Montag, 19. November 2012

Die Großen und die Kleinen, die Bedeutenden und die Unbedeutenden



Jeder Mensch, jede Person leistet einen einzigartigen Betrag zum großen Ganzen. Ohne dich wäre das Universum ein anderes und etwas Wichtiges würde fehlen. Solche Sätze hören wir manchmal oder sprechen sie auch aus.

Da kommt sofort der Gedanke, den wir alle in uns tragen: Wer bin ich schon? Was ich beitrage, ist doch so unbedeutend und minimal. Ich bin für die große weite Welt nur winzig und unwichtig, in der Arbeit ersetzbar, in dem, was ich kreativ mache, kennt mich niemand. Vielleicht gibt es ein paar Menschen in meiner Umgebung, die mich schätzen und lieben, für die ich etwas bedeute, aber darüber hinaus bin ich nur einer aus Milliarden.

 

Das Bedeutungs-Rating und die Agentur in uns

Wer bemisst die Größe und die Kleinheit? Wer verleiht und entzieht Bedeutung und Wichtigkeit? Welcher Instanz geben wir diese Macht über uns? Wo ist die Rating-Agentur, die bestimmt, auf welcher Stufe der Bedeutungsrangordnung wir uns befinden?

Es wirken viele kleine Agenturen, die mitwirken, dass das Bedeutungsthema weiter in uns nagen kann: Die Schulen, die Arbeitsverhältnisse, die Medien und die Freunde und Bekannten, die uns alle darauf aufmerksam machen, was noch verbesserungsfähig an uns ist und wer da schon weiter und toller ist.

All diese Rückmeldungen laufen in uns selber zusammen, in einem Teil unseres Gehirns oder unseres Wesens, das für die Selbsteinschätzung zuständig ist. Und da sind wir es eigentlich selber, die die Ratingentscheidungen treffen und publizieren, indem wir uns selber mitteilen, wie wir uns und die anderen einschätzen. Wir sind es, die die Wertungen, die andere über uns treffen, übernehmen oder ignorieren, die sich nach vorgegebenen Rangordnungen richten oder nicht.

Was wir tun können: Wir können verschiedene Rating-Agenturen einrichten, die dann in Konkurrenz miteinander treten: Ist eine zu abwertend, mobilisieren wir die andere, die unsere Potenziale besser schätzen kann. Wenn das Spiel eine Zeitlang läuft, verlieren die Agenturen insgesamt an Macht und Einfluss, bis wir ihren Einflüsterungen kein Gehör mehr schenken.

 

Das Streben und seine Illusion

Beim Thema Bedeutungsgebung wirkt der in uns eingebaute Mechanismus der Ambition: Wir wollen es weiter bringen, wir halten es nicht aus, wenn Stillstand und Stagnation herrschen, wir wollen produktiv sein und Unterschiede setzen, sodass die Wirklichkeit durch unser Wirken anders wird. Doch wirken in diesem Streben zwei Kräfte, die wir tunlichst unterschieden sollten: Die eine Richtung der Expansion, die mehr von dem will, was es schon gibt und womit uns andere vor unsere Nase wedeln: Ich bin schon so toll, wenn du so werden willst wie ich, dann mache diese Reise, besuche jene Gruppe, kaufe dieses Produkt, höre jene Musik. In dieser Richtung verlieren wir uns schnell – wir laufen Vorbildern nach, verehren und bewundern Leute, die „es geschafft haben“ und vergessen dabei auf uns selbst und auf das, was uns auszeichnet. Wir überprüfen nicht, ob das, was andere verwirklicht haben, dem entspricht, was wir aus unserem Inneren heraus wollen.

Die andere Orientierung will Neues schaffen, will etwas in die Welt setzen, was es in dieser Form und diesem Aussehen noch nicht gegeben hat, will etwas Einzigartiges beisteuern. Hier wollen wir uns nicht vergleichen mit den Großen und Bedeutenden, sondern eine Wirkung erzielen, für die es egal ist, ob sie groß oder klein ist. Das kann eine Blume sein, die wir zum Blühen bringen oder einen berührenden Satz, den wir sagen, ein Lächeln, das wir jemanden schenken, oder ein Vogelzwitschern, dem wir Beachtung schenken.

Immer wieder können wir an uns beobachten, wie sich diese beiden Bestrebungen oft bis zur Unkenntlichkeit ineinander verschränken. Dann tun wir so, als ob wir uns durch Konsumieren von Dingen selbst verwirklichen oder durch das Bewundern von anderen Leuten an Selbstwert gewinnen könnten. Wir wollen selbst in den Zustand des Bewundertwerdens gelangen, ohne zu wissen, was wir wirklich damit anfangen wollten, sobald wir es haben.

Klar, ich möchte, dass viele, viele Leute diesen Text lesen und erwarte, dass das einen größeren Beitrag zur Welt leistet, als wenn ihn nur ein paar Menschen lesen. Allerdings liegt der eigentliche Gewinn für mich nicht in der Anzahl der Rezipienten der Botschaft, sondern im Prozess des Schreibens, der meine innere Klarheit fördert. Wenn ich von jemandem erfahre, dass ihr der Text gefällt und etwas in ihrer Welt verbessert, freut mich das. Zum klärenden Schreibprozess, der mir gut tut, kommt der Aspekt des Gebens dazu, der als Anerkennung zu mir zurück fließt.

 

Die Magie der Zahlen

Wird die Freude größer, wenn die Zahl der Rückmeldungen (und potentiellen Bewunderern) größer ist? Werde ich dadurch bedeutender und wichtiger? Offensichtlich ja, weil die Zahl das Maß der Dinge ist. (Übrigens findet sich auf dieser Blogseite eine automatische Korrektur von solchen Ego-Eskapaden, da es einen Beitrag gibt, in dem ein Witz mit dem Dalai Lama (26.7.2011) zitiert wird, und aus der Statistik ist ersichtlich, dass diesen Beitrag hundert Mal mehr Menschen lesen als all die anderen Posts. So gebietet mir jeder Blick in diese Statistik die rechte Bescheidenheit, was die Bedeutung meiner eigenen Texte anbetrifft.)

Die zwei Orientierungen zeigen sich als zwei Aspekte der Freude, die ich in mir wahrnehmen kann: Der eine, der sich am Gewinn eines anderen Menschen freuen kann, der andere, der stolz ist auf die Anzahl der Anerkennungen, weniger auf die Anerkennungen selbst. Könnte nicht der liebevolle Blick einer anderen Person mehr bedeuten als Tausend Klicks von anonymen Lesern?

Sobald sich Zahlen einmischen, zeigt uns die Kenntnis der Logik der Bewusstseinsevolution, dass wir in eine Falle des materialistischen Denkens geraten sind. Es hat das illusionäre Streben der Menschen in die abstrakteste Form gebracht und damit ad absurdum geführt. Du musst mehr und mehr verdienen, besitzen, Freunde haben, verkaufen, konsumieren, Geld am Konto haben usw., um dein Menschsein zu verwirklichen. An diesem Mehr wirst du gemessen, doch dieses Mehr hat die Struktur des Immer-Zuwenig. Denn es kann nie genug sein, es gibt immer noch mehr, das erreicht werden muss. Ist dieses erreicht, gilt es, das nächste zu erreichen, ein unendliches Streben, das nur durch die physische Erschöpfung und den Tod endet, die absolute Grenze, die die Natur dem gierigen Ego setzt.

Das materialistische Denken gaukelt uns vor, dass wir an Zahlen Befriedigung finden könnten, doch ergötzen wir uns in Wirklichkeit an den Fantasien, die sich an die Zahlen knüpfen: Was könnte der Vorteil und die Befriedigung darin sein, wenn Hunderte, Tausende, Millionen an mir oder an meinen Produkten Gefallen finden? Mit jeder Null hinten dran schwillt die Fantasieblase an, scheinbar unendlich dehnbar. Doch braucht es oft nur eine andere Erfahrung, jemand, der gemein ist zu mir oder abwertend oder überkritisch, schon platzt die Blase, und mühsam muss sie wieder aufgeblasen werden.

Wie kommen wir auf diese blöde Idee, uns von der Anerkennung anderer abhängig zu machen? Wir sollten nicht vergessen, dass wir auf dieser Erde sind, um das zu tun, was aus uns selber kommt, was wir gerne machen und was uns erfüllt, gleich, ob das einige oder viele toll finden oder einige oder viele albern. Menschen sind so verschieden in ihren Fähigkeiten und Talenten, und jeder trägt das zur Buntheit der Menschenwelt bei, was aus seiner Einzigartigkeit entspringt. So auch ich, so auch du, und das können wir uns immer wieder bewusst machen, um es zu feiern. Denn dann motiviert uns das, noch mehr beizusteuern aus dieser unserer Individualität und damit die Welt noch bunter zu machen. Damit sind wir genauso wichtig und genauso bedeutend wie all die Menschen, mit denen wir uns aus schlechter Gewohnheit bloß deshalb vergleichen, damit wir uns selber abwerten können.

 

Bewunderungsübung

Wir können es zu einer Übung machen: Immer, wenn wir merken, dass wir andere, vor allem Menschen, die wir überhaupt nicht kennen, über die Maßen bewundern, ergänzen wir es mit einer Bewunderung für uns selbst. Und immer, wenn wir eine der Hochglanzpersönlichkeiten anhimmeln, ergänzen wir das durch ein Anhimmeln eines „kleinen Menschen“, der alten Frau, die ihren Einkaufskoffer rollt, des Fahrers der Straßenbahn, der gelangweilt lenkt, des Schulmädchens, das mit ihren Freundinnen plappert usw.  – all die „unbedeutenden Menschen“, die es nie in eine Schlagzeile oder auf einen Fernsehschirm schaffen werden und doch, wenn wir genauer hinschauen, all die Zelebritäten, die wir mit so viel Wichtigkeit aufplustern, in den Schatten stellen, sodass diese in einem illustren Reich der Lächerlichkeiten verschwinden können.

Hören wir auf mit den Vergleichen, die uns selber in ein minderes Licht stellen. Gibt es einen Menschen, dem wir die Macht geben, zu entscheiden, wer wichtig und wer unwichtig ist? Wenn nicht, dann brauchen wir auch niemandem die Macht geben, nach Wichtigkeits- oder Bedeutungsgraden einzuteilen, also wer weniger und wer mehr beiträgt zur Gesellschaft oder zur Menschheit. Wenn wir also allen Vergleichern die Macht nehmen (die sie ja vor allem in unseren Köpfen haben), dann lösen sich die Unterschiede und Rangordnungen auf. Alle Menschen sind gleich, jeder ihrer Beiträge zum Allgemeinen ist gleich viel wert.

(Vgl. zum Thema den Blogbeitrag vom 13.5.2012: „Zelebriere deine eigene Zelebrität“)

Donnerstag, 8. November 2012

Unser liebes Eigentum

Ein Prozent der Österreicher verfügt über ein Viertel des gesamten Geldvermögens. Das ärmste Zehntel der Österreicher verfügt über maximal 1000 Euro. Vor langer langer Zeit gehörte allen alles, oder kaum jemandem etwas. Was ist seither passiert, und wie könnte oder sollte es bei diesem Thema weitergehen? 

In der österreichischen Debatte um Vermögenssteuern, Eigentums- oder Reichensteuern (so benannt je ideologischem Standpunkt) hat ein maßgeblicher Vertreter einer Partei gemeint, bereits in der Volksschule lernten die Kinder den Unterschied zwischen Mein und Dein, folglich sei jeder Angriff auf das Eigentum abzuwehren. Nun können wohl schon Sandkistenkinder zwischen ihrem und einem fremden Schauferl unterscheiden. In der Grundschule (in der ich mein Lineal mit der Warnung beschriftet habe: Gottes Aug ist überall, drum stiehl mir nicht mein Lineal) sind wir schon fest in die Eigentumsordnung eingegliedert und erwerben dazu noch eine Vorstellung von reich und arm, samt der Einordnung, wo wir und unsere Familie selbst hingehören. 

Zur Geschichte des Eigentums 


Wenn wir einen Blick auf die Evolutionsgeschichte unseres Bewusstseins werfen, landen wir anfangs in einer langen Zeitepoche, in der der Eigentumsbegriff eine ganz untergeordnete Rolle spielte. Die frühen Stammeskulturen verfügten über so wenig Dinge, waren also in unserem Sinn so arm, dass sich das „Mein“ und „Dein“ auf kleine Gegenstände beschränkte. Da diese Menschengruppen sehr mobil waren, machte es auch keinen Sinn, sich viel Besitz anzueignen, der dann von einem Ort zum andern geschleppt werden musste. Es wusste jeder, was jedem gehörte, und damit hatte Diebstahl keinen Sinn. 

 Erst als sich die Landwirtschaft und damit die Sesshaftigkeit entwickelte, bekam der Eigentumsbegriff und damit der Unterschied zwischen arm und reich eine zentrale Stelle im Bewusstsein der Menschen. Grund und Boden und was darauf angepflanzt war, wurde zur Lebensgrundlage, und die Verfügungsgewalt darüber zu einer Frage des Überlebens. Wurde die Ernte gestohlen oder das Ackerland verwüstet, bedeutete das Hunger oder Hungertod. 

Aus diesem Grund sind wir bis heute bei der Frage des Eigentums sehr empfindlich, und umso mehr, je mehr wir davon haben. Das römische Recht definierte den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum, wie er in einer bürokratisch geordneten Gesellschaft Sinn machte. Besitz ist das, was jemand hat, und Eigentum das, was ihm rechtens, also durch den Staat festgelegt, gehört. Damit wird klargestellt: Es ist der Staat, das Gemeinwesen, das festlegt, wer über welches Eigentum verfügen kann. Seither kam es zu einer exorbitanten Vermehrung von Eigentum durch den Reichtum, den die Menschheit in Folge der Industrialisierung erzeugte. 

1840 schockierte Pierre Joseph Proudhon mit dem Buchtitel „Eigentum ist Diebstahl“. Er stellte mit dieser Provokation eine Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft in Frage. Es ging ihm dabei aber nicht um das Bett oder den Blumentopf, den jemand besitzt, sondern um die Produktionsmittel, über die einzelne Privatpersonen verfügen können, um sich am Gewinn zu bereichern, der von den Arbeitern, die sie bedienen, erwirtschaftet wird. 

Karl Marx machte diese Idee zum Antrieb für eine Revolution. Durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, also durch ihre Überführung vom Privat- zum Gemeineigentum, sollte der produzierte Mehrwert den Arbeitern selber als Gewinn zukommen. In der Folge entstanden die sozialistischen Gesellschaftssysteme, die ohne durchschlagenden Erfolg versuchten, die Wirtschaft vom Privateigentum zu befreien. Am Scheitern der staatssozialistischen Konzepte sind verschiedene Umstände schuld, z.B. die Verquickung der Vergesellschaftung mit der Beschränkung der persönlichen Freiheitsrechte in den sogenannten sozialistischen Gesellschaftssystemen bis heute. Vom Modell der Bewusstseinsevolution aus betrachtet, handelt es sich dabei um einen Rückgriff auf die vorkapitalistische Stufe der Bürokratisierung, was nicht gut gehen konnte. 

Der gemäßigte Versuch, den fast alle nichtsozialistischen Länder beschritten, bestand darin, das Wirtschaftseigentum zu besteuern und damit einen Teil des Mehrwertes in die Gesellschaft zurückfließen zu lassen. Damit bleibt der Gedanke des Schutzes des Eigentums gewahrt, ebenso der Unterschied zwischen arm und reich. 

Es wird folglich das Eigentum als unverletzlich erklärt, so im österreichischen Staatsgrundgesetz von 1867 (Art. 5) und im 20. Jahrhundert in der UN- Menschenrechtskonvention. Zwar gibt es in allen Gesetzbüchern Einschränkungen dieses Grundrechts auf Eigentum, z.B. „wenn es das allgemeine Beste erheischt“, wie es im ABGB heißt, können Enteignungen vorgenommen werden, doch sind diese Eingriffsrechte dem Grundrecht untergeordnet und müssen sachlich gerechtfertigt werden. 

 Als Folge dieser Kodifizierung des Eigentumsrechts und der damit abgesicherten kapitalistischen Wirtschaftsdynamik gibt es in fast allen Staaten der Welt eine dünne Schicht von Menschen, die über riesige Vermögen verfügen, während die große Masse der Menschen in Armut darbt oder neidvoll in mäßigem Wohlstand lebt. Diese Schere geht munter weiter auseinander, und das, was ursprünglich niemandem oder allen gehörte, fließt zu einem großen Teil in die Taschen von immer weniger und immer reicheren Menschen. 

Eigentum in der Konsumwelt – das Fetisch 


 Zusätzlich aufgeladen wird der Eigentumsbegriff durch die Entstehung der Konsumwelt mit ihrem Überangebot an Waren und Dienstleistungen. In dieser Welt lernen wir fortwährend, uns selbst über Dinge zu definieren, die uns gehören. Meine Ich-Identität ist auf meinem Eigentum begründet. So kann schon der Nichtbesitz eines Gegenstandes Selbstwertprobleme auslösen: Wie zu lesen war, trauen sich erwachsene Menschen nicht, bei einem Meeting ihr „überholtes“ Blackberry-Handy zu benutzen, weil alle anderen mit einem schicken neuen Smartphone hantieren. Nicht wirklich herzerschütternd, aber interessant, wie wir immer mehr dazu neigen, uns über Dinge selbst zu erleben. 

Das Eigentum wird psychologisiert, d.h. in die Psyche eingebaut, die damit ein Sammelsurium von Gefühlen, Gedanken und Dingen wird. Das hilft der Illusion, dass unser Ich durch Dinge größer, wichtiger, bedeutender, einflussreicher und attraktiv wird. Je teurer das Ding ist, das ich besitze, desto wertvoller bin ich selber. Je schöner das Ding, desto attraktiver bin ich selbst usw. Der Verlust von Dingen kann dann noch bedrohlicher erlebt werden, weil Dinge vom eigenen Körper nicht mehr klar unterschieden werden können. Dinge werden kaputt, und damit ein Teil des Ichs. Die Quellen des Leidens wachsen mit jedem Ding, in das wir unsere Gefühle investieren. Manchen tut es physisch weh, wenn ihrem Auto ein Schaden zugefügt wird. Diebstahl von Eigentum wird wie Körperverletzung erlebt. Kommt es daher, dass in den Grundgesetzen von der „Unverletzlichkeit des Eigentums“ die Rede ist? 

Die Welt der Dinge, die uns und zu uns gehören, wächst und wächst, auch wenn wir immer wieder Sachen wegwerfen. Scheinbar wachsen wir damit auch in unserer Persönlichkeit (je größer das Auto ist, das ich mein Eigentum nenne, desto größer bin ich selber). Allerdings ist es nur das Ego, das da wachsen kann, in die Sphäre einer unentrinnbaren Vergänglichkeit hinein. Wie können wir die Fetischisierung des Eigentums, wie sie ein Wesensmerkmal des Materialismus darstellt, eindämmen und einen Ausweg finden aus der Falle, die sich mit dem Eigentumsbegriff stellt? 

Eigentum in systemischer Perspektive 


Wie oben gesagt: Dinge gehören ursprünglich niemandem, wie die Luft und früher einmal der Boden, die Erde. Die Ureinwohner Nordamerikas konnten deshalb nicht verstehen, warum die Weißen ihnen Land abkaufen wollten, wo es doch den Göttern oder den Ahnen gehört. 

Erst, wenn jemand Dinge in Besitz nimmt und zu seinem Eigentum erklärt, werden sie es. Die anderen müssen da noch zustimmen, sonst kann es zu Streit kommen, wenn es jemand anderer auch will. Der Ausgang des Streites entscheidet, wem es dann gehört. Es werden Rechtsnormen entwickelt, die festlegen, wer über rechtmäßiges Eigentum verfügt und wer nicht. 

Tendenziell begünstigen diese Normen bestimmte Personengruppen und benachteiligen andere, sodass über die Verteilung von Eigentum soziales Ungleichgewicht und soziale Differenzierung eingeführt wird. Schließlich wird das Recht auf Eigentum zu den Grundrechten dazugenommen (in die französische Verfassung von 1789 haben es natürlich die Begüterten hineinreklamiert) und erhält Verfassungsrang. 

Jedoch ist dieses Grundrecht eines der bürgerlichen Gesellschaft, und nicht, wie etwa das Grundrecht auf die Freiheit der Person, noch viel tiefer im tribalen Menschheitsbewusstsein verwurzelt. Menschliche Gemeinschaften können nur funktionieren, wenn die Freiheit jedes Einzelnen geachtet wird. Dagegen ist die Achtung des Eigentums keine konstituierende Voraussetzung für menschliches Zusammenleben. Solches ist denkbar mit oder ohne individuelles oder kollektives Eigentum. In Familien muss kein Einzelner den Fernseher oder das Küchengeschirr besitzen. Es gibt Bettelmönche, die auf jedes Eigentum verzichten. Christliche Ordensgemeinschaften kennen auch kein individuelles Eigentum (Armutsgelöbnis). 

Eigentum steht in der Geschichte der Aneignung der „Schöpfung“ oder der Natur, oder dessen, was nicht Mensch ist (wobei der Eigentumsbegriff irgendwann einmal sogar auf den Menschen ausgeweitet wurde, als die Sklaverei erfunden wurde). Da Menschsein immer gemeinschaftlich verfasst ist, ist auch das Eigentumsrecht aus einer Konvention der Menschen abgeleitet. Man einigt sich darauf, dass ein bestimmtes „herrenloses Gut“ einem Einzelnen zu Eigen wird, ihm gehört. Damit könnte die Gemeinschaft auch bestimmen, dieses Gut wieder zu verallgemeinern. Manchmal, z.B. in Opferriten, wird individuelles Eigentum wieder der Natur zurückgegeben. 

 Mit der Verkomplizierung der Wirtschaftsweise durch Landwirtschaft, Handel und Gewerbe wurde der Schutz des Eigentums zur zentralen Voraussetzung des Funktionierens. Deshalb gab es z.B. in der frühindustriellen Zeit drakonische Strafen für minimale Diebstahlshandlungen. Ohne Rechtssicherheit in Bezug auf das Eigentum macht die Produktion und der Vertrieb von Waren keinen Sinn. Diese Einstellung wurde zur Selbstverständlichkeit, bis schließlich das Eigentumsrecht als natürlich empfunden wird und so einleuchtend ist, wie das Recht auf die Unverletzlichkeit der Person. 

Allerdings bleibt der grundlegende Unterschied zwischen Person und Sache, Eigentum ist Sache und muss einen anderen Stellenwert als die Person haben. Dieser Unterschied, der den ersten Sozialformen der Menschheit selbstverständlich war und im Lauf der Bewusstseinsevolution immer mehr verwischt wurde, muss für eine künftige gerechtere Gesellschaftsordnung wieder absolut klargestellt werden, und damit wankt das Dogma des Eigentums. 

Wir stehen an der Schwelle einer neuen Bewusstseinsebene, dem systemischen Bewusstsein. Vor ihm hat nichts Bestand, was sich einfach nur auf Tradition und ankonditionierte Werte stützt. Alle heiligen Kühe werden geschlachtet. Wenn wir lernen, das systemische Bewusstsein zu adaptieren, braucht es deshalb auch eine neue Reflexion über das Eigentum. Wir können nicht einfach als gegeben hinnehmen, dass einige wenige wesentlich mehr Eigentum haben als die vielen anderen und damit mehr Einfluss und mehr Macht in der Gesellschaft ausüben können. Allerdings scheint diese Frage zu den schwierigsten und kniffligsten zu zählen, die am Übergang zu einer systemischen Gesellschaftsordnung gelöst werden müssen. Ich kann hier auch nur ein paar Schemen von dem skizzieren, was kommen kann, wenn nicht muss. 

Da grundsätzlich und ursprünglich allen alles gehörte, kann eine Menschheit nicht im Frieden mit sich sein, wenn die Unterschiede im Eigentum so gravierend sind. Je gleichmäßiger die Verteilung erfolgt und je mehr sie sich an Kriterien des Gemeinwohls orientiert statt an privater Bereicherung, desto ausgeglichener und reibungsfreier wird die Gesellschaft funktionieren, vorausgesetzt, dass die Menschen die systemische Vernunft verstanden und integriert haben. Es müssen die Ängste bewältigt sein, die mit dem Verlust von Individualeigentum verbunden sind. Dann wird sich ein neuer Bedürfnismix entwickeln, in dem die Antriebe der Gier und der Habsucht fehlen und statt dessen mehr Raum für gemeinschaftliche Motivationen frei wird. 

Wenn sich die emotionale Besetzung von Dingen abschwächt und die Emotionen in den zwischenmenschlichen Bereich zurückkehren, wo sie ihren eigentlichen Ort haben, dann wird die Lösung vom Haben- und Besitzenwollen leicht fallen. Dabei wird es immer eine Sphäre von einfachen Dingen geben, die der Einzelperson zu Eigen sind. Jedes Kind wird weiterhin seine Lieblingsspielzeuge besitzen wollen, und wer gerne ein besonderes Schmuckstück bei sich haben will, soll dieses weiter behalten. Aber viel mehr von den größeren Dingen und Gütern werden in einer Art von Allgemeineigentum stehen, sodass die Einzelnen nicht für sich und aus sich heraus Reichtum anhäufen, sondern durch die und mit der Gemeinschaft ihre Wohlhabenheit definieren. 

Es wird sich dann die Vorstellung ausbreiten, dass die Dinge, über die wir verfügen, Leihgaben sind, nicht von bestimmten anderen Menschen, sondern vom größeren sozialen Ganzen, von dem wir erhalten, was wir brauchen, um ein gutes Leben führen zu können, und dem wir zurückgeben, was wir nicht mehr brauchen und was anderen zugute kommen kann. Wie wir gelernt haben, innerhalb einer funktionierenden Familie die Güter gemeinschaftlich zuzuteilen, kann es auch im größeren Rahmen ablaufen, wenn die entsprechenden von allen akzeptierten Mechanismen der Willensbildung eingeführt sind. 

Auch wenn allen alles gehört, braucht es eine Verteilung in der Nutzung der Güter. Nicht jeder kann alles gleichermaßen gebrauchen. Deshalb wird es immer auch Unterschiede im Eigentum geben. Doch sollte diese Verteilung flexibel bleiben, also nicht in das alleinige Verfügungsrecht Einzelner übergehen. Wenn sich Menschen nicht mehr über ihren Besitz definieren, hängen sie auch nicht mehr emotional an der Verfügungsmacht über Dinge. Wie Ämter und Entscheidungspositionen nur so lange ausgeübt werden, wie das für das Gemeinwohl sinnvoll ist, wird auch die Nutzung von Dingen dann aufgegeben, wenn sie nicht mehr im größeren Zusammenhang vernünftig sind. 

Zum Beispiel kann der Besitz eines Autos an den Wohnort geknüpft sein – überall, wo es eine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsnetze gibt, wäre die Autonutzung nicht sinnvoll, außer für Transporte oder größere Reisen. Dafür könnten auch gemeinschaftlich genutzte Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Wer in entlegenen Gebieten wohnt, könnte die individuelle oder familiale Nutzung eines Autos zugesprochen bekommen, die bei einer Übersiedelung in ein besser erschlossenes Gebiet wieder entzogen wird. 

Was den Wohnort selber betrifft, werden individuelle Vorlieben einen Stellenwert behalten – der eine will mehr in der Stadt, die andere mehr am Land leben. Doch sind sie nicht die einzige Richtschnur, sondern z.B. auch der Ort der Tätigkeit, die jemand ausführt, die sinnvollerweise in der Nähe der Wohnung lieben sollte. Es werden die Menschen nicht mehr als vernünftig und stimmig erachten, zwischen Wohn- und Arbeitsstelle große Distanzen zu legen, und sie werden auch die Flexibilität aufbringen, den Wohnort mit der Arbeitsstelle zu wechseln, sobald die Wohnung oder das Haus nicht ihr Eigentum ist, zumal auch die Unterschiede in der Lebensqualität zwischen verschiedenen Wohnmöglichkeiten geringer werden. 

Eigentum und Leistung 


„Leistung muss sich lohnen“, lautet ein politischer Slogan. Über Leistung soll Eigentum zugeteilt werden, so will es die liberale Doktrin. Wer mehr leistet, soll mehr vom Kuchen kriegen. Eigentum ist Leistung, die als Immobilie oder als ein Berg von Aktien zur dinglichen Wirklichkeit gelangt. Auch dem systemischen Bewusstsein ist klar, dass jede Leistung auch eine adäquate Anerkennung finden sollte. Jede Leistung, das heißt also nicht nur das Leiten einer Firma oder das Lenken eines Flugzeugs, sondern auch die Obsorge für ein menschengerechtes Aufwachsen der Kinder oder eine menschengerechte Pflege alter Menschen, dazu gehört ein Einkauf für einen bettlägrigen Nachbarn oder ein unterstützendes Gespräch mit einer problembeladenen Bekannten. 

Alles, was der Gesellschaft und ihren Mitgliedern Nutzen bringt, ist eine Leistung, die sich lohnen soll. Dazu kommt, dass die Leistung auf die Leistungsfähigkeit abgestimmt werden muss. Es gibt Menschen, die gerne 60 Stunden arbeiten und andere, die mit 25 Stunden an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gelangen. Müssen die, die gerne viel arbeiten, deshalb unbedingt mehr verdienen? 

Wenn wir den Begriff der Leistung von seinen materialistischen Kontexten befreien, ihn also primär unabhängig von Geld und Gewinn definieren, werden sich auch neue Perspektiven auf unser Verhältnis zum Eigentum öffnen. 

Der Wille zur systemischen Vernunft 


Die Einführung solcher Systeme funktioniert nicht mit Zwang. Freiwillig stimmen Menschen einem Eigentumsverlust nur zu, wenn sie dafür einen größeren Nutzen empfangen, wie er im systemischen Denken möglich wird, wo Nutzen nicht mehr egoistisch oder auf die eigene Gruppe beschränkt gesehen wird, sondern in einem übergeordneten Zusammenhang eingebettet ist. Dann wird z.B. die Reduktion von umweltbelastenden Fortbewegungsmitteln als individueller Gewinn empfunden und in der inneren Wertung der individuellen Nutzung von Fahrzeugen vorgezogen. Die Menschen werden erkennen, wieviel Zeit und Mühen sie in den Erwerb von Gütern stecken, wie viele ihrer Sorgen und zwanghaften Gedanken um Geld und Eigentum kreisen, die nur einen winzigen Teil ihrer Bedürfnisse stillen. Sobald sie andere Formen des Lebens zu schätzen lernen, in denen sie ihre Kreativität und Individualität besser zum Ausdruck bringen können, als in den mechanischen Organisationen des leistungsorientierten Geldverdienens, können sie leichter auf die materiellen Kompensationen für ihre Lebensenergie verzichten. 

Wenn genügend Menschen aus freien Stücken auf ihre Eigentumsrechte verzichten, weil sie darin mehr Vorteile für ihre Lebensqualität als Nachteile sehen, erst dann kann dieser Schritt politisch umgesetzt werden. Suchen wir unsere Sicherheit nicht mehr in den Dingen und Finanzwerten, so können wir die Erleichterung und Befreiung ermessen, die wir als dafür Geschenk empfangen. 

Weltweite Folgen 


Die weltweiten Auswirkungen einer grundlegenden Veränderung der Eigentumsordnung wären ungeheuerlich. Zunächst braucht es hier Zeit, dass Milliarden von Menschen die Erfahrung ermöglicht wird, was es heißt, sich „alles leisten zu können“ oder zumindest Güter erwerben zu können, die nicht zur unmittelbaren Sicherung des Überlebens benötigt werden. Es würde sich eine globale Entwicklung anbahnen, die das Reichtums- und Wohlstandsgefälle immer mehr ausgleicht. Dieser Weg führt dann in eine Richtung, die die Ressourcen des Planeten in gemeinsamer Verantwortung einer nachhaltigen Nutzung zuführt, sodass sich die Menschheit in materieller Sicherheit und Frieden weiter entwickeln kann. 

Zeiträume 


Wie an anderen Punkten des Übergangs in das systemische Bewusstsein ist auch hier große Achtsamkeit notwendig. Erst wenn es eine kritische Masse von Menschen gibt, die mit dieser Denkweise und den entsprechenden Wertsystemen vertraut sind, kann eine tiefgreifende Änderung in der Eigentumsordnung stattfinden. 

Es wird viel wechselseitiges Vertrauen und effektive Kontrolle brauchen, damit nicht Einzelne das System zu ihren Gunsten ausnutzen und damit wieder Ungleichgewichtungen hervorrufen, die dann die Menschen aus ihrer systemischen Bewusstheit herausreißen können, indem schon überwunden geglaubte alte Ängste mobilisiert werden. Wir können uns lebhaft vorstellen, wie populistische Politiker versuchen werden, solche Ängste zu schüren, solange sie unter nicht systemisch aufgeklärten Menschen Gehör finden. Also machen wir uns auf einen langen Zeitraum der Umstellung gefasst, der noch nicht einmal begonnen hat. 

Vielleicht ist die Änderung der Eigentumsordnung eine der letzten, die in der Verbreitung und Implementierung des systemischen Bewusstseins vollzogen wird. Mir persönlich ist es egal, ob solche Prozesse 50, 100 oder 500 Jahre dauern. Allein die Vorstellung, dass eine solche Revolution denkmöglich ist, dass sie in der Logik der Evolution des Bewusstseins enthalten ist und irgendwann einmal unseren Nachkommen zugute kommen wird, beflügelt mich. 

Es ist das Wesen von Utopien, dass sie unseren Vorstellungshorizont dehnen, und aus solchen Dehnungen erwachsen besondere motivierende Kräfte. Lassen wir herausfordernde Ideen in uns einsickern und schauen wir darauf, was sie in unserem Inneren bewirken.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Der Lehrer und der Schüler

Der Lehrer sagt dem Schüler: "Du musst ein besserer Mensch werden."

Der Schüler wendet sich beschämt ab.

Ist der Lehrer jetzt ein besserer Mensch?

Wie oft sagen wir Sätze aus dieser Gattung?

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Zum Verstehen des Männlichen und Weiblichen und der Beziehungen zwischen beiden hat Carl Gustav Jung vor fast hundert Jahren das Modell von Animus und Anima entwickelt. Die Idee dabei ist, dass jeder Mann in sich versteckt weibliche Anteile hat (Anima) und jede Frau einen verborgenen Animus. Wir suchen uns Beziehungspartner aus, die unsere eigenen ungelebten und unbewussten Anteile zum Ausdruck bringen, sodass wir in der Beziehung zu dieser Ganzheit finden wollen. Allerdings scheitert dieser Weg, sobald deutlich wird, dass der Partner oder die Partnerin in der Beziehung den Erwartungen nicht gewachsen ist. Zum einen fließen in die Projektion die Verletzungen und Irritationen ein, die wir als Kind erlebt haben, zum anderen haben wir es mit Archetypen zu tun, die wir gerne mit realen Personen verwechseln.

Die Anima


Die Anima gilt als die weibliche Seite im Unbewussten des Mannes, der Archetyp des Weiblichen. Sie wird als intuitiv, aufnehmend, einfühlsam, aber auch launisch aufgefasst.
Die Anima kann sich störend in Beziehungen einmischen, wenn der Mann von einer Frau erwartet, dass sie so ist wie die archetypische Gestalt in ihm, was keiner realen Frau je gelingen wird. Vielmehr muss der Mann diese Anteile in sich selbst entwickeln, sonst geht er in die Irre und entwickelt eine narzisstische Beziehungsstörung. Dabei ist noch zu beachten, dass der Anima-Archetyp vom Mutterarchetyp überlagert ist und erst einmal von diesem befreit werden muss, bis dem Mann klar wird, wie er seinen weiblichen Pol ausgestalten kann. Der positive Aspekt der Anima ist die Führung nach innen, zum Ernstnehmen der eigenen Empfindungen, Gefühle und Phantasien. Dadurch kann der Mann das empfangende Prinzip in sich entwickeln.

Der Animus


Der Animus repräsentiert die männlichen Aspekte im Unbewussten der Frau, den Archetyp des Männlichen. Er wird als rational, bestimmend und beherrschend beschrieben. Ähnlich wie beim Mann, wirken auch bei der Frau die archetypisch geprägten Rollenerwartungen belastend auf die Beziehung. Sie sind zusätzlich aufgeladen mit den inneren Vaterbildern und Prägungen durch andere männliche Familienmitglieder. Auch hier gilt es, dass die Frau in sich die Qualitäten entwickelt, die ihr Animus für sie bereit hält. Seine positiven Aspekte liegen nach Jung in Mut, Unternehmungsgeist und Wahrhaftigkeit, sowie auch in der Seelenführung zur inneren Wandlung.

Der heilsame Nutzen


C.G. Jungs Intention, diese Archetypen zu beschreiben, lag darin, den Menschen zur Ganzheit (zum Heilsein) zu verhelfen. Als Tiefenpsychologen war es ihm wichtig, verdrängte unbewusste Anteile ins Bewusstsein zu holen und damit der Psyche zugänglich zu machen. Damit wollte er Männern wie Frauen helfen, sich zu finden und zu vervollständigen und damit ihre Beziehungsprobleme besser lösen zu können. Wird nämlich eine Projektion auf den Beziehungspartner erkannt und zurückgenommen, entsteht ein neuer Raum für die Liebesbeziehung. Zugleich fühlt sich jeder mit sich selber besser, wenn alle Seelenanteile ihren Platz im Bewusstsein und in der eigenen Identität haben dürfen.

Allzu mechanistisch aufgefasst, kann allerdings das Modell so missverstanden werden, als ob jeder Mann dem Archetypus, der zugleich als Idealtypus fungiert, möglichst nahe kommen muss, um ein „echter Mann“ zu sein, und umgekehrt so bei der Frau. Jeder Mann müsste dann die für alle gleiche Anima in sich finden, und jede Frau den ebenso allgemein verbindlichen Animus.

Der Archetyp ist jedoch kein Ideal, sondern laut Jung eine Gestalt aus dem kollektiven Unbewussten. Er symbolisiert zentrale menschliche Erfahrungen, die es, wie in diesem Fall die Begegnung von Mann und Frau, in allen Kulturen gibt. Er umfasst eine ganze Bandbreite von Phänomenen, und es ist deshalb leicht irreführend, wenn er mit ganz bestimmten Eigenschaften behaftet wird. Jede inhaltliche Beschreibung des Archetypen greift immer zu kurz.

Folglich kann die Beschäftigung mit Animus und Anima nur dann heilsam wirken, wenn von der jeweils individuellen Ausgestaltung der Archetypen ausgegangen wird, wie sie symbolisch verkleidet in Träumen oder Fantasien auftauchen kann. Dabei hilft der Archetyp mehr als Wegweiser denn als Ziel, das es zu erreichen gilt. Das Ziel ist die innere Ganzheit, das Zu-Sich-Selbst-Kommen in der je eigenen Form und nicht die Anpassung an ein vordefiniertes Muster.

Auch die Traumgestalt, so eindrucksvoll sie sein mag, gilt es nicht nachzuahmen, sondern die eigene Form, die sich darin verbirgt, die individuell wahrnehmbare Bedeutung und der selbst interpretierte und gefundene Symbolgehalt sind die Richtschnur der Exploration und der Garant der integrativen Aneignung.


Rollenbilder


 

Kritisiert wird an Jungs Modell der Rückgriff auf gesellschaftlich vorgeprägte Rollenbilder. Gibt es nicht Frauen, die rational und dominant sind und denen ein wenig mehr Weichheit gut täte? Oder Männer, die nachgiebig und gefühlvoll sind, und denen mehr Durchsetzungskraft nicht schaden könnte? Zu Jungs Zeit waren die Rollenbilder noch klar definiert und zementiert. Doch da hat sich viel geändert. Zwar gibt es nach wie vor das Ziel in der Erziehung, dass Männer zu Männern und Frauen zu Frauen erzogen werden. Auch wenn jede Zeit ihre Männer- und Frauenbilder entwirft und verbreitet, gibt es dazu den Trend, dass diese Bilder immer vielfältiger und vieldeutiger werden, sodass es immer unklarer wird, zu welchen Männern und Frauen erzogen werden soll.  

Darin wird deutlich, dass jeder Mensch eine eigene Mischung aus Animus und Anima bildet, die einen haben mehr von dem einen und die anderen mehr vom anderen. Es gibt “männlichere” Frauen als manche Männer u.U. Eine in die Zukunft gerichtete Idee wäre, dass sich Männer wie Frauen von vordefinierten Rollenbildern lösen und frei ihre Form von Anima und von Animus leben können. Dann dienen uns die beiden Pole als Archetypen, die von jedem Menschen in seiner eigenartigen und einzigartigen Form ausgelegt werden.


Archetypen und das Individuum



Wir sprechen von Archetypen, prägenden Grundideen des kollektiven Unbewussten. Die Wirklichkeit zeigt Männer und Frauen in unterschiedlichster individueller Ausprägung, eine unendliche Vielfalt in der Mischung des Männlichen und Weiblichen, die sich nicht als Pole gegenüberstehen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Bei der Gestaltung der jeweiligen Animus-Anima-Persönlichkeit wirken die genetisch und epigenetisch weitergegebenen Anlagen ebenso mit wie embryonale Erfahrungen (Geschlechtswunsch der Eltern, eventuell Begegnung mit einem Zwilling, Interaktionserfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft usw.) und natürlich die Rollenbilder, die in der Erziehung und im kulturellen Umfeld vermittelt werden.

Typisch Mann – typisch Frau, die einen vom Mars, die anderen von der Venus, diese Stereotype nähren sich aus den vielfältigen Quellen der Identitätsbildung, von den Hormonen bis zu den Ikonen der Werbewelt. Das Angebot an Männer- und Frauenbilder wird immer vielfältiger und widersprüchlicher. So wird es immer verwirrender für die suchenden Menschen, ihre Identität zu finden und die Klarheit zu gewinnen, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.

Jung hatte es noch einfach in seiner Zeit, als die „klassischen“ Rollenzuteilungen (der rationale Mann, die gefühlvolle Frau) weitgehend in der Wirklichkeit gefunden werden konnten. Die Gesellschaft hat sich seither rasant weiter entwickelt und ausdifferenziert. Männer, die sich als Frauen fühlen und Frauen, die Männer sein wollen, werden immer weniger ausgegrenzt. Wir wissen heute viel mehr, aus der Pränataldiagnostik z.B., dass sich das männliche Geschlecht dadurch entwickelt, dass die Ausprägung der weiblichen Organe verhindert wird, oder aus der Gehirnforschung, dass sich männliches und weibliches Gehirn hauptsächlich durch ein im Durchschnitt größeres Ausmaß an Testosteron unterscheiden und dass die Ausprägung der „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ stark von der hormonellen Embryonalentwicklung abhängt. Wir wissen aus der Soziologie, wie Geschlechtsrollen laufend konstruiert und wieder dekonstruiert werden. Und wir erleben in den vielfältigen Angeboten der Unterhaltungsindustrie, dass zu jedem Typus eine Unmenge von Stereotypen produziert werden können.


Wollen Sie männlich sein wie Leonardo di Caprio oder Silvio Berlusconi, oder vielleicht wie Johnny Depp (in welcher Filmrolle bitte?)– nein, werden Sie ein echter Mann, endlich! Hätten Sie gerne Ihre Weiblichkeit nach Frau Zeta-Jones oder Frau Merkel, oder eine kreative Mischung aus beiden? Sind Sie schon genug emanzipiert und wissen Sie, wie Sie in der City jederzeit zu Ihrem Traumsex kommen? Wie wollen Sie Ihre Beziehung leben: gemäß Allan & Barbara Pease (Warum Männer immer Sex haben wollen, während sie einparken und Frauen von Liebe träumen, während sie zuhören), nach John Gray (Alles, was Mann (am Mars) wissen muss, und wie Frau es ihm sagen kann (von der Venus aus?)) oder doch nach Cordelia Fine (Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann)?


Jenseits der Klischees


Auf der systemischen Bewusstseinsstufe müssen wir alle starren Rollenzuteilungen aufgeben. Zu jedem Modell gibt es ein Gegenmodell, zu jedem Typus einen Antitypen, und dazwischen jede Menge an Variationen. Jeder Mensch ist eine Abweichung von irgendetwas. Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch ein dualistisches Konzept von Animus und Anima, oder steht es uns eher im Weg, wenn wir uns selber und das jeweils andere Geschlecht besser verstehen und gedeihlicher miteinander auskommen wollen? 

Jedes der Modelle ist schon irgendwo im Streit der Männer und Frauen als Waffe verwendet worden, um den eigenen Standpunkt zu untermauern und durchzusetzen und die andere Person abzuwerten. Ich bin so, weil ich vom Mars bin. Du musst dich ändern, weil du deinen Animus unterdrückt hast... Wir können jedes Modell dazu benutzen, die andere Person einzustufen und zu bewerten, statt ihr zu begegnen. Über Konzepte können wir einen Menschen nie verstehen, und mit Diagnosen kommen wir ihm auch garantiert nicht näher.

Was wir statt dessen brauchen, ist eine Einstellung, aus der heraus wir Menschen begegnen, nicht nur unterschiedlichen Geschlechts, sondern überhaupt und vor allem unterschiedlichen Wesens. Zunächst gilt es, diese Einzigartigkeit zu erkennen und zu würdigen, und erst nachgeordnet die Geschlechtszugehörigkeit. Dafür ist es notwendig, alle Rollenklischees abzulegen und hinter die Prägungen zu blicken, die unsere Kultur in uns hinterlassen hat. Und dass wir uns selbst begegnen als ganz besondere Wesen, dass wir uns selbst so annehmen, wie wir sind, in der uns ganz eigentümlichen Mischung von Animus-Anteilen und Anima-Anteilen, und dass wir in unserer Innenerforschung weitergehen, um noch mehr davon freizulegen. 


Das Animus-Anima-Modell können wir dafür immer wieder auch als Leitfaden nehmen und es dabei zunehmend von den aufgeklebten Rollenbildern befreien, sodass wir schließlich unser ganz eigenes Zusammenspiel von dem, was vielleicht einmal zum männlichen Archetyp gehörte und dem, was einmal zu seinem weiblichen Gegenpol gehörte, in uns erkennen und sein inneres Wachstum beobachtend begleiten können. So kommen wir in eine Spirale der Bereinigung der Bilder von uns selbst und jener, die wir uns von den anderen Menschen machen. Je mehr wir andere Menschen in ihrer Tiefe und Eigenart annehmen können, desto besser gelingt uns das bei uns selbst. Diese Spirale nähert uns mehr und mehr dem an, was wir in der Kommunikation und in der Begegnung eigentlich suchen, ein Erkennen von Mensch zu Mensch.

Literatur: C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole. Bern: Walter 1995, S. 195





Sonntag, 14. Oktober 2012

Das Gute und das Böse



Wie uns die Bibel berichtet, geschah der Sündenfall von Adam und Eva, nachdem sie den Apfel vom verbotenen Baum aßen. Dieser Baum hatte einen Namen: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Was mag uns die Bibel damit sagen?

Offenbar kennen wir alle einen unschuldigen Zustand, in dem die Kategorien von Gut und Böse keine Rolle spielen. Stellen wir uns ein kleines Baby vor und versuchen wir, es als gut oder böse zu sehen – was macht das für einen Sinn? Wenn es lächelt, freuen wir uns, wenn es schreit, haben wir Mitgefühl, Sorge oder Ärger. Ist es böse, weil es schreit und uns aus dem Schlaf weckt? Höchstens in unseren Gedanken, aber wenn wir klar sehen, erkennen wir, dass das Baby nicht aus Bosheit schreit, sondern aus Bedürftigkeit und Not. „Böse“ erleben wir es nur, wenn wir selber nicht „gut“ drauf sind.

Also warten wir, bis das Kind größer wird und seinen eigenen Willen bewusst entdeckt. Dann können und müssen (?) wir es mit den Begriffen von Gut und Böse vertraut machen. Wenn du A machst, bist du gut, bei B böse. Du musst lernen, Gutes zu tun und Böses zu meiden, damit wir miteinander auskommen können, schärfer noch: Damit wir dich liebhaben können. Damit pflanzen wir dem Kind ein Bewertungsschema ein, das es ihm ermöglichen soll, sich in der komplexen sozialen Welt der Menschen und ihren Erwartungen orientieren zu können.

In dieser Welt können wir es nicht durchgehen lassen, wenn Menschen sich daneben benehmen. Wir müssen Verhalten, das andere schädigt und verletzt, eindämmen und möglichst verhindern. Dazu dient die Einteilung in Gut und Böse. In der Evolutionsgeschichte des Bewusstseins befinden wir uns auf der 3. Stufe. Hier, im hierarchischen Denken, werden die Normen und Gesetze kodifiziert, die das Verhalten der Menschen festlegen und regulieren sollen. Der Staat wacht mit all seiner Macht darüber, dass sich die Menschen wohl verhalten. Dazu muss auch jedes Mitglied der Gesellschaft wissen, was gut und was böse ist. 

Allerdings, je höher jemand in der Hierarchie angesiedelt war, desto weniger genau konnten diese Einteilungen angebracht werden, was ja bis heute so praktiziert wird: Die Mächtigen machen sich ihre eigenen Regeln und Gesetze, zu ihrem eigenen Vorteil. Ein aktuelles Beispiel aus der österreichischen Innenpolitik: Alle Staatsbürger, die vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss geladen werden, müssen dort erscheinen, nur einer nicht: Der Herr Bundeskanzler. Der hat nämlich die Macht zu verhindern, dass er geladen wird.

Die Welt wird noch komplexer durch die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Was soll schlecht oder böse daran sein, den eigenen Wohlstand zu steigern und Geld anzuhäufen? Wer es nicht zu Reichtum bringt, ist doch selber schuld. Was aber, wenn mein Reichtum durch die Verarmung eines anderen Menschen entstanden ist – bin ich da noch gut? 

Die nächste Bewusstseinsstufe verschärft die Frage noch mehr, indem sie die Kritik an allen Regeln und Standards forciert. Nichts, was Menschen anderen Menschen vorschreiben, darf als selbstverständlich genommen werden, sondern muss auf seine Sinnhaftigkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben überprüft werden. So tritt langsam der öffentliche ethische Diskurs an die Stelle der unkontrollierten Autorität bei der Festlegung von Gut und Böse. Die Herrschenden werden selber der Kontrolle unterworfen und, wenn es sein muss, zur Verantwortung gezogen. Auch gekrönte Häupter können auf dem Schaffott fallen. 

Erstaunlicherweise produzierte gerade die ethisch so hoch entwickelte personalistische Stufe die ärgsten Bösewichter. Mit den technischen und ökonomischen Mitteln des Kapitalismus ausgestattet, installierten im 20. Jahrhundert einige hasserfüllte und paranoide Individuen die Massenvernichtung von Menschen als Methode der Politik. Diese Leute dienen als Argument für das „abgrundtiefe Böse“, das offenbar im Menschen wohnt und, wenn die Umstände passen, gewalttätig und zerstörerisch zum Ausbruch kommt. 

Die systemische Bewusstseinsschicht, die auch aus den Verzerrungen des personalistischen Denkens erwachsen ist, eröffnet einen Ausweg aus der Polarität von Gut und Böse. Vorbereitet von scharfen Beobachtern der menschlichen Schwächen wie Friedrich Nietzsche, der die Verlogenheit der Gutmenschen entlarvte, oder Sigmund Freud, der die zerstörerischen Kräfte des Unbewussten in jedem Menschen erkannte, verloren die eindeutigen Zuordnungen an Aussagekraft. Es ist zu einfach, die Hitlers und Stalins der Geschichte und Gegenwart als abartige Entgleisungen der Natur oder der Gene abzuurteilen. 

Um zu verstehen, was da abgelaufen ist, helfen die Etikettierungen nicht weiter. Wir brauchen sie zwar, um Position zu beziehen und die Gesellschaft vor den Ausbrüchen der Asozialität zu schützen. Recht muss gesprochen werden, Verurteilungen und Strafen müssen verhängt werden. Aber damit ist nichts geheilt und transformiert, sondern oft geht das Elend weiter, wenn der Straftäter durch die Strafe verhärtet und verbittert wird und seinen Ausweg wieder nur in der Kriminalität sieht.

In jedem Täter steckt ein Opfer, und in jedem Opfer ist auch ein Täter. Böse sind Gute und Gute sind Böse. Es gibt das Böse im Guten und das Gute im Bösen. In der systemischen Sicht gibt es niemanden, der ausschließlich böse oder ausschließlich gut ist. Die Polarität löst sich aus der Starre, die Eindeutigkeiten weichen der Vielfalt. Genaueres Hinschauen ist dazu notwendig. Das heißt auch, hinter die Kulissen zu blicken und die Regie neben dem Theaterdonner wahrzunehmen.

Damit lösen wir uns aus dem Druck, Menschen zu verurteilen und uns moralisch über sie zu stellen, was unserer eigenen Moral nicht gut tut. Wir öffnen uns für die Vorstellung, dass Menschen nicht an sich gut oder böse sind, sondern so reagieren, wie es ihnen in bestimmten Situationen anders nicht möglich ist, ob uns das gefällt oder nicht. Aber wir brauchen uns nicht mehr herausnehmen, sie dafür zu verachten, zu hassen oder ihnen das Menschsein abzusprechen.

Ich halte für diesen Schritt die Überlegung für wichtig, dass Polaritäten im menschlichen Verstand entstehen und außerhalb davon keine Wirklichkeit haben. Sie spiegeln den bis in unsere Zellen als Notmechanismus einprogrammierten Kampf/Flucht-Antagonismus wider. Die Natur und damit die Lebensabläufe verändern sich nach Nuancen und nicht polar oder stochastisch – nach einem Entweder/Oder-Schema. Es ist nicht entweder Tag oder Nacht, sondern der Tag geht in die Nacht über und wir können nur willkürlich festlegen, wann die Nacht beginnt und der Tag zu Ende ist.

Ein sprechendes Beispiel dazu wird von dem österreichischen Politiker Bruno Kreisky berichtet, der einmal gesagt haben soll, als ihm ein Journalist eine Frage vorlegte, auf die er mit Ja oder Nein antworten sollte: „Das hat zuletzt die Gestapo von mir verlangt.“

Weil nur unser Denken Polaritäten schaffen kann (weil es auch digital arbeiten kann), finden wir in unserer äußeren Erfahrungswelt kein Gut und Böse. Erst wenn wir diese Welt in unserem Kopf verarbeiten, nutzen wir dieses Schema, vor allem, wenn wir in Stress sind. 

Bsp.: Ich bin in der U-Bahn, entspannt, nehme die Menschen um mich herum als Menschen wahr und verhalte mich rücksichtsvoll und freundlich. Ich gerate in Stress, weil ich auf die Uhr schaue und merke, dass ich spät dran bin und die U-Bahn viel zu langsam fährt. Ich vergesse die Menschen um mich herum und sehe sie nur als Hindernis, sobald wir in der Station ankommen, plötzlich stellen sich alle mir in den Weg und ich muss sie wegstoßen, um aussteigen zu können. Dann fange ich auch zu denken, die anderen sind böse, und die anderen, die angerempelt wurden, denken vermutlich, ich bin der Böse. Sobald sich der Stress gelegt hat, kann mir deutlich werden, was sich in mir abgespielt hat und die anderen tun mir leid. Da braucht es dann kein "Gut" - "Böse" mehr.

In diesem Sinn ist der Mensch oder sind die Menschen weder gut noch böse, sondern so, wie sie sind und wie sie handeln. Das passt manchmal zu unseren Erwartungen und manchmal nicht. 

Wenn wir uns auf die holistische Ebene begeben, werden uns die Zusammenhänge noch deutlicher. Wenn wir das ganze Bild betrachten, all die menschlichen Versuche, zu leben, das Leben weiterzugeben und weiterzuentwickeln, all das, was dabei gelungen und das, was misslungen ist, dann sehen wir vielleicht ein Bild mit vielen Farben und Kontrasten, aber nirgends die Textmarke „Böse“. Und dann stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch die Bezeichnung "Gut" brauchen, der in unserem Denken als Gegenpol zu böse verankert ist.

Wir können die Frage auf uns wirken lassen. Mit der Antwort haben wir genug Zeit. Schließlich erwacht das universalistische Bewusstsein erst langsam in uns.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Benennungen auf dem inneren Weg

Wenn wir Dingen, die wir wahrnehmen, Namen anhängen, dient uns das zur Orientierung, zum Wiedererkennen, zum Einordnen etc. „Das ist ein Auto“, dann weiß ich, wie ich mich verhalten muss. Dabei abstrahieren wir, ziehen also Merkmale aus dem Ding heraus und bilden daraus ein mentales Konstrukt. „Das Auto“ gibt es nur in unserem Hirn. Kein wirkliches Auto entspricht perfekt diesem Hirninhalt.

So machen wir es auch mit inneren Erfahrungen. „Mir schmeckt die Orange“, und ich bilde ein inneres Konstrukt von „schmeckt gut“. Ich füge es in die entsprechende Datenbank ein, in die Abteilung „schmeckt gut – Orange“. So oder so ähnlich verarbeiten wir innere Erfahrungen, die uns dann als Vergleichsmaßstab für neue Erfahrungen dienen: „Diese Orange schmeckt noch besser als jene…“.

Wenn wir uns auf den inneren Weg begeben, auf die Suche nach der Freiheit oder nach der Wahrheit, oder wie immer wir auch diesen Weg beschreiben (selbst der Ausdruck „Weg“ ist eine Beschreibung), laufen wir immer wieder Gefahr, die Beschreibung mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Ich kann z.B. sagen: „Ich bin ja auf dem Weg“, um mich vor mir selbst zu entschuldigen, dass ich wieder einmal in eine alte Falle meines Egos gestolpert bin. Dann nutze ich die Beschreibung dafür, gleich in die nächste Ego-Falle zu tappen, die mir suggeriert, es gäbe etwas zu entschuldigen.

Versprachlichte Erfahrung


Erfahrung und Benennung der Erfahrung klaffen auseinander. Sobald ich eine Erfahrung auf die sprachliche Ebene bringe, wird sie eine andere, und mischt sich dabei mit kognitiven Inhalten, wie Erinnerungen, Einstellungen, Konzepte, Werte usw. Versprachlichte Erfahrung ist also sinnliche Erfahrung plus Gedanken, Momentanes angereichert mit Vergangenem.

Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, Erfahrungen ohne deren Versprachlichung zu erleben, ist bei den Sprachforschern und Philosophen heftig umstritten. Wie auch immer dieser Streit ausgeht, wichtig erscheint mir, die Klarheit zu behalten, dass es den Unterschied gibt, dass es also eine Erfahrung gibt und deren Benennung, die nicht das Gleiche sind. Sonst laufen wir Gefahr, uns in den Worten zu verlieren und die eigentliche Erfahrung zu übersehen oder gering zu schätzen.

Ein Unterschied zwischen Erfahrungen und Worten liegt darin, dass Erfahrungen fließend sind, sich dauernd verändern, neu formieren und wieder auflösen, während Worte unveränderlich gleich bleiben. Deshalb kann der Satz: „Ich bin traurig“ auf der Erfahrungsebene viele verschiedene Gesichter wiedergeben. „Ich bin traurig“, auch wenn sich das Gefühl gerade aufbaut oder fast schon abgeebbt ist, flach oder intensiv ist. Sprache kann nie so reichhaltig sein wie die Erfahrung, die sie zum Ausdruck bringen will.

Empfindungen und Gefühle


Empfindungsbenennungen sind näher an der Erfahrungswelt als Gefühlsbenennungen. Denn als Empfindung meldet sich unser organisches Leben bei unserem Bewusstsein. Empfindungen sind die einfachste Botschaft, die der Körper an die bewusstseinsfähigen Schichten unseres Gehirns schickt. Dort bilden sich dann mit Hilfe der Gefühlszentren (limbisches System) aus Empfindungskomplexen die eigentlichen Gefühle. Wenn wir also unsere Empfindungen benennen (es juckt hier oder drückt da, hier fühlt es sich kalt oder heiß an usw.), sind wir so nahe an der Schnittstelle zwischen den beständig ablaufenden Lebensprozessen unseres Körpers und deren Bewusstwerdung, wie nur möglich. Solche Benennungen schmiegen sich den Lebensprozessen gleichsam ganz nahe an und zeigen auch deren Veränderbarkeit und Flüchtigkeit. Sie sind deshalb selber beweglicher und flexibler.

Je weiter wir an der Abstraktionsleiter nach oben steigen, desto allgemeiner werden unsere Beschreibungen. Sie umfassen damit mehr Phänomene und vereinigen sie zu Gruppen, dienen damit der Vereinfachung, zugleich werden sie auch unkonkreter und neigen zur Verselbständigung. Wir sprechen solche Begriffe aus, ohne genau zu wissen, auf welche Erfahrungen sie sich beziehen und wie aktuell sie sind.

Identitätswechsel in der spirituellen Suche


Solche Formen der Verselbständigung von abstrahierten Begriffen können schließlich zu Identitätszuschreibungen führen. „Ich bin ein neuer Mensch“. So können wir uns nach tiefgreifenden inneren Transformationserfahrungen fühlen. Um diesem Gefühl eine begriffliche Stütze zu geben, suchen wir nach den geeigneten Benennungen, die uns diese Erfahrungen absichern sollen.

Manche Menschen nutzen spirituelle Namen zu diesem Zweck. Sie geben sich oder lassen sich einen neuen Namen geben. Damit wollen sie eine Zäsur zwischen einer alten und einer neuen Identität markieren. Das kann hilfreich sein, um sich an die spirituelle Berufung zu erinnern, die mit dem neuen Namen verbunden ist. Allerdings hat die Identität immer zwei Seiten, eine, die gleich bleibt, und eine, die sich wandelt. Ein neuer Name ändert daran nichts, er stellt nur den Aspekt der Veränderung in den Vordergrund. Der andere, die Beständigkeit der eigenen Identität, macht sich bemerkbar, sobald die alten Gewohnheiten und die Themen der Vergangenheit auch in der neuen Identität auftauchen.

Der innere Erfahrungsprozess, mit seinen Bahnen, Wirbeln und Verwerfungen, erfährt keinen grundlegenden Wandel durch den Wechsel des Namens. Denn die neue Identitätszuschreibung erfolgt auf einer hohen Ebene der Abstraktion. Deswegen wählen manche Menschen einen dritten Namen oder kehren irgendwann wieder zum ersten zurück.

Doch sind wir frei in der Wahl der Mittel und Methoden. Wem es hilfreich und förderlich erscheint, einen „spirituellen“ Namen anzunehmen, dem kann es als Erinnerungsstütze dienen, als Wecker, der hilft, aus dem Alltagsschlummer zu erwachen. Zäsuren können wichtige Entwicklungsschübe auf dem inneren Weg bewirken. Wie bei jeder Methode, gibt es Vorteile, die auf dem Weg weiterhelfen und Fallen, die den Weg behindern und verzögern können. Deshalb ist es weder falsch noch notwendig, sich einen neuen Namen geben oder geben zu lassen.

Lehrer und ihre Titel


Wie verhält es sich mit den ungeschützten Markenbezeichnungen im Feld der Wachstumsangebote? Wie ist das mit den „Erleuchteten“, „Meistern“, „Erwachten“, „voll Realisierten“ usw.?

Die Benennung „Meister“ oder „Meisterin“ erhält man üblicherweise durch Ernennung in einer ehrwürdigen Linie im Rahmen einer spirituellen Tradition mit überlieferten Regeln und sind manchmal auch mit Namensänderungen verbunden. Ein Meister erfordert Schüler, die ihn als solchen anerkennen, verehren und ihm in die Bereiche seiner Lehre hinein folgen. Die Lehre umfasst dabei zumeist Bereiche des Wissens wie auch der Lebenspraxis und der Beschreibung der Stufen, die die Schülerin auf dem Weg absolvieren muss.

Die anderen genannten Bezeichnungen haben mit besonderen Innenerfahrungen zu tun, die zwar bei Meistern vorausgesetzt werden, aber nicht das Hauptkriterium ihres Meisterseins ausmachen. Menschen, die bei anderen Lehrern oder Meistern oder einfach selber einen tiefgreifenden inneren Wandlungsprozess erlebt haben, der ihnen ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt, übernehmen dann gerne Zustands- oder Identitätsbeschreibungen wie „Ich bin erwacht“, „Ich habe den inneren Frieden gefunden“, „Ich ruhe in meiner inneren Heimat“ usw., wenn sie bemerken, dass es sich nicht um vorübergehende Erfahrungen, sondern um einen beständigen und dauerhaften Zustand geht.

Wozu dienen nun diese Selbstbezeichnungen? Sie helfen, der Innenerfahrung einen Rahmen und einen Bezugspunkt zu geben. Wir wollen verstehen und kommunizieren können, was mit und in uns passiert, und ein Name oder eine Bezeichnung unterstützt uns dabei.

Subtiles Vergleichen und die Herzenskraft als Gegenmittel


Die Falle liegt ganz offensichtlich darin, dass sich das Ego daraus einen neuen Anzug schneidert, vor allem, wenn die neue Selbstbezeichnung plakativ nach außen getragen wird. Ich bin etwas Besonderes, ich bin schon weiter auf dem Weg, und wer sich nicht in einem Zustand wie dem meinen befindet, ist zu bedauern. Jedenfalls entstehen zwei Gruppen von Menschen, die mit und die ohne Erleuchtung, Erwachen, Realisierung. Der Unterschied, der in seiner eigenen Entwicklung erlebt wird, wird nach außen verlagert. Wie kann ich den Unterschied wahrnehmen ohne Wertung? Statt in der Selbstwahrnehmung zu bleiben, beginnt das Vergleichen. Die anderen, die noch in ihrem Leiden und in ihren Egomustern stecken, werden in ihrer Mangelhaftigkeit gesehen und, wie ginge das dann anders, subtil abgewertet und verachtet.

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die innere Öffnung in abgehobene spirituelle Bereiche mit ganz außergewöhnlichen Erfahrungen geführt hat, ohne dass sich damit die Liebesfähigkeit erweitert und vertieft hätte. Die Kraft des Herzens ist das Gegenmittel gegen Abwertungen und Überheblichkeiten. Das Herz kann nicht vergleichen, sondern spürt das heile innere Wesen in jedem Menschen. Für das Herz gibt es keine Unterschiede auf dem Weg, sondern nur Menschen, die sich in ihrer Eigenart zeigen und weiterentwickeln. Das Herz schließt sie alle ein in einen Mantel aus Liebe.

Wenn sich in einem Menschen diese Kraft nicht in ihrer möglichen Fülle entwickeln kann, was genauso eine Gnade darstellt wie jede andere spirituelle Erfahrung, ist eine Vermischung der spirituellen Lehre mit Machtthemen unvermeidlich. Oft auch gelingt es dann dem Lehrer nicht, die Ideale der Lehre in das Alltagshandeln und den Umgang mit Menschen zu übersetzen.

Das Herz benötigt keine Namen, Bezeichnungen und Benennungen. Es weiß, dass es keine festgelegten Wirklichkeiten gibt, sondern nur das Fließen, das sich jenseits der Worte abspielt.

Rumi sagt: „Liebe zu erklären ist peinlich! Manche Kommentare können klärend wirken, aber mit der Liebe ist die Stille klarer. Eine Feder kritzelte vor sich hin, aber als sie versuchte, Liebe zu schreiben, brach sie.“

Und Schibli: „Wer meint, er sei angekommen, hat nichts erreicht. Wer darauf deutet, ist ein Götzendiener. Wer darüber spricht, ist leichtfertig. Wer denkt, er sei nah, kommt nie an. Wer tut, als habe er gefunden, hat verloren.“