Donnerstag, 6. Dezember 2018

Reaktionsweisen auf die Scham nach dem Enneagramm

Das Enneagramm ist ein Persönlichkeitsmodell mit neun Typen, und es dient zur Selbstfindung, um die eigenen Potenziale und Schattenseiten besser aufspüren zu können. Beim Enneagramm handelt es sich nicht um ein fixes Lehrgebäude, das ein für alle Mal feststeht, sondern um ein Modell, das nur mit viel Intuition und Flexibilität angewendet werden kann. Es entwickelt sich laufend weiter, und jeder Mensch, der seinen eigenen Typen erforscht, fügt dem Modell eine neue Facette hinzu. Es gibt eine große Zahl von Büchern und anderen Quellen zum Enneagramm, und jede dieser Darstellungen zeigt einen eigenen Zugang zum Modell und verweist dennoch wieder auf die gemeinsame Grundlage, eben die neun Enneagramm-Typen.

In diesem Sinn ist die folgende Zusammenstellung zu verstehen: nicht als eine lehrbuchmäßige Aufzählung von feststehenden typischen Reaktionsweisen, sondern als eine Denk- und Erforschungsanregung, die aus meiner Erfahrung mit dem Modell stammt und die von jeder Leserin und jedem Leser aus der eigenen Erfahrung modifiziert und verändert werden kann. Auf diese Weise wachsen das Wissen über das Modell und der Weisheitsschatz, der im Modell verborgen ist, beständig weiter.

Zunächst zur Orientierung und Übersicht die neun Enneagramm-Typen:


1. Der rechtschaffene Reformer 
2. Die gütige Helferin
3. Der effiziente Macher
4. Die vielseitige Romantikerin
5. Der friedliche Denker
6. Die treue Heldin
7. Der optimistische Abenteurer
8. Die beschützende Kämpferin
9. Der gelassene Vermittler

In diesem Artikel geht es darum, wie die einzelnen Enneagrammtypen mit dem Gefühl der Scham umgehen, zu welchem Verhältnis zu diesem Gefühl sie neigen und was sie lernen können, wenn sie ihre eigene Scham annehmen. Scham ist ein Gefühl, das jeder Mensch kennt, aber auf unterschiedliche Weise damit umgeht. Durch die verschiedenen Reaktionsweisen können wir ein differenzierteres Verständnis dafür bekommen, wie Menschen damit umgehen, wenn sie Scham spüren.

Typische Verhaltensweisen, wie die einzelnen Typen mit dem Schamgefühl umgehen:
  1. Bei der Eins ist die Scham ein großes Hintergrundthema: Sie macht alles, um Situation zu vermeiden, in denen sie beschämt werden könnte. Die Rechtschaffenheit wird perfektioniert, damit es ja keinen Anlass für Scham gibt; wenn aber der große Schein vor den eigenen nicht gelebten Antrieben und Neigungen gelüftet wird, schlägt die Scham erbarmungslos zu, wie beim berühmten Moralprediger, der im Bordell ertappt wird. Die Eins wandelt gerne jedes Fremdschämen in moralische Zurechtweisungen um.
  2. Die Zwei schämt sich häufig, weil sie schnell das Gefühl kriegt, zu wenig zu geben. Deshalb ist der Impuls stark, durch das Tun des Guten mögliches Beschämtwerden hintan zu halten. Leicht schämt sie sich auch für andere und versucht dann, deren Fehler auszugleichen. Wenn sie andere beschämt, dann vor allem durch das viele Geben. Sie bringt immer ein größeres Geschenk mit als die anderen.
  3. Die Drei ist Meisterin im Überspielen. Sie ist virtuos und wendig im Vertuschen von Peinlichkeiten und lenkt sofort ab, wenn etwas auftaucht, was die Scham auslösen könnte. Da sie gerne im Mittelpunkt steht, achtet sie auf eine saubere und polierte Fassade, die keinen Makel verträgt. Deshalb vertuscht die Drei gerne alles, was beschämend sein könnte.
  4. Bei der Vier sind Scham und Drama eng verknüpft: Sie exponiert sich gerne, manchmal bis an die Grenze zur Schamlosigkeit, leidet intensiv an der Scham und zieht gerne andere mit rein. Sie veranstalten ein emotionales Theater, damit alle sehen, was los ist.
  5. Die Fünf neigt zur Rationalisierung: Sie erklärt, warum was geschehen ist, um die Scham nicht spüren zu müssen. Sie findet Rechtfertigungen und Begründungen für die eigenen Fehler. Sie versteht die Scham als eine Privatsache, die niemanden etwas angeht und gehen Menschen aus dem Weg, die sie beschämen könnten.
  6. Die Sechs hat von allen Enneagrammtypen die größte Schambereitschaft. Sie meint ständig, etwas falsch gemacht zu haben und irgendjemandem etwas schuldig zu bleiben. Sie läuft mit einer Haltung herum, sich sofort zu entschuldigen, was auch immer gerade passiert.
  7. Die Sieben versteht nicht, worum es dabei geht, wenn jemand von Scham redet. Sie wähnt sich in einem unschuldigen Kindheitsstadium; wenn es doch zu peinlichen Situationen kommt, erwirbt sie das Verständnis der anderen dadurch, dass sie sich in voller Naivität schämen kann. Das Ganze geht schnell, und dann ist schon wieder etwas anderes interessant. Die Sieben versteht es, es sich so zu richten, dass sie mit all ihren Fehlern davonkommt, ohne dass irgendwer böse sein könnte.
  8. Die Acht verfügt über eine starke Tendenz zur Schamlosigkeit, und ist Meisterin im Beschämen, indem sofort und vorsorglich die Fehler und Schwächen der Mitmenschen angeprangert werden. Sie kann zwar zur eigenen Scham stehen, verbindet sie aber häufig mit einem Angriff auf die anderen, die für die Beschämung verantwortlich gemacht werden.
  9. Die Neun gleicht gerne aus, wenn es um Beschämen geht, hält sich selber raus, weil sie sich mit allen gut stehen will. Die Scham-Prävention der Neun funktioniert so, dass im Vorfeld die Beziehungen gepflegt werden, damit es zu keinen Störungen kommen kann. Ein ausbalanciertes Netz an Beziehungen wird aufgebaut, in dem jeder sich sicher fühlen kann.
Typische Reaktionsweisen auf die Scham: 

1. Verleugnung und Rechtfertigung
2. Selbstanklage und Aktivität
3. Ausreden, Schönreden, Kleinreden
4. Leiden und Aufmerksamkeit finden
5. Erklärungen ausdenken und zurückziehen
6. Verzweiflung und Jammern
7. Ablenkung und Beschönigen
8. Anklage und Vorwürfe
9. Bagatellisieren und Ausgleichen

Was die Scham lehren kann:
  1. Ich bin nicht vollkommen, brauche nie vollkommen zu werden und muss es auch nicht von den anderen zu verlangen. 
  2. Ich gebe genug dadurch, dass ich da bin. Meine guten Taten und meine Fürsorge für andere sind nicht das einzige Kriterium, von Menschen geschätzt zu werden.
  3. Ich kann es aushalten und verliere nichts dadurch, mich zu schämen, wenn ich etwas Falsches oder Unrechtes getan habe. 
  4. Ich stehe zu meinen Fehlern und übe mich in Gelassenheit. Ich nehme mich und meine Gefühle weniger wichtig und bin dadurch offener für andere Menschen.
  5. Schämen ist ein Teilaspekt des Menschseins, ich kann das Gefühl zulassen und spüren, und, wenn nötig, Handlungen setzen, um einen Schaden wieder gutzumachen. Ich sehe ein, dass ich Menschen besser verstehen kann, wenn ich meine eigene Scham kennenlerne.
  6. Ich lerne bei jedem Schämen ein Stück von mir tiefer anzunehmen und zu akzeptieren, dadurch erkenne ich mehr und mehr, wie wertvoll ich bin, gleich ob ich es den anderen Recht mache oder nicht.
  7. Wenn ich meine Scham akzeptiere, kann ich mich tiefer mit mir selber verbinden und zu mir kommen.  
  8. Ich achte besser darauf, wenn und wofür ich mich schäme, dann wird meine Tendenz schwächer, andere zu beschämen, was mir eigentlich nur Probleme beschert. Ich übe mich in mehr Toleranz.
  9. Ich stehe zu meiner Scham, wenn sie da ist, und damit stehe ich mehr zu mir selber und nehme mich so wichtig wie die anderen. Ich wende das Verständnis, das ich für andere habe, auch auf mich an.
Zum Weiterlesen:


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