Posts mit dem Label Leistungsgesellschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Leistungsgesellschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 7. Oktober 2022

Das Hamsterrad des Erfolgsstrebens

Wir alle haben die Prinzipien der Leistungsgesellschaft verinnerlicht, von klein auf und gründlich. Sie sind uns wie eine zweite Natur geworden, die von Schamgrenzen bewacht wird. Denn wenn wir dagegen verstoßen, fühlen wir uns nicht wohl in unserer Haut, und das ist das Schamgefühl. Ein wichtiger Teil dieser Prinzipien besteht darin, dass der Wert der Menschen nach den Erfolgen bemessen wird, die sie im Rahmen dieser Gesellschaft und ihrer Normen erwerben. Das beginnt spätestens mit dem Schuleintritt, ab dem Noten darüber Auskunft geben, wie erfolgreich jemand ist, also inwieweit die vorgegebenen Leistungskriterien erfüllt werden.

Ab nun heißt die Devise: Erfolg ist gefordert, wer keinen Erfolg aufweisen kann, muss sich schämen. Auch jemand, der sich nicht um Erfolg bemüht, wird abschätzig oder verächtlich betrachtet. Wer nach Erfolg strebt, aber scheitert, wird zwar von der Scham angetrieben, aber verfällt beim Scheitern einer doppelten Schambelastung: Er hat nicht geschafft, was er sich vorgenommen hat, und er hat sich schon in seinen Vorsätzen übernommen und muss sich auch dafür schämen. Scheiternder Ehrgeiz ist demnach ebenso Anlass für Scham wie ein Mangel daran.

Wir haben in unserer Gesellschaft die Konzepte der Leistungsgesellschaft in unser Ich-Ideal eingebaut, und sie wirken so, dass sie immer wieder Druck ausüben und uns antreiben, deshalb kann man diesen Teil auch den inneren Antreiber nennen. Er erzeugt Stress. 

Bei den meisten Menschen heißt Erfolg, etwas zu schaffen, was die anderen bestaunen und bewundern. Es geht um Lob und Anerkennung und damit um die Bestätigung, dazuzugehören und einen sicheren Platz in der Gemeinschaft zu haben, der durch das Einhalten der Prinzipien der Leistungsgesellschaft gewährleistet ist. Damit kann die Scham in Schach gehalten werden.

Das Erfolgsstreben ist also von den Erwartungen der anderen getrieben und nicht vom eigenen Inneren. Manche Leute erkennen diese Außenorientierung irgendwann in ihrem Leben wie eine Fremdsteuerung und geben dann ihren Beruf auf, den sie aus diesem Antrieb gewählt haben, aber nicht mögen, und suchen sich eine Beschäftigung, die mehr ihren Leidenschaften und Visionen entspricht. 

Der Zwang zur Selbstoptimierung

Der bekannte französische Psychoanalytiker und Theoretiker Jacques Lacan hat vom Zwang zur ständigen Selbstoptimierung gesprochen, der die moderne Gesellschaft kennzeichne. Der Glaube an unserer Freiheit ist nur eingebildet, weil uns der Zwang zum andauernden Entsprechen der Erwartungen selbstverständlich geworden ist. Dass die Scham vor dem Nicht-Entsprechen im Hintergrund die Triebkraft ist, fällt uns nicht mehr auf. Auf diese Weise spielen wir mit in einem Spiel, dessen Regeln uns nicht bekannt ist, ebenso wie sein hintergründiger Zweck. Wir wissen zwar, was wir gewinnen können, das Objekt unseres Erfolgsstrebens (oder Begehrens im Sinn von Lacan). Es ist uns aber nicht bewusst, warum wir gerade dieses Objekt anstreben und nicht ein anderes, bzw. verfügen wir nur über Scheinrationalisierungen und Scheinbegründungen.

Michel Foucault hat darüber hinaus darauf hingewiesen, dass sich die Machtmechanismen, die unterschwellig im Erfolgsstreben und in all den anderen Strebungen zur Selbstoptimierung stecken, in unsere Körper eingeprägt haben. Auf diese Weise kontrollieren wir uns beständig selber, ob wir Normen entsprechen, deren Geltung wir ungefragt hinnehmen. Wir enttäuschen also im Fall unseres Scheiterns nicht mehr nur die gesellschaftlichen Vorgaben, sondern das, was wir als die eigenen Ansprüche an uns selbst wahrnehmen. 

Das isolierte Erwachsensein

Es kommt ein weiterer Aspekt dazu, den ich das isolierte Erwachsensein nennen möchte. Mit diesem Begriff ist gemeint, dass diese Leistungs- und Optimierungsgesellschaft fordert, das Kindliche gänzlich hinter sich zu lassen. Es ist ein Spiel der rational agierenden und angetriebenen Erwachsenen, die von sich alles abverlangen, um zu entsprechen und um Anerkennung zu bekommen. Es ist ein Spiel, das der Vermeidung von Beschämung dient. Aus diesem Spiel ausgeschlossen ist alles, was mit Schwäche und Bedürftigkeit verbunden ist, aber auch alles, was als Lebensfreude, Spontaneität und Neugier erlebt wird. All diese Anteile des Menschlichen gelten als kindisch und werden mit Scham belegt. Jede Erkrankung, jeder Unfall, alles, was an der Produktivität und am Erfolgsstreben behindert, sollte nicht sein und weist auf einen persönlichen Makel hin, auf einen Mangel an erwachsener Kompetenz, die allein Anerkennung verdient. Verdammt zum Erfolgreichsein, vollzieht sich dieses Sich-Abschneiden von den kindlichen Anteilen, die verleugnet und innerlich abgewertet werden müssen. Sie melden sich zwar immer wieder in Anspannungen, Selbstzweifeln und Unsicherheiten, müssen aber tunlichst unbewusst bleiben, um die mit ihnen verknüpfte Scham nicht spüren zu müssen.

Heldentum und Ehre

Interessant in diesem Zusammenhang ist das Aufgreifen der Motive aus der hierarchischen Gesellschaftsform, also Ideale des Mittelalters, die immer noch weiterwirken und nun den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft dienen. Es sind die Ideale des Heros und der Ehre. Wer Erfolg hat, darf sich als Held fühlen und im Stolz baden. Sie hat Großes vollbracht und verdient Anerkennung. Die Ehre ist ihr gewiss. Allerdings nur solange, solange die Strähne des Erfolgs anhält. Bricht sie ab, ist es vorbei mit der Ehre und mit dem Heldenstatus. Jede Heldenposition hat ihr Ablaufdatum. Alle Helden der Körperbeherrschung, alle Sportler kommen irgendwann in ein Alter, in dem sie nur noch vom Ruhm der Vergangenheit zehren können. Manchen gelingt es, eine neue Erfolgsschiene aufzutun, andere bleiben auf dem Status der vergangenen Ehre. 

Selbstausbeutung und Naturzerstörung

Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, immer schneller, und das bedeutet, dass sich die Erfolgskriterien laufend verschieben und verändern. Was noch vor einem Jahr eine heldenhafte Errungenschaft dargestellt hat, ist nun schon langweilig und selbstverständlich. Am Laufenden zu sein, ist zum Zwang und zur Überlebensmaxime in der Erfolgsgesellschaft geworden und sorgt für ein andauerndes Hinterherlaufen, ohne Verschnaufpause. 

Eine Gesellschaft, in der das Kindliche keinen Platz in der Erwachsenenwelt hat, hat sich dem permanenten Stress verschrieben. Stress ist Ressourcenverbrauch ohne Ressourcenaufbau. Unschwer ist zu erkennen, dass die Art und Weise, wie die Individuen gelernt haben, sich selbst auszubeuten, genau diejenige ist, mit der die Natur und damit die Lebensgrundlage jeder Gesellschaft ausgebeutet wird.

Zum Weiterlesen:
Das Kind in uns
Der Raub des Selbst
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Muße als Lebenskunst
Leistung - was ist denn das?
Wozu brauchen wir Erfolge?
Funktions- und Flussmodus


Donnerstag, 15. Februar 2018

Über Schwäche und Bedürftigkeit

Hilflos und abhängig von Zuwendung kommen wir in diese Welt, unser Überleben hängt davon ab, dass sich andere um uns und unsere Bedürfnisse kümmern. Alles, was wir mitbringen, um die Menschen um uns zu motivieren, dass sie für uns sorgen, ist unser unschuldiger Charme und unsere Verzweiflung im Schreien. In dieser grundlegenden Bedürftigkeit sind wir auch enorm verletzlich und fühlen uns im Vergleich zu den Erwachsenen um uns herum ohnmächtig und schwach.

Der Kontrast: Als Standard in unserer Gesellschaft gilt, stark sein zu müssen und keine Schwächen zu zeigen. Um eine Stellung in dieser Gesellschaft zu erlangen, sollen wir also die eigenen Schwächen verdrängen und die Stärken zur Schau stellen. Das ist das Ziel der Erziehung, darin sehen die Erwachsenen ihre Pflicht und Aufgabe, wenn ein hilfloses und bedürftiges Wesen in die Welt kommt: Wie kann es möglichst rasch zu einem unverwundbaren und fähigen Mitglied der Leistungsgesellschaft werden?



Die Diktate der Leistungsgesellschaft


Denn Leistung und Effizienz sind gefragt und gefordert, damit das erwachsene Überleben gesichert werden kann. Folglich arbeiten nicht wenige Menschen buchstäblich bis zum Umfallen und überspielen ihre Krankheiten, bis irgendwann der Körper nicht mehr kann. Den Starken gehört die Welt, die Schwachen müssen sich mit dem zufrieden geben, was übrigbleibt. Stärke heißt dabei, über die Grenzen der eigenen Belastbarkeit hinaus Leistungen erbringen zu können.

Dazu kommt, dass sich die Starken das Recht geben, die Schwachen zu verachten. Bedürftigkeit gilt als Makel, als moralischer Mangel. Wer so viel leistet, verdient nicht nur einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, sondern es steht ihm auch eine moralische Überlegenheit zu, eine Position, von der aus er auf die, die es nicht geschafft haben, herunterschauen kann.

Rechtspopulistische Politiker bedienen mit Erfolg genau dieses Muster. Sie schüren den Neid auf die Schwachen und fördern die Überheblichkeit der Erfolgreichen. An der Macht, sobalsd sie es also selbst geschafft haben, verteilen sie von unten nach oben, von den ganz Armen und Wenigerbemittelten zu den oberen Mittelschichten, mit ausgewählten Zuckerl und Steuerverschonungen für die „besonders Tüchtigen“, die Reichen und Superreichen.

Wer den Standard der Leistungsfähigkeit nicht schafft, ist selber schuld und soll nicht mehr als eine möglichst geringe „Mindestsicherung“ kriegen, die gerade das Existenzminimum abdeckt. Damit wird die Angst vor dem Abstieg in die Schwäche permanent aktiviert und in den Strebsamen der Leistungsgesellschaft chronifiziert. Die Verachtung des Schwachen rechtfertigt scheinbar den inneren Stress.



Zur Entwicklung der Ideologie der Schwächeverachtung


Als Vordenker dieser Ideologie kann Friedrich Nietzsche gelten. Er schrieb: „Die Schwachen und Missratnen sollen zu Grunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Der Antichrist, 1. Buch 2.). [Bekannt ist auch das allerdings oft missverstandene und für diesen Zusammenhang nicht brauchbare Zitat: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen!“ (Also sprach Zarathustra, Kap. 67, 20)] Nietzsche hat seine Polemik gegen die Mitleidsethik und gegen das Mitgefühl des Christentums gerichtet und damit ein Tabu gebrochen, denn bei Paulus steht: „Was schwach ist vor der Welt, hat Gott erwählt.“ (1 Kor 1,27). Der ungebrochene Wille zur Macht als Kennzeichen des Nietzsche’schen Übermenschen muss alle Hindernisse beseitigen, die eigenen im Inneren und die im Außen, die sein Machtstreben behindern könnten.

Die Nationalsozialisten haben diese Konstrukte aufgegriffen und in ihrem Sinn ideologisiert. Es wurden Bevölkerungsgruppen definiert, die aus ihrer genetisch veranlagten Schwäche und Bosheit die Stärkeren ausnutzen, indem sie als Parasiten, also als biologisches Ungeziefer agieren, und die deshalb unterdrückt oder vernichtet werden müssen. Den Übermenschen, die auch genetisch festgelegt sind, stehen die Untermenschen gegenüber, die ausgebeutet und beherrscht werden dürfen und müssen, da sie sonst das Überleben der Starken gefährden.



Die Aggression gegen die Schwachen


Der Kampf gegen die vermeintlichen Parasiten, die für die Schwächen der Starken verantwortlich gemacht wurden, hat bekanntlich Millionen an Menschenleben gefordert und eine Furche von Grausamkeit und Unmenschlichkeit durch das 20. Jahrhundert gezogen. Am Ende waren die arischen „Übermenschen“ besiegt und ihr Land in Trümmern, doch die Ideologie wurde weiter am Leben erhalten. Denn ihre Ursachen liegen nicht in den äußeren Umständen der Geschichte, sondern im Inneren, in der seit unseren Anfängen grundgelegten Angst, die mit unserer Bedürftigkeit verbunden ist.

Woher kommt also die Aggression gegen die Schwäche, woher kommt der Impuls, alles Schwäche zu schwächen und letztlich zu vernichten? Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Warum wollen so viele, dass die Mindestsicherung für die Schwächsten der Gesellschaft gekürzt wird, obwohl dabei höchstens Millionenbeträge eingespart werden können, während für Prestigeprojekte und Bankensanierungen in Milliarden gerechnet wird? Warum fällt es so leicht, das eigene soziale Gewissen zum Stillschweigen zu bringen, wenn es um einkommens-, leistungs- und erfolgsschwache Menschen geht?

Die Verachtung erstreckt sich zusätzlich auf die Helfer der Schwächeren. Sie sind ebenfalls Schwächlinge, weil sie das Schwache erhalten, statt es zu bekämpfen und zu beseitigen. Sie handeln nur aus einer eigenen inneren Schwäche. Ihre Hilfe kompensiert nur ihre eigenen Minderwertigkeitskomplexe. Außerdem wollen sie die Gutmenschen sein, indem sie aber nur an die Schuldgefühle der anderen appellieren. Sie verachten also in ihrem blinden Agieren die Verächter der Schwachen, indem sie sich als die moralisch Besseren darstellen.

So wie wir Menschen sind, mischen sich in jedes Handeln, in jede Motivation und Wertsetzung unbewusste Anteile hinein. Wie wir alle, sind auch die „Gutmenschen“ gut darin beraten, ihre eigenen inneren Anteile zu erforschen und zu überprüfen, ob ihre Aktionen aus bedingungsloser Selbstlosigkeit entspringen oder ob sie auch andere innere Antriebe bedienen, die weniger altruistisch sind. Es wäre auch keine Schande, die Egoismen im Altruismus zu enthüllen – die Patina des makellosen Gutmenschen zieht naturgemäß das Misstrauen der weniger Perfekten auf sich.

Es könnte nämlich sein, dass die Helfer die Opfer in ihrem Opfersein unterstützen, statt dafür zu sorgen, dass sie stark werden. Viele Schwache nutzen ihre Schwäche, um Hilfe und Zuwendung zu bekommen, statt sich selbst zu helfen. Darauf zielt der Doppelsinn in dem obigen Zitat von Nietzsche, als Appell an die Schwachen, an die eigene Kraft zu glauben, und als Warnung an die Helfer, die Falle der schwächenden Hilfestellung zu erkennen und zu vermeiden.



Die Selbstverachtung


Die Verachtung für das Schwache stammt aus einer angstgeschürten Verachtung für die eigene Schwäche und Bedürftigkeit. Wir kommen alle als schwache Wesen auf diese Welt, unser Überleben hängt ab vom Wohlwollen unserer Umgebung. Wenn sie uns in unserer Bedürftigkeit annimmt, dann schaffen wir es, sonst ist es zu Ende mit uns. Wir brauchen die bedingungslose Liebe und das bedingungslose Dienen von Menschen, die uns in unserer Hilflosigkeit annehmen. Auf dieser Basis lernen wir, dass Schwäche keine Überlebensgefahr bedeutet, sondern dass uns andere in diesem Zustand helfen können.

Haben wir jedoch diese Hilfe nur in bedingter und begrenzter Form erhalten, wird jede Form von Bedürftigkeit mit Angst verbunden: Ich muss für mich selber sorgen können, alles andere ist nicht in meiner Kontrolle und verunsichert mich. Ich muss mich mit eigener Kraft nach allen Seiten hin absichern, indem ich beständig meine Leistung erbringe und Erfolge erziele. Doch es kann nie genug sein, es gibt keinen Punkt, von dem an ich mich endlich zurücklehnen könnte, um mich sicher zu fühlen. Die übermäßige Leistung kompensiert den Mangel an innerer Sicherheit, der aus der Bedingtheit kommt, in der die ursprüngliche Bedürftigkeit angenommen wurde.

Wer andere verachtet, verachtet sich selbst, in genau dem Aspekt, den er bei der anderen Person abwertet. Er schneidet sich ab von sich selbst, indem er seine eigene Schwäche nach außen projiziert und dort mittels Verächtlichmachung bekämpfen will.



Grenzen respektieren


Wir kennen alle die Schwäche, die Hilflosigkeit, die Bedürftigkeit. Sie steht am Anfang unserer Existenz, sie begleitet uns durch unser Leben, und sie wird uns am Ende auch wieder einholen. Es führt uns nur weg von uns selbst, wenn wir sie zwanghaft überspielen, übervorteilen, übertrumpfen wollen. Unser Körper hat Grenzen in seiner Leistungsfähigkeit, und wenn wir nicht lernen, diese zu erkennen und zu respektieren, bringen wir uns schneller an unser Ende als wir es hoffen.

Deshalb sollten wir uns darin üben, mit unseren Grenzen konstruktiv umzugehen und sie nur in Ausnahmefällen zu überdehnen, damit wir immer wieder in ein inneres Gleichgewicht kommen. Dazu müssen wir das Leistungsmotiv, das uns eingepflanzt wurde, zügeln, indem wir das Schwache und Fehlerhafte, das wir alle in uns haben, das Versagen, die Unvollkommenheit in uns selber annehmen, umarmen und halten.

In der sozialen Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, kann die Übung in der folgenden Erkenntnis bestehen: Im schwachen Anderen begegne ich mir in meiner eigenen Schwäche und anerkenne sie. Ich erlaube mir dabei, zugleich meine Stärke spüren und auch die Stärke in der anderen Person anzuerkennen.

Dann kann ich entspannen, wenn ich bedürftigen Menschen im Außen begegne, statt auf sie aggressiv zu reagieren. Dann kann ich es begrüßen, wenn es in einer Stadt Bettler gibt, statt zu fordern, dass sie von den Straßen verbannt werden, damit ich die inneren Konflikte verdrängen kann, die mit dem Thema verbunden sind. Dann setze ich mich dafür ein, dass alle in der Gesellschaft ein menschenwürdiges Leben führen können, die oben und die unten, und auch alle dazwischen.


Zum Weiterlesen:
Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen

Dienstag, 9. Juli 2013

Leistung - was ist denn das?

Der Begriff der Leistung spielt eine wichtige Rolle in vielen Diskussionen und politischen Programmen. Bestimmte Parteien ernennen sich zu Interessensvertreter für die Leistungsträger oder zumindest für die "Anständigen und Tüchtigen". Dabei wird unterstellt, dass wir so genau wüssten, was überhaupt mit Leistung gemeint ist.

Aus der Physik wissen wir, dass Leistung die in einer bestimmten Zeit umgesetzte Energie ist. Je mehr und je schneller umgesetzt wird, desto höher ist die Leistung.

Grundsätzlich bringen wir Menschen, "die etwas leisten", Wertschätzung und Achtung entgegen, während wir "Leistungsverweigerern" mit Misstrauen und Abwertung begegnen. Wer etwas leistet, erweist sich als nützliches Mitglied der Gemeinschaft, wer nichts beträgt, soll auch nicht dazugehören. Deshalb wird der schon von Paulus formulierte Spruch:"Wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen", auch unter Stalin und Hitler propagiert. In "Mein Kampf" steht zu lesen: "Nur dem Starken, dem Fleißigen und dem Mutigen gebührt ein Sitz hienieden."

Die Leistungsträger hier, die Trittbrettfahrer dort - allzu vereinfacht ist die Sichtweise, und deshalb gut für die politische Propaganda geeignet. Denn jedes Tun liefert in einem allgemeinen Sinn eine Leistung, das Ergebnis der betreffenden Aktivität. Nur gelten bestimmte Leistung viel und andere nichts.

Stellen wir uns einen notorischen Faulenzer vor, der den lieben langen Tag im Bett verbringt. Er erbringt keinen sinnvollen und verwertbaren Output. Doch wissen wir nicht, was eines Tages aus diesem nichtsnutzigen Dasein entsteht, vielleicht eine bahnbrechende Idee oder ein unbändiger Fleiß. Wir wissen auch nicht, was dazu geführt hat, dass er seine Zeit lieber im Bett als im Arbeitszimmer verbringt. Vielleicht hat er ein Zuviel an Enttäuschungen, Zurückweisungen oder Misserfolgen erleben müssen, vielleicht haben ihm schwer belastende Erfahrungen die Motivationskraft beschnitten. Wenn wir annehmen, dass jede Form, wie Menschen ihr Dasein leben, einen Sinn macht und zum Ganzen einer Gesellschaft beiträgt, dann verlieren wir die Scheinsicherheit, mit der wir Menschen nach ihren Leistungen beurteilen.

Wir sind ja gewohnt, allzu schnell Maßstäbe anzulegen, die wir nicht auf ihre Herkunft überprüfen und die dem, was sie messen sollen, nicht angemessen sind. Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen in jeder Situation das Beste tun, was ihnen in diesem Moment möglich ist, verliert der Leistungsbegriff seine unterscheidende Schärfe. Wir können niemanden mehr aus der "Leistungsgesellschaft" ausschließen, sondern müssen anerkennen, dass jedes und alles, was geschieht, zu den Leistungen und damit zum Gesamtzustand einer Gemeinschaft beiträgt.

Jeder Mensch möchte eine Leistung erbringen, für sich selbst und für die anderen Menschen, außer er ist schwer krank oder innerlich völlig blockiert. Behinderte Menschen möchten nicht bemitleidet werden, sondern einen Beitrag leisten und dafür anerkannt werden. Wer unfähig ist, etwas beizutragen, leidet daran, dass es so ist, und hofft auf Besserung.



Die Angst der Fleißigen vor den Faulen


Wer sich als arbeitsam und fleißig einschätzt, kommt leicht in die (auch von manchen Politikern geschürte) Verurteilung der "Faulen". Benachteilungen und Ungerechtigkeiten, denen sich ein "Fleißiger" ausgesetzt fühlt, werden gerne in eine Ablehnung und Verurteilung jener, die als faul eingeschätzt werden, kanalisiert. Dahinter steckt die Angst der Fleißigen, dass sie von den Faulen um die Früchte ihrer Anstrengungen gebracht werden. Mancher, der viel arbeitet und viel verdient, bekommt den Eindruck, dass das, was er an Steuern zahlen muss, vom Ertrag seiner Leistungen weggenommen wird und in den gierigen Bäuchen der Bequemen und Faulen landet.

Der Fleißige kann sich von der Angst befreien, wenn er sich vor Augen führt, dass der Faule jemand ist, der durch widrige Umstände daran gehindert ist - diese Hindernisse können innerlich oder äußerlich sein -, selber Leistungen zu erbringen. Er, der Fleißige dagegen, befindet sich in einer privilegierten Position, weil das, was er tut, gesellschaftliche Anerkennung und materiellen Erfolg bringt. So scheint es nur recht und billig, dass von diesem Ertrag, den das gesellschaftliche Ganze dem Einzelnen als Gewinn oder Einkommen gewährt, ein Teil wieder an dieses Ganze zurückfließt. 


Die Angst der Faulen vor den Fleißigen


Die Leistungsminimierer hingegen spüren die Abwertung und Verachtung durch die Maximierer. Auf solche Einstellungen reagieren wir entweder mit Trotz ("Die können mich mal!") oder mit Resignation ("Ich schaffe das einfach nicht"). Beide Reaktionsformen sind Selbstblockierungen, die das Problem und die Spannung nur verstärken. Die Auswege aus der Falle der erlernten Hilflosigkeit ist das Erkennen der eigenen Leistungen, Talente und Fähigkeiten. Der erweiterte Blick darauf, dass die Gesellschaft jede Form des Tuns und Beitragens braucht und hoffentlich irgendwo und irgendwann auch schätzen kann, wird helfen, die Blockierungen aufzulösen und den Maximierern den Wind aus den Segeln zu nehmen.


"Wichtige" und "unwichtige" Leistungen


Erst recht unklar wird die Sache, wenn wir uns fragen, was wichtige und was unwichtige Leistungen sind. Der Generaldirektor einer Firma leistet scheinbar wichtigere Arbeit als seine Putzfrau. Vom Erfolg seiner Arbeit können viele Arbeitsplätze abhängig sein, während die Reinigung seines Arbeitsraums kaum von jemandem bemerkt wird und das Geleistete am nächsten Tag schon wieder verschwunden ist. Dennoch tut und leistet der Generaldirektor das Seine und die Putzfrau das Ihre, mal besser und mal schlechter, immer mit dem Einsatz von Energien. Beides ist notwendig, und der Unterschied in der Bedeutung ist nur graduell und abhängig von der Sichtweise und Bewertung dessen, was als wichtig erachtet wird. Es gibt Leistungen, die mehr Folgewirkungen haben als andere, aber das betrifft nicht die Leistung selber. Als Mensch verdient die Putzfrau die gleiche Achtung für ihre Leistung als der Generaldirektor für seine, ob sie diese nun in der Realität auch bekommt oder nicht.


Leistung und Anstrengung


Wir neigen dazu, den Begriff der Leistung mit dem der Anstrengung zu verbinden oder zu verwechseln. Je mehr Schweiß fließt, desto mehr wurde geleistet. Da haben wir das Bild von Stachanow vor uns, dem Rekord-Kohleschaufler und Vorzeigeleistungsträger der stalinistischen Sowjetunion. Die Arbeitsleistung sollte messbar sein in der Menge von Kohlen, die von A nach B geschaufelt werden. Leistung muss mühsam sein. Nur wer sich (oder einen inneren Schweinehund) überwindet, gehört zu den Leistungsträgern.

Ist es überhaupt noch eine Leistung, wenn einem die Arbeit leicht und schnell von der Hand geht, oder gar, wenn sie Spaß macht? Hat sich Mozart angestrengt, wenn er in einer Nacht die Partitur einer Oper fertiggestellt hat? Hat sich Picasso abgemüht, wenn er täglich bis ins hohe Alter ein paar Bilder gemalt hat?

Sicher braucht jeder Künstler Kraft und Energie, um seine Werke zu erschaffen, und neben den kreativen Arbeitsphasen gibt es Zeiten des mühseligen Arbeitens, wie das Lesen von Korrekturfahnen bei einem Schriftsteller oder das Ausbessern von winzigen Ungenauigkeiten bei einer digitalen Komposition.

Offenbar legen wir bei der künstlerischen Leistung einen anderen Maßstab an: Wir sehen dabei das Entscheidende nicht im Ausmaß an investierter Arbeitskraft , sondern in der Qualität des Ergebnisses. Notwendig ist jedoch beides, die Inspiration und die Transpiration.


Leistung und Bewusstseinsstufen


Wir können unseren Blick auf den Leistungsbegriff differenzieren, wenn wir ihn auf das Modell der Bewusstseinsevolution beziehen. Jede Bewusstseinsstufe hat ihren eigenen Leistungsbegriff, das also, was eine bestimmte Bewusstseinsstufe als Leistung versteht und anerkennt.

Die tribale Stufe:
Jedes Mitglied eines Stammes trägt nach den jeweiligen individuellen Möglichkeiten zur Sicherheit des Überlebens der Gemeinschaft bei. Nichtsnutze gibt es nicht, weil die einzelnen Stammesangehörigen gar keine andere Möglichkeit sehen, als in ihrem Rahmen mitzutun. Es ist weniger die Kontrolle, die durch die Überschaubarkeit innerhalb der Gruppe ermöglicht ist, die jedem zu Leistungen motiviert. Vielmehr folgt es aus der Kraft der Zusammengehörigkeit, dass jeder grundsätzlich gerne und mit Freude seinen Beitrag zum Ganzen der Gruppe einbringt. Es ist die Kraft des Selbstverständlichen, die hier wirksam ist.

Die emanzipatorische Stufe:
Leistung gilt hier als das Besondere, über das normale Maß Hinausreichende. Es wird nur das als Leistung anerkannt, was einen gewohnten Rahmen überschreitet, was sich als Verbesserung zu etwas schon Bestehendem herausstellt und was neue Perspektiven eröffnet. Es werden z.B. in dieser Phase erstmals körperliche Leistungen gemessen und verglichen, wie bei den antiken olympischen Spielen. Die dort erbrachten Leistungen wurden lebenslang geachtet und geehrt. Aus dieser Stufe stammt die Wertung von Leistungen: Das Besondere wird hochgeschätzt, das Einfache wird abgewertet und verachtet.

Die hierarchische Stufe:
Typisch für diese Stufe ist das Vorschreiben von Leistungen. Es werden Arbeitsnormen und -regeln definiert, die jeder zu erbringen hat, erzwungen durch Sanktionen. Hier wird das Ausmaß an Zugehörigkeit zur Gesellschaft von der Erfüllung der angeordneten Leistungen festgelegt. Wer nichts oder zu wenig leistet, wird ausgegrenzt und fällt aus dem Maschennetz der Gesellschaft heraus. Zugehörigkeit und damit Lebenserhaltung muss mit Leistung erworben werden. Im Schweiße des Angesichts muss das Brot verdient werden, sonst droht das Verhungern.

Die materialistische Stufe:
Leistung ist, was am Markt erfolgreich ist. Wer sich noch so abrackert und kein Geld damit machen kann, hat Pech gehabt oder ist zu blöd. Der Markt übernimmt die Einordnung der Individuen: je besser sie am Markt reüssieren, desto besser ihre Einstufung und ihre Zuteilung von Lebenschancen Das Leistungsprinzip wird erfunden: Leistung definiert den Menschen, und diese wiederum wird vom Gott des Kapitalismus, dem Markt, definiert. Damit wird die ganze Gesellschaft vom Leistungsdenken überformt, von der Wiege bis zur Bahre.

Die personalistische Stufe:
Leistung zeichnet sich durch die Qualität des Ergebnisses aus. Leistung ist etwas, das die Individualität eines Menschen in einer inspirierenden Weise zum Ausdruck bringt. In dieser Phase werden besonders die künstlerischen Leistungen besonders gewürdigt und hoch angesehen. Es wird vorausgesetzt, dass die "einfachen" Leistungen von den "einfachen" Menschen erbracht werden, während nur die "besonderen" Menschen die "besonderen" Leistungen genießen können.

Die systemische Stufe:
Die Leistungen der Menschen werden im Netz des Ganzen einer Gesellschaft gesehen und als Dienst am Ganzen verstanden. Im systemischen Verständnis wird das Geben äquivalent mit dem Nehmen. Das System der Entlohnungen für Leistungen wird als dynamisch und flexibel angesehen, das sich mit der Dynamik der Gesellschaft weiterentwickelt mit einer Tendenz zur zunehmenden Konvergenz von hohen und niedrigen Einkommen. Es gibt keine absoluten Wertzumessungen für "wichtigere" und "unwichtigere" Leistungen mehr.

Die holistische Stufe:
Wie vieles andere, verliert der Begriff der Leistung auf dieser Stufe seine Kraft. Es ist nicht mehr wichtig, zu leisten, sondern im eigenen Tun zu sein. Alles und jedes, was getan wird, gilt als Leistung oder auch nicht. Das Tun entspringt aus der inneren Mitte und braucht keinen äußeren Maßstab. Es trägt die Anerkennung und Wertschätzung in sich, wie sie auch leicht und offenherzig zwischen den Menschen fließt. Es gehört zum Wesen des Menschen, Leistungen zu erbringen und anderen von Nutzen sein zu wollen.

Vgl. Lotterie und Leistung
Vgl. Die Einatem-Gesellschaft
Vgl. Die Großen und die Kleinen