Dienstag, 12. November 2013

Narzissmus und Prä-Trans-Verwechslungen

Im ersten Beitrag zu den Prä-Trans-Verwechslungen habe ich die Vermutung geäußert, dass die Tendenz zu solchen Verwechslungen auf nicht aufgearbeiteten Traumaerfahrungen beruht. Aus solchen Vorprägungen kann auch die innere Anziehung zu „zwielichtigen" Angeboten der Esoterik erwachsen, die viele Menschen in unseren Breiten zum Konsum von entsprechenden Büchern, Gegenständen und Dienstleistungen motiviert.

Ich möchte hier die Verbindung zwischen Prä-Trans-Verwechslungen und narzisstischen Störungen genauer betrachten. Narzisstische Persönlichkeitsstörungen haben die Kennzeichen von einer Überschätzung der eigenen Wichtigkeit verbunden mit Fantasien über Erfolg und Macht, Verlangen nach Bewunderung durch andere, Fehlen von Einfühlungsvermögen, Egoismus und Überheblichkeit. Das zentrale Bestreben des Narzissten liegt darin, sein labiles Selbstwertgefühl in Balance zu bringen. Er nutzt dafür andere Menschen gnadenlos aus, häufig mit ausgeprägten manipulativen Fähigkeiten. Narzissten können nach außen sehr charmant und gewinnend auftreten, während sie zugleich, aus der Nähe betrachtet, kühl, unnahbar und arrogant wirken.

Menschen, die in ihrer Kindheit wenig echte Zuwendung und Verständnis erfahren haben, können diese Störung entwickeln. Da sie als Kinder selber nie oder viel zu wenig „gesehen“ wurden, erkennen sie andere Menschen und deren Bedürfnisse nicht oder nur mangelhaft. Von den Eltern eher an äußeren Maßstäben gemessen (Du bist viel besser, schöner, tüchtiger als andere Kinder, oder: Du musst noch viel besser, schöner, tüchtiger werden, um zu genügen), entwickeln sie kein realistisches Selbstwertgefühl. Außerdem fehlt es ihnen an Empathie, die ihnen selbst nie oder viel zu wenig entgegengebracht wurde.

Nach dem Psychoanalytiker Stavros Mentzos (1984) gibt es verschiedene narzisstische Kompensationsmöglichkeiten zum Ausgleichen der Defizite im Selbstwertgefühl, von denen hier drei in Bezug auf die Esoterik beleuchtet werden:
Die erste Möglichkeit besteht darin, durch Regressionen in einen früheren (vermutlich pränatalen) Einheitszustand einen Selbstwert- und Machtzuwachs zu bewirken. Daraus entsteht dann die Grundlage für Verschmelzungsfantasien mit etwas unbegrenzt Großen.
Im zweiten Fall werden die unangenehmen Aspekte der Realität mit Hilfe von Größenfantasien verleugnet. Kinder, denen dauernd bestätigt wurde, dass sie ganz besonders und besser als andere Kinder sind, können als Erwachsene Wahnvorstellungen unterschiedlichen Grades (von harmlosen Tagträumereien bis zu psychotischem Größenwahn) entwickeln.
Drittens kann durch die Idealisierung von anderen Personen, die als omnipotent und allwissend verherrlicht werden, versucht werden, das eigene Selbstwertgefühl zu retten.
Im günstigeren Fall entwickelt sich ein Selbst, das innere Sicherheit, Selbstbewusstsein und ein ruhiges Selbstvertrauen ermöglicht, relativ unabhängig von Anerkennung und Kritik durch andere. Kommt es allerdings zu Krisen, dann kann das Fehlen von Erfolgen oder von Bestätigungen durch andere Menschen zu manifesten Störungen führen.


Narzisstische Kompensation durch esoterische Angebote


Die jeweilige Art der narzisstischen Kompensation kann auf der Grundlage von Prä-Transverwechslungen das Interesse an esoterischen Angeboten in eine bestimmte Richtung lenken und damit den Kompensationsmechanismus zu verstärken. Ebenso kann die entsprechende narzisstische Störung auf der Seite der Anbieter den Hintergrund bereitstellen, der für die Entwicklung des entsprechenden Angebotes und seiner Vertretung und Propagierung auf dem Markt notwendig ist.


Verschmelzungsfantansien


Ozeanische Verschmelzungsgefühle gehen mit großer Wahrscheinlichkeit zurück auf die pränatale Zeit, also die erste Geburtsmatrix nach Stan Grof. Der Embryo erlebt im günstigen Fall ein Gefühl des Einsseins mit dem mütterlichen Organismus, das eine gewaltige Ressource für das Urvertrauen in das Leben darstellt.

Das Kind beginnt, diese Einheit zu fantasieren, wenn sie schon verloren ist, und vor allem dann, wenn statt der ganz selbstverständlichen Verbundenheit Erfahrungen des Abgetrenntseins, der Einsamkeit und Unverbundenheit auftreten, wie es geschehen kann, wenn das werdende Leben unwillkommen ist, das Neugeborene von der Mutter getrennt wird oder das Baby allein gelassen wird. So wird die fantasierte Einheit in Form einer Verschmelzung mit etwas Großem und Ganzen zum Fluchtpunkt aus einer schwer zu ertragenden Wirklichkeit voll von emotionalen Entbehrungen.

Menschen, die eine Erfüllung solcher Verschmelzungsfantasien suchen, finden in esoterischen Angeboten eine reichhaltige Anregung und Bestätigung in esoterischen Angeboten: Propagiert wird das Erreichen der Verbundenheit mit Allem, das Eins werden mit einem großen Ganzen, die Auslöschung der eigenen Identität, und der Weg zurück zur Einfachheit, mittels verschiedenster Psychotechniken oder pseudospiritueller Praktiken.


Größenfantasien


Größenfantasien können entstehen, wenn Eltern das Kind idealisieren. Sie sehen das Kind nicht, wie es ist, mit seinen Stärken und Schwächen, sondern so, wie sie es gerne haben würden (oder: Wie sie selber gerne sein würden...). Das Kind entwickelt dann ein unrealistisch aufgeblähtes Selbstbild. Es verliert die Fähigkeit, sich selber an den Reaktionen der Außenwelt einzuschätzen. Die äußere Realität wird in ihrer Rolle als Korrektiv der Innenwelt zurückgestuft, und damit finden Konzepte Eingang ins Bewusstsein, die keinerlei Kontrolle durch die äußere Wirklichkeit benötigen, sondern sofort und ohne Prüfung anerkannt werden. Sie müssen nur mit den eigenen Größenfantasien kompatibel bleiben und sie bestätigen.

Die dahinterliegende Bindungsstörung zwischen Eltern und Kindern ist wahrscheinlich die unsichere (distanzierte) Bindung, die dadurch zustande kommt, dass sich das Kind den elterlichen Vorstellungen von Selbständigkeit und Unabhängigkeit unterordnet und seine eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung verdrängt.

Eine Form dieser Größenfantasien findet sich im Beziehungswahn und seinen milderen Abstufungen, einer Quelle für Prä-Trans-Verwechslungen. Aus der spirituellen Idee, dass alles mit allem verbunden ist, fixiert die narzisstisch gestörte Persönlichkeit inmitten des Netzes dieser unzähligen Verbindungen einen Zentralpunkt, das eigene Ich, auf das sich alles und jedes bezieht, was im Außen passiert, verbunden mit der Annahme, dass diese Beziehungen von einem selbst kausal verursacht werden. Die harmlosen Formen beginnen dort, wo jemand sagt, weil ich an XY gedacht habe, ruft er an (die möglicherweise viel zahlreicheren Gelegenheiten, bei denen jemand anruft, ohne dass vorher an ihn gedacht wurde, oder wo an jemanden gedacht wurde, und diese Person ruft dann nicht an, werden nicht beachtet, statt dessen wird die eine Erfahrung zur Regel gemacht, um die eigene Bedeutung zu erhöhen). Komplexer wird es, wenn jemand annimmt, dass die Leute deshalb aus der Straßenbahn aussteigen, weil man selbst einsteigt oder dass die Ampel deshalb auf rot (oder grün) gestellt wird, weil man gerade bei ihr ankommt.  Bis zu: Die Welt geht den Bach hinunter, weil ich selber zu wenig positive Gedanken bilde. In einer Welt der totalen Determiniertheit aller Vorgänge durch die eigene Willenskraft oder die eigenen Denkvorgänge gibt es natürlich auch keine Zufälle


Dazu passen die entsprechenden Angebote an esoterischen Lehren, die die unbegrenzte Erfüllung der eigenen Wünsche versprechen: Du brauchst dir nur auf die richtige Weise zu wünschen, dann wird dir alles gegeben. Das ganze Universum wartet nur darauf, einen jeden deiner Wünsche zu erfüllen. Das Schlaraffenland wird mit pseudospirituellen Gesetzmäßigkeiten für real erklärt. Kindliche Größenfantasien, in einer belasteten prärationalen Welt entstanden, liefern den Treibstoff für Lehrgebäude, die sich mit rationalen und spirituellen Bordüren verbrämen.


Idealisierung und Identifizierung


Der dritte Kompensationsmechanismus der Idealisierung und Identifizierung bevorzugt neue Konstruktionen der Wirklichkeit, wie sie z.B. in der Romantisierung bestimmter Phasen der Vergangenheit oder in der Erfindung fantastischer Kulturen auf anderen Planeten entstehen. In einer idealisierten Kultur können die Widersprüche und Unmenschlichkeiten der modernen Welt zum Verschwinden gebracht werden.

Weiters bieten sich Personen als Identifikationsmöglichkeiten für das narzisstische Bedürfnis nach Selbstüberhöhung an. Magische Meister mit übermenschlichen Fähigkeiten und kosmischen Verbindungen können nur die letztgültigen und von aller Mühsal befreienden Botschaften vermitteln. Wer über intime Kontakte zu den Plejaden verfügt, kann ein Wissen und eine Weisheit weitergeben, die jedes menschliche Maß übersteigen müssen, auch wenn die gechannelten Einsichten den Aussagewert eines durchschnittlichen spirituellen Ratgebers nicht wesentlich übersteigen.

Doch auch smarte Redner und Zahlenkünstler können mit dem willkürlichen Zusammenschneidern scheinbar objektiven Fakten das Publikum begeistern und seine Sehnsüchte nach einer besseren Welt befriedigen. So spricht z.B. der US-amerikanische New-Age-Vortragende und Bestsellerautor David Wilcock davon, dass sich gerade jetzt ein 25 920-Jahreszyklus abschließt, dank dessen die „Bösewichter“ genau in diesem Moment der Geschichte besiegt werden. Solche Botschaften hören wir gerne und danken es dem Retter mit der Verehrung, die einem Genie gebührt. Auch ist es angenehm zu hören, dass die kosmische Ordnung mit ihren mathematischen Regeln für die Beseitigung der Missstände auf dieser Erde sorgt, so brauchen wir uns selber gar nicht mehr wirklich anzustrengen. Wie leicht sich mit solchen Fantasien und Irreführungen viel Geld verdienen lässt, zeigt die weite Verbreitung der narzisstischen Verknüpfung von Größenfantasien und Idealisierungen.

Wer vierzehn oder fünfundzwanzig Stufen der Erleuchtung gemeistert hat, muss in einem derartigen Maß frei und wach sein, dass er/sie bedingungs- und kritiklose Nachfolge verdient. Alle Mängel oder Menschlichkeiten der Person in Bezug auf die Ethik der Lebensführung, in kommunikativen oder wirtschaftlichen Belangen usw., die ein außenstehender Beobachter wahrnehmen würde, werden vom narzisstischen Idealisierer ausgeblendet.

Schließlich kann die narzisstische Identifikation auch Hypothesen, Theorien und Modellen gelten, die dann nicht mehr als solche angesehen werden, sondern als unhinterfragbare Dogmen. Die von der katholischen Kirche in der Zeit der Konfessionswirren des 16. Jahrhunderts definierte Form der Dogmatisierung, dass „jeder ein Ketzer ist“, der nicht an das entsprechende Dogma glaubt, findet sich noch in esoterischen Glaubensformen, die ihre Magie angeblich nur dann entfalten, wenn man bedingungslos an sie glaubt. Zweifel und rationale Überprüfungen werden ausgeschlossen, weil die Theorien aus übernatürlichen Quellen stammen und ihre Herkunft und Legitimität gerade deshalb nicht in Frage gestellt werden darf. Besonders verschiedene Katastrophen- und Verschwörungstheorien bedienen sich dieser Abschottung.

Sie versprechen ein Wissen über die Zukunft, das die Berechnung von kommenden Ereignissen und damit die Verfügung über die Zukunft ermöglicht –  magisches Wunschdenken, das der Psyche des verträumten Vorschulkindes entspricht, das die Geschichten, die ihm erzählt werden, und die Realität, in der es lebt, nicht genau auseinanderhalten kann. Wenn Erwachsene solchen Verwechselungen erliegen, kann das mit einer unbewussten Flucht in dieses Lebensalter zusammenhängen. Wie weit solche Phänomene Verbreitung finden können, zeigt sich an der Hysterie um den angeblichen Weltuntergang am 21. Dezember 2012. Eine NASA-Webseite zur Astrobiologie erhielt in dieser Zeit Tausende von Anfragen, darunter Fragen, ob man sich selber, die Kinder oder die Haustiere umbringen sollte. Im Mai 2012 wurden bei einer Umfrage in 21 Ländern 16 000 Erwachsene befragt, von denen 8% berichteten, dass sie Angst angesichts eines möglichen Endes der Welt am 21. Dezember 2012 hätten. 10% stimmten der Aussage zu, dass der Maya-Kalender das Ende der Welt angebe. Bezeugt ist ein Selbstmord aus Angst vor dem angeblichen Weltuntergang, berichtet wurde von zahlreichen anderen. (Wikipedia)

Die Projektion von Allwissenheit und Allmacht auf Personen, Konstruktionen oder Theorien, z.B. bei der Idealisierung von bestimmten historischen Epochen, bei der Verwechslung von Mythen und realer Geschichte (etwa beim Mythos von Atlantis – ein bekanntes Beispiel der esoterischen Geschichtsschreibung) und bei pseudowissenschaftlichen Theoriegebäuden wird ein undifferenziertes kindliches Gemüt angesprochen, das sich von den Mühen der Rationalität entlasten will. Solche Projektionen dienen als Fluchtpunkt aus einer unbarmherzigen und unangenehmen Realität, die das mühevolle Aushalten von Ambivalenzen und Unsicherheiten einfordert.

Natürlich sollen wir unsere Fantasie und die unserer Kinder nicht limitieren. Sie ist frei, und sie muss frei bleiben, weil wir sie brauchen, um unsere Kreativität gedeihen zu lassen. Und solange Fantasie Fantasie und sonst gar nichts ist, sie ist über jede Kritik erhaben. Diese ist erst dort sinnvoll und notwendig, wo Produkte der Fantasie als Realität ausgegeben werden, was eine Form der Täuschung oder des Betrugs, also der Unredlichkeit darstellt, und damit Schaden bewirkt. Mit den narzisstischen Anfälligkeiten der Menschen Geschäfte zu machen, ist wohl nicht strafbar, aber ethisch bedenklich und hat rein gar nichts mit transrationaler Spiritualität zu tun. 


Literatur:
Reinhard Haller: Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbsterkenntnis. Ecowin Verlag 2013
Arno Hraschan: Über Narzissmus. In: ATMAN-Zeitung 3/2013
Otto F. Kernberg: Narzissmus: Grundlagen – Störungsbilder – Therapie. Schattauer Verlag 2006
Christopher Lasch: Das Zeitalter des Narzißmus. Bertelsmann Verlag 1982
Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Fischer 1984
Heinz-Peter Röhr: Die Narzißmusfalle. Deutscher Taschenbuch Verlag 2005

Freitag, 8. November 2013

Die zwei Wahrheiten und die Alltagspraxis

Sind wir Wanderer zwischen zwei Welten? Einmal in der einen, ein andermal in der anderen, nirgends wirklich zuhause? Pendeln wir vom einen ins andere, ohne irgendwo jemals wirklich anzukommen? Sollte der Weg nicht darin bestehen, die Welt des Relativen immer mehr hinter sich zu lassen, um schließlich ganz in der Welt des Absoluten aufzugehen? Oder genügt es, ab und zu von den Blüten des Absoluten zu kosten, damit das Leben im Relativen erträglich bleibt? 

Die Welt der relativen Wahrheit ist ein unendliches Feld des Lernens. Die Welt der absoluten Wahrheit ist ein unendliches Feld des Wachsens und Fallens. Das Lernen braucht das Fallen, um an Tiefe und Freiheit zu gewinnen, das Fallen braucht das Lernen, um am Spiel der Gegensätze zu wachsen. Insoferne können wir mit der Vorstellung von einer horizontalen und vertikalen Dimension arbeiten und erkennen, dass wir beides zugleich sein können und müssen, wenn wir nicht flach oder fadendünn werden wollen: Eine absolute Wahrheit ohne Bezug zur relativen ist stumm, in sich verschlossen, von den Menschen und ihrer Welt abgeschnitten. Eine relative Wahrheit ohne Bezug zur absoluten ist schal und oberflächlich, geschwätzig und besserwisserisch. 

Die Vergeistigung des Alltags 


Oft berichten Menschen von der Langeweile und Routine ihres Alltags. Das Wort selber hat schon die lethargische und resignative Schwingung - im Alltag ist das Alltägliche, Gewöhnliche, Uninteressante, Beschränkte. Das eigentliche Leben spiele sich erst dort ab, wo das engmaschige Gewebe dieses Alltags durchbrochen wird - auf einer tollen Urlaubsreise, bei einem schönen Konzert, während einer intensiven Meditationsgruppe. Das Zurückkehren in den "grauen" Alltag wird als Enttäuschung erlebt, und es wird geklagt, wie schnell die Farbenpracht und hohe Schwingung der außergewöhnlichen Erfahrungen verloren geht. Die Sehnsucht besteht darin, ein Leben führen zu können, in dem es keinen Alltag gibt. Wenn man es schon selber nicht wagt, auf eine Abenteuerreise ohne Rückkehr aufzubrechen, liest man von den Erzählungen anderer und schaut sich spannende Filme vor dem Schlafengehen an, um sich möglichst weit weg von der schwarzen Magie des Müssens zu zaubern, die unweigerlich den nächsten Tag von früh bis spät durchziehen wird. 

Der Geschmack der absoluten Wahrheit ist nicht an bestimmte Speisen oder Bilder gebunden, an keine äußerliche Realität, an keine innere Gestimmtheit. Einmal genossen, kann er in alles und jedes eingewoben werden, was wir erleben. In jeder Situation, die uns das Leben beschert, können wir Schätze und Kostbarkeiten finden, wenn wir nur die internen Augen, Ohren und Geschmacksknospen dafür öffnen. Es sind nur Gewohnheiten der faulen Seele, die das Überschreiten einer Schwelle der Intensität erforderlich machen, dass das Außerordentliche am Leben erkannt wird. Wir können statt dessen lernen, in den kleinen Dingen das Große zu entdecken, in den matten Farben die Sattheit und in der Fadesse das Abenteuer. Wir brauchen nur zu tun und zu erleben, was wir gerade tun und erleben. Wenn wir uns ganz dahinein fallen lassen, was im Moment in unserer Erfahrung geschieht, wenn wir ganz darin aufgehen und zu dem werden, was gerade geschieht, dann zeigt sich ein Reichtum und eine Schönheit, die jeden Augenblick zu einer Feier des Lebens werden lässt. 

In dieser innigen Verbindung des Vertikalen und des Horizontalen, des Absoluten und des Relativen, kann jede Erfahrung eine Tiefe erlangen, die das Innere erfüllt, sodass nichts mehr belanglos, nichts mehr fahl und glatt erscheinen kann. Das ist wohl der Höhepunkt der Lebenskunst, die volle Verwirklichung des menschlichen Lebens. 

Die Erdung der Spiritualität 


Nicht nur der Alltag braucht die Vergeistigung. Auch der Geist braucht den Alltag. Er braucht den Kontakt zum Boden, zu den erdigen Dingen und Abläufen. Er wird lebendig, wenn er sich auf die vielfältigen Schönheiten der relativen Welt einlässt. Die Herausforderung, den Alltag zu verzaubern und die Routine zum Tanzen zu bringen, lässt den Geist wachsen. Der Humor ist eines seiner Wundermittel, der das Schräge, Absurde und Komische aufzeigt, das in der Verbohrtheit in die Kleinlichkeiten des Alltags liegt. Er macht auch nicht Halt vor den höchsten Heiligtümern und weisesten Menschen. Sollte das Verweilen im Absoluten oder das Suche der Wahrheit zu viel an Ernst und Strenge bewirken, bringt ein Bad in den irdischsten Formen des Humors alles wieder zurück an den rechten Platz der Menschlichkeit. 

Erst an den verworrenen Windungen des gemeinen Treibens zeigt sich, ob die erfahrenen Einsichten in das Absolute wirklich gediegen und klar sind. Nur eine Spiritualität, die diesen vielfältigen Herausforderungen gewachsen ist, ist von wirklicher Güte und Brillanz. Wie sie mit der Dummheit und Bosheit der Menschen, den Ungerechtigkeiten der Gesellschaft, den Wechselfällen des Beziehungslebens, den Zufälligkeiten des Marktes und Unzuverlässigkeiten des Körpers umzugehen vermag, ist ihr Prüfstein. Hier muss sich ihre Kreativität immer wieder aufs Neue erschaffen und bewähren. Das Reiben an den Verwerfungen und Kalamitäten des immer wieder neu sich erschaffenden Chaos des Menschenlebens poliert den Kristall und verleiht ihm immer wieder neue funkelnde Facetten. Das Umgehen mit solchen Prüfungen ist die eigentliche Aufgabe des Lebens, das nach Ganzheit und Vervollkommnung strebt, und weiß, dass es im Tanz von Relativem und Absolutem kein Ende gibt, sondern beständiges neues Erleben im „strebenden Bemühen“ (Goethe). 

Damit der Zugang zur absoluten Wahrheit nicht verschüttet wird von den vielfältigen Anforderungen und Versuchungen der Alltagswelt, braucht es spezielle Zeiten, die nur ihr gewidmet sind. Darin liegt der Sinn der rituellen Praktiken, wie sie in den Religionsgemeinschaften gepflogen werden, und der meditativen Übungen, die in Gruppen oder alleine durchgeführt werden können. Der Sinn des Rückzugs aus der Umtriebigkeit liegt nicht im Verschwinden in einer Kontrastwelt, sondern in einer Stärkung für das Wieder-Zurückkommen und Mitmischen in der Geschäftigkeit. Damit wird in das relative Tun eine Note hineingewoben, ein Klang, der ihm einen tieferen Sinn verleiht, eine tiefere Verbundenheit mit allem, was geschieht. 

Eine Spiritualität, die sich hermetisch in sich selbst zurückzieht und den Kontakt zur Lebenswelt der "relativen" Menschen verliert, wird verarmen und vertrocknen. Sie wird keine Worte mehr finden, um sich mitzuteilen, und sie wird von den anderen Menschen ignoriert werden. So bleibt sie unfruchtbar für die Erfordernisse der Weiterentwicklung. Pflegt sie jedoch die Beziehung zu den verschiedenen Lebensformen der Menschen, sucht sie immer wieder den Austausch, dann kann sie Wertvolles beitragen zur Verbesserung der Qualität des Lebens in den Kreisen der Gesellschaft. 

Was hat der Buddha auf dem Marktplatz verloren? 



Er muss sein Gemüse und Obst einkaufen und mit dem Händler einen guten Preis aushandeln. Dazu muss er die Logiken der relativen Wahrheit kennen, um nicht als naiver Tor durch die Welt zu taumeln. Er braucht die Bereitschaft, immer weiter und immer Neues zu lernen, weil sich die relative Welt fortwährend weiter entwickelt. So lernt er im Gemüsehändler eine Facette des Menschseins kennen, die auch eine Facette von sich selbst ist. Ohne den Händler würde er sie nie in sich finden. Und er übt sich in einer Weise des Redens, wie sie nur mit dem Gemüsehändler möglich ist, eine Form des Austausches, in der sich seine Buddhanatur in ganz spezieller Weise nach außen hin zeigt.

Zugleich erkennt er in dem Weben und Streben des Marktplatzes eine tiefere Wahrheit über das Leben: dessen permanentes Entstehen und Vergehen. Das Erleben der Unbeständigkeit in allen relativen Belangen verbindet ihn mit dem absoluten Wissen. Nichts ist von Dauer, und nichts braucht deshalb festgehalten zu werden. Da alles in permanenter Veränderung ist, gilt es, sich immer wieder dem Fließen anzuvertrauen, statt ihm Widerstand entgegenzusetzen. 

Hier unterscheidet er sich vom Gemüsehändler, dessen Blick nicht über sein Gemüse hinausreicht. Sein Leben hängt ab von den Gemüsepreisen, von den Saisonen und der Kauflust der Kunden. Nur Teil der relativen Welt zu sein, bedeutet, ihrer Willkür ausgesetzt zu sein, wie ein Tischtennisball den Wellen des Meeres. 

Der Weise dagegen kann inmitten der Wellengänge des großen Ozeans des Lebens immer wieder zur Gelassenheit und Ruhe in sich selbst finden. Er wird damit zum Modell für ein Leben im Relativen und jenseits des Relativen, für ein Leben im Vertikalen wie im Horizontalen. 

Vielleicht macht sich der Gemüsehändler, inspiriert von seinem Buddha-Kunden, eines Tages auf den Weg, die tieferen Gesetzmäßigkeiten des Menschlichen zu erforschen und wird dann selber ein Buddha auf dem Marktplatz. 

Einfach in die Einheit von Absolutem und Relativem eintauchen 


Wer - wie jeder Mensch - des bewussten Atmens mächtig ist, weiß im Grunde, wie in jedem Augenblick das Mysterium der Verbindung von Absolutem und Relativem geschehen kann: Im Einatmen die Weite und Vielfalt der Welt, im Ausatmen die Einfachheit des In-die-innere-Weite-Fallens, und beides im jeweilig Anderen erkannt und gelebt werden kann. Der Atemvorgang wird vom vergänglichen Körper in Gang gehalten, vergänglich wie jeder Atemzug selbst, und der Atem lässt uns mehr und ganz anderes spüren, die Qualität des einfachen, zeitlosen Daseins. Mit dieser Einfachheit können wir beginnen, Relatives und Absolutes als Eines zu erfahren, und immer wieder können wir in sie eintauchen. 

Vgl. Die zwei Wahrheiten, Die zwei Wahrheiten und das Ego, Die zwei Wahrheiten und die Religionen, Die zwei Wahrheiten und die Sprache

Dienstag, 5. November 2013

Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit


Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger versucht in einem interessanten Artikel die Themenbereiche von Philosophie, Religion und Spiritualität in eine neue Beziehung zu bringen. Viele seiner Gedanken decken sich mit den auf dieser Blogseite vertretenen Ansichten und bringen auch neue Einsichten in die Zusammenhänge. Ich gebe hier einen Überblick über diesen Text. Die Zahlen in Klammer geben die Seitenzahl im Text wieder. Am Ende finden sich einige weiterführende Anmerkungen von meiner Seite.

Der Ausgangspunkt: Drei Grundthesen


1)      Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.
2)      Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung beschreiben.
3)      Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

Unter Spiritualität wird vor allem eine Praxis und nicht so sehr eine Theorie, eine bestimmte Form des inneren Handelns und nicht eine bestimmte Frömmigkeit oder ein dogmatischer Glaube verstanden.  „Bei der spirituellen Erfahrung geht es nicht nur um Bewusstheit als solche, sondern auch im ihre leibliche Verankerungen, um die subjektive Innenseite dessen, was … embodiment oder grounding genannt wird. Das Ziel ist immer der Mensch als Ganzer.“ (7)

Spiritualität wird auch als epistemische, also auf Wissen gerichtete Einstellung verstanden:
„Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen.“ (8) „Die spirituelle Einstellung ist eine Ethik des inneren Handelns um der Selbsterkenntnis willen.“ (9)
Metzinger greift dabei auf den Begriff der Unbestechlichkeit nach Krishnamurti zurück, „der semantische Kern eines wirklich philosophischen Begriffs der Spiritualität.“ (10)
Darunter wird eine Unbestechlichkeit gegenüber:
  • Versuchen, die Meditationspraxis an metaphysische Theorien zu binden,
  • ideologischen Formen des rationalistischen Reduktionismus
  • und sich selbst gegenüber verstanden.
Das führt zu dem zentralen Begriff des Textes, die intellektuelle Redlichkeit. Der Begriff bedeutet, „dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt, und zwar selbst dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht, und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht oder der akzeptierten Lehrmeinung entspricht.“ (11)

Meditation zielt „auf diese Erhöhung von mentaler Autonomie. Meditation kultiviert die geistigen Bedingungen der Möglichkeit von Rationalität. Es geht nämlich um die innere Fähigkeit, nicht zu handeln, um die sanfte, aber sehr präzise Optimierung von Impulskontrolle und eine schrittweise Bewusstwerdung der automatischen Identifikationsmechanismen auf der Ebene unseres Denkens.“  „Das aufrichtige Streben nach intellektueller Integrität ist in Wirklichkeit ein wichtiger Sonderfall des Strebens nach moralischer Integrität.“ (12)

Drei Brücken zwischen der spirituellen Praxis und dem rationalen Denken


Die erste Brücke: „Bei beiden geht es um eine Ethik des inneren Handelns um der Erkenntnis willen. Und in beiden Fällen ist das Ziel die systematische Erhöhung von geistiger Autonomie.“ (14)
Die zweite Brücke: die Lauterkeit der Absicht, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein (nach Immanuel Kant).
Die dritte Brücke bildet Nietzsches Wille zur Wahrhaftigkeit: „Er erlaubt es uns, die von der Evolution fest in uns eingebaute Suche nach emotionaler Sicherheit und guten Gefühlen loszulassen und der Tatsache ins Auge zu schauen, dass wir radikal sterbliche Wesen sind, die zu systematischen Formen der Selbsttäuschung neigen. Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber erlaubt es, das Wahnhafte und die systematische Endlichkeitsverleugnung in unserem Selbstmodell zu entdecken.“ (15)

Wie hast du‘s mit dem Glauben?


Wann ist es ethisch in Ordnung, an etwas Bestimmtes zu glauben, sich also eine bestimmte Überzeugung „zu Eigen“ zu machen? Der Evidentialismus ist eine Erkenntniseinstellung, bei der man nur an etwas glaubt, für das man wirklich Argumente und Belege hat.
Er steht im Gegensatz zum Dogmatismus (Es ist legitim, an einer Überzeugung festzuhalten, einfach weil man sie schon hat) und zum Fideismus (Es ist legitim, an einer Überzeugung auch dann festzuhalten, wenn es keine guten Gründe oder Evidenzen für sie gibt, sogar angesichts überzeugender Gegenargumente). 

Dogmatismus und Fideismus beinhalten die Verweigerung jeder ethischen Einstellung zum inneren Handeln überhaupt, einen Mangel an innerem Anstand, vorsätzliche Selbsttäuschung, systematisches Wunschdenken oder auch Paranoia, „während das psychologische Ziel der Ethik eines Glaubens eine ganz bestimmte Form von geistiger Gesundheit ist. Ich nenne diese Form von geistiger Gesundheit ‚intellektuelle Integrität‘.“ (16)

Nach dieser Unterscheidung kann Metzinger den Vertretern der organisierten Religion aller Art die intellektuelle Redlichkeit absprechen. Statt dessen kommt es zur Missachtung des Prinzips der Selbstachtung, zum Verlust der Würde und der geistigen Autonomie. Das betrifft nicht nur die Vertreter der Kirchen, „sondern auch einen sehr großen Teil der so genannten ‚spirituellen Alternativkultur‘, die durch infantile Selbstgefälligkeit und grobe Formen der intellektuellen Unredlichkeit gekennzeichnet sind.“ (16f) „Wenn man ernsthaft an der Frage nach der Möglichkeit einer säkularisierten Spiritualität interessiert ist, dann muss man alle relevanten empirischen Daten und alle möglichen Gegenargumente in Betracht ziehen.” (17)

Selbsttäuschungen


Die Evolution des Glaubens hat „viel mit der Evolution von nützlichen Formen der Selbsttäuschung zu tun.“ (19) Im Laufe der Entwicklung der Menschen haben sich falsche Überzeugungen, positive Illusionen und komplette Wahnsysteme als zeitweilig nützlich erwiesen und als genetische Programme verfestigt. „Selbsttäuschung lässt uns vergangene Niederlagen vergessen, sie erhöht Motivation und Selbstvertrauen.“ (20)
Solche Verdrängungsmechanismen bieten nicht nur eine defensive Funktion, indem sie den inneren Zusammenhalts einer Gruppe schützen. „Sie dienen allem Anschein nach auch auf sozialpsychologischer Ebene als wirksame Strategie, um genau die Information zu kontrollieren, die für andere Menschen verfügbar ist, um diese effektiver zu täuschen – zum Beispiel um andere wirklich glaubhaft davon zu überzeugen, dass man moralischer, stärker, schlauer oder attraktiver ist, als es tatsächlich der Fall ist. Selbsttäuschung dient also nicht nur dem Selbstschutz, sondern auch der Aggression, etwa dem Versuch der Erhöhung des eigenen sozialen Status.“ „Wer es also ernst meint mit dem philosophischen Projekt der Selbsterkenntnis, muss die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass intuitive Gewissheiten systematisch in die Irre gehen können und dass es auch beim ‚direkten Blick ins eigene Bewusstsein‘ jederzeit introspektive Illusionen geben könnte.“ (20)

Wir haben also eine tief in uns verankerte Neigung, uns selbst zu täuschen und Dinge für wirklich zu halten, die es gar nicht sind. Solche Mechanismen haben mit der Entwicklung von Religionen zu tun und wurden auch von diesen zur Etablierung ihrer Monopolstellung in der Wirklichkeitsdeutung und Sinnerzeugung genutzt.

Die „Terror management theory“


Das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit erzeugt einen direkten Konflikt mit unserem Selbsterhaltungstrieb und damit auch das Potenzial für eine lähmende, existentielle Form der Angst. Wir versuchen diese zu bewältigen, indem wir Sicherheit und Stabilität in einer Weltanschauung suchen, die wir als eine Art „Angstbuffer“ benutzen. Ein fester ideologischer Rahmen ermöglicht es uns dann auch auf emotionaler Ebene, unser Selbstwertgefühl zu stabilisieren, zum Beispiel durch einen religiösen Glauben.“ (21)
Metzinger zitiert Forschungen aus dem Bereich der  Terror management theory. Sie zeigt: „Je schlechter es uns gelingt, Informationen über die eigene Sterblichkeit zu verdrängen, desto stärker identifizieren wir uns mit dem von uns gewählten ideologischen System.“ (21)

Das „adaptive Wahnsystem“


Unter Wahn ist eine offensichtlich falsche Überzeugung zu verstehen, die mit einem starken subjektiven Gewissheitserleben einhergeht und die durch vernünftige Argumente oder empirische Belege nicht korrigiert werden kann. Ein System aus Wahnvorstellungen ist ein ganzes Netzwerk zusammenhängender Überzeugungen, das auch von vielen Menschen miteinander geteilt werden kann. Wahn beeinträchtigt immer die Lebensführung und erzeugt Leidensdruck, das gilt auch für religiöse Glaubenssysteme. „Eine Einschränkung von intellektueller Redlichkeit führt zu einem Verlust von Autonomie und Flexibilität. Sie hat die Menschheit wiederholt in politische und militärische Katastrophen geführt, in Diktaturen und Kriege.“ (21)
Natürlich kann es kurzfristig Trost, intensive Gemeinschaftserfahrungen, Geborgenheit bei Unsicherheit bewirken, „metaphysische Placebos, die in der existentiellen Palliativmedizin eingesetzt werden. Für die Menschheit als Ganze ist diese Strategie aber objektiv nicht nachhaltig. … Die lokale, kurzfristige Stabilisierung des Selbstwertgefühls erzeugt auf globaler Ebene immer wieder unfassbares Leid.“ (21)

 „Dass ein Wahnsystem ‚adaptiv‘ ist, bedeutet, dass es eine Anpassungsleistung darstellt.“ Es schützt vor Gefahr, wie sie z.B. durch „das plötzlich auftretende, explizite und bewusst erlebte Wissen um die eigene Sterblichkeit“ ausgelöst wird. (21) Religion entsteht zuerst aus Bestattungsriten und aus dem Ahnenkult, also aus „systematischen Formen der Sterblichkeitsverleugnung – Coping-Strategien in Bezug auf die eigene Endlichkeit.“

Die Evolution hat „allem Anschein nach erfolgreiche Formen von geistiger Krankheit hervorgebracht.“ Sie hat möglicherweise Vorgänge in uns installiert, die „das Selbst sozusagen von Geburt an korrupt machen.“ Wir sind deshalb ethisch nicht verantwortlich, weil dieser Mechanismus von der Evolution in die Architektur unserer Gehirne und damit auch in unseren Geist einprogrammiert wurde. Wenn wir jedoch von dieser Tatsache wissen, ergibt sich „eine direkte ethische Verpflichtung, die verschiedenen Mechanismen der Selbsttäuschung so gut wie irgend möglich zu verstehen, … mit allen Formen des epistemischen Handelns gleichzeitig.“ (22)

Die Absicherung von solchen Selbsttäuschungsvorgängen verläuft sowohl Bottom-up, durch die biologische Einprogrammierung der Selbsttäuschung, wie Top-Down: „Die gesellschaftliche und kulturelle Dynamik – für die wir als einzelne Menschen eine Mitverantwortung tragen – kann den menschlichen Geist natürlich auch ‚von oben‘ versklaven, zum Beispiel durch die verschiedensten Weltanschauungen und Ideologien.“ (22)

Aber auch die intellektuelle Redlichkeit könnte ideologisch werden, wie eine neue Religion. Deshalb ist es notwendig, „den Mechanismen, die seine innere Integrität bedrohen, so direkt wie möglich ins Angesicht zu schauen – und zwar immer wieder von Neuem. Man kann das von innen tun, oder von außen.“ (22)


Die Existenz Gottes und das Weiterleben nach dem Tod


In Bezug auf diese "letzten" Fragen besteht der aktuelle Stand von Wissenschaft und Philosophie bei der überwiegenden Zahl der Forscher darin, dass es keine vernünftigen Argumente sowohl für die Existenz Gottes als auch für ein Weiterleben nach dem Tod gibt. Empirische Befunde dazu sind ohnehin nicht möglich. Es geht nun bei der intellektuellen Redlichkeit um „etwas viel Einfacheres, Bescheideneres: sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und einfach nur die Tatsache anzunehmen, dass dies im Moment der aktuelle Stand der Dinge in Wissenschaft und Philosophie ist. … Es sieht im Moment so aus, als ob Befreiung immer nur innerweltliche Befreiung sein kann und Erlösung immer nur innerweltliche Erlösung. Es geht dann nicht mehr um ein Jenseits oder eine mögliche Belohnung in der Zukunft, sondern immer nur um den gelebten Augenblick der Achtsamkeit, den Moment des Mitgefühls, um das aktuelle Jetzt.“ (24)

Was ist Erleuchtung?


Was unter Erleuchtung zu verstehen sei, wird in den Hunderten von Berichten aus vielen Kulturen und aus allen Zeiten ganz unterschiedlich beschrieben. „Die buddhistische Philosophie zum Beispiel ist sich in keinem Stadium ihrer Geschichte wirklich darüber einig gewesen, was Erleuchtung überhaupt ist oder sein könnte.“ (25)

Weiters gibt es bei dieser Frage ein einfaches logisches Problem: Wenn Erleuchtung in der Auflösung des Selbst besteht, gibt es nichts, was über diese Erfahrung berichten könnte. „Aber genau dieser Punkt verbindet ja dann auch wieder die ernsthaft spirituell Praktizierenden mit der Sichtweise der Wissenschaft.“ (26) Es scheint so zu sein, „dass die Komponente der existentiellen ‚Befreiung‘ … sich wegen ihrer Unaussprechlichkeit nicht operationalisieren und wissenschaftlich behandelbar machen lässt. Wissenschaftlich lässt sich dieser Aspekt immer nur als eine ganz und gar vergängliche und auf physikalischen Vorgängen im Gehirn beruhende Form des Erlebens fassen, und nicht als eine transzendente Form des Wissens. … Wenn ein Erkenntnisanspruch öffentlich erhoben wird, dann muss man uns erklären, was genau denn jetzt die fragliche kontemplative ‚Einsicht‘ oder das Wissen hinter der spirituellen ‚Erfahrung‘ ist, was genau es bedeutet, dass ganz bestimmte veränderte Bewusstseinszustände eine andere Art von Erkenntnis transportieren, die nichts mit Sprache, Theorien oder rationalen Argumenten zu tun hat. … Eine aufgeklärte, säkularisierte Form von Spiritualität müsste sich … genau dadurch auszeichnen, dass sie von den … Entwicklungen in der modernen Philosophie und Wissenschaft nicht wirklich bedroht wird, sondern im Gegenteil sogar das Potenzial zu ihrer Integration besitzt.“ (26)


Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit


„Das Ideal der intellektuellen Redlichkeit … ist etwas, das ganz neu ist und sich erst an wenigen Stellen auf unserem Planeten … zu realisieren beginnt. Was die intellektuelle Redlichkeit möglich gemacht hat, waren aber die ursprünglich religiösen Ideale der bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegenüber Gott. In der reflexiven Wendung auf den Menschen selbst sind daraus die beiden ethischen Ideale der bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber geworden… Eine zentrale Einsicht, die der spirituellen Einstellung schon immer zugrunde liegt, ist dann allerdings, dass es mehr als eine Form von Erkenntnisfortschritt, mehr als eine Form des Wissens gibt.“ (27)

Der Vergleich von Religion und Spiritualität zeigt: „Religion opfert die eigene Vernünftigkeit für die emotionale Kohärenz des Selbstmodells. Spiritualität löst das phänomenale Selbst auf. Religion ist von der Grundstruktur her dogmatisch und damit intellektuell unredlich. Spirituelle Menschen werden immer offen für rationale Argumente sein, denn es gibt für sie keinen Grund, sich zu verschließen. Religionen organisieren sich und missionieren. Spiritualität ist etwas radikal Individuelles und typischerweise eher still.“ „Vieles, was heute unter dem Deckmantel der Spiritualität auftritt (ist) natürlich nichts anderes als Religion in diesem … Sinne.“ (28)

Es gibt zwischen Wissenschaft und spiritueller Einstellung zwei Aspekte einer verbindenden Grundeinstellung:
1)      Der unbedingte Wille zur Wahrheit, aus Erkenntnis und nicht aus dem Glauben.
2)      Das normative Ideal der absoluten Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Die Zukunft


„Wir wissen einfach nicht, wohin uns der innere und der äußere Erkenntnisprozess noch führen werden. Eine ethische Einstellung ist nicht zwingend davon abhängig, dass die Aussicht auf einen Erfolg der eigenen Handlungen groß ist. … Das Mehr-Wissen-Wollen ist die einzige Option, die wir haben, wenn wir unsere Würde und den gegenseitigen Respekt voreinander und auch vor uns selbst nicht aufgeben wollen.“ (31)
„Redlichkeit im fraglichen Sinn ist eine intellektuelle Tugend, die über die Zeit hinweg kultiviert werden kann, genau wie zum Beispiel die inneren Tugenden einer präzisen, sanften Achtsamkeit oder des Mitgefühls geistige Fähigkeiten sind, die aktiv erworben und schrittweise entwickelt werden können.“ (33)

Zur Weiterführung


Soweit eine Zusammenfassung des Textes von Thomas Metzinger, Philosophieprofessor in Mainz. Die in diesem Blog mehrfach vertretene Argumentationslinie, was das Thema „Esoterik“ anbetrifft, findet durch die Begrifflichkeit dieses Textes eine ethische Zuspitzung und Verschärfung. Religiös oder esoterisch zu glauben, ist nicht nur eine Form der Selbsttäuschung, die uns unterläuft, sondern beinhaltet auch eine Form der Unredlichkeit und der Unehrlichkeit, eine Form der Selbstverleugnung, von der wir uns distanzieren sollten, sobald wir uns ihrer bewusst werden. Auch sind wir aufgefordert, dort, wo andere solche Unredlichkeiten verbreiten, dagegen Stellung zu beziehen.

Wer den Weg der Meditation geht, hat nicht nur die Verpflichtung, den Blick immer wieder nach innen zu richten und dort die Wahrheit zu suchen. Er oder sie hat auch dafür zu sorgen, dass die inneren Erkenntnisse einer intellektuellen und damit auch öffentlichen Reflexion standhalten können. Das Innere muss sich auch im Äußeren, im Diskurs der an Vernunft ausgerichteten Öffentlichkeit bewähren.

Dieses Veröffentlichen der Innenerkenntnis hat auch eine gegenläufige Seite: Es handelt sich beim Wissen, das die meditierende Person erwirbt, um wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Erkenntnisse. Was ich im Inneren erlebe, ist bedeutsam nicht nur für mich, sondern auch für die Menschheit als ganzer. Wir brauchen für den Fortschritt zu einer besseren Gesellschaft all das Wissen darüber, wie im Inneren Frieden, Gerechtigkeit und Anspruchslosigkeit gefunden werden können. Dazu hat jede Person, die den Weg der Meditation und Innenerforschung geht, etwas Wertvolles beizusteuern. Es handelt sich um ein sinnstiftendes Wissen, das die Gesellschaft dringend benötigt.

Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass sich die Wissenschaft in ihrer Methodologie für ein neues Paradigma öffnet, das die Erkenntnisse des inneren Sinnes in einer an den wissenschaftlichen Standards orientierten Form aufbereiten und für die Gesellschaft nutzbar machen kann.

Eine andere Weiterführung des Textes von Thomas Metzinger zur Position der Psychotherapie zwischen Spiritualität und Wissenschaft möchte ich in einem weiteren Blogbeitrag diskutieren.

Für alle, die den Text genauer nachlesen wollen:

Für alle, die lieber Videos schauen: Auf Youtube finden sich ein Vortrag von Thomas Metzinger zu dem Thema (6 Teile).

Montag, 4. November 2013

Das Prinzip Hoffnung und das Jetzt

Die Hoffnung ist verwandt mit der Einstellung des Optimismus. Sie hält sich nicht an Berechnungen und Wahrscheinlichkeiten, und wir brauchen sie nicht, wenn wir keine Zweifel an der Zukunft haben. Erst wenn sich der Horizont des Kommenden einengt, wenn wir keine Gewissheiten und Sicherheiten haben, wie es weitergehen wird, ist die Hoffnung gefragt. Dann stehen wir vor der Wahl, resigniert den Kopf in den Sand zu stecken, oder noch Apfelbäumchen zu pflanzen angesichts eines drohenden Weltuntergangs. Das Hoffen entscheidet darüber, ob wir, von einer schweren Krankheit geplagt, aufgeben und in Pessimismus versinken oder ob wir der Zuversicht Raum geben und uns aktiv am Leben und seiner Kraft orientieren.

Der Logotherapeut und Existenzanalytiker Alfred Längle hat in einem Vortrag vor Psycho-Onkologen mehrere Dimensionen des Prinzips Hoffnung anschaulich verdeutlicht. Er weist darauf hin, dass es wichtige Situationen im Leben gibt, in denen wir auch den unwahrscheinlichen Möglichkeiten eine Chance geben sollten, indem wir uns mit einem sinngebenden Wert verbinden, dem wir wider alle Vernunft die Treue halten. In der Haltung der Hoffnung bleiben wir aktiv, auch wenn sich uns keine Perspektive des Handelns zeigt, und offen für den Raum der Möglichkeiten, der in der gegenwärtigen Wirklichkeit unsichtbar angelegt ist. Hoffnung beinhaltet auch, ein unabwendbares Schicksal zu akzeptieren und auf ein neues Morgen zu vertrauen. Sie beinhaltet das Vertrauen auf ein größeres Ganzes.


Als Teil der Lebenspraxis im Relativen ist die Hoffnung als Haltung unverzichtbar. Wir hoffen, dass wir gesund werden, wenn wir erkrankt sind, und das hilft uns nachweislich, schneller gesund zu werden. Wir hoffen, dass eine Krise, aus der kein Ausweg möglich scheint, vorübergeht und neue Kräfte freisetzt. Wir hoffen beim Einschlafen, dass wir morgen wieder aufstehen werden und unseren Tag nach unseren Plänen durchleben können. Wir schöpfen Kräfte aus diesen vielfältigen Hoffnungen, die uns zuversichtlich im Leben weitergehen lassen. Diese Ressourcen helfen uns im Umgang mit Schicksalsschlägen, den Knackpunkten für das Sein im Absoluten.

Das Prinzip Hoffnung und das Jetzt


Tiefer, aber schwieriger als das Einlassen auf die Hoffnung ist das Einlassen auf das Jetzt. Mit der Sicht auf die Zukunft, die aus der Hoffnung kommt, verstecken wir uns vor einem Teil des Jetzt. An der Hoffnung können wir erkennen, dass wir einen Aspekt dessen, was jetzt gerade ist, anders haben wollen, als er gerade ist. Wenn wir ganz mit dem, was wir gerade erleben, im Einklang und im Frieden sind, ist kein Platz für Hoffnung.


Das Einlassen auf das Jetzt ohne Aussicht auf die Zukunft erfordert paradoxerweise die Freiheit von der Vergangenheit, in ihr liegt der Schlüssel für das Sein im Moment. Denn es sind Ängste aus der Vergangenheit,  die die Aufmerksamkeit aus dem Erleben des Jetzt abziehen.


Damit wird deutlich: Die Hoffnung nimmt ihre Anleihen aus der Vergangenheit, nicht aus dem Jetzt. Das ist ihre Schwäche. Dennoch, es ist keine Lehre für Anfänger in der Lebenskunst, gleich alle Hoffnung fahren zu lassen. Denn die Hoffnung muss erst wider die Resignation, in der „die Liebe zum Leben erstorben“ ist (Längle) zur Wirkung gebracht werden. Wir brauchen sie als Gegengift gegen die Faulheit, Laschheit, Bequemlichkeit und Angepasstheit an Widrigkeiten. Deshalb muss die Hoffnung zunächst erlernt und erfahren, geübt und gepflegt werden. Werden uns die Ängste bewusst, von denen sie gesteuert ist, dann können wir sie immer wieder im Erleben des Moments einfach zum Verschwinden bringen.

Verweis: 

Alfred Längle: Hoffnung – die Beziehung zum Leben halten. In: Jatros Hämatologie & Onkologie 4/13, S. 119 - 122

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Des Pudels Kern

Oft sprechen wir vom inneren Kern in einem Menschen oder in uns selbst: „Suche deinen inneren Kern, verbinde dich mit ihm, sieh den heilen Kern in jedem anderen Menschen“ usw. Wir nutzen die Metapher des Kernes, um einen Unterschied anzumerken zwischen dem Äußeren oder Äußerlichen und dem Inneren, zwischen dem, was wir als uneigentlich und als eigentlich empfinden (z.B. „So, wie mich die anderen sehen, bin ich gar nicht.“ Oder: „So, wie ich mich gestern verhalten habe, entspricht das nicht dem, was ich bin.“) Also soll der Begriff des Kernes auf unser Wesen, unser Selbst, unser eigentliches Sein verweisen.

Aus der Metapher können wir einige Assoziationen gewinnen: Kerne haben eine harte Schale, die ihren eigentlichen Schatz, den fruchtbringenden Samen, beschützt. Kerne sind fest und solide. Sie geben ihren Inhalt nur unter besonderen Bedingungen preis, wenn es um die Weitergabe des Lebens geht.

Gehen wir auf den Weg der Innenerforschung, werden wir also zu Kernforschern, so können wir diese Schätze finden. Zunächst lösen wir uns dabei von eingefahrenen Mustern und bewältigen tiefsitzende Ängste, die vorher unsere Kreativität blockiert haben. Dadurch melden sich kreative Ideen, die unser Leben und das der anderen bereichern. Jedes Element an Kreativität, dem wir Raum geben, öffnet uns für neue Lebensmöglichkeiten. Damit werden wir mehr und mehr zu dem, was unser Selbst ausmacht, unser eigentliches Wesen, hinter allen Prägungen und Gewohnheiten.

Identitäten

Dr. Faustus und der Pudel

In diesem Prozess lösen wir uns von Identitäten, die wir im Lauf unseres Lebens erworben haben – der Mann oder die Frau, die wir sein wollen, die berufliche Rolle, die wir übernommen haben, die Person, die wir in Freundschaftsbeziehungen sind, die Vorlieben, die wir im Freizeitbereich ausgebildet haben usw. Wir verändern in diesem Verlauf nicht unbedingt das, was wir tun oder wie wir uns verhalten, sondern vor allem die Identifikation mit diesen Verhaltensweisen und den daraus zusammengesetzten Identitäten. Wir erkennen, dass wir so sein können oder auch anders.

Mit jeder Identität, die wir verabschieden, löst sich eine Schale, und wir kommen des Pudels Kern näher. Wir sehen, dass wir wie in einem Lagenlook ein Gewand nach dem anderen ablegen können und damit immer mehr zutage tritt, wer wir „wirklich“ sind. Wir werden dabei Zustände erleben, in denen es uns schließlich völlig egal ist, ob es dieses „wirkliche Ich“ überhaupt gibt oder nicht.

Auf dieser Reise zum Kern können wir den Spruch „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt‘s sich ganz ungeniert“ trefflich nutzen. Wenn wir uns nicht mehr über unseren Ruf definieren, ist ihm sein Einfluss genommen und er ist schon ruiniert. Denn der „Ruf“ hat nur so lange die Macht über uns, unser Verhalten zu kontrollieren, so lange wir uns mit ihm identifizieren. Sobald wir ihm eine identitätsstiftende Funktion absprechen, bricht diese Macht auf ein Häufchen Asche zusammen.

So brauchen wir auch im Alltag keine der selbst auferlegten und der zugeschriebenen Identitäten mehr ernst zu nehmen. Wir können Rollen ausfüllen und völlig leer zurücklassen, wenn wir die Bühne verlassen. Wir schlüpfen in eine Identität wie in ein Kleidungsstück, das uns für bestimmte Zwecke zunutze kommt, und nicht mehr.

Modelle und Verdinglichungen


Unter Stress werden wir immer wieder in die alten gewohnten Rollen und erprobten und abgesicherten Verhaltensmuster zurückfallen. Wir glauben, dass sie uns die Stabilität vermitteln, die wir brauchen, um die Gefahrensituation zu überstehen. Je mehr wir allerdings über uns wissen, desto deutlicher wird uns werden, wenn wir in solche Zustände geraten, und desto seltsamer wird uns erscheinen, wie wir uns dann verhalten. Daran merken wir, dass wir beginnen, uns von einem alten Muster zu entfremden. Wir sind zu einer Identität, die uns lange vertraut war, in Distanz gegangen und nehmen sie nicht mehr so wichtig, sondern erkennen, dass wir auch anders können.

Auch die Beschäftigung mit dem Evolutionsmodell, das in dieser Blogserie immer wieder angesprochen wird, kann zur Verdinglichung führen: Ich ordne mich auf eine bestimmte Stufe der Entwicklung ein und gebe mir damit eine bestimmte Identität, z.B. „Ich verhalte mich meistens personalistisch“. Doch auch diese Identität, diese Festlegung meines Kerns ist nur ein Konzept, das ich von mir selber bilde. Wenn ich die Schale dieses Kerns durchbreche und in den Kern des Kerns hineinspüre, finde ich dort nichts mehr, was sich festhalten ließe. Alles fließt oder: alles ist leer.

Jedes Modell verhilft uns zunächst zu einer Erleichterung. Wir erkennen uns in wichtigen Grundmustern und bekommen durch das Modell die Bestätigung, dass wir in Ordnung sind, wie wir sind und dass wir uns durch die Kritik, die von anderen kommt, nicht grundsätzlich in Frage stellen lassen müssen. Wir bekommen durch das Modell die Unterstützung dabei, zu unserem So-Sein zu stehen, statt uns dauernd nach den Vorstellungen anderer ändern zu müssen. „Ich bin ein Krebs vom Sternzeichen, also passt es zu mir, wenn ich mich gerne zurückziehe.“ „Ich bin ein Fünfer im Enneagramm, also muss ich auch immer wieder mein reflektierendes Denken aktivieren.“

Und jedes Modell kann sich mit der Zeit unserer inneren Befreiung in den Weg stellen. Wir beginnen uns mit ihm zu identifizieren und es zur Fixierung unserer eingewöhnten Haltungen einzusetzen. „Weil ich Sanguiniker bin, werde ich nie verlässlich sein können, das wird sich nie ändern und das will ich auch gar nicht.“ Warum jedoch sollte ein als Sanguiniker nicht einmal die Zuverlässigkeit ausprobieren, auch wenn es ein wenig Überwindung erfordert? Wer stur auf seinen modellhaften Eigenschaften beharrt, verbaut sich diesen Zugewinn an Flexibilität und Freiheit. Die Schale des Kerns wird wieder dicker und undurchdringlicher, fester und dinglicher.

Die Versuchung zur Verdinglichung unserer selbst versteckt sich in allen Ecken und Winkeln unseres Innenlebens. Es ist, als wollte sich unser ängstliches Ego, dem langsam die Felle davonschwimmen, irgendwo auf eine solide Insel retten, um nicht vom Fließen der Ereignisse weggespült zu werden. Wenn alles in Veränderung ist, ist nichts mehr sicher. Deshalb will unser Ego mit aller Macht an unserer Identität festhalten und möchte sie am liebsten in unvergänglichen Stein meißeln.

Das Modell der Modelle


Wenn wir bereit sind, die Krücken, die uns die Identitätsmodelle anbieten, beiseite zu stellen, stoßen wir auf ein letztendliches Modell, ein Modell, das nur auf mich zutrifft, auf mein ganz eigenes Modell. Es repräsentiert meine ganz individuelle Mischung aus all den genetischen Anlagen, Überlieferungen der Vorfahren, Lebenserfahrungen im sozialen, kulturellen und politischen Umfeld, und das alles in permanenter Entwicklung und Veränderung, ein Modell, das sich in jedem Moment eine neue Form gibt und dessen Grundstrukturen sich auch in ihrer Zeit umgestalten.

Mit diesem Modell der Modelle kommt alles, was sich an uns selbst verdinglicht hat, ins Fließen. Da gibt es nichts Festes mehr, sondern einen beständigen Wechsel, ein dauerndes Öffnen und Verabschieden, ein Verändern von Nuancen und Schattierungen. Nichts ist von Dauer, und nichts braucht festgehalten werden. Überzeugungen werden zu Meinungen, die auch anders formuliert werden können. Gewohnheiten werden zu Verhaltensmöglichkeiten unter anderen. Gefühle und Stimmungen sind das, was das Leben im Moment so färbt und dann wieder anders. So ist die innere Freiheit beschaffen.

Und was passiert, wenn wir auch dieses unser ganz eigenes Modell loslassen, wenn wir darauf verzichte, uns irgendein Konzept über uns selbst zu basteln und beschließen, jede Identität, die uns an uns auffällt, postwendend gleich wieder zu entsorgen? Haben wir dann wieder ein Konzept, nämlich das der Konzeptlosigkeit, ein Modell der Modelllosigkeit, einen Kern ohne Kern?

Es liegt wie immer an uns, ob wir etwas aus der Freiheit, die uns die Konzeptlosigkeit bietet, machen, also ob wir uns daraus eine neue Identität basteln oder ob die Freiheit einfach genießen und die Überraschung, die jeder neue Moment bereitet, annehmen. Wann immer uns das gelingt, fühlt sich das Leben als stimmig und erfüllt an – wie gesagt, ohne dass das wiederum in ein Konzept gegossen werden müsste, weil es ja im nächsten Moment wieder anders sein wird.

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Die Hölle der Beziehungslosigkeit


"Die Hölle, das sind die anderen" heißt es in J.P. Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“.  Wie passt das damit zusammen, dass wir Menschen soziale Wesen sind, dass wir die Anbindung und den Kontakt zu anderen brauchen, um uns wohlzufühlen?

In Sartres Stück erzählen drei Tote von ihren Untaten und vom Scheitern. Sie sind in einem Raum eingeschlossen und gezwungen, einander zu ertragen, ohne Möglichkeit der Erlösung. Diese Personen sind in Verbindung miteinander, weil sie sich in einem Raum befinden und miteinander reden, aber sie schaffen es nicht, miteinander in Beziehung zu treten.

Die Hölle, das ist die Beziehungslosigkeit, das ist das Abgeschnittensein, die Isolierung. Wir sind zwar immer verbunden – dadurch, dass wir uns in der Welt bewegen –, aber es gibt Zustände, in denen wir uns nicht mit diesem Verbundensein verbinden können. 


Die Hölle des Alltags


Im Alltag passiert es laufend, dass sich Menschen über ihre schlechten Erfahrungen austauschen. „Mir ist das zugestoßen“, oder „Ich leide gerade an jener Erkrankung“. Sie wollen damit das Verständnis durch die andere Person erreichen und damit eine Verbindung herstellen, die das Leiden erleichtern soll. Die andere Person beginnt mit ihrer Leidensgeschichte und will das gleiche Verständnis erreichen wie die erste Person. Es stellt sich eine gewisse Gleichheit her, eine Symmetrie der Leidenszustände, die allerdings häufig durch das Konkurrenzieren, wer denn mehr leide, immer wieder in Frage gestellt wird. Es zeigt sich daran, dass die Beziehung durch den von beiden geteilten Wunsch zu bekommen geprägt ist, ohne dass ein Geben möglich ist, weil ja das Leiden so stark ist.

Die Verständigung besteht darin, dass sich jede Person in ihrem Leiden fortgesetzt bestärkt und absichert. Die Beziehung wird jedoch damit nicht wirklich hergestellt, beide sind in den Rahmen ihrer jeweils eigenen Problematik eingespannt, ohne den Rahmen der anderen Person zu verstehen und mitzufühlen. Der Wunsch, verstanden zu werden, bleibt durch die Unfähigkeit zu verstehen, auf der Strecke. Der Wunsch nach Beziehung findet durch das fortlaufende Mitteilen der eigenen Isolierung und des Unverstandenseins zu keiner Erfüllung. „Du verstehst mich nicht“ mobilisiert bei der angesprochenen Person deren eigene Erfahrungen mit dem Nicht-Verstandenwerden.


Das Netzwerk der Traumatisierten


Was passiert auf der unterschwelligen Ebene, wenn sich solche Beziehungsmuster abspulen? Zwei Menschen sprechen über ihre Traumatisierungen und lösen beim jeweils anderen dessen Traumatisierungen aus. Die Erfahrung in der Traumatisierung ist von starker Angst gekennzeichnet, und das bedeutet, sich völlig abgeschnitten zu fühlen von der Kraft des Lebens und von der Liebe anderer Menschen. Trauma bedeutet, dass keine Verbindung zur Verfügung steht, kein Zugang zu Ressourcen.

Diese Erfahrung wird unbewusst wieder inszeniert, angeleitet von dem Wunsch nach einer heilenden neuen Erfahrung, die endlich die Traumageschichte zum Abschluss bringen soll. Da aber dabei wieder nur ein Zustand der inneren Isolation reproduziert wird, kann die Heilung nur dann erfolgen, wenn die andere Person nicht in ihre eigenen Traumatisierungen kippt, sondern im Mitgefühl bleiben kann. Das wird ihr auf Dauer nur gelingen, wenn die eigenen Traumatisierungen weitgehend aufgearbeitet sind, sodass die unbewusst ablaufenden Trigger nicht mehr funktionieren.

Stimmt das wirklich? Die Menschen reden doch nur selten von wirklichen Traumatisierungen. Sie erzählen von Missgeschicken, von gemeinen und unfähigen Mitmenschen, von der Blödheit und Bosheit der anderen, von Missstimmungen, Unpässlichkeiten und Krankheiten, aber nicht von wirklich traumatischen Erfahrungen. Dennoch: Wir leiden nur deshalb unter dem, was andere Menschen tun oder nicht tun, sagen oder nicht sagen, weil dadurch frühe Verletzungen wachgerufen werden, die uns nicht mehr bewusst sein. Wir leiden nur deshalb unter unseren gesundheitlichen Problemen, weil sie Ängste auslösen, die mit alten seelischen Wunden zu tun haben. Hätten wir diese Erfahrungen in Frieden verabschiedet, so würde uns das Verhalten anderer Menschen genauso wenig aufregen wie unangenehme und schmerzhafte Vorgänge im Körper.

Nach meiner Erfahrung liegen die tiefsten Wurzeln von dem, was uns im Alltag aus der Bahn wirft, was uns also vergessen lässt, dass wir mit dem Leben verbunden sind, im pränatalen Bereich. Ein wichtiges Thema, das mit Anbindung zu tun hat, ist der emotionale Kontakt mit der Gebärmutter im engeren und mit der Mutter als Person im weiteren Sinn. Lehnt die Mutter die das neue Leben ab oder hat sie große Angst vor ihm, kann sich das auf die Gebärmutter so übertragen, dass der werdende Embryo keinen Kontakt spürt und sich nicht verbunden fühlt. Das kann Gefühle von Wut, Resignation und grenzenloser und trostloser Einsamkeit auslösen.

Es ist zwar eine Verbindung da, sonst könnte das Leben nicht weitergehen, doch kann die Beziehung nicht gefühlt werden. Das ist die Ursituation einer Doppelbindung. Eine nicht gefühlte Beziehung ist eine Nicht-Beziehung, eine Beziehung ohne Bezogensein. Die Wut signalisiert den Kampf gegen die Bedrohung, die von einer solchen Situation für die innere Stabilität ausgeht. Die Resignation zeigt die Ohnmacht, die Unfähigkeit, die Doppelbotschaft in eine eindeutige umzuwandeln. Die endlose Einsamkeit ist die Beschreibung des Zustandes, der übrigbleibt, wenn alle Hoffnung auf wirkliches, emotional erfülltes Leben fahren gelassen wurde. Was bleibt, ist ein (organisches) Leben ohne (gefühltes) Leben.

Menschen, die solche Zustände vor ihrer Geburt durchleben mussten, nehmen dann als selbstverständlich, dass die Welt diesem Erleben entsprechen muss. Von daher kommt vermutlich die immer wieder vertretene Ansicht, dass der Mensch ein Wesen ist, dem es vor allem um das egoistische Überleben geht, das er notfalls auf Kosten anderer vorantreibt. Sozialbeziehungen nimmt er auf, wenn sie seinem Überleben nützen, ansonsten braucht er sie nicht wirklich und kann jederzeit auf sie verzichten. Vgl. den Blog zum Thema Egoismus.

Menschen nehmen ihre eigene Beziehungslosigkeit als selbstverständlich, weil sie diese Erfahrung irgendwann im Lauf ihrer frühen Entwicklung gemacht haben. Sie bestätigen sich diese Auffassung beständig gegenseitig, indem sie ihre negative Weltsicht mit den anderen teilen und dafür Zustimmung erhalten. Sie bauen also ihre Sozialkontakte auf der Negation derselben auf. „Du stimmst mir doch zu, dass wir einander nur zufällig und vorübergehend kennen und wertschätzen, das dient nur dem Eigennutz, und das kann sich jederzeit ändern.“

Weiters bestätigen sie sich diese Weltsicht, indem sie Informationen über die Welt austauschen, die dieser Einschätzung entsprechen. Dazu zählen die Katastrophenfantasien  und andere Formen der Verbreitung von lokalen oder globalen Ängsten. Wenn wir die Ängste anderer mitbekommen, rührt das an unsere eigenen unbearbeiteten Traumatisierungen, ohne dass wir das mitbekommen. Wir verständigen uns darüber, dass die Welt eine Abfolge von Problemen ist, die im schlimmen Fall in Katastrophen münden. Die Nachrichten und Zeitungen liefern uns das Material dazu. Dabei melden sich, wenn auch vielleicht nur mehr schwach und im Hintergrund, die Gefühle, die sich in uns als Folge von Frühtraumatisierungen entwickelt und über die Zeit festgesetzt haben: Sinnlosigkeit, Resignation, Isolation – zur Wiener Gefühlsmelange fehlt nur mehr der Grant.

Es erschiene wie eine gesellschaftliche Verschwörung, aufgebaut auf einem unbewussten Netz von Traumatisierungen, wenn sie nicht so öffentlich wäre: So, als ob der Grundkonsens darin bestünde, dass das Leben eine Abfolge von Problemsituationen ist, anstrengend und schwer, und dass es niemanden gibt, der einem bei der Bewältigung der undankbaren Aufgabe zur Seite steht. Dieser Konsens wird fortlaufend wiederhergestellt und mit neuem Futter versorgt. Er sorgt zuverlässig dafür, dass möglichst viel an dem Schlimmen so bleibt, wie es ist, weil er jede Aktivität lähmt und jedes Engagement unterläuft.


Die Geschichte des Fremdlings


So erscheint die andere, die frohe Botschaft, die von Vertrauen und Lebensmut getragen ist, wie eine abgehobene Verrücktheit, als höchst seltene „Geschichte eines Fremdlings. Man braucht einen Fremdling, der die Geschichte eines Fremdlings hören kann.“ (Rumi, Von Allem und vom Einen, S. 187)