mit den Sehnsüchten, die aus den Seelen der Österreicher noch immer nicht getilgt sind und die besonders dann wieder lebendig werden, wenn die Wirtschaftslage pessimistisch gesehen wird und ein furchterregender Druck von außen in Form von Flüchtlingsmassen bildlich in den Köpfen verankert ist. Die Unübersichtlichkeit der Lage, verbunden mit dem Gefühl der Bedrohung, mobilisiert Sehnsüchte nach einem Retter, der mit starker Faust alle Not bannt und jede Gefahr in die Schranken weist.

Die Situation erinnert an die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, allerdings übertragen auf ein ungleich höheres Niveau des Wohlstandes und der sozialen Absicherung. Doch die tieferen Seelenstrukturen haben diesen Unterschied nicht zur Kenntnis genommen, die irrationalen Ängste und medial erzeugten Bedrohungsszenarien nähren irrationale Hoffnungen, sobald blaue, verheißungsvoll nach oben gerichtete Augen suggerieren, dass alles noch heil werden kann.


Wer historisch denkt, kann da leicht ein mulmiges Gefühl bekommen. Die Herabwürdigung, Lächerlichmachung und Abwertung des Parlaments stand am Anfang der Errichtung der Diktatur in Deutschland und Österreich. In beiden Fällen tragen die „starken Männer“ auf, von ihren Anhängern hysterisch verehrt, martialisch schreiend ihre Durchsetzungskraft in die Welt posaunend. Die Taten folgten schnell und konsequent, mit den verheerenden Folgen, die uns bis heute zur Mahnung dienen sollten.

Man soll ja nicht das Schlimmste befürchten, und auch Herr Hofer ist an seinen Taten zu messen, sollte ihm der Griff nach dem obersten Amt im Staate gelingen. Aber ich zumindest werde mich nicht wundern, sollte tatsächlich der Mythos des starken Mannes reinszeniert werden. Schließlich wurde das alles schon angedeutet.

Mittwoch, 23. März 2016

Das Entsetzen, die Gewalt und das Böse

Warum ist es so entsetzlich, wenn unschuldige Menschen Opfer von Gewaltverbrechen werden? Schließlich müssen wir alle einmal sterben, ob das durch aggressive Krebszellen, heimtückische Viren oder eine Bombe geschieht, wird dereinst für uns selber letzten Endes keinen Unterschied machen. Für die allerdings, die zuschauen, ist es wesentlich schlimmer, wenn jemand eines unnatürlichen Todes stirbt. Unnatürlich heißt so viel wie menschengemacht. Wenn Menschen schuld sind am Tod von anderen Menschen, sind wir entsetzt. 

Dieses Entsetzen hängt mit unserer sozialen Verfassheit zusammen. Wir sind als soziale Wesen aufeinander angewiesen und brauchen ein Mindestmaß an gutem Willen, damit wir gemeinsam überleben können. Wenn nun Einzelne, aus welchen Gründen immer, gegen diese Grundnorm verstoßen, indem sie das Leben anderer Menschen für ihre eigenen Ziele opfern (manchmal auch das eigene noch dazu), verunsichern sie alle, die sich noch im Rahmen der Grundnorm befinden. Denn die Grundnorm funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Jedes Ausscheren bedroht deshalb den Zusammenhalt des ganzen gesellschaftlichen Gefüges. Das wissen übrigens die Angehörigen von Terrorgruppen genauso, indem sie Mord in ihren eigenen Reihen nicht dulden können.

Die Verunsicherung wird zunächst dadurch behoben, dass sich die Gesellschaft der Gutwilligen zusammenschließt und diejenigen, die aus dem Rahmen treten, zur Verantwortung ziehen. Allerdings bleibt die Angst, denn es könnte jederzeit wieder passieren, dass ein Mensch oder eine Gruppe gewalttätig wird und andere, eben unschuldige Menschen, in den Tod reißt. Das ist vermutlich auch ein Ziel der Bösewichter, die Verunsicherung weiter zu treiben, denn Unsicherheit führt in die Vereinzelung. Mit dem Ansteigen der Angst ziehen sich Menschen zunächst in immer kleinere Gruppen zurück, in denen sie noch vertrauen können. Erreicht die Angst ein sehr hohes Maß, fühlen sie sich ganz auf sich selber gestellt und wollen nur ihre eigene Haut retten. Je größer die Angst, desto größer der Zerfall der Gesellschaft. 

Da die Terrorgruppen selber Angst haben vor Gesellschaften, die mit dem Mindestmaß an gutem Willen funktionieren, sehen sie in willkürlichen Überfällen und wahllosen Mordaktionen den besten Weg, um ihren Gegner, eben die demokratisch und liberal verfassten Gesellschaften, zu schwächen und zu entmachten. Eine fragmentierte Gesellschaft kann dem Bösen keinen Widerstand mehr entgegensetzen, da es keine gültigen Normen mehr gibt. In ihr kann man dann die eigenen Machtgelüste mit ausreichenden Gewaltmitteln durchsetzen.

Die Angstmacher in unseren Gesellschaften arbeiten dieser Fragmentierung in die Hände. Sie wollen, dass die Menschen aus dem gesellschaftlichen Konsens austreten und sich der eigenen Gruppierung anschließen, die eine exklusive Sicherheit vor dem Bösen verspricht, das ausgesperrt bleibt. Die Guten sind innen, die Bösen draußen. Vielen verängstigten Menschen ist das Leben in einem imaginären Bunker lieber als das Risiko, im Freien dem Bösen zu begegnen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir Verantwortung für unsere Ängste übernehmen. Wir sind nicht deren Opfer, sondern wir erzeugen sie in uns, indem wir uns über Bilder und Worte verwirren und in Trance versetzen lassen. Wenn wir unsere Ängste erforschen, erkennen wir, dass ihre Wurzeln tiefer sitzen, dass es kindliche Verunsicherungen sind, die durch aktuelle Ereignisse mobilisiert werden. Wir brauchen uns von diesen alten Ängsten nicht beherrschen lassen. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, erkennen wir auch, dass das Böse, das wir im Außen wahrnehmen, z.B. in Form der Gewalt gegen Unschuldige, in uns genauso vorhanden ist. Es ist ein Abkömmling unserer Ängste und will den Auslöser der Ängste zerstören, um sich von der Angst zu befreien. 

Indem wir erkennen, dass wir um nichts "besser" sind als die Bösen, sondern nur mit Glück in relativer Sicherheit gelandet sind, sodass wir aus unseren Ängsten und Zerstörungsimpulsen heraus nicht handeln müssen, sondern in einem bestimmten Grad friedvoll leben können, verliert das Böse im Außen jede Macht über unser Inneres. Das ist der Weg der inneren Versöhnung, der uns aus der Angst und Verunsicherung herausführt. So können wir in Klarheit und Verantwortung unsere Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen und dem Bösen im Außen mit Entschlossenheit begegnen.

Dienstag, 29. September 2015

Für ein Verbot der Angstmacherei

Irrationalismen entstehen, wenn der Realitätskontakt unterbrochen ist und kein direkter Bezug zu ihr besteht. Irrationalismen sind also Konstruktionen in unserem Kopf, die nicht mit äußeren Daten abgeglichen werden. Deshalb geschieht es schnell, dass die eigenen Ängste in die irrealen Konstruktionen hinein fantasiert werden und dort ihren festen Sitz bekommen. Wo keine Realität, dort keine Korrektur. Wo kein Realitätsbezug, dort keine Korrekturmöglichkeit.

Ein Beispiel: Der Antisemitismus wird von der irrealen Angst erzeugt, dass Juden eine Gefahr für die restliche Menschheit darstellen. Er ist dort am größten, wo es keine Juden gibt. Eine typische Antwort eines Antisemiten auf die Frage, ob die Juden, die er persönlich kenne, auch böse oder gefährlich seien, ist: „Nein, aber die sind eine Ausnahme." Wie jede Ideologie, ist auch der Antisemitismus ein geschlossenes System.

Parallel dazu gibt es das Phänomen der Xenophobie ohne Fremde. Ein interessantes Detail bei den Ergebnissen der Landtagswahlen in Oberösterreich vom 27. September 2015 zeigt, dass der Stimmanteil der FPÖ, der ausländer- und flüchtlingsfeindlichen Partei, in Gemeinden mit untergebrachten Flüchtlingen kleiner ist als in Gemeinden ohne. Die Befürchtungen steigen nicht, wenn wir der Bedrohung direkt, also von Mensch zu Mensch begegnen, im Gegenteil: sie sinken. Je mehr Realität, desto weniger Angst und desto mehr Rationalität (=Vernunft).

Sobald wir uns mit einer Angst konfrontieren, verliert sie ihre Macht. Das Bedrohliche lebt von seiner Ungreifbarkeit. Solange es keine Realität hat, kann es übermächtig werden wie bei einem Psychotiker, der in seinem Zimmer sitzt und vom Wahn in den Wahnsinn getrieben wird, dass der Raum voller böser Geister ist. Wieder ist das System geschlossen, denn es gibt keine Realität, die als Korrektur dienen könnte.

Wo wir auf die Realitätsprüfung verzichten, laufen wir Gefahr, psychotisch zu werden. Psychose ist eine Krankheit, die darin besteht, dass die betreffende Person nicht mehr unterscheiden kann, was Fantasie und was Realität ist. Wir haben es mit Vorformen der Psychose zu tun, wenn Ängste verbreitet werden, ohne dass eine Realitätsprüfung notwendig ist. Deshalb wählen viele Menschen gerade diejenige Partei, die das gestörteste Verhältnis zur Realität hat. Sie finden sich dadurch bestätigt.


Die Sucht nach Angstmachern


Die Ängstlichen suchen die Angstmacher, weil sie meinen, dass die, die vor Ängsten warnen, um die Realität wissen. Da Angst immer einengt, nicht nur den Körper und seine Funktionen, sondern auch die Wahrnehmung, kann unter Angst nur ein eingeschränktes Bild der Realität erzeugt werden. Von den Angstmachern wird angenommen, dass sie den Durchblick haben, der einem selber fehlt, und dass sie die Handlungskraft haben, von der man selber abgeschnitten ist. Sie repräsentieren die Macht, die die eigene Ohnmacht ausgleichen soll. Sie können die bösen Geister bannen.

Deshalb müssen die Angstmacher martialisch und aggressiv auftreten und zu zumindest verbaler Gewalttätigkeit fähig sein. Dann glauben die Ängstlichen an sie und klammern ihre Hoffnungen daran, die Angstmacher an die Macht zu bringen und dann daran teilhaben zu können. 


Für ein Verbot der Angstverbreitung


Ängste sind lähmend. Ängste sind ansteckend. Ängste machen krank. Ängste machen asozial. Ängste führen zu psychischen und körperlichen Erkrankungen. Also sollte es verboten und unter Strafe gestellt sein, Ängste zu verbreiten. Parteien, die das Angstmachen in ihrer Propaganda und Programmatik vertreten, sollten verboten werden. Schließlich erlauben wir es auch nicht, dass Menschen mit hochinfektiösen Krankheiten in der Öffentlichkeit herumlaufen, und müssten dagegen vorgehen, wenn jemand zur Verbreitung von gefährlichen Infektionen aufruft. Drogenhandel und –konsum sind untersagt, Angstverbreitung wird als Ausdruck von Meinungsfreiheit gerechtfertigt.

Solange wir nicht verstanden haben, dass wir im Inneren unsere Ängste loswerden sollen, müssen und können, wird die Macht der Ängste und ihre kollektive Steuerung und Instrumentalisierung nicht als kriminelles Delikt verstanden, sondern als Bestandteil jeder Gesellschaftsordnung verharmlost. Es bedarf also der Weiterführung der Aufklärung in die Bereiche der Emotionalität, wenn wir das Projekt einer gerechten und befreiten Menschheit weiterführen wollen.


Vgl.: Großprobleme und der Hang zum Irrationalisieren
Die Flüchtlinge in unseren Köpfen