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Donnerstag, 12. Mai 2022

Pazifismus in der Krise?

Es steht zu lesen, dass sich der Pazifismus in einer Krise befindet. Seit Februar tobt ein heftiger Krieg in Osteuropa ohne Aussicht auf ein Ende, mit Tausenden von Todesopfern und massiven Zerstörungen an Seelen und an Gütern. Es handelt sich um einen brutal geführten Angriffskrieg, in dem Russland das „Recht“ des Stärkeren gegen einen schwächeren Nachbarstaat durchsetzen will. Die Ukraine hat nur die Wahl zwischen Selbstaufgabe und Selbstverteidigung und hat den zweiten Weg gewählt. Auch wenn manche diese Wahl kritisieren, ist sie zu respektieren, denn jedem Land gebührt die Selbstbestimmung. Wo allerdings hat in diesem Szenario der Pazifismus, also die Idee, alle Konflikte ohne Einsatz von Gewalt zu lösen, einen Platz? 

Sobald die Waffen sprechen, gilt die Sprache der Waffen. Wer mit der Sprache der Vernunft und Menschlichkeit einen Panzer ansprechen will, wird nicht gehört, sondern überrollt. Im Kleinen kennen wir es von entgleisenden Streitgesprächen: Wenn die Emotionen aufkochen, gehen die leisen und ruhigen Stimmen unter. Eine Kriegsmaschine, die auf alles schießt, was sich bewegt, lässt sich nicht von Demonstranten aufhalten, die Friedenslieder singen und Fahnen schwenken. Brutalität breitet sich aus, solange sie mit ihrer Strategie Erfolg hat und hört erst dort auf, wo sie auf Gegengewalt stößt. Gewalt kann also nur durch eine stärkere Gegengewalt beendet werden. Wird sie nicht durch eine Gegenkraft aufgehalten, expandiert sie weiter. Denn die Gewalt lebt von ihren Erfolgen. Treten diese ein, indem ein Gegner besiegt wird, so verstärkt sich das Gewaltmuster. So wie der Krieg den Krieg ernährt (siehe die russischen Plünderungen in den eroberten Gebieten), so ernährt die Gewalt die Gewalt. 

Erfolgreiche Gewalt gebiert noch mehr Gewalt. 

Diese Logik der Gewalt ist einfach und zugleich unerbittlich und alternativlos. Sie hat archaische Wurzeln und beginnt mit den Uranfängen der Gewaltausübung. Die Menschheitsgeschichte ist voll von dieser Logik und der von ihr verursachten Blutspur. Der russische Präsident vertritt diese Logik ganz unverhohlen. Das übersehen all jene, die meinen, der Ukraine Ratschläge geben zu können, wie sie den russischen Wünschen entgegenkommen sollten, um den Krieg möglichst schnell zu beenden und die dem ukrainischen Präsidenten und seiner Regierung vorwerfen, für all die Toten, die der Krieg jeden Tag fordert, die Verantwortung zu tragen. Sie machen aus den Opfern die Täter, um die eigentlichen Täter von ihrer Verantwortung zu entlasten. Das hat nichts mit Pazifismus zu tun, sondern ist ganz einfach eine Identifikation mit dem Aggressor, die ihn von der Verantwortung für seine Handlungen entlastet. 

Der gewaltfreie Widerstand 

Was aber ist mit den vielen Beispielen des gewaltfreien Widerstandes? Wir denken z.B. an Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Sie haben Bürgerrechtsbewegungen angeführt und die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht mit friedlichen Mitteln geführt, die langfristig erfolgreich waren. Andere friedliche Protestaktionen wie z.B. am Tien’amnenplatz 1989 in Peking oder in Weißrussland 2021 sind an der Brutalität des Staatsapparates gescheitert. Selbst bei den erfolgreichen Aktionen handelt es sich um innerstaatliche Konflikte, nicht um zwischenstaatlich geführte Kriege. Wenn zwei Militärapparate aufeinandertreffen und beide Seiten die Intention haben, Krieg zu führen, hat die Gewaltlosigkeit keinen Auftrag mehr und muss warten, bis der Schrecken der Kanonen verstummt. 

Es sind zwei völlig verschiedene Ligen, in denen die Gewalt und in denen der gewaltfreie Widerstand spielen. Das Modell der Bewusstseinsevolution macht diesen Unterschied deutlich: Die Logik der Gewalt gehört zur zweiten Ebene, auf der das Recht des Stärkeren zur Geltung kam. Die Notwendigkeit von größeren Sozialgebilden, die sich im Gefolge der Einführung der Landwirtschaft vor 10 000 Jahren stellte, gab der Gewalt einen fixen Platz in der Gesellschaft. Ein Kriegerstand wurde geschaffen, der die Wirtschaft vor Plünderungen schützen musste und das eigene Territorium vor Eindringlingen sichern sollte. Während die Bauern die Nahrungsmittel produzierten, bekämpften sich die Krieger, oder wie sie im Mittelalter benannt wurden, die Ritter. Mit der Weiterentwicklung der Gesellschaft wurde die Gewaltanwendung zunehmend zum Monopol für die Staatsmacht. Kriege im Inneren sollten mit dieser Macht unterbunden werden, während für die Kriege gegen die anderen Staaten Armeen gebildet wurden. Auf diesem Stand befindet sich das internationale Staatswesen im Wesentlichen bis heute, weil es noch immer keine Weltmacht gibt, die ein Gewaltmonopol über die Einzelstaaten hat. 

Die Entwicklung der Kultur und des Bewusstseins ging dennoch weiter und führte über die materialistische und personalistische Stufe zum systemischen Denken im 20. Jahrhundert, in dem der Pazifismus verortet werden kann. Es ist die Ebene, auf der wir genau wissen, wie wir die Gewalt eindämmen und dauerhaften Frieden stiften können. Es ist die Ebene, von der aus wir verstehen, dass Gewalt und das damit zusammenhängende Konzept des Rechts des Stärkeren für die Weiterentwicklung der Menschlichkeit ungeeignet ist, dass vielmehr das Eingrenzen der Gewalttendenzen in den Menschen und Gesellschaftsgruppen notwendig ist, um Sicherheit und Vertrauen zu vertiefen. Beim Projekt der Vermenschlichung der Menschheit geht es darum, dass Wege und Methoden der Gewaltfreiheit angewendet werden, getragen von gegenseitigem Respekt und von Gleichrangigkeit. Insofern kann es keine Krise des Pazifismus geben. Vielmehr zeigen die aktuellen Geschehnisse, wie unverzichtbar es ist, die Fackel des Friedens hochzuhalten. Das Ausmaß an Zerstörung zeigt, wohin wir gelangen, wenn wir unter das Niveau der Friedfertigkeit zurückfallen. 

Die Sackgasse der Gewalt 

Jede Gewaltaktion verbraucht übermäßig viel Energien und Ressourcen, die dann irgendwann ausgehen. Jeder Krieg belastet die Wirtschaft des eigenen Landes und trägt nichts zu ihrer Weiterentwicklung bei. Jeder Krieg mindert den Wohlstand und erzeugt Armut und Elend. Kriege gehen üblicherweise erst dann zu Ende, wenn die Kräfte zum Kriegführen erschöpft sind. Der dreißigjährige Krieg endete, weil ganze Landstriche in Mitteleuropa entvölkert waren. Es konnten keine neuen Soldaten rekrutiert werden und die kämpfenden Truppen hatten nichts mehr zu essen. Der erste Weltkrieg endete, als bei den Mittelmächten Hungersnöte ausbrachen und die Soldaten keine Schuhe mehr hatten. Der zweite Weltkrieg endete, nachdem die Städte in Deutschland und Österreich in Schutt und Asche lagen.  

Gewalt löst keine Konflikte, sondern verstärkt und vertieft sie und erschwert jede Konfliktlösung. Wir hören jeden Tag, wie stark die Verbitterung und der Hass in der ukrainischen Bevölkerung auf die Russen wächst, auch bei Menschen, die selber russische Wurzeln haben oder die nie etwas gegen ihre Nachbarn hatten. Die zerstörte Infrastruktur, Schulen, Spitäler, Kindergärten bilden Wunden, über das ganze Land verstreut, die es immer schwieriger machen, den Verursachern in die Augen zu schauen und deren verborgenes Leid zu sehen. Alles klagt an: Die Leichen der gefolterten Zivilisten, die Menschen, die entführt werden, die Wohnhäuser in Trümmern, die Granatentrichter, die Kühlschränke und Fernseher, die geplündert und weggeführt werden. Diese millionenfachen Anklagen bleiben so lange bestehen, bis sie von den Schuldigen eingestanden werden und gerechte Strafen verhängt sind, also vielleicht bis in alle Ewigkeit, jedenfalls, soweit kein Tatausgleich geschieht, bis in die nächsten drei Generationen. 

Seit es Gewalt gibt, wissen wir, dass sie alles schlimmer macht. Dennoch wird gegen jede Erfahrung und gegen jedes bessere Wissen immer wieder auf Gewalt zurückgegriffen. Entweder erhofft man sich durch einen Überraschungsangriff einen schnellen Gewinn, denkt sich, stärker zu sein und damit erfolgreich sein zu müssen, oder meint, dass es kein anderes Mittel mehr gibt, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Wir denken z.B. an jenen US-General im Vietnamkrieg, der verkündete, das gepeinigte Land in die Steinzeit zurück zu bombardieren, um endlich den hartnäckigen Widerstand gegen die überlegene Militärmacht zu brechen. In vielen Fällen enden Kriege mit einer Demütigung der Anstifter und Angreifer, so die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, der Vietnamkrieg oder die Balkankriege vor dreißig Jahren.  

Niemals bewirkten Kriege dauerhafte und nachhaltige Friedensregelungen. Zwar konnte nach dem dreißigjährigen Krieg eine neue Staatsordnung eingeführt werden, die von einiger Dauer war; auch kam es nach dem zweiten Weltkrieg zur Gründung der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft. Aber diese Errungenschaften waren nicht den vorangegangenen Kriegen geschuldet, sondern besonnenen Politikern und vernünftigen Menschen aus der Zivilgesellschaft, vor dem Hintergrund der großen Mehrheit an Menschen, die unter den Kriegen leiden mussten und sich nichts mehr wünschten als dauerhaften Frieden. 

Der ewig gültige Pazifismus 

Wir wissen allerdings auch: Der Pazifismus lebt, solange es Menschen gibt. Es ist dieses Vermächtnis, dem die Schrift von Immanuel Kant über den ewigen Frieden gewidmet ist. Die Sehnsucht der Menschen nach Frieden setzt sich immer langfristig durch, so wie im Spruch von Lao Tzu das Weiche das Harte besiegt. Die Kraft der Menschlichkeit ist, von weiter oben betrachtet, stärker als die der Unmenschlichkeit. Denn die Gewaltneigung kommt aus der Einengung der menschlichen Möglichkeiten, aus einer ausweglosen Not, aus Angst und Verzweiflung. Das ist ihre Schwäche und ihre Aussichtslosigkeit. Sie verfügt über keine Ideen und Energien für die Verbesserung der Welt, nicht einmal für den Wiederaufbau dessen, was sie zerstört hat. Sie bleibt ratlos auf den Trümmern sitzen, die sie angerichtet hat.  

Die Friedenssehnsucht ist stärker als die kurzfristigen und trügerischen Hoffnungen, die von der Gewalt angestachelt werden. Sie speist sich aus dem Drang nach Weiterentwicklung und Wachstum, aus allen Quellen der Kreativität und der Kooperation. Wenn die Kräfte der Zerstörung verpufft sind und die Leichenberge zum Himmel stinken, gehen die Blicke zu den Tauben, die durch die Luft gleiten, als wäre nichts geschehen. Sie künden den Frieden, der uns allen zusteht und für den wir uns immer wieder einsetzen sollten. Es ist der Frieden, den wir alle wollen, selbst die Kriegstreiber. 

Kriegerische Krisenzeiten sind keine Krisenzeiten des Pazifismus. Im Gegenteil, sie zeigen uns, wie notwendig der Pazifismus ist und wie wichtig es ist, beständig an seiner Vertiefung und Erweiterung zu arbeiten.

Zum Weiterlesen:
Friede ist nicht das Gegenteil des Krieges
Der Friede ist ein Grundbedürfnis
Der Kraft der Zerstörung
Aufrüstung als Folge der Ukraine-Invasion
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine

Sonntag, 3. Januar 2021

Der Friede ist ein Grundbedürfnis

Dieser Tage haben wir uns gegenseitig oft alles Gute gewunschen. Jeder versteht offensichtlich etwas anderes darunter, aber gibt es vielleicht ein gemeinsames Gutes, das alle Menschen teilen?

Beim Schlussbild von Aufstellungen (Themen- oder Familienaufstellungen), bei gelungenen therapeutischen oder freundschaftlichen Gesprächen und bei anderen Formen von erfolgreichen Veränderungsprozessen im inneren und zwischenmenschlichen Bereich zeigt sich ein eigentümliches Phänomen: Es tritt eine Erleichterung und ein Gefühl von Stimmigkeit ein – so ist es richtig, so soll es sein. Es ist, als ob eine helle Wesenheit in den Raum getreten wäre, die die ganze Atmosphäre in ein neues Licht taucht, das sich gut und wahr anfühlt. Alle, die im Raum sind, teilen diese Empfindung und fühlen sich erleichtert.

Eine Parallele finden wir auf der gesellschaftlichen Ebene, wenn wir auf die allgemeinen Menschenrechte schauen, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und bei der französischen Revolution proklamiert und von der UNO für die Menschheit 1949 beschlossen wurden. Es sind Rechte, die allen Menschen zugesprochen und zugebilligt werden, die ihnen also für ihr Menschsein, unbesehen von irgendwelchen anderen Merkmalen oder Leistungen, zukommen. Auch hier können wir nicht anders, als einfach einmal zuzustimmen: Ja, alle Menschen sind gleich, alle Menschen sind frei. Vielleicht haben wir da und dort Vorbehalte und Zweifel, die Details anbetreffen, aber die grundlegenden Gedanken können wir nicht ableugnen.

Gibt es also etwas, worauf sich alle Menschen einigen können, weil sie erkennen, dass das, und genau das, das Menschliche ist? Gibt es also etwas, das wir uns als Menschen teilen und das wir alle für gut und wahr halten? Gibt es etwas, woran wir nicht zweifeln und das uns intuitiv von seiner Richtigkeit überzeugt?

Bio-psychologische Gemeinsamkeiten

Was uns als Menschen verbindet, ist die gemeinsame Erbinformation, die zur Ausbildung von bio-psychischen Grundstrukturen führt, aus denen bestimmte Grundbedürfnisse hervorgehen (Ernährung, Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit, Wertschätzung …). Diese Bedürfnisstruktur ist kulturell invariant, es gibt sie also überall in der Menschenwelt. Die Achtung und Förderung dieser Bedürfnisse vor allem in der Kindheit und in der Ausbildung führt dazu, dass sich Menschen in guter Weise entwickeln können und zu guten Menschen werden. Die Missachtung oder Vernachlässigung dieser Bedürfnisse hat Störungen und Fehlanpassungen zur Folge, sodass Menschen dadurch in ihrer Menschlichkeit geschädigt werden und in der Folge zu asozialem Verhalten tendieren.

Ordnungsprinzipien der Gemeinschaft

Über die Grundbedürfnisse hinaus und in enger Verbindung zu ihnen gibt es weiters Grundstrukturen in der sozialen Verfasstheit menschlicher Gemeinschaften. Menschen sind von ihren Anfängen an Gemeinschaftswesen, die nur in und mit Bezugsgruppen überlebensfähig sind. Werden die Grundprinzipien des Zusammenlebens respektiert und bestärkt, so entwickeln sich tragfähige und flexible Gemeinschaften mit einem fließenden Gleichgewicht zwischen Autonomie und Gruppenloyalität. Werden diese Grundlagen missachtet, so entstehen dysfunktionale Gruppen, meist mit hohem Aggressionspotenzial oder mit depressiven Einstellungen.

Solche Grundstrukturen sind u.a. die Reihung der Generationen (die Älteren unterstützen die Jüngeren, damit die Jüngeren ein neues Leben aufbauen), die Gleichordnung der Geschlechter (Mann und Frau sind als Menschen gleichviel wert und geben ergänzend Unterschiedliches in die Gemeinsamkeit ein) und die Ebenbürtigkeit von Geschwistern (trotz der altersgemäßen Ordnung). Bert Hellinger, den ich als bedeutenden Erforscher dieser Strukturen schätze, hat von den „Ordnungen der Liebe“ gesprochen. Damit ist gemeint, dass die Liebe, die so etwas wie ein universales Lebensmittel in allen menschlichen Belangen darstellt, nur im Rahmen einer richtigen, also den Grundlagen menschlichen Zusammenlebens entsprechenden Ordnung wirken kann.

Die Soziologen argwöhnen gerne, wenn solche Grundstrukturen (anthropologische Konstanten) vertreten werden, dass damit Herrschaftsstrukturen, die sich geschichtlich entwickelt haben, als „naturnotwendig“ gerechtfertigt werden sollen. Diese kritische Haltung ist wichtig, und die Unterschiede der Ebenen sollten nicht vermischt werden. Allerdings leuchtet auch ein, dass der Mensch nicht ein durch und durch von der Menschheitsgeschichte erzeugtes Produkt sein kann. Sonst hätten die unterschiedlichen Kulturentwicklungen auch unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnisstrukturen hervorgebracht. Vielmehr wirken die anthropologischen Grundstrukturen auf die Geschichte und Kulturentwicklung ein und bilden auch deren Grundlage. Verwegen behauptet, kommt die Psychologie historisch und auch logisch vor der Geschichte.

Gewalt und Friede

Nehmen wir als Beispiel für eine menschliche Grundverfasstheit das Streben nach Frieden. Ich verstehe hier vereinfacht Friede als Abwesenheit von Gewalt. Unter Gewalt verstehe ich die Durchsetzung eigener Interessen mittels überlegener Macht ohne Rücksicht auf Schwächere. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, dass sich der überwiegende Großteil der Menschen Frieden wünscht, vor allem jene, die unter alltäglicher Gewalt zu leiden haben. Aber auch wir in unseren weitgehend abgesicherten Breiten wünschen uns ganz dringlich die Erhaltung und Vertiefung des Friedens und sicher nicht ein Anwachsen von Gewalt. Und selbst die Mächtigen, die

Ist es also ein Grundanliegen der Menschen, ihr Zusammenleben friedlich zu gestalten, oder ist der Friede nur eine begrenzte Phase zwischen Kriegen, die notwendig sind, um die Angelegenheiten der Menschen zu regeln? Die Geschichte scheint der letzteren Auffassung recht zu geben. Kriege hat es möglicherweise zu allen Zeiten gegeben, und die Zukunftsaussichten sind nicht gerade rosig, wenn wir die gegenwärtige Situation betrachten. Zwar hat es nach den überraschenden Befunden der Wissenschaft im Lauf der Menschheitsgeschichte einen signifikanten Rückgang von Gewalttaten gegeben (vgl. Steven Pinker, Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit. Fischer 2013), aber das Leiden, das durch Gewalt auf der Welt herbeigeführt wird, ist noch immer viel zu hoch.

Der Maßstab der Menschlichkeit

Viel zu hoch nach welchem Maßstab? Nach dem Maßstab der Menschlichkeit, der besagt, dass Gewalt in jeder Form der Menschlichkeit widerspricht. Gewalt ist allerhöchstens eine Notfallreaktion, zu der Menschen fähig sind und die auch zur Grundausstattung dazugehört. Teil der Grundstruktur ist aber auch die Kompetenz, Gewalt zu kontrollieren und zu reduzieren, und eine wichtige Aufgabe der Kulturentwicklung liegt darin, die Gewaltursachen (im wesentlichen Ungleichheit und Ungerechtigkeit, also Widersprüche gegen die allgemeinen Menschenrechte) zu beseitigen. Der Imperativ, Gewalt einzudämmen, stammt aus dem Grundrepertoire des Menschlichen, und das Gefühl der Scham, das jede Gewaltausübung unweigerlich begleitet, um auf dessen Unmenschlichkeit hinzuweisen, ebenfalls.

Gewalt ist zwar eine der vielen menschlichen Möglichkeiten, und möglicherweise gibt es auf dem Planeten keine andere Spezies, die so grausam sein kann wie die Menschen, aber sie ist für Notfälle vorgesehen und deshalb immer eine Notfallsreaktion. Die eigentliche Aufgabe der Kulturentwicklung liegt darin, die Anlässe für Notfälle so weit zu reduzieren, dass Gewalt nicht mehr angewendet werden muss. Dazu gehört ganz vordringlich die Absicherung der emotionalen Grundlagen für die Entwicklung von Friedfertigkeit in der Kindheit und im Schulsystem.

Gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und Kommunikation nehmen den größten Teil des sozialen Raumes ein, weil sie dem Wollen der Menschen und ihren Grundbedürfnissen entsprechen, während ihr Gegenteil, mit Scham behaftet, nicht gewollt ist, sondern aus unbewussten Antrieben heraus immer wieder geschieht. Unserem bewussten Wollen entspricht, dass sie mehr und mehr verschwinden soll. Dazu bedarf es allerdings großer Anstrengungen zur Einsetzung und Durchsetzung der Menschenrechte und des globalen sozialen Ausgleichs.

Eine Hoffnung besteht auch darin, dass mit dem Schwinden der Gewalt und gewaltvoller Kommunikationsformen und Konfliktlösung die Gewalt, die die Menschheit auf die eigenen natürlichen Lebensgrundlagen ausübt, zurückgeht. Je mehr die gegenseitige Achtung, begleitet von einer Ächtung von Gewalt, in zwischenmenschlichen Bereichen von familialen Beziehungen bis in die Weltpolitik Einzug hält, je mehr das Wollen des Guten die Handlungen der Menschen, der mächtigen und der weniger mächtigen, bestimmt, desto mehr Friede tritt ein, zum Wohle aller, selbst der Pflanzen, Tiere und der anderen Naturwesen.

Die Bewegungsrichtung von der Gewalt zum Frieden ist nicht eine, die wir willkürlich wählen müssen und für die wir Entscheidungsgrundlagen und Argumente brauchen. Sie ist das, was wir als Menschen brauchen und deshalb aus tiefstem Grund wollen. Gewalt, wo immer sie auftritt, wollen wir überwinden und zurück zum Frieden kommen. Blauäugig oder naiv sind wir dort, wo wir glauben, dass Appelle an die Menschlichkeit genügen, um den Frieden zu mehren. Wir müssen alles daran setzen, die Quellen von Gewalt trockenzulegen, und das erfordert viel Arbeit und Einsatz. Aber es lohnt sich.

Zum Weiterlesen:

Der Gutmensch und das Gute im Menschen

Das Gute und das Böse

Tiefe, eine Dimension des Menschlichen

Der Bösewicht in uns 


Dienstag, 17. November 2015

Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?

Hieronymus Bosch, Garten der Lüste
In diesen Tagen nehmen Politiker immer wieder das Wort Krieg in den Mund. Sie wollen damit die Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, alle Kräfte und Mittel zu konzentrieren, um das zu vernichten, was den Menschen Angst macht und sie bedroht.

Abgesehen von der Frage, ob und in welchem Sinn Krieg geführt werden kann gegen einen Gegner, der unbekannt ist (“Wir erklären Unbekannt den Krieg”), ist es besorgniserregend, mit welcher Leichtfertigkeit ein schwerer und beladener Begriff ausgesprochen wird. Denn damit wird ein Zustand proklamiert, der die Unmenschlichkeit zur Norm erhebt.

Seit dem 2. Golfkrieg 1991 hat das Kriegführen und seine Darstellung eine neue Dimension erhalten, mit bemerkenswerten Parallelen zu Computerspielen, die um die gleiche Zeit die Leidenschaften der Spieler erobert haben. Eine quasi chirurgische Form der Kriegsführung wurde vorgespiegelt, sauber und klinisch wird das Böse aus dem Guten ausgesondert und vernichtet. Ähnlich versucht heutzutage die russische Propaganda der eigenen Öffentlichkeit das Eingreifen in Syrien schmackhaft zu machen: Als Geschicklichkeitsübungen von Bomberpiloten, die wie beim Videospielen das Knöpfendrücken beherrschen und Rauchwolken in der Wirklichkeit erzeugen, die von hoch oben beobachtet nur zerstörte Objekte und keine getöteten Menschen zeigen.

Krieg ist immer mehr, als uns die Propaganda vorgaukeln will. Krieg bedeutet das Außerkraftsetzen der Ordnungsgefüge, die das Zusammenleben der menschlichen Gemeinschaft im Normalzustand ermöglichen. Krieg ist der maximale Stresszustand, wie er in einem Individuum wirksam sein kann, übertragen auf die gesamte Gesellschaft. Damit werden praktisch alle Individuen in einen Notzustand versetzt, der ihr normales Funktionieren unterbinden soll. Damit Menschen Menschen umbringen können, müssen sie in einen Ausnahmezustand versetzt werden, in dem nicht, wie manchmal behauptet, ihre "tierische" Natur freigesetzt wird, sondern in dem sie ihr Überlebensprogramm allen anderen Zusammenhängen überordnen. Das heißt, man muss sie maximal in Angst versetzen, und dann, nach dem Motto: "Alles auf mein Kommando, vorwärts Marsch!" kann dann in den Krieg marschiert werden.

Das Überlebensprogramm kennt keine Rücksichtnahme, kein Mitgefühl, keine zwischenmenschliche Verbindung. Es hat keine Weitsicht und keine Zukunftsperspektive. Es will nur eines: im Moment überleben und zu dem Zweck alles vernichten, was die eigene Existenz bedroht oder bedrohen könnte. Es reagiert schnell und ohne Nachdenken, wie ein lebloser Apparat. (Vermutlich haben sich die Menschen, als sie die ersten Maschinen erfunden haben, den inneren Kriegszustand als Vorbild genommen).

Jeder Krieg zieht eine Schneise der Dehumanisierung durch die betroffene Gesellschaft und durch deren Mitglieder. Manche überleben den Krieg ohne körperlichen Schaden, keiner kann ihn ohne seelischen Schaden und innere Verkrüppelung überstehen. Manche verbluten, andere tragen die Blutspur im Herzen und in der Seele.

Alleine schon das Einschwören auf den inneren Notzustand mobilisiert alle alten Traumatisierungen, zu denen unweigerlich neue dazu treten, die neben ihrer Eigenwirkung zusätzlich die alten Verwundungen vertiefen und verfestigen. Erst recht, wenn zur Einstellung Taten kommen, Gewaltaktionen, die aktiv oder passiv erfahren werden, zerbricht das innere Gerüst. Nach jedem starken Schock braucht es Stunden, dass sich unser Nervensystem erholen kann. Krieg bedeutet eine Abfolge von Schocks, wie manche syrische Flüchtlinge berichten: Jede Nacht Granateneinschläge, Schock auf Schock, und keine Zeit zur Erholung.

Deshalb ist es für die Gemeinschaft und die Individuen langwierig und mühsam, nach dem offiziellen Ende eines Krieges wieder zu einem Normalzustand zurückzufinden. Wenn diese Traumatisierungen nicht innerlich aufgearbeitet werden, gehen sie auf die nachfolgenden Generationen über und belasten diese. Wir, die Kinder der Nach-Zweiter-Weltkriegszeit tragen an den Verwüstungen dieses Krieges. Wir haben aber auch die Chance, die Kette zu unterbrechen, indem wir uns den seelischen Trümmern (Bettina Alberti) stellen und sie aufräumen.

Dann haben wir die Entschlossenheit und Kraft, gegen jede Form von Gewalt aufzutreten und für den Frieden einzutreten. Gewalt liegt in der Wahl der Worte, deshalb müssen wir auch benennen, wenn Worte missbraucht werden, um Ängste zu kanalisieren. Auch wenn manche Herausgeber auf ihre Titelseite „3. WELTKRIEG“ (Deutsches Handelsblatt vom 16.11.) kleschen, müssen wir nicht mitheulen. Wir müssen uns nicht ängstigen, auch wenn Medien und Politiker Ängste schüren wollen, sondern können unseren Mut aufbieten, um gegen jede Form der Kriegspropaganda aufzutreten.

Wir, die Zivilgesellschaft und die politische Verwaltung, haben die Pflicht und die Aufgabe, uns und unsere Mitmenschen vor Verbrechen jeder Art zu schützen. Doch dazu braucht es keinen Krieg. Vor 14 Jahren haben die USA versucht, das Terrorismusproblem mit einem Krieg gegen Afghanistan zu lösen – das Land ist seither im Krieg und destabilisiert; das gleiche haben sie vor 12 Jahren im Irak begonnen, mit ähnlich nachhaltig desaströsen Ergebnissen. Deshalb haben wir, die Zivilgesellschaft und die politische Verwaltung, auch die Pflicht, die Welt vor unverantwortlich ausgerufenen Kriegen zu schützen.

"Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen. Beide sind gleichermaßen unmoralisch." (Peter Ustinov)


Zum Weiterlesen:
Der Terrorismus und unser Kopf

Sonntag, 16. Februar 2014

Friede ist nicht das Gegenteil des Krieges

Friede ist immer da, ob jetzt alles ruhig ist oder ob Kriege toben. Unfriede ist, wenn wir den Frieden nicht wahrnehmen können. Weil wir so wenig Zugang zu dem Frieden in uns haben, leben wir immer noch mit der Realität des Unfriedens. Das Leben ist nicht aus einem „Daseinskampf“ entstanden, sondern aus seiner inneren Kreativität, die es ihm ermöglicht hat, trotz Zerstörungen und Vernichtungen weiter zu wachsen.

Als Immanuel Kant seine Schrift vom Ewigen Frieden veröffentlichte, hatte er wohl eine Verfasstheit des Gemeinwesens und der Weltgesellschaft im Auge, in der Kriege ein für alle Mal unterbunden werden können, mit dem utopischen Ziel, Bedingungen für eine Ordnung zu entwerfen, innerhalb derer keine Kriege stattfinden können. In dieser Tradition habe ich auch in meinem Buch die Etablierung einer Weltregierung mit Gewaltmonopol als Bedingung der Möglichkeit für die Verunmöglichung von Kriegen vorgeschlagen und eingefordert.

Eine erweiterte Sichtweise auf dieses Thema, die uns vor allem auf der Ebene des holistischen Bewusstseins zugänglich wird, beruht darauf, dass der Friede primär eine innere Verfasstheit ist, die wir kultivieren können, gleich wie die äußeren Bedingungen gerade beschaffen sind.

Wir müssen den inneren Frieden einüben, weil er vielen Gewohnheiten widerspricht, die uns vertraut sind und unser Leben regieren, Verhaltens-, Gefühls- und Denkgewohnheiten. Die Übung gelingt leichter, wenn wir nicht mitten im Getümmel sind. Wir müssen erst die Zugänge öffnen, die uns zu dieser Erfahrung des inneren Friedens führen, sodass wir dann wahrnehmen können, dass Kriege immer nur an einer Oberfläche stattfinden.

Dennoch: Kriege sind uns vertraut: in Form von Beziehungsstreitigkeiten und als Kämpfe in uns selber – damit findet fortwährend das Einüben in die Gewaltbereitschaft statt. So lernen wir, das Gewaltsame für selbstverständlich zu nehmen, und so verlernen wir, den Frieden als die Grundlage des Lebens zu erkennen. Wir halten eine latente Kampfbereitschaft und Kriegserwartung in uns aufrecht, und schon zählen wir zu denen, die schnell bereit wären, hinzugehen, wenn Krieg ist. Deshalb finden sich immer wieder Menschen, die hingehen, wenn Krieg ist.

Natürlich haben die großen Kriege komplexe politische und soziale Hintergründe. Aber diese Bedingungen münden nur dann in Kriege, wenn zu wenig Menschen da sind (oder an der Macht sind), die um die Möglichkeiten des Friedens Bescheid wissen, und wenn genügend gewaltbereite Menschen bereitstehen, die Brandreden halten, Leute aufhetzen, Waffen produzieren und verteilen und schließlich die Armeen in Marsch setzen.

Natürlich trägt die Einsicht in die innere Kraft des Friedens unmittelbar nichts dazu bei, dass die Kriege, die an den Konfliktherden dieser Erde toben, endlich zu Ende kommen. Dazu braucht es die Auflösung der politischen und sozialen Spannungen und die Herstellung von mehr Gleichheit unter den Menschen in Bezug auf ihre Lebenschancen.

Weil wir so an die Existenz von Kriegen gewohnt sind, belächeln wir gerne die Friedensoptimisten und zeihen sie der Naivität. Nur, wer die Komplexität der Verhältnisse nicht durchschaut und die Menschen nicht kennt, käme auf solche Ideen. Doch denk ich, dass dieser Vorwurf aus der Perspektive einer deformierten anthropologischen Sichtweise stammt. Der Mensch wird reduziert auf eine Aggressionsmaschine. Die Notfallprogramme, über die wir als Menschen verfügen, werden mit unserem Wesen gleichgesetzt. „Eigentlich“ wären wir auf Aggression und Gewaltausübung eingestellt, doch haben uns Gesellschaft und Kultur mit aller Mühe (und Gewalt!) dazu gebracht, unsere zerstörerischen Impulse zu zähmen und uns brav den Regeln des Zusammenlebens unterzuordnen. Kaum würden diese Regeln aufgehoben, käme sogleich wieder die Bestie Mensch zum Vorschein, die mit aller Lust, alles niedermacht, was sich ihr entgegenstellt. So denken die Friedenspessimisten.

Für unser Überleben als Menschheit haben wir beides benötigt: Die Friedensbereitschaft und die Kriegsbereitschaft. Für diese Zwecke sind wir auf der Ebene des vegetativen Nervensystems mit vagalen und mit sympathischen Systemen ausgestattet, dafür haben wir ein präfrontales Großhirn mit seiner Empathiefähigkeit und die Muskelkraft fürs Kämpfen.

Doch haben wir inzwischen eine Welt erschaffen mit einem so großen Maß an Sicherheit des Überlebens, dass wir die individuelle Gewaltbereitschaft weit herunterfahren und in den Hintergrund verlegen können. Das bedarf der Übung und des Umlernens, der Reprogrammierung. Was wir in der Psychotherapie, in Selbsterfahrungsgruppen, Entspannungstrainings und Meditation üben, ist die Fähigkeit, unsere Angstprogramme, die uns in Gewaltbereitschaft versetzen, zu entwaffnen. Dabei führt kein Weg daran herum, dass wir auch unsere aggressiven Impulse kennenlernen, um sie in ihrer Destruktivität verstehen zu können.

Ohne dieses Üben, das Mut, Konsequenz und Disziplin verlangt, wird es auch nicht gehen, dass die großen und kleinen Kriege vom Antlitz dieser Erde getilgt werden. Und jeder Schritt des Trainings in Gewaltfreiheit lohnt sich, weil er uns selber und den Menschen um uns herum das Vertrauen in den Frieden und seine Kraft wiedergewinnen lässt.

Für diese Aufgabe kann uns bestärken, wenn wir immer wieder in die Bereiche in uns vorstoßen, in denen der ewige Friede herrscht, bis er uns so vertraut ist, dass es dazu keine Alternative mehr gibt.



Vgl. Im Unfrieden im Frieden sein
Vgl. Friede und Aktivität

Sonntag, 4. März 2012

Innerer Friede und Aktivität

Ein gängiges Bild des Menschen, der am Ende des Weges zu sich selbst angekommen ist, ist der Weise in der Höhle, ein bedürfnisloser Asket, der versunken in sich lebt und eine tiefe Gelöstheit und Friedlichkeit auf alle ausstrahlt, die ihm nahekommen. Er hat sich aus der Welt der Geschäftigkeit zurückgezogen und gibt denen, die zu ihm kommen, seinen Segen mit auf den Rückweg. 

Wie seine Lebensweise, ist sein Beitrag zur Welt scheinbar bescheiden. Dennoch inspirieren solche Heilige viele Menschen, auch den Weg nach Innen zur Weisheit und Abgeklärtheit zu gehen. 

Nicht für alle ist diese Form der Heiligkeit die Bestimmung. Vielleicht trägt jeder Mensch ein eigenes, individuelles Potenzial der Verwirklichung und des Weges dorthin in sich. Wenn wir der Kraft der Bewusstseinsevolution vertrauen, führt der Weg für jeden Menschen und für alle Kulturen dazu, mehr und mehr Ängste aufzulösen, damit frei zu werden und den Frieden zu finden. Wie weit dieser Weg beschritten werden kann, welche Ziele erreicht und welche offen bleiben, liegt offen in der unvorhersehbaren Zukunft. 

Klar ist nur die Richtung, selbst dann, wenn wir selber das Gefühl haben, sie stimmt nicht, selbst wenn wir meinen, wir fallen zurück auf alte Muster oder verirren uns in seltsame Gewohnheiten und reaktive Verhaltensweisen. Alles, was uns auffällt an unserem Leben, trägt zur Bewusstheit bei, gleich ob das, was uns auffällt, uns passt oder peinlich ist. Wir können nicht nicht bewusster werden. 

Nur spielt uns häufig unser Ego einen Streich, indem es uns ein schlechtes Gewissen einredet. Als Meister der Illusionen und der Vernebelung mischt es sich in unsere Beziehung zu unserer inneren Klarheit mit seinem vorlauten Getue und seinen wichtigtuerischen Gedanken ein. Dann zweifeln wir am Weg und an der Befreiung und merken nicht, dass wir schon wieder einen Schritt weiter sind. 

Ein beliebter Trick, den das Ego virtuos ausspielen kann, ist der Vergleich mit anderen. Wir schauen auf zu Menschen, die „schon so weit“ sind, und herab auf andere, die „erst irgendwo am Anfang“ herumkrebsen. Dabei übersehen wir, dass jeder Mensch seinen ganz eigenen Weg zu gehen hat und auch geht, weil ihm gar nichts anderes übrig bleibt. Wir können andere Menschen und das, was sie sind, als Inspiration nehmen, aber sollten uns hüten, sie als Kopiervorlage zu missbrauchen. Jeder soll nach seiner Façon selig werden, sagte schon Friedrich von Preußen. Jeder kann nur nach seiner Façon selig oder heilig werden, aus seinem Leben heraus, mit den Hintergründen und Beladenheiten, mit den Begabungen und Vorzügen. 

Für denen einen führt der Weg in den Rückzug, für den anderen ins volle Leben. Jede Art und Weise, im äußeren Unfrieden den inneren Frieden zu finden, ist wunderbar und verdient Repekt. Wir brauchen all diese Formen, um als (Welt-)Gesellschaft und Kultur gesunden und reifen zu können. Wir brauchen Menschen mit mehr Gelassenheit und innerer Friedfertigkeit, weil sie die klarsten Motive mitbringen, am kreativsten handeln können und am fähigsten zur Empathie sind. Je mehr friedfertige Menschen auf dieser Welt unterwegs und in ihrer jeweiligen Eigenart aktiv sind, desto mehr wird sich die Menschheit hin zum Frieden entwickeln. 

Sai Baba sagte neulich in einem Interview: „Die Menschheit ist dabei, ihr Bewusstsein zu erhöhen, wie niemals zuvor.“
Frage: „Jedoch wie! Kannst du die Dunkelheit denn nicht sehen?“
„Ja, ich sehe sie, allerdings identifiziere ich mich nicht mit ihr. Ich habe deswegen keine Angst. Wie kann ich die Dunkelheit fürchten, wenn ich solch ein klares Licht sehe? Natürlich habe ich Verständnis für jene, die ängstlich sind, denn ich war auch mal in der Situation, wo ich nur das Böse wahrnehmen konnte. Deswegen empfinde ich Liebe für all dies. (...)“  
Frage: „Doch … wie kannst du dies behaupten, wenn immer mehr Böses auf der Welt geschieht?"
„Es geschieht nicht mehr Böses… es geschieht „mehr Licht“, und dies möchte ich durch diese Botschaft ausdrücken. Stell dir vor, du hast einen Lagerraum, wo du seit Jahren deine Sachen lagerst und dieser ist mit einer 40-Watt-Birne beleuchtet. Wechsle diese Birne in eine 100-Watt Lampe, und du wirst sehen, was geschieht. Du wirst das Schlamassel und den Dreck sehen, wovon du nicht dachtest, dass er existiert. Der Dreck wird klarer wahrgenommen. ... Du solltest deinen Lagerraum in Ordnung bringen, denn du empfängst täglich mehr Licht für dein Bewusstsein, und auch wenn du es vermeiden möchtest, wirst du anfangen müssen, an diesem Projekt zu arbeiten und den Säuberungsprozess einzuleiten oder dich entscheiden, mitten im Dreck zu leben.“

Im Unfrieden im Frieden sein

Wo herrscht Frieden auf dieser Welt? Schlagen wir eine Zeitung auf, schalten wir den Fernseher oder das Radio ein, werden uns die Megakonflikte präsentiert, von denen viele Jahr und Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dahinschwelen. Und wir wissen, dass uns nur eine kleine Auswahl an Unfriedlichkeiten vorgeführt wird und dass es neben den „offiziellen“, CNN-fähigen Weltthemen viele mehr gibt, die es mangels Lobbying nicht in die Schlagzeilen schaffen.

Das ist die große Welt der Unfriedlichkeiten; dann gibt es unsere kleinere Welt , die verschiedenen Lebensbereiche, in denen wir uns bewegen, in denen es immer wieder Streit, Missgunst, Hass usw. gibt. Manchmal scheint ein Beziehungsfeld im Frieden, und schon bricht anderswo ein Streit aus, und wenn sich in einem Moment alles harmonisch und ruhig anfühlt, kann im nächsten etwas explodieren, das das Ganze durcheinander wirbelt.

Nicht viel anders zeigt sich unser Inneres. Mal fühlen wir uns wohl und im Einklang mit uns selber, dann fängt eine Auseinandersetzung in uns an, wir verspannen uns oder leiden körperlich oder emotional. Wir hadern mit einem Körperteil, der uns schmerzt, mit einem Gedanken, der uns plagt, mit Plänen, die wir nicht umsetzen und mit Bedürfnissen, die ungestillt bleiben.

In solchen Erfahrungen können wir erkennen, dass all diese Unfriedlichkeiten zusammenhängen und sich gegenseitig hochschaukeln. Jede innere Unpässlichkeit hat die Tendenz, sich als Belastung für Beziehungen auszudrücken, angespannte Beziehungen können sich störend auf größere Beziehungsnetze auswirken, die dann wiederum auf Mentalitäten und Kulturmuster Einfluss nehmen. So hängt vieles mit vielem, wenn nicht gar alles mit allem zusammen. 

Wie können wir im Frieden sein bei so viel Unfrieden? Ist das überhaupt sinnvoll? Sollten wir uns nicht permanent aufregen über all das Unrecht und die Grausamkeiten? Ist es nicht bloße Heuchelei und Vogelstraußverhalten, wenn wir den inneren Frieden suchen, während die Welt im Chaos versinkt? Was soll das für ein Friede sind, in einem Elfenbeinturm oder Wolkenkuckucksheim, auf einer illusionären Insel der Seligen? Wie können nach Auschwitz noch Gedichte geschrieben werden, fragte Theodor W. Adorno.

Erst wenn überall Friede herrscht, kann es Frieden im Einzelnen geben, so die Position der Skeptiker. Nochmals Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Allerdings, wenn es erst etwas Richtiges gibt, wenn es überhaupt nichts Falsches mehr gibt, können wir lange auf das Richtige warten. Wenn es erst Frieden geben kann, sobald aller Unfriede beseitigt ist, verrennen wir uns in eine fixe Idee. Wir warten auf einen absoluten Frieden, auf eine durch und durch heile Welt. Wir tun so, als wäre das möglich, wenn auch weit, weit in der Zukunft. Und als wäre vorher nichts möglich.

Doch der absolute Friede ist eine Geburt unseres Denkvermögens, die wir nicht zu einem Ding machen dürfen, das es irgendwann einmal zu bestaunen geben wird. Vielmehr genügt es, diesen absoluten Frieden als „regulative Idee“ im Sinn von Immanuel Kant anzunehmen: Etwas, wo wir hin wollen, etwas, was uns nicht  ruhen lässt, ehe es nicht verwirklicht ist. 

Die Idee des ewigen oder absoluten Friedens dürfen wir nicht loslassen oder verwässern, aber wir dürfen sie auch nicht dafür missbrauchen, an der Entwicklung der Welt zu verzweifeln. Wir können sie als Spannung erleben, die uns nicht lähmt, sondern kräftigt und im Weitergehen antreibt, wie die Kraft, die im Weiterdrängen der Evolution des Bewusstseins sichtbar wird.

Wir sollten nichts unversucht lassen, immer wieder Verbindung zu dieser Kraft aufzunehmen, es ist die Kraft des Lebens selbst, die uns weiterführen will. Und nur wir selber sind in der Lage, diesen Strom mit einem ganz besonderen Punkt in Kontakt und in Austausch zu bringen, zu dieser einen Stelle im unermesslichen Netz, zu der wir einen ganz intimen und einzigartigen Zugang haben, weil wir das selber sind. Dort können wir den Frieden entstehen und wachsen lassen, sodass er größer wird und sich ausbreitet, ansteckend wird und verführerisch.
 
Inmitten des Unfriedens, wie in dem Foto, das den Chellisten in der ausgebombten Stadtbibliothek von Sarajewo beim Spiel zeigt – Symbolträger für das, was kein Krieg zu zerstören vermag, den Geist und die Schwingung des Menschlichen in intimer Eintracht mit dem Unendlichen und der jenseitigen Schönheit. Dieser Friede ist sanft und leise, er geht leicht unter im Geschrei und in der Verwirrung der Ängste, doch ist er beharrlich und unzerstörbar, weil er tief unter allem wohnt, was in Unfrieden geraten kann.

 Quelle: en.wikipedia.org