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Dienstag, 29. August 2017

Quantentheorie und die unsterbliche Seele

Zwei Theoretiker, der Arzt und Psychologe Dr. Stuart Hameroff und der Mathematiker Sir Roger Penrose behaupten seit 20 Jahren, Quantenvorgänge in kleinen Strukturen von Nervenzellen aufgefunden haben, und leiten daraus ein Erklärungsmodell für das Weiterleben der Seele nach dem Tod eines Menschen ab.

Sie nennen ihre Theorie „Orchestrated objective reduction (Orch-OR)“ und stellen sie auch in dem Film „What the bleep do we know?“ vor. Hameroff argumentiert in einem anderen Video: „Angenommen, das Herz hört zu schlagen auf, das Blut fließt nicht mehr; die Mikrotubuli verlieren ihren Quantenzustand. Die Quanteninformation in den Mikrotubuli ist nicht zerstört, sie kann nicht zerstört sein, und sie verteilt sich nur im größeren Universum, und löst sich dort auf. Wenn ein Patient wiederbelebt wird, kann die Information in die Mikrotubuli zurückkehren, und der Patient sagt: ‚Ich hatte eine Nahtoderfahrung.‘ Wenn es zu keiner Wiederbelebung kommt, ist es möglich, dass diese Quanteninformation außerhalb des Körpers weiterbestehen kann, vielleicht unendlich, als Seele.“

Diese Bemerkung wird gerne in diversen Seiten (z.B. hier) zitiert, wenn es darum gehen soll, „einen wissenschaftlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele“ vorzuweisen. Das obige Zitat allein sollte allerdings jedem unbefangenen Leser sofort vor Augen führen, dass es sich bei den Extrapolationen der Orch-OR-Theorie nicht um wissenschaftliche Aussagen handeln kann, sondern um fantasievolle Spekulationen. Abgesehen von der hochspezialisierten Fachfrage, ob es in den Mikrotubuli der Gehirnzellen überhaupt Quanteninformationen gibt, und wenn, ob diese mehr als eine unglaublich winzige Zeiteinheit Bestand haben, was in der Fachwelt strittig ist, gibt es für die darüber hinaus reichenden Überlegungen keine Spur von wissenschaftlicher Grundlage.

Ist Wissenschaft drin, wenn Wissenschaft draufsteht?


Nach Hameroff wäre möglich, dass „vielleicht“ die Quanteninformation (falls es sie überhaupt gibt) unverändert im „größeren Universum“ (wo auch immer sich dieses befindet) bewahrt würde und dann in der alten oder auch in einer neuen Körperform (in den besagten Mikrotubuli) wieder Platz finden könne. Es wäre möglich oder auch nicht. Es gibt dazu keine wissenschaftlich validen Beobachtungen, keine Experimente oder Beweise, sondern angesprochen wird nur eine Denkmöglichkeit. Natürlich, das Denken ist in seinen Möglichkeiten unbeschränkt. Wissenschaft beginnt allerdings erst dort, wo Gedanken mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und nach allgemein anerkannten Regeln Übereinstimmungen untersucht werden. Wo es zu Gedanken keine relevanten Fakten gibt, gibt es auch keine Wissenschaft.

Gedanken können uns gefallen oder auch nicht, und wir können auf ihnen Weltbilder und Ideologien aufbauen. Wissenschaftlich untersuchte und validierte Gedanken geben uns die Sicherheit, dass wir nicht allein unseren inneren Spekulationszirkeln ausgeliefert sind, in denen sich Gedanken dauernd mit Bedürfnissen, Emotionen, Vorurteilen, Erfahrungen, Werten usw. vermengen, sondern dass wir damit Wissen generieren können, das uns eine verlässliche Orientierung in der Wirklichkeit erlaubt.

Zur Wissenschaft gehört es, dass auch die Grenzen des Wissbaren und Erklärbaren definiert werden. Wissenschaft muss sich mit der Wissenskritik auseinandersetzen, die die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Wissens überprüft und Aussagen dahingehend überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standards genügen oder nicht. Wir sprechen von Mogelpackungen, wenn auf einer Ware etwas anderes draufsteht als drinnen ist. Schreibt jemand „Wissenschaft“ auf etwas, wo keine Wissenschaft drin ist, wird auch gemogelt. Und da ist es wichtig, solche Täuschungen aufzuklären.

Die Orch-OR-Theorie, die der gesamten Argumentation zugrunde liegt, ist in wissenschaftlichen Kreisen äußerst umstritten, sowohl in Bezug auf die logisch-mathematischen Grundlagen wie auch in Hinblick auf die Neurobiologie der Nervenzellen. Zumindest hat sich die Theorie als fruchtbare Forschungshypothese präsentiert, an der seit über 20 Jahren geforscht wird, ohne dass ein Konsens über die Sinnhaftigkeit der Theorie bisher absehbar ist. Darum kann es hier nicht gehen, und wer sich für Details interessiert, kann ausführlichen den Links auf dieser Seite folgen.

Das Mysterium Tod


So gerne würden wir „mit Sicherheit“ wissen, wie es mit uns nach dem Tod weitergeht, und deshalb stürzen wir uns auf jede Theorie, die uns einen wissenschaftlichen Beweis verspricht, wie die Durstenden auf ein Glas Wasser, und verbreiten die frohe Botschaft, als hätten wir endlich den Stein der Weisen entdeckt. Allerdings, wie es bei näherer Betrachtung erscheint, geht es in diesem Zusammenhang eher ums Loslassen:

Sehr wahrscheinlich – und aus logischen Gründen – wird uns die Wissenschaft nie irgendeine Sicherheit über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, liefern können, mit oder ohne Quantentheorie. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir, wenn wir eines Tages sterben, kein Wissen haben, was danach passiert. Wenn wir von Wien nach München reisen, haben wir ein Wissen darüber, was uns in unserem Ankunftsort erwartet. Bei einem Gewitter verfügen wir über verlässliches Wissen, was sich dabei abspielt. Wenn es um den ganz anderen Übergang vom Leben in den Tod geht, verfügen wir über keinerlei Sicherheit, wie sie wissenschaftlich erstelltes Wissen bieten kann, über das, was danach geschehen wird. Wir können unseren persönlichen Glauben dazu bilden und pflegen, ohne dass uns dieser allerdings aus der fundamentalen Unsicherheit heraushelfen könnte.

Wie oben gesagt, braucht die Wissenschaft immer einen Bezug zum Faktischen. In Bezug auf den Tod gibt es Fakten: Beobachtungen und Messungen, die sich auf lebendige Organismen beziehen, und solche, die sich auf leblose beziehen. Es gibt verschiedene Angaben über den Zeitpunkt, ab welchem man von einem toten Organismus sprechen kann, und die Berichte über Nahtoderfahrungen und Wiederbelebungen zeigen, dass es in diesem Bereich große Abweichungen und individuelle Unterschiede geben kann. Wirklich relevant für die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod sind nicht Nah- oder Scheintoderfahrungen, wiederbelebte klinisch Tote oder vom Tod Erweckte. Denn in solchen Fällen kann immer argumentiert werden, dass der Tod noch nicht zur Gänze eingetreten ist und der Tod nur „nahe“ oder „dem Schein nach“ angeklopft hat, dass also der Sterbeprozess noch nicht voll abgeschlossen war, sondern dass noch Körperprozesse weiterbestanden haben, die dann die Wiederbelebung ermöglicht haben. Manche (bei weitem nicht alle) Menschen mit Nahtodeserfahrungen berichten z.B. von Tunnel- und Lichterfahrungen, die auch mit Restaktivitäten im Gehirn erklärt werden können, weil sie das Gehirn auch ohne Nahtodzustand erzeugen kann.

Selbst wenn wir über eine ausreichende Zahl an Berichten über Menschen verfügen würden, die über einen ausreichend langen Zeitraum nach allen Regeln der Kunst als tot (Herzstillstand, Gehirnstillstand, Stillstand von zellulären Aktivitäten) gelten und dann wieder lebendig werden, könnten diese Menschen nur darüber berichten, was sie während der Zeit ihres Todes sowie während ihres Zurückkommens erlebt haben. Sie könnten uns also zu einem Wissen über Tote mit Wiederbelebung verhelfen, aber nicht zu einem Wissen über Tote ohne diese Möglichkeit, die ja bei weitem die größte Zahl ausmachen und wir selber sowie alle Nah- und Scheintoten mit höchster Wahrscheinlichkeit irgendwann sein werden.

Denn wie sich der Tod anfühlt und was dann passiert, wenn es kein Zurückkommen gibt, entzieht sich der Berichtsmöglichkeit, weil eben der Tod dadurch definiert ist, dass in diesem Zustand nichts mehr berichtet werden kann. Sollte es also nach dem Tod noch eine Art von Subjektivität geben, eine Form der inneren Erfahrung, so gibt es, bisher zumindest, keine Form, wie diese Subjektivität zuverlässig kommuniziert werden könnte (vom „Tischerücken“ abgesehen), d.h. wir können auf keine Fakten zurückgreifen, die als Basis für verlässliches Wissen dienen könnten.

Das bisschen Wissen, das wir aus recht geringen Zahlen von „Nicht-wirklich-Toten“ gewonnen haben, gilt eben nur für diese Spezialfälle, und wenn wir allgemeine Schlüsse, die für die „Wirklich-Toten“ gelten sollen, ableiten wollen, haben wir dafür kein logisches Fundament. Wir spekulieren, d.h. wir entwickeln unüberprüfbare Hypothesen, und das tun Menschen seit Jahrtausenden, nicht aus dem Interesse heraus, wissenschaftliches Wissen zu erwerben, sondern aus dem Bedürfnis, die Todesangst als Angst vor einer großen Ungewissheit zu bewältigen. Wir entwickeln Glaubenssysteme, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, und allem Anschein nach wird es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben, der jemals diese Glaubensformen durch wissenschaftliches Wissen ersetzen könnte.

So wird weiterhin ein Großteil der Menschen annehmen, dass wir nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen, ein anderer Teil wird glauben, dass es Wiedergeburten in neuen Körpern gibt, und andere wiederum glauben, dass es kein Weiterleben gibt, sondern dass mit dem Tod „alles“ vorbei ist. Und wieder andere stellen die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Fragen zu stellen, auf die es keine sinnvollen Antworten gibt.

Samstag, 19. August 2017

Die Logik der Photonen und die Quantenwerbung



Phänomene, die in der Quantenphysik entdeckt werden konnten, dienen als Spekulationsanreger für alle möglichen Theorien über unsere Wirklichkeit. Sie regen unsere Fantasie an und beflügeln unsere Spekulation. Außerdem können sie dazu dienen, die Autorität, die die Physik in Bezug auf verlässliche Wirklichkeitsdeutung innehat, für andere Zwecke auszuborgen, u.a. dafür, um für Heilungsangebote im medizinischen oder psychologischen Bereich die eigenen Geschäftsideen mit „wissenschaftlicher“ Glaubwürdigkeit zu untermauern.

Die Quantenlogik


Die Physik musste zwei neue Prinzipien einführen, damit ein Erklärungsrahmen für die Quantenphänomene erschaffen werden konnte: das Komplementaritätsprinzip und das Prinzip der Nicht-Lokalität. Bei dem ersten Prinzip geht es um die Komplementarität von Welle und Korpuskel (Teilchen). Bei dem berühmten Doppelspaltexperiment  bilden Photonen, nachdem sie durch einen Doppelspalt „geschossen“ werden, wellenartige Muster. Diese Lichtquanten müssen also Teilchen- und Welleneigenschaften gleichermaßen aufweisen. Wir können ein Quant nur beschreiben, wenn wir ihnen beide Eigenschaften zuschreiben, die sich gegenseitig ausschließen. Die Wirklichkeit auf dieser Ebene kann damit nur mit einem Paradoxon beschrieben werden. Die Natur verstößt gegen die Regeln unserer Logik: Ein Ding kann nur durch zwei sich logisch widersprechende Beschreibungen erfasst werden.

Spätestens hier stellt sich die Frage, wer hier falsch liegt: die Logik oder die Natur? Der deutsche Philosoph Hegel, der sich dem Prinzip der dialektischen Logik verschrieben hatte, soll auf die Vorhaltung, dass es in der Wirklichkeit mehr Papageienarten gäbe als es der dialektischen Logik entspricht, geantwortet haben: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“

Wir sollten einen anderen Zugang wählen, und das hat die Physik auch nolens volens gemacht. Wenn die traditionelle Logik nicht ausreicht, um Phänomene zu beschreiben, die sich in der Natur beobachten lassen (zugegebenermaßen in Experimenten, die von Menschen mithilfe von Apparaten eingerichtet werden; andererseits zeigen aber die technischen Anwendungen der Quantenphysik, dass die Experimente natürliche Vorgänge dargestellt haben), muss der Rahmen der Logik erweitert werden. Dies ist durch die Einführung des Komplementaritätsprinzips geschehen.

Das zweite Prinzip, die Nicht-Lokalität oder Verschränkung, leitet sich aus der Tatsache ab, dass Quantenereignisse ohne Kausalität miteinander „kommunizieren“ können: Sie zeigen zusammenhängende Verhaltensweisen, ohne dass es eine Ursache-Wirkung-Beziehung geben kann. Damit ist eine weitere Voraussetzung der Logik und auch der Alltagserfahrung außer Kraft gesetzt: Wir können uns in der uns zugänglichen Wirklichkeit nur bewegen, wenn wir die Kausalbeziehungen zwischen Objekten beobachten und uns auf sie verlassen können. Wenn sich Eingangstüren wie verschränkte Quantenteilchen verhielten, wüssten wir nie, wie wir in ein Gebäude gelangen.

Die Grenzen der Logik sind nicht die Grenzen der Welt


Unsere Logik ist aus unserer Alltagswahrnehmung und unserer darauf gründenden Lebenspraxis abgeleitet. In ihr ist jeder Gegenstand eindeutig, und die Austauschbarkeit von Welle und Teilchen spielt keine Rolle. Wir arbeiten, kommunizieren und vergnügen uns nicht in der Welt der Photonen, und dafür reicht die Logik, die wir kennen. Eher ist es erstaunlich, dass diese Alltagslogik noch in der winzigen Welt der Moleküle und Atome brauchbar ist; dass sie irgendwo im Nano-Bereich (und vermutlich auch im Mega-Makro-Bereich) eine Grenze hat, weil unsere Wahrnehmungsorgane dafür keine Sensorien haben und unsere Handlungsmöglichkeiten viel zu grob sind, bräuchte uns eigentlich gar nicht zu verwundern. Wir finden das, was sich in diesen Bereichen messen lässt, nur deshalb spukhaft, weil wir arroganterweise davon ausgehen, dass die Art und Weise, wie wir in unserer kleinen Lebenswelt mit unseren dafür adaptierten Wahrnehmungsorganen hantieren, für jedes Phänomen im Universum Gültigkeit haben müsse. Wenn wir uns mit der Relativität zufrieden geben, die mit der unüberwindbaren Begrenztheit unserer Erkenntnis gegeben ist (um mit Kant zu sprechen: Mit der Unerkennbarkeit des Dings an sich), können wir die Irritation durch die Quantenphänomene durch ein Staunen ersetzen: Staunen darüber, was jenseits der Grenzen unserer Logik abläuft.

Quantenphysik, Psi-Phänomene und Esoterik


Die Quantenphysik ist in verschiedenen Richtungen der Esoterik sehr beliebt. In der Welt der Quanten zeigen sich Phänomene, die eigentümlicherweise an Erfahrungen erinnern, die in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oder in Meditationsreisen auftauchen können. Die klassische Physik kann diese Erscheinungen nicht erklären, deshalb brauchen wir eine neue Physik, eben die der Quanten, und dann haben wir gleich ein Erklärungsmodell für alle Sonderphänomene, die im esoterischen Rahmen auftauchen. Schnell wird der Schluss gezogen: Jetzt haben wir die wissenschaftliche Erklärung für die Wirklichkeit der Erfahrung und für die Wirksamkeit der Methoden, die zu diesen Erfahrungen führen. So kann man z.B. lesen: „Mit der Matrix Energie Quantenheilung tauchen wir ein in unbegrenzte Möglichkeiten. Denn wir können selbst entscheiden, was wir uns aus der Matrix, der universellen Energie herausholen.“ (Quelle) „Bei der Quantenheilung werden ursprüngliche Informationen über den Körper-Bauplan abgerufen und an den zu heilenden Körperteil übermittelt.“ (Quelle)

Die vereinfachende Argumentation besagt: Alles besteht letztlich aus Quanten, und weil Quanten nicht-lokale Verschränkungen aufweisen, müssen auch komplexere Formen wie menschliche Gehirne oder wie ganze Menschen über diese Möglichkeiten verfügen. Damit hätten wir eine physikalische Erklärung für Phänomene wie Gedankenübertragung, Hellseherei, Telepathie: Die Physik würde bestätigen, dass es solche Erscheinungen gibt wie es Sonnenfinsternisse oder Sternschnuppen gibt.
Von der anderen Seite wird dieser Enthusiasmus jedoch kaum geteilt. Im Gegenteil, die meisten Quantenphysiker sind äußerst skeptisch, was eine Übertragung ihrer Erkenntnisse von der Mini-Welt der Quanten auf die Makro-Welt von zwischenmenschlichen Interaktionen oder innerpsychischen Erlebnissen anbetrifft. Denn die  Quantenphänomene sind auf die Welt der kleinsten Teilchen beschränkt; in größeren und komplexeren Objekten verschwinden sie. Die Verschränkung ist gewissermaßen ansteckend: wenn ein paar verschränkte Quanten miteinander korrelieren, schließen sich andere an, bis schließlich in einem System alle mit allen verschränkt sind. Damit lassen sich verschränkte Systeme nicht mehr von unverschränkten Systemen unterscheiden, und der Effekt wird irrelevant. Die Physiker nennen diesen Vorgang „Dekohärenz“.

Zudem sollten wir beachten, dass die seltsamen Quanteneffekte, welche der klassischen Physik widersprechen und die von der Esoterik gerne als Beweis für alles Mögliche verwendet werden, grundsätzlich nicht beobachtet werden können. Im Moment einer "Beobachtung", also einer Messung, „verschwindet“ das Mysteriöse, und es gilt für Quantenphänomene beispielsweise wieder die klassische Logik. Diese Phänomene können nicht direkt beobachtet werden – es wurde noch nie etwas Derartiges mit unseren Sinnesorganen bzw. mit vorgeschalteten Apparaten beobachtet. Auf die „mysteriösen“ Quantenphänomene kann nur geschlossen werden: aufgrund vorgenommener Messungen und mathematischer Berechnungen scheint sich das Beobachtete allerdings nur erklären zu lassen, wenn im Bereich der Quantenphänomene andere Gesetze vorherrschen als im „klassischen“ Bereich.

Als Konsumenten sollte uns bewusst sein: Wenn jemand von Quantenpsychologie oder Quantenheilung spricht, so hat das nichts mit dem Wirklichkeitsbereich zu tun, in dem die Quantenphysik forscht. Angebote dieser Art beruhen also nicht, wie gerne behauptet wird, „auf modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen“ (z.B. Christa Wagner), sondern verwenden bloß ein werbekräftiges Wort, das aus der Physik entnommen wird, ohne dass es nachgewiesene Zusammenhänge zwischen der Welt der Photonen und dem Leiden und der Heilung von Menschen gibt. Methoden, die das Zauberwörtchen „Quanten-“ verwenden, können wirksam oder auch nicht sein; wer sich mit den Hintergründen befasst hat, wird sich allerdings leicht tun, den erhofften Glaubwürdigkeitsgewinn durch das physikalische Lehnwort wegzustreichen und die jeweilige Sache als das betrachten, was sie ist: Ein Angebot unter vielen auf dem breiten (und geldträchtigen) Markt der esoterischen und therapeutischen Heilsangebote.

Dieser Beitrag beruht in einigen Aspekten auf dem Artikel: Nikolaus v. Stillfried: Quantenphilosophische Ideen zu Fragen des Bewusstseins. In: Bewusstseinswissenschaften. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1/2013, S. 44-55


Montag, 6. Mai 2013

Quantenphysik und Quantenheilung - zwei Paar Schuhe

Quantenheilung, Quantenatmung, Quantum Tao, Quantum Touch, Chinesische Quantum-Methode, Quantenbewusstsein,…. Der Psychomarkt hat sich verliebt in einen Begriff, den der Physiker Max Planck 1900 eingeführt hat. Was hat es mit den Quanten auf sich?

Die Physik hat einige seltsame Entdeckungen im Reich der Quanten (oder der Photonen, wie sie heute genannt werden) gemacht. Teilchen können an einem Ort und gleichzeitig an einem anderen sein. Der Beobachter beeinflusst das, was er beobachtet. Teilchen reagieren aufeinander über Entfernungen, ohne dass dabei Zeit verstreicht (Quantenverschränkung, Quantenteleportation). Es war die Rede von Quantensprüngen, Veränderungen, die blitzschnell erfolgen und bei denen während der Veränderung nichts über den Zustand erkannt werden kann.

Unser alltägliches Denken als Nicht-PhysikerInnen kommt da nicht mehr mit. Wir staunen. Wir sind beeindruckt und fasziniert. Damit gewinnt der Begriff der Quanten den Glanz des Geheimnisses.

Wenn wir in die Welt der Psyche einsteigen und die tieferen Schichten erforschen, kommen wir auch ins Staunen, sind beeindruckt und fasziniert, was sich da verändern kann. Manchmal haben wir sogar den Eindruck, dass ein Sprung auf eine neue Bewusstseinsstufe oder in eine neue Freiheit erfolgt ist, ohne dass wir wirklich erkennen, wie das abgelaufen ist.

Also braucht es uns nicht zu verwundern, dass die Metaphorik der Quantenphysik verlockend wirkt. Viele von uns haben vielleicht die Physik als trockenes Unterrichtsfach in Erinnerung, das mit den eigenen Interessen im Leben am allerwenigsten Nähe von allen Fächern aufwies. Wie schön, wenn sich jetzt die Möglichkeit einer Analogie zeigt. So ähnlich wie es uns bei den Innenreisen ergeht, mag es vielleicht diesen quantischen Photonen gehen, wenn sie durch Doppelspalten geschossen werden und sich auf der anderen Seite in ihrem Wesen völlig verändert wiederfinden.

Im Großen wie im Kleinen


Ab und zu geraten wir auch in die Horizonte eines in alle Richtungen sich weitenden Universums, in dem wir alles mit allem als inniglich verbunden erleben. Im Großen wie im Kleinen gelten die gleichen Regeln und Verknüpfungen. Oder, wie schon ein dem Hermes Trismegistos zugeschriebener  hellenistischer Text sagte: „Du kannst darum das Große im Kleinen und im Kleinen das Große erkennen.“

Weil uns das so vertraut erscheint, beginnen dann gleich findige Geister gigantische Bögen zu spannen, von der winzigsten aller Welten in die Weiten des Universums. Sie behaupten dann, dass die Ebene der Quanten, die winzigsten Teilchen der Materie, mittels psychischer oder schamanistischer Techniken erreicht und verändert werden können. Denn was im Großen wirkt, muss auch das Kleine mit sich ziehen. Und so freuen sie sich im Glauben, modernste Wissenschaften mit den Praktiken der frühesten Menschen verbinden zu können.

Die Physiker allerdings erkennen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Einsicht, dass die quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten nur auf der untersten Ebene gelten und sich nicht auf komplexere Ebenen übertragen lassen. Die sich verdichtende Materie kann sich also nicht mit Gleichartigem verschränken und teleportieren. Sie kann nicht an zwei Orten gleichzeitig aufscheinen. Für ihre Welt gelten andere Regeln und Gesetzmäßigkeiten.

Quanten-Marketing


Folglich wird klar, dass die Nutzung des Quantenbegriffes in Bezug auf psychische Heilungsmethoden ein Marketing-Gag ist. Begriffe erzeugen innere Bilder, innere Bilder erzeugen Gefühle, Gefühle erzeugen Motivationen, Motivationen erzeugen Handlungen. So funktioniert Marketing, die Kette von der Wahrnehmung bis zum Kauf soll damit geschlossen werden, und das magische Wort „Quantum“ hat die gewünschte Wirkung entfaltet. In der Vielfalt des Angebotes auf dem Markt der Seelenführer greifen wir auf vertraute oder Vertrauen erweckende Metaphern zurück, um uns zu orientieren. Die Grenze zum Verführen ist da allerdings immer auch recht durchlässig.

So heißt es z.B. in einem Werbetext:
„Was ist Quantenheilung? Es ist eine praktische Anwendung der Quantenphysik, laut der jede Realität als Energie bzw. Schwingung beschrieben werden kann. Mit der sehr leicht zu erlernenden 2-Punktmethode kann durch reine Absicht eine Umprogrammierung auf subatomarer Ebene herbeigeführt werden.“

Ob das so stimmt oder nicht, kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Wie sollte eine Messung von subatomaren Photonen während einer Sitzung in Quantenheilung ablaufen, welche „Umprogrammierung“ sollte da stattfinden? Photonen ändern bei quantenmechanischen Experimenten ihre Drehrichtung, ihren Spin, aber was heißt da Umprogrammierung, wenn es in ihrer Welt gar keine festgelegten Programmierungen gibt? Und schon gar: Eine gute therapeutische Sitzung sollte der Klienten nach der Sitzung ein besseres Gefühl geben als vorher. Blöderweise kennen Photonen kein Vorher und kein Nachher…

Die angewendete Methode kann gute heilende Erfolge bewirken, wie viele andere Methoden auch, die sich nicht auf die Quantenphysik berufen. Darum sollte beides nicht in einen Topf geworfen werden, denn skeptisch denkende Menschen werden sofort mit guten Argumenten die Analogie zwischen z.B. dem komplexen Funktionieren eines Gehirns und dem Verhalten von Photonen zurückweisen und auf die Unmöglichkeit hinweisen, die Erkenntnisse der Quantenwelt auf die der Moleküle zu übertragen, geschweige denn, auf die der Zellen, geschweige denn auf die eines Megazellenverbandes wie das menschliche Gehirn.

Die skeptischen Leute werden aber dazu neigen, die Methode samt ihrem Erklärungsmodell zu verdammen: Wer so windige Theorien entwickelt, kann keine gute therapeutische Arbeit zustande bringen. Manche kompetente Praktiker veranlasst ihre vielleicht zu schwach entwickelte theoretische Kompetenz zu geistigen Höhenflügen, die sie dann in Sphären führt, wo die Luft dünn wird, ohne dass sie das merken. Damit geraten sie schnell ins Visier der kompetenten Theoretiker, die allerdings oft kein Verständnis und noch weniger Gespür für die therapeutische Praxis haben.

Und so entbrennen schnell unnötige Glaubenskämpfe, unnötig deshalb, weil die angewendeten Methoden, falls sie hilfreiche Wirkungen und keine Schäden hervorrufen, nicht in ihrem Wert geschmälert oder diskreditiert werden sollen, und andererseits die Forderungen der Skeptiker nach einer klaren Terminologie und einem redlichen Gebrauch der Wissenschaften, auch im Sinn eines kritischen Verbraucherschutzes, Respekt und Beachtung verdienen.


Vielleicht ist es am besten, die Quanten in ihrer Quantenwelt zu lassen und uns an den Erkenntnissen der Physiker zu erfreuen, soweit sie Eingang in unseren Verständnishorizont finden, und den sonstigen Gebrauch des Wortes als das zu sehen, was es ist: Eine bestenfalls kreative Wortschöpfung, die auf Automarken und Hedgefonds ebenso angewendet werden kann wie auf Eislutscher oder Therapie- und Coaching-Methoden.


"Der Missbrauch quantentheoretischer Begrifflichkeiten zur Bewerbung und pseudowissenschaftlichen Autorisierung von allerlei Heilmethoden, diversen Apparaten und self-help-Accessoires ist nicht zu rechtfertigen und sollte im Allgemeinen eher zu Misstrauen gegenüber der Seriosität der Anbieter anregen." (Nikolaus v. Stillfried, Quantenphilosophische Ideen zu Fragen des Bewusstseins. In: Bewusstseinswissenschaften, 19. Jahrgang 1/2013, S. 53)

Literatur zur Quantenphysik:
Anton Zeilinger: Einsteins Spuk. Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik (Goldmann 2007)
Jeffrey Satinover: The Quantum Brain. The Search for Freedom and the Next Generation of Man (Wiley 2001)