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Mittwoch, 19. Dezember 2012

Brauchen wir einen Selbstwert?

Unser Selbstwert sagt etwas darüber aus, wie wir uns selber wertschätzen, welchen Wert wir also uns selbst beimessen. Wir tun das immer wieder, vielleicht sogar die ganze Zeit nebenbei, wenn wir uns als wir selbst erleben, wenn wir also über uns selber reflektieren. Sind wir in irgendwelchen Tätigkeiten verschwunden, wenn wir z.B. Geschirr abwaschen und mit nichts anderem beschäftigt sind als damit, so machen wir das ohne Selbstwert. Fällt uns dabei ein Teller runter, kann es passieren, dass wir uns selbst dafür abwerten: Wie kann ich nur so blöd, so ungeschickt, so unachtsam sein. Plötzlich kommen wir selbst und unser Selbstwert ins Spiel. Wir erleben uns als Akteure auf der Bühne des Lebens und nehmen zugleich eine Zuschauerrolle ein, die kritisch die Performance verfolgt und laufend Kommentare abgibt: Das war jetzt gut, das war jetzt völlig daneben, das könnte besser sein und jenes ganz anders. Unser berühmter innerer Kritiker ist aufgewacht.

Diese zweite Ebene blenden wir immer dann ein, wenn wir aus dem Mit-dem-Leben-Fließen aussteigen. Aussteigen heißt, es kommt zu einer Unterbrechung durch etwas, was Gefühle in uns auslösen, z.B. Stress oder Angst. Der Teller fällt runter, wir kriegen einen Schreck und denken gleich daran, dass wir etwas kaputt gemacht haben. Unser Unterbewusstsein liefert dazu die Informationen von früheren Missgeschicken und den Reaktionen unserer Umgebung darauf, und zwar vor allem selektiv jene, bei denen diese Reaktionen für uns unangenehm oder sogar bedrohlich waren. Denn unser Unterbewusstsein ist darauf spezialisiert, angstauslösende Situationen prioritär abzuspeichern und im Bedarfsfall zu aktualisieren. 

So folgt auf den Schreck sofort die Angst, geschimpft und bestraft zu werden. Da aber niemand da ist, der uns auf unsere Fehlerhaftigkeit hinweist und mit Konsequenzen droht, tun wir das selber mit uns. „Wenn du nicht besser aufpasst, geht alles kaputt, wenn alles kaputt geht, stehst du mit leeren Händen da, wenn du mit leeren Händen dastehst, musst du verhungern.“

Wir kommen also erst dann auf die Idee, dass wir einen Selbstwert haben, wenn etwas schief geht und uns die Verantwortung dafür angelastet wird. Unser Selbstwert wird uns als Selbstunwert bewusst. Wir sind an einem fehlerhaften Ablauf schuld. Und deshalb ist etwas an uns selbst mangelhaft, sonst wäre das nicht passiert.

Kinder – je kleiner, desto mehr –, neigen dazu, wenn sie sich schlecht fühlen, anzunehmen, dass sie schlecht sind. Jemand hat ihnen etwas angetan, und sie glauben, dass sie selber schuld sind und dass sie selber nicht in Ordnung sind. Oder sie haben etwas nicht gekriegt, was sie unbedingt gebraucht hätten, z.B. Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit, damit geht es ihnen schlecht, und weil sie sich schlecht fühlen, nehmen sie an, dass sie selber schlecht sind. So prägen sich die Grundlagen für die Selbstabwertungen wie Schablonen in die tieferen Schichten der Psyche ein. Und solche Schablonen tragen wir alle in uns. Sie stehen auf Abruf bereit, wenn uns etwas daneben geht. 

Den Selbstwert wieder herstellen

Der erste Schritt, um mit uns selber ins Reine zu kommen, besteht darin, den ramponierten Selbstwert zu restaurieren. Wir brauchen dazu nur genauer auf unsere Selbstabwertungstendenzen zu horchen – wann erwacht die mahnende Stimme des inneren Kritikers? Ist das, was sie sagt,  brauchbar und nützlich oder hinderlich und unnötig? Im zweiten Fall halten wir uns am besten nicht auf mit der inneren Stimme, sondern konzentrieren uns auf eine andere, die uns bessere Unterstützung anbietet. Wir sind unseren inneren Stimmen nicht ausgeliefert. Sobald wir uns ihrer bewusst werden, können wir auch bewusst mit ihnen umgehen.

Selbstwert mit Mängeln

Niemand ist perfekt, niemand ist frei von Mängeln, und jedem unterlaufen da und dort Fehler. Jeder Fehler ist eine Gelegenheit, um Gelassenheit zu üben – oh, da ist mir was zerbrochen, oh, da bin ich in etwas Unappetitliches getreten, oh, da habe ich einen wichtigen Termin vergessen… Wir sind und bleiben gute und liebenswerte Menschen, ob wir zu 90 Prozent perfekt sind oder zu 85. Wir können uns erlauben, unsere Unvollkommenheiten in der inneren Sektion Unvollkommenheiten abzulegen, ohne dass sie unseren Selbstwert beschädigt. Es genügt, dass wir uns selber sagen: Da habe ich einen Fehler gemacht, dann kann ich einen Mangel verbessern, und ist auch effektiver, als wenn ich zu mir sage, was für ein schlechter oder unfähiger Mensch ich bin. 

Den Selbstwert loslassen

Achten wir also auf die Unterbrechungen, in denen sich die Selbstwertproblematik meldet. Wenn wir unsere entsprechenden Ängste und sonstigen Schwachstellen kennen, können wir leichter und schneller wieder zurück ins Fließen finden. Im Fließen sind wir einfach, wer wir sind, ohne eine großartige Idee von Wertigkeit oder Unwertigkeit. Im Fließen können wir das Leben und uns selbst mitten drin einfach genießen und wertschätzen, was es uns an Anregungen, Abwechslungen und Herausforderungen bieten möchte.

Der Selbstwert hat die Funktion einer Krücke, die wir nutzen können, wenn wir aus dem Fließen herausfallen. Wir korrigieren unsere unnötige Selbstabwertung, indem wir uns einen guten Selbstwert zusprechen.  Ja, wir sind wertvoll, ja, wir sind liebenswert, ja, wir machen so vieles gut in unserem Leben. Und dann können wir die Selbstwertschätzung wieder loslassen und ins Fließen zurückkehren, wo wir nur ein Teil eines größeren Ganzen sind, das mitspielt.

In diesen Zuständen und Erfahrungszusammenhängen merken wir vielleicht, dass dieser Wert, den wir uns zuschreiben und mit dem wir manchmal hadern, mit uns da ist, also unser Dasein ist. Weil wir da sind, weil wir existieren, sind wir wertvoll. Deshalb gibt es gar keine reale Möglichkeit, dass irgendjemand uns diesen Wert wieder wegnehmen könnte, auch wir selber nicht.

Wer könnte denn überhaupt unseren Wert in Frage stellen? Welchen Sinn soll es machen, dass wir anderen die Macht geben, über uns als Menschen zu befinden und Urteile zu fällen? Wollen wir das wirklich? Wenn nicht, warum sollten wir uns selber diese Macht geben? Was wissen wir denn schon über uns selbst, wenn wir uns beschimpfen und abwerten? Sehen wir da nicht nur ein Zerrbild von uns selbst, das nicht im Entferntesten das wiedergibt, was wir im tiefsten Inneren sind? Wenn wir da hineinschauen, sehen wir etwas Einzigartiges und ganz und gar Besonderes, etwas, das unvergleichlich hervorragt und unendlich reich und wunderschön ist. Und das keinen Selbstwert braucht, der ihm bestätigt, dass wir gut so sind, wie wir sind, und dass alles mit uns in Ordnung ist.

Montag, 20. August 2012

Izy und sein Schatz - eine Geschichte zum Thema Einzigartigkeit

In Krakau lebte einmal ein frommer, alleinstehender alter Mann namens Izy. Ein paar Nächte hintereinander träumte Izy, er reise nach Prag und gelange dort an eine Brücke über einen Fluss. Er träumte, an einem Ufer des Flusses unter der Brücke stehe ein üppiger Baum. Er träumte, dass er gleich neben dem Baum zu graben anfing und auf einen Schatz stieß, der ihm Wohlstand und Sorglosigkeit bis an sein Lebensende sicherte. 
Anfangs maß Izy diesem Traum keine Bedeutung bei. Aber nachdem sich dieser wochenlang wiederholt hatte, deutete er ihn als Botschaft und beschloss, jene Nachricht, die ihm womöglich von Gott oder von sonst wem geschickt worden war, nicht weiter unbeachtet zu lassen. 

Er folgte also seiner Eingebung, belud sein Maultier mit Gepäck für eine lange Reise und machte sich auf den Weg nach Prag.
Sechs Tage später traf der Alte in Prag ein und begab sich gleich auf die Suche nach der Brücke über den Fluss am Rande der Stadt. 
Es gab nicht viele Flüsse und auch nicht viele Brücken, so dass er den gesuchten Ort schnell fand. Alles war genau wie in seinem Raum: der Fluss, die Brücke, das Flussufer, der Baum, unter dem er graben musste.
Nur eins war in seinem Traum nicht vorgekommen: Die Brücke wurde Tag und Nacht von einem Soldaten der kaiserlichen Garde bewacht. 

Izy wagte es nicht zu graben, solange der Soldat dort oben Wache schob, also schlug er in der Nähe der Brücke sein Lager auf und wartete erst einmal ab. In der zweiten Nacht begann der Soldat Verdacht zu schöpfen, und er fragte den Alten, der da am Flussufer kampierte, nach seinem Vorhaben. 
Der hatte keine Grund, ihm eine Lüge aufzutischen, und so erzählte er dem Wachmann, er habe diese weite Reise unternommen, weil er geträumt habe, dass hier in Prag unter einer gewissen Brücke in Schatz vergraben liege. 

Der Wachmann brach in schallendes Gelächter aus. 
„Eine so lange Reise wegen nichts und wieder nichts“, sagte er, „ich träume seit drei Jahren jede Nacht, dass in Krakau unter der Küche eines verrückten Alten namens Izy ein Schatz vergraben liegt. Ha, ha, ha, ha, ha. Denkst du, ich sollte nach Krakau reisen, um diesen Izy aufzusuchen und unter seiner Küche zu graben anfangen? Ha, ha, ha.“ 

Izy bedankte sich freundlich beim Gardisten und trat die Heimreise an. 
Zu Hause angekommen, grub er unter seiner Küche ein Loch und fand den Schatz, der schon ewig dort verborgen lag.

(Aus: Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte. Fischer TB 2007)

Über die Einzigartigkeit

Für alle, die meine Blogeinträge zur Langeweile und zum Vergleichen gelesen haben, kommt jetzt das Konzept, das den Ausweg aus diesen beiden Themen verheißt: Langweilig ist uns, weil wir uns in einer Gleichförmigkeit gefangen fühlen; zum Vergleichen neigen wir, weil wir unsere Einzigartigkeit und die anderer nicht würdigen können. 

Das Prinzip der Einzigartigkeit ist eine Entdeckung des personalistischen Bewusstseins, das sich damit an ein Prinzip der Natur erinnert hat. Es besteht darin, dass die Natur weder in der Lage ist noch dass es für sie Sinn machen würde, gleichartige Duplikate herzustellen, identische Klone. Einfacher ist es, kommen zu lassen, was kommt, wenn in der Fortpflanzungsreihe neue Individuen entstehen. In der Fortpflanzung experimentiert die Natur durch Variationen und Neukombinationen. Ihre Kreativität beruht auf der Maxime: Immer wieder Neues zu produzieren, von dem sich einiges bewährt, anderes nur den Versuch wert war. Das macht uns zu schaffen, wenn Grippeviren mutieren und die Gegenmittel nicht mehr wirken, und das kommt uns zustatten, wenn wir merken, dass unser Immunsystem lernen kann. 

Bei jeder Zellteilung entstehen aus einer Zelle zwei nahezu identische. Der Chromosomensatz ist zwar gleich, aber z.B. die Anordnung der Organellen ist unterschiedlich. Damit entwickelt jede Zelle eine Einzigartigkeit, die sie auszeichnet. Insbesondere bei der zweigeschlechtlichen Vermehrung ist die Variation das dominante Prinzip, während es zur weitgehenden Identität in der Fortpflanzung nur in Ausnahmefällen kommt (wie bei eineiigen Zwillingen). 

Deshalb gibt es so viele unterschiedliche Stimmen, Gangarten, Augenformen, Körpersprachen, usw., wie es Menschen gibt, je gegeben hat und je geben wird, viele, viele Milliarden. Mit jedem Kind, das geboren wird, kommt ein neues einzigartiges Lebewesen zur Welt mit ganz individuellen Ausdrucks- und Erlebensmöglichkeiten. Jedes neue Kind leistet einen ganz besonderen Beitrag zur Buntheit der Menschheit.

Kein Ei gleicht dem anderen, wie soll es da ein Mensch schaffen, einem anderen zu gleichen? Und wozu? 

Auch wenn wir gerne jemanden bewundern für ein Können, einen Erfolg, ein Aussehen, das uns abgeht, und auch wenn wir so sein wollen, ist das nur ein Gedanke, der uns für einen Moment Trost oder Ablenkung verschaffen soll. Wenn ich so wäre wie XY, dann hätte ich das Problem nicht oder dann wäre mir nicht fad. Dächten wir den Gedanken nur ein wenig weiter, würde schnell klar, dass wir erstens nicht in die Haut von jemand anderem schlüpfen können und dass es zweitens vielleicht gar nicht so optimal wäre, wenn es uns doch gelänge. Wollen wir wirklich das ganze Leben von einem Börsenzocker, der monatlich fette Boni einstreift? Wollen wir wirklich das ganze Leben einer Schönheit, die alle Idealmaße in sich vereint und sich beständig abmühen muss, sie nicht wieder zu verlieren? Wollen wir wirklich das ganze Leben eines Violinvirtuosen oder eines Meisterzauberers, einer Topsportlerin oder Popsängerin?

Haben wir schon alles über uns selbst entdeckt? Wäre es nicht lohnender, im eigenen Garten auf Erforschung zu gehen? Da könnte es ja, gut versteckt und verborgen, besondere Schätze geben, die schon lange darauf warten, endlich gehoben zu werden. Wir brauchen uns nur darauf besinnen, dass wir als ganz eigentümliches, eigen-artiges, unvergleichliches Individuum erschaffen und in die Welt gekommen sind. Dann wird uns wichtiger, herauszufinden, wer wir sind und wer noch und wer noch..., als uns mit anderen zu vergleichen, um uns an sie anzugleichen. Dann wächst die Lust, die eigene Art, die Art zu denken, zu fühlen, zu erleben, zu bewegen und zu ruhen, der Welt beizusteuern und ihr zuzumuten. Dann verstecken wir uns nicht mehr hinter Masken, von denen wir meinen, dass sie bei den anderen gut ankommen, sondern zeigen unser einzigartiges wunderschönes Gesicht, sagen unsere einzigartigen, wunderschönen Worte und schauen uns die Welt mit unseren einzigartigen und wunderschönen Augen an. 

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Und dann erkennen wir auch die Einzigartigkeit in den anderen Menschen, die wir bewundern können, weil sie Ausdruck der unendlichen Schöpfungskraft der Natur und der Gesellschaft sind, ohne dass wir uns mit ihnen vergleichen müssen. Was für einen Sinn soll es machen, wenn eine Rosenblüte mit der anderen in Konkurrenz tritt, wer wohl die schönste ist? 

Nehmen wir doch die Schönheiten, die uns begegnen, als Erinnerung an unsere eigene Schönheit, und nehmen wir unsere eigene Schönheit als Erinnerung an die Schönheit der anderen! Freuen wir uns an der unendlichen Vielfalt, die das Leben hervorbringt und die uns in jedem Menschen entgegentritt, statt dauernd an den anderen herumzumäkeln und ebenso eifrig uns selber abzuwerten!

Zum Nachlesen:
Kommentar zu Regel 21:  Die Verschiedenartigkeit der Menschen als Ausdruck göttlicher Kreativität, aus den "40 Regeln der Liebe"