Sonntag, 23. September 2012

Die Wehrpflicht in Österreich aus der Sicht der Bewusstseinsevolution



Wie üblich, wenn die Meinungen und Positionen in einer politischen Frage aufeinanderprallen und wenn heftig gestritten wird, werden verschiedene Schichten unseres Bewusstseins aktiv und bringen ihre Sichtweisen und Ängste ein. So kann es auch an der Frage der Wehrplicht in Österreich beobachtet werden. Sie überforderte offenbar die politischen Entscheidungsträger unseres Landes, sodass sie sie dem Volk zur Entscheidung vorlegen wollen.

Die wichtigen Fragen unserer Gesellschaft haben praktisch immer einen Bezug zur tribalen Bewusstseinsstufe. Immer wenn Politiker den Begriff der „Heimat“ strapazieren, appellieren sie an diese tiefe Schicht unserer Entwicklung. Der Heimatbegriff suggeriert eine Gemeinsamkeit und Verbundenheit, wie sie die frühen Stammeskulturen geprägt hat. Die Sehnsucht nach dieser Form der sozialen Sicherheit ist noch immer in uns lebendig, da wir aber über keine Stämme mehr verfügen, weichen wir auf abstrakte Ersatzbegriffe aus, die dann gerne sentimental beladen werden. (Wenn z.B. ein Oberösterreicher seine Landeshymne hört  - Hoamatland, Hoamatland, dann sollten ihm die Augen feucht werden.)

Vielleicht sprechen wir auch deshalb vom Vaterland (und nicht vom Mutterland – die Erde, also das Land, ist ja dem Weiblichen zugeordnet), weil das Land, auf dem der Stamm herumwanderte, mit Hilfe des Wissens der alten Männer erschlossen und nutzbar gemacht wurde. Ohne dieses tradierte Wissen gab es kein Überleben des Stammes. In einer Stammeskultur konnte es in extremen Gefahrensituationen vorkommen, dass einzelne Stammesmitglieder ihr Leben für die Gemeinschaft hingaben, meist junge Männer oder, in Zeiten von Nahrungsknappheit, auch alte Menschen.

Auf der zweiten Stufe bildet sich der Heldenmythos. Der Held bricht aus der Enge der „Heimat“ aus und riskiert sein Leben für ein Ziel, das nur mehr rhethorisch in die Rahmenbedingungen des Stammesdenkens passt, und statt dessen zunehmend aus Quellen wie dem Streben nach individuellem Ruhm oder Abenteuerlust gespeist ist. Gewalt zur aggressiven Aneignung des Fremden, also das Erobern anderer Gebiete, wird dadurch legitimiert, dass sie zur Regel wird, und dadurch, dass der Held selber sein Leben aufs Spiel setzt. Teil des Heldenmythos ist die Skrupellosigkeit und die Aggressivität und das Riskieren des eigenen Lebens. 

Das Motiv, dass die Preisgabe des eigenen Lebens für ein selbstgesetztes Ziel in Kauf genommen werden kann, das nur scheinbar dem Ganzen dient, pflanzt sich bis in die Ideologien der Selbstmordattentäter unserer Tage weiter. Gewalt gegen andere wird legitimiert dadurch, dass der Täter bereit ist, sich selbst Gewalt anzutun.

Auf der dritten Stufe bilden sich dann der Begriff der abstrakten Pflicht. Die Menschen werden vom Herrscher oder vom Staat in die Pflicht genommen. Er legt fest, was sie zu tun haben – Pyramiden zu bauen, Kanäle auszubuddeln, in den Krieg ziehen und dort zu sterben. Verstöße gegen die Anordnungen werden bestraft, die Einhaltung der Pflichten wird mit allen Mitteln erzwungen. Die Individuen haben dagegen keine Rechte und kaum Möglichkeiten, sich der Verpflichtung zu entziehen. Sie haben jedoch den „Vorteil“, dass sie nicht mehr persönlich für das verantwortlich sind, was sie bei ihrer Pflichterfüllung anrichten, sie haben ja nur ausgeführt, was ihnen befohlen wurde, und sei das auch die Ermordung von Babys. Wenn jemand seine Taten (oder Untaten) damit rechtfertigt, dass er „nur seine Pflicht“ getan habe, dann bezieht er sich auf diese Bewusstseinsschicht.

Jedenfalls schafft es das hierarchische Denken, die Dienstverpflichtung der Menschen zunehmend zu abstrahieren, indem sie nicht mehr auf konkrete Personen bezogen ist (wie im mittelalterlichen Lehenswesen), sondern auf „alle“ oder auf „alle in einem bestimmten Alter“ usw. So kam es zum ersten Aufruf zur allgemeinen Wehrpflicht in der modernen Zeit während der französischen Revolution, genannt „levée en masse“, also Erhebung der Massen. Begründet wurde dieser Aufruf mit der Notwendigkeit, die Errungenschaften der Revolution und die Integrität der Nation zu verteidigen. Hier mischen sich Elemente aus dem tribalen Bewusstsein („Verteidigung der Heimat“) mit hierarchisch-totalitären Ansprüchen („alle müssen zu den Waffen“) unter dem Schirm von Ideen aus der personalistischen Stufe („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). 

In diesem Cocktail an Motiven geht es mit der Wehrpflicht im 19. und 20. Jahrhundert weiter. Nach dem Ende des Kalten Krieges ab 1989 wenden sich viele Länder vor allem in der sogenannten freien Welt von der Wehrpflicht ab, während sie vor allem nur mehr in totalitären Staaten beibehalten wird. Das entspricht der Verwurzelung des Wehrpflichtgedankens in der hierarchisch-autoritäten Bewusstseinsstufe, die Wehrpflicht als Disziplinierung der Menschen und der Demonstration der Macht des Staates über seine Bürger. 

Österreich ist hier ein Spezialfall mit manchen Skurrilitäten. Es hinkt in der Abschaffung der Wehrpflicht den meisten EU-Staaten hinten nach. Ein Grund liegt in der Vequickung mit dem Zivildienst. Lange Zeit gesellschaftlich abgewertet und zurückgedrängt, ist er mittlerweile von der Partei, die ihn immer am meisten bekämpft hat und einschränken wollte, der ÖVP, zu einem Hauptargument für die Beibehaltung der Wehrpflicht gemacht worden. Die Organisation der Rettungsdienste sei ohne Wehrpflicht-Zivildienstpflicht nicht mehr zu gewährleisten. Wie schaffen das die anderen Länder in Europa und sonstwo, wo es einen funktionierenden Rettungsdienst gibt? 

Interessant und verwunderlich ist auch, dass die genannte Regierungspartei ÖVP über längere Zeit die Idee eines Berufsheeres propagiert hat, aber am Widerstand der Regierungspartei SPÖ gescheitert ist. Nun haben beide Parteien die Fronten gewechselt, um sich mit ausgetauschten Argumenten gegenüber zu stehen, bereit zum nächsten Scharmützel. Die SPÖ will mit dem Berufsheer punkten, zu dem niemand mehr gezwungen wird, und die ÖVP mit Rettungs-Zivildienern und Soldaten als Katastrophenhelfer. 

Auch hier passt wieder einiges nicht zusammen: Für Katastrophen braucht es Katastrophenhelfer, aber keine Soldaten, die braucht man für Kriege. Ein Katastrophenhelfer muss nicht schießen und Panzerfahren können. Aber auch andere Länder schaffen es, mit ihren Katastrophen zurecht zu kommen, ohne verpflichtenden Einsatz von jungen Männern, die quasi als Bereitschaftstruppe ihre Zeit absitzen sollen, bis die nächste Naturkatastrophe kommt. 

Ich denke, wir sollten uns die Elemente des tribalen Bewusstseins in dieser Debatte bewusst machen und erkennen, dass wir im 21. Jahrhundert mitten in einem integrierten Europa keine Landesverteidigung brauchen. Unsere Heimat ist so sicher vor ausländischen Aggressoren wie noch nie in der Geschichte zuvor. Wir können uns unseres Landes erfreuen wie die Einwohner von Costa Rica, die schon lange kein Heer unterhalten und dennoch oder deshalb in Frieden leben.

Wir können die Motive des emanzipatorischen Bewusstseins aufgreifen und transformieren, indem wir Heldentum überall dort zulassen, wo es dem Gemeinwohl und der Gesellschaft dient, im Einsatz für Minderheiten oder sozial Ausgegrenzte, in der Stärkung der Zivilgesellschaft und alternativen ökonomischen und ökologischen Modellen. 

Wir sollten den Brocken des Zwangsdienstes für junge Männer aus dem hierarchischen Bewusstsein verabschieden. Er passt nicht in eine demokratische Gesellschaft, er passt nicht in eine Gesellschaft der Geschlechtergleichheit, er passt nicht in eine ökonomisch und organisatorisch fortgeschrittene Gesellschaft, die alle Dienstleistungen öffentlich oder privat so gestalten kann, dass sie finanzierbar sind und funktionieren.

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