Montag, 24. März 2014

Kindliche Traumatisierung verändert die Gene

Misshandelte Kinder sind erheblich gefährdet, angst- oder gemütskrank zu werden, weil der einwirkende hohe Stress die Regulation ihrer Gene dauerhaft verändern kann. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München dokumentieren nun erstmals, dass manche Varianten des FKBP5-Gens durch ein frühes Trauma epigenetisch verändert werden. Bei Menschen mit dieser genetischen Veranlagung verursacht das Trauma eine dauerhafte Fehlregulation des Stresshormonssystems. Die Folge ist eine lebenslange Behinderung im Umgang mit belastenden Situationen für den Betroffenen, welche häufig zu Depression oder Angsterkrankungen im Erwachsenenalter führt. Die Ärzte und Wissenschaftler erwarten sich von ihren aktuellen Erkenntnissen neue, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Behandlungsmöglichkeiten, aber auch eine verstärkte gesellschaftliche Aufmerksamkeit, um Kinder vor einem Trauma und dessen Folgen zu schützen.

Viele Erkrankungen des Menschen sind das Ergebnis vom Zusammenwirken seiner individuellen Gene und den ihn umgebenden Umwelteinflüssen. Traumatisierende Ereignisse vor allem in der Kindheit stellen dabei starke Risikofaktoren für das Auftreten von psychiatrischen Erkrankungen im späteren Leben dar. Ob der einwirkende frühe Stress aber tatsächlich das Opfer krank macht, hängt entscheidend von dessen genetischer Veranlagung ab.


Arbeitsgruppenleiterin Elisabeth Binder vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie untersuchte daher das Erbmaterial von fast 2000 Afro-Amerikanern, die als Erwachsene oder auch bereits als Kinder mehrfach schwer traumatisiert wurden. Ein Drittel der Traumaopfer war erkrankt und litt mittlerweile unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Wissenschaftler wollten durch den Vergleich der genetischen Sequenzen von erkrankten und nicht erkrankten Traumaopfern den Mechanismus dieser Gen-Umweltinteraktion aufklären. Ihre Untersuchung ergab, dass tatsächlich das Risiko an Posttraumatischer Belastungsstörung zu erkranken mit steigender Schwere der Misshandlung nur in den Trägern einer speziellen genetischen Variante im FKBP5-Gen zunahm. FKPB5 bestimmt, wie wirkungsvoll der Organismus auf Stresshormone reagieren kann, und reguliert so das gesamte Stresshormonsystems.


In Experimenten an Nervenzellen konnten die Max-Planck Forscher im Weiteren nachweisen, dass die von den Münchner Forschern entdeckte FKBP5-Variante für den betroffenen Menschen tatsächlich einen physiologischen Unterschied macht. Extremer Stress und somit hohe Konzentrationen an Stresshormon bewirken eine sogenannte epigenetische Veränderung: Von der DNA wird an dieser Stelle eine Methylgruppe abgespalten, was die Aktivität von FKBP5 deutlich erhöht. Diese dauerhafte Veränderung der DNA wird vor allem durch Traumata im Kindesalter erzeugt. So lässt sich bei Studienteilnehmern, die ausschließlich im Erwachsenenalter traumatisiert wurden, keine krankheitsassoziierte Demethylierung im FKBP5-Gen nachweisen.


Torsten Klengel, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie erklärt die Studienbefunde wie folgt: „Traumata im Kindesalter hinterlassen je nach genetischer Veranlagung dauerhafte Spuren auf der DNA: Epigenetische Veränderungen im FKBP5-Gen verstärken dessen Wirkung. Die mutmaßliche Konsequenz ist eine anhaltende Fehlsteuerung der Stress-Hormonachse beim Betroffenen, die in einer psychiatrischen Erkrankung enden kann. Entscheidend für das kindliche Traumaopfer ist aber, dass die Stress-induzierten epigenetischen Veränderungen nur dann auftreten können, wenn es auch diese spezielle DNA-Sequenz besitzt.“


Die aktuelle Studie verbessert unser Verständnis von psychiatrischen Erkrankungen als Folge der Interaktion von Umwelt- und genetischen Faktoren. Die Ergebnisse werden helfen, Menschen individualisiert zu behandeln, bei denen vor allem eine Traumatisierung in früher Jugend das Erkrankungsrisiko erheblich vergrößert hat.
 

Link zum Thema
Vgl. Materialien zur Epigenetik

Donnerstag, 20. März 2014

Ego-Bestätigung und Berufung

Ist das, was wir tun, auch wenn wir es mit Engagement und Enthusiasmus machen, von unserem Ego angetrieben oder folgen wir dabei einem höheren Ruf, dem genuinen Ausdruck unseres wirklichen Selbst?

Shelley Prevost, eine US-Managementberaterin, weist in einem Artikel zu diesem Thema darauf hin, dass sich die Ideen des Egos und der “Ruf” oder die innere Berufung sehr ähneln können. Beide ziehen uns in die Richtung der Verwirklichung und beschäftigen unser Innenleben. Sie können sich auch in vergleichbaren Ergebnissen niederschlagen: Geld, Ruhm, Macht. Und beide können uns bis zur Erschöpfung herausfordern.

Wie können wir also den Unterschied herausfinden? Shelley Prevost beschreibt fünf Unterscheidungsmerkmale, die hier frei kommentiert werden.

1. Das Ego hat Angst, nichts zu haben oder nichts zu tun. Der Ruf fürchtet, sich nicht ausdrücken zu können oder nicht gehört zu werden.

Das Ego ist von Angst getrieben. Es will unsere Identität aufrechterhalten und fürchtet die Wertlosigkeit und Missachtung. Deshalb treibt uns das Ego zu mehr Leistung. Es verwendet dazu gerne das „Müssen“ und „Sollen“ und hofft, durch mehr und mehr Leistung mehr Wert und Anerkennung zu bekommen.

Ein Ruf drückt sich still aus und wird an subtilen Spuren in unserem Leben sichtbar. Es geht ihm mehr darum, dass wir etwas Authentisches in die Welt einbringen, wie oder wieviel wir das tun, ist sekundär.

2. Das Ego braucht die Angst zum Überleben. Der Ruf braucht die Stille zum Überleben.


Das Ego wird aktiv, wo wir Unsicherheiten bemerken. Es will diese reparieren. Es braucht also einen Mangelzustand, in dem sich eine Angst versteckt, um in Aktion zu treten. Aus dieser Spannung heraus zieht es seine Motivation, und wenn der Mangel behoben ist, setzt es sich wieder zur Ruhe. Allerdings kennen wir in den Tiefen unserer Seele Mangelzustände, die mit noch so viel Tun nicht gestillt werden können, sondern wie der Esel mit der berühmten Karotte vor der Nase nie ans Ziel der Erfüllung gelangen.

Ein Ruf dagegen erreicht uns, wenn wir uns Zeit für die Innenschau nehmen. Wir müssen dazu aus der lauten Umgebung heraustreten und in uns selbst hineinhorchen. Wir müssen also weitgehend frei von Ängsten sein, um diese besondere und deutliche Stimme in uns wahrzunehmen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns solche Aus-Zeiten nehmen, die wir uns selbst und dem zu uns selbst Kommen widmen. Erst wenn wir uns gut in dieser Innenschau auskennen und erkennen, wissen wir, was es ist, was wir wirklich selber wollen, unterschieden von dem, was andere von uns erwarten (wobei zu den anderen auch jene Stimmen zählen, die wir von außerhalb von uns übernommen haben, die wir aber schon längst mit unserer eigenen Stimme sprechen lassen, so als wäre das unsere „wirkliche“ innere Stimme).

3. Das Ego zeigt sich als Burnout. Der Ruf zeigt sich als Erfüllung.

Shelley Prevost meint, dass es beim Burnout nicht darum geht, zu viel von sich zu geben, sich also selbst auszubeuten, sondern darum, etwas zu geben versuchen, was wir gar nicht haben. Das Ego endet im Ausgebranntsein, weil es Ressourcen konsumiert, über die wir nicht verfügen, um eine bessere Version von uns selbst zu produzieren.

Anders gesagt, drängt uns das Ego in einen permanenten Stresszustand, in dem wir ständig unsere Reserveenergien aufbrauchen, ähnlich wie eine Bank, die ihr Stammkapital in die Expansion pumpt, bis der Zusammenbruch kommt. Im Angstzustand verbraucht unser Nervensystem seine Ersparnisse, und wenn kein Entspannungszustand folgt, ist der Kollaps unausweichlich.

Weil eine Berufung der Ausdruck unseres wirklichen Wesens ist, kann es nur in der Erfüllung enden. Damit ist ein Gefühl tiefer Befriedigung gemeint, das entsteht, wenn wir etwas tun, was wir wirklich lieben und in dem wir etwas ganz Besonderes von uns selbst ausdrücken können. Wir können in diesem Ausdruck auch an die Grenzen unserer Belastbarkeit gehen, doch folgt aus dem Geschaffenen selbst der Wechsel in einen Zustand tiefer Entspanntheit, wie er im Glücksgefühl des gelungenen Tuns enthalten ist.

4. Das Ego ist auf Resultate fixiert. Der Ruf ist auf den Prozess fixiert.

Weil das Ego die Angst durch mehr Leistung bewältigen will, starrt es besonders stur auf die Ergebnisse der Bemühungen. Ohne die Befriedigung eines strahlenden Ziels hat all das Streben keinen Sinn.

Ein Ruf entfaltet sich in der Selbstentdeckung. Er kommt von innen und kann nur erscheinen, wenn wir der Entwicklung unseres Lebens aufmerksam folgen. Statt hektisch auf ein Ziel hinzurackern, können wir die Spannung zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was unsere Vision ist, gut aushalten. Selbst aus dieser Spannung kann noch etwas Wichtiges gelernt werden.

5. Das Ego will sich selbst erhalten. Der Ruf will andere mit einschließen.


Das Ego ist mit Selbsterhaltung und mit der Konservierung der eigenen Bedürfnisse beschäftigt. Es ist vielleicht interessiert daran, anderen zu helfen. Aber das tut es nur, wenn es dem Erhalt der eigenen Identität dient.

Ein Ruf beginnt vielleicht beim Ausdrücken und Darstellen des eigenen Selbst. Er bewegt sich jedoch von selbst weiter zu den Bedürfnissen anderen. Ein Ruf schließt immer mehr ein als das kleine Ich, für das wir uns halten. Er geht über uns hinaus in die Welt, weil er auch von dort zu uns gekommen ist.

Vgl. Das Ego und die Manifestation

Montag, 17. März 2014

Vom Immer-wieder-Anfangen

In jedem Moment beginnt das Leben von neuem, weil es keine Vergangenheit gibt, die die Zukunft vollständig determinieren könnte. Wir können jeden Atemzug, den wir nehmen, als neu erfahren. Kein anderer war je zuvor so wie dieser. Von der Lebensoffenheit, mit der wir uns diese Frische des Lebens immer wieder bewusst machen können, sind wir meist weit entfernt.

Ein Grund dafür liegt in unserer Leidenschaft für Gewohnheiten. Laufen die Dinge in ihren gewohnten Bahnen, dann ist es am einfachsten für uns, sie so weiter laufen zu lassen, bis uns fad wird oder bis wir auf Widerstände stoßen. Das ist besonders der Fall nach schwierigen Erfahrungen, nach begangenen groben Fehlern und nach Schicksalsschlägen. Wir erleben solche Ereignisse wie eine Art von Abbruch in unserer Lebenslinie: So, als gäbe es ein Davor bis zu dem, was passiert ist, in dem die Welt in Ordnung war, und ein Danach, das nur als bange Frage im Raum stehen bleibt.

Dann ist es so, dass wir zu einem neuen Anfang gezwungen werden, und das Anfangen ist mit dem noch nicht verwundenen Schrecken verbunden, vor allem dann, wenn er sich wie eine unüberwindliche Hürde darstellt.

Es gibt Menschen, die bei jedem Aus-dem Haus-Gehen vor dieser Hürde stehen, andere, die vor den kleinsten Verrichtungen zaudernd steckenbleiben, unfähig sich zu bewegen. Was immer solche Blockierungen im Lebensfluss bewirkt hat, es ist wichtig, sie zu überwinden, damit das Leben im Fließen bleibt.

Wir können daran erkennen, dass es einer besonderen Kraft bedarf, um einen Anfang setzen zu können. Doch lohnt sich die Anstrengung, denn jeder gelungene Beginn kann auch zu einer besonderen Klarheit und Weitsichtigkeit verhelfen. Der erste Pinselstrich des Malers kann dem Bild die Gestalt geben, der erste Satz den Roman in Fahrt bringen. Die erste Idee und ihr Schwung können ungeahnte Leistungen initiieren.


Neubeginnen als Lebenskunst


Was für die schönen Künste gilt, gilt besonders für die Kunst des Lebens: Immer wieder anfangen, jeden Tag neu beginnen, aus dem Nichts erwachend, die Wirklichkeit beim Aufstehen neu konstruieren. Oft weiß ich nicht, wo ich gerade bin, wenn ich aufwache. Es fühlt sich wie ein fremder Ort an, ohne zu wissen, welcher es ist. Mit dem Klären des Bewusstseins kommt auch der Ort, an dem ich gerade bin, und der Tag, der gerade begonnen hat.

Noch feiner betrachtet, können wir erkennen, dass jeder Moment ein Neubeginn ist. Mit jedem Moment verabschiedet sich das Alte und unsere Geschichte setzt einen Anfang. Mit jedem Moment öffnet sich ein neues Kapitel, ein neues Stück und eine neue Welt.

Warum erscheint uns das nicht so? Warum gelingt es uns nur selten, die Neubeginne unseres Lebens zu erkennen? Wir haben so viele Programme in uns, tauschendfach mehr als das beste Satellitenfernsehen, Programme, die dauernd im Hintergrund laufen und dafür sorgen, dass es so scheint, als würde alles so weiterlaufen, als würde eins ins andere übergehen.

Deshalb haben wir uns ein Zeitmodell konstruiert und eingebaut, in dem das Vorher noch in den Moment hereinreicht und in das Nachher weiterwirkt. Diese Verschränkung der Momente verhilft uns zu einem Gefühl der Identität in der Zeit. Allerdings übersehen wir auch leicht das Neue am Neuen, weil wir das Bekannte im Neuen suchen, um uns unserer eigenen Identität zu versichern. Wir wollen, dass das Bekannte in der Zukunft bestehen bleibt, zusammen mit dem, was wir selber sind. Ängstlich, unseren inneren Zusammenhalt zu verlieren, basteln wir uns die Zusammenhänge unserer inneren Kontinuität zusammen und schreiben unsere Geschichte in immer wieder aktualisierten und korrigierten Geschichten, gewoben aus den Fäden der Vergangenheit als Sicherheitsnetz für die Zukunft.

Das Neu-Anfangen lohnt sich einmal in Beziehung zu uns selbst. Auch über uns selbst pflegen wir die unterschiedlichsten Erwartungen und Annahmen: Das kann ich, und jenes nicht, da bin ich gut und in diesem Bereich schlecht. Oft stecken hinter diesen Vormutungen Schlussfolgerungen aus Erfahrungen, die uns vor langer Zeit geprägt haben. Was passiert, wenn wir diese Prägungen fallen lassen und Dinge ausprobieren, die wir vermieden haben, weil wir von uns meinten, dass sie uns eben nicht liegen? Was passiert, wenn wir einfache Abläufe anders machen, z.B. anders gehen, beim Geschirrspülen eine andere Körperhaltung einnehmen, die Menschen in unserer Umgebung anders anschauen usw. 


Beziehungen neu gestalten


Auch in unseren sozialen Beziehungen lohnt sich das Neu-Anfangen. Wir gestalten sie gerne aufgrund unserer Erwartungen und Annahmen, die wir als Teile unserer Identität abgespeichert haben. Denn die Bilder der anderen, die wir tief in uns abgelegt haben, prägen unser Inneres. So bilden sich die Vorurteile und Stereotypen: Die Person X ist laut und überheblich (weil sie oft schon so war, aber vermutlich nicht die ganze Zeit).

Machen wir uns doch einmal bewusst, dass wir mit der Person X neu anfangen können. Begegnen wir ihr neu, dann werden wir Verschiedenes und Unterschiedliches wahrnehmen: Lautes und Dominantes, Ruhiges und Zurückhaltendes, und alles mögliche andere dazwischen. Wir erhalten ein buntes Bild statt eines fahlen schwarz-weißen Klischees. Mit bunten Bildern können wir mehr anfangen, im doppelten Sinn. Wir haben mehr Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung und können flexibler kommunizieren, und wir können etwas Neues beginnen - ein Gespräch über ein Thema, über das wir noch nie geredet haben, eine gelassenere oder humorvolle Reaktion auf ein herrisches Verhalten usw.

Die Folge: Ein starres Beziehungsmuster ist plastisch geworden, und damit ist Wachstum und Entwicklung möglich, in uns selber und im Dazwischen.

Manchmal sagen wir: „Mit diesem oder jenem kann ich nichts anfangen.“ Da gibt es etwas, das uns begegnet, das wir nicht fortsetzen wollen oder können. Es soll so bleiben, wie es ist, ohne unsere kreative Zutat. Wir schotten uns ab vor diesem Teil der Wirklichkeit, und haben auch unsere Gründe dafür. Die Wirklichkeit ist so vielgestaltig, dass wir nicht überall etwas Sinnvolles anfangen können. Doch ist es gut, dass wir uns bewusst machen, wo wir auf das Anfangen verzichten und warum uns das notwendig erscheint.

Insbesondere, wenn es um Menschen geht, die wir auf diese Weise aus unserem Leben ausklammern, können wir uns fragen, ob wir uns hinter Grenzen verstecken, die wir vielleicht gar nicht (mehr) brauchen. Offenbar fordern sie von uns etwas, das wir uns selber nicht zutrauen. Wir müssten über eine Grenze gehen, die uns wichtig oder gewohnt geworden ist, weil sie etwas in uns beschützt. Oft handelt es sich um einen Stolz und eine Überheblichkeit, Gefühle, die aus Ängsten entstehen, die wir nicht spüren wollen. So ist es einfacher, die andere Person, die diese Gefühle auslöst, links liegen zu lassen oder sie gar zu verachten, statt dass wir uns den eigenen Schatten stellen. Dann kann nämlich ein neuer Anfang geschehen, indem wir eine neue, offenere Brille aufsetzen.

Wiederum: Es muss uns nicht möglich sein, mit allen Menschen in unserer Umgebung eine friedliche und offene Ebene zu finden. Wir können aber aus jeder Begegnung, die unsere Offenheit herausfordert, besonders viel über uns selbst und unsere sozialen Ängste lernen. Wir brauchen nicht von uns zu verlangen, dass wir frei sein müssten von solchen Ängsten. Besser ist es, wenn wir uns als wachsende Wesen verstehen, indem wir uns immer wieder bereit machen, aus einem Neubeginn im Moment Kraft zu schöpfen. Jedes neue Anfangen bedeutet, eine Grenze hinter uns zu lassen, die uns vielleicht früher als unüberwindlich erschienen ist.

Freitag, 14. März 2014

Wurzeln unserer Individualität



Wir sind mit Sprüchen aufgewachsen wie: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, oder: „Wie die Alten sungen, zwitschern auch die Jungen“. Damit wird die Verbindung zu den Vorfahren und Ahnen betont. Unsere Abstammungslinie hat uns zu dem gemacht, was wir sind.

Oder doch nicht, oder doch nicht ganz? Wenn wir genau auf die biologischen Vorgänge schauen, die zur Entwicklung unserer Individualität geführt haben, belehrt uns die Wissenschaft, dass die Träger unserer Erbsubstanz, die Chromosomen, bei der Vererbung nie dupliziert werden. Es wird also keine identische Kopie erstellt, sondern schon bei der Entstehung der Keimzellen werden die Chromosomen rekombiniert, d.h. neu angeordnet. Dieser Vorgang verläuft nach einem Zufallsprinzip. Er führt zu einer unendlichen Vielfalt der Lebewesen und ist die Grundlage der Individualität im Sinne der Einzigartigkeit.

Wir sind also in keiner Weise determiniert durch unsere Eltern und deren Eltern, sondern schon die Ei- und die Samenzelle, aus denen wir entstanden sind, sind einzigartig und noch nie dagewesen, unterschieden von den anderen Keimzellen und ebenso unterschieden von unseren Vorfahren. Die Zufälligkeiten in unserer Entstehungsgeschichte können wir als Schritte in die Freiheit verstehen, die uns damit geschenkt ist, frei für den Neubeginn.

Der Beginn unseres Lebens ist deshalb ein Beginn in Freiheit von Vorgaben, ein Neuanfang, eine Premiere im ganzen Universum. Das hat vielleicht Hermann Hesse mit dem berühmten schönen Satz gemeint: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Denn es ist jedes Mal ein Wunder, wenn sich neues Leben bildet, was sich ja schon bei der Bildung der Gameten, den potentiellen Vorläufers neuen Lebens, vollzieht – Wunder im Sinn von etwas, was nicht vorhersehbar ist, wenn also „etwas Auffallendes geschieht, dessen Zustandekommen nicht aus unserem Wissen über die Welt folgt.“ (Valentin Braitenberg: Das Bild der Welt im Kopf, S. 81)

Niemand kann wissen, was entsteht, wenn sich Leben vermehrt, denn das Leben hat die Tendenz, aus der unendlichen Fülle der Möglichkeiten sich selber zu gestalten und zu entfalten. Nur die gröbsten Details können vorab prognostiziert werden, wie z.B. dass Kinder in den allermeisten Fällen mit allen Gliedmaßen zur Welt kommen und gleich danach versuchen, sich über das Atmen selbst zu versorgen. Wie sie das machen und was das für sie bedeutet und was darauf aufbaut, können wir vorher nicht wissen und darf uns immer wieder als Wunder erfreuen.

Unser Anfang ist wunderbar und innovativ. Jetzt brauchen wir nur zu erkennen, dass jeder unserer Lebensmomente wunderbar und innovativ ist, dann nämlich, wenn wir ihn als Anfang sehen, als neuer Beginn unseres eigenständigen Lebensweges. An dieses wundersame Anfangen können wir uns immer wieder erinnern, wenn wir aus irgendeinem Grund an uns selber zweifeln.

Fühlen wir uns in einer negativen Selbstbespiegelungsschleife gefangen: Wir können uns daran erinnern, dass wir immer wieder und in jedem Moment neu anfangen können. Wie an den Anfängen unseres Lebens ein Schritt ins Neue und Überraschende stattgefunden hat, kann das in jeder anderen Situation unseres Lebens stattfinden. Den Mut dazu brauchen wir uns nur von der Natur abzuschauen, die sich nicht scheut, immer wieder neue Kombinationen von Genen zu kreieren, ohne darauf zu achten, was denn aus jetziger Sicht erfolgversprechend, opportun oder modisch ist und was nicht. Denn sie weiß genauso wenig wie wir selber, was die Zukunft bringt.

Donnerstag, 13. März 2014

Rhythmen des Lebens

Rhythmik dürfte der Anfang der Musik sein. Viele archaische Rituale sind mit rhythmischem Trommeln verbunden, das zur Herstellung von tranceartigen Zuständen und zur Bewusstseinserweiterung eingesetzt wird. Die gleichmäßig immer wiederkehrende Abfolge von Schlägen hat einen starken Aufforderungscharakter an unser Bewegungsbedürfnis.

Der bewusstseinsverändernde Einfluss der Rhythmen, vor allem wenn sie durch Trommeln entstehen, die tief in unseren Organismus hinein wirken, zieht vor allem Menschen an, die unter Stress leiden. Der Rhythmus spiegelt einen Aspekt des Getriebenseins wieder, der eine Quelle von Stress ist. Zugleich beruhigt die Gleichförmigkeit und erzeugt ein Zurückfahren der äußeren Sinne. Dadurch entsteht ein Bewusstseinszustand, der dem Alltag entrückt.

Die beruhigend wirkende Monotonie findet bei rhythmusbetonter Musik den Kontrast im Taktschlag, der aufweckt und zur unwillkürlichen Bewegung anregt. So konnte der beat (besondere Akzente auf den unbetonten Taktteilen) eine ganze Generation aufwecken und in Bewegung bringen.

Rhythmus wirkt ansteckend und zwischen den Menschen verbindend zwischen den Menschen. Neulich hatte ich dazu eine Beobachtung. Im Zug sitzend, hatte ich Lust, mit den Händen auf meine Oberschenkel zu trommeln, in einem synkopierten Rhythmus, aber sehr leise, um niemanden zu stören. Ein paar Sitzreihen weiter sah ich einen Fuß zu dem Rhythmus wippen, ohne die zugehörige Person sehen zu können. Die Schwingung hat sich übertragen, ohne dass es der Person bewusst gewesen sein muss. Wir können also schwer stillhalten, wenn uns ein Rhythmus packt.

Analoge und digitale Rhythmen


Jede Musik bis in jüngste Zeit war analog, nicht digital. Wir können leicht irritiert reagieren und fühlen uns verfremdet, wenn ein Rhythmus maschinell klingt, also mit absoluter Exaktheit auf uns einhämmert. Vielleicht suchen wir manchmal diese Verfremdung, wenn wir in die Disco gehen, wobei mir auffällt, dass solche exakten und harten Rhythmen die Menschen vereinzeln, sodass sich jeder in seiner eigenen Weise und ohne Bezug zu den anderen bewegt. Möglicherweise geraten die Tänzer dabei in einen dissoziativen Zustand, in dem sie den Kontakt sowohl zu sich als auch zu den anderen verlieren.
Live-Trommler haben dagegen eine verbindende Wirkung auf Gruppen, und es kann beobachtet werden, wie die tanzenden Menschen ihre Bewegungen zum Teil unbewusst aufeinander abstimmen. Darin spiegelt sich unsere Vertrautheit mit der analogen Rhythmik von Ritualkulturen, wie sie in allen Stammesgesellschaften bestanden haben, die ihre tiefsten Wurzeln in uns hinterlassen haben.

Jeder menschliche Trommler macht winzige Abweichungen von der exakten Zählzeit, die seinem Trommeln eine individuelle Lebendigkeit verleihen. Joachim Ernst Behrend hat einmal über den swingenden Jazz-Schlagzeuger geschrieben, dass dieser so spielen müsse, dass der Eindruck entstehe, als ob das Stück immer schneller würde, wiewohl das Tempo in Wirklichkeit genau am Metrum bleibt. Der Musikphilosoph Theodor W. Adorno wiederum war ein Gegner der Jazz-Musik, weil er der Meinung war, dass diese nur den (digitalen) Rhythmus der Maschinen in den Fabriken wiedergebe und damit die kapitalistische Entfremdung propagiere.

Wenn Menschen Musik mit Hilfe eines Instruments oder der eigenen Stimme erzeugen, entsteht immer analoge Musik, die in der Rhythmik durch eine feine Balance zwischen Exaktheit und Unexaktheit gekennzeichnet ist. Im Rahmen einer vordergründigen Zuverlässigkeit bleibt Raum für individuelle Abweichungen, was in gewisser Weise das archaische Zusammenspiel von Gruppe und Individuum widerspiegelt: Die Gruppe gibt den Grundrhythmus vor, in dem sich alles bewegt, und jede einzelne Person kann in diesem Rahmen ihre eigene Bewegungsform entwickeln.

Deshalb gibt es bei der digitalen Erzeugung von Rhythmen (Drum-Computer) eigene Vorrichtungen, den Rhythmus zu „grooven“, d.h. zufällige minimale Variationen einzubauen, als digitale Imitation von menschlicher Analogie, die den Eindruck erwecken, ein Mensch und nicht eine Maschine würden hier trommeln. Doch können Maschinen im Grund nur plumpe Annäherungen an die menschliche Ungenauigkeit erzeugen, die das lebendige Vorbild nie erreichen können.

Daran merken wir die Anhänglichkeit an natürliche Rhythmen, die uns als Menschheit seit Urzeiten und als Individuen von allem Anfang an vertraut waren. Wir fühlen uns wohl, wenn wir in eine uns gemäße Schwingung kommen und von vertrauten Schwingungen umgeben sind. Wir schwingen „auf der gleichen Frequenz“, und schon ist sie da, die Liebe. So ist führt uns das Rhythmische in die Verbundenheit mit allem Lebendigen und sogar noch mit dem ganzen Universum, falls selbst dieses in seinem eigenen Takt pulsiert.

 

Montag, 17. Februar 2014

Geschlossene Systeme in uns

Das Modell der geschlossenen und offenen Konzepte ist nicht nur auf Großorganisationen und Gruppenphänomene anwendbar. Wir können es auch finden, wenn wir uns auf unsere eigene Innenwelt besinnen. Unsere Neigung zu bestimmten Systemen in der sozialen, kulturellen, politischen und religiösen Welt kann mit Systemen in uns selber zu tun haben. Geschlossene Systeme bestehen dort, wo uns der Kern, also der zentrale Wert, für den das System steht, nicht bewusst ist.

Wir reagieren z.B. verärgert, wenn sich jemand abfällig über unser Heimatland äußert. Der Ärger speist sich aus einem Wert, den wir für wichtig halten, und den wir mit dieser Emotion verteidigen wollen. Wir sind also in unserem Inneren mit einem Wert identifiziert, der uns oft gar nicht bewusst ist. Aber selbst wenn er uns bewusst ist und wir viele Argumente in uns gesammelt haben, mit denen wir diesen Wert verteidigen können, wenn er angegriffen wird, handelt es sich dennoch um eine Identifikation mit einem Zentrum, das wir unter gar keinen Umständen aufgeben wollen.

Jedes noch so kleine und unscheinbare geschlossene Konzept hat ein Zentrum, etwas, das gilt, ohne hinterfragt zu werden, ohne also auf seinen Hintergrund, seine Wurzel und sein Werden hin beleuchtet zu werden.

Wenn wir eine Person ablehnen und alles Schlechte über sie sammeln und alles Gute ausblenden, bauen wir ein geschlossenes System auf, in dessen Zentrum sich vermutlich etwas Unbewusstes befindet, eine unverdaute unangenehme Erfahrung, an das uns diese Person erinnert, ohne dass uns diese Erinnerung bewusst wird. Denn sobald uns deutlich wird, welche Erfahrung, mit welchen Gefühlen verbunden, hinter dieser Ablehnung steckt, öffnet sich das System, und die Person erscheint uns in einem anderen Licht. Wir können plötzlich zulassen, dass diese Person auch gute Seiten hat.


Absolut gesetzte Werte


Falls wir einen Weg aus den geschlossenen Konzepten unserer Innenwelt suchen wollen, ist es wichtig, das jeweilige Zentrum zu identifizieren. Dann können wir erforschen, weshalb uns dieses Zentrum so wichtig ist, und warum wir es für absolut gesetzt haben, und was passieren würde, wenn wir es nicht mehr wichtig nehmen. Was würde passieren, wenn wir aus einer absoluten Wahrheit eine relative gemacht haben? Würden wir da an Freiheit verlieren oder gewinnen?

Heißt das, dass wir alle Werte über Bord werfen sollten, sobald wir sie erkannt haben? Sicher brauchen wir Werte zur Orientierung in einer Welt widerstrebender Wertvorstellungen. Es ist wichtig, da und dort Stellung zu beziehen, wo Werte vertreten werden, die die Würde der Menschen und die Integrität der Natur mit Füßen treten. Wir brauchen dafür aber keine absoluten Werte, sondern Werte, die wir flexibel einsetzen können, um einer Grundorientierung, die unserem Leben schon vorgegeben ist, treu zu bleiben. 


Diese Grundorientierung ist nicht Teil irgendeiner Ideologie, sondern erwächst aus der in die Natur und in die Menschheit als Teil von ihr eingewobenen Weisheit. Sie lässt sich nur ungenau über einzelne Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit usw. vertreten. Je näher wir die jeweilige Problemlage betrachten, desto deutlicher wird werden, welche Spielart eines Wertes oder welche Kombination von Werten am sinnvollsten zur Anwendung kommt.

Jedenfalls bedeutet der innere Weg, der ein Weg zum Erwachsenwerden und Reifen ist, ein Weg zur eigenen Kraft und Klarheit, ein Weg zur Weitung und Öffnung, dass wir unsere unbewussten Wertungsgewohnheiten und geschlossenen Systeme sukzessive hinter uns lassen müssen und wollen. Wir können das nur in dem Maß, in dem sie uns bewusst werden. Die unterschiedlichsten geschlossenen Systeme und Konzepte tummeln sich in unserer komplexen Innenwelt. Wir können sie daran erkennen, dass sie sich immer dann melden, wenn uns etwas aufregt, stört oder irritiert, und wenn wir von den Handlungen, die uns in die Quere kommen, abwertend auf die Person schließen, die sie getätigt hat. Jemand vertritt eine Meinung, die wir nicht teilen können, und wir denken Negatives über diesen Menschen – dann hat sich in uns ein geschlossenes System zu Wort gemeldet.


Geschlossene Konzepte und Orientierungen


"Der eigene Weg bedeutet, Gewohnheiten, die mit geschlossenen Konzepten verbunden sind, hinter uns zu lassen." Dient dieser Satz aus dem obigen Zusammenhang selbst wieder das Zentrum für ein geschlossenes System, also etwas, das absolut gilt? Wir können es dazu machen, indem wir uns permanent und konsequent danach richten oder anderen Menschen beibringen wollen, das zu tun, indem wir ihnen die Folgen klarmachen, die eintreten, wenn sie das nicht tun. Wir können eine Lehre daraus machen und Menschen um diese Lehre herum scharen. Wir können sagen, der Satz gilt immer und jederzeit.

Wir können aber auch sagen: Wir benutzen diesen Satz als Orientierung, als Hinweis für eine Eigenerforschung und Selbstreflexion und schauen, was uns diese Form der Innenarbeit bringt. Wir können sagen: Wir überprüfen mit Hilfe dieses Satzes oder mit Hilfe des Gedankens, den er ausdrückt, unsere inneren Konzepte, Meinungen, Überzeugungen, suchen dort nach Zentren und überlegen uns, ob wir diese noch brauchen. Wir nutzen den Satz also wie ein Werkzeug oder einen methodischen Leitfaden, nicht wie eine absolut geltende Wahrheit. Wir regen andere Menschen dazu an, es uns gleichzutun, wenn wir merken, dass es für uns selber hilfreich war, aber lassen ihnen ganz die Freiheit, das zu tun oder nicht, oder ganz anders mit der Anregung umzugehen. So haben wir ein offenes Konzept gewonnen, das uns helfen kann, geschlossene Konzepte in uns selber zu transformieren, und damit selber zu noch offeneren Menschenwesen zu werden.

Sonntag, 16. Februar 2014

Friede ist nicht das Gegenteil des Krieges

Friede ist immer da, ob jetzt alles ruhig ist oder ob Kriege toben. Unfriede ist, wenn wir den Frieden nicht wahrnehmen können. Weil wir so wenig Zugang zu dem Frieden in uns haben, leben wir immer noch mit der Realität des Unfriedens. Das Leben ist nicht aus einem „Daseinskampf“ entstanden, sondern aus seiner inneren Kreativität, die es ihm ermöglicht hat, trotz Zerstörungen und Vernichtungen weiter zu wachsen.

Als Immanuel Kant seine Schrift vom Ewigen Frieden veröffentlichte, hatte er wohl eine Verfasstheit des Gemeinwesens und der Weltgesellschaft im Auge, in der Kriege ein für alle Mal unterbunden werden können, mit dem utopischen Ziel, Bedingungen für eine Ordnung zu entwerfen, innerhalb derer keine Kriege stattfinden können. In dieser Tradition habe ich auch in meinem Buch die Etablierung einer Weltregierung mit Gewaltmonopol als Bedingung der Möglichkeit für die Verunmöglichung von Kriegen vorgeschlagen und eingefordert.

Eine erweiterte Sichtweise auf dieses Thema, die uns vor allem auf der Ebene des holistischen Bewusstseins zugänglich wird, beruht darauf, dass der Friede primär eine innere Verfasstheit ist, die wir kultivieren können, gleich wie die äußeren Bedingungen gerade beschaffen sind.

Wir müssen den inneren Frieden einüben, weil er vielen Gewohnheiten widerspricht, die uns vertraut sind und unser Leben regieren, Verhaltens-, Gefühls- und Denkgewohnheiten. Die Übung gelingt leichter, wenn wir nicht mitten im Getümmel sind. Wir müssen erst die Zugänge öffnen, die uns zu dieser Erfahrung des inneren Friedens führen, sodass wir dann wahrnehmen können, dass Kriege immer nur an einer Oberfläche stattfinden.

Dennoch: Kriege sind uns vertraut: in Form von Beziehungsstreitigkeiten und als Kämpfe in uns selber – damit findet fortwährend das Einüben in die Gewaltbereitschaft statt. So lernen wir, das Gewaltsame für selbstverständlich zu nehmen, und so verlernen wir, den Frieden als die Grundlage des Lebens zu erkennen. Wir halten eine latente Kampfbereitschaft und Kriegserwartung in uns aufrecht, und schon zählen wir zu denen, die schnell bereit wären, hinzugehen, wenn Krieg ist. Deshalb finden sich immer wieder Menschen, die hingehen, wenn Krieg ist.

Natürlich haben die großen Kriege komplexe politische und soziale Hintergründe. Aber diese Bedingungen münden nur dann in Kriege, wenn zu wenig Menschen da sind (oder an der Macht sind), die um die Möglichkeiten des Friedens Bescheid wissen, und wenn genügend gewaltbereite Menschen bereitstehen, die Brandreden halten, Leute aufhetzen, Waffen produzieren und verteilen und schließlich die Armeen in Marsch setzen.

Natürlich trägt die Einsicht in die innere Kraft des Friedens unmittelbar nichts dazu bei, dass die Kriege, die an den Konfliktherden dieser Erde toben, endlich zu Ende kommen. Dazu braucht es die Auflösung der politischen und sozialen Spannungen und die Herstellung von mehr Gleichheit unter den Menschen in Bezug auf ihre Lebenschancen.

Weil wir so an die Existenz von Kriegen gewohnt sind, belächeln wir gerne die Friedensoptimisten und zeihen sie der Naivität. Nur, wer die Komplexität der Verhältnisse nicht durchschaut und die Menschen nicht kennt, käme auf solche Ideen. Doch denk ich, dass dieser Vorwurf aus der Perspektive einer deformierten anthropologischen Sichtweise stammt. Der Mensch wird reduziert auf eine Aggressionsmaschine. Die Notfallprogramme, über die wir als Menschen verfügen, werden mit unserem Wesen gleichgesetzt. „Eigentlich“ wären wir auf Aggression und Gewaltausübung eingestellt, doch haben uns Gesellschaft und Kultur mit aller Mühe (und Gewalt!) dazu gebracht, unsere zerstörerischen Impulse zu zähmen und uns brav den Regeln des Zusammenlebens unterzuordnen. Kaum würden diese Regeln aufgehoben, käme sogleich wieder die Bestie Mensch zum Vorschein, die mit aller Lust, alles niedermacht, was sich ihr entgegenstellt. So denken die Friedenspessimisten.

Für unser Überleben als Menschheit haben wir beides benötigt: Die Friedensbereitschaft und die Kriegsbereitschaft. Für diese Zwecke sind wir auf der Ebene des vegetativen Nervensystems mit vagalen und mit sympathischen Systemen ausgestattet, dafür haben wir ein präfrontales Großhirn mit seiner Empathiefähigkeit und die Muskelkraft fürs Kämpfen.

Doch haben wir inzwischen eine Welt erschaffen mit einem so großen Maß an Sicherheit des Überlebens, dass wir die individuelle Gewaltbereitschaft weit herunterfahren und in den Hintergrund verlegen können. Das bedarf der Übung und des Umlernens, der Reprogrammierung. Was wir in der Psychotherapie, in Selbsterfahrungsgruppen, Entspannungstrainings und Meditation üben, ist die Fähigkeit, unsere Angstprogramme, die uns in Gewaltbereitschaft versetzen, zu entwaffnen. Dabei führt kein Weg daran herum, dass wir auch unsere aggressiven Impulse kennenlernen, um sie in ihrer Destruktivität verstehen zu können.

Ohne dieses Üben, das Mut, Konsequenz und Disziplin verlangt, wird es auch nicht gehen, dass die großen und kleinen Kriege vom Antlitz dieser Erde getilgt werden. Und jeder Schritt des Trainings in Gewaltfreiheit lohnt sich, weil er uns selber und den Menschen um uns herum das Vertrauen in den Frieden und seine Kraft wiedergewinnen lässt.

Für diese Aufgabe kann uns bestärken, wenn wir immer wieder in die Bereiche in uns vorstoßen, in denen der ewige Friede herrscht, bis er uns so vertraut ist, dass es dazu keine Alternative mehr gibt.



Vgl. Im Unfrieden im Frieden sein
Vgl. Friede und Aktivität

Donnerstag, 13. Februar 2014

Fernsehkonsum reduziert die Lebenserwartung

Australische Forscher haben in einer Studie mit 8 800 Teilnehmern die Lebenserwartung von Personen, die 6 Stunden täglich vor dem Fernseher verbringen, mit Nichtfernsehern verglichen. Das Ergebnis: Die Fern-Seher leben 4,8 Jahre kürzer als die Nichtfernseher. Jede Stunde, die Erwachsene über 25 Jahren täglich fernsehen, senkt die Lebenserwartung um 21,8 Minuten. Oder: Wenn alle anderen Risikofaktoren herausgerechnet werden, bleibt eine 8%-ige Steigerung des Mortalitätsrisiko durch jede zusätzliche Fernsehstunde. 

Die Schlussfolgerung der Studie: Der Fernsehkonsum kann mit Lebensverlust assoziiert werden, der mit anderen zu schwereren chronischen Erkrankungen führenden Risikofaktoren wie wenig Bewegung und Fettleibigkeit vergleichbar ist. 

(c) Falk Hühne
Fernsehen stumpft also nicht nur ab, sprich fördert die Jugend- und Altersdemenz, sondern knappert auch am physischen Überleben. Offenbar haben die Printmedien das Thema übersehen, jedenfalls kann ich mich nicht an eine Schlagzeile erinnern: Fernsehen bringt uns um. Vielleicht aber haben die Zeitungen gar kein Interesse daran, den Leuten das Fernsehen zu vermiesen, schließlich füllen sie ihre Seiten auch mit Fernsehstars und Fernsehprogrammen, und diese Seiten würden leer bleiben, wenn die Leute aus Gesundheitsgründen und zwecks Überleben mit dem Fernsehen aufhören. 

 Die Qualitäten, die man braucht, wenn man sechs Stunden Fernsehen täglich aushalten will, wie Durchhaltevermögen, Dummheitstoleranz, Aushalten von Langeweile, Übersehen von Nullkreativität, Blockieren von Ausschaltimpulsen, wirken offenbar nicht lebensverlängernd. Die Selbstdisziplin, die zu einer derartigen Entbehrung notwendig ist, sollte doch zumindest charakterbildende Wirkung aufweisen, wenn sie schon nicht zu längerem Leben führt. Aber wie hieß es doch in den 60er Jahren: Lieber kürzer, und dafür intensiver leben. 

Jeder gewissenhafte Fern-Seher braucht auch ein erkleckliches Maß an Ambivalenz-Toleranz. Üblicherweise schimpfen die Menschen, die am meisten fernsehen, am meisten über das Fernsehen. Natürlich sind es auch die, die am besten Bescheid wissen. Zugleich setzen sie sich tagtäglich dem Widerspruch aus, etwas zu konsumieren, was sie als blöd finden. Das ist doch auch ein weiteres Indiz für die Charakterstärke der fleißigen Fernsehkonsumenten. 

Und vielleicht hat die Studie noch eines übersehen: Welche Muskelkraft und Reaktionsschnelligkeit von einem Profi-Fernseher aufgewendet wird, der bei jedem Werbeblock hektisch die Fernbedienung drücken muss, um sich in den nächstgelegenen Film einzuzappen. Da wird ja auch Kreislauf und Herzschlag aktiviert und trainiert, also müsste sich diese Form des aktiven Fernsehens doch auch gesundheitsförderlich niederschlagen. Hier der Link zur Studie.

Montag, 20. Januar 2014

"Alles ist bestimmt"

"Alles ist bestimmt", so lautet ein Satz, den spirituelle Lehrer, vor allem aus der Advaita-Tradition, gerne verwenden. "Alles ist gut so, wie es ist, und alles muss so geschehen, wie es geschieht, weil es so vorgesehen ist."

Was hat dieser Satz, über eine Tautologie hinaus, zu sagen? Wenn alles so sein muss, wie es ist, so heißt das, dass es nicht anders sein kann, was ja, nachträglich betrachtet, immer stimmt, und deshalb ein leerer Satz ist. Die Sonne geht auf, weil es so bestimmt ist. Was sagt das mehr aus, als wenn wir bloß feststellen, dass die Sonne aufgeht?

Erst wenn wir uns am Lauf der Dinge stoßen, wenn wir aus irgendeinem Grund nicht wollen, dass die Sonne aufgeht, z.B. weil wir als Vampir noch zu weit von unserer Ruhestätte entfernt sind, oder weil wir mit dem Morgengrauen aufstehen müssen und noch lieber im Bett blieben, erst dann mahnt uns der Satz, dass wir gegen bestimmte Abläufe in der Wirklichkeit keine Chance haben.

Es ist unser Ego, das mit dem Satz besänftigt werden kann. Es will die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten, es will ihr seinen Willen überstülpen. Es leidet darunter, wenn uns etwas Unvorhergesehenes oder Schicksalhaftes trifft. Dann braucht es einen Trost und eine Hilfe, um sich mit dem Unabwendbaren zu versöhnen.

Die Wirklichkeit macht, was sie will, ohne uns zu fragen. Unsere Einflusssphäre ist winzig klein im Vergleich zu dem, was völlig unserer Kontrolle entzogen ist. Das Wetter entwickelt sich unabhängig von meinen Ausflugsplänen, die Regierung beschließt Gesetze, die mir nicht sinnvoll und gerecht erscheinen, auf der Welt werden Kriege geführt, obwohl ich das schrecklich finde, Menschen (und wir selber auch) werden krank, auch wenn es besser wäre, gesund zu bleiben, und allzu viele haben zu wenig zu essen, wie sehr ich das auch bedauere.

Spiritueller Zynismus


Ist es angesichts des mannigfaltigen Leides auf der Welt, angesichts des elementaren Mangels, in dem die meisten Menschen auf dieser Erde leben, nicht zynisch zu sagen, dass alles so bestimmt ist, wie es ist, dass eben die Armen arm und die Reichen reich sind, dass die einen am Zuviel-Essen und die anderen am Zuwenig-Essen sterben?

Es ist auch bestimmt, dass wir es zynisch finden, wenn wir es zynisch finden, dass jemand angesichts von Katastrophen und elendiglichen Lebensumstände davon redet, dass alles so bestimmt sei. Und bestimmt ist auch, dass wir uns dafür einsetzen (wenn wir das tun), dass sich die Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf der Welt verringern. Es ist bestimmt, dass wir über ein Gewissen verfügen, das uns daran erinnert, dass unsere eigenen Handlungen Auswirkungen auf das Wohlergehen anderer haben, und dass wir Verantwortung nicht nur für unser eigenes Leben, sondern darüber hinaus noch für die gesamte Welt haben - mit unserem vergleichsweise winzigen Anteil, der aber auch der einzige ist, über den wir verfügen können.

Kritik an der Wirklichkeit


Das, was ist ("weil es dazu bestimmt wurde, so zu sein"), ist nicht verdammt dazu, so zu bleiben, wie es jetzt gerade ist. Es gilt, das, was in unseren Kräften steht, zu mobilisieren, Änderungen der Wirklichkeit in Gang zu bringen, in eine Richtung, die uns als besser und menschenwürdiger erscheint. Deshalb ist es wichtig, an dieser Wirklichkeit immer wieder Kritik zu üben, indem wir sie an den Standards eines evolvierten und evolvierenden Bewusstseins messen. Und deshalb ist es wichtig, die kreative Fantasie zu entwickeln, die es braucht, um neue Kräfte ins Spiel zu bringen, die verkehrten und verfahrenen Situationen dieser Wirklichkeit aus ihren Verengungen herauszuführen. Auch dann sind wir in Übereinstimmung mit dem, was gerade ist.

Insofern lässt uns das Wort von der Bestimmtheit nicht einfach in Frieden, fast scheint es, als wären wir von ihm eingesponnen wie von einem Spinnennetz. Wir brauchen uns allerdings nicht permanent auf seine reflexive Spitzfindigkeit einlassen. Es genügt, wenn wir die Gedankenoperation an Schlüsselpunkten unseres Lebens aktivieren und uns ins Bewusstsein rufen, dann eben, wenn uns das Schicksal aus der Bahn zu werfen droht.

Gibt es Bestimmer der Bestimmung?


Wer bestimmt, was bestimmt ist? Wir müssen für die Instanz, die die Geschicke der Dinge lenkt, nicht unbedingt ein göttliches Wesen annehmen. Sollte dieses für nichts anderes gut sein als für ein monotones tautologisches Geschäft, gewissermaßen für eine permanente affirmative Verdoppelung dessen, was gerade abläuft? Wie ein alter Herr, der hinter den Geschehnissen nachläuft und dabei dauernd kundtut: "Genau so wollte ich es, genau so habe ich es bestimmt." Wir brauchen auch keine Idee der Vorherbestimmtheit, der Prädetermination, die Idee einer gigantischen Intelligenz, die alle Vorgänge des Weltgeschehens von seinen Anfängen bis in alle Zukunft vorausgeplant hat. Das sind nur Gedankenspielereien, die dem Satz von der So-Bestimmtheit all dessen, was ist, eine besondere Mächtigkeit und gravitätische Würde verleihen sollen, die er in seiner Einfachheit und für seine Wirksamkeit gar nicht braucht.

Wir können vielmehr vom einfacheren Ausgangspunkt starten, dass die Wirklichkeit, so wie sie wirkt, die Ereignisfolgen bestimmt, in unserem Inneren wie in der kleinen und der großen weiten Welt um uns herum. Das, was ist und wird, ist und wird die Wirklichkeit, die nicht anders sein kann, als sie ist. Das erleben wir im Grund auch so, im Wach- wie im Schlafzustand, und in vielen Momenten des Lebens - außer eben, es kommt etwas Heftiges in uns hoch, das sich zwischen uns selbst und diese Wirklichkeit drängt, wodurch wir uns vom Dahinfließen dieses Lebens abkoppeln, weil wir ihm unsere Zustimmung versagen. Wann immer wir das tun, tun wir das nicht freiwillig, sondern es unterläuft uns, weil uns unsere eigene Agenda dazwischenkommt, das, was wir aus unserer Selbstvollkommenheit als passend vorgesehen hatten und weil wir in diesem Moment gerade nicht Kraft und Bewusstheit aufbringen können, die es brauchen würde, zu akzeptieren, was ist.

Vielmehr bleiben wir in der Kurzsichtigkeit stecken, die uns nur sehen lässt, dass etwas quertreibt, ohne uns um Erlaubnis zu fragen. Um uns wieder einzukriegen, sagt uns dann jemand oder etwas in uns: "Es war eben genau so bestimmt, was geschehen ist, es sollte genau so geschehen." Dann können wir aufwachen und wieder den Einklang mit der Wirklichkeit und ihren Abläufen suchen.

Ich kann eine kleine Erfahrung zu dieser Wirkung beisteuern. Nachdem ich den obigen Text am Flughafen vor dem Boarding geschrieben und korrigiert habe, habe ich mich während des folgenden interkontinentalen Nachtfluges mehrfach daran erinnert – wenn mich etwas in der Umgebung gestört hat oder kein Schlaf kommen wollte oder die Knochen zu schmerzen begannen. Der Satz: „Alles ist bestimmt so“ ist gekommen, und schon war Frieden im Inneren. Und irgendwann wusste ich dann nicht mehr, wo die Stunden hingekommen waren, als ich kurz vor der Landung auf die Uhr schaute.

Beziehungsunterbrechung mit der Wirklichkeit


Woran wir leiden, sind ja nicht die einzelnen Prozesse, die die Wirklichkeit ausmachen, sondern unsere Einschätzung dieser Prozesse. Unsere inneren Bewertungsvorgänge entscheiden, ob uns die Vorgänge um und in uns gefallen oder gegen den Strich gehen, ob sie uns erfreuen, wie beim Gewinnen eines Wettspiels, oder uns in unseren Grundfesten erschüttern, wie beim überraschenden Tod einer nahestehenden Person. Wir haben uns die Welt so oder so in unserem Kopf eingerichtet, und sie hat so zu sein und sich so zu verhalten, wie es diesem Szenario in uns entspricht; im besten Fall sollten sie unsere „kühnsten Träume“ noch übertreffen. Sobald aber die Entwicklung gegen unsere Pläne verläuft, wird unsere Beziehung zur Wirklichkeit unterbrochen.

Niemand außer uns selbst kann diese Unterbrechung reparieren. Wir müssen uns klarmachen, dass es in unserer Verantwortung lag, den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren, auch wenn es nicht unsere Absicht war. Wir müssen aufhören, andere oder die Wirklichkeit als Ganze dafür verantwortlich zu machen, weil wir damit jeden Einfluss auf unser eigenes Wohlbefinden abgeben und uns davon abhängig machen, dass die Wirklichkeit zufällig irgendwann wieder mit unseren Vorstellungen in Einklang kommt.

"Es ist alles bestimmt, wie es kommt", der Satz erinnert uns wieder daran, dass die Wirklichkeit darauf wartet, dass wir wieder mit ihr mitgehen, statt trotzig unseren eigenen Weg einzufordern. Wir können in jedem Moment die innige Beziehung mit dem Leben, das wir sind und das durch uns fließt, wieder aufnehmen und damit genau die Bestimmung leben, die uns bestimmt ist.

Sein und Sollen


“Alles soll so sein, wie es ist.” Ein Missverständnis gibt es noch zu klären. Wie oben schon gesagt: Das „Sollen“ bedeutet hier nicht, dass alles, was ist, in einem ethischen Sinn auch gut ist, dass es also einem ethischen Sollen entspricht. Es heißt vielmehr, dass die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, der Zusammenklang von Welt und Selbst etwas Gutes ist, weil wir dadurch zu innerem Frieden und Klarheit kommen, und weil es Leiden schafft, wenn beides auseinander fällt.

„Alles soll so sein, wie es ist“, will also heißen: „Mit allem, was geschieht, sollst du übereinstimmen, mit allem sollst du sein. Du sollst aber nicht allem zustimmen, was ist und geschieht und du musst nicht alles davon als gut einschätzen.“

Samstag, 11. Januar 2014

Geschlossene Systeme und ihr Zentrum


Geschlossene Systeme kreisen um ein Zentrum. Darin befindet sich etwas, das nicht in Frage gestellt, kritisiert oder verändert werden darf und kann. Das Zentrum wird absolut gesetzt und der relativen Sphäre entzogen. Es wird mit einer Sphäre des Glaubens umgeben. Das Wissen endet an der Schwelle zum Zentrum, Zutritt zu ihm hat nur, wer bedingungslos glaubt.


Zentren in den Religionen


Bei den Offenbarungsreligionen befindet sich die Offenbarung im Zentrum. Dort hat Gott zu Menschen gesprochen, und das, was er da gesagt hat, gilt absolut, darf also keiner Relativierung ausgesetzt werden. Bei (anderen?) Sekten ist es häufig das Wort des Sektengründers oder der Gründerin, das kritiklos akzeptiert werden muss. Und wenn er aus seiner höheren Eingebung befiehlt, dass sich alle Gruppenmitglieder umbringen müssen, dann wird dem auch kritiklos Folge geleistet.

Im geschlossenen System ist also das Zentrum absolut gesetzt, und alles herum ist relativ, auf das Zentrum bezogen. Das Zentrum entscheidet, was richtig und was falsch ist, und diese Entscheidungen gelten absolut. Das Zentrum ist vollkommen, und alle außerhalb davon ist unfertig und fehlerhaft. Meist gilt auch: Je näher jemand dem Zentrum kommt, desto näher kommt sie der Vollkommenheit. Wer sich daran hält, kann Karriere machen (z.B. im geschlossenen System einer Diktatur), wer sich nicht daran hält, muss mit schlimmen Konsequenzen rechnen (z.B. ein längerfristiger Aufenthalt in der Hölle im Fall des Christentums oder Islams). 

Das Zentrum generiert die Regeln, die das geschlossene System geschlossen halten, obwohl sich die Zeit weiterbewegt und dauernd neue Einflüsse auf das System einwirken. In der katholischen Kirche galt der Satz: "Roma locuta, causa finita." - Wenn Rom gesprochen hat, ist der Fall abgeschlossen. Innerhalb des geschlossenen Systems dürfen so lange unterschiedliche Meinungen vertreten werden, darf es also so lange offene Systeme geben, bis das Zentrum gesprochen hat, was die Wahrheit ist, dann müssen alle den Mund halten und gehorchen. Die Geschlossenheit ist wieder hergestellt.

Für die katholische Kirche gilt also Rom und damit der Papst (als Stellvertreter von Jesus Christus auf der Erde) als Zentrum. Er wurde ja im 19. Jahrhundert mit der Gabe zu unfehlbaren Lehrmeinungen betraut. Aus diesem Zentrum fließen alle Regeln, die der Gläubige für sein Leben braucht, um sich in den richtigen Bahnen zu bewegen. Jeder neue Einfluss muss geprüft werden und wird entweder gebilligt oder verworfen. Deshalb gab es einen Index mit verbotenen Büchern, Dogmen, die dadurch definiert waren, dass jeder als Ketzer gilt, der nicht an sie glaubt, Verfahren gegen Angehörige der eigenen Kirche, die abweichende Meinungen vertreten, Verurteilungen von Gedanken oder Ideen, die außerhalb der Kirche entstanden sind und vor denen die Gläubigen gewarnt werden müssen - defensive Maßnahmen mit dem Zweck der Absicherung der Geschlossenheit. 

Diese riesige Aufgabe kann natürlich angesichts einer Welt, die immer komplexer wird, nicht mehr erfüllt werden. Deshalb scheint es, dass der neue Papst eine neue Richtung gewählt hat, sich mehr um die Anliegen der Menschen, vor allem der Benachteiligten, zu kümmern als um die Einhaltung von Lehrmeinungen, eine Richtung, die mehr Offenheit verspricht.

Gegen den Zentralismus der römischen Kirche, der ja auch das Zerwürfnis mit dem osteuropäischen Christentum bewirkt hat, ist auch Martin Luther aufgetreten. Es war ein Anliegen der Reformation, das römische Zentrum mit dem Papsttum aufzusprengen und durch das alleinige Zentrum der schriftlichen Ofenbarung zu ersetzen. Luther versprach sich durch die Etablierung einer abstrakteren Zentrumsidee mehr Öffnung, schuf aber keinen grundsätzlichen Ausweg aus der Geschlossenheit. Deshalb kam es zu einer enormen Aufsplitterung der Kirchen in diesem Sektor des Christentums, wobei jeweils das Ziel verfolgt wurde, einer bestehenden Zentrumsbildung durch die Bildung eines neuen Zentrums des "noch wahreren" Christentums zu entkommen. Offenbar ergab sich dadurch die Dynamik, dass, je kleiner das System wurde, das Zentrum umso absoluter gesetzt werden musste, sodass sich die engsten christlichen Fundamentalismen gerade in diesen evangelischen oder evangelikalen Teilkirchen finden. (vgl. Kreationismus).


Politischer Zentralismus


Auch im Bereich der Politik wird mit sakrosankten Zentren operiert. Viele politische Bewegungen versammeln sich um eine zentrale Idee, die für unantastbar erklärt wird. Um sie zu verwirklichen, wird mit allen Mitteln gekämpft, da ja der Zweck die Mittel heiligen soll. Ein Beispiel dafür lieferte Robespierre, der am Höhepunkt der französischen Revolution den Kult der Vernunft ausgerufen hat. Wer als Bedrohnung für diesen höchsten Wert angesehen wurde, wurde gnadenlos der Todesmaschinerie überantwortet. 

Ein einfacher Blick auf die Krisen- und Kriegsgebiete der heutigen Welt zeigt nicht nur die massiven und bedauernswerten Lebensvernichtungen, Zerstörungen und Entmenschlichungen, die dort stattfinden. Es zeigt sich auch leicht das Zentrum der jeweiligen Ideologie, die hinter dem Treiben der Konflikt- und Kriegsparteien als Zündkraft steckt. Manchmal sind in diesen ideologischen Zentren die historischen Fäden so dicht versponnen, dass sie sehr komplex wirken. Im Grund dreht es sich um Überlebensängste, aus denen die jeweilige Ideologie den einzig möglichen Ausweg verspricht und zu der sie den hauptsächlichen Widerpart und Erzgegner benennt, der bekämpft werden muss.

Als Beispiel aus der österreichischen Innenpolitik zeigen sich bei der Frage nach der Reform der Schulorganisation unübersehbar die ideologischen Festlegungen, die als wichtiger angesehen werden als alle inhaltlichen Erfordernisse einer zeitgemäßen Schulbildung. Bevor ein Wert in diesem Zentrum ausgegeben oder auch nur neu definiert wird, wird alles darangesetzt, um den gegenwärtigen Zustand einzumauern.


Sinnfindung ohne Zentrum


Auch im kleineren Rahmen einer immer pluraler werdenden Welt der Sinnangebote spielt diese Zentrumsbildung immer wieder eine wichtige Rolle. Zwar treten viele dieser Ansätze mit dem expliziten Anspruch der Öffnung an, übersehen aber allzu leicht die eigenen zentralen Vorannahmen und Festlegungen, die der Erfahrung, in der der Sinn gefunden werden soll, entzogen bleiben und statt dessen geglaubt werden müssen. Der Bogen reicht hier von Richtungen der Lebenshilfe, Psychotherapie zu den unterschiedlichen Schulen und Bewegungen, die es im esoterischen und spirituellen Bereich gibt. 

In der Psychotherapie sind es oft die Gründungspersönlichkeiten, deren Anliegen und Ausführungen wie ein Heiligtum im Zentrum aufbewahrt werden und an denen alles, was sich erneuern möchte, erst messen muss. Auch gibt es Leitkonzepte, die ein Therapeut einmal übernommen hat, weil sie ihm selber geholfen haben, und die er dann bei jeder Klientin anwendet, ohne darauf zu achten, ob sie passen oder nicht. Deshalb ist die fortlaufende Selbstüberprüfung wichtig, um die Therapie ideologiefrei zu halten. Der Leitsatz, gemeinsam mit jedem Klienten eine neue Therapie zu erfinden, hilft, aus der Tendenz zu geschlossenen Konzepten herauszuführen, weil er zur beständigen Offenheit für die Erfahrung im Moment ermutigt.

Die esoterische Szene ist geradezu dadurch definiert, dass sie ihre Anhänger mit versteckten Zentrumsideen gewinnt. Traue deiner Erfahrung, aber glaube alles, was drumherum als Erklärung angeboten wird. Wenn du eine gute Erfahrung gemacht hast, dann erkärt dir das jeweilige System, welchem Engel, Außerirdischem oder Aufgestiegenem du sie zu verdanken hast. Solltest du Zweifel an den entsprechenden Zentren der Lehre hast, wird an dir ein Mangel an Reife und Bewusstheit diagnostiziert, wofür das Zentrum auch die rechte Abhilfe anbieten kann.

Spirituelle Lehrer sollten sich von esoterischen Angeboten dadurch unterscheiden, dass sie ihre Schüler zur konsequenten Eigenerforschung anleiten. "Suche nach dem, was für dich im Innersten stimmig ist und befreie dich von allen Modellen und Konzepten." Solche Anregungen sind offen, weil sie nicht vorgeben, was das Ergebnis der Erforschung sein soll, sondern der Innenerfahrung der Schülerin jede Freiheit lassen.

Allerdings haben viele spirituelle Lehrer ein "Allerheiligstes", einen Kern ihrer Lehre, und häufig fordern sie von ihren Anhängern die Übernahme ihrer Konzepte, ohne dass sie bereit sind, die Zentren ihrer Anschauungen preiszugeben. Dort, wo sich innerhalb von spirituellen Bewegungen oder Gruppen Abhängigkeiten und Machtthemen entstehen, steckt ein unterschwelliges Zentrum dahinter, um das gekämpft wird.

Wenn wir uns auf ein systemisches Bewusstsein einlassen, stellen wir uns der Herausforderung, zu lernen, ohne absolutgesetzte Zentren zu leben. Wir erkennen dann die Wichtigkeit, solche Zentren innerhalb der geschlossenen Systeme, die uns begegnen, ausfindig zu machen, zu benennen und Alternativen zu entwerfen, die ohne Zentrum auskommen. Wir sind zwar daran gewöhnt, dass wir für unsere innere und äußere Sicherheit etwas brauchen, was sich nicht verändert, was immer gilt und was uns für jede Situation eine Orientierung vorgibt. Wir haben aber auch die Kraft und die innere Stärke, die Illusionen zu durchschauen, die uns solche scheinbar sicheren Orientierungspunkte und Kernkonzepte zu geben vermeinen. Jede dieser Illusionen, die wir verabschieden können, tauschen wir gegen ein wertvolles Stück innerer Freiheit ein.