Dienstag, 20. Februar 2018

Atembewusstheit und Flexibilität

Die Geschichte der Menschheit ist gekennzeichnet durch einen beständigen Fortschritt in der Spezialisierung. Während Menschen in der Frühzeit Allrounder waren, was auch heißt, dass sie rund um die Uhr auf den Beinen waren und ihr Leben mit Handarbeit gesichert haben, nutzen wir im heutigen Bewegungsalltag durchschnittlich 1 – 5 % unserer Bewegungsmöglichkeiten. Die Einschränkung der Vielfalt von körperlichen Aktivitäten spitzt sich in der Informationsgesellschaft extrem zu. Wir können uns heutzutage unseren Reichtum erwirtschaften, indem wir nichts tun als den ganzen Tag in eine Tastatur zu klopfen und dazwischen mal aufs WC oder zum Kühlschrank zu gehen. Andere Menschen nutzen dazu noch die Muskeln, die sie zum Be- und Entsteigen sowie Bedienens ihres Autos brauchen. Unser Körper mit seinen 656 Muskeln ist auf vielfältige Herausforderungen eingestellt; wenn wir aber nur einen Bruchteil davon nutzen, verkümmern die anderen Bereiche, verspannen sich und werden müde. Wir verlieren an Flexibilität – einschließlich unseres Gehirns, denn dieses vereinfacht sich, wenn es vor keine Bewegungsherausforderungen gestellt ist, und beginnt, stärker in Schablonen zu denken statt seine Kreativität zu entfalten.

Dabei ist gerade unser Gehirn zusätzlich durch einen zweiten Trend, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, besonders in Anspruch genommen. Die Arbeiten, die die Menschen verrichten, sind immer mehr durch mentale Prozesse gesteuert, die zunehmend komplexer werden. Ein Bauer, der im Mittelalter seine Felder bestellte, hat alles, was er dazu an Wissen brauchte, von seinen Eltern gelernt. Heutzutage braucht es Jahrzehnte, bis ein junger Mensch in der Gesellschaft seinen Erwerb sichern kann, so viel Wissen ist notwendig. Die mentalen Fähigkeiten sind die Eintrittskarte in die meisten Berufe, sodass die kognitiven Bereiche des Gehirns auf Kosten der anderen Areale überbetont werden, vor allem jene, die mit dem inneren Spüren zu tun haben.


Wenn wir uns auf die Erweiterung der mentalen Fähigkeiten fokussieren, schwindet der Bezug zum eigenen Inneren. Deshalb ist die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem so wichtig. Er führt uns in unsere Innenwelt und macht uns bewusst, wie es uns gerade geht, was wir brauchen und was unsere Impulse sind. Diese Bewusstheit erleichtert uns das Aussteigen aus einschränkenden Verhaltensweisen und motiviert uns, Neues auszuprobieren, sei es nur, einen tiefen Atemzug zu nehmen, vom Schreibtisch aufzustehen und ein paar Dehnungsübungen zu machen. Wir werden merken: Schon kommen andere Gedanken und Ideen, wir gewinnen ein Stück Kreativität.

Gewohnheiten sind es, die uns das Leben erleichtern sollen. Wir neigen dazu, alles, was einmal funktioniert hat, so festzulegen, dass wir es immer wieder praktizieren, auch wenn wir es gar nicht mehr brauchen oder es uns nicht mehr dient und stattdessen im Weg steht. So stecken Gewohnheiten hinter den meisten Problemen, die uns unser Leben schwer machen. Sie engen unsere Möglichkeiten ein und beschränken unseren Erlebens- und Handlungsradius. Das geht bis in unsere Bewegungsformen: Wir gehen auf eine  bestimmte, irgendwann einmal festgelegte Weise, putzen die Zähne oder duschen uns auf ähnliche Art und atmen so, wie wir es im Lauf der Zeit irgendwann angewöhnt haben.

Auch hier ist wieder die Atembewusstheit ein erster Schritt: Indem wir einen bewussten Atemzug nehmen, brechen wir schon aus einer eingeschränkten Atemgewohnheit aus und geben uns selbst mehr Raum, in dem etwas Ungewohntes geschehen kann. Natürlich ist es wichtig, dass wir unsere unterschiedlichen Körperbereiche immer wieder aktivieren und sie damit geschmeidig halten. Die Atemvariation können wir als Anfang nehmen und dann unseren Körper in eine spontane Beweglichkeit bringen. Damit stärken wir unsere Flexibilität, denn ein Körper, der in all seinen Muskeln und Sehnen beweglich ist, kann auf alle möglichen Herausforderungen spontan reagieren, ohne auf gewohnte Verhaltensmuster zurückgreifen zu müssen.

Jeder Gewinn an Flexibilität ist ein Gewinn an Freiheit, jede Einschränkung unserer Möglichkeiten durch nicht mehr sinnvolle Gewohnheiten bedeutet einen Verlust an Lebendigkeit, den wir irgendwann mit Schmerzen und Erkrankungen bezahlen müssen. Es liegt an uns selbst, unsere Bewusstheit zu schulen, damit wir unsere Beweglichkeit erhalten, was unseren Körper immer freut. Er muss dann keine Symptome mehr erzeugen, um uns daran zu erinnern, dass wir auf ihn und seine Bedürfnisse vergessen haben.

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