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Mittwoch, 10. Juli 2013

Esoterik und Wissenschaft 2: Feinstoffliche Energien - Sinn oder Unsinn


Die Begriffe des Feinstofflichen oder der feinstofflichen Energien haben eine ehrwürdige und verzweigte Biographie, bis sie in der modernen Esoterik einen wichtigen Platz einnehmen. Hier geht es darum, den Begriff auf seine Tauglichkeit in der eso-exoterischen Kommunikation zu überprüfen.

Das Dingliche = das Grobe, das Geistige = das Feine - das spricht uns intuitiv an. Ein Gedanke ist doch viel subtiler als ein Pflasterstein, und ein Gefühl der Zuneigung filigraner als ein Lastwagen. Doch lässt sich das Materielle dem Geistigen überhaupt so einfach gegenüberstellen? Andererseits: Wie hängt das Eine mit dem Anderen zusammen.

Das ist eine uralte Frage. Eine Lösung dafür war die Annahme einer Mittlermaterie zwischen den Welten der Materie und des Geistes. Eine solche wurde schon von griechischen Philosophen, z.B. von Platon angenommen. Dennoch stellt sie vor ein logisches und ein erkenntnistheoretisches Problem: Wie soll eine Materie zwischen Materie und Nichtmaterie vermitteln? Das wäre so, als ob der Exponent einer Streitpartei versuchen würde, im Konflikt mit der anderen Partei zu vermitteln. Oder wäre die Mittlermaterie halb Materie und halb Geist? Wo hört sie auf, das eine zu sein, wo beginnt sie, das andere zu sein? Was passiert an der Schnittstelle? Genau dort stellt sich das Problem erneut, die Lösung ist also nur eine Scheinlösung. 

Wir verstricken uns unweigerlich in ein Paradoxon, wenn wir nach dem Ort oder Nicht-Ort suchen, an dem die Materie in Nicht-Materie übergeht. Da ist kein "Platz" für ein Übergangs- oder Zwischenphänomen, für ein Zwitterwesen. Denn Materie ist als Nicht-Geist und Nicht-Geist als Materie verstanden. Es gibt kein Kontinuum vom einen zum anderen, so, als könnte die Materie immer feiner werden, bis sie schließlich ganz vergeistigt und völlig entmaterialisiert ist. Vielmehr existieren beide Seiten in getrennten Welten und sind dennoch inniglich miteinander verbunden.

Folglich können wir doch gleich alles, was es gibt, als Mittlermaterie definieren: "halb" materiell, "halb" nicht-materiell. Die Anführungszeichen weisen darauf hin, dass es nicht um Hälften im mathematischen Sinn gehen kann, die eine nummerische oder räumliche Zusammengehörigkeit ausdrücken. Tatsächlich befindet sich ja das Nichtmaterielle nicht im Raum, zumindest nicht im gleichen Raum wie die Materie. Auch kann das Nichtmaterielle nicht, oder nicht in der gleichen Weise wie das Materielle gemessen oder gezählt werden. Sonst hätten wir es ja wieder nur mit Materie zu tun.

Das ist die "Lösung" des Leib-Seele-Problems, wie sie auf dieser Blogseite immer wieder diskutiert wird: Alles, was es gibt, hat einen materiellen wie einen immateriellen Aspekt, es gibt das eine ohne das andere nicht. Nur unserer Wahrnehmung und Erkenntnis, auch unserer Denkfähigkeit erscheinen die zwei Sphären als getrennt, weil uns eine Erkenntnisfähigkeit, die beides als eins sieht, logisch und rational nicht zugänglich ist. Spirituell erfahrene Menschen haben immer wieder von dieser Sichtweise berichtet, doch ist sie noch lange nicht ins Alltagsbewusstsein eingedrungen.

Wenn diese Gedankengänge einen Sinn machen, brauchen wir zur Erklärung der Welt und zu ihrer Erkenntnis keine feinstoffliche Mittlermaterie. Wo bleibt jetzt noch ein Bedarf nach dem Feinstofflichen? Handelt es sich nur um einen Hilfsbegriff für ein Scheinproblem?


Begriffsnöte


Neue Worte werden aus Begriffsnot formuliert. Die Not besteht darin, dass die Erfahrung auf Phänomene stößt, für die die in der Sprache zur Verfügung stehenden Begriffe nicht zureichen. Um eine adäquate Wiedergabe einer Erfahrung in der Sprache zu gewährleisten, werden Begriffe gebildet, die diese Übersetzungsaufgabe leisten sollen. Diese wiederum steht im Dienst der kommunikativen Verständigung, d.h. im Dienst der Absicherung und des Ausbaues einer Kommunikationsgemeinschaft.

Deshalb können wir davon ausgehen, dass jede Begriffsbildung einem Sinnanspruch folgt und nicht "beliebig" sein will, so wie es nicht beliebig ist, das Meer Stern zu nennen, außer es einigen sich alle auf diese Namensgebung. Aber dann ist sie auch wieder nicht beliebig. Das Funktionieren von Sprache erfordert eine Beständigkeit. Verwende ich einen Begriff einmal in dieser und dann wieder in einer anderen Bedeutung, muss ich die jeweilige Kontextveränderung mitteilen, damit ich noch verstanden werde.

Das Feinstoffliche kennen wir z.B. in der Textilkunde. Dort können wir gröbere und feinere Stoffe zu unterscheiden: Seide ist feiner als Schafswolle.  Schwierig wird es dort, wo wir den Begriff des Feinstofflichen auf ein allgemeineres Niveau heben. Als Schlüssel zur Welterklärung wird es dann gar nicht als etwas Stoffliches (Materie) verstanden, sondern soll etwas nicht Greifbares ausdrücken, dessen Existenz postuliert wird, also aus wichtigen Gründen eingefordert wird, aber nicht in der Weise sinnlich präsent ist wie ein Wollpullover. 

Der Begriff soll nicht nur etwas bezeichnen, was vorhanden ist, sondern vor allem verständlich machen, was in der Wirklichkeit Veränderungen erzeugt, die wir nicht anders als mit diesem Begriff erklären können. Er soll Wirkungszusammenhänge verdeutlichen, für die der Wahrnehmungsapparat unserer fünf Sinne keine Sensorien hat - etwas ist gewissermaßen zu "fein" für diese Kanäle der Wahrnehmung. Wie es bei den anderen Sinnen "Stoffe" gibt, welche die Wahrnehmungsreaktion auslösen, z.B. Geruchspartikel oder Luftverdichtungen, muss es bei den feinsinnlichen Wahrnehmungen andere Stoffe geben, die die Wahrnehmungen bewirken. 

Wenn eine Heilerin einer Patientin die Hand auflegt, und diese fühlt sich erleichtert und erfährt eine Heilung, die auch objektiv dokumentiert werden kann, suchen wir nach dem Agens dieser Heilung, nach dem Wirkfaktor, und weil dieser nicht in einer bekannten Form der Gegenständlichkeit gefunden werden kann, nehmen wir an, er befindet sich in einem Bereich jenseits der materiellen Wirklichkeit, eben im Reich des Feinstofflichen.

Demnach muss es in diesem Reich, wenn schon nicht Stoffe, so zumindest "Energien" geben, die Wirkungen in der materiellen Welt erzeugen, z.B. die Auflösung einer Entzündung im Körper. Und es müssen diese Energien von einem anderen Sensorium als dem der fünf Sinne wahrgenommen werden können, das eben für die "feinstofflichen" Energien geeicht ist. 


Gegenständliches Wahrnehmen und Spüren


Hier stoßen wir auf eine Falle unseres gegenständlichen Denkens: Wenn etwas wirkt, muss es eine Substanz haben. Eine Billardkugel rollt nicht von selbst, wenn sie auf einer ebenen Fläche liegt. Sie braucht etwas, das sie anstößt, um in Bewegung zu kommen. Und das muss ein anderer Gegenstand sein, sonst wird es uns unheimlich: Jemand, der die Kugel mit seiner Willenskraft oder Konzentration in Bewegung bringt, flößt uns Irritation und Misstrauen ein.


Wenn etwas verändert wird, ohne dass wir eine äußere Verursachung erkennen können, nehmen wir an, dass es etwas unterhalb oder außerhalb unserer Wahrnehmungsschwelle gibt, das für die Veränderung verantwortlich ist. Wenn unsere Haut rot wird nach einem Sonnenbad, nehmen wir an, dass die Sonne die Verursacherin ist, obwohl wir die Strahlen, die für die Rötung der Haut verantwortlich sind, nicht wahrnehmen können.

Wir suchen also die Ursachen für die Wirkungen, die wir beobachten können, im Rahmen unseres Wahrnehmungsrepertoires und konstruieren dort, wo es nicht ausreicht, Analogien. 

Wir beziehen uns dabei auf den inneren Sinn als Erfahrungsquelle. Das Spüren ist der komplexeste der Sinne, der uns zur Verfügung steht. Dieser Sinn ist am wenigsten erforscht, weil er nach innen gerichtet ist und unweigerlich mit einer subjektiven Komponente verbunden ist. Außerdem verfügt er über kein eigenes Wahrnehmungsorgan, das sich objektiv untersuchen ließe, sondern beruht auf komplexen Nervenverschaltungen, die sich durch den ganzen Körper ziehen. Deshalb zeigen sich in diesem Zusammenhang auch die ungewöhnlichsten Erkenntnisse und deshalb gibt es hier auch die größten Abweichungen zwischen den Menschen. Die Innenerfahrung ist bei jedem Menschen anders. Objektive Daten über die Inhalte dieser Erfahrung zu gewinnen, stößt wegen ihrer grundlegenden Subjektivität auf die Schwierigkeit, nur schwache allgemeine Daten und Wahrscheinlichkeiten hervorbringen zu können. 

Beispiel "Drittes Auge"


Nehmen wir als Beispiel das sogenannte Dritte Auge, der Bereich oder Punkt zwischen den Augenbrauen. Dort befindet sich nach der Chakrenlehre das sechste Chakra, dem bestimmte Funktionen wie Intuition und paranormale Fähigkeiten zugeschrieben werden. Die Wissenschaft wird mit diesem "Energiezentrum" wenig anfangen können, weil (anders als z.B. beim dritten Chakra, dem Sonnengeflecht) im Bereich zwischen den Augenbrauen anatomisch 
keine Besonderheiten vorliegen, die eine privilegierte Position rechtfertigen würde.

Viele Menschen haben besondere Empfindungen, wenn sie in diesen Bereich hinspüren. Sie können wahrnehmen, ob das Chakra "offen" oder "verschlossen" ist, ob es stärker oder schwächer belebt ist, sich durchlässig oder dicht anfühlt usw. Sie können auch spüren, was sich verändert, wenn sie sich auf das Chakra konzentrieren. Sie erwarten, dass sich die Fähigkeiten, die mit diesem Bereich in Verbindung gebracht werden, verbessern, wenn sie es "öffnen", d.h. wenn sie es gut spüren können. 

Es wird andere Menschen geben, die wenig oder gar nichts wahrnehmen können, wenn sie sich auf dieses Chakra konzentrieren. Darüber zu streiten, ob es das Chakra überhaupt gibt und ob es Sinn macht, mit ihm zu "arbeiten", macht wenig Sinn, solange Menschen einen hilfreichen Wert darin finden, das zu tun, auch wenn andere nichts davon halten. Wenn die Menschen für die Beschreibung der Erfahrungen, die sie mit dieser Arbeit haben, auf den Begriff des Feinstofflichen zurückgreifen, weil ihnen ein passenderer nicht zur Verfügung steht, sollte dagegen nichts einzuwenden sein.


Der großzügige Skeptiker könnte dann z.B. sagen, dass jemand über eine Erfahrung spricht, die er selber nicht hat, und versuchen, in den Kontext der Erfahrung einzusteigen, und dort erkennen, dass der Begriff des Feinstofflichen in diesem Erfahrungskontext durchaus einen deskriptiven Wert hat. Der engstirnige Skeptiker wird die eigenen Vorurteile reproduzieren, sobald er das Wort hört.

Die eso-exoterische Kommunikation kann nur an den Berührungspunkten der Welten in Gang kommen und zu sinnvollen Erkenntnissen führen: Dort, wo großzügige oder reflektierte Skeptiker auf rational denkende Esoteriker treffen. Dogmatische Skeptiker und dogmatische Esoteriker werden schwerlich auf einen grünen Zweig kommen.

Vgl. "Energie" zwischen Esoterik und Wissenschaft
Vgl. Interne Kommunikation
Vgl. Eso-Skeptiker
Vgl. Was ist Esoterik?


Sonntag, 23. Juni 2013

Esoterik und Wissenschaft 1 - Zum Begriff der "Energie"

In der Wochenzeitschrift DIE ZEIT ist am 16. Mai 2013 ein Schwerpunktthema zur Esoterik unter dem Titel „Die Renaissance der Unvernunft“ erschienen. Nachdem mich der Begriff der Esoterik immer wieder beschäftigt (es gibt dazu ein Diskussionsforum auf der Weltinnenraum-Seite), möchte ich zu einzelnen Beiträgen in der ZEIT ein paar Bemerkungen machen. Hier zunächst ein Kommentar zum Begriff „Energie“.

Ein Beitrag in der Zeitung widmet sich nämlich der Jargonkritik. Esoteriker verwenden gerne wissenschaftliche Begriffe für „Hokuspokus“, wie es der Autor ausdrückt: Energie, Feinstofflichkeit, erweiterte Empirie, Quantentheorie und Paradigmenwechsel.

Der Begriff der „Energie“ ist tatsächlich ein recht vages Gebilde, aber offenbar benötigen wir ihn in Ermangelung eines besseren. Manche professionelle Skeptiker schreien gleich auf, wenn jemand den Begriff der „Energie“ in einem nicht-physikalischen Sinn verwendet, so als hätte die Physik das Patent auf dieses Wort und jeder potentielle Verwender müsste erst einmal bei einem physikalischen Universitätsinstitut um Erlaubnis nachsuchen, bevor er das Wort aussprechen darf.

Die Aufregung ist aber meist umsonst. Es ist wohl den meisten Esoterikern und Nichtesoterikern klar, dass, wenn sie von Energie reden, nicht der strenge physikalische Bezugsrahmen gemeint ist.

Physikalisch ist mit Energie die Fähigkeit gemeint, Arbeit zu leisten, wobei Arbeit mit Kraft mal Weg definiert ist. Wenn jemand sagt, er habe nicht genug Energie, um z.B. nach einem langen Arbeitstag noch dieses oder jenes zu unternehmen, so denkt er dabei nicht an die Physik, sondern an seinen eigenen Körper und Seelenzustand, der ihm signalisiert, was er braucht. Diese Person verwendet einen Begriff, der offenbar die innere Befindlichkeit wiederzugeben vermag, so, dass sie auch von anderen verstanden wird (wenn es nicht gerade ein notorischer Skeptiker ist). Allerdings wird auch hier auf die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten, Bezug genommen: Meine Energie ist so, dass ich dies machen kann und das andere nicht.

Der Unterschied liegt nur darin, dass die Energie im physikalischen Setting anders gemessen wird als im alltäglichen. In der Physik kann man nur von Energie sprechen, wenn die Messgeräte dies anzeigen. Im Alltag nehmen wir als Messgeräte z.B. unseren inneren Sinn, der uns Bescheid gibt, wie wir „energetisch“ drauf sind. Die Physik stellt Energie „objektiv“ fest, also von außen, und so, dass jeder das nachprüfen kann, der Alltagsgebrauch verwendet ihn „subjektiv“, auf die Innenschau angewandt und so, dass er nicht nachgeprüft werden kann, ähnlich wie jemand, der einen Schmerz „ohne Befund“ hat, d.h. dass objektiv kein Defekt festgestellt werden kann und trotzdem ein subjektives Leiden vorliegt.

Wenn Esoteriker oder Energetiker von Energie reden, (z.B. jemand legt einer Person die Hand auf den Rücken und sagt: „An dieser Stelle ist wenig Energie“), so ist damit nicht der physikalisch-wissenschaftliche Begriff gemeint, und die Person wird auch nicht davon ausgehen, dass der esoterische Behandler eine physikalische Aussage trifft. Dennoch geht es auch hier  um einen erweiterten Begriff von Energie, denn der Behandler will offenbar mitteilen, dass der betreffende Bereich des Rückens eine bestimmte Arbeit nicht verrichten kann.

Die Angst der Esoterik-Kritiker, dass mit dem Gebrauch des Wortes „Energie“ einem naiven Kunden etwas als wissenschaftlich verkauft wird, was nicht wissenschaftlich ist, ist nur dort nachvollziehbar, wo betrügerisches Marketing für bestimmte Produkte oder Dienstleistungen betrieben wird und nichtmessbare Größen als messbare ausgegeben werden. Aber solche Betrügereien gibt es in esoterischen wie in nicht-esoterischen Kreisen. Gegen Schwindel ist es immer gut, sich ausreichend mit kritischem Rationalismus zu wappnen und z.B. nachzufragen, ob oder wie ein bestimmter Effekt eines Produkts denn wissenschaftlich gemessen werden könne.

In allen anderen Belangen geht es nur darum, dass sich die Gesprächspartner über den Kontext verständigen, in dem sie von Energie reden. Führen sie gerade einen Diskurs über Mechanik oder über Geistheilung?

Eine sinnvolle Anregung, die wir aus der Diskussion um den Energiebegriff nehmen könnten, wäre die, dass wir uns immer auch überlegen, ob es ein anderes Wort gibt, wenn wir versucht sind, von Energie zu reden. Das macht uns klarer, welchen Kontext wir meinen, und unsere Rede kann exakter werden. Auch können wir dann u.U. mehr Menschen erreichen, die kein Vor- oder Insiderwissen haben müssen. Wenn sich kein anderes findet, gibt es vielleicht auch keines. Schließlich haben wir auch im Bereich der Innenwelt in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten Entdeckungen gemacht, für die das vorhandene Sprachmaterial zur Beschreibung nicht ausreicht.


Vgl. Was ist Esoterik?

Montag, 6. Mai 2013

Quantenphysik und Quantenheilung - zwei Paar Schuhe

Quantenheilung, Quantenatmung, Quantum Tao, Quantum Touch, Chinesische Quantum-Methode, Quantenbewusstsein,…. Der Psychomarkt hat sich verliebt in einen Begriff, den der Physiker Max Planck 1900 eingeführt hat. Was hat es mit den Quanten auf sich?

Die Physik hat einige seltsame Entdeckungen im Reich der Quanten (oder der Photonen, wie sie heute genannt werden) gemacht. Teilchen können an einem Ort und gleichzeitig an einem anderen sein. Der Beobachter beeinflusst das, was er beobachtet. Teilchen reagieren aufeinander über Entfernungen, ohne dass dabei Zeit verstreicht (Quantenverschränkung, Quantenteleportation). Es war die Rede von Quantensprüngen, Veränderungen, die blitzschnell erfolgen und bei denen während der Veränderung nichts über den Zustand erkannt werden kann.

Unser alltägliches Denken als Nicht-PhysikerInnen kommt da nicht mehr mit. Wir staunen. Wir sind beeindruckt und fasziniert. Damit gewinnt der Begriff der Quanten den Glanz des Geheimnisses.

Wenn wir in die Welt der Psyche einsteigen und die tieferen Schichten erforschen, kommen wir auch ins Staunen, sind beeindruckt und fasziniert, was sich da verändern kann. Manchmal haben wir sogar den Eindruck, dass ein Sprung auf eine neue Bewusstseinsstufe oder in eine neue Freiheit erfolgt ist, ohne dass wir wirklich erkennen, wie das abgelaufen ist.

Also braucht es uns nicht zu verwundern, dass die Metaphorik der Quantenphysik verlockend wirkt. Viele von uns haben vielleicht die Physik als trockenes Unterrichtsfach in Erinnerung, das mit den eigenen Interessen im Leben am allerwenigsten Nähe von allen Fächern aufwies. Wie schön, wenn sich jetzt die Möglichkeit einer Analogie zeigt. So ähnlich wie es uns bei den Innenreisen ergeht, mag es vielleicht diesen quantischen Photonen gehen, wenn sie durch Doppelspalten geschossen werden und sich auf der anderen Seite in ihrem Wesen völlig verändert wiederfinden.

Im Großen wie im Kleinen


Ab und zu geraten wir auch in die Horizonte eines in alle Richtungen sich weitenden Universums, in dem wir alles mit allem als inniglich verbunden erleben. Im Großen wie im Kleinen gelten die gleichen Regeln und Verknüpfungen. Oder, wie schon ein dem Hermes Trismegistos zugeschriebener  hellenistischer Text sagte: „Du kannst darum das Große im Kleinen und im Kleinen das Große erkennen.“

Weil uns das so vertraut erscheint, beginnen dann gleich findige Geister gigantische Bögen zu spannen, von der winzigsten aller Welten in die Weiten des Universums. Sie behaupten dann, dass die Ebene der Quanten, die winzigsten Teilchen der Materie, mittels psychischer oder schamanistischer Techniken erreicht und verändert werden können. Denn was im Großen wirkt, muss auch das Kleine mit sich ziehen. Und so freuen sie sich im Glauben, modernste Wissenschaften mit den Praktiken der frühesten Menschen verbinden zu können.

Die Physiker allerdings erkennen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Einsicht, dass die quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten nur auf der untersten Ebene gelten und sich nicht auf komplexere Ebenen übertragen lassen. Die sich verdichtende Materie kann sich also nicht mit Gleichartigem verschränken und teleportieren. Sie kann nicht an zwei Orten gleichzeitig aufscheinen. Für ihre Welt gelten andere Regeln und Gesetzmäßigkeiten.

Quanten-Marketing


Folglich wird klar, dass die Nutzung des Quantenbegriffes in Bezug auf psychische Heilungsmethoden ein Marketing-Gag ist. Begriffe erzeugen innere Bilder, innere Bilder erzeugen Gefühle, Gefühle erzeugen Motivationen, Motivationen erzeugen Handlungen. So funktioniert Marketing, die Kette von der Wahrnehmung bis zum Kauf soll damit geschlossen werden, und das magische Wort „Quantum“ hat die gewünschte Wirkung entfaltet. In der Vielfalt des Angebotes auf dem Markt der Seelenführer greifen wir auf vertraute oder Vertrauen erweckende Metaphern zurück, um uns zu orientieren. Die Grenze zum Verführen ist da allerdings immer auch recht durchlässig.

So heißt es z.B. in einem Werbetext:
„Was ist Quantenheilung? Es ist eine praktische Anwendung der Quantenphysik, laut der jede Realität als Energie bzw. Schwingung beschrieben werden kann. Mit der sehr leicht zu erlernenden 2-Punktmethode kann durch reine Absicht eine Umprogrammierung auf subatomarer Ebene herbeigeführt werden.“

Ob das so stimmt oder nicht, kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Wie sollte eine Messung von subatomaren Photonen während einer Sitzung in Quantenheilung ablaufen, welche „Umprogrammierung“ sollte da stattfinden? Photonen ändern bei quantenmechanischen Experimenten ihre Drehrichtung, ihren Spin, aber was heißt da Umprogrammierung, wenn es in ihrer Welt gar keine festgelegten Programmierungen gibt? Und schon gar: Eine gute therapeutische Sitzung sollte der Klienten nach der Sitzung ein besseres Gefühl geben als vorher. Blöderweise kennen Photonen kein Vorher und kein Nachher…

Die angewendete Methode kann gute heilende Erfolge bewirken, wie viele andere Methoden auch, die sich nicht auf die Quantenphysik berufen. Darum sollte beides nicht in einen Topf geworfen werden, denn skeptisch denkende Menschen werden sofort mit guten Argumenten die Analogie zwischen z.B. dem komplexen Funktionieren eines Gehirns und dem Verhalten von Photonen zurückweisen und auf die Unmöglichkeit hinweisen, die Erkenntnisse der Quantenwelt auf die der Moleküle zu übertragen, geschweige denn, auf die der Zellen, geschweige denn auf die eines Megazellenverbandes wie das menschliche Gehirn.

Die skeptischen Leute werden aber dazu neigen, die Methode samt ihrem Erklärungsmodell zu verdammen: Wer so windige Theorien entwickelt, kann keine gute therapeutische Arbeit zustande bringen. Manche kompetente Praktiker veranlasst ihre vielleicht zu schwach entwickelte theoretische Kompetenz zu geistigen Höhenflügen, die sie dann in Sphären führt, wo die Luft dünn wird, ohne dass sie das merken. Damit geraten sie schnell ins Visier der kompetenten Theoretiker, die allerdings oft kein Verständnis und noch weniger Gespür für die therapeutische Praxis haben.

Und so entbrennen schnell unnötige Glaubenskämpfe, unnötig deshalb, weil die angewendeten Methoden, falls sie hilfreiche Wirkungen und keine Schäden hervorrufen, nicht in ihrem Wert geschmälert oder diskreditiert werden sollen, und andererseits die Forderungen der Skeptiker nach einer klaren Terminologie und einem redlichen Gebrauch der Wissenschaften, auch im Sinn eines kritischen Verbraucherschutzes, Respekt und Beachtung verdienen.


Vielleicht ist es am besten, die Quanten in ihrer Quantenwelt zu lassen und uns an den Erkenntnissen der Physiker zu erfreuen, soweit sie Eingang in unseren Verständnishorizont finden, und den sonstigen Gebrauch des Wortes als das zu sehen, was es ist: Eine bestenfalls kreative Wortschöpfung, die auf Automarken und Hedgefonds ebenso angewendet werden kann wie auf Eislutscher oder Therapie- und Coaching-Methoden.


"Der Missbrauch quantentheoretischer Begrifflichkeiten zur Bewerbung und pseudowissenschaftlichen Autorisierung von allerlei Heilmethoden, diversen Apparaten und self-help-Accessoires ist nicht zu rechtfertigen und sollte im Allgemeinen eher zu Misstrauen gegenüber der Seriosität der Anbieter anregen." (Nikolaus v. Stillfried, Quantenphilosophische Ideen zu Fragen des Bewusstseins. In: Bewusstseinswissenschaften, 19. Jahrgang 1/2013, S. 53)

Literatur zur Quantenphysik:
Anton Zeilinger: Einsteins Spuk. Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik (Goldmann 2007)
Jeffrey Satinover: The Quantum Brain. The Search for Freedom and the Next Generation of Man (Wiley 2001)


Donnerstag, 25. April 2013

Die Prä-Trans-Verwechselung

Ken Wilber hat mit diesem Begriff ein wichtiges Unterscheidungswerkzeug formuliert. Wenn wir ein Stufenmodell der Evolution des Bewusstseins aufstellen, kann es grob in drei Phasen eingeteilt werden:
Prärational – rational – transrational oder: präpersonal – personal – transpersonal oder: prämodern – modern - postmodern.
  • Prärational bedeutet, dass die Erfahrungswelt vorwiegend von Bildern, Emotionen und Phantasien gesteuert wird.
  • In der rationalen Phase übernimmt das logische und symbolische Denken zusammen mit der verbalen Sprache die Vorherrschaft bei der Weltauffassung und -deutung.
  • Im transrationalen Bereich kommen Erfahrungselemente wie Intuition, Spiritualität und Mystik dazu.

In meinem Modell der Bewusstseinsevolution findet sich die prärationale Ebene am stärksten im tribalen Bewusstsein ausgebildet. Die rationale Ebene hat ihre prägnanteste Ausprägung genau in der Mitte der sieben Stufen, also in der vierten, materialistischen Stufe. Die transrationale Ebene findet ihre volle Verwirklichung in der siebten, der holistischen Stufe.

Eine Prä-Trans-Verwechslung passiert, wenn entweder eine prärationale Erfahrung als transrational oder eine transrationale Erfahrung als prärational verstanden wird. Verstehen kann dabei zweierlei bedeuten, nämlich subjektiv oder intersubjektiv. Subjektiv verwechsle ich eine Erfahrung, wenn ich z.B. in einem regressiven Zustand bin, aber glaube, eine hohe spirituelle Öffnung zu erfahren. Die intersubjektive Verwechslung geschieht z.B., wenn ein Psychiater einen Menschen mit einer spirituellen Erfahrungen für geisteskrank erklärt oder wenn dieser Zustand psychoanalytisch als kindliche Phantasie der Alleinheit diagnostiziert wird.


In der Therapie


Häufig haben wir es in der therapeutischen Arbeit vor allem bei sensiblen und frühtraumatisierten Personen mit solchen Verwechslungen zu tun. Entweder berichten diese Personen von besonderen Erfahrungen, die sich der Durchschnittswirklichkeit entziehen, oder sie erleben solche während Innenreisen oder in tiefen Entspannungssituationen im Rahmen der Therapie. Die richtige Zuordnung dieser Erfahrungen ist wichtig, damit eine Verfestigung von Störungen vermieden wird. Themen, die aus der prärationalen Ebene stammen, müssen therapeutisch bearbeitet und aufgelöst werden, weil sie sonst zur Stabilisierung von unerwünschten Symptomen beitragen. Gehören die Themen jedoch auf die transrationale Ebene, so können sie als Ressource dienen. Zusätzlich ist darauf zu achten, dass es bei solchen Erfahrungen auch gemischte Anteile geben kann, dass also ein Aspekt der Erfahrung prärational und ein anderer transrational behandelt werden muss. Dazu weiter unten noch ein Beispiel.


Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen „Prä“ und „Trans“


Solche Verwechslungen können auch deshalb vorkommen, weil es zwischen den beiden Bereichen Ähnlichkeiten gibt. Sowohl der prä- als auch der transrationale Bereich ist eher bildlich als verbal strukturiert und rechtshemisphärisch gesteuert. In den ersten Lebensjahren dominiert diese Gehirnhälfte, und in erweiterten Bewusstseinszuständen können wir auch von einer starken Aktivität in diesem Bereich ausgehen, in dem Informationen u.a. visuell verarbeitet werden. Die bildlichen Inhalte sind aber auf der Prä-Ebene gegenständlich, auf der Trans-Ebene erscheinen sie dagegen eher komplex und abstrakt. Während die erstere keine Logik verwendet, sondern stark von Gefühlen bestimmt ist, beruht die letztere auf einer nichtlinearen Logik und auf dem systemischen Denken und Wahrnehmen.

Ein weiteres Unterscheidungskriterium für die subjektive Erfahrung der unterschiedlichen Zustände: Trans-Erfahrungen sind frei von Leiden und werden als Erweiterungserlebnisse erfahren. Spirituelle Sehnsucht z.B., also der intensive Wunsch nach innerer Befreiung, enthält dort eine Verwechslung, wo die Sehnsucht als schmerzlich erfahren wird: Etwas, was ich brauche, fehlt mir. Das ist ein kindlicher Wunsch, hinter der eine kindliche Frustration steckt. Wo die Sehnsucht nur den Drang nach Erweiterung ausdrückt, kann sie dem transrationalen Bereich zugerechnet werden. Solange es also um Bedürftigkeit geht, drücken sich frühkindliche Enttäuschungen im Spiri-Gewand aus. Handelt es sich um Traumatisierungen, so liefert der Mechanismus der Dissoziierung den Zugang zu Erfahrungsräumen, die der mystischen Erfahrung in vielen Aspekten gleichen, jedoch nur traumabedingte Abspaltungen von der Wirklichkeit symbolisieren.

Andere Charakteristika der Trans-Ebene: Sie ist egofrei (nicht selbstsüchtig und selbstfixiert) und empathisch, angstfrei und wachstumsorientiert. Aus diesem Zustand ist der Umstieg auf die rationale Ebene leicht möglich, die Zustände können flexibel gewechselt werden. D.h. eine transrationale Erfahrung kann ohne große Schwierigkeiten verlassen werden, wenn eine äußere Notwendigkeit dazu vorliegt. Die Kommunikationsfähigkeit ist gegeben, es ist also möglich, die Details einer solchen Erfahrung zu beschreiben. Sie werden ohne Dogmatisierung und missionarischem Drang mitgeteilt. Die soziale Interaktion ist geprägt von Wertschätzung und Toleranz. Es kommt zu keiner Verwechslung von Innen- und Außenwelt, wie sie für psychotische Zustände typisch ist. Vielmehr kann klar kommuniziert werden, was bei einer Erfahrung „nach innen“ und was „nach außen“ gehört. Dazu kommt ein Verantwortungsbewusstsein für sich und andere. Es herrscht Vertrauen in andere Menschen, auch das Vertrauen, Hilfe anzunehmen, dort wo Probleme mit der Einordnung der eigenen Erfahrungen auftauchen.

In der Geschichte ist es immer wieder vorgekommen, dass transpersonale Mystiker von den herrschenden Religionen, die oft tief in der prärationalen Wirklichkeitswelt verwurzelt sind, bekämpft und verfolgt wurden. Beispiele sind der Hl. Franziskus, Meister Eckehart und Johannes vom Kreuz, die mit ihren mystischen Einsichten in der katholischen Kirche auf Widerstand gestoßen sind und mit Lehrverboten und anderen Schikanen gemaßregelt wurden. Noch härter ging man mit anderen Visionären wie Giordano Bruno um, die auf dem Scheiterhaufen endeten.


Aberglaube und Wahrsagerei


Umgekehrt wurde Aberglaube, der auf der prärationalen Wirklichkeitssicht beruht, immer wieder als transpersonale Weisheit angepriesen und verkauft. Wir können in diesem Zusammenhang die Esoterik als eine planmäßige oder unbewusste Prä-Trans-Verwechslung definieren. Dabei werden tribale Praktiken als Heilsbringer für die Probleme der modernen Welt propagiert. Daran ist nichts verwerflich, solange kein Schaden und keine Täuschung verursacht wird. Die Probleme unserer (Innen- wie Außen-)Welt sind oft derart komplex, dass wir in unserer Not die verschiedensten Hilfsquellen anzapfen, wenn wir mit den Mitteln der rational-wissenschaftlichen Sphäre nicht mehr weiter kommen. Aber wir sollten dabei die Kirche im Dorf lassen und archaische Methoden, die es seit der Steinzeit gibt, auch wenn sie auf modern aufgemotzt sind, nicht überschätzen. Sie sind keine allheilende Wundermittel, sondern können einmal funktionieren, ein andermal nicht (Vgl.  den Beitrag über Wunderheiler und Skeptiker).

Die Verführung der Romantik besteht in der Verklärung der Vergangenheit. Was früher war, ist automatisch besser, weil das was jetzt ist, schlecht ist. Wir übersehen dabei, dass die Verklärung von vergangenen Lebensformen eigentlich eine Verklärung unserer Kindheit ist, die wir deshalb vornehmen, um uns nicht den Verletzungen und Ängsten stellen zu müssen, die wir in dieser Zeit durchleben mussten. Das Bild der heilen Kindheit übertragen wir auf Geschichte und erwarten uns z.B., dass die Weisheit tribaler Gesellschaften die Probleme der um ganze Dimensionen komplexeren aktuellen Welt lösen könnte. Sicher brauchen wir diese Weisheit wie auch viele anderen Weisheiten, aber keine von ihnen ist alleine seligmachend.

Und in allen Fällen, in denen Ängste geschürt werden (durch sogenannte „Wahr“-sager), unwirksame Quacksalbereien betrieben und Menschen durch falsche Versprechungen getäuscht und betrogen werden, in allen Fällen also, in denen prärationale Hoffnungen manipulativ mit rationalen Kalkulationen geweckt werden, muss sowohl die Zivilgesellschaft durch Aufklärung wie auch die Gerichtsbarkeit durch Sanktionen aktiv werden. Die beste Immunisierung gegen die Verführungen ins Prärationale besteht darin, dass wir uns unsere Kindheitsthemen, die Ängste und unerfüllten Sehnsüchte, bewusst machen und erkennen. Dann verwechseln wir nicht mehr das, was in die Kindheit gehört, mit dem, was die Zukunft unserer inneren Entwicklung ist.


Die Skeptiker


Zwischen den Präs und Trans tummeln sich die rationalen Skeptiker, die sich gegen beide Seiten abgrenzen und dabei den gleichen Verwechselungen verfallen. Da sie keine Erfahrungen von der transpersonalen Ebene haben, sehen sie in jeder spirituellen Erfahrung eine Entgleisung ins Prärationale. Alles, was sich nicht rational darstellen lässt, ist vorrational, und was vorrational ist, ist primitiv und wird durch die Rationalität übertroffen. Damit ist die skeptische Überheblichkeit unvermeidlich: Wir haben die Weisheit mit dem Löffel gefressen, und alles Nichtrationale unterscheidet sich nur im Grad der Naivität oder Dummheit.

Sie sehen z.B. in Ken Wilber einen Esoteriker und Mystiker. Nach der obigen Definition kann er nicht beides sein, allenfalls wird er einer permanenten Prä-Transverwechslung beschuldigt. Wahrscheinlicher ist, dass für den rein rationalen Blick kein Unterschied zwischen Alchemie und Spiritualität besteht, weil sich beides einer strengen wissenschaftlichen Überprüfung entzieht. In der Haltung ähneln die skeptischen Fanatiker den Hexenverfolgern zu Beginn der Neuzeit, die jede Form der Irrationalität ausrotten wollten und dabei besonders auf Vertreterinnen der vormodernen Heilkunde und Lebenshilfe losgingen. Der Vorwurf der Zauberei enthielt die Angst vor „besonderen“, also transpersonalen Kräften, die aber, da dem Teufel zugeordnet, nur einer prärationalen Sphäre entstammen konnten.


Konfliktlinien


Das Beispiel der Hexenverfolgungen weist darauf hin, dass an den Wenden von einer Stufe zur nächsten besondere Identitätsprobleme auftauchen, die oft zu Gewaltausbrüchen führen. Jedenfalls kommt es an solchen Übergängen („Drehpunkten“ nach Ken Wilber) zu typischen Konflikten. Gesellschaftlich-historisch handelte es sich um die Ablöse der von prärationalen Glaubenssystemen kontrollierten Welt des Mittelalters durch das moderne wissenschaftliche Modell. In anderen Regionen der Erde, z.B. im islamischen oder im hinduistischen Bereich, toben diese Konflikte noch immer. Die „westliche“ Welt hingegen steht am Ausgang aus der materialistischen Bewusstseinsstufe, die eng mit der rational-wissenschaftlichen Weltsicht verbunden ist, mit ähnlichem Konfliktpotenzial, allerdings mit hoffentlich genügend anderen Mitteln der Konfliktaustragung.

Den kulturellen Umbrüchen entsprechen innerpsychisch die Identitätskonflikte, wie sie z.B. ab dem Schulalter bis zur Pubertät beim Übergang von einer prärationalen zur rationalen Stufe vorkommen. Auch an der Schwelle zu einer spirituellen Öffnung kann es zu Fragen um die eigene Identität kommen. In solchen Phasen schwankt die Orientierung gerne zwischen dem Wunsch nach einer alten gewohnten Sicherheit und dem Drang nach einer neuen, unsicheren Freiheit.

Je nachdem, wie diese Phasen durchlaufen wurden, kann es zu Fixierungen kommen. So wird jemand, dessen prärationale Phase von Schwierigkeiten und emotionalen Belastungen geprägt war, in der Rationalität Stabilität und Sicherheit finden. Aus der Bindungsforschung wissen wir, dass solche Festlegungen schon sehr früh geschehen können. Dann wird die gesamte Sphäre der Prärationalität als Bedrohung erlebt, die mit kognitiven Mitteln abgewehrt werden muss. Die transrationalen Sphären werden dann zugleich abgewertet, weil mangels eigener Erfahrung nur deren Ähnlichkeiten mit dem Prärationalen bemerkt werden und das gleiche Bedrohungsszenario aktivieren (vgl. dazu den Beitrag über die dogmatischen Skeptiker). Wir verwechseln dabei das stabile Ich mit einem „fertigen“ oder mit einem gepanzerten Ich.

Geht die Person, die sich von ihrer eigenen schmerzlichen Geschichte abgekapselt hat, jedoch über die Rationalität weiter in die Transpersonalität, indem sie z.B. Meditationskurse besucht, dann besteht die Gefahr, die Erfahrungen in diesem Bereich zu intellektualisieren, während die emotionalen Probleme ungelöst im Unterbewusstsein weiter wirken. Es entsteht der Typus des passionierten Meditierers, der nur in der Meditation zur Ruhe kommt, aber im täglichen sozialen Leben Persönlichkeitsdefizite aufweist, die er mittels der Weisheit und Tiefe, die er in der Meditation erlebt, verdrängen kann. Ken Wilber sagte dazu in einem Interview: „Ein derangiertes Gefühlsleben heilt Zen ebensowenig wie einen gebrochenen Knochen.“

Ein anderer Konflikt geschieht, wenn jemand eine transpersonale Erfahrung macht, diese aber nicht einordnen kann, weil entweder eine präpersonale Traumatisierung damit aktiviert wird oder weil die Gesellschaft die Erfahrung pathologisiert (vgl. dazu den Beitrag über die Schizotypie).


Spirituelle Krisen


Es kann auf dem Weg zur inneren Erweiterung zu Erschütterungen und Krisen kommen, da die bestehenden Sicherheitsstrukturen der Psyche, die auf fixierten Mustern und Neurosen beruhen, geschwächt werden und die neuen Strukturen noch nicht etabliert sind. Es kann dabei zu Symptomen kommen, die psychotischen Zuständen ähneln und deshalb leicht mit ihnen verwechselt werden. In diesem Zusammenhang hat Stanislav Grof den Begriff der spirituellen Krise geprägt und ein Spiritual Emergency Network begründet, damit die von solchen Krisen betroffenen Menschen eine kompetente Hilfe erhalten und nicht in der Psychiatrie landen müssen.

An den Wendepunkten der inneren Entwicklung können im Zug der Öffnung für neue Sichtweisen verdrängte alte Gefühlsmuster aktiviert werden, die dann zu einer starken Verunsicherung und Verwirrung führen. Andererseits liegt gerade in diesen Phasen eine gute Chance, diese prärationalen Themen therapeutisch aufzuarbeiten. Denn die spirituelle Öffnung stellt neue Ressourcen zur Verfügung, um die emotionale Arbeit zu unterstützen.


Der Ausblick


Die der Bewusstseinsevolution innewohnende fortwirkende Kraft motiviert zur Überschreitung (Transzendenz) der Grenzen des rationalen Ichs. Wir wollen weiter wachsen und uns befreien von den Einschränkungen, die wir uns in unserer Geschichte angewohnt haben. Wir suchen die innere Freiheit nicht, weil wir von kindlichen Wunschphantasien nach einem Paradies angetrieben sind, sondern weil wir unser inneres Wesen finden wollen, von dem wir eine Ahnung haben, die uns keine Ruhe lässt, bis wir diese „Heimat“ im großen Ganzen gefunden haben. Wir können aber die Herausforderungen dieses Übersteigens nur meistern, wenn unser Ich stabil genug ist. Sonst wird uns jeder Schritt in diese Richtung in die präpersonalen Themen zurückwerfen. „Losgelassen“ werden kann nur ein stabiles Ich.

Übersicht: Prä-Trans-Verwechselungen

Kurzform Kurzbeschreibung Beispiele
Prä ⇒ Trans Prärationale Erfahrungen werden als transpersonale Erfahrungen missverstanden. Esoterik, Romantik, Ablehnung der Intellektualität und Rationalität
Trans ⇒ Prä Transrationale Erfahrungen werden als präpersonale Erfahrungen missverstanden. Wissenschaft, Psychoanalyse, Atheismus, Überschätzung der Intellektualität und Rationalität

Kurzform Subjektiv Intersubjektiv
Prä ⇒ Trans Eine regressive oder dissoziative Erfahrung wird als spirituell erlebt. Die Erfahrung wird naiv hochgeschätzt, die Person wird verehrt.
Trans ⇒ Prä Eine spirituelle Erfahrung wird als verstörend und irritierend erfahren (vgl. spirituelle Krise). Die Erfahrung wird pathologisiert, die Person wird für krank erklärt.

Kurzform Subjektive Symptome Objektive Merkmale
Prä ⇒ Trans Leiden an einer spirituellen Erfahrung, Angst Inauthentizität, Diskrepanz zwischen Reden und Handeln
Trans ⇒ Prä Verwirrung, Erfahrung kann nicht eingeordnet werden. Intaktes Ego, Unsicherheit in Bezug auf die Spiritualität, Schwierigkeiten bei der Konzeptualisierung

Kurzform Therapeutischer Fehler Therapeutische Konsequenz
Prä ⇒ Trans Der Traumaanteil (die Dissoziation) an der Erfahrung wird übersehen. Positive Gegenübertragung Der Traumaanteil an der Erfahrung wird aufgearbeitet.
Trans ⇒ Prä In die Erfahrung wird ein Traumaanteil (eine Dissoziation) projiziert. Negative Gegenübertragung Die Erfahrung wird als Ressource genutzt.


Literatur:
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos: Eine Jahrtausend-Vision. Fischer Taschenbuch 2011 (1995)
Michael Habecker, Sonja Student: Wissen, Weisheit, Wirklichkeit: Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität. Kamphausen Verlag 2011

Samstag, 20. April 2013

Die Eso-Hasser und das Skeptiker-Syndrom

In der reichhaltigen Kommunikationswelt, in der wir unser Leben führen, gibt es die vielfältigsten Strömungen und Interessensgruppen. Im weiten Feld der Therapien und Heilmethoden spiegelt sich diese Vielfalt wieder. Auch hier gibt es Revierstreitigkeiten und Konkurrenzkämpfe, weil es ja nicht nur um die Verbesserung des Lebens, sondern auch um Macht und Geld geht. Außerdem und gerade dadurch entstehen Unsicherheiten und Orientierungslosigkeiten. Wenn ich ein körperliches Leiden habe, wohin soll ich mich wenden: Klassische Medizin oder alternative Heilwege, den Onkel Doktor oder die Geistheilerin? Wenn ich ein seelisches Leiden loswerden will, wen soll ich konsultieren, eine Psychoanalytikerin, einen Gestalttherapeuten, eine Engelskartenlegerin oder einen Handaufleger?


Die Rationalisten


Manche Menschen schwören auf alles, was geheimnisvoll und auserwählt klingt und gehen konventionellen Methoden prinzipiell aus dem Weg, andere wieder stellen alle Nackenhaare auf, wenn von „Energieströmen“ und „Naturgeistern“ die Rede ist. Sie gehören zur Kategorie der Skeptiker. Sie setzen auf die wissenschaftliche Rationalität. Wahr ist nur, was sich allgemein gültig überprüfen lässt. Die Kriterien der Allgemeingültigkeit werden in der modernen Wissenschaft, vor allem in der Physik, definiert und gelten dann für die gesamte Wirklichkeit. Jede Erkenntnis, die diesen Kriterien nicht entspricht, ist als solche zu entlarven und muss angeprangert werden, damit die Menschen nicht auf sie hereinfallen.

Von dieser Haltung angezettelt, haben sich richtige Schlachtfelder vor allem im Bereich der Alternativmedizin (Stichwort Homöopathie) entwickelt, wo es um viel Geld und Macht geht. Zwar haben sich die Skeptiker auf weite Strecken im politischen Feld durchgesetzt und dominieren die institutionellen Strukturen, doch hält das viele Menschen nicht davon ab, weiterhin Hilfsangebote abseits der konventionellen Medizin zu konsultieren – offenbar mit Erfolg und subjektivem Nutzen, sonst würde es diese Hilfsangebote nicht mehr geben. Es gibt auch viele klassisch ausgebildete Ärzte, die andere, krankenkassenmäßig nicht anerkannte Methoden anwenden, offenbar weil sie der Meinung sind, dass das, was sie auf der Universität und im Spital gelernt haben, nicht ausreicht, um alle Menschen gesund zu machen.

Solche Phänomene beunruhigen die Skeptiker und motivieren sie, propagandistisch aktiv zu werden. Zu diesem Zweck gibt es eine Plattform im Internet, die sich laut Eigendefinition „als kritischer Verbraucherschutz vor scheinheiligen, nutzlosen und wirkungslosen Produkten, Therapien und Ideologien“ versteht: www.psiram.com.  Sie will „falsche Prediger, Ideologen, Scharlatane und Betrüger” präsentieren und damit den Geldbeutel der Verbraucher schützen.

Diese an sich lobenswerten Ziele werden aber konterkariert durch seltsame und widersprüchliche Praktiken. Hinter der Plattform, die ursprünglich „Esowatch“ hieß, aber nach Gerichtsverfahren (wegen Verleumdung, übler Nachrede und Domain-Diebstahl) zusperren musste, steckt die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP).

Claus Fritzsche, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, schreibt über diese Organisation: „Es gibt innerhalb der GWUP eine ganze Reihe von Mitgliedern, die ohne hinreichende fachliche Kenntnis der jeweiligen Materie eine Art Weltanschauungskampf gegen alles führen wollen, was sie mit dem Begriff „paranormal“ assoziieren, die dabei auch (bewusst oder unbewusst) eine selektiv-einseitige Darstellung der Fakten und Argumente sowie zuweilen auch emotional-unsachliche rhetorische Taktiken in Kauf nehmen, während sie an wissenschaftlichen Untersuchungen zu Parawissenschaften höchstens insofern interessiert sind, als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten.“



Das Skeptiker-Syndrom


Der Soziologe Edgar Wunder, Gründungsmitglied der GWUP und  auch später ausgestiegen, hat den Begriff des „Skeptiker-Syndroms“ geprägt, mit dem die eigentümliche Dynamik beschrieben wird, wie die Bekämpfer von Sekten selber eine Gruppe mit sektenartigen Elementen bilden, ohne das zu merken. Und wie Leute, die Betrüger und Schwindler entlarven wollen, selber zu Internet-Mobbern und Rufschädigern werden.

Unter anderem gehören zu diesem Bild die folgenden Merkmale:
•    Eine missionarische Einstellung, die vorgibt, die Gesellschaft zu schützen, indem „paranormale“ Ideen bekämpft und deren Vertreter entlarvt werden.
•    Die Berufung auf Wissenschaft, ohne dass selber wissenschaftlich geforscht wird, statt dessen werden Vorurteile weitergegeben, wie: „Das ist ja klar, dass das Quatsch ist, das sieht man ja sofort, dass das Unfug ist.“
•    Irrationale Bedrohungsszenarien, wie: „Die Welt wird von Unsinn überflutet.“
•    Maßlose Überschätzung der eigenen Bedeutung: Wir sind die Elite, die alles durchschaut.
•    Die Pathologisierung der „Gegner“, die als geisteskrank, gestört oder dumm abgeurteilt werden oder denen blind „Betrügerei“ und anderen kriminellen Absichten unterstellt werden.
•    Aburteilung von Menschen, besonders beliebt mit dem Stichwort: „Esoteriker“, das als solches schon ausdrückt, dass ein solcher Mensch einen geistigen Schaden hat.
•    Stereotypes Lagerdenken: Hier die skeptischen Gutmenschen, dort die gefährlichen Paranormalen.
•    Keine persönlichen Erfahrungen: Die kritisierten Praktiken wurden selber nie ausprobiert, weil ja von vornherein klar ist, dass sie nichts bewirken können.
•    Undemokratische Strukturen, Geheimhaltung.



Psiram


Ein paar Details zu der Psiram-Seite: Sie ist mit der Wikipedia-Software gestaltet und will offenbar damit den Eindruck von Seriosität wahren. Inwieweit manche Redaktoren von Wikipedia mit Psiram verflochten sind, ist m.W. nicht geklärt, auch weil alle Psiram-Autoren anonym sind, lässt sich aber aus einigen Psiram-Blog-Einträgen ableiten. Jedenfalls ist in Wikipedia über Psiram nachzulesen: „Die Autoren agieren ausschließlich unter Pseudonymen, die Betreiber sind unbekannt. Das anonyme Auftreten wird von Psiram mit möglichen Belästigungen identifizierbarer Kritiker durch die Esoterikszene gerechtfertigt. Die Domain esowatch.com wurde über eine Firma in Hongkong registriert, der Registrar von psiram.com hat seinen Sitz in Panama. Neue Autoren werden nach eigener Angabe erst auf Anfrage und bei Eignung als Psiram-Autoren zugelassen.“ Interessant ist allerdings, dass in Wikipedia nichts von den Gerichtsverfahren gegen Esowatch/Psiram berichtet wird.

Diese Form der skeptischen Publikation ist ein vorwiegend deutsches Phänomen – die Seite hat ca. 2600 deutsche Einträge, 226 französische und nur 93 englische. Darum findet sich auch ein sehr einseitiger Bericht zu Bert Hellinger und zur Familienaufstellung. Wer auch nur eine oberflächliche Kenntnis von der Person und von der Methode hat, erkennt sofort, dass hier mit einem unfairen, wenn nicht bösartigen Maß gemessen wird. Um nur ein Beispiel hervorzuheben: Es wird beim Artikel über das Familienstellen unter der Überschrift „Anwenderkreis“ eine einzige Person vorgestellt, der vorgeworfen wird, dass sie in einer Talkshow gesagt haben soll, „dass die Deutschen über weite Strecken Opfer sind.“ Es gibt Zehntausende Anwender dieser Methode auf der ganzen Welt, was bedeutet da eine Aussage einer einzigen Anwenderin? Außerdem wird sie als inkompetent charakterisiert, weil sie „Medizinlaie und ausgebildete Diplom-Volkswirtin“ sei. Also können nach Meinung von Psiram nur Medizinprofis gute Familienaufstellungen machen.

Die Hellinger-Debatte ist über weite Strecken ein deutsches Phänomen und hat mit der Frage zu tun, wie der Nationalsozialismus aufgearbeitet werden soll. Die Auseinandersetzung um die Vergangenheitsbewältigung ist ein seriöses und wichtiges Thema, es kann aber nur sinnvoll geführt werden, wenn ein Minimum an persönlichem Respekt herrscht, und diese Haltung fehlt den Psiram-Autoren als Grundeinstellung. Vielmehr ist augenfällig, wie sie zwar hochsensibel (echtes oder vermeintliches) rechtsradikales Gedankengut aufspüren, selber aber in der Aggressivität ihrer Darstellung und Wirklichkeitsverzerrung auf menschenverachtende Einstellungen zurückgreifen, wie sie in ganz ähnlicher Form von den Nationalsozialisten gebraucht wurden.

So lesen sich viele Einträge in Psiram wie die Beipackzettel von Medikamenten, nur ist alles weggelassen außer die Informationen über mögliche schädliche Nebenwirkungen. Es geht also nicht um umfassende Information, Aufklärung, sachliche Würdigung und Kritik, sondern um Abwertung und Diffamierung von vorverurteilten Menschen, Methoden oder Produkten.



Eigene Erfahrungen mit dogmatischen Skeptikern


Ich wurde selber schon von einem – natürlich –  anonymen Poster eines Internet-Forums als „esoterischer Psychotherapeut“ abgestempelt, als Hinweis, dass das, was so jemand schreibt, nicht ernst genommen werden muss, soll und darf. Schnell ist die Eso-Keule gezückt, und jede differenzierte und sachliche Argumentation erübrigt sich. Man braucht sich auch nicht die Mühe zu machen, nachzulesen, was ich über Esoterik geschrieben habe, weil die Etikettierung dann nicht mehr so eindeutig ausfallen könnte.

Vor vielen Jahren hatte ich das Rebirthing-Atmen mit sehr viel persönlichem positivem Gewinn kennengelernt. Das motivierte mich, die Methode nach entsprechender Ausbildung an andere weiterzugeben, und bemerkte, dass sie den meisten Menschen, nicht allen, aber doch sehr vielen, tiefe heilsame Erfahrungen brachte. In der Zeit las ich in einer Zeitschrift einen reißerischen und abwertenden Artikel gegen diese Methode. Ich nahm Kontakt mit dem Verfasser des Artikels auf, mit der Erwartung auf eine sachliche Auseinandersetzung. Doch nach etwas Briefverkehr (das war die Zeit, in der noch Briefe geschrieben wurden…), bei dem ich merkte, dass ich auf einen sehr verhärteten Standpunkt traf, kam eines Tages in einem Antwortschreiben der Satz: „Im Übrigen habe ich es mir zum Ziel gesetzt, dass diese Methode zerstört wird.“ Damit beendete ich den Austausch, verwundert, welche Ziele Menschen manchmal verfolgen: In der vermeintlichen Absicht, Menschen vor Schaden zu schützen, etwas vernichten zu wollen, was Menschen viel Gewinn bringen kann.

(Das Ziel wurde übrigens bis heute nicht erreicht. Ich selber verwende zwar den Begriff nicht mehr, weil ich für mich in Anspruch nehme, die Methode weiterentwickelt zu haben. Dennoch gibt es auf der ganzen Welt viele Therapeuten, die die Rebirthing-Methode anwenden. Wenn sie so gefährlich und schädlich wäre, wie das manche Kritiker annehmen, müsste sie schon längst von selbst verschwunden sein.)



Undogmatische und dogmatische Skeptiker


Wenn wir Skeptikern begegnen, ist es wichtig zu unterscheiden, ob sie undogmatisch oder dogmatisch sind. Das wird man z.B. daran merken, ob sie den Wert von Eigenerfahrungen anerkennen, z.B. wenn jemand sagt: „Ich kann besser schlafen, seit ich mein Bett auf Rat von einem Wünschelrutengänger entstört habe“. Sie können vielleicht fragen, ob es auch andere Ursachen für die Verbesserung des Schlafes geben kann, stellen aber nicht grundsätzlich die Erfahrung in Frage in der Art: „Das ist sicher nur eine Einbildung.“ Man kann es auch daran merken, dass sich das Gespräch im Kreis dreht, weil der Gesprächspartner keinen Zentimeter von seiner Position abweicht und mit den immer gleichen Argumenten kommt.

Sobald also der Eindruck entsteht, dass der Gesprächsablauf ähnlich frustrierend ist wie mit einem Zeugen Jehovas, ist klar, dass der Kommunikationspartner ein dogmatischer Skeptiker ist. Dann kann es das Sinnvollste sein, das Gespräch freundlich und klar zu beenden. Gespräche sind nur dann gut, wenn jeder Gesprächspartner bereit ist, sich durch das Gespräch verändern zu lassen. Sie sind dann sinnlos, wenn der andere nur seine eigene Meinung durchsetzen und bestätigen will.

Claus Fritzsche zum Nachlesen
Edgar Wunder zum Nachlesen


Vgl.: Was ist Esoterik?
Vgl.: Die Wunderheiler