Sonntag, 15. November 2015

Ereignisse, Medien und Machtlosigkeit

Angesichts von Katastrophen oder Terrorakten können wir uns als ohnmächtig erleben, auch und wenn wir selber davon nicht direkt betroffen sind. Denn unsere subjektive Bewertung rückt das Ereignis in die nächste und damit intime Nähe. Mit dem Fernseher passiert es gewisser Maßen direkt im eigenen Wohnzimmer, mit dem Smartphone sogar direkt im eigenen Bett. Die Medien machen objektive Ereignissen zu subjektiven gefühlsgeladenen Elementen im subjektiven Innenleben und bewirken, dass uns nahegeht, was sie wollen, dass uns nahe geht.

Objektiv ist es ungleich wahrscheinlicher, von einem Auto überfahren zu werden als Opfer eines Terroranschlages zu werden. Dennoch steigert sich die Angst vor solchen Ereignissen, weil sie uns so hautnah vor Augen geführt werden und wir auch das kollektive Entsetzen wahrnehmen können.

Sie wird noch dadurch verstärkt, dass wir meinen, wir könnten uns vor Autounfällen schützen, weil wir wissen, wo und wie Autos unterwegs sind. Vor Terrorüberfällen können wir uns nicht schützen, weil wir nichts über deren Wo und Wie wissen. Wir haben keinerlei Kontrolle über die mögliche Gefahrenquelle, es könnte uns jederzeit und überall zustoßen, also müssen wir dauernd auf der Hut sein.

Die Medien unterstützen die Wirkung, gewissermaßen gehen auf der ganzen Welt Bomben hoch, wenn die Bilder von Explosionsopfern und verzweifelten Angehörigen über die Bildschirme flimmern. Rational wissen wir zwar, dass Fernsehbilder Fernsehbilder sind, aber auf der Gefühlsebene sind wir direkt angesprochen und identifizieren uns mit den Betroffenen.

Das mediale Echo ist der Hauptzweck der Aktionen, kommt nichts in die Medien, ist nichts erreicht. 129 Menschen einer Großstadt umzubringen bringt keinen wie immer gearteten strategischen oder militärischen Erfolg gegen den Gegner. Nur weil Attentäter, ihre Anstifter und Hintermänner über die Macht der Medien wissen, gibt es solche Anschläge.

Wenn hier der Begriff „Krieg“ einen Sinn macht, der jetzt vielleicht allzu leichtfertigt in den Mund genommen wird, dann als Medienkrieg. Terrororganisationen sind abhängig von Publicity und Medienpräsenz, das bringt mehr Anhänger und Prestige, mehr Einfluss, Macht und Geld. Die Medien multiplizieren die zerstörerische Wirkung jedes Anschlags und tragen die Aktionen von der menschlichen in die virtuelle Ebene, wo sie ein Eigenleben beginnen. Der Schrecken verbreitet sich wellenförmig, Gefühle der Angst und Ohnmacht erreichen alle. Das Selbstbild und subjektive Machtgefühl der aktuellen und zukünftigen Täter wächst proportional mit dieser Ausbreitung. Wir alle, die wir die Medien konsumieren, unterstützen das, ob wir wollen oder nicht. Die Angreifer haben den Krieg schon gewonnen, sobald die Aktion in die Medien gekommen ist.

Was wir aber nicht unterstützen müssen, ist die emotionale Ladung, die mit den Informationen mitgeliefert werden. Wir verfügen über unsere Innensicht, die Erste-Person-Perspektive, die wir in uns als Korrektiv gegen die virtuellen Einflüsse nutzen können. Die äußere Welt wird immer wieder Bedrohungen und Verunsicherungen hervorbringen. Ob sie in uns Angst und Gefühle von Hilflosigkeit auslösen, liegt an uns selber. Denn wir haben ein Inneres, das diese Einflüsse bewerten und einordnen kann. Wir können diesen Einflüssen ihre Macht nehmen, wenn wir erkennen, was der Wirklichkeit angehört und was der virtuellen Multiplikation.

Erst recht entmachten wir die medialen Gefühlstransfusionen, indem wir uns klarmachen, dass unser Leben einfach, weil es Leben ist, unsicher ist. Passieren kann immer etwas, so gut wir uns auch absichern. Irgendwann wird unser Tod passieren, so gut wir auch für unser Leben vorsorgen mögen. Deshalb können wir unser Leben als permanent bedroht ansehen, oder, wie wir wollen, als in sich selber sicher. Denn wenn wir die prinzipielle Unsicherheit des Lebens anerkennen, können wir darin eine noch viel tiefere Sicherheit entdecken, die uns kein Panzerglas oder Lebensversicherungsvertrag bieten kann. Es ist die Sicherheit, dass alles, was geschieht, so geschehen kann, wie es geschieht, und dass es keine Rolle spielt, ob uns das angenehm oder unangenehm ist. Denn auch die Art und Weise, wie wir das erleben, was geschieht, geht vorüber. 


Sicher ist nur die Vergänglichkeit, sicher ist das Fließen des Lebens. Im Zen-Buddhismus heißt es: Tief verwurzeln im Bodenlosen. Und: Der Friede im Inneren ist unzerstörbar.

Vgl. Das Menschliche im Unmenschlichen
Are bad news good news?

Samstag, 14. November 2015

Das Menschliche im Unmenschlichen

Schreckliche Ereignisse erzeugen Betroffenheit. Wir empfinden Mitleid mit den Opfern und erkennen dadurch, dass wir als Menschen alle miteinander verbunden sind. Wir empfinden Abscheu gegen die Täter und merken dabei meistens nicht, dass wir uns damit abtrennen von der Menschheit und so tun, als hätten wir mit ihnen nichts gemeinsam.

Allerdings übersehen wir, wenn wir unserer Abscheu und dem daraus kommenden Hass folgen, dass wir selber zu potenziellen Tätern werden. Denn die Ablehnung anderer Menschen und ihrer Motive ist es, was zu hasserfüllten Handlungen führt. Wenn wir Hass in uns kultivieren, sind wir nicht viel besser als jene, die wahllos andere Menschen abknallen.

Wir brauchen uns nicht vorzuwerfen, dass wir solche Gefühle entwickeln, wenn Menschen unmenschlich handeln. Diese Gefühle sind erworbene Reaktionsmuster, die ohne unser bewusstes Zutun entstanden sind und wachgerufen werden. Aber wir müssen nicht an diesen Gefühlen festhalten, weil wir mit diesen Gefühlen in uns selber die gleiche Einstellung rechtfertigen, die wir an Tätern verurteilen. Denn gerade Gesinnungstäter handeln aus der Überzeugung heraus, dass sie oder die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, unmenschlich behandelt wurden, dass ihnen etwas angetan wurde, wofür sie legitimer Weise Hass empfinden dürfen, um in Konsequenz aus diesem Hass heraus handeln zu müssen.

Wenn wir also einen Unterschied machen wollen, geht es darum, dass wir uns von den verurteilenden Gefühlen lossagen und uns das Menschliche im Unmenschlichen eingestehen. Denn zu allem, zu dem Menschen fähig sind, sind wir selber auch fähig. Und wir können uns für die Umstände unseres Lebens glücklich schätzen, die uns das Gutsein leichter machen, und zugleich erkennen, dass wir noch lange nicht vollkommen sind, sondern noch viel brachliegendes Potenzial zu mehr Menschlichkeit in uns tragen.

Das bedeutet nicht, dass wir verbrecherische Handlungen gutheißen, im Gegenteil, das Menschliche im Unmenschlichen zu sehen beinhaltet, die Fehlerhaftigkeit zu benennen und bewusst zu machen. Böses Handeln muss Konsequenzen haben, sonst zerbricht die Humanität. Es geht also nicht um eine naive Menschlichkeit, die jedes und alles in rosarote Wolken einhüllt. Wir haben Verantwortung und Mitverantwortung dafür, dass wir selber und die anderen besser werden, also unsere Erkenntnis schärfen, wo das Gute beginnt, und nach dieser Erkenntnis zu handeln. Dazu obliegt es uns auch, anderen zu verstehen geben, wenn sie diesseits der Grenze des eigenen Egos verblieben sind und ihnen das Überschreiten der Grenze zuzumuten.

Das Mitgefühl, das geweckt wird, wenn wir von Ereignissen in unserer „Nähe“ erfahren, soll uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mitmenschlichkeit nicht von der Entfernung, nationalen oder übernationalen Verbundenheit, sozialer und kultureller Ähnlichkeit abhängen kann. Mitmenschlichkeit hat keine Grenzen irgendwohin.


Wir können daher die Gelegenheit ergreifen und dieses Gefühl weiten: Auf die vielen Anlässe auf dieser Welt, die es genauso verdienen, selbst auf die vielen Menschen, die, weil sie nicht an der Nachrichtenwelt teilnehmen, nie von den Ereignissen erfahren werden, die uns heute erschüttern, und auf die vielen Menschen, die, weil sie gerade um ihr nacktes Überleben kämpfen, nicht zu Mitgefühl fähig sind.

Donnerstag, 12. November 2015

Der Neid-Mechanismus

Die gegenwärtige Thematik der Flüchtlingsbewegungen nach Europa gibt auch die Möglichkeit, die Mechanismen des Neides besser zu verstehen. Denn viele Menschen, die am Wohlstand unserer Gesellschaft weniger Anteil haben, reagieren mit Neid, wenn sie hören oder sehen, wie Flüchtlinge ohne „Gegenleistung“ versorgt werden. Und bestimmte politische Gruppierungen greifen das Thema gerne auf, um gegen „die Fremden“ Stimmung zu machen oder sogar zu hetzen.

Ein Szenario, das auch durch diverse Medien gegeistert ist: Ein Schaffner geht durch einen Zug und lässt eine Flüchtlingsfamilie, die keine Fahrscheine hat, mitfahren. Ein einheimischer Fahrgast, der keinen Fahrschein mithat, weil er vergessen hat, ihn zu lösen, muss neben dem Fahrschein auch noch eine Bearbeitungsgebühr bezahlen, wie das eben die Regelung vorsieht. Der Fahrgast fühlt sich benachteiligt: Die (noch dazu Fremde in unserem Land) dürfen gratis fahren, ich (einheimisch und sesshaft) muss noch draufzahlen. Oder: Die Mindestpensionistin schaut auf ihre magere Geldbörse, während sie im Fernsehen sieht, wie die Flüchtlinge an den Grenzen mit Mineralwasser und Bananen versorgt werden, und denkt sich, ich muss jedes Monat schauen, wie ich mit dem wenigen Geld zurechtkomme, und die kriegen einfach so, was sie zum Leben brauchen – wie ungerecht und gemein – ich sollte ja mehr auf mein Konto kriegen, nachdem ich so lange in dem Land lebe und gearbeitet habe.

Solche Reaktionen sind nachvollziehbar, weil wir alle den Neid-Mechanismus kennen. Nun ist ja die äußere Realität eine andere: Flüchtlinge kommen aus Not und Verzweiflung (selbst die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die zuhause nicht um ihr Leben fürchten müssen, nehmen nicht aus Jux und Tollerei die beschwerlichen Fluchtwege auf sich). Sie können nur hoffen, dass sie versorgt werden, aber sie sind so entschlossen, die Gefahren auf sich zu nehmen, dass sie das Risiko des Scheiterns, also des Todes, auf sich nehmen, weil sie sonst keine Perspektive für ihr Leben und das ihrer Familien sehen. Ihr Kalkül dabei ist sicherlich, dass sich die reichen Länder in Europa nicht leisten können, Menschen einfach verhungern zu lassen. Aber das ist nur eine Hoffnung, denn viele sind auf den Fluchtwegen schon umgekommen.

Die andere Seite der Realität ist, dass ein Fahrgast, der vergessen hat, seinen Fahrschein zu lösen, damit rechnen muss, mehr zu zahlen. Die Regelung gibt es, ob nun Flüchtlinge im Zug sind oder nicht. Zum Unterschied von den Flüchtlingen kann er sich die zusätzliche Gebühr leisten und muss nicht deshalb zwei Tage auf sein Essen verzichten.

Die Pensionistin kriegt ihre Pension, und sie wird nicht weniger, wenn Flüchtlinge ins Land kommen. Deren Versorgung wird nicht von ihrer Pension abgezogen. Wenn sich die Krise aufgelöst hat und die Flüchtlingsströme versiegt sind, kriegt sie deshalb auch nicht mehr. Zum Unterschied von Flüchtlingen kann sie damit rechnen, dass sie das Wenige, was sie kriegt, wenigstens Monat für Monat kriegt, wie schon seit Jahren.

An diesen Punkten setzt der Neid an, der ja ein innerer Prozess ist. Die äußeren Gegebenheiten werden gemäß den inneren Erfordernissen arrangiert: Die eigene Frustration (die Mehrgebühr im Zug, die geringe Pension) wird in Relation gesetzt zu einer Beobachtung im außen, die eigentlich mit der Frustration nichts zu tun hat, aber eine innere Ähnlichkeit aufweist. So wird ein neuer Kontext erschaffen, und das eigene Schicksal wird neben das Schicksal anderer Menschen gestellt. Dann wird in einer Weise verglichen, die einen selber als Verlierer aussteigen lässt: Die zahlen nichts für ihr Essen oder für ihre Beförderung, ich hingegen schon. Ausgeblendet werden andere Faktoren, die den Vergleich anders ausgehen ließen: zum Beispiel das Ausmaß an Sicherheit, das der Fahrgast hat, der weiß, wohin er fährt und wo er, wenn er ankommt, übernachten kann und wie sein Leben danach weitergehen wird. Oder das Ausmaß an Selbständigkeit: Die Pensionistin kann mit ihrem Geld machen, was sie will, und sie kriegt es ohne jede Bedingung. Flüchtlinge kriegen nur das, was sie am Notwendigsten brauchen, und solange sie nicht andere Einkünfte haben. Oder das Ausmaß an Ressourcen und Vertrauen, usw.

Es gibt also viele Faktoren, die den Vergleich der eigenen Situation mit der der Flüchtlinge zu den eigenen Gunsten ausgehen ließen, aber der Antrieb des Neides engt das Bild darauf ein, wie man selber schlechter abschneiden kann. Es ist also eine typische Anleitung zum Unglücklichsein. Ich leide an der zusätzlichen Zahlung oder an der geringen Pension. Der Neid bewirkt, dass ich noch mehr daran leide. Denn der Vergleich mit anderen, die es scheinbar besser haben, vermehrt meine Frustration und verbittert mich. Ich entwickle eine Abneigung gegen die Menschen, die sich in Aggression und Hass steigern kann. Diese Gefühle verstärken meine Missstimmung und schränken mich ein in meinen Möglichkeiten, die Wirklichkeit umfassend wahrzunehmen. Damit verliere ich an innerer Freiheit, ohne irgendetwas dazu zu gewinnen. Einzig das Gefühl, eine Scheinbegründung für das eigene Unglück zu haben, kann der Gewinn sein, doch ist der Preis dafür ein hoher. Es ist der Preis, den ich für meine Emotionen zahlen muss, die meine Lebensfreude einschränken.

Es ist klar, dass die Flüchtlinge (die für die meisten Menschen bei uns nur virtuell vorhanden sind) bloß als Auslöser verwendet werden, um über einen unbewussten selbstschädigenden Prozess das eigene Unglück zu vermehren. Der Mangelzustand herrscht im eigenen Inneren, und er sucht sich Angelpunkte im Außen, um sich beklagen zu können und den Hass darüber ausdrücken zu können. Wenn das eigene Leid und die Klagen darüber Verbreitung finden, bei den Nachbarn und Verwandten, oder wenn sie von den Freunden im sozialen Netzwerk geliket und retweedet werden, entsteht ein Gefühl von Solidarität, das die Hoffnung nährt, dass dem eigenen Mangelzustand doch einmal abgeholfen wird. Wenn der Auslöser beseitigt ist (alle Ausländer raus!), dann könnte die Bahn ihre Tarife senken und die Regierung die Pensionen anheben.

Doch der innere Mangel wird nicht behoben, wenn der Schaffner auf die Zusatzgebühr verzichtet und die Pension substantiell erhöht wird. Denn es ist ein Wunsch nach bedingungsloser Liebe, der auf die Flüchtlinge projiziert wird. Dieser Wunsch kommt aus unserem Grundbedürfnis nach Angenommensein, das wir ganz am Anfang unserer Existenz brauchen, um uns sicher zu fühlen. Ohne diese Bedingungslosigkeit müssen wir um unser Leben fürchten. Denn wir können nichts tun, um unser Überleben zu sichern und können nur hoffen, dass unsere Überlebensbedürfnisse von außen gestillt werden.

Diese Furcht tritt uns entgegen, wenn wir Flüchtlingen begegnen, und unser Unbewusstes löst unsere eigenen Überlebensängste aus. Der Neid hilft uns, dass wir diese Angst nicht spüren müssen, sondern sie in Aggression und Hass ummünzen können. Damit gewinnen wir ein Stück Kontrolle zurück, bezahlen aber dafür mit innerer Anspannung und Verbitterung, die unseren Geist verdunkelt und die Wahrnehmung trübt.

Wenn wir jedoch die Wurzeln des Neides und der Frustration freilegen und uns die damit verbundenen Ängste bewusst machen, dann können wir uns befreien: Von Frustration, Neid, Hass und Aggression. Der Lohn dafür sind die Genien von Zuversicht, Lebensfreude und Liebe.


Zum Weiterlesen:
Wann ist das Boot voll?

Großprobleme und der Drang zum Irrationalisieren
Die Flüchtlinge in unseren Köpfen

Mittwoch, 11. November 2015

Die Macht des Schicksals und ihre Grenzen

Giuseppe Verdi
Ist das Schicksal eine geheimnisvolle Kraft, die in unser Leben eingreift, wenn wir es mit überraschenden und besonders herausfordernden Situationen zu tun bekommen?  Ist das Schicksal eine Macht, die die Geschicke der Menschen lenkt, gegen die sie nicht ankönnen? Oder ist sie nur ein Begriff, der die Angst beschreibt, die uns in solchen Situationen befallen kann?

Die ersten beiden Möglichkeiten erscheinen mir als Personifizierungen einer inneren Angst, die uns wegführt davon, dass wir selber Verantwortung mittragen, wie es uns mit den Taten der Wirklichkeit geht, die uns umgibt und mit der wir interagieren. Die letztere Deutung bringt uns näher zu uns selber. Wir erkennen die Angst als unsere Reaktion auf das, was von außen auf uns zukommt. Damit übernehmen wir die Verantwortung für uns selber.

Natürlich müssen wir nicht die Verantwortung für das übernehmen, was uns von außen zugefügt wird: Ein Autofahrer spritzt uns nass, wenn wir am Gehsteig stehen, weil er zu schnell in die Pfütze auf der Straße fährt – dafür ist er selber zuständig, und unser Ärger ist unsere eigene Reaktion darauf. Wenn wir uns von unserem Zorn erfangen haben, können wir vielleicht unseren Blickwinkel weiten und sehen, dass dieser Autofahrer im Stress war und selber an einem Stück Schicksal gelitten hat, was auch immer das war. Damit beruhigt sich unser Inneres und wir können wieder zur Gelassenheit zurückfinden und haben auch unser Herz ein wenig weiter geöffnet (was angeblich auch den angenehmen Nebeneffekt haben soll, dass es unserer Gesundheit zuträglich ist).

Im romantischen Drama schlägt gerne die Macht des Schicksals zu, wie eine Woge des Verderbens, die über alles drüberschwappt. In der gleichnamigen Opernhandlung („La forza del destino“) treffen zwei Männer aufeinander, die nicht voneinander wissen, dass sie verfeindet sind, werden Freunde, erkennen dann aber, wie es das „Schicksal“ will, dass sie, obwohl sie sich gegenseitig das Leben gerettet haben, eigentlich einander nach dem Tod trachten müssen. Das führt dann zum tragischen Ende im Duell. All die fast haarsträubenden Unwahrscheinlichkeiten der Geschichte finden ihre Erklärung im Begriff des Schicksals. Und dessen Macht lässt uns schauern. Denn wir wissen nie, wann und wie es uns erwischen wird.

Wenn etwas geschieht, das über alles hinausgeht, was wir noch fassen können, brauchen wir das Schicksal: Etwas, das uns geschickt wurde, ungebeten und ungefragt. Da können wir nichts dafür, da sind wir aus dem Schneider.

Das Schicksal wird als etwas gezeigt, dem die Menschen nicht entrinnen können. Dabei ist es nicht das Schicksal, das uns unausweichlich im Griff hat; es sind Ereignisse, die uns überfordern und die wir nicht verstehen können, weil sie uns ungerecht, gemein und rücksichtslos erscheinen. Warum gerade ich? Gott als Verantwortlicher für alles taugt für die meisten nicht mehr, dann muss eben ein Schicksal herhalten, um für das Unfassbare einen Verantwortlichen zu haben.

Der russische Schriftsteller Sinowjew schreibt: „Seinem Schicksal kann man nicht entkommen. Wem in die Wiege gelegt worden ist, erhängt zu werden, wird nicht ertrinken.“ Da geht es offensichtlich um den Glauben an die deterministische Macht, mit der von Anfang an bestimmt ist, was bis zum Ende passieren wird. Natürlich ist das Zitat redundant, seine Falschheit kann nie bewiesen werden, denn was in die Wiege gelegt worden ist, zeigt sich erst am Schluss. Das Leben ist jedoch keine Krimihandlung, bei der der Autor zu Beginn schon weiß, wer der Mörder ist, während dem Leser erst am Schluss die Augen aufgehen. In unserem Leben sind wir Schreiber und Leser in einem, und wir wissen nicht einmal, was als nächster Satz in unserem eigenen Roman kommen wird.

Denn es ist nicht das Schicksal, das uns unentrinnbar im Griff hat; es sind Ereignisse, die uns überfordern und die wir nicht verstehen können, weil sie uns ungerecht, gemein und rücksichtslos erscheinen. Warum gerade ich? Warum gerade jetzt? Gott als Verantwortlicher für alles taugt für die meisten nicht mehr, dann muss eben ein Schicksal herhalten, um für das Unfassbare einen Verantwortlichen zu haben.

Was wäre, wenn das Schicksal in unserer Hand liegt? Wenn wir es in die Hand nehmen, liegt es darin. Dann ist unser Leben einfach das, was wir daraus machen: Wie wir mit dem umgehen, was uns widerfährt und wie wir das gestalten, was aus uns herausdrängt. Sobald wir die Ärmel hochkrempeln und die Schäden des Sturmes oder des Hochwassers beseitigen und tun, was zu tun ist, statt darüber zu jammern, was alles zerstört wurde und verloren ist, haben wir die Macht des Schicksals gebrochen und unsere Verantwortung übernommen.

In der erweiterten Sicht der Spiritualität heißt es, dass das Schicksal immer Recht hat. Was immer passiert, soll auch so sein. Das Schicksal ist das, was die Wirklichkeit schickt, in jedem Moment, ob es uns passt oder nicht, ob es uns glücklich macht oder verzweifeln lässt. Jedes Hadern mit dem Schicksal hört auf, weil das Schicksal seine Macht verloren hat, und macht im letzten Schritt der Dankbarkeit Platz, die allem gebührt, was uns das Leben bietet. Uns dafür von Moment zu Moment zu öffnen, ist die größte Wachstumschance, die wir haben. Dann haben wir dem Schicksal jede Macht genommen, und ohne Macht gibt es kein Schicksal. Denn das Schicksal lebt von unserem Erschrecken und Erstarren, von unserer Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Sonntag, 8. November 2015

Wer bin ich - bin ich wer?

Die Frage nach der Identität richtet sich nicht darauf, ob und wie ich existiere, das wäre eben die Frage nach der Existenz. Diese kann ich dadurch beantworten, dass ich mich spüre und erlebe. Dadurch weiß ich, dass und wie ich existiere. Die Frage nach der Identität richtet sich auf das Wie dieser Existenz, also welche Form oder Qualität diese Existenz hat.

Wenn wir nach diesem Wie fragen, stoßen wir gleich auf viele verschiedene Antworten. Wir sind offenbar eine Ansammlung aller möglicher Identitäten: Wir können uns als Zugehörige zu einer Nation oder einem Staat fühlen, als Bürger einer Stadt oder Gemeinde, als Anhänger einer Musikgruppe oder eines Fußballvereins, als Anhänger oder Gegner einer politischen Partei, Mitglied einer bestimmten Religion usw.

Außerdem ist klar: Meine Identität und meine Identitäten haben jeweils eine innere und eine äußere Komponente: Wie ich mich selbst erlebe und wie mich andere erleben. Ich kann mir selber eine bestimmte Identität zusprechen, die andere von außen gar nicht wahrnehmen, oder umgekehrt, andere sprechen mir eine Identität zu, die gar nicht meine ist.

Da sich das Wie unseres Existierens in der Zeit verändert, unterliegt unsere Identität einem Wandel. Wir fühlen uns anders als noch vor zehn Jahren oder als in unserer Kindheit. Bestimmte Teil-Identitäten verschwinden mit der Zeit, z.B. jene als Schüler, andere verändern sich, andere kommen neu dazu. Das, was wir unter unserer eigenen Identität verstehen, ist keine feststehende Größe, sondern eher ein Rahmen für eine große Spielwiese, auf der sich die unterschiedlichsten Identitäten tummeln, von denen sich mal die eine, mal die andere vordrängt und unser Selbstgefühl dirigiert.

Sie sind wie Kleider im Kleiderschrank, aus dem wir mal das eine, mal das andere Kleidungsstück nehmen und damit unsere äußere Erscheinung und unser Selbstgefühl mehr in die eine oder andere Richtung stylen. Wie alles Dingliche, vergehen Kleider mit der Zeit, indem sie uns nicht mehr gefallen oder indem sie schadhaft werden. Ähnlich vergehen unsere Identitäten.

Wenn wir auf die Suche nach innen gehen, verstehen wir das als Suche nach uns selbst, danach, „wer wir wirklich sind“. Wir merken, dass wir nicht eine unserer Identitäten sein können, weil wir dann andere vernachlässigen würden. Wir merken auch, dass wir nicht die Summe der Identitäten sind, weil ein Kleiderschrank weniger interessant ist als die Kleider, die er enthält.

Irgendwann dämmert uns, dass wir das Ziel unserer Suche nicht in einer unserer Identitäten und auch nicht in unserer Gesamtidentität finden können. Da das alles wandelbar und vergänglich ist, kann es nicht einmal unsere Sehnsucht nach Sicherheit befriedigen. Es dient also nicht dazu, unsere tiefste Angst zu beruhigen, denn wir nutzen unsere Identität genau dafür, diese Angst nicht spüren zu müssen. Sie dient wie ein Rettungsanker, wenn alles andere in Gefahr ist, sich aufzulösen. Mit unserer Identität wollen wir etwas Beständiges in den Strom der Veränderungen einbauen, merken aber, dass wir nur Sand haben, auf dem wir bauen können.

Wenn wir bei dieser Ahnung angekommen sind, bleibt uns nur die Alternative, uns sicherheitshalber an eine Identität anzuklammern oder unsere Identität radikal preiszugeben. Damit erkennen wir an, dass unsere Identität als ganze und alle ihre Teile Konstrukte sind, die im Kern der Angstbewältigung dienen, der Angst vor der eigenen Auslöschung. Wenn wir den Schritt in die Unsicherheit wagen, erkennen wir, dass wir die Angst, die da auftaucht, aushalten können. Mit dieser Erfahrung wird uns klar, dass wir keine Identität mehr brauchen. Weiterhin werden wir in unserem Leben mit dieser oder jener Identität auftreten, aber wir sind nicht mehr mit ihr identifiziert. Wir wissen, dass wir nicht so oder so sind, nicht aus diesen oder jenen Qualitäten oder Wertprioritäten bestehen, sondern dass hinter all dem Theater der Rollenspieler ein großer leerer Raum auftaucht, indem wir uns unendlich frei fühlen können.


Vgl.: Identität von Geist und Körper
Die sexuelle Identität
Des Pudels Kern: Über das Auflösen von Identitäten
Die Verdinglichungstendenz: Über das Dingliche an Identitäten

Samstag, 7. November 2015

Über den Nutzen der Flexibilität

Quelle: www.fuersie.de
Mehr Flexibilität bedeutet, dass wir schneller von Situation zu Situation umschalten können, statt an einer unvorhersehbaren oder unerwünschten Änderung der äußeren Gegebenheiten zu leiden: Der Verkehr steht plötzlich still, ich kann nicht weiter. Statt mich darüber zu ärgern gehe ich in einen Entspannungszustand. Sobald der Stau gelöst ist, wechsle ich in den Aktivitätsmodus und fließe weiter. Eine Sache braucht länger, um erledigt zu werden als geplant, weil eine andere Person ihren Beitrag dazu nicht rechtzeitig liefert. Statt mir Sorgen zu machen, ob alles noch rechtzeitig fertig wird, suche ich mir andere Tätigkeiten, die ihrerseits erledigt werden sollen.

Wenn wir flexibel sind, können leichter mit dem Leben mitgehen, das von sich aus immer wieder Änderungen, Neuigkeiten und Überraschungen hervorbringt. Deshalb meinte der griechische Philosoph Heraklith: „Alles fließt.“ Und Buddha sagte: „In steter Veränderung ist die Welt. Wachstum und Verfall sind ihre wahre Natur. Die Dinge erscheinen und lösen sich wieder auf. Glücklich, wer sie friedvoll beobachtet.” An unserer Atmung können wir jeden Moment diese Veränderbarkeit und „Flüssigkeit“ des Lebens wahrnehmen und miterleben.

Wer so beweglich ist, dass sich das Innere jeweils an das Äußere anschmiegt, sodass zusammen mit jeder äußeren Veränderung die entsprechende innere Veränderung geschieht, geht mit dem Fließen der stetigen Veränderungen mit, anstatt sich gegen sie zu stellen oder sich von ihnen zu distanzieren. Wenn uns das gelingt, sind wir eins mit dem Leben, nicht im Sinn, dass wir Teil von diesem größeren Prozess sind, sondern dass wir die gleiche Schwingung sind, die wir durch unsere Wahrnehmung als innen und die, die wir als außen wahrnehmen. Wenn das Äußere dynamischer ist, sind wir im Inneren dynamisch, wenn es ruhiger ist, sind wir ruhiger, nicht, weil wir uns an das Äußere anpassen, sondern weil die Bewegung eine gemeinsame ist. Das geschieht, wenn wir nichts zwischen das Innen und das Außen schieben, das es unterscheidet und trennt.

Die Basis für ein solches bewegliches Innenleben auf der physiologischen Ebene ist ein flexibles Nervensystem. Bekanntlich besteht das autonome Nervensystem aus zwei Zweigen, Sympathikus und Parasympathikus, die für unterschiedliche Modi des Erlebens und Verhaltens zuständig sind: Leistung und Regeneration. Die Flexibilität zeigt sich in diesem Bereich in der Herzschlagvariabilität: Die Fähigkeit des Herzens, seine Tätigkeit auf die jeweiligen Erfordernisse optimal abzustimmen. Unser Herz hat also nicht nur die Aufgabe, den Organismus kontinuierlich und gleichförmig mit Blut und damit mit Sauerstoff und anderen Botenstoffen zu versorgen, sondern je nach äußeren und inneren Bedingungen mal stärker und schwächer, mal schneller und langsamer zu pulsieren.


Atmen für die Flexibilität


Da die Herztätigkeit eng mit der Atmung verbunden ist, ist diese ein wichtiger Regulator, Impulsgeber und auch Lehrer für das Herz-Kreislaufsystem. Wir können sie bewusst beeinflussen und zur Schulung der Flexibilität über die Herzschlagvariabilität nutzen. Denn wenn wir kohärent atmen*, stärken wir den Parasympathikus, der für die Flexibilität des Herzschlags verantwortlich ist. Ein flexibles Herz ist ein wichtiger Indikator für Gesundheit und Langlebigkeit, wie die Medizin inzwischen erkannt hat.

Ein Muskel, der flexibel ist, hat mehr Möglichkeiten als einer, der verspannt und verkürzt ist. Wenn ich Muskeln dehne, können sie mehr Bewegungen ausführen und ich gewinne an Freiheit dazu. Die Dehnung des Atemraumes, sowohl räumlich als auch metaphorisch (im Möglichkeitsraum), erlaubt mir mehr Freiheit, die sich in verschiedener Hinsicht auswirken kann: Quantitativ steht mehr „Lebensenergie“ zur Verfügung, also mehr mitochondrialer Kraftstoff für die Zellaktivitäten. Der Gewinn an Flexibilität wirkt sich darin aus, dass ich dieses größere Maß an Energie für kreative Projekte in meinem Leben nutzen kann. Ich kann Routinetätigkeiten schneller erledigen, weil sie mich weniger leicht ermüden, und ich finde leichter neue Ideen für neue Projekte.

Stress macht eindimensional


Im Stress verlieren wir die Flexibilität, gleichsam die Kreativität in der Beweglichkeit. Denn die Stressreaktion schränkt den Möglichkeitsraum ein: Durch die Verengung des Blickfelds und des Hörbereiches, durch die Aufladung unserer peripheren Muskulatur wird der Organismus auf eine Orientierung hin ausgerichtet: Kampf oder Flucht, beides mit ganzem Krafteinsatz und voller Konzentration. Die Stressreaktion fordert maximale Effektivität und alternativloses Funktionieren. Wir dürfen uns keine Schnörkseln und Spielereien erlauben, wenn wir in Gefahr sind, sondern müssen all unsere Ressourcen in den Dienst des Überlebens stellen und auf dieses Ziel hin bündeln.

Wenn wir zu lange im Stress verharren, verhärten sich die Muskeln und Gewebe durch die energieaufwändige Daueranstrengung. Deshalb ist es wichtig, dass wir rechtzeitig erkennen, wenn wir im Stress landen und dass wir Wege kennen, um aus dem Muster herauszufinden.

Die Atmung dient uns auch als Indikator für unseren Zustand: Sind wir im Stressmodus oder im Entspannungszustand? Und wir können sie so lenken, dass wir von Stress „herunterkommen“ und zu einem ausgeglichenen inneren Fließen kommen, das es uns leicht macht, mit dem Außen zusammen zu fließen. Die Befreiung vom Stress ist gleichbedeutend mit dem Wiedererwerben der kreativen Beweglichkeit. 
 

Zum Weiterlesen:
Weiches besiegt das Harte
Atembewusstheit und Flexibilität

Freitag, 6. November 2015

Das Drama des Perfektionisten

Der Perfektionist trägt ein Ideal der Vollkommenheit bei sich. Er misst seine Handlungen daran, wie nahe sie dem Ideal kommen. Das Ideal selber wird nicht überprüft, und meistens weiß der Perfektionist auch nicht, woher es stammt. Er nimmt an, dass es ein allgemein menschliches Ideal ist, das alle anderen teilen oder teilen sollten. Er versteht nicht, wenn andere seinem Ideal nicht folgen. Ein Teil seiner Anstrengungen ist dem Bestreben gewidmet, andere zum eigenen Ideal hinzuführen.

Hinter seinen Anstrengungen steckt der Versuch, den Erwartungen anderer Menschen möglichst vollständig zu entsprechen. Er meint zwar, seine eigene ganz individuelle Perfektion anzustreben und nimmt auch an, ihr auf der Spur zu sein. Da er aber die Herkunft seines Ideals nicht kennt, die Umstände der Prägung, die es geformt haben, nicht erforscht hat, kann er gar nicht wissen, was genuin aus ihm selber, aus der Entfaltung seiner Individualität stammt, und was unbewusste Aufträge von anderen Menschen, z.B. von den eigenen Eltern sein könnten. Er meint, ihnen folgen zu müssen, um mit sich selber zufrieden sein zu können. Das ist eine der gefinkelten Fallen des Perfektionismus.

Dem Perfektionisten geht es also vor allem um die Anerkennung durch andere. Er kämpft darum, Wertschätzung zu bekommen, und möchte deshalb Fehler vermeiden und immer alles richtig machen. Kriegt er zu wenig Anerkennung, glaubt er, sich noch mehr anstrengen zu müssen und noch besser werden zu müssen.


Die vergeblichen Suche nach Anerkennung


Jedoch spielt sich häufig das folgende Drama ab: Je perfekter der Perfektionist wird, desto unbeliebter macht er sich, weil sich die Menschen von jemandem abwenden, der alles richtig macht. Ein perfekter Mensch löst die Angst aus, dass man auch so gut sein muss und es doch nicht schafft. Er erinnert an die eigenen Unzukömmlichkeiten und erzeugt schlechtes Gewissen. Folglich wenden sich die anderen ab und vermeiden den Kontakt mit jemandem, der vermittelt, dass sie nicht so gut sind wie er selber. Der Perfektionist jedoch wird immer mehr dem Beliebtsein nachrennen, je weniger er davon kriegt. Und er wird umso weniger davon bekommen, je mehr er ihm nachrennt. 

Es ist ein Kampf, der nie zu gewinnen ist. Der Vollkommenheitsstreber wird angetrieben von einem starken inneren Druck, der ihn wachsam nach außen werden lässt: Komme ich gut an bei den anderen oder muss ich meine Leistung noch verbessern? Damit entfernt er sich immer mehr von sich selber und auch von den anderen. Sobald er das merkt, muss er sich zu weiteren Anstrengungen motivieren.


Perfektionserwartungen


Dieser Mechanismus wird dadurch noch verschärft, dass wir dazu neigen, wenn wir in Stress sind und uns von Problemen umzingelt fühlen, von den anderen Menschen Perfektion zu erwarten. Grundsätzlich schon hätten wir immer gerne, dass in unserer Umgebung alles perfekt abläuft: Die Briefträgerin ist verlässlich, die Müllabfuhr funktioniert, der Installateur kommt sofort, repariert den Schaden für alle Zeiten und verlangt wenig, die Verkäuferin ist freundlich und gibt mir die beste Ware, die Leute machen mir Platz, wenn ich es eilig habe usw. Lauter perfekte Menschen sollte es in unserer Umgebung geben, fehlerlos sollten die Menschen sein, die für uns sorgen.

So stellen wir uns ein optimales, wenn nicht gar paradiesisches Leben vor, denn so brummt uns niemand einen Stress auf, und so können wir uns auf den Stress beschränken, den wir uns selber machen. Und wenn wir von eben diesem Stress befallen sind, ist der Bedarf nach Perfektion umso höher. Unsere Toleranzschwelle sinkt, und wir regen uns über jede Kleinigkeit auf, die nicht zu unseren Idealerwartungen passt. Denn solche Unvollkommenheiten erhöhen unsere Stressbelastung nur. Allerdings merken wir dann nicht, wie wir selber unsere Stressbelastung erhöhen, indem wir uns ärgern – oft über Dinge, die wir gar nicht ändern oder beeinflussen können.


Unvollkommene Natur


In der Natur gibt es keine Perfektion. Die Natur bringt die unterschiedlichsten Formen hervor, die durch ihre Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihre Überlebensfähigkeit sichern, nicht durch die Anpassung an ein abstraktes Optimum. Nur der Mensch hat aufgrund seines Denkens die Möglichkeit, das Konzept der Perfektion zu entwerfen: Wenn es etwas Gutes gibt, gibt es etwas Besseres, und wenn es etwas Besseres gibt, muss es das Beste geben. Das, was gerade ist, ist fast immer nur teilweise gut, also muss es verbessert werden, bis es nicht mehr verbessert werden kann.

Damit handeln wir allerdings gegen die Natur, vor allem gegen unsere eigene Natur. Denn Idealzustände sind der Natur vom Wesen her unverständlich und unbekannt. Sie können deshalb die Abläufe in der Natur nicht fördern, sondern wirken sich nur störend auf sie aus. 


Idealzustände sind nicht objektiv


Das Ideal, mit dem wir in unserem Denken den Jetzt-Zustand in die perfektionierte Zukunft projizieren, dient uns dann als Leitlinie unseres Handelns. Wir orientieren an diesem Idealbild, auf das wir hinsteuern wollen. Allerdings gibt es kein objektives Optimum. Es gibt zwar in bestimmten Bereichen Kriterien für Fehlerfreiheit: Ein Pianist, der nie daneben greift, eine Buchhalterin, die nie fehlbucht, usw. Das hat aber noch nichts mit Perfektion zu tun; der Pianist muss ja nicht nur fehlerfrei, sondern auch ausdrucksstark, locker, tiefsinnig spielen, die Buchhalterin braucht auch Sozialkompetenz, vernetztes Denken und Geschäftssinn, Eigenschaften, die nicht mehr so leicht quantifizierbar sind.

Überall, wo es um Qualitäten geht, und das sind unter Menschen die sensibelsten Bereiche, gibt es keine objektiven Maßstäbe, sondern sehr unterschiedliche subjektive Einschätzungen. Je nach den eigenen Prioritäten und Wertorientierungen ist für den einen das eine, für den anderen das andere maßgeblich, sodass bekanntlich gilt: Allen Leuten rechtgetan, ist eine Kunst, die niemand kann. Dennoch mühen wir uns immer wieder ab, um es rechtzutun, zumindest möglichst vielen, wenn schon nicht allen. Und immer noch leiden wir, wenn wir erfahren, dass wir es jemandem nicht rechtgetan haben, und versuchen, weiter an unserer Perfektionierung zu feilen. 


Kreatives Wachsen


Was wir verbessern können, können wir verbessern, soweit es in unserer Macht und Machbarkeit steht, was aber von uns verlangt, dass wir uns verbiegen, dass wir also jemand anderen aus uns selber machen, sollten wir lassen. Und es ist wichtig, dass wir die Unterscheidung lernen zwischen diesen beiden Formen der Verbesserung. Dazu müssen wir uns selber kennenlernen, indem wir in Kontakt mit unserem Inneren treten. Wir müssen lernen, auf diese Stimme im Inneren zu hören, die uns sagen kann, was authentisch aus uns selber kommt und was wir tun, obwohl es uns selber nicht entspricht.

Leichter tun wir uns in jedem Fall, wenn wir die Idee der Perfektion aus unserem Repertoire streichen. Wir können uns klarmachen, dass es die Perfektion, die wir anstreben, gar nicht gibt, dass es aber immer Möglichkeiten gibt, zu lernen und besser zu werden. Solange uns das Verbessern unserer Qualitäten Spaß macht und Freude bringt, gehört es zur kreativen Entfaltung unseres Wesens. Sobald wir uns jedoch nach einem Leisten richten, den uns andere verpassen wollen, und wir merken, dass wir uns nur mit Mühe und gegen inneren Widerstand in diese  Richtung entwickeln können, sollten wir überprüfen, ob wir uns selber noch treu sind.

Treue zu uns selber umfasst auch die Treue zur eigenen Unvollkommenheit, und das heißt, die Treue zur eigenen Lernfähigkeit. Wir brauchen uns nur zu verdeutlichen, dass diese Lernfähigkeit prinzipiell unbegrenzt ist. Dann erkennen wir, dass die Idee der Perfektion sinnlos und hinderlich ist. Wir kommen nie bei irgendeinem Ideal an, sondern finden immer wieder Möglichkeiten, weiter zu lernen. Das hält das Leben interessant und spannend. Lassen wir uns selber imperfekt und entwicklungsfähig bleiben und die Imperfektion und Entwicklungsfähigkeit in allen anderen erkennen und wertschätzen. So können wir zu einer menschlicheren Menschheit beitragen, in der sich die Menschen aufeinander weniger durch das Ausüben von Druck als durch Anerkennung und Ermutigung beziehen und fördern.


Vgl. Perfektion und Perfektionismus

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Ein kleines Modell des Schmerzes

Wenn wir Schmerzen empfinden, bedeutet das, dass der Körper signalisiert, mit einem Problem nicht fertig zu werden. Unser Organismus verfügt über die unterschiedlichsten Formen von Selbstregulation. Diese verläuft zum größten Teil unbewusst. Unsere inneren Systeme steuern sich selber, von der Zellebene angefangen bis zum Blutkreislauf oder Lymphnetzwerk. Auch im Gehirn laufen die meisten Prozesse unbewusst. Etwas bewusst abzuwickeln, erfordert viel Energie (Sauerstoff und Glukose), und wird deshalb aus ökonomischen Gründen auf ein Minimum reduziert.

Das Bewusstsein wird hinzugezogen, wenn es anders nicht mehr geht, und das ist die Funktion des Schmerzes: Ein Notsignal, ein Hilferuf: „Wir schaffen es alleine nicht mehr“. Das Bewusstsein kann Schmerzen nicht ignorieren, die melden sich so vehement, dass wir auf sie achten müssen. Manchmal sind sie so stark, dass wir zusammenknicken, z.B. bei einem intensiven Magenschmerz. Wir können sie jedoch missachten, indem wir sie nicht ernst nehmen, sondern einfach weitertun, bis die Schmerzen von selber abebben. Manchmal denken wir, wir müssen die Zähne zusammenbeißen und trotz Schmerzen weitermachen. Es kann sein, dass wir mit dieser Taktik unseren Körper dazu zwingen, seine letzten Reserven zu mobilisieren, bis es dann zu einem größeren Zusammenbruch kommt.

Denn der Hilferuf, den ein betroffenes Körpergebiet mittels Schmerzen ausschickt, heißt nicht nur, dass die Schadensbehebung von dem Bereich nicht mehr selber erledigt werden kann, sondern auch, dass die Reserven, die für die Reparatur in Anspruch genommen werden, zur Neige gehen. 

Schmerzen sind deshalb immer auch ein Anlass, dass wir uns bewusst machen können, wie wir mit unseren Energien umgehen. Wenn wir uns irgendwo im Körper verspannen, wird Energie konsumiert, um diese Spannung aufrecht zu erhalten, und es fehlt der Wiederaufbau der Energie, der in der Entspannung möglich ist. Das System Spannung-Entspannung-Spannung usw. erhält sein Gleichgewicht; bleibt die Spannung mit zu wenig an Entspannung, entsteht ein Ungleichgewicht, es wird zu viel verbraucht und zu wenig hergestellt.

Was kann das Bewusstsein nun tun, wenn ein Organismus-System im Ungleichgewicht ist? Es kann, wie oben gesagt, die Botschaft hören, aber ansonsten ignorieren und so weitermachen, wie bisher, mit riskanten Aussichten. Es kann die Botschaft ernst nehmen und etwas am Leben ändern, was zur Wiederherstellung des Gleichgewichts führt. Es kann sein, dass wir zum Arzt gehen und uns eine Therapie verschreiben lassen. Es kann auch sein, dass wir beschließen, z.B. uns ausdauernd zu bewegen oder anders zu ernähren oder bestimmte Aktionen, die uns zuviel Stress bereiten, beenden.

Wir können zudem noch einen Schritt weitergehen und uns auf die Ebene der inneren Kommunikation einlassen. Schmerzen drücken nämlich auch eine Kommunikationsstörung aus, wie wenn Kinder zum Schreien anfangen, weil sie sonst nicht gehört werden. Lange genug haben wir überhört, was uns unser Körper mitteilen wollte, weil wir andere Aspekte unseres Lebens wichtiger genommen haben, z.B. das, was andere von uns erwarten oder das, was wir von uns selber erwarten usw. Wenn wir auf die innere Kommunikation einsteigen, heißt das, dass wir Verständnis für das Symptom aufbringen, das sich melden, auch wenn es uns lästig oder beschwerlich erscheint. Es will verstanden werden und spüren, dass es wichtig genommen wird. Dann kann es schon ein Stück entspannen. 


Untersuchungen haben festgestellt, dass Schmerzreize, die mit innerer Aufmerksamkeit statt mit Abwehr wahrgenommen werden, abnehmen. Interessanterweise gehen die Schmerzreaktionen in den Nervenzellen nicht nur im Gehirn zurück, sondern auch an der Stelle, wo sie entstehen, z.B. im Zahnkanal oder in der Magenschleimhaut. Die Zellen in diesem Bereich entspannen sich offensichtlich, wenn sie die Zuwendung und Aufmerksamkeit des Bewusstseins bekommen.

Wir sollten deshalb den Aufbau und Ausbau unserer Innenkompetenz wichtig nehmen, neben all den anderen Kompetenzen, die wir in unseren Lebenswelten brauchen. Innenkompetenz nenne ich die Fähigkeit, unser Inneres bewusst wahrnehmen und verstehen zu können. Es ist die Fähigkeit der inneren Kommunikation, die im Zuhören und zugewendeten Sprechen besteht, beruhend auf einer gleichberechtigen Grundlage. Unser Symptom, das mit uns reden will, hat genauso recht wie „wir“, also unser bewusster Aspekt, der die ganze restliche Lebenswelt mit ins Gespräch bringt. Es darf kein Machtgefälle geben in diesem Dialog. „Wir“ müssen uns also auch von den Botschaften unseres Körpers belehren lassen.

So können wir die Eigenverantwortung für unsere Gesundheit stärken, die zuallererst in unseren eigenen Händen ruht und von der wir selber am meisten wissen, kennen und spüren. Der bewusste und achtsame Umgang mit Schmerzsignalen aus unserem Körper ist ein wichtiger Zugang zu dieser Kompetenz: Statt die Schmerzen nur als unangenehm, hinderlich und feindlich zu verurteilen, sie als Hinweise zu sehen, wie wir unser Leben verbessern können. Das hilft uns, das Leid, das Schmerzen verursachen, besser zu ertragen, und den Schmerzen, sich schneller zu beruhigen.

Die Eigenverantwortung für unsere Gesundheit können wir nur selber in die Hand nehmen. Das Gesundheitssystem hat kein eigenes Interesse daran, auch viele Ärzte sehen sich wichtiger als die Eigenkompetenz ihrer Patienten. Deshalb müssen wir es zu einem wichtigen Interesse machen.


Vgl. Das Modell der organischen Kommunikation
Selbstheilung durch innere Kommunikation
Das innere Wissen und eine neue Methodologie

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Wann ist das Boot voll?

Szene aus dem Film "Das Boot ist voll"
von Markus Imhoof (1981)
Wie viele Flüchtlinge haben Platz in unserem Land, und wann ist es genug, oder ist es schon längst genug, und das Boot droht zu sinken?

Diese Frage stellen sich viele in diesen Tagen, und die Antworten darauf bestimmen die Wahlergebnisse: das Flüchtlingsthema gilt für die meisten Wähler der Wiener Gemeinderatswahl vom 11.10.2015 (55%) als wesentliche Aufgabe der Politik; 45 % der Wähler waren der Meinung, dass das Land noch mehr Flüchtlinge aufnehmen könne; 50% finden, dass unsere Kapazitäten bereits erschöpft sind. Die Meinungen sind also polarisiert, sie teilen sich auch ziemlich genau auf Grüne-Wähler (die meinen, dass noch mehr Flüchtlinge aufgenommen werden können) und FPÖ-Wähler (die meinen, dass die Grenzen dicht gemacht werden sollten) auf.

Wer oder was entscheidet darüber, wann es genug ist mit der Zuwanderung? Es ist offensichtlich, dass es kein objektives Kriterium gibt, doch wird das kaum irgendwo erwähnt. Wo auch sollte man das ansetzen? Wir sind ein reiches Land, in dem allein mit den Lebensmitteln, die laufend weggeworfen werden, Tausende Menschen ernährt werden können. Wir haben leerstehenden Wohnraum und können auch behelfsmäßige Unterkünfte errichten. Viele Menschen sind bereit, Geld und Güter zu spenden. Der Staat kann seine Gelder locker machen usw. Wenn ein armes und bürgerkriegsgezeichnetes Land wie der Libanon 1-2 Millionen Flüchtlinge aufnehmen kann und nicht untergeht, ist bei uns die Kapazitätsgrenze noch lange nicht absehbar.(Libanon: Einwohnerzahl: 30 % weniger als Österreich, Fläche: 87% weniger als Österreich)

Wo es keine objektiven Kriterien gibt, bestimmen die subjektiven die Meinungen und Diskussionen. Subjektive Kriterien sind von Gefühlen erzeugt, und da machen sich vor allem unterschiedliche Ängste breit, die eben den einen das „Gefühl geben“, dass es eng wird im Land und dass das Boot zu sinken droht oder, wie eine FPÖ-Metapher besagt, dass die Gesellschaft „kippt“ (als wäre die Gesellschaft ein Biotop), während andere „das Gefühl haben“, dass den armen Menschen geholfen werden muss. Bei den einen verstärkt das die Angst, dass sie selber nichts mehr kriegen und „die Fremden“ alles, was wieder bei den anderen die Angst auslöst, dass Notleidende im Stich gelassen werden sollen und sich Feindlichkeit statt Menschlichkeit ausbreitet.

Es scheint offensichtlich, dass in diese Gemengelage der polarisierten Gefühle viele transgenerationale Themen aufgewirbelt werden und mitmischen. Fast jeder Mensch in diesem Land hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, zumindest in den genetischen und epigenetischen Prägungen, die von Eltern, Groß- und Urgroßeltern übertragen werden. Viele haben eine Familiengeschichte von Flucht, Aus- Ein- und Zuwanderung, viele haben auf diese Weise direkt oder indirekt Formen von  Fremdenfeindlichkeit und Menschlichkeit erlebt, am eigenen Leib oder in der Generationenübertragung.

In dieser Situation, in der die Gesellschaft durch den Zustrom und Durchstrom von Tausenden Menschen, die nichts oder fast nichts haben, aufgemischt wird, kommen all diese Themen hoch und beeinflussen die eigene Gefühlslandschaft. Da uns jedoch diese Themen und ihre Herkunft kaum bewusst sind, geraten wir in Verwirrung. Diese Verwirrung hat sich inzwischen weit ausgebreitet und treibt die unterschiedlichsten Blüten. Die einen erwarten den entscheidungs- und durchsetzungsmächtigen Politiker, der wieder Klarheit und Sicherheit herstellen wird (wie viele unserer Vorfahren in unserem Land 1938 den Österreicher, der in Deutschland zum starken Mann geworden war, hoffnungsvoll begrüßt haben), die anderen eine offene und hilfsbereite Gesellschaft (wie viele unserer Vorfahren erhofft, vermisst oder erfahren haben) usw.

Es ist klar, dass auf der Grundlage von verwirrten Gefühlen keine sinnvollen Entscheidungen getroffen werden können. Verwirrung führt zu Willkür und Panikreaktionen. Andererseits verfügen wir über keine rationalen Gründe zu sagen: Jetzt, genau jetzt, ist der Punkt erreicht, an dem wir es nicht mehr schaffen. Du darfst noch rein, und du nicht mehr.

Soll sich die gesellschaftliche Gefühlsverwirrung auflösen, bedarf es der inneren und kommunikativen Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen und ihren Hintergründen in den eigenen Lebensgeschichten und denen unserer Vorfahren. Erst wenn sich die Gefühle in den Menschen und die Menschen in den Gefühlen verstanden fühlen, können wir der Vernunft wieder mehr Raum geben und menschengerechte Entscheidungen fällen.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Über den Wahnsinn der Waffenproduktion

Quelle: fox59.com
 „Warum werden Waffen an jene verkauft, die planen, einzelnen Menschen und der Gesellschaft unbeschreibliches Leid zuzufügen?” Pause. „Leider ist die Antwort, wie wir wissen: Einfach wegen des Geldes – Geld, das getränkt ist in Blut, oft unschuldigem Blut.“

Dies sagte Papst Franziskus am 24.9.2015 vor dem amerikanischen Kongress, vor den Abgeordneten, unter denen vermutlich nicht wenige durch das Waffengeschäft zu ihrem Reichtum, Amt und Würden gelangt sind. 


Ich weiß nicht, ob die republikanischen Abgeordneten bei diesem Abschnitt der Rede in Zustimmung aufgestanden sind oder nicht. Vielleicht haben sich manche gedacht: Ach, was für ein naives Denken kann sich ein Papst erlauben, wir hingegen tragen die Verantwortung für die Sicherheit der Nation und der Welt usw.
 

“Britannien sollte akzeptieren, dass solche Waffen unmöglich mit einer Sicherheitsgarantie verwendet werden können und wir sollten die Pläne für die Erneuerung des Trident-Atom-Verteidigungssystems aufgeben, was 100 Mrd. Pfund für unseren nationalen Wohlstand freigibt.“ Das sagte Jeremy Corbyn, seit kurzem Führer der britischen Labour-Party.
 

Es mag tatsächlich naiv klingen, auf die exorbitante Unsinnigkeit der Anhäufung von Zerstörungsmaterial hinzuweisen. Aber ich finde, dass es immer wieder gesagt werden muss, bis es so tief in den Seelen der Menschen angekommen ist, dass im Außen etwas passiert: Ohne Waffen gibt es keinen Krieg. Waffen zerstören: Menschenleben und Güter. Was an Zerstörungen angerichtet wurde, muss wieder aufgebaut werden, bis ein menschenwürdiges Leben in den Kriegsgebieten möglich wird.
 

Illusionäre Tagträumerei, tönt es gleich von allen Seiten. Die "Vernünftigen" wissen es besser:  Wer abrüstet, zahlt drauf. Wer aufrüstet, ist auf der sicheren Seite. So geht die herrschende Logik, basierend auf einem sogenannten Hausverstand. Wir leben in einer Welt des Misstrauens, und wer sich schwach zeigt, wird vom Stärkeren untergebuttert. Der Mensch ist des Menschen Feind, so war es immer schon und so wird es immer bleiben. Also sei auf der Hut und halte stets deine Waffen griffbereit.

Nun hat nicht die Hochrüstung und Abschreckung Frieden gebracht, dort, wo Frieden herrscht, sondern wirtschaftlicher Wohlstand und innerer sozialer Ausgleich. Die Rüstung dient weder dem Wohlstand aller noch dem sozialen Ausgleich. Vielmehr werden durch die Rüstungsindustrie öffentliche Gelder auf private Konten geleitet für die Produktion von Gütern, die im besten Fall verrotten, im schlimmsten Fall Menschenleben und Güter zerstören.

Kriege gehen meistens nicht durch den überlegenen Waffeneinsatz zu Ende, sondern durch das Erschöpfen der Waffenvorräte auf einer Seite. Deshalb müssen, solange der Glaube an die Notwendigkeit von Kriegen weiterbesteht, die Waffenarsenale bis an den Rand gefüllt bleiben.
 

Wir sind Gefangene von Glaubenssystemen, die Sachzwänge hervorgebracht haben. Diese Glaubenssysteme wurzeln in primitiven Vorstellungen von menschlichen Zusammenhängen. Und gründen auf der Annahme, dass Gewalt Konflikte lösen könnte. Wir müssen uns nicht der Logik des Misstrauens unterordnen, die uns vorgebetet wird. Misstrauisch sind wir nicht von Natur aus, sondern erst, wenn uns Angst gemacht wird. Wie leicht das geht, können die Kriegstreiber immer wieder beobachten: Menschen leben friedlich mit- und nebeneinander. Dann mischt sich die Propaganda dazwischen, und aus Freunden werden Feinde, die einander nur mehr mit Misstrauen beäugen, bis sie bereit sind, einander umzubringen. Das war in unserem Land ab 1938 und „vor unserer Haustür“ vor zwanzig Jahren am Balkan zu beobachten, das sehen wir in der Ostukraine und in den failed states, den zugrunde gerichteten Staaten im Nahen und Mittleren Osten.
 

Solange wir die Logik des Misstrauens in uns wachhalten und nähren, spielen wir mit im System der Aufrüstung und Vernichtungsbereitschaft. Indem wir dieses Denken teilen, sind wir mitverantwortlich für das, was wir vielleicht auf der anderen Seite als Wahnsinn erkennen. Machen wir uns jedoch unsere Verantwortung für den Frieden auf der Welt bewusst, dann müssen wir auch der scheinbaren Ausweglosigkeit der Waffenproduzenten widerstehen und überall in unseren Beziehungen Misstrauen durch Vertrauen ersetzen. (Damit ist kein blindes, sondern ein sehendes Vertrauen gemeint.)
 

Unsere Mitverantwortung können wir dadurch leben, dass wir die Tatsache der Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit der Waffenproduktion und Waffenhortung immer wieder an den Pranger stellen. Sie einfach hinzunehmen und jede kritische Stimme als naiv zu belächeln, stärkt nur die Selbstverständlichkeit, mit der so große Teile der Menschheit und so viele politische Verantwortungsträger eine waffenstrotzende Welt hinnehmen und unterstützen.

Und aktuell heißt der Zusammenhang auch: Wenn es keine Waffen gibt, gibt es keinen Krieg. Wenn es keinen Krieg gibt, gibt es keine Flüchtlinge. Menschen flüchten nicht vor anderen Menschen, sondern vor Fassbomben, Phosphorgranaten und Raketen. Da wir in unseren Landen einen Teil unseres Wohlstandes der Waffenproduktion verdanken, die so viel Unheil in der Welt verursacht, haben wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung für die Geschädigten, die jetzt bei uns Unterschlupf suchen.