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Mittwoch, 20. Januar 2016

Die Intellektuellen und ihre Verwundbarkeit

 Zum Gedenken an die Attentate in Paris vor einem Jahr und heute in Charsadda (Nordpakistan)
 

Salman Rushdie, der verfolgte Schriftsteller aus Indien, sagte in seiner Eröffnungsrede bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2015, dass die Literatur stärker ist als alle politischen Systeme und Religionen, aber dass die Literaten verwundbar sind. 

Die Aufklärung, das große Modernisierungsprojekt der Intellektuellen des 18. Jahrhunderts, zeigte den Umschwung in die Brutalität, wenn die Ideen der Intellektuellen Breitenwirkung entfalten und von den „Massen“ aufgegriffen werden. Von daher (nebenbei) das Misstrauen der Intellektuellen in diese „Massen“, also in die Mehrheiten oder in die schlag- und durchsetzungsmächtigen Minderheiten der Gesellschaft. Die Intellektuellen werden abserviert, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, oft genug in die Gefängnisse, in die Isolation oder ins Jenseits. 


"Literatur ist stark, aber Autoren sind schwach. Ihre Leben können zerstört werden, selbst wenn ihre Werke bleiben", sagte Salman Rushdie und fügte hinzu: "Das ist kein großer Trost, wenn man tot ist."


Mit jedem Intellektuellen stirbt ein besonderes Stück Menschheit. Intellektuell sein heißt auch, die eigene Individualität kompromisslos zum Ausdruck zu bringen. Dieses Stück Individualität geht verloren, wenn der Mensch zerstört und zusätzlich seine Werke vernichtet werden.


Die Waffen des Geistes und des Wortes können scharf sein, sie können aber keine körperliche Gewalt ausüben. Sie entfalten ihre Macht nicht mit der Drohung der physischen Vernichtung, sondern mit der Kraft der Überzeugung. Sie brauchen deshalb ein Gegenüber auf dem gleichen Kanal des Austausches oder lernwillige Empfänger.

Viele der Mächtigen haben eine besondere Angst vor den Intellektuellen und verfolgen sie, wie die grausamen Diktatoren des 20. Jahrhunderts. So, als stünde im Handbuch für Diktatoren, dass zuerst die streitbaren Geister zum Schweigen gebracht werden müssen, dann ist die Basis für den weiteren Ausbau der Unterdrückung gesichert.

Denn der Intellektuelle kann nicht schweigen, wenn er Widersprüche erkennt und Manipulation entlarvt. Er hat verstanden, dass im Bildungsinteresse eine unstillbare Suchbewegung steckt, die nicht aufgehalten werden darf, weil sie immer weiter zur Freiheit führt. Die Intellektuellen sind keine Besitzer, sondern Sucher und Erforscher der Wahrheit und reagieren immer mit Misstrauen und Widerspruch, wenn sich jemand der Wahrheit bemächtigt. Sie sind das Gewissen der Eliten.

Auch wenn sich Intellektuelle oft persönlich wichtig nehmen, weil sie als Menschen über Stolz und Eitelkeit verfügen, wissen sie, dass ihre Inspiration und ihre Mission über sie hinausgehen. Sie wissen, dass sie nie fertig sind und wollen nie aufhören zu lernen.

Sie wollen schreiben und reden, um Wirkung in anderen Menschen zu erzeugen; weniger, um sie vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, mehr um sie zu einem eigenen Standpunkt zu bringen, um sie dazu motivieren, Stellung zu beziehen, aufzustehen, statt sitzen zu bleiben, in Bewegung zu kommen statt zu erstarren. Intellektuelle brauchen den Diskurs, um ihre Ideen zu prüfen und zu bewähren oder zu verwerfen. Sie wollen Bewegung statt Stillstand, Flexibilität statt Sturheit.

Statt Meinungen und übernommenen Ansichten verfolgen die Intellektuellen den kritischen Weg: Was Menschen sagen und tun, wird „hinterfragt“, wird auf Widersprüche am Maßstab der Humanität hin untersucht. Intellektuelle sind zur Kritik verpflichtet – das griechische Wort „krinein“ heißt unterscheiden. Kritik bedeutet also Unterschiede zu setzen, dort zu differenzieren, wo dualisiert oder monopolisiert wird. Je mehr Unterschiede gefunden werden, desto uneindeutiger und vieldeutiger wird die Wirklichkeit. Eine einfältige Wirklichkeit ist leicht zu beherrschen, eine aufgefächerte Realität entzieht sich dem Zugriff der Macht.

Deshalb ist die Angst der Mächtigen vor den Intellektuellen berechtigt.

Es ist simpel und billig, dem Diskurs mit einer Kalaschnikow ein plötzliches Ende zu bereiten. Die Person des Intellektuellen ist ausgelöscht. Sein Argument wirkt jedoch weiter. Das ist der Antrieb und die Hoffnung des Denkers: Dass sein geistiges Erbe weiter spricht, über ihre Person hinaus.

Denn Intellektuelle schreiben ihre Argumente nicht (ausschließlich) ihrer Person zu, sondern der Wahrheit und der Redlichkeit. Wie vehement sie auch immer ihre Position vertreten und verbreiten, wie sehr sie ihren Stolz daran heften mögen, haben sie doch immer eine bescheidene Haltung der größeren Kraft des Geistes gegenüber, dem sie sich verpflichtet fühlen. Sie wissen, dass sie nicht willkürlich und unbedacht argumentieren können, sondern dass das Argument verdient und erarbeitet sein muss. Leichtfertigkeit ist nicht ihre Sache, sondern Gründlichkeit und Umsicht.

Leicht hingegen ist ihr Gewicht im Spiel der Mächte und Gewalten. Eine Kultur, die sich ihrer entledigen will, wird zur Unkultur, zur sich selbst zerstörenden Barbarei.

Samstag, 14. November 2015

Das Menschliche im Unmenschlichen

Schreckliche Ereignisse erzeugen Betroffenheit. Wir empfinden Mitleid mit den Opfern und erkennen dadurch, dass wir als Menschen alle miteinander verbunden sind. Wir empfinden Abscheu gegen die Täter und merken dabei meistens nicht, dass wir uns damit abtrennen von der Menschheit und so tun, als hätten wir mit ihnen nichts gemeinsam.

Allerdings übersehen wir, wenn wir unserer Abscheu und dem daraus kommenden Hass folgen, dass wir selber zu potenziellen Tätern werden. Denn die Ablehnung anderer Menschen und ihrer Motive ist es, was zu hasserfüllten Handlungen führt. Wenn wir Hass in uns kultivieren, sind wir nicht viel besser als jene, die wahllos andere Menschen abknallen.

Wir brauchen uns nicht vorzuwerfen, dass wir solche Gefühle entwickeln, wenn Menschen unmenschlich handeln. Diese Gefühle sind erworbene Reaktionsmuster, die ohne unser bewusstes Zutun entstanden sind und wachgerufen werden. Aber wir müssen nicht an diesen Gefühlen festhalten, weil wir mit diesen Gefühlen in uns selber die gleiche Einstellung rechtfertigen, die wir an Tätern verurteilen. Denn gerade Gesinnungstäter handeln aus der Überzeugung heraus, dass sie oder die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, unmenschlich behandelt wurden, dass ihnen etwas angetan wurde, wofür sie legitimer Weise Hass empfinden dürfen, um in Konsequenz aus diesem Hass heraus handeln zu müssen.

Wenn wir also einen Unterschied machen wollen, geht es darum, dass wir uns von den verurteilenden Gefühlen lossagen und uns das Menschliche im Unmenschlichen eingestehen. Denn zu allem, zu dem Menschen fähig sind, sind wir selber auch fähig. Und wir können uns für die Umstände unseres Lebens glücklich schätzen, die uns das Gutsein leichter machen, und zugleich erkennen, dass wir noch lange nicht vollkommen sind, sondern noch viel brachliegendes Potenzial zu mehr Menschlichkeit in uns tragen.

Das bedeutet nicht, dass wir verbrecherische Handlungen gutheißen, im Gegenteil, das Menschliche im Unmenschlichen zu sehen beinhaltet, die Fehlerhaftigkeit zu benennen und bewusst zu machen. Böses Handeln muss Konsequenzen haben, sonst zerbricht die Humanität. Es geht also nicht um eine naive Menschlichkeit, die jedes und alles in rosarote Wolken einhüllt. Wir haben Verantwortung und Mitverantwortung dafür, dass wir selber und die anderen besser werden, also unsere Erkenntnis schärfen, wo das Gute beginnt, und nach dieser Erkenntnis zu handeln. Dazu obliegt es uns auch, anderen zu verstehen geben, wenn sie diesseits der Grenze des eigenen Egos verblieben sind und ihnen das Überschreiten der Grenze zuzumuten.

Das Mitgefühl, das geweckt wird, wenn wir von Ereignissen in unserer „Nähe“ erfahren, soll uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mitmenschlichkeit nicht von der Entfernung, nationalen oder übernationalen Verbundenheit, sozialer und kultureller Ähnlichkeit abhängen kann. Mitmenschlichkeit hat keine Grenzen irgendwohin.


Wir können daher die Gelegenheit ergreifen und dieses Gefühl weiten: Auf die vielen Anlässe auf dieser Welt, die es genauso verdienen, selbst auf die vielen Menschen, die, weil sie nicht an der Nachrichtenwelt teilnehmen, nie von den Ereignissen erfahren werden, die uns heute erschüttern, und auf die vielen Menschen, die, weil sie gerade um ihr nacktes Überleben kämpfen, nicht zu Mitgefühl fähig sind.

Donnerstag, 12. November 2015

Der Neid-Mechanismus

Die gegenwärtige Thematik der Flüchtlingsbewegungen nach Europa gibt auch die Möglichkeit, die Mechanismen des Neides besser zu verstehen. Denn viele Menschen, die am Wohlstand unserer Gesellschaft weniger Anteil haben, reagieren mit Neid, wenn sie hören oder sehen, wie Flüchtlinge ohne „Gegenleistung“ versorgt werden. Und bestimmte politische Gruppierungen greifen das Thema gerne auf, um gegen „die Fremden“ Stimmung zu machen oder sogar zu hetzen.

Ein Szenario, das auch durch diverse Medien gegeistert ist: Ein Schaffner geht durch einen Zug und lässt eine Flüchtlingsfamilie, die keine Fahrscheine hat, mitfahren. Ein einheimischer Fahrgast, der keinen Fahrschein mithat, weil er vergessen hat, ihn zu lösen, muss neben dem Fahrschein auch noch eine Bearbeitungsgebühr bezahlen, wie das eben die Regelung vorsieht. Der Fahrgast fühlt sich benachteiligt: Die (noch dazu Fremde in unserem Land) dürfen gratis fahren, ich (einheimisch und sesshaft) muss noch draufzahlen. Oder: Die Mindestpensionistin schaut auf ihre magere Geldbörse, während sie im Fernsehen sieht, wie die Flüchtlinge an den Grenzen mit Mineralwasser und Bananen versorgt werden, und denkt sich, ich muss jedes Monat schauen, wie ich mit dem wenigen Geld zurechtkomme, und die kriegen einfach so, was sie zum Leben brauchen – wie ungerecht und gemein – ich sollte ja mehr auf mein Konto kriegen, nachdem ich so lange in dem Land lebe und gearbeitet habe.

Solche Reaktionen sind nachvollziehbar, weil wir alle den Neid-Mechanismus kennen. Nun ist ja die äußere Realität eine andere: Flüchtlinge kommen aus Not und Verzweiflung (selbst die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die zuhause nicht um ihr Leben fürchten müssen, nehmen nicht aus Jux und Tollerei die beschwerlichen Fluchtwege auf sich). Sie können nur hoffen, dass sie versorgt werden, aber sie sind so entschlossen, die Gefahren auf sich zu nehmen, dass sie das Risiko des Scheiterns, also des Todes, auf sich nehmen, weil sie sonst keine Perspektive für ihr Leben und das ihrer Familien sehen. Ihr Kalkül dabei ist sicherlich, dass sich die reichen Länder in Europa nicht leisten können, Menschen einfach verhungern zu lassen. Aber das ist nur eine Hoffnung, denn viele sind auf den Fluchtwegen schon umgekommen.

Die andere Seite der Realität ist, dass ein Fahrgast, der vergessen hat, seinen Fahrschein zu lösen, damit rechnen muss, mehr zu zahlen. Die Regelung gibt es, ob nun Flüchtlinge im Zug sind oder nicht. Zum Unterschied von den Flüchtlingen kann er sich die zusätzliche Gebühr leisten und muss nicht deshalb zwei Tage auf sein Essen verzichten.

Die Pensionistin kriegt ihre Pension, und sie wird nicht weniger, wenn Flüchtlinge ins Land kommen. Deren Versorgung wird nicht von ihrer Pension abgezogen. Wenn sich die Krise aufgelöst hat und die Flüchtlingsströme versiegt sind, kriegt sie deshalb auch nicht mehr. Zum Unterschied von Flüchtlingen kann sie damit rechnen, dass sie das Wenige, was sie kriegt, wenigstens Monat für Monat kriegt, wie schon seit Jahren.

An diesen Punkten setzt der Neid an, der ja ein innerer Prozess ist. Die äußeren Gegebenheiten werden gemäß den inneren Erfordernissen arrangiert: Die eigene Frustration (die Mehrgebühr im Zug, die geringe Pension) wird in Relation gesetzt zu einer Beobachtung im außen, die eigentlich mit der Frustration nichts zu tun hat, aber eine innere Ähnlichkeit aufweist. So wird ein neuer Kontext erschaffen, und das eigene Schicksal wird neben das Schicksal anderer Menschen gestellt. Dann wird in einer Weise verglichen, die einen selber als Verlierer aussteigen lässt: Die zahlen nichts für ihr Essen oder für ihre Beförderung, ich hingegen schon. Ausgeblendet werden andere Faktoren, die den Vergleich anders ausgehen ließen: zum Beispiel das Ausmaß an Sicherheit, das der Fahrgast hat, der weiß, wohin er fährt und wo er, wenn er ankommt, übernachten kann und wie sein Leben danach weitergehen wird. Oder das Ausmaß an Selbständigkeit: Die Pensionistin kann mit ihrem Geld machen, was sie will, und sie kriegt es ohne jede Bedingung. Flüchtlinge kriegen nur das, was sie am Notwendigsten brauchen, und solange sie nicht andere Einkünfte haben. Oder das Ausmaß an Ressourcen und Vertrauen, usw.

Es gibt also viele Faktoren, die den Vergleich der eigenen Situation mit der der Flüchtlinge zu den eigenen Gunsten ausgehen ließen, aber der Antrieb des Neides engt das Bild darauf ein, wie man selber schlechter abschneiden kann. Es ist also eine typische Anleitung zum Unglücklichsein. Ich leide an der zusätzlichen Zahlung oder an der geringen Pension. Der Neid bewirkt, dass ich noch mehr daran leide. Denn der Vergleich mit anderen, die es scheinbar besser haben, vermehrt meine Frustration und verbittert mich. Ich entwickle eine Abneigung gegen die Menschen, die sich in Aggression und Hass steigern kann. Diese Gefühle verstärken meine Missstimmung und schränken mich ein in meinen Möglichkeiten, die Wirklichkeit umfassend wahrzunehmen. Damit verliere ich an innerer Freiheit, ohne irgendetwas dazu zu gewinnen. Einzig das Gefühl, eine Scheinbegründung für das eigene Unglück zu haben, kann der Gewinn sein, doch ist der Preis dafür ein hoher. Es ist der Preis, den ich für meine Emotionen zahlen muss, die meine Lebensfreude einschränken.

Es ist klar, dass die Flüchtlinge (die für die meisten Menschen bei uns nur virtuell vorhanden sind) bloß als Auslöser verwendet werden, um über einen unbewussten selbstschädigenden Prozess das eigene Unglück zu vermehren. Der Mangelzustand herrscht im eigenen Inneren, und er sucht sich Angelpunkte im Außen, um sich beklagen zu können und den Hass darüber ausdrücken zu können. Wenn das eigene Leid und die Klagen darüber Verbreitung finden, bei den Nachbarn und Verwandten, oder wenn sie von den Freunden im sozialen Netzwerk geliket und retweedet werden, entsteht ein Gefühl von Solidarität, das die Hoffnung nährt, dass dem eigenen Mangelzustand doch einmal abgeholfen wird. Wenn der Auslöser beseitigt ist (alle Ausländer raus!), dann könnte die Bahn ihre Tarife senken und die Regierung die Pensionen anheben.

Doch der innere Mangel wird nicht behoben, wenn der Schaffner auf die Zusatzgebühr verzichtet und die Pension substantiell erhöht wird. Denn es ist ein Wunsch nach bedingungsloser Liebe, der auf die Flüchtlinge projiziert wird. Dieser Wunsch kommt aus unserem Grundbedürfnis nach Angenommensein, das wir ganz am Anfang unserer Existenz brauchen, um uns sicher zu fühlen. Ohne diese Bedingungslosigkeit müssen wir um unser Leben fürchten. Denn wir können nichts tun, um unser Überleben zu sichern und können nur hoffen, dass unsere Überlebensbedürfnisse von außen gestillt werden.

Diese Furcht tritt uns entgegen, wenn wir Flüchtlingen begegnen, und unser Unbewusstes löst unsere eigenen Überlebensängste aus. Der Neid hilft uns, dass wir diese Angst nicht spüren müssen, sondern sie in Aggression und Hass ummünzen können. Damit gewinnen wir ein Stück Kontrolle zurück, bezahlen aber dafür mit innerer Anspannung und Verbitterung, die unseren Geist verdunkelt und die Wahrnehmung trübt.

Wenn wir jedoch die Wurzeln des Neides und der Frustration freilegen und uns die damit verbundenen Ängste bewusst machen, dann können wir uns befreien: Von Frustration, Neid, Hass und Aggression. Der Lohn dafür sind die Genien von Zuversicht, Lebensfreude und Liebe.


Zum Weiterlesen:
Wann ist das Boot voll?

Großprobleme und der Drang zum Irrationalisieren
Die Flüchtlinge in unseren Köpfen

Dienstag, 22. September 2015

Großprobleme und der Drang zum Irrationalisieren

 

Wenn wir von Situationen überfordert sind, suchen wir nach Erklärungen. Solange wir keine zureichende Erklärung haben, bleiben wir angespannt. Jemand kommt nicht zu einem vereinbarten Termin – unser Kopf beginnt zu rattern: Was könnte los sein, was ist passiert, habe ich etwas falsch gemacht, hat die andere Person vergessen, ist ihr etwas zugestoßen? Usw. Wir kriegen einen Anruf, die Person entschuldigt sich und erklärt, warum es nicht möglich war zu kommen. Wir verstehen den Grund und entspannen uns. Die Erklärung gibt uns wieder Ordnung im Kopf und Ruhe im Körper.


Wenn Tausende von fremden Menschen in unser Land kommen, sei es auch nur auf der Durchreise wie die meisten, bekommen wir schnell das Gefühl der Überforderung, obwohl die ja nicht alle in unserer Wohnung übernachten wollen und obwohl die wenigsten von uns direkt betroffen sind. „Wie sollen wir das schaffen, so viele Menschen unterzubringen und zu versorgen? Das ist ja unmöglich.“

Viele Leute, mit denen man spricht, erwecken den Eindruck, als würden sie fast schon unter der Last der Erfordernisse zusammenbrechen, obwohl sie die Probleme nur aus den Medien kennen und währenddessen ihr eigenes Leben ungestört voran geht. Die Medien liefern die Ereignisse ins eigene Heim, mitten ins Wohnzimmer, und wir fühlen uns, als würden auf unserer Couch jetzt unzählige Syrer, Afghanen oder Pakistanis ihr Lager aufschlagen.

In dieser Situation der subjektiven Überforderung beginnen wir irrationale Theorien zu schmieden, die uns von dieser Last befreien sollen, die ja in den meisten Fällen nur eingebildet, also im eigenen Inneren erzeugt ist. Wir basteln uns unsere Überforderung selbst, indem wir unsere eigenen Handlungsmöglichkeiten zugleich über- und unterschätzen.

„Was ist, wenn… (zehnmal so viele Flüchtlinge kommen, die meisten von ihnen Verbrecher sind, die alle über Jahre erhalten werden müssen, die den Islam verbreiten, die nicht arbeiten wollen, die schon arbeiten wollen, die viel zu viele Kinder kriegen, die erhalten werden müssen, die in die Billigjobs drängen………) Endlos können wir uns Szenarien ausdenken, diktiert von unseren Ängsten. Sicher, wenn wir Regierungsverantwortung trügen und mit Verwaltungsaufgaben betraut wären, sollten wir uns zu verschiedenen Aspekten beizeiten Konzepte vorbereiten, die auf Fakten und rationalen Extrapolationen beruhen. Sind wir das nicht, sind unsere Spekulationen auf Treibsand gebaut und dienen zu nichts anderem als zur Fütterung irrationaler Ängste.

Warum zerbrechen wir uns den Kopf über Dinge, die nicht unsere Aufgaben sind, für die wir weder über die Informationen noch die Kompetenzen verfügen? Wir flüchten uns in eine Scheinmächtigkeit: Wir sie ja die, die alles bedenken, was es an Möglichkeiten gibt, vor allem die schlimmsten. Wenn eine dieser Möglichkeiten eintritt, können wir stolz verkünden, dass wir das schon immer gewusst haben, aber dass wieder einmal niemand auf uns gehört hat. Für uns selber bleiben wir dann als die einzig Kompetenten übrig, die nur leider niemand in ihrer überragenden Intelligenz und in ihrem grandiosen Durchblick wahrnimmt.


Rettungsfantasien und Rattenfänger


Wenn wir von Situationen überfordert sind, suchen wir nach Rettern.  Wir brauchen andere Menschen, die handlungsfähig und wirkungsmächtig sind, wenn wir nicht mehr weiter wissen. In unseren Breiten richten sich diese Rettungshoffnungen auf die Politiker. Schließlich haben wir sie gewählt, damit sie die Probleme lösen, die uns zu schaffen machen. Nun zeigt sich aber, dass diese Politiker selber nicht über die Zauberstäbe und Wunderformeln verfügen, die die bösen Geister bannen. Wieder bringen sie nichts zusammen, wieder agieren sie kopflos. Die einen bauen wie wild Zäune um ihr Land herum, die anderen bringen die Armee an die Grenzen, wieder andere lassen alle durch, die ankommen, und noch andere prüfen „stichprobenartig“.  Das ist doch konzeptlos und chaotisch, nicht besser als die Krisensituation selber, also versagen diese Politiker und neue gehören her. Wer noch nicht an der Verantwortung gescheitert ist, muss an die Macht, um seine simplen Parolen in wirkungsvolle Taten umzumünzen. Der Retter muss einfach sein. Wir wollen keine komplizierten Zusammenhänge, keine komplexe Realitäten, sondern einfache handfeste Lösungen, mit markiger Stimme ausgesprochen und mit unerbittlicher Konsequenz umgesetzt.

Schon sind wir mit unseren Retterfantasien auf kryptofaschistischen Geleisen. Leider ist die Wirklichkeit nicht einfach, sondern komplex. Leider gibt es deshalb bei Großproblemen keine einfachen Lösungen. Leider kommt es in allen Teilen des Systems zu Überforderungen, deren Kompensation Zeit braucht. Leider müssen wir Geduld aufbringen und Vertrauen, dass alles letztlich doch einen verträglichen Ausgang findet.

Die Alternative wäre, einem der Rattenfänger nachzulaufen, die uns unweigerlich noch größere Probleme bescheren. Wer aus Angst und Wut handelt, nimmt Zerstörung und Gewalt in Kauf. Er steht dann vor hunderten Kilometern Stacheldrahtzaun als Lebenswerk und Vermächtnis. Rattenfänger produzieren Scherbenhäufen, und dann will es niemand gewesen sein. Laufen wir ihnen nach, fallen wir zurück auf Bewusstseinsstufen, die wir nicht nur schon längst überwunden haben, sondern die dazu noch völlig ungeeignet sind, um mit der Vielfältigkeit der Zusammenhänge und Möglichkeiten zu Recht zu kommen.

Deshalb ist die größte Vorsicht geboten, wenn wir auf die Suche nach Rettern gehen. Welche größenwahnhaften Antriebe werden da wirksam, die aus dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit stammen?  Wo stehen wir in unserem eigenen Leben an, ganz unabhängig von den Großproblemen der Gesellschaft? Was fehlt uns in unserem Inneren, dass wir nach außen ausweichen müssen und von dort die Befreiung erwarten?


Humanität und Selbstbescheidung


Das Gegenmittel gegen Größenphantasien ist nicht die Selbstabwertung – Größenwahn und Minderwertigkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Das Gegenmittel ist die Selbstbescheidung und die Nutzung der Vernunft. Selbstbescheidung heißt, das zu tun, was im eigenen Rahmen möglich ist und alles, was nicht möglich ist, anderen zu überlassen, die das besser können. Damit können wir das Gefühl der Überforderung sein lassen. Die Vernunft verhilft uns dazu, einzusehen, was in unseren Möglichkeiten liegt und wo die Grenzen sind. Sie sieht möglichst viel vom ganzen Bild, und schließt die vielen anderen Kräfte in der Gesellschaft und deren Fähigkeiten und Mittel ein.

Ein kleines Beispiel: Heute (22.09.2015) beschließt die österreichische Regierung, dem Vergleich mit der Bayrischen Landesbank wegen der HypoAlpeAdria-Pleite zustimmend, 1,23 Mrd. Euro zu überweisen. In Österreich haben heuer bis August 46 000 Personen Asyl beantragt, etwas mehr als 0,5% der Gesamtbevölkerung. Eine vierköpfige asylbewerbende Familie erhält in Österreich maximal 820,- €/Monat (ca. die Hälfte dessen, was eine vergleichbare österreichische Familie mit Arbeitslosengeld und anderen Sozialleistungen bekommt). Mit dem Betrag, den die Regierung (sprich die Steuerzahler) jetzt nur für den Bankenausgleich locker machen muss (was ja wiederum nur ein Bruchteil [bisher: 11,4 Mrd €] dessen ist, was die ganze von korrupten Politikern und unfähigen Bankmanagern verbockte Sache insgesamt kosten wird [bisher: 11,4 Mrd €]), könnten 500 000 Asylwerber ein ganzes Jahr finanziert werden.

Wir haben alles, was wir brauchen, um unser Leben zu gestalten, in den kleineren und größeren Zusammenhängen. Wir müssen nicht alles für alle anderen besser wissen, wir müssen nicht die Lösungen für die großen Herausforderungen der Gesellschaft in der Tasche haben. Wir können für uns bestimmen, in welche Richtung wir gehen wollen und was wir bereit sind, dafür einzusetzen. Wenn wir uns für die Richtung der Humanität entscheiden, heißt das nicht, dass wir jeden Flüchtling umarmen, trösten und nähren müssen. Es heißt nicht, dass wir mehr geben müssen, als wir geben können, dass wir teilen sollen, was wir gar nicht haben. Es heißt nicht, dass wir uns überfordern müssen.

Human zu leben heißt auch, die eigenen Grenzen zu kennen und anzuerkennen, ohne sie für immer festzuschreiben. Human zu leben heißt, immer bereit zu sein, sich zu weiten in neue Möglichkeiten hinein, aus der Verbindung mit dem eigenen Inneren heraus, das uns sagt, wo und wie wir freier werden können und mit neuen Möglichkeiten spielen können.


Vgl.: Die Flüchtlinge in unseren Köpfen
Für ein Verbot der Angstmacherei


Sonntag, 20. September 2015

Die Flüchtlinge in unseren Köpfen

Europa steht inmitten eines massiven humanitären Problems. Hunderttausende Flüchtlinge
Quelle: vienna.at
aus den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens suchen Schutz in den sicheren Ländern Mittel- und Westeuropas. Ich möchte hier nicht die bekannten und viel diskutierten Hintergründe dieser Entwicklung erörtern, sondern auf die Auswirkungen eingehen, die wir beobachten können, wenn das Problem in unsere nähere und nächste Umgebung vordringt.  Was macht diese Situation in unseren Köpfen, also in denen, die auf der sicheren Seite sind?

Humanitär ist das Problem, weil es um das Schicksal von Menschen geht, die in existentielle Notlagen geraten sind und die deshalb auf die Mithilfe anderer Menschen angewiesen sind, um überhaupt überleben zu können oder um irgendeine Chance zu haben, ihr Überleben menschenwürdig zu machen. Sind also die, denen es besser geht, bereit, mit denen zu teilen, die nichts oder fast nichts mehr haben? Das ist die humanitäre Frage, die erst beantwortet werden muss und dann in die kleinen und kleinsten Details des „Wies“ des Teilens heruntergebrochen werden kann.

Wir sind also in unserer Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit gefragt. Und diese Frage, die durch die Tatsache von Abertausenden verzweifelten Habenichtsen im Raum steht, konfrontiert mit allen Ängsten, die wir um unser eigenes Menschsein haben: Ängste um Arbeitsplätze, Pensionen und Sicherheit, schließlich um die Kultur und die Religion, Ängste vor dem Fremden und vor Überfremdung, Ängste vor eingeschleusten Terroristen, Ängste vor einem „vollen Boot“ (die Metapher ist ja reichlich zynisch, angesichts der überfüllten Boote, die sich über das Mittelmeer quälen und im Glücksfall ankommen oder in Küstennähe untergehen). Es zeigt: alle sind betroffen, aber diese Betroffenheit ruft bei vielen vor allem die eigene Abwehr hervor, während andere sich berufen fühlen, zu helfen und die Not zu lindern.

Viele, die nicht direkt davon betroffen sind, sondern gemütlich und aufgeregt aus dem Abstand zuschauen, nutzen das, um ihre Lieblingsthemen aufzubauschen und die Schuldigen anzuprangern: Islam, EU, USA, Russland, die Regierung, die Linken, die Rechten, die Einheimischen, die Zugewanderten, die Asylanten und die Asylsucher usw.

Auf diesem Boden der Abwertung, der Missgunst und des Hasses werden Gerüchte gestreut, um die eigene Sichtweise zu zementieren. Und sie finden reißenden Absatz. So wird behauptet, dass Flüchtlinge in Supermärkten ungestraft Sachen mitgehen lassen dürfen, was nicht stimmt. Andere sagen, dass die IS die Flüchtlingsströme nutzt, um Terroristen einzuschleusen, was auch nicht stimmt. Die Flüchtlinge sollen gar nicht aus Kriegsgebieten stammen, sondern nur Wirtschaftsflüchtlinge sein, die die gegenwärtige Situation ausnutzen, was zum Teil stimmt, aber vermutlich zu einem ziemlich minimalen. Die Flüchtlinge sollen Krankheiten einschleppen, was nicht stimmt.

Kaum wird ruchbar, dass österreichische Taxifahrer für eine Fahrt von der ungarischen Grenze nach Wien unverschämte 1500,- € verlangen (für Einheimische kostet die Fahrt 150,- €), melden sich die Stimmen, die sagen, dass man daran sehen könne, wie reich die Leute sind, die da über die Grenze kommen, nicht bedenkend, dass viele der Flüchtlinge nichts mehr haben als das Geld, das ihnen noch vom Verkauf ihrer Mittelstandsexistenz in ihrem Heimatland geblieben ist und das von den sonstigen Schlepperhonoraren übriggeblieben ist. Schlepper im eigenen Land, im biederen Stand des Taxigewerbes – wer hätte das gedacht?

Es entstehen also Bedrohungsszenarien in den Kopfkinos der Satten und Sicheren, die um ihre Sattheit und Sicherheit fürchten und jeden Gedanken dankbar aufgreifen, der ihr Gewissen beruhigt. So können sie un-verschämt sagen, dass Flüchtlinge bleiben sollen, wo immer, nur nicht bei uns, dass wir uns auch mit einem Zaun (Stacheldraht-Vorhang) umgeben müssen, dass niemand mehr herein gelassen werden soll usw. Argumente gegen die Humanität sind gefragt, und wenige machen sich die Mühe, die ausgestreuten Hetzparolen, Gerüchte und Mythen zu überprüfen.

Die Krise ist, wie jede, ein Prüfstein der Kraft, Reife und Verantwortung der Gesellschaft. Zieht sie sich durch Abschottung auf die eigene Wohlhabenheit zurück und wirft denen draußen vor dem Zaun ein paar Brotkrumen zu, wenn ihr danach ist? Oder nutzt  sie in dieser Krise die Chance zur Weiterentwicklung der Integrationsfähigkeit, Flexibilität und Kreativität?  Humanität ist ein Projekt, das unser volles Engagement braucht, wenn wir selber Mensch sein wollen und nicht bloß ein angstgetriebener Reflexorganismus, der nicht in der Lage ist zu teilen, weil das eigene Überleben bedroht erscheint, sobald andere näher rücken, deren Überleben tatsächlich in Gefahr steht.

Ist es wirklich unser Verdienst, dass wir diesen Wohlstand und Reichtum haben, diesen Grad an Sicherheit und Entwicklungschancen? Es gibt genug Stationen in der Geschichte unseres Landes und unserer Gesellschaft, wo viele die Auswanderung und Flucht als einzige Möglichkeit gesehen haben. Die, die es geschafft haben, können denen danken, die die Humanität aufgebracht haben, von ihrem Überfluss zu teilen. 


Vgl.: Großprobleme und der Drang zum Irrationalisieren
Für ein Verbot der Angstmacherei