Dienstag, 9. Juli 2013

Leistung - was ist denn das?

Der Begriff der Leistung spielt eine wichtige Rolle in vielen Diskussionen und politischen Programmen. Bestimmte Parteien ernennen sich zu Interessensvertreter für die Leistungsträger oder zumindest für die "Anständigen und Tüchtigen". Dabei wird unterstellt, dass wir so genau wüssten, was überhaupt mit Leistung gemeint ist.

Aus der Physik wissen wir, dass Leistung die in einer bestimmten Zeit umgesetzte Energie ist. Je mehr und je schneller umgesetzt wird, desto höher ist die Leistung.

Grundsätzlich bringen wir Menschen, "die etwas leisten", Wertschätzung und Achtung entgegen, während wir "Leistungsverweigerern" mit Misstrauen und Abwertung begegnen. Wer etwas leistet, erweist sich als nützliches Mitglied der Gemeinschaft, wer nichts beträgt, soll auch nicht dazugehören. Deshalb wird der schon von Paulus formulierte Spruch:"Wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen", auch unter Stalin und Hitler propagiert. In "Mein Kampf" steht zu lesen: "Nur dem Starken, dem Fleißigen und dem Mutigen gebührt ein Sitz hienieden."

Die Leistungsträger hier, die Trittbrettfahrer dort - allzu vereinfacht ist die Sichtweise, und deshalb gut für die politische Propaganda geeignet. Denn jedes Tun liefert in einem allgemeinen Sinn eine Leistung, das Ergebnis der betreffenden Aktivität. Nur gelten bestimmte Leistung viel und andere nichts.

Stellen wir uns einen notorischen Faulenzer vor, der den lieben langen Tag im Bett verbringt. Er erbringt keinen sinnvollen und verwertbaren Output. Doch wissen wir nicht, was eines Tages aus diesem nichtsnutzigen Dasein entsteht, vielleicht eine bahnbrechende Idee oder ein unbändiger Fleiß. Wir wissen auch nicht, was dazu geführt hat, dass er seine Zeit lieber im Bett als im Arbeitszimmer verbringt. Vielleicht hat er ein Zuviel an Enttäuschungen, Zurückweisungen oder Misserfolgen erleben müssen, vielleicht haben ihm schwer belastende Erfahrungen die Motivationskraft beschnitten. Wenn wir annehmen, dass jede Form, wie Menschen ihr Dasein leben, einen Sinn macht und zum Ganzen einer Gesellschaft beiträgt, dann verlieren wir die Scheinsicherheit, mit der wir Menschen nach ihren Leistungen beurteilen.

Wir sind ja gewohnt, allzu schnell Maßstäbe anzulegen, die wir nicht auf ihre Herkunft überprüfen und die dem, was sie messen sollen, nicht angemessen sind. Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen in jeder Situation das Beste tun, was ihnen in diesem Moment möglich ist, verliert der Leistungsbegriff seine unterscheidende Schärfe. Wir können niemanden mehr aus der "Leistungsgesellschaft" ausschließen, sondern müssen anerkennen, dass jedes und alles, was geschieht, zu den Leistungen und damit zum Gesamtzustand einer Gemeinschaft beiträgt.

Jeder Mensch möchte eine Leistung erbringen, für sich selbst und für die anderen Menschen, außer er ist schwer krank oder innerlich völlig blockiert. Behinderte Menschen möchten nicht bemitleidet werden, sondern einen Beitrag leisten und dafür anerkannt werden. Wer unfähig ist, etwas beizutragen, leidet daran, dass es so ist, und hofft auf Besserung.



Die Angst der Fleißigen vor den Faulen


Wer sich als arbeitsam und fleißig einschätzt, kommt leicht in die (auch von manchen Politikern geschürte) Verurteilung der "Faulen". Benachteilungen und Ungerechtigkeiten, denen sich ein "Fleißiger" ausgesetzt fühlt, werden gerne in eine Ablehnung und Verurteilung jener, die als faul eingeschätzt werden, kanalisiert. Dahinter steckt die Angst der Fleißigen, dass sie von den Faulen um die Früchte ihrer Anstrengungen gebracht werden. Mancher, der viel arbeitet und viel verdient, bekommt den Eindruck, dass das, was er an Steuern zahlen muss, vom Ertrag seiner Leistungen weggenommen wird und in den gierigen Bäuchen der Bequemen und Faulen landet.

Der Fleißige kann sich von der Angst befreien, wenn er sich vor Augen führt, dass der Faule jemand ist, der durch widrige Umstände daran gehindert ist - diese Hindernisse können innerlich oder äußerlich sein -, selber Leistungen zu erbringen. Er, der Fleißige dagegen, befindet sich in einer privilegierten Position, weil das, was er tut, gesellschaftliche Anerkennung und materiellen Erfolg bringt. So scheint es nur recht und billig, dass von diesem Ertrag, den das gesellschaftliche Ganze dem Einzelnen als Gewinn oder Einkommen gewährt, ein Teil wieder an dieses Ganze zurückfließt. 


Die Angst der Faulen vor den Fleißigen


Die Leistungsminimierer hingegen spüren die Abwertung und Verachtung durch die Maximierer. Auf solche Einstellungen reagieren wir entweder mit Trotz ("Die können mich mal!") oder mit Resignation ("Ich schaffe das einfach nicht"). Beide Reaktionsformen sind Selbstblockierungen, die das Problem und die Spannung nur verstärken. Die Auswege aus der Falle der erlernten Hilflosigkeit ist das Erkennen der eigenen Leistungen, Talente und Fähigkeiten. Der erweiterte Blick darauf, dass die Gesellschaft jede Form des Tuns und Beitragens braucht und hoffentlich irgendwo und irgendwann auch schätzen kann, wird helfen, die Blockierungen aufzulösen und den Maximierern den Wind aus den Segeln zu nehmen.


"Wichtige" und "unwichtige" Leistungen


Erst recht unklar wird die Sache, wenn wir uns fragen, was wichtige und was unwichtige Leistungen sind. Der Generaldirektor einer Firma leistet scheinbar wichtigere Arbeit als seine Putzfrau. Vom Erfolg seiner Arbeit können viele Arbeitsplätze abhängig sein, während die Reinigung seines Arbeitsraums kaum von jemandem bemerkt wird und das Geleistete am nächsten Tag schon wieder verschwunden ist. Dennoch tut und leistet der Generaldirektor das Seine und die Putzfrau das Ihre, mal besser und mal schlechter, immer mit dem Einsatz von Energien. Beides ist notwendig, und der Unterschied in der Bedeutung ist nur graduell und abhängig von der Sichtweise und Bewertung dessen, was als wichtig erachtet wird. Es gibt Leistungen, die mehr Folgewirkungen haben als andere, aber das betrifft nicht die Leistung selber. Als Mensch verdient die Putzfrau die gleiche Achtung für ihre Leistung als der Generaldirektor für seine, ob sie diese nun in der Realität auch bekommt oder nicht.


Leistung und Anstrengung


Wir neigen dazu, den Begriff der Leistung mit dem der Anstrengung zu verbinden oder zu verwechseln. Je mehr Schweiß fließt, desto mehr wurde geleistet. Da haben wir das Bild von Stachanow vor uns, dem Rekord-Kohleschaufler und Vorzeigeleistungsträger der stalinistischen Sowjetunion. Die Arbeitsleistung sollte messbar sein in der Menge von Kohlen, die von A nach B geschaufelt werden. Leistung muss mühsam sein. Nur wer sich (oder einen inneren Schweinehund) überwindet, gehört zu den Leistungsträgern.

Ist es überhaupt noch eine Leistung, wenn einem die Arbeit leicht und schnell von der Hand geht, oder gar, wenn sie Spaß macht? Hat sich Mozart angestrengt, wenn er in einer Nacht die Partitur einer Oper fertiggestellt hat? Hat sich Picasso abgemüht, wenn er täglich bis ins hohe Alter ein paar Bilder gemalt hat?

Sicher braucht jeder Künstler Kraft und Energie, um seine Werke zu erschaffen, und neben den kreativen Arbeitsphasen gibt es Zeiten des mühseligen Arbeitens, wie das Lesen von Korrekturfahnen bei einem Schriftsteller oder das Ausbessern von winzigen Ungenauigkeiten bei einer digitalen Komposition.

Offenbar legen wir bei der künstlerischen Leistung einen anderen Maßstab an: Wir sehen dabei das Entscheidende nicht im Ausmaß an investierter Arbeitskraft , sondern in der Qualität des Ergebnisses. Notwendig ist jedoch beides, die Inspiration und die Transpiration.


Leistung und Bewusstseinsstufen


Wir können unseren Blick auf den Leistungsbegriff differenzieren, wenn wir ihn auf das Modell der Bewusstseinsevolution beziehen. Jede Bewusstseinsstufe hat ihren eigenen Leistungsbegriff, das also, was eine bestimmte Bewusstseinsstufe als Leistung versteht und anerkennt.

Die tribale Stufe:
Jedes Mitglied eines Stammes trägt nach den jeweiligen individuellen Möglichkeiten zur Sicherheit des Überlebens der Gemeinschaft bei. Nichtsnutze gibt es nicht, weil die einzelnen Stammesangehörigen gar keine andere Möglichkeit sehen, als in ihrem Rahmen mitzutun. Es ist weniger die Kontrolle, die durch die Überschaubarkeit innerhalb der Gruppe ermöglicht ist, die jedem zu Leistungen motiviert. Vielmehr folgt es aus der Kraft der Zusammengehörigkeit, dass jeder grundsätzlich gerne und mit Freude seinen Beitrag zum Ganzen der Gruppe einbringt. Es ist die Kraft des Selbstverständlichen, die hier wirksam ist.

Die emanzipatorische Stufe:
Leistung gilt hier als das Besondere, über das normale Maß Hinausreichende. Es wird nur das als Leistung anerkannt, was einen gewohnten Rahmen überschreitet, was sich als Verbesserung zu etwas schon Bestehendem herausstellt und was neue Perspektiven eröffnet. Es werden z.B. in dieser Phase erstmals körperliche Leistungen gemessen und verglichen, wie bei den antiken olympischen Spielen. Die dort erbrachten Leistungen wurden lebenslang geachtet und geehrt. Aus dieser Stufe stammt die Wertung von Leistungen: Das Besondere wird hochgeschätzt, das Einfache wird abgewertet und verachtet.

Die hierarchische Stufe:
Typisch für diese Stufe ist das Vorschreiben von Leistungen. Es werden Arbeitsnormen und -regeln definiert, die jeder zu erbringen hat, erzwungen durch Sanktionen. Hier wird das Ausmaß an Zugehörigkeit zur Gesellschaft von der Erfüllung der angeordneten Leistungen festgelegt. Wer nichts oder zu wenig leistet, wird ausgegrenzt und fällt aus dem Maschennetz der Gesellschaft heraus. Zugehörigkeit und damit Lebenserhaltung muss mit Leistung erworben werden. Im Schweiße des Angesichts muss das Brot verdient werden, sonst droht das Verhungern.

Die materialistische Stufe:
Leistung ist, was am Markt erfolgreich ist. Wer sich noch so abrackert und kein Geld damit machen kann, hat Pech gehabt oder ist zu blöd. Der Markt übernimmt die Einordnung der Individuen: je besser sie am Markt reüssieren, desto besser ihre Einstufung und ihre Zuteilung von Lebenschancen Das Leistungsprinzip wird erfunden: Leistung definiert den Menschen, und diese wiederum wird vom Gott des Kapitalismus, dem Markt, definiert. Damit wird die ganze Gesellschaft vom Leistungsdenken überformt, von der Wiege bis zur Bahre.

Die personalistische Stufe:
Leistung zeichnet sich durch die Qualität des Ergebnisses aus. Leistung ist etwas, das die Individualität eines Menschen in einer inspirierenden Weise zum Ausdruck bringt. In dieser Phase werden besonders die künstlerischen Leistungen besonders gewürdigt und hoch angesehen. Es wird vorausgesetzt, dass die "einfachen" Leistungen von den "einfachen" Menschen erbracht werden, während nur die "besonderen" Menschen die "besonderen" Leistungen genießen können.

Die systemische Stufe:
Die Leistungen der Menschen werden im Netz des Ganzen einer Gesellschaft gesehen und als Dienst am Ganzen verstanden. Im systemischen Verständnis wird das Geben äquivalent mit dem Nehmen. Das System der Entlohnungen für Leistungen wird als dynamisch und flexibel angesehen, das sich mit der Dynamik der Gesellschaft weiterentwickelt mit einer Tendenz zur zunehmenden Konvergenz von hohen und niedrigen Einkommen. Es gibt keine absoluten Wertzumessungen für "wichtigere" und "unwichtigere" Leistungen mehr.

Die holistische Stufe:
Wie vieles andere, verliert der Begriff der Leistung auf dieser Stufe seine Kraft. Es ist nicht mehr wichtig, zu leisten, sondern im eigenen Tun zu sein. Alles und jedes, was getan wird, gilt als Leistung oder auch nicht. Das Tun entspringt aus der inneren Mitte und braucht keinen äußeren Maßstab. Es trägt die Anerkennung und Wertschätzung in sich, wie sie auch leicht und offenherzig zwischen den Menschen fließt. Es gehört zum Wesen des Menschen, Leistungen zu erbringen und anderen von Nutzen sein zu wollen.

Vgl. Lotterie und Leistung
Vgl. Die Einatem-Gesellschaft
Vgl. Die Großen und die Kleinen

Montag, 24. Juni 2013

Auf der Jagd nach der eigenen Freiheit

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind auf der Jagd – nach Edward Snowden. Er hat Staatsgeheimnisse verraten, die virtuell jeden Menschen auf der Erde betreffen.

Die USA sind ein freiheitsliebendes Land, kein anderer Begriff begleitet das Land seit seinem Anbeginn, wird in allen präsidialen und sonstigen Sonntagsreden propagiert und wird allen anderen Staaten als Mahnmal vor die Nase gehalten: Ihr müsst so frei und demokratisch werden wie wir, sonst können wir mit euch nicht befreundet sein.

Da hat ein mutiger US-Bürger gewagt, großangelegte Machenschaften im Ausspionieren der Kommunikationsnetze dieser Welt, zumindest in den Grauzonen der Legalität, zu veröffentlichen. Er hat, im Geist der Gründerväter und Freiheitsmenschen der USA, die Freiheit der Informationsweitergabe genutzt, um diese Freiheit, die massiv verletzt und eingeschränkt wurde, wieder einzufordern. Er hat ein System der Verschleierung und der Lüge aufgedeckt, das einer freien Demokratie nicht würdig ist.

Weil dieser Staat die Freiheit, die er so auf seine Fahnen heftet, selber nicht aushalten kann, wenn er um seinen Machterhalt – nicht nur im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt – fürchtet, soll ein Individuum vernichtet werden, das sich gerade dieser Freiheit bedient hat. Diesen Widerspruch exerziert die Obama-Administration der Welt mit einer Arroganz vor, die auf einen eklatanten Realitätsverlust hinweist. Es wird nur mehr ein Bedrohungsszenarium fantasiert, das alle Maßnahmen rechtfertigt, ob sie irgendwelchen Rechts- oder Moralnormen gehorchen oder nicht.

Der Kriegszustand, in dem sich das Land seit 2001 mit dem „Terrorismus“ befindet, wurde nie beendet, er wird vermutlich für den Rest der Geschichte weiterbestehen, außer – wie der Verfasser überzeugt ist –  eine Weltregierung nimmt dereinst dem verdutzten US-Präsidenten sanft lächelnd die Macht aus den Händen. Mit diesem verewigten „Kriegszustand gegen Unbekannt“, der die Institutionalisierung einer unbegrenzten Paranoia bedeutet, denn unbekannte Übeltäter wird es immer geben, wird die restliche Welt in Geiselhaft genommen.

Da kann der US-Präsident noch so schwungvoll sein Jackett ausziehen und große Worte zur Abrüstung schwingen – wer soll ihm da noch Glauben schenken, außer dafür, dass die plumpen Waffen der Vergangenheit durch die Waffen der Informationsgesellschaft ersetzt wurden. Es geht ja beim Krieg gegen den Terror nicht mehr darum, schurkische Staaten niederzuringen, sondern einzelne Individuen zu eliminieren, die den USA möglicherweise gefährlich werden könnten. Diese werden durch die Überwachung der Informationskanäle identifiziert und dann mittels immer weiter miniaturisierter Drohnen getötet – wo auch immer auf der Welt sie sich befinden. Lästige und langwierige Gerichtsverfahren werden nicht mehr gebraucht, wie das schon bei der Exekution von Osama bin Laden vorgeführt wurde. Da alles im Graubereich abläuft, gibt es nicht einmal mehr Aufzeichnungen über die „kollateralen Schäden“, die angerichtet werden, wenn neben der Zielperson harmlose Passanten massakriert werden, oder über einfache Irrtümer, durch welche Unschuldige gezielt als Terroristen umgebracht werden.

Doch die USA sind ein freiheitsliebendes Land. Edward Snowden hat es bewiesen, und viele andere Amerikaner wissen um die Werte ihres Landes und treten dafür ein. Der Diskurs geht weiter, die Öffentlichkeit besteht weiter, ob überwacht oder nicht, und das Bewusstsein der Freiheit wächst weiter, allen ihren Widersachern zum Trotz.

Vgl. Obama und Osama

Sonntag, 23. Juni 2013

Esoterik und Wissenschaft 1 - Zum Begriff der "Energie"

In der Wochenzeitschrift DIE ZEIT ist am 16. Mai 2013 ein Schwerpunktthema zur Esoterik unter dem Titel „Die Renaissance der Unvernunft“ erschienen. Nachdem mich der Begriff der Esoterik immer wieder beschäftigt (es gibt dazu ein Diskussionsforum auf der Weltinnenraum-Seite), möchte ich zu einzelnen Beiträgen in der ZEIT ein paar Bemerkungen machen. Hier zunächst ein Kommentar zum Begriff „Energie“.

Ein Beitrag in der Zeitung widmet sich nämlich der Jargonkritik. Esoteriker verwenden gerne wissenschaftliche Begriffe für „Hokuspokus“, wie es der Autor ausdrückt: Energie, Feinstofflichkeit, erweiterte Empirie, Quantentheorie und Paradigmenwechsel.

Der Begriff der „Energie“ ist tatsächlich ein recht vages Gebilde, aber offenbar benötigen wir ihn in Ermangelung eines besseren. Manche professionelle Skeptiker schreien gleich auf, wenn jemand den Begriff der „Energie“ in einem nicht-physikalischen Sinn verwendet, so als hätte die Physik das Patent auf dieses Wort und jeder potentielle Verwender müsste erst einmal bei einem physikalischen Universitätsinstitut um Erlaubnis nachsuchen, bevor er das Wort aussprechen darf.

Die Aufregung ist aber meist umsonst. Es ist wohl den meisten Esoterikern und Nichtesoterikern klar, dass, wenn sie von Energie reden, nicht der strenge physikalische Bezugsrahmen gemeint ist.

Physikalisch ist mit Energie die Fähigkeit gemeint, Arbeit zu leisten, wobei Arbeit mit Kraft mal Weg definiert ist. Wenn jemand sagt, er habe nicht genug Energie, um z.B. nach einem langen Arbeitstag noch dieses oder jenes zu unternehmen, so denkt er dabei nicht an die Physik, sondern an seinen eigenen Körper und Seelenzustand, der ihm signalisiert, was er braucht. Diese Person verwendet einen Begriff, der offenbar die innere Befindlichkeit wiederzugeben vermag, so, dass sie auch von anderen verstanden wird (wenn es nicht gerade ein notorischer Skeptiker ist). Allerdings wird auch hier auf die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten, Bezug genommen: Meine Energie ist so, dass ich dies machen kann und das andere nicht.

Der Unterschied liegt nur darin, dass die Energie im physikalischen Setting anders gemessen wird als im alltäglichen. In der Physik kann man nur von Energie sprechen, wenn die Messgeräte dies anzeigen. Im Alltag nehmen wir als Messgeräte z.B. unseren inneren Sinn, der uns Bescheid gibt, wie wir „energetisch“ drauf sind. Die Physik stellt Energie „objektiv“ fest, also von außen, und so, dass jeder das nachprüfen kann, der Alltagsgebrauch verwendet ihn „subjektiv“, auf die Innenschau angewandt und so, dass er nicht nachgeprüft werden kann, ähnlich wie jemand, der einen Schmerz „ohne Befund“ hat, d.h. dass objektiv kein Defekt festgestellt werden kann und trotzdem ein subjektives Leiden vorliegt.

Wenn Esoteriker oder Energetiker von Energie reden, (z.B. jemand legt einer Person die Hand auf den Rücken und sagt: „An dieser Stelle ist wenig Energie“), so ist damit nicht der physikalisch-wissenschaftliche Begriff gemeint, und die Person wird auch nicht davon ausgehen, dass der esoterische Behandler eine physikalische Aussage trifft. Dennoch geht es auch hier  um einen erweiterten Begriff von Energie, denn der Behandler will offenbar mitteilen, dass der betreffende Bereich des Rückens eine bestimmte Arbeit nicht verrichten kann.

Die Angst der Esoterik-Kritiker, dass mit dem Gebrauch des Wortes „Energie“ einem naiven Kunden etwas als wissenschaftlich verkauft wird, was nicht wissenschaftlich ist, ist nur dort nachvollziehbar, wo betrügerisches Marketing für bestimmte Produkte oder Dienstleistungen betrieben wird und nichtmessbare Größen als messbare ausgegeben werden. Aber solche Betrügereien gibt es in esoterischen wie in nicht-esoterischen Kreisen. Gegen Schwindel ist es immer gut, sich ausreichend mit kritischem Rationalismus zu wappnen und z.B. nachzufragen, ob oder wie ein bestimmter Effekt eines Produkts denn wissenschaftlich gemessen werden könne.

In allen anderen Belangen geht es nur darum, dass sich die Gesprächspartner über den Kontext verständigen, in dem sie von Energie reden. Führen sie gerade einen Diskurs über Mechanik oder über Geistheilung?

Eine sinnvolle Anregung, die wir aus der Diskussion um den Energiebegriff nehmen könnten, wäre die, dass wir uns immer auch überlegen, ob es ein anderes Wort gibt, wenn wir versucht sind, von Energie zu reden. Das macht uns klarer, welchen Kontext wir meinen, und unsere Rede kann exakter werden. Auch können wir dann u.U. mehr Menschen erreichen, die kein Vor- oder Insiderwissen haben müssen. Wenn sich kein anderes findet, gibt es vielleicht auch keines. Schließlich haben wir auch im Bereich der Innenwelt in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten Entdeckungen gemacht, für die das vorhandene Sprachmaterial zur Beschreibung nicht ausreicht.


Vgl. Was ist Esoterik?

Mindestsicherung und sozialer Grundkonsens

"Drei Viertel der Österreicherinnen und Österreicher sind gegen Kürzungen beim Sozialstaat. Das ist das Ergebnis des ersten Volkshilfe Sozialbarometers. Eine klare Mehrheit hat sich für die Anhebung der Mindestsicherung ausgesprochen, und auch einen Mindestlohn halten vier von fünf Befragten für wichtig.“ (ORF-Radio 21. Juni 2013)

Kapitalismus und Industrialisierung haben die soziale Welt gründlich umgekrempelt. Die Arbeitsverhältnisse in den Fabriken haben dazu geführt, dass sich die Sozialformen, die vorher den sozialen Zusammenhalt gesichert haben, aufgelöst haben. In vorindustriellen Zeiten hat es dörfliche oder städtische Gemeinschaften gegeben, die sich um alle Angehörigen gekümmert haben, natürlich sozial abgestuft und unterschieden. Aber die in Not geratenen Menschen sind – außer in Notzeiten – nicht einfach auf den Straßen verstorben, sondern wurden in irgendeiner Weise von Angehörigen versorgt. Schlimm war es nur, wenn es keine Angehörigen gegeben hat, doch oder deshalb war es Teil der ritterlichen Tugenden und bürgerlichen Pflichten, für die Witwen und Waisen zu sorgen.

Die modernen Arbeitsverhältnisse haben zur Auflösung der gemeinschaftlichen Sozialformen und Absicherungsnetze beigetragen. Jeder sollte schauen, wie er selber zurechtkommt und sein Überleben sichern kann, so der Imperativ der Leistungsmaximierer. Doch konnte dieses Prinzip nie zur vollständigen Geltung gelangen, weil es sich selber aufgehoben hätte – auch der erfolgreichste Leistungsträger kann unter die Räder kommen – oder hat Freunde und Verwandte, die es nicht schaffen, auf die sichere Seite zu kommen.

Es gibt diesen Grundkonsens zumindest in vielen Ländern Europas, dass der Staat die Funktionen der zerstörten vorindustriellen Sozialnetze übernehmen soll. Die Fürsorge für Mitglieder der Gesellschaft, die dem Leistungsprinzip weniger optimal entsprechen können (Kranke, Behinderte, Traumatisierte), oder solche, die nur Leistungen mit wenig Nachfrage erbringen können, übernimmt die Allgemeinheit. Damit wird die Überlebenssicherung der „Schwächeren“ abstrakter, d.h. sie werden nicht von ihren Angehörigen versorgt, sondern von Institutionen, die auch die Kontrolle gegen Missbrauch ausüben.

Allgemeiner gesagt, übernimmt das wirtschaftlich-gesellschaftliche System des Kapitalismus die Funktionen der sozialen Absicherung von den Sozialstrukturen, die es vorher zerstört hat. Damit bleibt ein gewisser sozialer Zusammenhalt in der Gesellschaft gewährleistet, der wiederum das Weiterwachsen des Kapitalismus fördert.

Der Grundkonsens, der diese Entwicklung mehr oder weniger stark trägt (politische Parteien positionieren sich gerne an den Rändern dieses Konsenses), sichert zugleich, dass die Gesellschaft, in die das kapitalistische Produzieren und Konsumieren eingebettet ist, eine menschliche bleibt. Dafür ist ausschlaggebend, dass jedes Mitglied dieser Gesellschaft die gleichen Grundrechte auf Leben und Lebenserhalt hat. Würde dieses aufgegeben, wäre die Gesellschaft als Ganze dem Zerfall anheim gegeben. Der Konsens ist also nicht wirklich beliebig oder aus einer inneren Haltung der Großzügigkeit oder der Barmherzigkeit erwachsen. Seine Aufgabe würde die Aufgabe des sozialen Zusammenhaltes überhaupt zur Folge haben.

Deshalb haben alle, die das soziale System mehr beanspruchen als andere (weil sie z.B. behindert sind), die gleiche Würde wie jemand, der so mit Gesundheit gesegnet ist, dass er nie zum Arzt gehen muss und so leistungsfähig und arbeitsbegeistert ist, dass er nie eine Pension in Anspruch nimmt. Die Verachtung und Abwertung, die manchmal Menschen entgegengebracht wird, die das soziale Netz zur Sicherung ihres Überlebens brauchen (Trittbrettfahrer, Sozialschmarotzer…), ist eine Verachtung des sozialen Grundkonsenses, ohne den die Verachter nie in eine Position gekommen wären, aus der sie auf andere herabschauen können, die weniger leisten als sie selber. Deshalb ist jede Polemik in die Richtung der sozial schwächeren Mitglieder der Gesellschaft ein Angriff auf die Basis dieser Gesellschaft und muss zurückgewiesen werden.

Vielmehr gilt es, als Mitglied der Gesellschaft allen anderen Mitgliedern Respekt und Achtung entgegenzubringen und sie in ihrer Würde zu sehen. Niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn das gesellschaftliche System immer wieder den gerechten Ausgleich zwischen denen, die es besser erwischt haben und jenen, die schlechter dran sind, sucht. Dieser Ausgleich bedeutet auch die Mindestsicherung der Menschenwürde für alle, die mit ihrem Sosein zum Sosein der Gesellschaft beitragen.


Vgl. zu Reichtum und Eigentum

Montag, 17. Juni 2013

Vom Geben und vom Nehmen

Das Leben ist ein Geben und ein Nehmen, ein permanenter Austausch mit dem, was uns umgibt. Auf eine einfache Formel gebracht, könnte das Geheimnis des guten Lebens darin bestehen, immer im Gleichgewicht von Geben und Nehmen zu sein. Geben wir zuviel und bekommen wir zu wenig, fühlen wir uns ausgelaugt und ausgebrannt. Nehmen wir zuviel und geben wir zu wenig, fühlen wir uns aufgeblasen und überfüttert. Erst im ausgeglichenen Austausch fühlen wir uns in Balance und auf Augenhöhe mit unserer Umwelt.

Wie aber finden wir dieses Gleichgewicht? Wo finden wir die Richtschnur für unser Handeln, an der wir ablesen können, wann wir zu stark in die eine oder in die andere Richtung gehen, sodass wir rechtzeitig zurücksteuern können? Meist erkennen wir ja reichlich spät, wenn wir zu lange einseitig unterwegs waren. Und dann haben wir oft den Eindruck, dass es schon zu spät ist – eine Krankheit hat uns erwischt und macht uns bewusst, was schief gelaufen ist, eine Beziehung geht in Brüche, und erst jetzt erkennen wir, was schon lange aus dem Lot ist.

Der Mangelmodus


Ich finde es wichtig, zwei Ebenen oder Grundeinstellungen bei dieser Frage zu unterscheiden. Die eine Ebene kann als Mangelmodus bezeichnet werden. Damit ist gemeint, dass wir in unserem Verhalten von Bedürfnissen angetrieben sind. Wir verspüren einen Mangel, den wir versuchen aufzufüllen. Ein Bedürfnis ist unbefriedigt und will befriedigt werden. Wir fühlen uns z.B. einsam, wir fühlen einen Mangel an menschlicher Nähe, und haben das Bedürfnis, mit jemand anderem zusammenzusein. Wenn das gelingt, ist der Mangel beseitigt, und das Leben geht wieder weiter.

Die Bedürftigkeit im Mangelmodus bedeutet, dass wir weniger zu geben haben und darauf angewiesen sind, zu bekommen. Damit befinden wir uns in der Position des kleinen Kindes gegenüber seinen Eltern oder Betreuungspersonen. Es hat Bedürfnisse, und ist auf das Wohlwollen und Entgegenkommen der Großen angewiesen, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden. Denn es kann noch nicht selber dafür sorgen.

Die guten Eltern brauchen die Einstellung, den Kindern das zu geben, was sie brauchen, ohne Rücksicht darauf, was sie von ihnen zurückbekommen. Denn auf der Ebene der Überlebenssicherung können Kinder nie zurückgeben, was sie empfangen haben. Das ist auch nicht das Maßgebliche des Unterfangens, Kinder zu bekommen. Vielmehr geht es dabei darum, das Leben in der Weise weiterzugeben, dass Kinder alles bekommen, was sie brauchen, damit sie selber einmal in der Lage sind, an ihre Kinder ebenso bedingungslos weiterzugeben.

Geraten wir als Erwachsene in die Position, dass wir einen Mangel zu spüren und andere Menschen dafür in die Pflicht nehmen wollen, dann begeben wir uns in die Rolle eines Kindes. Daran ist nichts grundsätzlich Verwerfliches, nur sollte es uns bewusst sein. Erwachsensein bedeutet, dass wir in einem Mangelzustand immer die Möglichkeit haben, uns selbst zu helfen und den Mangel aufzufüllen. Wenn wir uns einsam fühlen, können wir auch eine liebevolle Beziehung zu uns selbst aufbauen oder schauen, ob wir eine Ansprechperson in einem der sozialen Netze finden können, die wir um uns gesponnen haben, um unser Nähe- und Austauschbedürfnis zu befriedigen.

Jedenfalls sollten wir als Erwachsene nicht andere für die Stillung unserer Nöte verantwortlich machen und ihnen die Schuld geben, dass es uns an etwas mangelt. Wenn uns das unterläuft, rutschen wir in die Bedürftigkeit des Kindes, das wir einmal waren, und das in unserem Unterbewusstsein weiterlebt. Seine Bedürftigkeit kommt aus den nicht geheilten Wunden, die entstanden sind, als in dieser Zeit wichtige Bedürfnisse überhaupt nicht, nur mangelhaft oder unzureichend gestillt wurden. Dann bleibt die Verletzung in uns und wird wieder aktiviert, sobald eine ähnliche Situation in unserem Erwachsenenleben auftaucht.

Das Bedürfnis meldet sich mit der gleichen Vehemenz, wie es uns als Kind geplagt hat. Nur haben wir jetzt andere Mittel, um die Befriedigung einzuholen: die ganze Palette der Emotionalität, die wir mit Hilfe unseres inneren Kindes wiederbeleben, und die Mittel unserer Rationalität und verbalen Sprache, mit deren Hilfe wir alle Register der Beeinflussung und Manipulation unserer Mitmenschen ziehen können.

Strategien im Umgang mit dem Mangel


Als wir noch klein waren, hatten wir in der Notsituation zwei Möglichkeiten, um mit dem Spannungsfeld von drängenden Bedürfnissen und mangelnder Versorgung zurechtzukommen. Zuerst mobilisiert der Organismus alle Ressourcen, die er zur Verfügung hat, und es kommt zu einem Wutausbruch. Wenn das nichts hilft und die Wutressourcen verbraucht sind, bleiben uns nur die Resignation und der innere Rückzug. Wir unterdrücken das Bedürfnis und geben uns zufrieden mit dem, was wir sonst wie kriegen können.

Diejenige Strategie, die in den frühen Zeiten unseres Lebens erfolgreicher war, wird sich melden, wenn wir als Erwachsene in ähnliche Situationen geraten, die uns in Stress versetzen, weil wir etwas nicht kriegen, was wir glauben, dass wir es unbedingt brauchen. Entweder kämpfen wir, indem wir zornig werden und Forderungen aufstellen, oder wir resignieren und ziehen uns beleidigt zurück.

Jedenfalls: Sobald wir anfangen, andere Menschen für die Befriedigung unserer Bedürfnisse verantwortlich zu machen, sind wir von den Dramen unserer Kindheit gesteuert und vergessen unsere erwachsene Fähigkeit, unser Leben mit seinen Wünschen und Bedürfnissen selbst in die Hand zu nehmen.

Der Überflussmodus


Menschen sind soziale Wesen und wollen tauschen und austauschen – Streichel- und Informationseinheiten. Wir freuen uns am Geben und am Nehmen, wenn es aus freien Stücken und aus den Tiefen des Selbst kommt, also ohne Berechnung und versteckte Erwartung. Wenn wir etwas gerne geben, heißt das, dass im Geben zugleich ein Nehmen ist, dass das, was die andere Person bereichert, uns selber reicher macht. Wir sehen das dankbare Leuchten in den Augen des Empfängers und fühlen uns selbst dadurch beschenkt.

In jeder Arbeit, die anderen Menschen Gewinn und Freude bringt, fließt Gewinn und Freude zu uns zurück. Das geschieht dann, wenn unser Geben aus einem inneren Überfließen kommt, wenn wir so viel in uns haben, dass wir es nicht bei uns behalten wollen. Wir erkennen, dass wir unsere Bedürfnisse erfüllen können und dass mehr da ist, als wir für uns selber brauchen. Dann wird es selbst zum Bedürfnis zu geben und andere am Überfluss teilhaben zu lassen.

Dieses Geben ist ohne Hintergedanken und Bedingungen, weil es seine Belohnung in sich trägt. Manchmal geben wir, um kriegen zu können. Dann sind wir im Mangelmodus. Statt des freien Fließens, machen wir Geschäfte miteinander. Je mehr ich dir gebe, desto mehr muss ich von dir kriegen. Hier passt der Satz von Emma Goldman: „Wenn man Liebe nicht bedingungslos geben und nehmen kann, ist es keine Liebe, sondern ein Handel.“ 

Sind wir dagegen mit unserer Liebesfähigkeit verbunden und schmecken vom Geschmack der großen Liebe, die alles durchwebt und durchströmt, dann wird es sinnlos zu sagen, wir würden mehr geben als wir bekommen.

Es mag hilfreich sein, wenn wir uns vorstellen, was wir vom Ganzen des Lebens in jedem Moment empfangen. Allein, dass wir leben dürfen, in diesem riesigen All, auf diesem riesigen Planeten, inmitten dieser riesigen Menschheit, in unserer Winzigkeit und zugleich genialer Eigenart, können wir als Wunder empfinden. In diesem Staunen können wir uns von jedem Mangelmodus lösen, der uns suggerieren will, dass es zu wenig ist, was wir bekommen und zu viel, was wir geben müssen.

Dankbarkeit ist das Grundgefühl des Überflussmodus. Es ist mehr eine Einstellung als ein Gefühl, eine Haltung, die wir dem Leben gegenüber einnehmen, wenn wir Verantwortung für uns selber und für unsere Erfahrungen übernehmen. Es ist so viel da in uns und um uns herum, wir brauchen nur wahrzunehmen, wie wir im dauernden Austausch sind, im Fließen zwischen uns und dem, was uns umgibt. Wir erkennen dann, dass wir nichts anderes sind als ein sich ständig wandelndes Ergebnis dieses Austausches, in dem es all das Geben und Nehmen in jedem Moment zu einem neuen Gleichgewicht findet.

Vgl. Geben und Nehmen

Donnerstag, 30. Mai 2013

Perfektion und Perfektionismus

Perfektion bedeutet, dass etwas so vollkommen ist, dass es daran nichts mehr zu verändern gibt. Es ist gefertigt, also fertig gemacht, zu Ende gebracht, sodass nichts mehr zu tun ist. Alles weitere Tun würde dieser Vollkommenheit wiederum abträglich sein.

Perfektion ist eine Idee, die wir uns bilden, eine Idee, die für ein Ideal steht. Ein Ideal ist etwas, wonach wir streben, ohne es je zu erreichen, wie ein Ort, an den wir unbedingt gelangen wollen, aber, auch wenn er in Sichtweite ist, dennoch nie erreichen. Denn, sobald erreicht, verschwindet das Ideal und ein neues tut sich auf.

Perfektion gibt es also nicht in der Wirklichkeit, ebenso wenig wie das Ideale, das den Gegensatz zum Realen bildet. Nur wir Menschen kommen auf den Gedanken, dass etwas nicht vollkommen ist und deshalb erst vollkommen gemacht werden müsste. Die Natur benötigt dieses Konzept offensichtlich nicht. Zumindest können wir in ihr nichts Perfektes, aber auch nichts Imperfektes finden. Bäume wachsen ähnlich und unterschiedlich, manche gefallen uns besser und andere weniger, aber könnten wir wirklich sagen, dass dieser hier der vollkommene Ahornbaum ist? Vielleicht finden wir eine Rose besonders schön, aber haben wir je die vollkommene Rose gesehen?

Jedes Naturwesen entwickelt sich gemäß dem ihm innewohnenden Programm, in Abstimmung mit den äußeren Umständen, den Hindernissen und Ressourcen, die vorhanden sind. Ein Entwicklungszyklus kann lange dauern, z.B. eine Löwin, die in freier Wildbahn zwanzig oder im Zoo dreißig Jahre alt wird und dann stirbt, oder kürzer, wie ein Eisbär, der mangels Nahrung schon nach zwei Jahren verendet. Auch hier ergibt der Begriff der Perfektion keinen Sinn.

Also ist stammt Idee der Perfektion aus den Überschüssen, die unser Großhirn durch seine reiche Ausstattung mit frei gestaltbaren Bereichen produzieren kann. Es kann zu jedem wahrnehmbaren Zustand einen besseren fantasieren. Die Blüte könnte noch größer, der Apfel noch runder sein, der Sonnenuntergang noch prächtiger und der Himmel noch blauer.

Leiden am Perfektionismus


Die Idee der Vollkommenheit kann uns zum Problem werden, wenn wir sie auf uns selber anwenden. Das nennen wir dann Perfektionismus. Die Vorstellung, vollkommen sein zu müssen, und die Erkenntnis, es nicht zu sein, schaffen eine Spannung, die unerträglich werden kann und damit krank macht, also die betroffene Person noch weiter von der Vollkommenheit entfernt.

Die Psychologie unterscheidet zwei Formen des Perfektionismus:
1.    Perfektionistisches Streben: Damit sind die Eigenschaften, hohe persönliche Ziele mit einem ausgeprägten Maß an Organisiertheit anzustreben.
2.    Perfektionistische Besorgnis: Hier sind Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit, hohe Erwartungen an Fehlerlosigkeit und auch die Angst vor Bewertungen gemeint.
Kommt beides zusammen, lähmt sich der Mensch selber. Er will alles in höchster Qualität verwirklichen und zweifelt gleichzeitig daran, es jemals zu schaffen. Bei jedem Fehler und bei jedem Versagen macht er sich selber fertig. Es entsteht ein Teufelskreis aus Selbstanklagen, die wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit so weit untergraben, dass Fehlschläge und Misserfolge unausweichlich werden.

Dahinter stecken Ablehnungen in unserem Sosein, die wir im Lauf unserer Entwicklung erlitten haben. Je früher, desto tiefer sitzt die Abwertung, weil wir über keine Filter, keine anderen Kontexte und keine Vergleiche verfügen. Ablehnende Botschaften gehen direkt in die tieferen Schichten unseres Bewusstseins und Unterbewusstseins und geben uns das Gefühl der Unvollkommenheit. Wir wundern uns dann nicht, wenn wir ähnlich lautende Botschaften in der Erziehung, Schule und im beruflichen Umfeld hören, die uns klarmachen, wie viel uns zur Perfektion fehlt.

Die Kultur ist durchtränkt von diesem Muster, so als wollte sie sich damit noch zusätzlich von der Natur unterscheiden. Wir wollen nicht einfach nur sein, wir wollen besser sein. Wir müssen mehr aus uns machen, wir müssen uns strebend bemühen, sonst gibt’s keine Erlösung. Leider gibt es niemanden, der uns zuverlässig mitteilen kann, wann wir uns genug bemüht haben. Also steht es uns nicht zu, uns irgendwann zur Ruhe zu setzen, denn wir haben immer noch zu wenig aus uns gemacht und sind noch immer nicht bei der Vollkommenheit angelangt.

So wird der Perfektionismus ein mächtiges Instrument der Selbstsabotage. Der Mechanismus wird uns eingebaut, und wir füttern ihn fleißig, und so wird er größer und größer. Wir können ihn auf einen Bereich beschränken, was z.B. unsere Arbeit anbetrifft, oder wir erweitern ihn auch auf andere Aspekte unseres Lebens, auf die Pflege der Zimmerpflanzen und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Er ist der Versuch einer Selbstrettung, mit der wir uns wie Münchhausen aus dem Sumpf ziehen möchten. Er ist dysfunktional, weil er ein zusätzliches Hindernis aufbaut, dorthin zu gelangen, wo wir hinwollen. Er erzeugt eine innere Anspannung, die unsere Kräfte lähmt und unsere Kreativität versiegen lässt. So geraten wir in das Paradoxon, dass wir, je perfekter wir werden wollen, desto unvollkommener werden. Je näher wir uns an das Ideal heranmühen, desto weiter entfernt es sich von uns. Wir rennen einer Karotte nach, die vor unserer Nase baumelt, und wir wissen, dass wir sie nie erwischen werden, aber etwas in uns sagt, dass wir trotzdem weiter dranbleiben müssen, koste es, was es wolle.

Unter dem Stress, den uns der Druck des Perfektionismus macht, neigen wir dazu, auf die alten, immer gleichen starren Muster zurückzugreifen. Wir scheuen uns vor Experimenten, vor jedem Neuen, und behindern dadurch das, was aus unserem Inneren nach außen will. Was lassen wir da schon durch die Schranke unserer Selbstabwertungen durch? Wo geben wir dann noch unserer Kreativität eine Chance? „Ich kann ja nicht (oder nicht gut genug) singen, ich kann ja nicht malen, nicht tanzen oder Gedichte schreiben.“ Also halte ich lieber meinen Mund und riskiere keine Blamage, indem ich all die Ideen in mir begrabe.

Das Hirngespinst des Perfektionismus


Und doch ist unser Perfektionismus bloß auf eine Idee gegründet, die wir in unserem Kopf gebildet und genährt haben. Wenn es uns gelingt, diese Idee als Hirngespinst zu durchschauen, können wir sie hinter uns zu lassen. Dann stehen wir uns selbst nicht mehr im Weg. Vielmehr kann sich das Leben von selber entfalten, und wir wirken dabei mit unseren Fähigkeiten und Energien mit. Wo ein Stück der Anspannung, die uns der Perfektionismus auferlegt, abfällt, entsteht ein Freiraum für die Selbst-Entfaltung unserer Schaffenskraft, unserer Kreativität. Wenn wir loslassen, steigen die Ideen von selbst in diesem Raum auf. Wir brauchen uns nur dem Fluss des Lebens und seinem Wachsenwollen anzuvertrauen.

Wachstum geschieht aus sich heraus. Leben ist Veränderung, und bewusste Veränderung zielt auf Verbesserung. Was wir dazu beitragen können, ist vor allem, dass wir die hinderlichen Muster, die wir als Überlebensstrategien aus unserer frühen Kindheit mit uns schleppen, in unser Bewusstsein holen und uns dann ihrer entledigen. Dann finden wir zurück zu einem ganz ursprünglichen Wissen über uns selbst: Dass wir gut so sind, wie wir sind und dass wir uns gut in eine Richtung weiter entwickeln, die für uns und für die Welt gut ist.

Anmerkung zu den Worten


Im lateinischen Wort perfectio steckt das Tun, es liegt also eine Betonung auf der Aktivität, allerdings einer schon abgeschlossenen; im Deutschen enthält das Wort Vollkommenheit das Kommen: etwas Volles ist gekommen oder soll kommen. Damit wird weniger auf das Handeln, sondern eher auf das Zulassen verwiesen. Die Vollkommenheit ist nicht herzustellen, sie wird uns irgendwann einmal oder jetzt gerade, in diesem Moment, erreichen. Und dann ist das Leben voll.


Vgl. Das Drama des Perfektionisten

Mittwoch, 22. Mai 2013

Sind wir zwei oder eins? Über Dualitäten und Illusionen

Die meisten Religionen neigen zu einem dualen Ansatz: Es gibt den Leib und es gibt die Seele. Die beiden bilden zusammen für eine Zeit lang ein Wesen, den Menschen. Der Mensch stirbt dann, und anschließend gehen beide wieder getrennte Wege. Sobald in der Menschheit Ideen, die mit einer Weiterexistenz der Seele nach dem Tod zu tun haben, auftauchen, wird davon ausgegangen, dass der Mensch, der vorher eins war, in zwei Teile zerfällt, einen Leichnam, der verwest, und eine Seele, die weiter existiert, sei es in einem Jenseits oder in einer Wiedergeburt.

Das ist ja nur möglich, wenn der Mensch von Anfang an und grundsätzlich als zweigeteilt betrachtet wird, also aus zwei äußerst unterschiedlichen Teilen bestehend. Der eine, so heißt es, ist materiell, der andere immateriell oder geistig. Geist ist das, was nicht materiell ist, und Materie ist das, was nicht geistig ist. Beide definieren sich dadurch, dass sie nicht das jeweils Andere sind.

Manche Religionen (z.B. Hinduismus oder Buddhismus) nehmen dazu noch die Vorstellung, dass die Seele, weil sie sich ja auch nach dem Tod vom Körper trennen kann, anfangs schon von irgendwo anders in den Körper hineinkommt. Da kann es sein, dass sie, wie in der Reinkarnationslehre, schon andere Körper vorher als Aufenthaltsort hatte, oder dass sie, wie in anderen esoterischen Richtungen behauptet wird, aus einer geistigen Welt in die materielle „herab“-steigt.

Fragen an die Dualität


Die Rede von „Orten“ oder „Räumen“ und von räumlichen Richtungen („hinauf“ und „hinunter“) macht uns auf die Schwierigkeit aufmerksam, wie wir uns Geistiges anders als materiell vorstellen  könnten. Denn im Grund stellen wir uns dabei die Seele wie ein Ding vor, nur ohne „Ablaufdatum“. Der französische Philosoph René Descartes hat dementsprechend zwei Arten von Dingen unterschieden, die ausgedehnten und die nicht ausgedehnten, aber Dinge sind es allemal. Wie sollen wir aber zu etwas in Bezug gehen, das weder im Raum noch in der Zeit aufscheint?

Eine andere Problematik mit dem Konzept der Leib-Seele-Dualität liegt darin, dass davon ausgegangen wird, dass die Seele in ihrer irdischen Existenz Veränderungen unterworfen ist.
Sie wird im Lauf des Lebens von den Erfahrungen beeinflusst, die zusammen mit dem Körper gesammelt werden, soll aber trotzdem unabhängig von ihm bleiben, sodass sie sich, nachdem der Körper seine Funktionen aufgegeben hat, von ihm verabschieden kann, ohne daran groß Schaden oder Nutzen zu nehmen. Sie nimmt also offenbar die durch die materielle Existenz gesammelten Erfahrungen mit, allerdings ohne den zugehörigen Körper, der ja diese Erfahrungen mit erzeugt hat. Wie die Umwandlung einer körperlich-geistigen Information in eine rein geistige vonstattengehen soll, ohne dass dabei etwas verloren oder verzerrt wird, bleibt der puren Fantasie überlassen.

Es werden allerdings nach verschiedenen Anschauungen diese gesammelten Lebenserfahrungen beim Weiterleben der vom Körper abgetrennten Seele benötigt, da sie die Grundlage dafür darstellen, wie die Seele nach dem Abschied vom Körper von einer höheren Instanz beurteilt wird. Sie soll ja nach dieser Beurteilung entweder, wie im Christentum, Himmel, Hölle oder Fegefeuer zugeteilt zu bekommen oder, wie im Hinduismus und Buddhismus, für die Existenzform in der nächsten Inkarnation eingestuft wird, also z.B. als Brahmane oder als Regenwurm. Abgesehen von der Frage, wie aus der riesigen Menge an Daten, die sich aus den vielfältigen Erfahrungen ergeben, die ein Mensch im Lauf seines Lebens sammelt, ein zutreffendes und gerechtes Urteil gefällt werden kann, das einer Menschenseele dann auch plausibel erscheint, abgesehen also von der Frage einer fairen Bewertung eines ganzen Lebens, bleibt uns nur die Spekulation zu erklären, wie die entsprechenden Daten überhaupt über den Tod des Körpers, der sie abgespeichert hat, gerettet werden können.

Eine weitere Frage stellt sich: Was verbindet denn anfangs die Seele mit dem Körper? Es muss ja etwas geben, das dafür sorgt, dass die Seele beim oder im Körper bleibt, und etwas, das sie dann wieder freigibt, wenn der Körper sein Leben aushaucht. Was ist das für ein „Kleber“, der mit der Zeit müde wird, bis auseinanderbricht, was er zusammengehalten hat? Sind das die Gefühle, die wir einerseits seelisch und andererseits körperlich erleben? Woher kommen aber diese und wohin gehen sie, wenn es nur zwei Wesenseinheiten gibt? Wenn es eben zwei getrennte Wesenseinheiten gibt, wie soll da etwas existieren können, was in beiden gleichermaßen vorhanden ist – das wäre ja dann eine dritte Wesenheit?

Welche Form von Leben ist es, über die die Seele zum Unterschied vom Körper verfügt? Außer dass es eine „ewige“ Form sein soll, gibt es darüber keine Aussagen. Wir kennen ja sonst nur Formen von Leben, die in belebten, also auch materiellen Wesen stattfinden. Leben beinhaltet z.B. Stoffwechsel und Fortpflanzung. Verfügt die Seele über Stoffe, die getauscht werden und pflanzt sie sich fort? Offenbar nicht. Wie diese nichtmaterielle Lebensform beschaffen ist, können wir wiederum nur in unserer Fantasie ausmalen.

Ohne vorgefasste Konzepte


Und so weiter – es gibt jede Menge ungelöster Fragen an die Dualitätslehren. Probieren wir den radikalen Schnitt und verzichten wir auf die Konzepte aus den verschiedenen religiösen, esoterischen und ideologischen Gedankengebäuden. Was bleibt dann noch übrig?

Gehen wir einmal davon aus, dass dieses „Leben der Seele ohne Körper“ ein Produkt unserer kreativen Fantasie ist, so wie wir uns vorstellen können, dass Steine herumgehen oder Teppiche fliegen. Könnte es sein, dass wir selbst in unserer Fantasie und in unseren Träumen nie aus der materiellen Raum-Zeit herauskommen können, weil unser gesamtes Informationsverarbeitungssystem aus raum-zeitlichen Komponenten besteht (unser Gehirn und unsere Wahrnehmungsorgane enthalten jede Menge Materie)? Zwar sind Informationen immateriell, tauchen aber nirgends unabhängig von Materie auf, sondern gewissermaßen als deren Inneres oder deren Rückseite (das sind natürlich auch schon wieder räumliche Begriffe), die wir nie direkt wahrnehmen können (weil unsere Wahrnehmung nur Gegenständliches erkennt), sondern bloß an ihrer Wirkung erkennen und mit Hilfe dieser Erkenntnis verarbeiten. Die Verarbeitung ist dann wiederum ein materiell-immaterieller Vorgang.

Also gewinnen wir all unser Wissen und auch all unser Glauben aus diesem ineinander verflochtenen Interagieren und Zusammenarbeiten von Materie und Geist. Wie sollen wir uns da eine sinn- und gehaltvolle Vorstellung machen von einem Zustand, in dem eine Komponente dieser Einheit aufgibt und verschwindet? Das wäre so wie wenn wir uns vorstellen, dass der Boden, auf dem wir stehen, weggezogen wird, und dabei zu meinen, dass wir an der gleichen Stelle bleiben können. Wir können die Schwerkraft zwar wegdenken, müssen aber zugeben, dass ein Zustand ohne sie ein reines Gedankenspiel ist, bei dem die Wirklichkeit nicht mittut. Wie also soll die Wirklichkeit mittun, wenn wir uns wünschen, dass eine Seite unserer Leib-Seele-Dualität übrigbleibt, wenn die andere ihren unvermeidlichen Gang in die Verwesung antritt?

Dualität und Dissoziation


An diesem Punkt übergibt der Philosoph an den Psychotherapeuten. Es heißt, die Seele geht rein in den Körper und dann wieder raus. Natürlich erinnert das frappant an den Vorgang der Dissoziation, der eine Reaktion des Nervensystems auf traumatische Erfahrungen darstellt. Passiert ein Trauma, geht die Bewusstheit raus aus dem Körper, und wenn sich dieser wieder beruhigt, geht das Bewusstsein wieder hinein. Weil wir alle diese Erfahrung kennen, übertragen wir dieses Konzept auf unsere Vorstellung von der Seele?

Menschen mit Nahtoderfahrung berichten z.B., dass sie in diesem Zustand keine der üblichen Gefühle (Schmerz, Angst, Wut...) erlebt haben. Für die Ähnlichkeiten zwischen außerkörperlichen Erfahrungen und Dissoziation gibt es wissenschaftliche Belege. Außerkörperliche Erfahrungen, die in Nahtoderfahrungen auftreten können, gleichen den Dissoziationen, die nach Stresserfahrungen auftauchen und die als normal betrachtet werden. Psychiatrische Fälle von Dissoziationen weisen wesentlich stärkere Symptome auf.

Wir können den Vorgang folgendermaßen interpretieren: Der Körper existiert selber in Raum und Zeit, und ebenso seine sinnlichen Wahrnehmungsvorgänge, von denen er abhängig ist. Zu außerkörperlichen Erfahrung kommt es, wenn der Körper ein Notfallprogramm aktiviert und damit die normalen Informationsverarbeitungsvorgänge, also auch die normale Wahrnehmung abschaltet. Damit tritt die Bindung an Raum und Zeit in den Hintergrund, und die Erfahrung einer frei vom Körper losgelösten Seele entsteht als eigene Wirklichkeit. Sie verschwindet aber wieder, wenn sich der Bewusstseinszustand wieder normalisiert.

Wir interpretieren dann unser Erleben so, dass die Seele den Körper verlassen hat und dann wieder zurückgekehrt ist. Allerdings geschah dieses Erleben innerhalb eines Körpers und beruhte auf einer Sinnestäuschung, die als Folge der extremen Belastung des Organismus in der Traumasituation entstanden ist. Ähnlich wie durch die Unterbrechung der Schmerzleitung im Organismus bei einem schweren Unfall dem Bewusstsein vorgetäuscht wird, es wäre nichts Ernsthaftes passiert, suggeriert der traumatisierte Organismus dem Bewusstsein, dass alles in Ordnung ist, weil die „Seele“ jetzt alles von oben aus einer sicheren Distanz beobachten kann.

Solange wir im Körper sind, brauchen wir die Realitätskonstruktion, die mit Raum und Zeit verbunden ist. Wir können einen außerkörperlichen Erfahrungszustand nur fantasieren und konstruieren. Wenn der Körper unter maximalen Stress gerät wie in einer lebensbedrohlichen Situation nach einem Unfall, schaltet sich offenbar die raumzeitliche Wahrnehmung ab und es kommt zu einem Zustand des erweiterten Bewusstseins, in dem besondere Fantasien gebildet werden.

Diese ähneln solchen, die wir auch in tiefer Meditation erfahren können: Alles ist verbunden, alles ist eins, alles ist gut. Der wichtige Unterschied liegt darin, dass die eigentlich spirituelle Erfahrung im Körper verankert ist und nur dadurch eine ganzheitliche sein kann. Jede Erfahrung, die eine Trennung vom Körper enthält, ist keine spirituelle Öffnung, sondern nur die Wiederholung einer Dissoziationserfahrung. Also, im Sinn der Prä-Trans-Verwechslung nach Ken Wilber, sind Dualitätserfahrungen keine spirituellen transpersonalen Erfahrungen, sondern gehören in den präpersonalen Bereich.

Vielleicht reden wir deshalb so leicht und selbstverständlich von paradiesischen Zuständen, die dereinst auf uns warten, weil sie uns zumindest ansatzweise von dissoziativen Erfahrungen bekannt sind? Vielleicht lassen sich deshalb noch immer Menschen mit Versprechungen auf jenseitige paradiesische Freuden zu Taten verleiten, die anderen Menschen die Hölle auf Erden bereiten (wenn sie, wie die Kreuzritter, in Jerusalem ein Blutbad anrichten oder wie Selbstmordattentäter, Schulbusse in die Luft sprengen)?

Vielleicht ist auch diese Dualität, nämlich die von Himmel und Hölle, eine kondensierte Traumageschichte – auf der einen Seite die Hölle als Widerspiegelung aller traumatischen Erfahrungen, auf der anderen Seite der Aufstieg in den Himmel als Erinnerung an alle Dissoziationserfahrungen?

Was ohne Dualität und ohne Illusion bleibt


Jetzt zum „Gegenmodell“: Was bleibt denn, wenn wir auf die Grunddualität von Leib und Seele verzichten?

Jeder Mensch entsteht aus einer Materie-Geist-Samenzelle und einer Materie-Geist-Eizelle. Bei der Empfängnis bildet sich ein neues, einzigartiges Individuum, in einer einzigartigen Einheit von Materie und Geist. Diese Einheit bildet ein individuelles Einheitsbewusstsein. Belastende und nicht integrierbare Erfahrungen reißen es auseinander, sodass ein Dualitätsbewusstsein an die Seite des ursprünglichen Einheitsbewusstseins tritt. Im späteren Leben entwickeln sich auf dieser Grundlage in Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Kulturmustern der Familie und Gesellschaft, in die das Individuum geboren wird, duale Weltbilder und Religionsanschauungen. Diese haben die Funktion, für die erlittenen Verwundungen und Verletzungen Trost und Hoffnung zu spenden. In dem Maß jedoch, in dem die frühen Störungen geheilt werden, schwindet das Bedürfnis nach dualen Modellen der Welterklärung. Die ganzheitliche körperlich-geistige Erfahrung im jeweiligen Moment gewinnt immer mehr Bedeutung.

In gleichem Maß wird die Frage nach dem, was nach dem Tod sein wird, irrelevant. Der Tod selber gehört zur Ganzheit des Lebens. Er birgt ein Geheimnis, das nur scheinbar in der Fantasie gelüftet werden kann, als Schreckens- oder Wunschvorstellung, je nachdem. Denn das Geheimnis bleibt, weil es Teil unseres Menschseins ist, das es zu akzeptieren gilt. Wir können nämlich als Körper-Geist-Wesen nichts von unserem Nicht-mehr- Körper-Geist-Wesen-Sein wissen, weil eben jedes Wissen, über das wir verfügen, aus dieser Einheit von Körper und Geist erwächst, die wir sind.

Wir stoßen hier an eine absolute Grenze unserer Einsichtsmöglichkeiten, die sich nur unser Stolz und unsere Überheblichkeit nicht gefallen lassen will. So vermeinen wir, über das Ganze unseres Lebens verfügen zu können, indem wir zumindest voraus wissen könnten, was nach dem Tod „mit uns“ geschieht. Wenn wir dagegen die absolute Ohnmacht zulassen, die mit dem Sterbenmüssen ohne jede Sicherheit und ohne jede Aussicht auf ein Danach verbunden ist, können wir auf all diese Illusionen verzichten. Dann durchschauen wir sie als bloße Hilfskonstruktionen, die uns im Diesseits helfen sollen, besser mit dem Leben zurecht zu kommen, die aber keinen Aussagewert über das Jenseits haben.

Gelingt es uns, auf diese Konstrukte zu verzichten, haben wir die Freiheit gewonnen, die darin liegt, dass zumindest eine der „letzten Fragen“ ihren Sinn verloren hat. Wir müssen nichts wissen über das, was nach dem Ende der Körper-Seele-Einheit, die wir sind, passiert. Wir brauchen dafür auch keinen Glauben, wenn wir uns bescheiden mit dem, was uns die gegenwärtige Erfahrung in jedem Moment bieten kann an Schönheiten und an Herausforderungen.

Vgl. zur Ähnlichkeit von Nahtoderfahrungen und Dissoziationen: http://folk.uio.no/benjamil/neardeath/neardeath_psych2.pdf

Dienstag, 14. Mai 2013

Die Freiheit der Kunst und die religiösen Gefühle

Ein Eklat bei den Wiener Festwochen: Einige der Theaterbesucher waren von einem Stück und seiner Inszenierung entsetzt und äußerten ihre Empörung lautstark während der Aufführung. Solches erinnert an den Aufruhr um dänische Karikaturen des Propheten Mohammed oder das Todesurteil gegen den Schriftsteller Salman Rushdie: Bestimmte Kunstwerke verletzen die religiösen Gefühle und sollen deshalb nach der Meinung der Betroffenen verboten werden, die dann, wenn sie besonders radikal eingestellt sind, fordern, dass die Urheber der Kunstwerke bestraft werden.

Es geht hier nicht um die Frage, ob solche Strafen gerechtfertigt wären. Solche Ansätze möchte ich nicht einmal diskutieren. Hier geht es darum, ob sich die Kunst erlauben darf, Gefühle von Menschen zu verletzen. Gibt es Grenzen der Empfindlichkeit, welche die Kunst respektieren muss?

Sicher darf es nicht sein, dass die Kunst jemanden persönlich beleidigt, das sollte prinzipiell niemand absichtlich tun. Manchmal geschieht es allerdings, dass jemand beleidigt ist, ohne dass wir das wollen. Menschen haben die unterschiedlichsten Sensibilitäten, und nicht jeder kann in seinen Handlungen auf alle anderen gleichermaßen Rücksicht nehmen. Deshalb wird es immer wieder zu Betroffenheiten kommen, die zu Konflikten führen. Solche Auseinandersetzungen können jedoch mit den Mitteln einer dialogisch agierenden Zivilgesellschaft friedlich beigelegt werden.


Stellvertretende Gefühle


Mit den religiösen Gefühlen ist es ein wenig komplizierter. Was sind das überhaupt für Gefühle? Jemand fühlt sich persönlich beleidigt, wenn Inhalte des eigenen Glaubens von jemand anderem beleidigt werden. Ein Anhänger Mohammeds ist persönlich betroffen, wenn jemand den Propheten beschimpft oder lächerlich macht. Er übernimmt eine Stellvertretung, die so weit gehen kann, die Beleidigung zu rächen. Die beleidigte Person, in diesem Fall Mohammed, wurde aber nicht befragt, ob sie selber von der Verletzung betroffen ist und überhaupt eine Rache braucht oder gutheißen kann. Es werden also Stellvertreter-Gefühle verletzt, und die mit der Beleidigung gemeinte Person hat gar keine Möglichkeit, die Stellvertretung zu akzeptieren oder abzulehnen. Es handelt sich also um eine selbstangemaßte Stellvertretung, die sich hier empört und die sich auf religiöse Gefühle beruft.

Wenn auf einer Bühne ein Jesusbild mit „Handgranaten aus Plastik“ beworfen wird, wie kürzlich in Wien geschehen, kann man das interessant oder geschmacklos finden, ohne dass dabei religiöse Gefühle betroffen sein müssen. Jedem, der an Jesus glaubt, müsste wohl klar sein, dass dieser als göttliches Wesen von solchen Aktionen nicht betroffen sein kann. Nur ein schwaches Ego leidet an Beleidigungen.

Jedem allerdings, der nur an ein Jesusbild glaubt, kann das aufs Gemüt gehen. Der Glaube an Bilder wird ja in manchen Traditionen als Häresie, als Ketzerei angesehen, er ist jedoch weit verbreitet, wenn nicht überhaupt die vorherrschende Form des religiösen Glaubens. Denn an ein Bild zu glauben ist einfacher und bequemer, als an einen Gottmenschen, der den Menschen den Spiegel vorhält, der Forderungen stellt, der Gewohnheiten aufrüttelt. Eine „herabwürdigende“  Darstellung kann deshalb so stark irritieren, weil dem Bildgläubigen das beschmutzte Bild nicht mehr die Sicherheit geben kann, die er von ihm braucht. Das Bild muss heil und unversehrt bleiben, nur so bleibt auch sein Glaube heil und unversehrt.

Der Identifikationsgläubige will das Objekt seines Glaubens auf das Bild festnageln, das er sich von ihm gemacht hat. Es soll so sein und bleiben, wie er es braucht. Es darf nicht frei sein, sonst müsste die eigene Unfreiheit erkannt werden. Die Identifikation mit einem Bild müsste durch Vertrauen in ein lebendiges und freies Gegenüber ersetzt werden.

Die Stifter von Religionen waren nicht deshalb erfolgreich, weil sie mustergültig ein Leben im Rahmen der herrschenden Konventionen gelebt haben, nicht deshalb, weil sie sich den Bildern, die ihnen vorgegeben wurden, angepasst haben, sondern weil sie aus der Rolle gefallen sind, überraschend, provozierend, schockierend.

Welche Religion meinen also die von Kunst Schockierten, wenn sie sich auf ihre verletzten religiösen Gefühle berufen? Sicher nicht eine Religion, die selber schockieren will. Können sie in ihrer Empörung an einen Jesus glauben, der selber Empörung in einem Ausmaß erregt hat, dass er dafür hingerichtet wurde?

Ein wahrhafter Gottsucher allerdings, also einer, der die Bilder in sich selber gestürmt hat, weiß um die Größe und auch die Radikalität der Botschaft, die durch kein menschliches Argument und durch keine menschliche Aktion verkleinert werden kann. Die Kleingläubigen dagegen richten die Aggression nach außen, statt den eigenen Glauben zu überdenken und zu vertiefen. Die Beschimpfer werden beschimpft, die Bekämpfer bekämpft. 


Die Kunst ist frei


Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat die Kunst, wie die Philosophie und die Religion, der Sphäre des absoluten Geistes zugeordnet. Damit hat er gemeint, dass sie die Wirklichkeit in einer nicht-alltäglichen Weise reflektiert, also zur Darstellung bringt, um uns, den Konsumenten der Kunst, zu einer neuen Sicht dieser Wirklichkeit zu verhelfen. Kunst verändert also den betrachtenden Menschen. Je besser die Kunst, desto tiefgreifender ist die Veränderung.

Kunst als Ausdruck des absoluten Geistes ist nicht in den Kategorien der Alltagswelt zu deuten. Deshalb kann sie nicht beleidigen, wie das Menschen untereinander tun. Sie kann provozieren, d.h. Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten in Frage stellen (dekonstruieren). Sie greift damit aber nicht einzelne Menschen persönlich an, sondern alle gleichermaßen. Jeder ist anders betroffen, aber die Botschaft ist die gleiche, wie Rilke in Anbetracht einer archaischen griechischen Plastik formuliert hat: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht: du musst dein Leben ändern.“

Wenn wir mit einem solchen Anspruch auf Veränderung konfrontiert werden, neigen wir dazu, uns zur Wehr zu setzen: „Wieso soll ich mein Leben ändern, es läuft doch alles gut, ich mache doch alles richtig…“ Ändern ist anstrengend und riskant, weil ich nicht weiß, wo mich die Veränderung hinführt.  Allerdings ist das Leben Veränderung, der Stillstand und die Erstarrung ist das Prinzip des Todes. Wenn wir uns für das Leben entscheiden, entscheiden wir uns für die permanente Veränderung. Dazu gehört auch, dass Beleidigungen passieren, und dass wir lernen, mit ihnen so umzugehen, dass wir nicht selber zu Beleidigern werden. Dazu müssen wir uns ändern.

Die Kunst kann diese Funktion nur ausführen, wenn sie frei ist, d.h. wenn sie nicht von außerhalb der Kunst gemaßregelt oder zensuriert wird. Staatlich oder kirchlich verordnete und zurechtgestutzte Kunst ist keine Kunst mehr, sondern Propaganda. Deshalb unterdrücken alle autoritären Regime die Freiheit der Kunst. Und deshalb sind alle demokratischen Staaten erfolgreicher, weil sie der künstlerischen Kreativität einen Freiraum zubilligen und damit einen dauernd wirkenden Stachel der Veränderung zulassen. Je größer dieser Freiraum ist, desto größer ist der Freiraum der gesamten Gesellschaft.


Die Freiheit der Religion


Auch die Religion gehört in den Bereich des absoluten Geistes. Auch sie fordert heraus zur Veränderung, auch sie will in den Ablauf des täglichen Lebens und in seine Gewohnheiten eingreifen. Sie kann das nur, wenn sie in diese nicht hineinverflochten ist, wenn sie frei ist von den menschlichen Kleinlichkeiten.

Deshalb kann auch eine Religion, eine religiöse Lehre oder eine religiöse Gestalt nicht beleidigt werden. Beschimpfungen und „Herabwürdigungen“ gehen ins Leere. Sie treffen nur die, die ihre eigene Unfreiheit als Religion verbrämen. Die Religion ist frei wie die Kunst und spielt in einer anderen Liga als die allzu menschlichen Leidenschaften und Gewohnheiten.  Sie fordert dazu auf, dass wir uns gegenseitig nicht beleidigen und beleidigen lassen. Das kann sie nur, wenn sie auf Beleidigungen nicht beleidigt reagiert, sondern gelassen und verständnisvoll bleiben kann, gleich, ob das gefällt, was die Menschen aufführen. 


Vgl. Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen?
Religiöse Gefühle versus Meinungsfreiheit 

Montag, 6. Mai 2013

Quantenphysik und Quantenheilung - zwei Paar Schuhe

Quantenheilung, Quantenatmung, Quantum Tao, Quantum Touch, Chinesische Quantum-Methode, Quantenbewusstsein,…. Der Psychomarkt hat sich verliebt in einen Begriff, den der Physiker Max Planck 1900 eingeführt hat. Was hat es mit den Quanten auf sich?

Die Physik hat einige seltsame Entdeckungen im Reich der Quanten (oder der Photonen, wie sie heute genannt werden) gemacht. Teilchen können an einem Ort und gleichzeitig an einem anderen sein. Der Beobachter beeinflusst das, was er beobachtet. Teilchen reagieren aufeinander über Entfernungen, ohne dass dabei Zeit verstreicht (Quantenverschränkung, Quantenteleportation). Es war die Rede von Quantensprüngen, Veränderungen, die blitzschnell erfolgen und bei denen während der Veränderung nichts über den Zustand erkannt werden kann.

Unser alltägliches Denken als Nicht-PhysikerInnen kommt da nicht mehr mit. Wir staunen. Wir sind beeindruckt und fasziniert. Damit gewinnt der Begriff der Quanten den Glanz des Geheimnisses.

Wenn wir in die Welt der Psyche einsteigen und die tieferen Schichten erforschen, kommen wir auch ins Staunen, sind beeindruckt und fasziniert, was sich da verändern kann. Manchmal haben wir sogar den Eindruck, dass ein Sprung auf eine neue Bewusstseinsstufe oder in eine neue Freiheit erfolgt ist, ohne dass wir wirklich erkennen, wie das abgelaufen ist.

Also braucht es uns nicht zu verwundern, dass die Metaphorik der Quantenphysik verlockend wirkt. Viele von uns haben vielleicht die Physik als trockenes Unterrichtsfach in Erinnerung, das mit den eigenen Interessen im Leben am allerwenigsten Nähe von allen Fächern aufwies. Wie schön, wenn sich jetzt die Möglichkeit einer Analogie zeigt. So ähnlich wie es uns bei den Innenreisen ergeht, mag es vielleicht diesen quantischen Photonen gehen, wenn sie durch Doppelspalten geschossen werden und sich auf der anderen Seite in ihrem Wesen völlig verändert wiederfinden.

Im Großen wie im Kleinen


Ab und zu geraten wir auch in die Horizonte eines in alle Richtungen sich weitenden Universums, in dem wir alles mit allem als inniglich verbunden erleben. Im Großen wie im Kleinen gelten die gleichen Regeln und Verknüpfungen. Oder, wie schon ein dem Hermes Trismegistos zugeschriebener  hellenistischer Text sagte: „Du kannst darum das Große im Kleinen und im Kleinen das Große erkennen.“

Weil uns das so vertraut erscheint, beginnen dann gleich findige Geister gigantische Bögen zu spannen, von der winzigsten aller Welten in die Weiten des Universums. Sie behaupten dann, dass die Ebene der Quanten, die winzigsten Teilchen der Materie, mittels psychischer oder schamanistischer Techniken erreicht und verändert werden können. Denn was im Großen wirkt, muss auch das Kleine mit sich ziehen. Und so freuen sie sich im Glauben, modernste Wissenschaften mit den Praktiken der frühesten Menschen verbinden zu können.

Die Physiker allerdings erkennen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Einsicht, dass die quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten nur auf der untersten Ebene gelten und sich nicht auf komplexere Ebenen übertragen lassen. Die sich verdichtende Materie kann sich also nicht mit Gleichartigem verschränken und teleportieren. Sie kann nicht an zwei Orten gleichzeitig aufscheinen. Für ihre Welt gelten andere Regeln und Gesetzmäßigkeiten.

Quanten-Marketing


Folglich wird klar, dass die Nutzung des Quantenbegriffes in Bezug auf psychische Heilungsmethoden ein Marketing-Gag ist. Begriffe erzeugen innere Bilder, innere Bilder erzeugen Gefühle, Gefühle erzeugen Motivationen, Motivationen erzeugen Handlungen. So funktioniert Marketing, die Kette von der Wahrnehmung bis zum Kauf soll damit geschlossen werden, und das magische Wort „Quantum“ hat die gewünschte Wirkung entfaltet. In der Vielfalt des Angebotes auf dem Markt der Seelenführer greifen wir auf vertraute oder Vertrauen erweckende Metaphern zurück, um uns zu orientieren. Die Grenze zum Verführen ist da allerdings immer auch recht durchlässig.

So heißt es z.B. in einem Werbetext:
„Was ist Quantenheilung? Es ist eine praktische Anwendung der Quantenphysik, laut der jede Realität als Energie bzw. Schwingung beschrieben werden kann. Mit der sehr leicht zu erlernenden 2-Punktmethode kann durch reine Absicht eine Umprogrammierung auf subatomarer Ebene herbeigeführt werden.“

Ob das so stimmt oder nicht, kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Wie sollte eine Messung von subatomaren Photonen während einer Sitzung in Quantenheilung ablaufen, welche „Umprogrammierung“ sollte da stattfinden? Photonen ändern bei quantenmechanischen Experimenten ihre Drehrichtung, ihren Spin, aber was heißt da Umprogrammierung, wenn es in ihrer Welt gar keine festgelegten Programmierungen gibt? Und schon gar: Eine gute therapeutische Sitzung sollte der Klienten nach der Sitzung ein besseres Gefühl geben als vorher. Blöderweise kennen Photonen kein Vorher und kein Nachher…

Die angewendete Methode kann gute heilende Erfolge bewirken, wie viele andere Methoden auch, die sich nicht auf die Quantenphysik berufen. Darum sollte beides nicht in einen Topf geworfen werden, denn skeptisch denkende Menschen werden sofort mit guten Argumenten die Analogie zwischen z.B. dem komplexen Funktionieren eines Gehirns und dem Verhalten von Photonen zurückweisen und auf die Unmöglichkeit hinweisen, die Erkenntnisse der Quantenwelt auf die der Moleküle zu übertragen, geschweige denn, auf die der Zellen, geschweige denn auf die eines Megazellenverbandes wie das menschliche Gehirn.

Die skeptischen Leute werden aber dazu neigen, die Methode samt ihrem Erklärungsmodell zu verdammen: Wer so windige Theorien entwickelt, kann keine gute therapeutische Arbeit zustande bringen. Manche kompetente Praktiker veranlasst ihre vielleicht zu schwach entwickelte theoretische Kompetenz zu geistigen Höhenflügen, die sie dann in Sphären führt, wo die Luft dünn wird, ohne dass sie das merken. Damit geraten sie schnell ins Visier der kompetenten Theoretiker, die allerdings oft kein Verständnis und noch weniger Gespür für die therapeutische Praxis haben.

Und so entbrennen schnell unnötige Glaubenskämpfe, unnötig deshalb, weil die angewendeten Methoden, falls sie hilfreiche Wirkungen und keine Schäden hervorrufen, nicht in ihrem Wert geschmälert oder diskreditiert werden sollen, und andererseits die Forderungen der Skeptiker nach einer klaren Terminologie und einem redlichen Gebrauch der Wissenschaften, auch im Sinn eines kritischen Verbraucherschutzes, Respekt und Beachtung verdienen.


Vielleicht ist es am besten, die Quanten in ihrer Quantenwelt zu lassen und uns an den Erkenntnissen der Physiker zu erfreuen, soweit sie Eingang in unseren Verständnishorizont finden, und den sonstigen Gebrauch des Wortes als das zu sehen, was es ist: Eine bestenfalls kreative Wortschöpfung, die auf Automarken und Hedgefonds ebenso angewendet werden kann wie auf Eislutscher oder Therapie- und Coaching-Methoden.


"Der Missbrauch quantentheoretischer Begrifflichkeiten zur Bewerbung und pseudowissenschaftlichen Autorisierung von allerlei Heilmethoden, diversen Apparaten und self-help-Accessoires ist nicht zu rechtfertigen und sollte im Allgemeinen eher zu Misstrauen gegenüber der Seriosität der Anbieter anregen." (Nikolaus v. Stillfried, Quantenphilosophische Ideen zu Fragen des Bewusstseins. In: Bewusstseinswissenschaften, 19. Jahrgang 1/2013, S. 53)

Literatur zur Quantenphysik:
Anton Zeilinger: Einsteins Spuk. Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik (Goldmann 2007)
Jeffrey Satinover: The Quantum Brain. The Search for Freedom and the Next Generation of Man (Wiley 2001)


Montag, 29. April 2013

Die Wurzeln der Selbstsabotage

„Ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht. Damit werde ich nie fertig. Die anderen können das, und ich noch immer nicht. Ich bin zu allem zu blöd…“ Solches und noch mehr denken wir über uns selber, immer wieder, jedenfalls viel zu oft. Was tun wir uns da selber an?

Wir werten uns ab, was unsere Motivation und unsere Lebensbegeisterung herunterdrückt, sodass wir wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung gerade das erzeugen und noch verstärken, was wir uns sagen. Wenn wir uns lange genug vorsagen, wie unfähig sind, sind wir bald zu nichts mehr fähig.

Warum machen wir uns selber fertig? Warum sind wir selber unser erbittertster Feind?


Der Mechanismus der Selbstsabotage


Als Neugeborene sind wir mit der Erwartung auf die Welt gekommen, dass es für die Bedürfnisse, die wir verspüren, eine Befriedigung gibt, dass wir also genährt werden, wenn wir Hunger haben und dass uns jemand liebhat, damit wir uns nicht einsam fühlen müssen. Wir bringen auch ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz mit, das uns hilft, damit zurecht zu kommen, wenn nicht jedes Bedürfnis sofort befriedigt wird. Wird jedoch dieser Toleranzrahmen erheblich und/oder immer wieder überschritten, so bricht die Grundstruktur des Selbst- und Weltvertrauens ein. Wir geraten in Ängste, weil wir befürchten müssen, Schaden zu leiden oder sogar zu sterben, wenn wir in unserer Not nicht rechtzeitig wahrgenommen werden und wenn keine die Not lösende Aktion eintritt.

Um in diesem Fall, in dem die Frustration den Toleranzrahmen überschritten hat, überleben zu können, müssen wir uns eine Notstruktur zurechtlegen. Diese lautet folgendermaßen: Wenn meine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, muss etwas an meinen Bedürfnissen nicht stimmen, und ich muss sie verändern, sprich minimieren oder unterdrücken. Ich muss mich und meine Bedürfnisse den Möglichkeiten und Gegebenheiten der Umwelt anpassen und schauen, wie ich das Minimum, das ich zum Überleben brauche, bekommen kann.

Da wir als die Kleinen in eine Welt der Großen geboren werden, nehmen wir ohne jeden Zweifel an, dass wir immer Unrecht und die Großen immer Recht haben. Sie müssen ja wissen, wie es in der Welt funktioniert. Erst viel später, mit dem Aufwachsen und der Zunahme der Kenntnis über die Regeln und Mechanismen dieser Welt, verbunden mit der Entwicklung von kognitiven Kompetenzen, erkennen wir, dass auch die Großen irren können, Fehler machen, Schwächen haben und vor allem in emotionalen Belangen blind und taub sein können. Und noch viel später erkennen wir vielleicht, dass diese Mängel an den Großen daher kommen, dass sie, obwohl körperlich groß, häufig emotional klein oder winzig werden, also aus ihren eigenen Selbstabwertungen stammen.

Wir nehmen folglich die Schuld für das, was uns angetan oder vorenthalten wurde, auf uns, weil wir annehmen, dass die Erwachsenen vollkommen oder zumindest über jeden Zweifel erhaben sind. Wir sind die Kleinen, wir sind die Mängelexemplare. Deshalb brauchen wir ein Notfallsprogramm, das mit Selbstabwertung arbeitet, in der Sprache der Transaktionsanalyse nach der Devise: Ich bin nicht okay, alle anderen (die Erwachsenen) sind okay. Sobald das reflexive Denken beginnt, steigt es auf diese Schiene ein und füttert das Gehirn mit selbstabwertenden Botschaften, oft in zwanghaften Denkschleifen.

Mit dieser Erwartungshaltung ausgestattet, wundern wir uns nicht, wenn wir auch von außen mit Abwertungen gefüttert werden: „Du kannst das noch immer nicht, du bist zu langsam, du störst mich die ganze Zeit, du bist so anstrengend …“. Sie passen genau zu unserem Notfallsprogramm. Mittels selektiver Wahrnehmung filtern wir genau das heraus, was in das Raster passt und bestätigen es damit noch zusätzlich, sodass es zu einer inneren Überzeugung werden kann. Die eigene Wahrnehmung für das, was gut läuft, was uns gelingt und wo wir bekommen, was wir brauchen, wird abgeschwächt, weil das unseren inneren Überzeugungen widerspricht, und wir fürchten alles weniger als eine Verwirrung im Inneren.

Daran ändert sich nichts, wenn wir später, im Zug unseres Aufwachsens, lernen, dass wir die Rollen auch umdrehen können: Ich bin okay, aber ihr, die anderen, seid daneben. Spätestens in der Pubertät ist uns diese Haltung geläufig, und wir nutzen sie, um uns selber zu stärken, indem wir andere heruntermachen. Doch brauchen wir das nur deshalb, weil wir uns selber im Grund als wertlos oder unfähig einschätzen. Es ist nur eine weitere Schleife in der Selbstsabotage, wenn wir beginnen, andere zu sabotieren.


Die pränatale Geschichte der Selbstsabotage


Oben steht, dass wir mit der optimistischen Erwartung auf die Welt kommen, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Das muss nicht immer so zutreffen. Wenn es in der Embryonalgeschichte zu übermäßigen Frustrationen und zu Traumatisierungen gekommen ist, können schon in dieser Lebensphase die Grundlagen für die späteren verbalen oder gedanklichen Selbstabwertungen gelegt werden. Denn auch hier wird die schon vorhandene Umgebung des mütterlichen Organismus als das Vollkommene angesehen, dem sich das winzige neue Leben anpassen und unterordnen muss. Störungen im Ablauf werden als Fehler im eigenen System interpretiert.

Es kann also unser Lebensvertrauen schon vor der Geburt beträchtlichen Schaden genommen haben. Dann ist die Schablone schon bereitgestellt, in die alles passt, was nach der Geburt nicht passt – alle Missverständnisse, Verletzungen, Frustrationen bestätigen und verstärken den Mechanismus der Selbstabwertung und Selbstsabotage.



Auswege aus der Selbstverstörung


Wir können grundsätzlich zwei Wege (Methoden) unterscheiden, die uns aus den Mustern der Selbstabwertung befreien. Der eine geht zurück auf die Wurzeln und Ursprünge der dysfunktionalen Gewohnheiten und arbeitet die darin gespeicherten Wunden auf. Der andere bezieht sich auf die Ressourcen, die sich in jedem Leben, so verpatzt es auch erscheinen mag, auffinden lassen. Mit ihrer Hilfe werden neue Gewohnheiten aufgebaut, die der Selbstbestärkung und Selbstbestimmung dienen.

Wirklichen Erfolg im Sinn der nachhaltigen Befreiung von den Mechanismen der Selbstschädigung werden wir nur haben, wenn wir die beiden Wege immer wieder miteinander verschränken: die Ressourcen zu nutzen, um die Verletzungen in der Geschichte zu heilen, und die dadurch freigesetzten Kräfte und Energien für die Stärkung einer selbstbestimmten Lebensorientierung einzusetzen.


Vgl. Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit