Dienstag, 26. Mai 2015

Der Verlust des Väterlichen im Patriarchalismus und pränatale Korrekturen

Die Geschichte des Patriarchats hat nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer beschädigt. Hier geht es um die Vaterrolle und die väterliche Emotionalität und
ihre Deformation durch den Patriachalismus. Ich fasse mich kurz, was die allgemeine Geschichte anbetrifft, weil es dazu genügend Literatur gibt. Interessant finde ich darüber hinausgehend die Einsichten, die wir aus der pränatalen Psychologie und Therapie zu diesem Thema finden können.

Der Patriachalismus hat meiner Auffassung nach mit dem Auftreten des emanzipatorischen Bewusstseins, also zu Beginn der Jungsteinzeit begonnen. Die tribalen Stammesformen hatten unterschiedliche, aber prinzipiell ausgeglichene Verhältnisse zwischen Männern und Frauen. Die größeren Organisationsformen, die mit der Einführung der Agrarwirtschaft nötig wurden, sowie die damit verbundenen kriegerischen Machtapparate führten zur gesellschaftlichen Dominanz der Männer. Daraus entwickelte sich die institutionalisierte Geschlechterteilung – Männer beherrschen die Öffentlichkeit und Frauen die Privatheit in den Familien. Wiederum unterschiedlich, aber durchgängig prägte sich die öffentliche Entwertung und Unterdrückung der Frauen aus (z.B. heute noch ungleiche Bezahlung in Mitteleuropa, Autofahrverbot in Saudi-Arabien usw.).

Die Reaktion der Frauen, die Kompensation und Rache für ihre Verbannung aus der Öffentlichkeit, ist strukturell bedingt, also nicht eigentlich persönlich, auch wenn sie sich im da und dort ausbrechenden Männerhass ausdrückt. Sie wirkt jedenfalls großteils unbewusst und entstand daraus, dass die Mütter insbesondere ihre Söhne an sich banden. Sie übernahmen dabei die patriarchale Asymmetrie: Da Männer mehr wert waren als Frauen, waren auch Jungen mehr wert als Mädchen. Vor allem die Mütter gaben das ihren Söhnen und ihren Töchtern zu verstehen und verstärkten damit die eigene Unsicherheit, die ihre Absicherung nur von den Söhnen erwarten konnte. Damit prägte sich von klein auf der Patriarchalismus bei beiden Geschlechtern ein, sodass bis heute viele seiner Züge wie eine natürliche Selbstverständlichkeit gelten. Also, in einer Kurzformel: Entwertete Mütter verwirklichen sich in aufgewerteten Söhnen, entwertete Töchter machen es mit ihren Söhnen genauso. Damit stabilisiert sich das System selbst.

Emotionale Abhängigkeit


Die Kehrseite, in der sich die unbewusste Rache der Mütter durchsetzt, ist die emotionale Abhängigkeit der Söhne von ihren Müttern, bedingt durch die Abwesenheit der Väter. Da die Väter im Intimraum der Familie kaum auftreten, fehlen sie, was die Emotionen anbetrifft, als Identifikations- und Reflexionsposition. Nährende Emotionen kommen nur von der weiblichen Seite.

Und hier öffnet sich die Zwickmühle für den erwachsenwerdenden Jungen: Will der Sohn Mann werden, müsste er sich aus der emotionalen Abhängigkeit von der Mutter lösen. Er würde damit aber den Bezug zur nährenden mütterlichen Emotionalität verlieren. Zwar kann er sich in Frauen verlieben, die ihm ersatzweise mütterliche Emotionen anbieten, verliert diese aber wieder, sobald nach der Heirat die Kinder kommen, vor allem die heißersehnten Söhne.
Unbewusst bleiben deshalb die Männer an die Mutter gebunden, und ihr ganzes Tun und Schaffen, Kämpfen und Rennen dient dem Zweck, sich von dieser Abhängigkeit befreien, obwohl das ganze Agieren genau diese Bindung verstärkt. Denn es ist auf einer Ebene das Programm der Mutter, das die Söhne in ihrer rastlosen Aktivität ausführen, wenngleich Väter diese Intention auch bewusster und expliziter unterstützen. Die Aussichtslosigkeit des Entrinnens aus dem Teufelskreis der Abhängigkeiten bildet die Männerseite des Geschlechterhasses: Projiziert auf die Welt wird in dieser das Lebendige stellvertretend für die emotional allmächtige Mutter bekriegt und tendenziell zerstört.


Die Emanzipation der Männer und die der Frauen


Deshalb blieb, nebenbei erwähnt, die Emanzipation bis ins 19. Jahrhundert ausschließlich eine männliche Angelegenheit. All die Eingriffe, die die Männer in die Geschichte einbrachten, die Kriege, Erfindungen und Eroberungen, die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Un- und Großtaten, können psychodynamisch als Ausbruchsversuche aus der emotionalen Mutterbindung verstanden werden, wobei eben alle diese Ausbrüche wiederum nur die unbewussten Größenfantasien der machtlosen Mütter in die Wirklichkeit umsetzten. Erst mit dem bewussten Kampf um Gleichberechtigung durch die Frauenbewegung konnten sich die Verhältnisse auf der emotionalen Ebene ändern.

All die Unsicherheiten mit der Emanzipation der Frauen, die bei den Männern auftreten, entstehen deshalb, weil die Männer so viel an emotionaler Kompetenz verloren haben. Mannsein im Patriarchalismus war mit der Abwehr von Emotionen und nüchterner Weltbewährung verknüpft. Deshalb müssen die Männer erst wieder die Sicherheit gewinnen, ihre eigene männliche Emotionalität zu entfalten, und an die Seite der weiblichen Emotionalität zu stellen, wenn es um die Kinder geht, sowie auf die gleichrangige Beziehungsebene, wenn es um die Begegnung der Liebesbeziehung geht.


Unsinniger Schuldbegriff


Viele Schuldzuweisungen wurzeln in diesen Zusammenhängen. So könnte man die Mütter beschuldigen, dass sie ihre Söhne ins Unglück treiben, indem diese sich auf den Schlachtfeldern und den Höllen der kapitalistischen Ausbeutungsmaschinen ausbluten, ja, dass sie damit zusätzlich ihre eigene Machtlosigkeit zementieren, also an ihrer eigenen Unterdrückung schuld sind. Klarerweise hat die Schuldfrage hier nichts verloren. Auch die Männer, die ja scheinbar die Nutznießer des Systems sind, weil sie im klassischen Sinn über alles verfügen, was von Bedeutung ist: Geld, Macht, Status, Einfluss, Freiheit usw., sind persönlich nicht schuld. Sie haben in diesem System gerade das schon ganz früh verloren, wonach sie dann ihr ganzes Leben jagen - emotionale Nahrung. Davon mussten sie sich ausschließen, weil sie sonst keine Chance gehabt hätten, Männer zu werden. Mannsein im Patriachalismus heißt: Ohne emotionale Nahrung auskommen zu müssen und sich in der Sehnsucht danach zu verzehren. Die Frustration drückt sich dann in den aggressiven männlichen Veranstaltungen aus: Krieg, Konkurrenz, Ausbeutung, Naturzerstörung. Erfolgreich sind die Männer vor allem darin, die Grundlagen ihrer Sehnsüchte nachhaltig zu zerstören.

So absurd das patriarchalistische System in dieser Betrachtungsweise wirkt, so stabil konnte es sich über die Jahrtausende retten. Abgesichert über die Generationenkette, gab es praktisch keinen Ausweg aus dem Teufelskreis von emotionaler Erpressung und emotionaler Distanzierung. Schuldzuweisungen sicherten das Weiterbestehen des Systems noch zusätzlich ab.

Der Patriarchalismus begann erst am Höhepunkt der Kapitalismus zu kippen, weil durch die Eingliederung der Frauen in die Lohnarbeit die Entemotionalisierung so weit getrieben war, dass der soziale Zusammenhalt vor dem Ende stand. Dadurch entwickelte sich die Bewusstseinserweiterung ins Persönliche hinein und die Idee der Gleichstellung der Geschlechter fand den Weg zur sozialen Verwirklichung. Folglich wurde die Macht des Patriarchalismus nur dort gebrochen, wo die Aufklärung nachhaltigen Widerhall fand. Wo sie weiterbesteht, haben sich auch Aufklärung und moderner Rationalismus noch nicht voll durchgesetzt. Jedoch wirken auch unterhalb der aufgeklärten Moderne und Postmoderne noch überall Züge dieses Systems unterschwellig weiter. 


Einsichten aus der pränatalen Welt


Wir sind jedenfalls heute, in der nachaufklärerischen Gesellschaft, in einer besseren Position. Wir können die destruktiven Mechanismen, mit denen sich solche selbstausbeuterische Systeme selber unterminieren, klarer erkennen. Wir üben uns darin, Vorurteile und Projektionen zu durchbrechen und unbewusste Triebkräfte ans Licht zu bringen. Auf diesem Weg können wir uns mehr und mehr dem Bann des Patriarchalismus entziehen und seine Spuren aus den Seelen sowohl der Männer wie der Frauen tilgen. Dazu dient der Blick zurück an unsere individuellen Anfänge, wie er durch die relativ neue Disziplin der Pränatalforschung intern und extern, also subjektiv und objektiv möglich wird.

Denn wir lernen: Von uns selber in der Rückschau und von jedem neuen Menschenwesen, das in diese Welt tritt. Dabei stoßen wir auf ein tiefes Wissen darüber, was gesehen werden muss, damit der Patriarchalismus nachhaltig und durchgängig überwunden werden kann.

Jeder von uns trägt das Ur-Männliche durch die Samenzelle und das Ur-Weibliche durch die Eizelle in sich. Beides ist individuell gefärbt und geprägt durch die Geschichte des Vaters und der Mutter und damit auch patriarchalistisch infiziert. Beides zusammen macht das neue Menschenwesen aus, das immer Vater und Mutter in sich trägt und von da her die aktive Beziehung zu beiden sucht. Je nachdem, wie diese Beziehung gelebt werden kann - während der Schwangerschaft und dann in der Kindheit, entwickelt sich das innere Bild des Männlichen und des Weiblichen, Animus und Anima. Ist ein Elternteil wenig verfügbar, wird sich das entsprechende innere Bild mit Fantasien und Wunschprojektionen aufladen, aber auch mit ambivalenten Gefühlen. Besteht ausreichende Gelegenheit zum kommunikativen Austausch, wird das Bild konkreter und realitätsnäher, bereichernd und nährend für die kreative Lebensgestaltung sowie für die Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen. Darüber hinaus hängt der Aufbau der inneren Repräsentanz des Männlichen wie des Weiblichen auch von der Qualität des Austausches ab, vom Ausmaß an Authentizität und Kongruenz, das die Eltern den Kindern gegenüber einbringen können.

Gleich, wie die inneren Bilder in der individuellen Entwicklung inhaltlich ausgeformt werden - das Vaterbild ist genauso wichtig wie das Mutterbild. Selbst wenn die Väter infolge des Patriarchalismus in vielen Fällen nur verzerrt oder am Rand der kommunikativen Welt der Kinder aufscheinen, nehmen sie die Hälfte der Innenwelt der Kinder ein. Das zu sehen ist für Väter und auch für Mütter wichtig - für Väter: den Platz, der ihnen von den Kindern eingeräumt wird, einzunehmen, für Mütter, ihn zu gewähren. Denn die biologische Intimität, die Mütter durch das Heranwachsen des neuen Lebens in ihrem Bauch natürlicherweise entwickeln, können die Väter durch nichts ersetzen. Auf allen anderen Ebenen spielen sie jedoch eine wichtige Rolle, die solange nur Fantasie in den Köpfen der Kinder bleibt, als sie von den Vätern nicht ausgefüllt wird.

Es ist die biologische Strömung, aus der neues Leben entsteht, die ganz ursprünglich den Ton angibt und die Melodie bestimmt. Hier ist beides gleichermaßen notwendig: Das Männliche und das Weibliche. Die Eizelle, die sich mit der Samenzelle vereinigt hat, ist keine Eizelle mehr, sondern ein neues Lebewesen, egalitär aus väterlichem und mütterlichem Informationsmaterial zusammengesetzt und mit dieser Kombination allein lebensfähig. Auch wenn dieser Prozess in der Mutter stattfindet (oder in der Petrischale, was die Geschichte schwer verwirrt), ist das Väterliche ebenso mächtig vertreten. 


Patriarchalische Brille


Unsere patriarchalisch geprägten Augen konnten das nicht wahrnehmen: Dass die Väter von Anfang an für dieses werdende Leben und in ihm von gleicher Bedeutung und zentraler Wichtigkeit sind wie die Mütter. Patriarchalisch betrachtet, zeugen die Väter zwar das Kind (und damit wird es "ihres", wird also potenzieller Fortsetzer und Mehrer des väterlichen Reichtums), aber alles weitere findet in der und durch die Mutter statt. Alles weitere wird auch an die Mutter abgegeben, der Vater hat da nichts zu suchen.

Darum waren ganz klar die Mütter schuld, wenn aus den Kindern "nichts geworden ist", wenn sie also nicht die väterlichen Erwartungen in die gesellschaftliche Karriere erfüllen konnten. Dass sich tatsächlich Mütter bis heute so leicht schuldig fühlen, ist keine Schuld der Männer, die selbst nichts zur Erziehung beitragen und dann die Mängel im Resultat den Frauen zuschieben, sondern ein Resultat der Blindheit für die patriarchale Dynamik, von der Männer wie Frauen unterschiedlich und gleich gravierend betroffen sind.

Für ein Baby, das im Mutterleib heranwächst, sind, wie gesagt, auf der emotional-psychischen Ebene Vater und Mutter gleich wichtig. Das ist auch unabhängig davon, ob der Vater da ist oder nicht (abwesende Väter sind genauso Opfer des Patriarchalismus wie die Mütter und die Kinder, weil Männer gehen, wenn sie sich aus dem Intimbereich vertrieben fühlen). Es ist wirkt deshalb auf das Baby existentiell bedrohend, wenn der Vater es nicht will, ebenso wie die mütterliche Ablehnung. Zwar ist infolge der biologischen Intimität die Gefahr für das werdende Baby akuter und direkter, wenn etwa die Mutter an Abtreibung denkt, aber es nimmt genauso die Einstellung wahr, die der Vater zu seinem Leben einnimmt.


Vatersein jenseits des patriarchalischen Gespenstes


Durch den Patriarchalismus schien ein unbewusstes Arrangement zwischen Vätern und Müttern geschmiedet zu sein, das besagt, dass die Schwangerschaft und das Kinderkriegen eine Sache der Frauen ist. Oberflächlich betrachtet, ist das offensichtlich, weil von der Natur so vorgegeben. Auf allen anderen Ebenen ist es anders, da sind beide Eltern gleichermaßen wichtig. Aber das Arrangement hat bewirkt, dass sich Väter oft vorschnell zurückziehen, wenn Mütter ihren Anspruch auf die Kinder geltend machen. Häufig kommt es z.B. vor, dass eine schwangere Frau einen Abbruch überlegt und der Mann, der vielleicht das Kind möchte, der Frau "den Vortritt lässt", sie soll doch die letzte Entscheidung treffen, weil es ja "ihr Bauch" ist, usw.

Es braucht deshalb die Einsichten in die Uranfänge individuellen Lebens, wie sie aus der pränatalen Psychologie und Therapie gewonnen werden können, dass wir zu verstehen beginnen, was Vatersein gegen Ende des patriarchalischen Gespenstes sein kann: Ein neues Verständnis von Verantwortung und Zugehörigkeit und ein neues Verständnis für die besondere Rolle der väterlichen Emotionalität. Damit bestimmt sich auch ein neues Verständnis von Muttersein, vor allem auf der Ebene der Entschuldung. Und es gibt die Basis für eine neue Beziehungsstruktur zwischen Vätern und Müttern, die wiederum für heranwachsende Kinder zweifach sichere Bindungen ermöglicht.

Je mehr Männer als Väter die emotionalen Räume betreten, die sich im Entstehen und Entwickeln neuen Lebens in besonderer Intensität und Dichte ausbilden, desto mehr können sie ihre tief verwurzelten Sehnsüchte dort befriedigen, woher sie stammen –  aus den eigenen Frühzeiten. So können sie in Hinblick auf die Welt und die Aufgaben, die dort warten, entspannen, weil sie keine von Frustrationen angetriebene Aggressivität mehr dafür brauchen. Vielmehr können sie die Breite ihrer Emotionalität entwickeln, die alle Gefühle in männlicher Färbung umfasst. Die Kinder können dann aus dem Angebot von männlichem oder weiblichem Schmerz, Zorn und Wohlgefühl wählen.

Wo die Männer mehr ins emotionsgeladene Babygeschäft einsteigen, werden die Frauen freier, das Maß an gesellschaftlicher Verantwortung, das sie übernehmen wollen, zu bestimmen. Sie wissen, dass sie den Männern "ihre" Kinder anvertrauen können, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen. Das entlastet wiederum die Männer, die im nachpatriarchalischen Übergangsfeld häufig zwischen den Pflichten des Vaterseins, der Partnerschaft und der Unterhaltsvorsorge zerrieben werden.

Die Kinder bauen auf der Grundlage des gleichwertigen Gegenübers von männlicher und weiblicher Emotionalität die Strukturen ihrer eigenen Innenwelt vollständiger und freier auf. Die Söhne müssen sich dann nicht mehr allein von der mütterlichen Emotionalität abgrenzen, wenn es ums Erwachsenwerden geht, sondern  nehmen von beiden Eltern mit, was sie brauchen können, und lassen bei ihnen, was nicht zu ihnen passt. Ebenso wählen die Töchter aus beiden Töpfen, um ihre eigene Identität als Frau zu gestalten.

Jedes neue Menschenwesen verfügt trotz aller übernommenen Einflüsse über einen neuen Blick, vom Leben selbst mit uraltem "Wissen" ausgestattet. Schon die befruchtete Zelle weiß, dass sie von einem Vater und von einer Mutter kommt und dass es diese zwei Personen sind, die sein Leben ermöglicht haben. Sie weiß auch, dass beide es auf tiefster Ebene gewollt haben, und dass sie die Kraft des Lebens dabei unterstützt hat.

Dieses ursprüngliche Wissen macht keinen Unterschied zwischen Vater und Mutter, was die Bedeutung anbetrifft. Denn dieses Leben kann nicht mehr oder weniger weitergegeben werden, sondern nur als Ganzes, und es muss von beiden und von ihrem Zusammenwirken kommen. Das Leben kann auch nicht halbherzig weitergegeben werden, auch wenn sich die Beteiligten als Personen so fühlen mögen, gerüttelt von der Ambivalenz ihrer Egos. Solche Ambivalenzen verletzen dann auch das Ego des Kindes, das sich sehr bald entwickelt.

Aber unterhalb dieser Schutzschicht gibt es eine elementare Dankbarkeit, die dem Zyklus von Geben und Nehmen, der das Leben ausmacht, innewohnt. Diese Dankbarkeit gilt beiden gleichermaßen, Mutter und Vater. Die Liebe, die darin fließt, ist nicht zum einen kleiner und zur anderen größer, sondern hat kein Maß, keine Beschränktheit, die dann eine Aufteilung notwendig machen würde. Sie misst auch nicht an den realen Leistungen; diese werden erst auf einer Ebene wichtig, auf der sich schon das Ego eingeschaltet hat.

Der Weg zur Ur-Ebene des Lebens, die vor allem in der pränatalen Selbsterforschung erschlossen werden kann, ist für die Männer wichtig, um ihre Emotionalität aus einer tieferen Quelle öffnen zu können, als sie die Mütter bieten können. Sie gewinnen damit die Unabhängigkeit von mütterlichem Vorbild und können ihre genuine Gefühlswelt entwickeln und an ihre eigenen Kinder weitergeben.

Zu diesem vorpatriarchalen Wissen vorzudringen, hilft uns allen, die destruktive Macht des Patriarchalismus auf unsere Seelen bewusst zu machen und zu transformieren. Denn die Kraft, die im Geschlechter- und Elternkampf gebunden war, brauchen wir dafür, den Nachwachsenden die Liebe und Unterstützung zu geben, die sie für ihr Leben brauchen, mit mütterlicher wie väterlicher Emotionalität.

In therapeutisch geführter Regression können wir die Spuren, die der Patriarchalismus über Generationen hinweg in Männern wie in Frauen hinterlassen hat, im inneren Erleben der präkonzeptionellen Entwicklungsphasen erforschen und die damit verbundenen traumatischen Ereignisse auflösen. Die Männer können auf diesem Weg den Zug zu ihrer genuinen Emotionalität tiefer öffnen und so an Selbstbewusstsein und Authentizität gewinnen. Auf dieser Grundlage kann das Vatersein in der nachpatriarchalen Phase ganz neue Bedeutungen erlangen.


Vgl. Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Keine Kommentare:

Kommentar posten