Donnerstag, 15. März 2012

Der menschliche Körper und die Bewusstseinsevolution

Hier möchte ich ein paar Gedanken zur Rolle des Körpers in den ersten drei Stufen der Bewusstseinsevolution entwickeln.

Auf der ersten, der tribalen Stufe, ist das Verhältnis von Mensch und Körper noch ganz einfach. Diese Stufe ist die körperlichste von allen. Denn die Beziehung zum eigenen Körper und zu den Körpern der anderen ist so direkt und unmittelbar, wie sonst auf keiner der folgenden Stufen. Es gibt noch wenige kulturelle Imprägnierungen des Körpers. Da diese Stufe durch eine fast intime Nähe von Mensch und Natur gekennzeichnet ist, werden auch die Körper als Teil der Natur erfahren und in Ritualen gefeiert. Allerdings ist die Nähe keine Einheit, der Unterschied besteht und ist ebenfalls Gegenstand von Ritualen.

Auf der zweiten emanzipativen Stufe gewinnt die Bekleidung des Körpers, also seine Verhüllung größere Bedeutung. Damit wird die Vergrößerung des Abstandes zur Natur zum Ausdruck gebracht. Es geht ja auch um die Emanzipation aus der Kontrolle durch die Natur. Wie sich die Menschen Häuser bauen, um sich vor den Unbilden der Natur zu schützen, werden auch die Körper von Hüllen umgeben, zum Schutz und zur Symbolisierung, dass die Körper jetzt nicht mehr der Natur gehören. Der Eigentumsbegriff, der auf dieser Stufe eingeführt wird, hinterlässt auch auf den Körpern der Menschen seine Spuren. In der Sklaverei werden Menschen und damit vor allem ihre Körper in Besitz genommen. Für den Freien ist der Körper sein Eigentum, das er aber auch verlieren kann.

Mit der Konzentration und Verkleinerung der Familie, die auf dieser Stufe stattfindet, werden die Besitzansprüche in den Geschlechtsbeziehungen verstärkt. Der trojanische Krieg wird durch einen „Frauenraub“ Helenas durch Paris ausgelöst. Auf Wikipedia heißt es dazu: „Helena galt als die schönste Frau ihrer Zeit. Ihre Schönheit soll so groß gewesen sein, dass jeder Mann, der sie sah, Helena besitzen wollte.“ Selbst der Wikipedia-Erzähler berschreibt das Begehren einer Frau durch einen Mann als den Wunsch nach Besitz. Frauenkörper werden zum Eigentum der Männer. Bei Verletzung des Eigentumsrechtes gibt es Krieg (selbst wenn „das Eigentum“ dem Besitzerwechsel zugestimmt hat).

Die männliche Dominanz, die in den homerischen Epen im Bewusstsein schon fest verankert ist, hat keine andere Begründung als die überlegene Körperkraft, die für die emanzipatorischen Großtaten notwendig war. Damit verschärfen und vertiefen sich die Unterschiede unter den Geschlechtern. Diese Neubewertungen und Kategorisierungen legen sich über die Körper wie die Kleider, die sie verhüllen und schleichen sich in die Körper ein, um ihren Lebensausdruck zu prägen.

Der Männerkörper wird freigespielt (in Spiel und Sport), weil er die Abenteuer bestehen muss, während der Frauenkörper den Besitzansprüchen untergeordnet wird. Deshalb wird der letztere umfangreicher verhüllt, manchmal bis zur völligen Verbergung. Die griechischen Männer vollzogen ihre olympischen Wettkämpfe nackt, die Frauen waren dabei nicht einmal anwesend. Mit dieser Freilegung des Männerkörpers (und auch mit seiner Ästhetisierung in der griechischen Kunst) einher geht die Entfesselung des männlichen Gefühlskörpers, insbesondere der Wut. Zugleich findet eine Einschränkung statt, denn der männliche Körper ist nur in seiner aggressiven Form brauchbar, während seine Verletzlichkeit nicht gefragt ist. Der Männerkörper hat zwei widerstrebende Aspekte zu vereinigen, die Öffnung für die Energie der Wut und die Abschottung gegen die des Schmerzes. Das ist das Programm der Körpererziehung und Körperbildung für die weitere Geschichte, und das ist die Geburt des Macho-Körpers.

Der Frauenkörper erfährt die gegenteilige Prägung – die Freilegung der Verletzlichkeit und die Unterdrückung der Aggression. Möglicherweise sprechen hormonelle und andere organische Dispositionen für die Plausibilität dieser Unterscheidung, doch werden sie im emanzipatorischen Bewusstsein polarisiert und festgeschrieben, d.h. die Mittelbereiche der Streuung – weniger aggressive Männer und weniger verletzliche Frauen – müssen sich den Polen zuschlagen. Dieser Prozess des Auseinanderdrängens der nach Geschlecht unterschiedenen Körper wird in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft und Kultur übersetzt. Eine Folge ist, dass die Frauenkörper faktisch weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Wir können nur spekulieren, ob sich durch diese kulturellen Zuschreibungen die Körper selbst verändert haben; nach den Erkenntnissen der Epigenetik ist das durchaus denkbar – dass also durch den sozialen Druck zur Polarisierung die Frauenkörper „weiblicher“ und die Männerkörper „männlicher“ geworden sind. Jedenfalls wurden Zwischenbereiche, die sich z.B. in der Homosexualität ausdrücken, massiven Sanktionen ausgesetzt, während die verkörperten Pole, die starken Männer und die schwachen Frauen, Karriere machen konnten und zu prägenden Stereotypen wurden.

Die Körper auf der dritten Stufe der Bewusstseinsevolution

Die oben skizzierte Entwicklung des Auseinanderdriftens der geschlechtlich differenzierten Körper in der zweiten Stufe der Bewusstseinsentwicklung wird in der dritten, der hierarchischen, fortgesetzt und institutionalisiert, z.B. durch kirchliche Verbote des Waffentragens für Frauen.

Es geht jetzt darum, die Körper der Macht der Bürokratie unterzuordnen und sie in das Über- und Unterordnungssystem einzupassen. Da Körper als solche nicht einfach formbar sind, muss die Bekleidung der sozialen Differenzierung dienen. Zu diesem Zweck gibt es in vielen Kulturen Kleiderordnungen, die die öffentliche Darstellung der sozialen Stellung einer Person regeln. „Kleider machen Leute“ und machen auch Körper – das Tragen bestimmter Kleidungsstücke formt die Körper und die Körpersprache der Bekleideten. Ein König kann nicht irgendwie gekleidet sein und sich nicht irgendwie bewegen, sondern hat sich an die vorgesehenen Normierungen zu halten. Er hat sich imponierend und majestätisch zu bewegen, sonst ist er der Lächerlichkeit preisgegeben und muss um seine Macht fürchten. 

Ähnliches gilt auch für die Angehörigen des Adelsstandes, in abgestufter Form. Die Formung der Körpersprache reicht hinein in die verbale Sprache, die auch solchen Normen folgt. Ein gutes Beispiel ist dafür England nach der Invasion durch die Normannen, die eine neue Herrschaftssprache mitbrachten. Ein Engländer hat mir einmal erzählt, dass die sprachlichen Feinregulierungen zur sozialen Differenzierung nach wie vor in Geltung sind und genutzt werden, sodass jeder Engländer „hören“ kann, aus welcher Schicht eine Person kommt. Ähnliches gilt sicher auch für andere Kulturen, wenn auch die Tendenz zur Einebnung solcher Unterschiede im Zug der Demokratisierung im Laufen ist.

Die Untertanen haben eine Untertanenhaltung einzunehmen, mit der sie eine jederzeitige Unterwerfung signalisieren. Diese ist uns so eingeprägt, dass sich unsere Nackenmuskeln anspannen, um den Kopf zu senken, wenn wir Vorgesetzte treffen. Der Schuster hat bei seinem Leisten zu bleiben, und nur im Märchen wird der Müllerssohn zum König.

Es geht dabei auch um die Fesselung des Gefühlskörpers. Er darf der Herrschaftshierarchie nicht in die Quere kommen und muss kontrolliert werden. Auf die Aggressionsenthemmung der zweiten Stufe folgt die Aggressionshemmung auf der dritten. Damit sollen die Menschen massentauglich gemacht werden, also in die Lage versetzt werden, in einer Großgesellschaft zu funktionieren. Und dazu ist es wichtig, genau den eigenen Rang und den der anderen in der Hierarchie zu kennen, ähnlich wie die Inder trotz offizieller Abschaffung des Kastenwesens die Kastenzugehörigkeit jedes Gesprächspartners sofort erkennen.
Die Verfügung über den Körper wird öffentlich kundgemacht durch die grausamen Bestrafungen von Verbrechern und „Regimegegnern“, die der Bevölkerung nicht nur zeigen sollen, dass der Staat, der Herrscher, den Untertanen das Leben wegnehmen kann, sondern dass er die Verfügungsmacht über ihre Körper hat, mit denen er tun und lassen kann, was er will. Die Verbreitung der Folter für die Wahrheitsfindung in der Justiz ist ein weiteres Zeichen für den ungehemmten Zugriff des Staates auf die Körper der Menschen. Wenn der Verdächtige nicht freiwillig die Wahrheit sagt, wird sie aus seinem Körper heraus gepeinigt.

Erwähnenswert ist noch der Einfluss des Christentums auf die Körperformung im hierarchischen Bewusstsein. Unter dem Einfluss des Manichäismus, einer Glaubensrichtung aus dem vorderen Orient, nahm die Leibfeindlichkeit Einzug ins frühe Christentum, mit Folgen bis in unsere Zeit, vor allem in der katholischen Kirche. Der Körper galt als sündig und unrein.

Die Frauenkörper erfahren auf dieser Stufe bis ins Absurde gehende Verformungen. Die spanische Mode des 16. Jahrhunderts z.B. sollte den Frauenkörper derart einschnüren, dass er ein streng geometrisches Aussehen erreichte, zwei auf ihren Spitzen ruhende Dreiecke mit einem Kreis obenauf. Ein anderes Beispiel bieten die verunstalteten Füße der chinesischen Frauen, die mit diesem „Schönheitsmerkmal“ ihre Fortbewegungsfähigkeit einbüßten.

Jede selbständige Möglichkeit des Ausdrucks soll unterbunden werden, für die Frauen noch stärker als für die Männer. Die körperliche Leidenschaftlichkeit hat keinen Platz in der Öffentlichkeit, und die Gewissensprägung durch die Religionen sorgen zusätzlich dafür, dass auch im Privaten oder Intimen intensive Gefühlserregungen mittels Schuldgefühlen gedrosselt werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen (bis heute) den Körper als Gefängnis der Seele erleben und diese Verkümmerung der freien Lebendigkeit manchmal noch als spirituelle Erkenntnis verbrämen.

Die Befreiung des Körpers muss warten. Auch die vierte Bewusstseinsstufe, die den Körper für die Produktionsprozesse in Dienst nimmt, verheißt der körperlichen Freiheit nichts Gutes, im Gegenteil, die Ausbeutung der Arbeitskraft im Kapitalismus ist vor allem eine Ausbeutung der Körper bis an den Rand des Zusammenbruchs. Erst auf der fünften Stufe des personalistischen Bewusstseins wird langsam und vorsichtig der Körper wieder entdeckt und seine Lebendigkeit zurückgewonnen.

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