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Mittwoch, 20. Juli 2022

Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus

Der Kapitalismus kennt keine Rücksichtnahme auf die Natur und auf die Menschen und deshalb hat die Scham im Rahmen des Kapitalismus und des dahinterstehenden materialistischen Bewusstseins keinen Platz. Das kapitalistische System kann nur funktionieren, wenn die Scham gründlich ausgeblendet und unterdrückt wird. Das Gesetz des Profits regiert und steht über jeder Form der Menschlichkeit.

Menschen können nicht einfach nur skrupellose Materialisten sein, weil sie nicht zu hundert Prozent unmenschlich sein können. Selbst die hartgesottensten Geschäftsleute und skrupellosesten Manager haben einen menschlichen Kern in sich, der sich in bestimmten Situationen meldet, etwa wenn sie mit Kindern zusammen sind oder wenn sie Kunst und Natur erleben. Allerdings korrumpiert das System die Menschlichkeit, je länger und intensiver man sich darin aufhält und je mehr man sich damit identifiziert. Der Druck zur Kostenminimierung und zur Profitsteigerung schlägt durch auf die inneren Schichten der Körperlichkeit und der Seele aller Beteiligten. Je höher oben sich jemand in diesem System befindet, desto stärker wirkt der Druck und desto höher ist die Stressbelastung und desto größer die Entfernung vom Menschsein.

Gefühle sind in diesen Zusammenhängen unwillkommen, denn wie würden an das Menschsein erinnern. Als einzige Gefühlsenergie hat die Aggression einen fixen Platz. Sie bildet die systemimmanente Antriebskraft, die das ganze Regelwerk in Gang hält. Wütend werden die Mitarbeiter angetrieben, wütend werden die Konkurrenten bekämpft. Das Konkurrenzprinzip, das als wesentlicher Motor den Kapitalismus antreibt, erfordert eine permanente Aggressionsbereitschaft bei allen Mitspielern: Es geht um Kampf – auf Gedeih und Verderb. Wer sich durchsetzt, fürchtet schon den nächsten Gegner, wer am Markt unterliegt, geht unter oder muss wieder von vorne anfangen wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht.

Die Aggression im Kapitalismus

Diese dem Kapitalismus innewohnende Aggression bewirkt auch, dass die Natur zum Freiwild wird und rücksichtslos ausgebeutet werden kann. Sie ist einzig und allein Objekt der Begierde nach mehr Geld. Der Raubbau an den Ressourcen des Planeten erscheint dem Kapitalisten höchstens als notwendiges Übel, dem von außen Betrachtenden allerdings als das Absägen des Astes, auf dem alles sitzt. Aggressiv werden der Natur die Rohstoffe entrissen, oft im 21. Jahrhundert noch unter sklavenähnlichen Bedingungen, und aggressiv werden die daraus produzierten Güter am Markt vertrieben.

Diese Aggression betrifft aber auch Kulturen, die sich diesen Zwängen noch nicht untergeordnet haben. Sie werden sukzessive ausgehöhlt und vereinnahmt. Im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte die Zerstörung von lokalen außereuropäischen Kulturen noch mit militärischer Gewalt, seither wirkt die Übermacht des westlichen Wirtschaftsmodells subtiler und nachhaltiger, indem die Verlockungen moderner Bequemlichkeiten und Unterhaltungen die auf das lokale Überleben ausgerichteten Kulturen zur Entfremdung von den eigenen Traditionen verführen.

Die Unbarmherzigkeit dieses Systems erleben zum Beispiel Menschen auf ihrer eigenen Haut, die andere kündigen müssen, weil deren Posten wegrationalisiert wurden oder die Produktion in einen anderen Erdteil verlegt wird. Manchmal enden solche Personalmanager in der inneren Kündigung d.h. im Burnout, weil es so schwer fällt, die Scham, die auftritt, wenn man Menschen ihre berufliche Existenz wegnehmen muss, zu verkraften. Dann scheiden sie selber aus dem Arbeitsprozess aus. Ein anderes Beispiel: Ein Unternehmensberater hat von seinen Auftraggebern die Aufgabe, Anbieter für bestimmte Dienstleistungen gegeneinander auszuspielen, um das günstigste Ergebnis herauszuholen. Er weiß, dass einige Anbieter nicht zum Zug kommen und dadurch frustriert sind und auch bei ihren Vorgesetzten Schwierigkeiten bekommen. Es macht ihm ein schlechtes Gewissen, weil er sieht, dass sein vom System erzwungenes Handeln andere Menschen unglücklich macht und in ihrer Existenz bedroht.

Weg mit dem Kapitalismus?

Wir werden den Kapitalismus nicht los, indem wir ihn revolutionär zerstören. Denn er hat längst von unseren Körpern Besitz ergriffen und sich in unserem Verstand festgesetzt. Der Sturz der Kapitalisten könnte nur wieder von kapitalistisch geprägten Menschen durchgeführt werden. Niemand ist frei von dem süßen Gift. Darin liegt der Grund, dass alle diesbezüglich unternommenen Revolutionen nur andere Formen des Kapitalismus hervorgebracht haben, mit anderen Formen der politischen Machtverteilung.

Wir sind auf die eine oder andere Weise eingespannt in den Stressmotor der kapitalistischen Gesellschaft, und wir sind so oder so Konsumidioten in der Warenwelt und halten damit das Getriebe in Gang. All unsere Fluchtbemühungen in ferne Länder, entlegene Landstriche, einsame Gegenden oder veränderte Konsumgewohnheiten haben wir uns erkauft mit unserem Einsatz für das System. Theodor W. Adorno hat einmal geschrieben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Wir alle sind Teil dieser falschen Schamlosigkeit, naschen mit an ihren Erträgen und zahlen mit an den Schäden, die angerichtet werden. Die Umweltkrise, die vielen Kriege auf der Welt und selbst die Pandemie sind Auswüchse des giergetriebenen ökonomischen Systems, das uns fest im Griff hat und Schritt für Schritt unsere Lebensgrundlagen untergräbt, unsere Gesundheit bedroht und Hass unter den Menschen erzeugt. Dafür sollten wir uns schämen. Wo aber die Scham fehlt, geht die Menschlichkeit flöten.

Die Wurzeln der Destruktivität

Wir entkommen dieser Knechtschaft nur, indem wir uns ihre destruktiven Zusammenhänge bewusst machen. Unsere Verantwortung liegt darin, die Fahnen der Menschlichkeit hochzuhalten und das kapitalistische Treiben einzuhegen und einzugrenzen. Wir können es nicht abschaffen, wir können es nur entmachten. Es muss „Schutzzonen“ der Menschlichkeit geben, in denen nicht die Prinzipien des Kapitalismus herrschen, sondern die Prinzipien der Menschlichkeit. Beispiele sind das Aufwachsen der Kinder, alle Bereiche der Bildung und der Kultur, die Pflege alter und bedürftiger Menschen und gemeinwohlorientierte Formen der Wirtschaft. Es muss eine Politik geben, die nicht den Geldgötzen anbetet, sondern die sich als Hüterin der Gerechtigkeit sieht, die die Erträge und Lasten aus der Güterproduktion gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt.

Der Kapitalismus ist nicht in sich böse. Er ist ja kein Subjekt. Er ist ein System, das im Lauf der Menschheit von den Menschen erschaffen wurde und äußerst erfolgreich weite Bereiche der verschiedenen Gesellschaften in dieser Welt bestimmt. Er ist aber ein System, das viel Bosheit, gepaart mit Schamlosigkeit hervorbringt und er hat in sich kein Gegenmittel dazu.

Wir brauchen also ein anderes Bewusstsein als das kapitalistische oder materialistische, und wir verfügen auch darüber. Wir sind in der Lage, menschlich zu denken, zu handeln und zu fühlen. Wir wissen im Grund, was das heißt, sobald wir aus den Beschränkungen des egoistischen Gewinn- und Gierdenkens heraustreten. Wir können uns mehr darum bemühen, in die Hintergründe und psychodynamischen Kräfte des kapitalistischen Bewusstseins hineinzuleuchten. Dort werden wir erkennen, dass all das Destruktive in dieser Weltsicht durch psychische Verletzungen und Traumatisierungen entstanden ist, auf individueller und auf kollektiver Ebene. Menschen sind nicht von sich aus und von Anfang an gierig, skrupellos und unverschämt. Sie werden so, als Reaktion auf die Frustration von Grundbedürfnissen als Individuen und von sozialen Bedürfnissen als Kollektive.

Wenn wir diese Wurzeln der Destruktivität in uns selbst so weit wie möglich aufgearbeitet und integriert haben, steht uns mehr Energie für konstruktives menschliches Handeln zur Verfügung. Davon brauchen wir mehr als genug zur Bewältigung all der Krisen, in die wir uns selber durch den blinden Glauben an das System des Kapitalismus gebracht haben. Wir können uns von den Abhängigkeiten und Manipulationen lösen, mit denen dieses System versucht, uns in Geiselhaft zu halten und damit seine Macht Schritt für Schritt zurückdrängen. Dort, wo die ego-getriebenen Gefüge weichen, entsteht der Raum für mehr Menschlichkeit.

 Zum Weiterlesen:
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung

Das Giersystem im Kapitalismus

Eine Krise des Neoliberalismus

Wirtschaft ohne Gier?

 

Donnerstag, 13. März 2014

Rhythmen des Lebens

Rhythmik dürfte der Anfang der Musik sein. Viele archaische Rituale sind mit rhythmischem Trommeln verbunden, das zur Herstellung von tranceartigen Zuständen und zur Bewusstseinserweiterung eingesetzt wird. Die gleichmäßig immer wiederkehrende Abfolge von Schlägen hat einen starken Aufforderungscharakter an unser Bewegungsbedürfnis.

Der bewusstseinsverändernde Einfluss der Rhythmen, vor allem wenn sie durch Trommeln entstehen, die tief in unseren Organismus hinein wirken, zieht vor allem Menschen an, die unter Stress leiden. Der Rhythmus spiegelt einen Aspekt des Getriebenseins wieder, der eine Quelle von Stress ist. Zugleich beruhigt die Gleichförmigkeit und erzeugt ein Zurückfahren der äußeren Sinne. Dadurch entsteht ein Bewusstseinszustand, der dem Alltag entrückt.

Die beruhigend wirkende Monotonie findet bei rhythmusbetonter Musik den Kontrast im Taktschlag, der aufweckt und zur unwillkürlichen Bewegung anregt. So konnte der beat (besondere Akzente auf den unbetonten Taktteilen) eine ganze Generation aufwecken und in Bewegung bringen.

Rhythmus wirkt ansteckend und zwischen den Menschen verbindend zwischen den Menschen. Neulich hatte ich dazu eine Beobachtung. Im Zug sitzend, hatte ich Lust, mit den Händen auf meine Oberschenkel zu trommeln, in einem synkopierten Rhythmus, aber sehr leise, um niemanden zu stören. Ein paar Sitzreihen weiter sah ich einen Fuß zu dem Rhythmus wippen, ohne die zugehörige Person sehen zu können. Die Schwingung hat sich übertragen, ohne dass es der Person bewusst gewesen sein muss. Wir können also schwer stillhalten, wenn uns ein Rhythmus packt.

Analoge und digitale Rhythmen


Jede Musik bis in jüngste Zeit war analog, nicht digital. Wir können leicht irritiert reagieren und fühlen uns verfremdet, wenn ein Rhythmus maschinell klingt, also mit absoluter Exaktheit auf uns einhämmert. Vielleicht suchen wir manchmal diese Verfremdung, wenn wir in die Disco gehen, wobei mir auffällt, dass solche exakten und harten Rhythmen die Menschen vereinzeln, sodass sich jeder in seiner eigenen Weise und ohne Bezug zu den anderen bewegt. Möglicherweise geraten die Tänzer dabei in einen dissoziativen Zustand, in dem sie den Kontakt sowohl zu sich als auch zu den anderen verlieren.
Live-Trommler haben dagegen eine verbindende Wirkung auf Gruppen, und es kann beobachtet werden, wie die tanzenden Menschen ihre Bewegungen zum Teil unbewusst aufeinander abstimmen. Darin spiegelt sich unsere Vertrautheit mit der analogen Rhythmik von Ritualkulturen, wie sie in allen Stammesgesellschaften bestanden haben, die ihre tiefsten Wurzeln in uns hinterlassen haben.

Jeder menschliche Trommler macht winzige Abweichungen von der exakten Zählzeit, die seinem Trommeln eine individuelle Lebendigkeit verleihen. Joachim Ernst Behrend hat einmal über den swingenden Jazz-Schlagzeuger geschrieben, dass dieser so spielen müsse, dass der Eindruck entstehe, als ob das Stück immer schneller würde, wiewohl das Tempo in Wirklichkeit genau am Metrum bleibt. Der Musikphilosoph Theodor W. Adorno wiederum war ein Gegner der Jazz-Musik, weil er der Meinung war, dass diese nur den (digitalen) Rhythmus der Maschinen in den Fabriken wiedergebe und damit die kapitalistische Entfremdung propagiere.

Wenn Menschen Musik mit Hilfe eines Instruments oder der eigenen Stimme erzeugen, entsteht immer analoge Musik, die in der Rhythmik durch eine feine Balance zwischen Exaktheit und Unexaktheit gekennzeichnet ist. Im Rahmen einer vordergründigen Zuverlässigkeit bleibt Raum für individuelle Abweichungen, was in gewisser Weise das archaische Zusammenspiel von Gruppe und Individuum widerspiegelt: Die Gruppe gibt den Grundrhythmus vor, in dem sich alles bewegt, und jede einzelne Person kann in diesem Rahmen ihre eigene Bewegungsform entwickeln.

Deshalb gibt es bei der digitalen Erzeugung von Rhythmen (Drum-Computer) eigene Vorrichtungen, den Rhythmus zu „grooven“, d.h. zufällige minimale Variationen einzubauen, als digitale Imitation von menschlicher Analogie, die den Eindruck erwecken, ein Mensch und nicht eine Maschine würden hier trommeln. Doch können Maschinen im Grund nur plumpe Annäherungen an die menschliche Ungenauigkeit erzeugen, die das lebendige Vorbild nie erreichen können.

Daran merken wir die Anhänglichkeit an natürliche Rhythmen, die uns als Menschheit seit Urzeiten und als Individuen von allem Anfang an vertraut waren. Wir fühlen uns wohl, wenn wir in eine uns gemäße Schwingung kommen und von vertrauten Schwingungen umgeben sind. Wir schwingen „auf der gleichen Frequenz“, und schon ist sie da, die Liebe. So ist führt uns das Rhythmische in die Verbundenheit mit allem Lebendigen und sogar noch mit dem ganzen Universum, falls selbst dieses in seinem eigenen Takt pulsiert.

 

Donnerstag, 18. April 2013

Ökologie und Ausreden

Wir wissen viel über ökologische Zusammenhänge, über knapper werdende Ressourcen, über die Schädigungen an Atmosphäre, Wasser, Vegetation usw. Wir wissen auch, dass wir durch unser Verhalten dazu beitragen und was wir ändern könnten, damit wir die Belastungen für die Umwelt reduzieren. Wir kennen den ökologischen Fußabdruck, der uns z.B. sagt, dass wir mit einem Flug von Wien nach New York 2 793 Tonnen CO2-Ausstoß sorgen, dass wir als durchschnittliche Autofahrer 3.758 t pro Jahr CO2 produzieren. Wir wissen, dass wir mit einem durchschnittlichen Fleischkonsum zwischen 0,3 und 3,6 Tonnen CO2-Emissionen/Jahr bewirken. Wir können auch leicht herausfinden, dass unser Fleischessen 2 Millionen Liter Wasser pro Jahr verbraucht und dass wir durch die rein vegetarische Ernährung den Wasserverbrauch durch das, was wir essen, halbieren könnten. Und so weiter.

Wir sind gebildet, aufgeklärt, verantwortungsbewusst und sagen unseren Kindern, wie sie gut auf die Umwelt achten können. Dennoch wollen wir nur wenig bis gar nichts an unseren Gewohnheiten ändern. Wenn ich das Auto nehme, brauche ich nur die halbe Zeit für den Weg auf die Post, muss ich mich nicht mit den schweren Taschen abschleppen, … Ich habe ja immer Gründe, warum ich das Auto verwende. Ebenso muss ich das Flugzeug verwenden, wenn ich auf Urlaub gehe, ich will ja mal ein fernes Land erkunden, und da ist das Fliegen die einzige Möglichkeit. Und weil es so schön war, muss nächstes Jahr wieder eine Fernreise stattfinden und zur Abwechslung zwischendurch ein paar Städteurlaube, nur kurz, und wie schön, es gibt ja die Billigflieger, das muss man ausnutzen.

So leben wir dahin auf Kosten künftiger Generationen, die auf diese vermutlich zurückschauen werden als die der Prasser, die die Werte dieser Erde mit vollen Händen hinausgeworfen bzw. in die Atmosphäre geblasen haben – für ihre Bequemlichkeit, für ihr Vergnügen. Schön, dass sie Spaß und Abwechslung hatten und sich nicht allzu sehr anstrengen mussten, könnten unsere Enkel- und Urenkelkinder einmal über uns sagen, aber wir können das alles nicht mehr, weil die Ressourcen weg sind, unwiederbringlich. Wir müssen uns damit begnügen, was sie uns übriggelassen haben.

„Hinter uns die Sintflut“ scheint das Motto für unsere westliche Lebenskultur zu sein. Aber das sprechen wir ungern aus, statt dessen beschwichtigen wir unsere etwaigen Schuldgefühle mit einer Palette an Ausredestrategien:

Wir machen Gegenrechnungen: Ich fahre zwar alles, was geht mit dem Auto, dafür trenne ich den Müll gewissenhaft. So, als wären schlechte Taten durch das Tun von Gutem ungeschehen gemacht: Ich bestehle jemanden und spende einer karitativen Organisation. Das Spenden macht natürlich den Diebstahl nicht wett und hilft dem Opfer nichts.

Wir verstecken uns in der Menge: Wenn ich nicht auf Urlaub fliege, sitzt jemand anderer auf meinem Platz. Das ist die Logik der Verantwortungslosigkeit, ähnlich, wie sich manche Kriegsverbrecher zu rechtfertigen versuchen: Wenn ich die Kinder nicht erschossen hätte, hätte es jemand anderer gemacht. Dinge geschehen, Flugzeuge fliegen, Menschen werden ermordet, und ich steck mei Köpferl in Sand.

Wir verdrängen: Je mehr Informationen auf uns einströmen, desto wirkungsloser werden sie. Der Schock lässt nach, bis er nicht mehr wahrgenommen wird. Unser Hirn siebt aus: Aha, das Polareis ist wieder geschmolzen, schlimm, aber kenne ich schon, damit habe ich schon gelernt zu leben. Das muss ich mir nicht merken, und das muss ich schon gar nicht auf mein Leben beziehen. Oje, die armen Eisbären, blöde Geschichte, aber so weit weg.

Wir wälzen die Schuld auf die anderen: Was „die Industrie“ und „die Wirtschaft“ an Abgasen ausstößt, ist um so viel mehr als der Verkehr, also brauche ich mir um den Schadstoffausstoß meines kleinen SUVs keine Gedanken machen. Die Chinesen und die Inder haben ja überhaupt kein Umweltbewusstsein, die sollen mal aufräumen. Außerdem hat mein Nachbar ein noch größeres Auto und fährt jedes Pipiwegerl damit, bloß um allen zu zeigen, wer er ist.

In der Sandkiste gelernt, fürs Leben tauglich – die Kultur der Ausreden, die wir in uns angelegt haben. So können wir uns „kognitiven Dissonanzen“ bewältigen: Wir wissen, dass vieles von dem, was wir tun, zur Schädigung der Umwelt beiträgt; wir wollen (oder können) das nicht ändern. Das macht Druck im Gewissen. Wir entlasten uns, indem wir uns Ausreden zulegen, die wir innerlich so oft wiederholen, bis uns das schlechte Gewissen nicht mehr plagt. 

Zwischen das, was wir wissen und das, was wir tun sollten, legen wir unsere Ausreden. Sie  schützen uns davor, unseren Einsichten gemäß zu handeln.

Wir können kein perfektes Leben führen. Es ist vielleicht nicht so extrem, wie Theodor W. Adorno dramatisch formuliert hat: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Doch müssen wir mit Widersprüchen und Spannungen leben und diese aushalten, statt uns über sie hinwegschwindeln. Das macht das Erwachsenenleben aus, und das ist anstrengend und erfordert mehr Bewusstheit. Ja, wir machen uns mitschuldig an den Problemen dieser Welt, mit jedem Stück Fleisch, das wir essen, mit jedem Meter, den wir im Auto zurücklegen, mit jedem billigen T-Shirt, das wir kaufen. Ja, wir wirken mit an den Katastrophen, die uns erschrecken. Wenn wir bereit sind, diese Spannung auszuhalten, hilft uns das, in unserem Leben Alternativen zu entwickeln und auszuprobieren.

Die Ausreden dagegen dienen der Regression. Wir verhalten uns wie Kinder, die nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen und Widersprüche auszuhalten. Manchmal ist es einfach so, weil wir uns überlastet fühlen. Dann können wir auch dazu stehen, und bald ändert sich unser Zustand und wir haben wieder Zugriff auf unsere Kompetenzen.

Dann können wir uns auch bewusst machen, dass uns Ausreden nicht weiterhelfen, wenn wir an integralem Wachstum interessiert sind. Denn dieses besteht auch darin, die Räume der Verantwortung auszuweiten und nicht zu reduzieren. Mit der Übernahme von Verantwortung und Mitverantwortung wächst uns auch die Kraft zu, aus ihr zu leben, d.h. die richtigen Entscheidungen zu treffen und in Handlungen umzusetzen.

Vgl. Autofahren und Bewusstheit
Vgl. Die Politik der Symbole

Sonntag, 4. März 2012

Im Unfrieden im Frieden sein

Wo herrscht Frieden auf dieser Welt? Schlagen wir eine Zeitung auf, schalten wir den Fernseher oder das Radio ein, werden uns die Megakonflikte präsentiert, von denen viele Jahr und Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dahinschwelen. Und wir wissen, dass uns nur eine kleine Auswahl an Unfriedlichkeiten vorgeführt wird und dass es neben den „offiziellen“, CNN-fähigen Weltthemen viele mehr gibt, die es mangels Lobbying nicht in die Schlagzeilen schaffen.

Das ist die große Welt der Unfriedlichkeiten; dann gibt es unsere kleinere Welt , die verschiedenen Lebensbereiche, in denen wir uns bewegen, in denen es immer wieder Streit, Missgunst, Hass usw. gibt. Manchmal scheint ein Beziehungsfeld im Frieden, und schon bricht anderswo ein Streit aus, und wenn sich in einem Moment alles harmonisch und ruhig anfühlt, kann im nächsten etwas explodieren, das das Ganze durcheinander wirbelt.

Nicht viel anders zeigt sich unser Inneres. Mal fühlen wir uns wohl und im Einklang mit uns selber, dann fängt eine Auseinandersetzung in uns an, wir verspannen uns oder leiden körperlich oder emotional. Wir hadern mit einem Körperteil, der uns schmerzt, mit einem Gedanken, der uns plagt, mit Plänen, die wir nicht umsetzen und mit Bedürfnissen, die ungestillt bleiben.

In solchen Erfahrungen können wir erkennen, dass all diese Unfriedlichkeiten zusammenhängen und sich gegenseitig hochschaukeln. Jede innere Unpässlichkeit hat die Tendenz, sich als Belastung für Beziehungen auszudrücken, angespannte Beziehungen können sich störend auf größere Beziehungsnetze auswirken, die dann wiederum auf Mentalitäten und Kulturmuster Einfluss nehmen. So hängt vieles mit vielem, wenn nicht gar alles mit allem zusammen. 

Wie können wir im Frieden sein bei so viel Unfrieden? Ist das überhaupt sinnvoll? Sollten wir uns nicht permanent aufregen über all das Unrecht und die Grausamkeiten? Ist es nicht bloße Heuchelei und Vogelstraußverhalten, wenn wir den inneren Frieden suchen, während die Welt im Chaos versinkt? Was soll das für ein Friede sind, in einem Elfenbeinturm oder Wolkenkuckucksheim, auf einer illusionären Insel der Seligen? Wie können nach Auschwitz noch Gedichte geschrieben werden, fragte Theodor W. Adorno.

Erst wenn überall Friede herrscht, kann es Frieden im Einzelnen geben, so die Position der Skeptiker. Nochmals Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Allerdings, wenn es erst etwas Richtiges gibt, wenn es überhaupt nichts Falsches mehr gibt, können wir lange auf das Richtige warten. Wenn es erst Frieden geben kann, sobald aller Unfriede beseitigt ist, verrennen wir uns in eine fixe Idee. Wir warten auf einen absoluten Frieden, auf eine durch und durch heile Welt. Wir tun so, als wäre das möglich, wenn auch weit, weit in der Zukunft. Und als wäre vorher nichts möglich.

Doch der absolute Friede ist eine Geburt unseres Denkvermögens, die wir nicht zu einem Ding machen dürfen, das es irgendwann einmal zu bestaunen geben wird. Vielmehr genügt es, diesen absoluten Frieden als „regulative Idee“ im Sinn von Immanuel Kant anzunehmen: Etwas, wo wir hin wollen, etwas, was uns nicht  ruhen lässt, ehe es nicht verwirklicht ist. 

Die Idee des ewigen oder absoluten Friedens dürfen wir nicht loslassen oder verwässern, aber wir dürfen sie auch nicht dafür missbrauchen, an der Entwicklung der Welt zu verzweifeln. Wir können sie als Spannung erleben, die uns nicht lähmt, sondern kräftigt und im Weitergehen antreibt, wie die Kraft, die im Weiterdrängen der Evolution des Bewusstseins sichtbar wird.

Wir sollten nichts unversucht lassen, immer wieder Verbindung zu dieser Kraft aufzunehmen, es ist die Kraft des Lebens selbst, die uns weiterführen will. Und nur wir selber sind in der Lage, diesen Strom mit einem ganz besonderen Punkt in Kontakt und in Austausch zu bringen, zu dieser einen Stelle im unermesslichen Netz, zu der wir einen ganz intimen und einzigartigen Zugang haben, weil wir das selber sind. Dort können wir den Frieden entstehen und wachsen lassen, sodass er größer wird und sich ausbreitet, ansteckend wird und verführerisch.
 
Inmitten des Unfriedens, wie in dem Foto, das den Chellisten in der ausgebombten Stadtbibliothek von Sarajewo beim Spiel zeigt – Symbolträger für das, was kein Krieg zu zerstören vermag, den Geist und die Schwingung des Menschlichen in intimer Eintracht mit dem Unendlichen und der jenseitigen Schönheit. Dieser Friede ist sanft und leise, er geht leicht unter im Geschrei und in der Verwirrung der Ängste, doch ist er beharrlich und unzerstörbar, weil er tief unter allem wohnt, was in Unfrieden geraten kann.

 Quelle: en.wikipedia.org