Montag, 17. November 2014

Kritische Fragen an die Reinkarnationstherapie


Reinkarnation ist ein Glaubenssystem, das vor allem in Asien, im Hinduismus und Buddhismus verbreitet ist. Die Reinkarnationstherapie beruht auf einer Idee, die im Zusammenhang mit der New-Age-Bewegung in den USA entstanden ist. Sie vertritt die Idee, dass die psychischen und körperlichen Leiden der Menschen auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, die in früheren Inkarnationen erfolgt sind. Durch die Regression in diese früheren Leben können die Traumen aufgelöst werden.

Wenn wir an innerer Heilung interessiert sind, ist es notwendig, die Themen unseres
http://de.toonpool.com/cartoons/Reh-inkarnation_228073
Lebens, vor allem unserer Kindheit ebenso wie unserer Geburt und der vorgeburtlichen Zeit sowie die transgenerationalen Themen durchzuarbeiten. Wenn wir über hundert oder noch mehr Vorleben verfügen, wie behauptet wird, müssten wir auch aus diesen Leben die "karmisch" übertragenen Traumatisierungen bearbeiten, also die Kindheits-, Geburts-, Pränatal- und Generationaltraumen dieser Vorleben bearbeiten, zusätzlich noch die spezifischen kollektiven Ängste zu den jeweiligen historischen Zeiten sowie die oft besonders drastischen Traumatisierungen durch die jeweiligen Todesarten.

Wenn wir uns z.B. das Leben einfacher Menschen im Mittelalter vorstellen, und die Unsicherheiten, das Ausgeliefertsein an die Wetterbedingungen, die Grausamkeiten und willkürlichen Bestrafungen, die häufigen Kriege und Seuchen, die damals herrschten, nur annährungsweise mit den Lebensbedingungen zur heutigen Zeit vergleichen, müssen wir zugeben, dass wir heute in den wohlhabenden Ländern auf einem wesentlich niedrigerem Niveau leiden.

Wir reden z.B. seit weniger als hundert Jahren von Bindungssicherheit, deren Bedeutung für das psychische Wohlergehen und die Beziehungsfähigkeit verständlich geworden ist. In einer Zeit, in der unzählige Kinder unehelich geboren, ausgesetzt oder dem Verhungern preisgegeben wurden, können wir davon ausgehen, dass sichere Bindungen seltene Glücksfälle in generell hochgradig unsicheren Zeiten waren. 

Wenn wir nun annehmen, dass alle diese unglücklichen Kinder, bar jeder Bindungssicherheit, neue Inkarnationen gesucht haben, um ihr „Karma zu verbessern“, müssen sich all diese furchtbaren Traumatisierungen bis in die Seelen der heute lebenden Menschen übertragen haben. Wer aber von den Reinkarnationstherapeuten bearbeitet solche pränatalen oder frühkindlichen Traumatisierungen im Detail und in der notwendigen Breite, Tiefe und Intensität, wie sie bei solchen komplexen Traumatisierungen angewendet werden müsste? Da müsste die Heilung von solch einem einzigen furchtbaren Schicksal, das angeblich in der Seele abgespeichert ist, Jahre an Therapie brauchen. 

Wenn die Grauen jenes Leben nun geheilt wären, öffnete sich dahinter gleich das nächste, und das könnte noch schrecklicher sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und die endgültige Heilung müsste wieder um ein paar hundert Sitzungen verschoben werden.

Natürlich wird es als Erleichterung erlebt, wenn die Ängste, die z.B. mit einer Verbrennung als Hexe in einem früheren Leben verbunden sind, bewältigt sind. Wahrscheinlich heilt dabei die Therapie aber nur das Problem, das sie selber aufwirft. Das Erleichterungsgefühl kann einfach auf all die anderen Faktoren zurückgeführt werden, die üblicherweise bei einer Therapie wirken: Die unterstützende Umgebung, die respektvolle Zuwendung, das Verständnis und ein geteiltes Weltbild. 

Die eigentlichen Verletzungen, die dieser Körper und diese Seele im Lauf dieses Lebens erfahren mussten, werden durch die scheinbaren Heilungen noch besser verdrängt. Denn es erleichtert, wenn die Wurzel des eigenen Leidens nicht in diesem Leben, in diesem Körper, sondern irgendwo in einer grauen Vorzeit und in einem völlig anderen Körper gefunden werden kann. Dann muss ich nicht tief in die Geschichte meines Leibes und meiner frühkindlichen Beziehungen eintauchen, dann brauche ich mich nicht mit den Bezugspersonen in diesem Leben auseinandersetzen, sondern verziehe mich kurzfristig in eine Vorzeit, von der ich nur ein paar Umstände erinnere. Einfacher ist es, böse Eltern aus einem früheren Leben anzuklagen als die realen Eltern im jetzigen Leben.

Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.                                                                        

Therapie ohne Beziehungsheilung


Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.

Denn es zählt zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Aspekten der inneren Heilung, sich mit den Menschen, die das eigene Leben am tiefsten geprägt haben, auseinanderzusetzen. Die erwachsenen Menschen, denen wir am Anfang unseres Lebens begegneten, haben wir all unsere Liebe, Wertschätzung und Hochachtung entgegengebracht, derer wir mächtig waren. Dann zu erkennen, dass sie Menschen mit Fehlern sind, die uns Leid zugefügt haben, uns Schmerzen bereitet und Zorn und Hass geweckt haben, die uns eingeschränkt, manipuliert und kontrolliert haben, ist der zentrale Schritt zur eigenen Autonomie, und dann wieder zu einer versöhnlichen Haltung zu diesen Menschen zu finden, ist der Weg zum Frieden. Dieser komplizierte, aufwändige und anspruchsvolle Weg der Heilung wird einfach umgangen, wenn ich Vorleben nach Vorleben durchwandere und dort diese und jene Themen bearbeite.

Wir bewegen uns also reinkarnationstherapeutisch immer auf doppeltem Boden, die realen Themen aus einem realen Leben werden auf frühere Leben projiziert, dort therapeutisch bearbeitet und sollen dann wieder ins jetzige Leben zurück transferiert werden, das ja das einzige ist, für das eine Heilung Sinn macht. Warum nicht gleich in diesem bleiben und dorthin zurückgehen, wo die Ursprünge des Leidens sind? Wir müssen dazu nur auf die durch nichts beweisbare Glaubensannahme verzichten, dass unsere seelischen Probleme ihre Wurzeln in früheren Leben haben. 


Reinkarnation und Dissoziation


Wie an anderer Stelle ausgeführt, könnte es sein, dass die Idee der Reinkarnation auf traumatische Dissoziationen zurückgeht. Wir kommen deshalb auf die Idee, dass die Seele vom Körper getrennt sein könnte, weil wir in einer Traumasituation diese Erfahrung scheinbar gehabt haben. Tatsächlich ist ja die Dissoziation ein Vorgang, den unser Gehirn produziert.

Der doppelte Boden, auf dem die Reinkarnationstherapie arbeitet, ist dann nichts anderes als eine traumabedingte Dissoziation. Wenn das stimmt, kann die Traumaerfahrung nie in der Reinkarnationssituation aufgelöst werden, weil diese nur durch die therapeutisch herbeigeführte Dissoziation zugänglich ist. Jede Regression in ein Vorleben ist damit eine Retraumatisierungserfahrung, die immer nur eine scheinbare Lösung einer Thematik bewirken kann, also im besten Fall Symptome verbessern, aber nie eine grundlegende Heilung erreichen kann.


Reinkarnation als Ego-Erweiterung


Dazu mag die folgende Überlegung dienen: Die Erweiterung der Seele über die Lebensdauer des Körpers hinaus ist eine Größenfantasie des Egos, das sich nicht mit seinem Begrenztsein abfinden kann. Es brüstet sich seines immateriellen Seins und meint, dass es nicht auf einen Körper, auf etwas Festes und Vergängliches angewiesen ist, sondern dass es über den Grenzen und über den Gesetzen der Festkörper steht. Es behauptet von sich, etwas grundlegend anderes zu sein als dieser Körper. Das ist es natürlich, weil es nicht körperlich ist. Zugleich ist es aber ohne Körper nicht erlebbar, denkbar, vorstellbar. Es lebt nur, weil es mit und in einem Körper existieren kann.

Das Ego identifiziert sich dabei mit der Seele, nimmt sie gewissermaßen in Besitz und tut ihr dafür den Gefallen, sie für unsterblich zu erklären – ein Teufelspakt gewissermaßen: Ich verspreche dir ewiges Leben, wenn du dich mir ganz unterwirfst. Du brauchst keine Angst mehr zu haben vor dem Ende dieses Körpers, du kannst immer wieder in neue Formen hineinschlüpfen, auf diesem Weg reifer und reifer werden und irgendwann ins Nirvana eingehen. So bleibt das Ego unangefochten in seiner sicheren Position, die Befreiung von ihm ist in weite Ferne gerückt – sicher nicht mehr in diesem Leben.


Integrierende Sichtweise als Alternative


Vertreten wir eine integrierende Sichtweise, so wird klar, dass das Materielle nur durch Immaterielles materiell sein kann, und das Immaterielle nur durch das Materielle immateriell. Wenn wir sagen, dass diese beiden Aspekte aufeinander angewiesen sind, so ist die Formulierung insoferne missverständlich, als sie eine Abhängigkeit suggeriert. Denn der Begriff einer Abhängigkeit macht dort keinen Sinn, wo Dasein nur ist, wenn beides ist. Damit etwas existieren kann, braucht es das Materielle und das Immaterielle. Sobald etwas ist, ist es materiell und immateriell. Vorher und nachher ist nichts.

Dazwischen, im Reich des untrennbar Einen, ist jede Fantasie möglich, und jede von diesen ist wiederum zugleich immateriell (die fantasierten Bilder) und materiell (die für die Entstehung der fantasierten Bilder notwendigen neuralen Aktivitäten). Und sie ist immer in diesem Hier und in diesem Jetzt und dient uns für unsere Zwecke hier und jetzt.

Wenn wir therapeutisch arbeiten, müssen wir immer den Weg von der Fantasie in die Realität, vom assoziativen Denken in die Gefühle und in den Körper gehen. Fantasieren können wir immer, das kann lustig und kreativ sei. Genießen wir unser Fantasieren und bleiben wir uns dabei bewusst, was es ist: Das Schaffen einer irrealen Welt im Kopf. Das wird aber nicht reichen, wenn wir die Befreiung von unseren Beschränkungen finden wollen. Dafür brauchen wir den Aufputz von bunten früheren Leben nicht.


Wer dennoch Reinkarnationstherapeut werden will, findet im Internet Angebote  ab drei Tagen Ausbildung: Zitat: "Bei uns lernst Du die wahrscheinlich einfachste und wirksamste Art der Reinkarnationstherapie im deutschen Sprachraum. Deine Erfolge werden uns recht geben! Kompakt– Einfach – Wirksam – Erfolgreich. Diese Ausbildung erstreckt sich über 3 Seminartage." Kosten: € 990,-.

Mittwoch, 12. November 2014

Über den Ursprung des Bösen und des Hasses

Gibt es einfach böse Menschen oder werden Menschen böse, obwohl sie gut sein wollen? Gibt es Menschen, die aus ihrem tiefsten Wesen heraus hasserfüllt sind, oder hassen Menschen, weil sie selber abgelehnt und unterdrückt wurden?

Lange Zeit war diese Frage strittig und abhängig von der anthropologischen Grundannahme: Das Böse ist im Menschen grundgelegt, z.B. als Folge seines Aggressionstriebs bzw. eines entsprechenden Gens, oder das Bösesein ist ein Verhalten, das anerzogen oder ankonditioniert wurde.

Ich denke, dass diese Frage mit dem Fortschritt an psychologischer Einsicht, auch unterstützt durch die moderne Hirnforschung eindeutig beantwortet werden kann. Dazu stelle ich zwei Argumente vor.

Das erste Argument wurzelt tiefer und geht auf die Geschichte der Menschheit ein, von den Anfängen bis jetzt. Aggression und Gewalttätigkeit waren zu jeder Zeit die Ausnahme in Vergleich zu prosozialen Handlungen. Sonst wäre das weitere Bestehen der Menschheit gescheitert. Ohne Fürsorge und liebevolle Unterstützung kann keine Generation heranwachsen. Auch wenn in frühen Kulturen das relative Ausmaß an Gewalttätigkeit größer war als in späteren Gesellschaftsformen, wie Steven Pinker (Gewalt. Die neue Geschichte der Menschheit. Fischer: Frankfurt 2013) nachweisen konnte, gilt auch hier schon die Regel, dass prosoziales Handeln die Regel und Aggression die Ausnahme war. Deshalb kann das erste Argument so formuliert werden: Menschliche Gemeinschaften brauchen, um langfristig existieren zu können, ein hohes Maß an freundschaftlicher Zwischenmenschlichkeit, und  böses Handeln findet deshalb nur in eingeschränktem Maß in besonderen Situationen statt, das auch im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsordnung sanktioniert wird.

Das zweite Argument stammt aus der psychologischen Perspektive. Menschen kommen nicht als „böse“ auf die Welt. Vielmehr sind sie für das Leben nach der Geburt mit einem hohen Maß an Liebesfähigkeit ausgestattet, das sie brauchen, um die erwachsenen Menschen für sich zu gewinnen. Schließlich müssen diese für sein Überleben sorgen. Alles, was das Baby dafür einsetzen kann, ist sein Charme, der die Herzen der Großen erweichen soll und im Normalfall das Fürsorgeverhalten auslöst.

Wenn die Erwachsenen um das Baby zu selten und immer wieder falsch auf diesen Appell reagieren, wenn sie also immer wieder die Bedürfnisse ignorieren oder nur mangelhaft erfüllen, dann schwindet der Charme des Babys, und die Liebesfähigkeit schrumpft in dem Maß, in dem sie nicht erwidert wird. Statt dessen wird das innere Gleichgewicht im Baby zerstört, es verliert zunehmend die Fähigkeit, sich nach dem Stress von drängenden Bedürfnissen wieder zurückregulieren zu können. Es baut sich eine grundlegende chronische Stressbelastung auf. Diese nimmt diejenigen Bereiche in der inneren Landschaft ein, die vorher von liebevollem Verhalten besetzt waren. Gleichsam in den verwahrlosten Arealen der Seelenlandschaft machen sich Aggression und Hass breit. Meist werden diese verödeten Landstriche des Inneren versteckt und abgeschirmt von der bewussten Einsicht, aber sie machen ihren Einfluss indirekt geltend.

Menschen mit chronifiziertem Stress haben im Grund nur zwei Möglichkeiten: Aggressiv oder depressiv zu werden. Manchmal ergeben sich auch Mischtypen. Und aus der therapeutischen Praxis wissen wir, dass Depressive zumeist und vor allem unter ihrer unterdrückten Wut leiden.

Also lautet das zweite Argument: Menschen werden böse, wenn ihnen Böses zugefügt wurde. Sie sind hasserfüllt, weil ihnen Hass entgegengebracht wurde. Sie können auch als Erwachsene nicht anders, weil ihnen insbesondere in Stresssituationen die Verhaltensalternativen fehlen. Sie können auf zu wenig Ressourcen im prosozialen Verhalten zurückgreifen, sodass sie aggressiv und hasserfüllt reagieren, wenn sie in eine Notlage kommen.

Sie neigen dann dazu, das, was ihnen selber in der frühen Zeit ihres Lebens angetan wurde, auf andere Menschen, die ihnen nichts getan haben, zu projizieren. Dazu eignen sich bekanntlich Menschengruppen, die als Außenseiter definiert werden. Diese kriegen dann den Hass ab, der eigentlich den Menschen gelten sollte, die die „Täter“ einer kindlichen Unterversorgung oder eines emotionalen oder sexuellen Missbrauchs waren, die also die erwachsene Verantwortung für Traumatisierungen hatten, die den Kindern widerfahren sind.

Die „Täter“ sind geschützt durch das mangelhafte Gedächtnis für solche schlimmen Erfahrungen. Denn wir haben einen Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, dass wir uns immer wieder an besonders schwierige und schmerzhafte Erfahrungen erinnern. Wir können mit Hilfe dieses Mechanismus zwar weiterleben, aber mit beschränkter Lebenskraft und Lebensfreude. Statt dessen tragen wir ein Potenzial an Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Hass mit uns herum. Dieses Potenzial kann dann jederzeit hervorbrechen und auf Unschuldigen abgeladen werden. Besonders eigenen sich für diese undankbare Rolle die eigenen Kinder, da uns deren Heranwachsen besonders an unsere eigene Kindheit mitsamt ihren Mängeln und Widernissen erinnert.

Damit kommen wir gleich zu der Erklärung, warum ich „Täter“ unter Anführungszeichen gesetzt habe. Wenn nämlich dieses Argument stimmt, dann waren Täter immer zuerst Opfer. Menschen werden nur zu bösen Tätern, wenn sie selber Böses erlebt haben und erleiden mussten. Solche Erfahrungen, die nicht verarbeitet werden konnten, reduzieren die Möglichkeiten für das Tun des Guten. Denn das Tun der Guten kann nur heranwachsen, wenn es vorgelebt und konsistent erwidert wird.

Wir brauchen also den „bösen“ Menschen kein unabänderliches Schicksal infolge einer schlechten genetischen Ausstattung, eines angeborenen mangelhaften Charakters andichten, sondern können darauf setzen, dass böses Verhalten eine Schutzhandlung darstellt, die nicht freiwillig und mit voller Verantwortung übernommen wird. Vielmehr wird sie gewählt, weil keine Alternative zur Verfügung zu stehen scheint, wenn der Stress und die innere Anspannung zu groß sind.

An anderer Stelle wurde schon dargelegt, dass es zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen der Liebe und dem Hass, kein Kontinuum wie zwischen hell und dunkel gibt, sondern dass wir das eine (das Gute) als das Normale des Menschen ansehen können, das er mehr oder weniger gut erfüllen kann, und das andere (das Böse) als die Ausnahme, die in Zuständen innerer Not gewählt wird.

Zum Weiterlesen:  
Liebe und Hass - eine Polarität?
Der Bösewicht in uns

Donnerstag, 6. November 2014

Halbwahrheiten - schlimmer als Unwahrheiten

Eine Halbwahrheit kann schlimmer sein wie eine Unwahrheit. Denn die Halbwahrheit verführt und verwirrt. Die Unwahrheit ist leichter durchschaubar, wir verfallen ihr entweder ganz oder durchschauen sie gleich. Die Halbwahrheit dagegen benutzt einen Aspekt der Wahrheit und verschleiert ihn gleichzeitig. Sie gibt eine unhaltbare Zusicherung oder erhellt, was sich im gleichen Atemzug wieder verbirgt. Sie will befreien, bereitet aber in Wirklichkeit ein schlechtes Gewissen. Sie vermischt Relatives mit Absolutem, so als könnte das Absolute das Relative rechtfertigen. Deshalb oszilliert die Halbwahrheit, sie will uns beruhigen, während sie uns gleichzeitig aufregt. Thornton Wilder meinte einmal: "Jede Halbwahrheit ist eine Dreiviertellüge."

Ein Beispiel dazu ein bekannter Text, der in verschiedenen Versionen durch die Netzwerke geistert und eine Reihe von Kettenbriefen initiiert hat:

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde mehr Eis und weniger Bohnen essen. Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr Bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten; freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben; nur aus Augenblicken; vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen. Und ich würde mehr mit Kindern spielen, wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie … ich bin 85 Jahre alt und weiß, dass ich bald sterben werde."

Schon die Geschichte des Zitates hat mit Halbwahrheiten zu tun. In manchen Quellen wird es Jorge Luis Borges zugeschrieben, dessen Herausgeber und Witwe die Zuschreibung vehement bekämpfen. Der Text passt ja so überhaupt nicht zum Schreibstil von Borges. Tatsächlich dürfte der Urheber der ersten Fassung ein amerikanischer Humorist namens Don Herold gewesen sein. Manche Ähnlichkeit scheint es mit einem "Abschiedsbrief" von Gabriel Garcia Marques zu geben, den dieser lang vor seinem Tod verfasst hat. Und immer wieder scheint eine Frau namens Nadine Stairs oder Nadine Strain als Verfasserin auf. Offenbar hat sich eine Art Stille-Post-Effekt ergeben, dass irgendeine Urfassung des Textes mit jeder Weitergabe verändert, ergänzt und/oder gekürzt wurde, sodass mittlerweile die unterschiedlichsten Fassungen kursieren.

Abgesehen von der Herkunfts- und Zuschreibungsgeschichte des Zitats liegt die halbe Wahrheit seines Inhalts darin, dass es die Menschen darauf aufmerksam machen will, dass sie das Leben jeden Augenblick genießen und annehmen sollen, was viele als hilfreichen Hinweis auf eine gültige Wahrheit verstehen können: das Leben besteht nur aus den Augenblicken, in denen es erlebt wird.

Verpackt ist diese Wahrheit allerdings in einen Kontext des erbaulichen Ermahnens und des Bedauern über Versäumtes: Begehe nicht die Fehler, die ich begangen habe, iss rechtzeitig genug Eiskreme, mit 86 könnte es zu spät sein, und dann ist der Appetit darauf möglicherweise dahin. Die Leserin wird erkennen, dass sie bisher zu wenig barfuß gelaufen ist, und dann wird ihr vielleicht einfallen, dass sie schon zu lange in der Großstadt lebt, wo das nicht so einfach geht zwischen Frühling und Spätherbst.

Offenbar sollen wir uns fragen, ob wir nicht doch ziemlich falsch gelebt haben. Solange noch Zeit ist, sollten wir auf die richtige Lebenslinie einschwenken, denn schnell könnte es zu spät sein, und dann droht ein in der Rückschau verpfuschtes Leben.

So liest sich der Text unterschwellig als eine Aufzählung von Versäumnissen, von "Zuwenigs". Wir sollen unser Leben als ein Leben erkennen, das anders gelebt hätte werden sollen. Hier wird es allerdings zu einem Zeitpunkt festgestellt, an dem es schon zu spät ist - von jemandem, der von sich behauptet, im Augenblick zu leben. Der Text dürfte wohl in einem Augenblick entstanden sein, indem das Bedauern über die Mängel und Versäumnisse der Vergangenheit überhand genommen haben.

Niemandem ist zu verdenken, melancholisch auf das Unwiederbringliche der Vergangenheit zurückzuschauen, und niemand ist angehalten, widerspruchsfreie oder schlüssige Texte zu schreiben. Der Text kann ja auch unter Poesie eingereiht werden, und da gelten andere Kriterien als die des Wahrheitswertes.

Es verwundert jedoch, welch weite Verbreitung solch ein Text finden kann, der eine besondere Qualität der Weisheit für sich reklamiert und es doch nur zur Hälfte schafft. So schwingt er zwischen Erbauung und Ermahnung, vergleichbar den Ungewissheiten seiner Herkunft.

Dem Bereich der Wahrheitssuche hingegen entzogen und in elegant frivolen Humor übertragen hier die Version von Marlene Dietrich: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe."

Zum Weiterlesen:
Die Jagd nach der Erfahrung

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft


Die Erste-Person-Perspektive und die Dritte-Person-Perspektive


Wenn wir über Wissenschaft reden, meinen wir üblicherweise eine Wissenschaft, die auf der Dritten-Person-Perspektive (3PP) begründet ist. Eine solche Wissenschaft beruht auf objektiven Fakten und auf Schlussfolgerungen, die auf Regeln beruhen, die von einer breiten Öffentlichkeit geteilt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen valide und wiederholbar sein, sodass sie auch von anderen Mitgliedern der wissenschaftlichen Gemeinschaft überprüft werden können. Das Prinzip der Falsifizierbarkeit nach Karl Popper sollte anwendbar sein: Es muss bei einer Theorie grundsätzlich möglich sein, dass ihre Falschheit bewiesen werden kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind solche, die keine absolute Geltung in Anspruch nehmen.


Wissenschaft des inneren Sinns


Auch wenn das die gewohnte Form von Wissenschaft ist, die wir gut kennen, so ist es doch nicht die einzige. Denn neben der 3PP verfügen wir immer auch über eine 1-Person-Perspektive (1PP), ein unmittelbares Wissen über uns selbst, das nur uns selbst zugänglich ist. Wo es Wissen gibt, kann es grundsätzlich auch eine Wissenschaft geben. 

Worin könnte nun eine Wissenschaft der Ersten-Person-Perspektive (1PP) bestehen? Deren Daten sind subjektiv und nur für die inneren Sinne zugänglich. Folglich sind sie singulär und einzigartig. Es gibt keine Möglichkeit zur Wiederholung und Falsifikation im traditionellen Sinn. Dennoch können die Daten und die Theorien, die aus ihnen abgeleitet sind, kommuniziert, evaluiert und verglichen werden.

Als die Wissenschaften begannen, die Welt der Kognitionen zu erobern, war die 1PP-Wissenschaft so wichtig und anerkannt wie die 3PP-Wissenschaft. Es wurde jedoch die 3PP-Wissenschaft im Lauf des 20. Jahrhunderts vorherrschend und diktierte den Goldstandard für Wissenschaftlichkeit, während die 1PP-Wissenschaft an den Rand der Welt der Wissenswelt verbannt wurde. Zusätzlich gewann die 3PP-Wissenschaft eine tonangebende Rolle für Gesellschaft und Politik, indem sie eine zentrale Rolle in der Welterklärung beanspruchte und verlangte, dass vernünftige Entscheidungen für das Leben von einzelnen wie von Staaten auf ihren Prinzipien beruhen sollten.

Die Vorteile der 3PP sind offensichtlich und beziehen sich auf ein Alltagsverständnis von Wahrheit. 3PP-Wissen leitet sich aus Daten ab, die wir über die äußeren Sinne empfangen: Sehen, hören, berühren, riechen, etc. Auf diese Weise nehmen wir Objekte wahr. Die Wahrnehmung der Objekte wird von jedermann geteilt: Wer schon in Paris war, kann bestätigen, dass es dort einen Eiffelturm gibt. Wer noch nicht dort war, kann hinfahren und die Wahrnehmung der anderen bestätigen. Aber sie können auch an das glauben, was ihnen andere berichten: "Ich habe den Eiffelturm mit eigenen Augen gesehen." Das wird zu einer verlässlichen Wahrheit, wenn ihre eine bestimmte Anzahl von Personen zustimmt.

Wenn jemand sagt: "Ich habe gesehen, wie ein Raumschiff in meinem Garten gelandet ist", so würden wir dieser Person nur glauben, wenn es eine genügende Anzahl von anderen Leuten bestätigen könnte. Dann könnten wir einen Konsens über die objektive Existenz des Raumschiffes bilden. Käme jemand und behaupte, dass da kein Objekt wäre, können wir an seinen Sinnen oder seinem Verstand zweifeln. Wenn jedoch eine genügend große Anzahl von Leuten die Existenz des fraglichen Objekts leugnen, müssen wir die Objektivität seiner Existenz aufgeben. (Nebenbei gesagt: 20% der US-Einwohner glauben an außerirdische Entführung - stellen wir uns nur vor, dass nur jene an der Umfrage teilnehmen konnten, die heil von der Entführung zurückgekommen sind - und was machen wir, wenn eines Tages die Zahl der Alien-Überzeugten die magischen 50 Prozent überschreitet?)

Soll also eine Theorie angenommen werden, müssen die Daten und die Schluss folgerungen von der Wissenschaftsgemeinschaft (scientific community) akzeptiert werden. Ohne deren Segen bleibt jedes Forschungsergebnis eine private Spekulation.

Mitglieder dieser Gemeinschaft der Wissenschaftler sind Menschen, die sich gemäß den wissenschaftlichen Standards verhalten. Sie brauchen eine Form der ethischen Integrität, aus der heraus sie sich an die Regeln der Wissenschaft halten und ihnen entsprechend handeln. Es ist also ein 1PP-Standard erforderlich, damit die 3PP-Wissenschaft funktionieren kann. Sich wissenschaftlich zu verhalten, ist keine "normale" Form des Verhaltens, sondern eine sehr exklusive und extravagante Form, sich mit der Welt auszutauschen. Sie erfordert eine gründliche Ausbildung und die Disziplin, Objekte mit Geduld und ohne Vorurteile zu studieren. Z.B. kann das bedeuten, Stunden, Tage und Wochen durch ein Mikroskop oder auf einen Computerbildschirm zu starren. 

Jemand, der nicht bereit ist, diese Disziplin auf sich zu nehmen, wird nicht in der Lage sein, die Theorien irgendeiner Wissenschaft zu wiederholen oder zu falsifizieren. Deshalb verlässt sich die 3PP-Wissenschaft auf 1PP-Qualitäten, die sie braucht, damit sie so arbeiten kann, wie sie arbeitet.


An den Schnittstellen


Gegen Ende des letzten Jahrhunderts und fortgesetzt ins neue Millennium sind neue Tendenzen aus den 3PP-Wissenschaften hervorgegangen, die sich zunehmend den Grenzen der 1PP annähren. Das prominenteste Beispiel dafür sind die Neurowissenschaften, die beträchtliche Fortschritte verzeichnen  konnten und konsequent an der Schnittstelle von Gehirnprozessen und Erfahrungen, von Objektivität und Subjektivität, von 3PP und 1PP arbeiten.

Untersuchungen zum Placebo-Effekt haben paradoxe und widersprüchliche Ergebnisse gebracht. Diese rätselhaften Phänomene können wahrscheinlich nur erklärt werden, wenn eine 1PP dazugenommen wird. Ein anderer Wissenschaftszweig beruft sich auf die Embodiment-Theorie: Körper und Verstand dürfen nicht getrennt betrachtet werden. Jedes Studium des menschlichen Verstandes muss die komplementären Prozesse auf der Körperebene miteinschließen und benötigt dazu folglich eine 1PP.

Die Epigenetik, ein weiterer Zweig der modernen wissenschaftlichen Froschung, konnte belegen, dass die Gene permanent mit ihrer zellulären Umgebung interagieren und ihre Funktionen den aktuellen Bedürfnissen der Zelle und des ganzen Organismus anpassen. Wenn es gelingt, Methoden zu finden, die diese interaktiven Prozesse für Heilungszwecke regulieren und modulieren, dann kann sich hier ein fruchtbares Feld für gemeinsame 1PP- und 3PP-Forschungen eröffnen.

Weitere Gebiete für eine Kombination von objektiver und subjektiver Wissenschaft können in den Psychotherapie-Wissenschaften und in neuen Zugängen in der Medizin wie z.B. in der personzentrierten Medizin gefunden werden. 

Deshalb sollte die Wissenschaftstheorie die neuen Möglichkeiten in der Kooperation und Integration von 1PP und 3PP berücksichtigen: Der Vorzug der 3PP, der in einem allgemein akzeptierten zuverlässlichen Weg zur Gewinnung von objektiven Erkenntnissen und relativen und nützlichen Wahrheiten besteht,  könnte mit einer wissenschaftlichen 1PP kombiniert werden. Denn diese stellt einen unverzichtbaren Zugang zu Daten zur Verfügung, die durch die 3PP niemals gefunden werden können und die wesentlich sind, damit wir uns einer vollständigen Erklärung der Wirklichkeit und ihrer Funktionsweise annähern können

Das ist der Grund, warum wir eine inklusive Form des wissenschaftlichen Wissens am Horizont sehen. Es wird notwendig sein, um einerseits bestmöglich für das menschliche Wohl zu sorgen und andererseits die wissenschaftliche Verlässlichkeit zu gewährleisten. Dazu wird auch die Mitberücksichtigung einer Zweiten-Person-Perspektive erforderlich sein, die das Wissen, das aus zwischenmenschlichen Beziehungen erwächst, zum Gegenstand hat, und einer Ersten-Person-Plural-Perspektive, welche sich um das Wissen kümmert, das sich in kollektiven Erkenntnissen, in der Weisheit von Gruppen, Gemeinschaften und größeren Gesellschaftsformationen findet.

Wir müssen diese Perspektiven in die wissenschaftliche Forschung integrieren, wenn wir ein holistisches wissenschaftliches Modell der Welt erstellen wollen. Daten aus den verschiedenen Quellen der Wahrnehmung sollten gleichermaßen zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen, als Äquivalent zu einer demokratischen Gesellschaft. Dann können wir auch neue Zugänge zu den Fragen um die Gesundheit finden, die auch von Menschen akzeptiert werden können, die sich skeptisch und enttäuscht vom wissenschaftlichen Denken abgewandt haben, weil diesem die 1PP-Erfahrungen fehlen.

Wenn es gelingt, dieses inklusive wissenschaftliche Wissen über die Welt im allgemeinen und über die Menschen im besonderen in eine akzeptable und nutzbringende Form zu bringen, können wir neue Perspektiven zu wichtigen Fragen öffnen: Was ist Gesundheit? Was ist der Mensch? Was ist das Selbst als Horizont für inneres Wachstum?

Aus einem Vortrag zum Thema "What Science can Learn From Breathwork?", gemeinsam erarbeitet von Wolfgang Fellner und Wilfried Ehrmann für die Konferenz der International Breathwork Foundation im Juli 2014 in Irland

Vgl.
Die Verdinglichungstendenz
Das innere Wissen und eine neue Methodologie
Das innere Wissen und sein Beitrag für die Welt

Dienstag, 28. Oktober 2014

Über die Brauchbarkeit des Zufalls

Die interchromosomale Rekombination


Wenn wir Abläufe in der Natur beobachten, wie z.B. die sogenannte „interchromosomale Rekombination“, erkennen wir ein wichtiges und interessantes Funktionsprinzip der Natur. Bei der Rekombination geht es um die Verbindung der Chromosomen nach der Empfängnis, sprich um die Wurzel unserer Individualität.  Die Biologen haben ausgerechnet, dass die zwei Keimzellen, also die Eizelle und die Samenzelle, jeweils aus 8,9 Millionen Möglichkeiten ihres genetischen Setup „auswählen“ konnten. Wenn nun die zwei Chromosomensätze zusammenkommen, um ein neues Menschenwesen zu bilden, gibt es ca. 35 Billionen Kombinationsmöglichkeiten. Außer bei eineiigen Zwillingen ist es damit praktisch ausgeschlossen, dass ein Menschenpaar zwei genetisch gleich ausgestattete Kinder bekommt. Die Natur sorgt also dafür, dass bei der Neubildung des Lebens eine riesige Auswahl und eine praktisch unbegrenzte Variabilität zur Verfügung steht.

Zwei Erklärungsmodelle


Wir können uns für dieses Vorgehen der Natur zwei Erklärungen vorstellen:
In der ersten Erklärung wird der Zufall in die zentrale Position gesetzt. "Von Natur aus" gibt es an dem Entscheidungspunkt, zu dem die Entwicklung führt, eine riesige Anzahl von Möglichkeiten, die es höchst unwahrscheinlich macht, dass zweimal das Gleiche gewählt wird. Zufall heißt dabei, dass es von außen keine Möglichkeit gibt, vorauszusehen, wie die Entscheidung in der Rekombination ausfallen wird. Wir akzeptieren damit, dass es in den biologischen Entwicklungsreihen des Lebens Prozesse gibt, deren Ergebnis nicht logisch aus den Ausgangsbedingungen abgeleitet werden kann, wie z.B. der Vorgang einer Zellteilung an sich. Vielmehr zeigt sich, dass das Neue durch das Alte, das Aktuelle durch das Vorige nicht vorbestimmt ist, sondern dass etwas Überraschendes geschieht und geschehen muss, dass also etwas zufällig geschieht. Diese Erklärung setzt also notwendig den Zufall voraus.

Die zweite Erklärungsmöglichkeit besagt, dass es "hinter" dem Ablauf, der von außen betrachtet als zufällig erscheint, eine planende und kontrollierende Intelligenz gibt, die den Entscheidungsprozess so lenkt, dass sich nichts Gleiches wiederholen kann. Gewissermaßen, bildlich vorgestellt, sitzt jemand vor einer Liste mit 25 Billionen Posten und teilt jedem einzelnen biologischen Prozess, der an den Entscheidungspunkt gelangt, eine Möglichkeit zu, die dann abgehakt wird. Um allerdings sicherzustellen, dass diese Instanz nicht einfach irgendwie blind entscheidet, also zufällig, wird noch behauptet, dass sie sich in jedem Fall überlegt, was sie da entscheidet. Hinter jeder Entscheidung soll also eine Idee oder ein Zweck stecken.

Was ist der Erkenntnisgewinn dieses Modells? Es wird eine nicht-natürliche, also metaphysische Instanz eingeführt, die in der Wirklichkeit nicht vorkommt, die also fiktiv ist, und die garantieren soll, dass die Vorgänge der Natur so ablaufen, wie sie sowieso ablaufen. Die Abläufe in der Natur werden gewissermaßen verdoppelt durch eine Intelligenz, die das alles, was abläuft, absegnet.

Ähnliches haben die Forscher in unserem Gehirn beobachten können: Unbewusste Areale treffen aus einer Auswahl von Möglichkeiten eine Entscheidung, und anschließend stellt die bewusste Instanz fest, dass die unbewusste Wahl eine bewusste, willentliche war. Die unbewusst schon gefällte Entscheidung wird nachträglich mit dem Siegel der Bewusstheit versehen.


Diese Instanz befriedigt also nicht mehr und nicht weniger als ein Sicherheitsbedürfnis, das wir brauchen, und das irritiert wird, wenn etwas Wichtiges, in dem Fall unsere eigene Individualität,"einem blinden Zufall überlassen" bleibt.

Dafür ist es auch gut und nützlich. Wann immer wir mit der Wirklichkeit auseinander fallen, in der wir uns befinden, öffnen wir uns für eine duale Sichtweise, die uns Sicherheit verspricht. Wann immer uns etwas in der Wirklichkeit überfordert, suchen wir etwas außerhalb dieser Wirklichkeit, das uns unterstützt. Wir brauchen eine äußere Instanz, die uns sagt, dass es gut ist, dass wir uns sicher fühlen dürfen. Es geht uns wie Kindern, die vor etwas Angst empfinden, das sie nicht kontrollieren können, und die dann jemanden brauchen, der ihnen sagt, dass sie sich nicht fürchten müssen.

Bescheidenheit


Im Fall der ersten Erklärung bescheiden wir uns damit, dass es inhaltlich nicht erklärbare Übergänge in der Natur gibt, die den Spielraum für Überraschungen lassen. Wir geben uns damit zufrieden, dass die Natur selber dafür sorgt, dass sie sich in einer unbeschränkten Vielfalt weiter entwickelt, ohne dass wir wissen können, in welche Richtung diese Entwicklung geht, weil eben an zentralen Schaltstellen Zufallssituationen vorkommen.

Im Grund ermutigt uns die erste Erklärung also, uns mit dem Zufall zu begnügen und der natürlichen Entwicklung die Spielräume zu belassen, während die zweite Erklärung meint, dass es keinen Zufall, sondern nur Notwendigkeiten geben soll und muss. Dazu wird eine Position eingeführt, die für diese Notwendigkeit sorgt, aber sonst weiter nichts zur Wirklichkeit beisteuert. Beide Positionen befriedigen also ganz einfach unterschiedliche Bedürfnisse - menschliche Bedürfnisse, und sagen nichts darüber aus, was in Wirklichkeit geschieht. Denn dort laufen die Prozesse einfach ab, und an vielen Punkten so, dass es praktisch zu keinen Wiederholungen kommt. Mit einer bescheidenen Erklärung bleiben wir nahe an der Natur dran, ohne ihr etwas Nichtnatürliches hinzufügen zu müssen.

Wir sind frei, es beim Zufall zu belassen oder eine weitere Ebene einzuführen, die den Zufall in eine Notwendigkeit umwandelt. Doch sind wir gut beraten, uns klarzumachen, dass wir selber es sind, die ein solches Erklärungsprinzip erfinden.

Wir gewinnen die Sicherheit, dass Zufälle einem Prinzip unterworfen sind, und müssen uns dafür auf die Unsicherheit einlassen, die darin liegt, dass das Prinzip selber nicht unserer Kontrolle unterliegt. Die Konsequenz liegt darin, dass jede Form der Kreativität, also auch die menschliche, nicht einem Zufall entspringt, also einem nichtkontrollierbaren Anfang, sondern einem Plan folgt, einem Plan, der an einem übergeordneten Ort ausgegeben wird.

Einfache und komplexe Konzepte


Die Zufallserklärung ebenso wie die Kreationserklärung sind beide Konzepte oder Modelle über die Wirklichkeit. Wir bilden sie im Grund für pragmatische Zwecke, auch wenn wir manchmal wegen Konzepten streiten als ginge es um das eigene Überleben. Es geht also nicht um richtig oder falsch, sondern um brauchbar oder unbrauchbar, nützlich oder nutzlos. In diesem Sinn sind wir frei, uns jenes Konzept auszusuchen, das uns hilfreicher erscheint, um mit den Widrigkeiten des Lebens zurechtzukommen.

Es kann jedoch sein, dass sich kulturelle Gepflogenheiten, soziale Prägungen, Gruppenumgebungen usw. über diese Pragmatik legen und uns deshalb gar keine Wahlmöglichkeit gegeben scheint, sondern klar ist, wie es nur sein kann, weil die anderen meiner Gruppe oder Herkunftskultur so denken.

Wenn wir uns solche Abhängigkeiten klar machen und uns von ihnen distanzieren, kann als weiterer Gesichtspunkt die Frage von Einfachheit und Komplexität dienen. Üblicherweise sind die einfachen Konzepte praktischer als die komplexen. Außerdem, je größer der Aufwand für ein Konzept ist, der mit der Komplexität steigt, desto höher scheint das emotionale Engagement auszufallen. Wir hängen mehr an solchen komplexen Ideen und Erklärungsmodellen als an einfachen. Deshalb neigen wir mehr dazu, sie zu verteidigen und zu propagieren.

Wenn es jedoch darum geht, Konzepte beiseite zu stellen, um den Blick auf das Wesentliche des Erlebens im Moment richten zu können, haben wir es mit einfachen Konzepten leichter als mit komplexen. Der Abbau der unnötigen Denkbelastungen wird dadurch leichter, dass wir überprüfen, worin der wirkliche Gewinn liegt, wenn wir die komplexere Lösung wählen, in unserem Fall die kreationistische. Was verlieren wir, wenn wir darauf verzichten, dass es eine höhere Intelligenz gibt, die bestimmt hat, wer und wie und was wir sind?




Vgl. Wurzeln unserer Individualität
Evolution und Zufall 
 

Sonntag, 26. Oktober 2014

Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele

Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, dass Körper und Seele nicht ein und dasselbe sind, sondern zwei verschiedene Entitäten, die zwar immer wieder zusammen sind, dann aber wieder auseinandergehen können? Viele Menschen glauben daran, dass es nach dem Tod endgültig auseinandergeht und das kurzfristige Zusammensein von Körper und Seele ein für allemal vorbei ist. Viele Menschen glauben auch daran, dass es vor dem Beginn der eigenen Existenz schon die selbständige Seele gegeben hat, die dann in den neu entstehenden Körper „hineinschlüpft“.

Deshalb sind auch häufig Sätze zu hören wie: „Ich passe nicht in dieses Leben“, oder „Dieser Körper ist mir fremd oder zu eng“, „Ich gehöre nicht auf diesen Planeten“ usw. Der Glaube an das Getrenntsein von Körper und Seele bietet eine Erklärung für solche Aussagen, hinter denen häufig eine innere Verzweiflung steckt. Er kann beruhigend und versöhnlich wirken: Jetzt muss ich das noch aushalten, und irgendwann finde ich meinen Frieden wieder, wenn ich diesen Körper verlassen kann.

Außerdem bietet der Glaube Trost bei der Vorstellung des eigenen Todes. Wenn nur ein Teil des eigenen Selbst vergeht, ist die Aussicht auf das Sterben nicht so furchterregend als wenn wir uns darauf einstellen müssen, dass mit dem Tod „alles vorbei“ ist. Wir können also die Angst vor dem Nichts ein Stück bannen.

Wenn jemand seinen Glauben mit der Erlaubnis verbindet, diesen unter Anwendung von Gewalt zu verbreiten, dient dieser Aspekt des Glaubens dazu, den eigenen Tod in Kauf zu nehmen in der Erwartung, auf der Seelenebene dafür entlohnt zu werden, das umso mehr, je mehr „Ungläubige“ oder „Andersgläubige“ durch die eigene Tat in den Tod gerissen werden. Die Idee, auf die man in diesem Zusammenhang ja auch kommen könnte, dass sich etwa die Seelen der unschuldig in die Luft gesprengten Opfer der eigenen Gewalttätigkeit auf der Seelenebene dann rächen möchten, wird tunlich vermieden und kommt in der entsprechenden Propaganda nicht vor. Vielmehr werden ungetrübte paradiesische Freuden versprochen, die dann auf ewig anhalten.

Es sind also nicht nur harmlose Selbstberuhigungen von verzweifelten Seelen, die mit Hilfe dieser Glaubensform dem inneren Frieden dienen sollen. Denn ein Gutteil der Brutalität, mit denen um Glaubensfragen gekämpft wurde und gekämpft wird, kann dem dualen Körper-Seelen-Modell zugerechnet werden. Die Todesverachtung der „Gotteskrieger“ lebt von dem Glauben, dass es die beste Investition in das eigene Seelenheil ist, für ebendiesen Glauben zu sterben – ein geschlossenes System, das unendlich viel Unheil auf dieser Welt verursacht oder zumindest mitbewirkt hat.


Das analytische Denken


Fragen nach dem Anfang und dem Ende stehen nicht am Anfang unseres Lebens. Dazu brauchen wir eine weitentwickelte Denkfähigkeit, die sich langsam im Lauf der Kindheit entwickelt. Vorher vollzieht sich unser Leben, ohne dass wir es in einem größeren Zusammenhang einordnen können. Sobald aber unser Denken die Zeitfunktion so weit ausdehnen kann, dass der eigene Anfang und das eigene Ende in den Blick kommen, beginnen wir die Deutungsangebote zu verstehen, die unsere Kultur für diese Themen entwickelt hat, z.B. die Deutung, dass die Seele nach dem Tod des Körpers weiterleben wird, oder dass sie vor der Geburt schon bestanden hat und dann, nach dem eigenen Lebensende, wieder in einem neuen Körper eine neue Chance erhält.

Mit der Entwicklung unserer Denkfähigkeit erhalten wir also die Möglichkeit, Zusammengehöriges als Unterschiedenes zu erleben. Das nennt man das analytische Denken, das etwas Ganzes virtuell in seine Teile zerteilen kann. Z.B. können wir die Platte eines Tisches als unterschieden von seinen Beinen wahrnehmen. Der Tisch bleibt zwar ein Ganzes, aber unser Denken bringt einen Unterschied in ihn hinein.

Diese Funktion ist in vielen Bereichen sehr nützlich, weil sie uns z.B. die Konstruktion von neuen Wirklichkeiten ermöglicht. Ich kann einen Tisch nur fertigen, wenn ich bei einem Tisch die Platte von den Beinen unterscheiden kann. Das analytische Denken zerlegt die Wirklichkeit, sodass wir sie wieder neu zusammensetzen können.

Diese Form des Denkens hat allerdings ihre Grenzen dort, wo es um unser Leben als Ganzes geht. Wir können zwar unsere eigene Lebendigkeit analysieren, also in ihre Teile zerlegen und reflektieren, und das kann manchmal hilfreich sein, z.B. wenn wir einen körperlichen Schmerz spüren, aber uns nicht ganz von ihm ergreifen lassen, damit wir handlungsfähig bleiben. Dem Geheimnis des Lebens – unseres Lebens – kommen wir damit nicht auf die Spur.

Bei der Frage nach dem Verhältnis von Körper und Seele leistet uns eben das analytische Denken keine Hilfe. Es kann uns wohl klar machen, was wir wissen können: z.B. dass wir keine Kenntnis und keine Erfahrung über ein seelisches Bewusstsein haben, ohne dass ein Körper daran beteiligt wäre. Alles, was wir erleben, erfahren, denken setzt diesen Körper voraus. Dieser Bedingungszusammenhang ergibt sich aus den analytischen Untersuchungen, wie sie in wissenschaftlichen Forschungen angewendet werden.

Wie also kommen wir auf die Idee, unseren Körper und unsere Seele auseinander zu denken? Wir können das deshalb, weil wir über Erfahrungen mit dieser Trennung schon gemacht haben. Wenn wir in eine traumatische Situation geraten, spaltet sich unser Bewusstsein vom Körper, der z.B. gerade unerträglichen Belastungen ausgesetzt ist. Das Bewusstsein fühlt sich in dieser Situation frei und gelöst an, und damit ist es möglich, die Situation zu bewältigen, ohne dass alle inneren Systeme zusammenbrechen. Dieser Vorgang der Dissoziation ist uns allen vertraut, weil wir alle derartige traumatische Situationen zu bewältigen hatten. 

Aus diesen Erfahrungen nehmen wir das Gefühl mit, dass es befreiend ist, sich vom Körper zu lösen und vergessen leicht die belastenden Umstände ringsherum. Vielmehr speichern wir ab: Wenn es gefährlich, unangenehm, schmerzhaft oder lebensbedrohlich wird, haben wir die Möglichkeit, uns von uns selber zu trennen und an einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit flüchten zu können, wo uns nichts passieren kann.

Deshalb erscheint es uns natürlich und vertraut, wenn uns jemand auf die kindliche Frage, was denn nach dem Tod sei, erzählt, dass die Seele aus dem Körper entweicht und an einem wunderschönen Platz weiterleben wird, oder dass sie sich dann einen neuen Körper suchen wird, den sie dann wieder eine Zeitlang beleben wird. 


Trauma und Dissoziation


Deshalb können wir davon ausgehen, dass die dualistischen Weltbilder dissoziative Weltbilder sind. Sie stellen Versuche dar, die Welt mit Hilfe einer Traumaerfahrung zu erklären und auf diesem Weg „Heilung“ in die Welt zu bringen. Sie ziehen ihre Plausibilität aus der Tatsache, dass vermutlich alle Menschen über solche Traumaerfahrungen verfügen. Sie beruhen allerdings auf einer Illusion und sitzen einer Täuschung auf: Die dissoziative Trennung ist ja keine reale, sondern eine eingebildete. Ein spezieller Schutzmechanismus, den uns die Natur zur Verfügung stellt, bewirkt, dass wir die Illusion bekommen, als wäre die Seele vom Körper getrennt. In Wirklichkeit findet dieses Erleben nach wie vor im Körper, im eigenen Gehirn statt.

Doch ist die Plausibilität so groß und die Bedeutsamkeit der dahinterliegenden Erfahrungssituation so gravierend, dass wir bereit sind, den Glauben über die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit zu stellen, sodass wir schließlich Körper und Seele als getrennt „erleben“ (wohlweislich durch das traute Zusammenwirken dieses Körpers und dieser Seele).

Dazu wirkt die pragmatische Wirkung verstärkend, weil wir einen Trost für vieles im Leben haben, was uns schwerfällt zu akzeptieren. Was hilft, muss auch wahr sein, und jeder rationale Zweifel daran muss unterdrückt werden, damit diese Hilfsfunktion nicht verloren geht.


Das Ende der Illusionen


Freilich können Illusionen keine Heilung bewirken, sondern nur eine teilweise Erleichterung. Die Ängste, die auf die Traumatisierungen zurückreichen, bleiben erhalten und reduzieren die kreativen Kräfte und binden die Quellen der Lebensfreude. Erst wenn es gelingt, diese Ängste in einer schützenden Umgebung zu durchleben, wird es möglich, die Seele wieder in ihrer Gänze als mit dem Körper verbunden zu erleben. Dann findet die wirkliche „Inkarnation“, die Vergeistigung des Körpers und die Verkörperlichung des Geistes ins unmittelbare Erleben Eingang. Dann wird jeder Glaube an eine Trennung von Körper und Seele überflüssig und nutzlos. Was immer schon eine Einheit war, wird solange eine Einheit bleiben, solange es die Kräfte des Körpers erlauben. Mit ihnen nehmen auch die Kräfte des Geistes ab, wie wir immer wieder beobachten können. Was passiert, wenn sich das Leben aushaucht, wissen wir nicht und brauchen es auch nicht zu wissen, solange wir dem Leben im Augenblick vertrauen.

Wenn wir uns der tröstenden Wirkung des Glaubens an eine Trennung von Körper und Seele hingeben wollen, sollten wir uns bewusst sein, dass wir uns einer Illusion bedienen. Sollten wir denn den Mut finden, nach den Wurzeln unserer Verzweiflung und unserer Ängste zu forschen, so ist uns der Lohn schon in diesem Leben gewiss, und damit schwindet die Gier auf weitere Leben oder auf paradiesische Freuden in einem postmortalen „Leben“. Wir gehen in diesem Lebensmoment auf, der uns schon alles schenkt, was wir zur Erfüllung brauchen.


Vgl. Außerkörperliche Erfahrungen und die Leib-Seele-Dualität
Allerfahrung und Nicht-Dualität
Sind wir zwei oder eins?

Dienstag, 30. September 2014

Das Angstgedächtnis

Ein Rascheln im Unterholz in der Wildnis: Das ist ein Geräusch, das ein Tier oder einen Menschen sofort anhalten und leise werden lässt, in Erwartung eines Angreifers. Dieses „Einfrieren“ ist Teil der Angstreaktion, eine Reaktion auf einen Reiz aus der Umgebung und Teil der Orientierung des Gehirns, ob es nun davor Angst haben soll und die gesamte Angstkaskade einleiten soll.

In einer Studie des Cold Spring Harbor Laboratory (Assistant-Professor Bo Li und Professor Z. Josh Huang) wurde untersucht, wie Angstreaktionen erlernt, kontrolliert und erinnert werden. Es konnte gezeigt werden, wie eine besondere Gruppe von Neuronen in einer Unterteilung der Amygdala aktiv bei diesen Prozessen mitwirken.



Das Angstgedächtnis in der Amygdala


Aus früheren Forschungen weiß man, dass Strukturen innerhalb der Amygdala, einem Paar von mandelähnlichen Gebilden tief drinnen im Gehirn für Gefühle und Verhaltenssteuerung über Belohnung zuständig sind und auch Teil des Kreislaufes sind, der das Angstlernen und –gedächtnis steuert. Es handelt sich insbesondere um eine Region, die als zentrale Amygdala (CeA) bezeichnet wird, die als passives Relais für die Signale, die innerhalb dieses Kreislaufes weitergegeben werden, angesehen wurde.

Das Forschungslabor von Li stieß während der Untersuchung dieses Kreislaufes auf die Beobachtung, dass Neuronen innerhalb der zentralen Amygdala namens laterale Unterabteilung (CeL) bei Mäusen „aufleuchteten“, die einer bestimmten Belastung ausgesetzt waren. Schon bisher wurde angenommen, dass es zu Veränderungen in der Stärke der Neuronenverbindungen in der zentralen Amygdala kommen muss, wenn das Angstgedächtnis eingeprägt wird, aber es konnte bisher noch nicht bewiesen werden. Das führte zu einer weiteren Frage: Wenn die zentrale Amygdala das Angstgedächtnis bildet, wie werden dann diese Gedächtnisspuren ausgelesen und in Angstreaktionen übersetzt?


Im Versuch wurden Mäuse einem Angsttest ausgesetzt, bei dem ihnen eine Reaktion auf  einen akustischen Reiz ankonditioniert wurde. Die Mäuse „froren ein“, in einer üblichen Form der Angstreaktion, wann immer sie einen der Töne hörten, auf den sie trainiert waren. Um die beteiligten Neuronen zu studieren, wurden Untersuchungsmethoden angewendet, bei denen ein ganz dünnes fiberoptisches Kabel direkt in den Bereich mit photosensitiven Neuronen eingepflanzt wurde. Dadurch konnte das Team Farblaser mit hoher Präzision auf die Zellen richten und sie dadurch aktivieren. Diese Technik heißt Optogenetik. Alle Veränderungen im Verhalten der Mäuse als Reaktion auf den Laser wurden aufgezeichnet.



Ein Teil der zentralen Amygdala kontrolliert den Angstausdruck


Die Fähigkeit, genetisch definierte Neuronengruppen zu erforschen, war deshalb wichtig, weil es zwei Neuronensets gibt, die für das Angsterlernen und für Gedächtnisprozesse wichtig sind. Der Unterschied zwischen beiden liegt in der Ausschüttung von nachrichtenübermittelnden Neurotransmittern in die Synapsen zwischen den Neuronen. In einer Untergruppe der Neuronen wurde die Neurotransmitterausschüttung gesteigert und in einem anderen reduziert. 


Genauer gesagt, führt die Angstkonditionierung zu erfahrungsabhängigen Veränderungen in der Ausschüttung von Neurotransmittern bei exzitatorischen Synapsen, die mit hemmenden Neuronen verbunden sind – Neuronen, die die Aktivität anderer Neuronen unterdrücken – in der zentralen Amygdala. Diese Veränderungen in der Stärke der neuronalen Verbindungen sind als synaptische Plastizität bekannt.


Eine besonders wichtige Entdeckung waren die somatostatin-positiven (SOM+) Neuronen. Somatostatin ist ein Hormon, das die Neurotransmitterausschüttung betrifft. Li und seine Kollegen fanden heraus, dass die Bildung des Angstgedächtnisses geschädigt wurde, wenn die Aktivierung der SOM+ Neuronen unterbunden wurde.


SOM+ Neuronen sind notwendig, damit Angsterinnerungen wachgerufen werden können. Es war ausreichend, diese Neurone zu aktivieren, um Angstreaktionen hervorzurufen. Die Amygdala ist also kein passives Relais für die Signale, die das Angstlernen und –reagieren bewirken, sondern eine aktive Komponente, angetrieben von Impulsen aus der lateralen Amygdala, mit der sie verbunden ist. Das Angstgedächtnis in der zentralen Amygdala kann also den Kreislauf so modifizieren, dass er in Handlungen übersetzt wird, in die Angstreaktion.  Es besteht die Hoffnung, dass aus diesen Erkenntnissen Einblicke gewonnen werden können, wie posttraumatische Stressstörungen und andere mit abnormem Angstlernen verbundene Störungen beeinflusst werden können.

Donnerstag, 25. September 2014

Die Doppelbotschaft der Ausbeutungsgesellschaft

Nach Zahlen der EU-Gesundheitsagentur betragen die Kosten für Burnout 240 Milliarden, auf Österreich entfallen dabei ca. 7 Mrd./Jahr. 50 bis 60 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage sind demnach durch arbeitsbedingten Stress und psychosoziale Risiken bedingt.

Negativ wirkt Stress dann, wenn die von ihm ausgelöste Ausschüttung des Hormons Cortisol  das Gehirn dauerhaft überschwemmt, wenn die Anspannung also nicht nach lässt. Es kommt so quasi zu einer Cortisolvergiftung, die nach und nach Nervenzellen im Gehirn abtötet.

Wer täglich acht bis zehn Stunden in diesem Zustand ist und sich dann der Freizeit- oder der Elektronikindustrie aussetzt, beraubt sein Gehirn der Möglichkeit zum Abbau von Cortisol, sagen Neurobiologen. Laut Forschungen des Max Planck-Institutes können so bis zu einem Drittel der Intelligenz verloren gehen.


Gib mir alles


Soweit die Zeitungsnachricht. Die Doppelbotschaft liegt klar auf der Hand: Die Gesellschaft will alles von dir, und das, was du zur Bereitstellung brauchst, musst du dir selber organisieren: Wir wollen dich mit Haut und Haaren, und du musst selber schauen, wie nachwächst, was du herzugeben hast. Die postkapitalistische Wirtschaft/Gesellschaft verlangt die vollständige Spaltung zwischen Körper und Geist. Der Körper hat dafür zu sorgen, dass die geistige Arbeitskraft ganz den Erfordernissen des Arbeitsprozesses zur Verfügung gestellt werden kann. Der geistig arbeitende Mensch soll sich möglichst radikal vom Körper trennen, damit dieser der Arbeitsleistung nicht in die Quere kommt.

So wird durch die Leistungsanforderung die Beziehung zum Körper abgeschnitten, der gleichwohl in der Freizeit für die Regeneration sorgen soll. Wo er es nicht mehr schafft, entzieht er dem Geist die Grundlage, sodass die gestressten Menschen immer mehr an Leistungsfähigkeit verlieren, bis sie im Burnout landen. Nachdem viele Arbeitsplätze nach diesen Grundsätzen definiert sind, ist es schwer, ohne die Bereitschaft zur Selbstausbeutung überhaupt noch Arbeit zu finden. 


Wie können wir aufhören mitzuspielen?


Wir bauen diesen Stress auf, weil wir zu sehr nach außen orientiert und von außen motiviert sind. Die Reize, die uns in Trab halten, kommen von außen, das Telefon, das beantwortet werden muss, das Gespräch, das geführt werden muss, die Aufgabe am Schreibtisch, die gelöst werden muss. Wir bekommen dafür wieder Äußerlichkeiten, Geld, das wir zum Lebensunterhalt und zum weiteren Konsumieren ver-brauchen.

Wie es in unserem Inneren ausschaut, bekommen wir selten mit, oft erst, wenn es gröbere Fehlfunktionen gibt, die uns zu schaffen machen. Der Körper signalisiert uns, dass er nicht mehr mitspielen kann, dass seine Ressourcen am Ende sind. Wir können die Krise als Chance nehmen, einen Neuanfang zu wagen, indem wir beschließen, das weitere Leben mit und nicht gegen den eigenen Körper zu führen.

Es muss auch nicht so weit kommen. Wir können uns jederzeit vergewissern, wie es uns in unserem Inneren geht: Nicht mit dem Blick auf das Bankkonto, sondern mit dem Spüren zu unserem Herzen und zu unserem Bauch. Was sagen diese Bereiche in uns zu der Weise unseres Lebens? Was brauchen sie, wie können wir gut für sie sorgen?

Indem wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten, erleben wir uns als Einheit, als Zusammengehörigkeit, und können nachspüren, was aus dieser Einheit als Antwort aufsteigt, wenn wir eine Frage haben oder vor einem Problem stehen. Je mehr Zeit wir dieser inneren Einheit, dem, was wir sind und was uns ausmacht, widmen, desto leichter wird es fallen, die innere Stimme zum Leben zu erwecken und als helfende Kraft für unser Leben zu gewinnen. Sie wird uns darauf aufmerksam machen, wann wir über die Grenzen unserer Belastbarkeit gehen, wann wir Dinge tun, die uns ausbrennen lassen, wann wir uns für Anforderungen von außen aufopfern, wann es Zeit ist, eine Pause einzulegen und zu uns selber zurückzukehren.

In Anbetracht der massiven psychischen Schäden, die von der Arbeitswelt in unserer Gesellschaft verursacht werden, ist es höchst an der Zeit, diese überlebensnotwendige Wende nach Innen breiter ins Bewusstsein zu bringen. Es müsste in den Pflichtenkatalog der Bildungsinstitutionen und der Politik ebenso Aufnahme finden wie in den Tagesablauf jedes Einzelnen. So sehr wir uns vielleicht ein radikales Umkrempeln des ganzen Systems wünschen, damit es mehr den Menschen und ihren Bedürfnissen angepasst wird und nicht umgekehrt, so gibt es zugleich Nischen in diesem Getriebe, die wir kreativ nutzen können, um zu verlangsamen, zu entschleunigen und uns mit uns selber verbinden, bevor wir auseinanderfallen.

Samstag, 20. September 2014

Verlust der Ideale?

Eine Langzeitstudie untersuchte Werthaltungen bei US-amerikanischen Studentinnen und Studenten zwischen 1966 und 2002. Anfangs, also mitten in den sechziger Jahren, wollten 80% vor allem eine „bedeutungsvolle Lebensphilosophie“ entwickeln. Nur für eine Minderheit war es entscheidend, finanziell sehr gut aufgestellt zu sein und viel Geld zu verdienen. Dann begannen sich diese Einstellungen allmählich zu verändern. 1977 hielten sich die Angaben exakt die Waage: Viel Geld zu verdienen und eine prägende Lebensphilosophie waren den Befragten in etwa gleich wichtig. Dann drehte sich das Verhältnis um, und seit Mitte der neunziger Jahre spielt der finanzielle Status für etwa 75% der Studenten die herausragende Rolle. Nur mehr 40% gaben an, dass ihnen eine bedeutende Lebensphilosophie ein Anliegen sei.

Wie kann diese Entwicklung mit Hilfe des Modells der Bewusstseinsevolution verstanden werden? Die „bedeutungsvolle Lebensphilosophie" gilt als Frage nach verbindlichen Wertvorstellungen, die in der eigenen Verfügbarkeit liegen. Was ist mir wichtig im Leben? Vermutlich ist damit auch gemeint, einen weiteren Horizont im Blickfeld zu haben, der über die unmittelbaren eigenen Belange hinausreicht. Das sind Kennzeichen des personalistischen Bewusstseins: Das Infragestellen der übernommenen Einstellungen und das Finden einer eigenen Sicht auf das Leben und seiner Sinnhaftigkeit sowie der Blick über den Tellerrand der eigenen Belange hinaus, der für das Übernehmen von Verantwortung für die größeren Probleme der Welt motiviert.

Die Wichtigkeit von finanziellem Erfolg dagegen wird der vor der personalistischen Stufe liegenden materialistischen Stufe zugeordnet. Das Gelingen des eigenen Lebens primär daran zu bemessen, wieviel Geld verdient werden konnte, ist ein typisches Merkmal dieser Entwicklungsstufe. Das Leben soll durch Besitz und Verfügung über Sachen abgesichert werden.

Deshalb zeigt diese Untersuchung, dass bei der befragten Personengruppe eine Rückentwicklung in Bezug auf die Bewusstseinsevolution stattgefunden hat. Studenten gelten ja im Allgemeinen als eine Gruppe, die neuen Werthaltungen gegenüber offen steht, veränderungsbereit und flexibel ist. Wie kann es also sein, dass innerhalb von fast 40 Jahren fortgeschrittenere gegen überholte Wertvorstellungen eingetauscht wurden?

Ich interpretiere die Entwicklung nicht als eine Rückkehr des Kapitalismus, wie sie viele nach dem Fall der kommunistischen Systeme in Osteuropa diagnostiziert haben. Vielmehr sehe ich die Entwicklung so, dass der Kapitalismus ungebrochen weiter wächst und immer mehr Bereiche des Lebens erfasst, dass er sich gewissermaßen zunehmend in die Feinstrukturen des Lebens hinein ausbreitet. Dieses Wachstum hat noch lange nicht seinen Plafond erreicht. Da wir erst lernen müssen, diese Tiefenarbeit der materialistischen Verführungen und Selbsttäuschungen zu durchschauen, sind dort so viele Energien gebunden, dass andere Werte in den Hintergrund treten. Damit wird personalistisches Denken zum Luxus, und „idealistische“ Werthaltungen werden geopfert. Was dann bleibt, ist der Rückgriff auf die materialistische Lebenseinstellung, die dann automatisch wieder auf den Plan tritt und wieder stärker das Innenleben bestimmt.

Verschwimmende Fronten


Im 19. Jahrhundert bis weit ins 20. hinein waren die Fronten viel klarer spür- und erkennbar: Hier die ausbeutenden Kapitalisten, dort die ausgebeuteten Arbeiter, erkennbar an ihren ausgemergelten und ausgezehrten Körpern. Damit waren auch einfache Lösungen in Sicht: Die Entmachtung der Kapitaleigner und die Umverteilung der Erträge in die Hände vieler. Einiges konnte erreicht werden, was sich an der Ausbreitung des Wohlstandes in den entwickelten Ländern zeigte. Noch lange ist auf dieser Wegstrecke nicht alles getan, was zu tun ist; nach wie vor wächst der Reichtum in den ganz obersten Schichten, während die Lebensmöglichkeiten der großen Mehrheit stagnieren oder leicht schrumpfen. Noch ist das Problem der Armut auch inmitten des Reichtums nicht gelöst.

Aber die relative materielle Sicherheit, der sowohl durch die kapitalistische Produktionsweise wie auch durch deren politische Regulierung erreicht werden konnte, hat bei vielen zur Trübung des Blickes geführt. Dort, wo keine Fronten sind, braucht es keine Ideale, um sie zu überwinden. Wenn in unseren Gesellschaften fast alle zwar ihre Grundbedürfnisse befriedigen können, aber dafür permanent die Substanz ihres Körpers aufzehren müssen, indem der Erwartungsdruck an die Leistungsfähigkeit stetig erhöht wird, fallen viele auf die Kämpfermentalität zurück. Das gesellschaftspolitische Ideal verblasst als Korrektiv, weil der Daseinskampf in der Leistungsmaschinerie nur mehr Platz lässt für die von Konsumsystem angebotenen Erholungsmöglichkeiten. Um diese Angebote zu nutzen, die punktgenau auf die Bedürfnisse der Selbstausbeuter eingestimmt sind, braucht es keine Ideale, vielmehr schwindet ihre Attraktivität, je kurzfristiger die Konsumanreize ausgetauscht werden. Wie im Arbeitsleben die fordernden Reize immer mehr werden und immer schneller kommen, ist das Freizeitangebot vom gleichen Druck geprägt, in dem die permanent sich erneuernden Spielzeuge auf den Markt geworfen und gekauft werden, um kurze Glücksmomente zu bescheren.

Die inneren Horizonte werden in dem Maß enger, wie wir es uns leisten können, jeden beliebigen Ort dieser Erde zu bereisen. Die kreative Spannung, die das Erleben eines unbefriedigenden Ist-Zustandes mit dem als Ideal angestrebten Soll-Zustand verbindet, schrumpft bei vielen Menschen, die ihr inneres Getriebensein nicht mehr loswerden können, auf die Spannung zwischen dem außengesteuerten Zustand in der Arbeitswelt und dem Konsumparadies der Freizeitwelt. Da braucht es keine Visionen mehr, die über die nächsten Einkaufs- oder Reiseziele hinausweisen.

Die absoluten Grenzen des Kapitalismus


Nachdem Bewusstseinsstufen immer mit kollektiven Ängsten verbunden sind, zeigt sich an diesem Beispiel, dass „alte“ Ängste mobilisiert werden, wenn das Neue vom Alten überholt wird. Doch sollte das, wenn wir auf die Kraft der Evolution vertrauen können, nur ein kurzfristiges Phänomen bleiben. Denn innerpsychisch laufen sich die Kreisläufe von Gier und ihrer konsumatorischen Befriedigung irgendwann tot, und der Wunsch nach dem Ausbrechen in neue Dimensionen erwacht. Wir bleiben Menschen, auch wenn wir scheinbar im Meer der geschürten Begierden versinken. Menschen sind immer mehr als das, was sie tun und was sie im Moment für wichtig erachten. Immer, wenn Ängste vorherrschen, ist uns der Blick auf die Fülle unserer Möglichkeiten verstellt. Doch wirkt tiefer in uns eine Kraft, die sich von den Ängsten befreien und in die Weite wachsen will.

Ich vermute, dass der Kapitalismus so lange weiter wachsen muss, bis eine absolute Grenze erreicht ist. Denn er hat so viele selbstbelohnende Mechanismen eingebaut, die alle ein suchterzeugendes Potenzial haben, wie wir z.B. an den Mechanismen von Werbung und Konsum erkennen können. In ihrer Raffinesse sind sie der Gutgläubigkeit der gestressten Menschen meist einen Schritt voraus, sodass wir immer wieder auf die Schleifen von Gier und Belohnung hereinfallen werden.

Diese absolute Grenze liegt einerseits in der „großen Natur“, in der Begrenztheit unseres Heimatplaneten. Wenn die Regelsysteme der Erde, ihrer Oberfläche und der Atmosphäre durch den Einfluss der industriellen Produktion und Lebensweise soweit durcheinandergebracht worden sind, dass das Überleben der Menschheit gefährdet wird, kommt es entweder zu einem Umdenken, zu einer umfassenden Bewusstseinsentwicklung oder zum Siechtum und langsamen Tod der Menschheit, dieser wunderbaren Einzigartigkeit in den Weiten des Alls..

Die andere Grenze liegt in der Körperlichkeit der Menschen, für welche das gegenwärtige Wirtschaftssystem in den meisten Bereichen eine extreme Herausforderung darstellt. Denn die Belastung verschiebt sich zunehmend vom Körperlichen ins Physische. Die hart geforderten und physisch ausgebeuteten Arbeiter der Industrie werden immer weniger, und die Leute, die an ihren Schreibtischen immer mehr erledigen müssen, werden zunehmend mehr

Um die innere Überlastung zu spüren, brauchen wir die ausgeprägte Fähigkeit des inneren Sinnes, der inneren Wahrnehmung. Diese zu trainieren und zu verfeinern wird deshalb zu einer der wichtigsten Überlebensstrategien in der aktuellen Phase des Kapitalismus. Denn nur in unserem Inneren können wir erkennen, wann wir uns überfordern und wann wir gegen unsere eigenen Wünsche und Interessen handeln. Mit dieser Fähigkeit finden wir den Ausweg aus der Selbstausbeutung und aus den Schleifen der angestachelten Gier.

Jeder, der diesen Weg geht, verliert das drängende Interesse an den Konsumverlockungen und ersetzt sie durch personalistische Werte. Die kurzfristigen Glücksverheißungen der Warenwelt werden unwichtiger, und die Freude an einfachen Erlebnissen und Erfahrungen wächst. Dann kann es auch gelingen, die starre Trennung von belastender Arbeitszeit und befreiender Freizeit zu lockern.

Wie das gehen könnte, zeigt das folgende Zitat des vietnamesischen Achtsamkeitsmeisters Thich Nhat Hanh: „Üblicherweise machen wir einen Unterschied zwischen ‚Arbeitszeit‘ und Freizeit‘. Doch mindert ein solches Denken unsere Freude und unseren Erfolg bei der Arbeit. Wir können so arbeiten, dass wir Wahlmöglichkeiten erkennen in dem, was wir tun und wie wir es tun. Wir können arbeiten und dabei Gelegenheiten zur Freude finden; wir verharren nicht in der Gewohnheit, uns unter Druck und Stress zu versetzen und darunter zu leiden.“ (Thich Nhat Hanh: Achtsam arbeiten, achtsam leben. O.W. Barth 2013, S. 27)

Freitag, 19. September 2014

Ansteckender Stress

Stressstörungen gelten als die häufigsten psychischen Störungen, wenn nicht überhaupt chronifizierter Stress der Schlüsselfaktor für die meisten Erkrankungen ist. Denn Stress schädigt das Immunsystem und dereguliert viele andere für unsere Gesundheit wichtige Körperfunktionen. Wir sind nicht für Daueranspannung ausgestattet. Stress kann aber nicht nur von innen (z.B. durch Sorgen oder Ängste), sondern auch von außen ausgelöst werden: durch stressbelastete Menschen. Dieser Zusammenhang konnte nun experimentell belegt werden.

In einer umfassenden Studie untersuchten Forscher der Abteilung für Soziale Neurowissenschaft des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Abteilung für Psychologie der Technischen Universität Dresden die Frage, ob sich Stress, der rings um uns entsteht, uns „anzustecken“ vermag. Gibt es also empathischen Stress (definiert als ausgeprägte physiologische Stressreaktion, die allein durch das Beobachten von jemandem entsteht, der sich gerade in einer stressigen Situation befindet), und dringt dieser Stress bis in den Kern des Stresssystems vor, in die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophyse-Adrenalin-Achse)? Es wurde also in der Studie zwischen einer unspezifischen Erregung des sympathischen Nervensystems und der spezifischen Aktivierung der cortisolproduzierenden HPA-Achse unterschieden. Weiters wurde untersucht, ob diese empathische Stressreaktion durch die Bekanntheit zwischen Beobachter und Zielperson, durch die Modalität der Beobachtung (virtuell – real) und durch das Geschlecht beeinflusst wird.

Insgesamt zeigten 26% der Beobachter einen signifikanten Cortisol-Anstieg, wenn sie andere gestresste Menschen beobachteten. Gab es zwischen Beobachter und Zielperson eine hohe Bekanntheit, so stieg der Wert auf 40%, und bei der Repräsentation des Stressors in einer wirklichen Lebenssituation auf 30% im Vergleich zu einer virtuellen Situation. Das Vorkommen des empathischen Stresses, der bei manchen Versuchspersonen bei völlig fremden Personen und bei nur virtueller Beobachtung auftrat, kann wichtige Auswirkungen auf die Entwicklung von stressbezogenen Störungen haben.

Interessanterweise hat das Geschlecht keinen Einfluss auf das Empfinden von empathischem Stress, Männer reagierten in dieser Studie gleich wie Frauen, obwohl die allgemeine Meinung den Frauen eine höhere Empathiefähigkeit zuschreibt.

Jedenfalls konnte gezeigt werden, dass empathischer Stress nicht nur ein subjektiv-psychologisches Phänomen ist, sondern bis in den Kern unseres physiologischen Stresssystems hineinreicht und von dort aus gesteuert wird. Daraus kann geschlossen werden, dass wir viel mehr Stress aufnehmen, ohne es zu merken und ohne ihn zu verarbeiten. Wer sich durch den hektischen Verkehr in einer Großstadt bewegt und am Abend geschlaucht ist, hat vielleicht gar nicht wahrgenommen, dass sich der geballte Stress der vielen Menschen im eigenen System niedergeschlagen hat. Dann wird noch das Fernsehgerät eingeschaltet, und ein Aufreger jagt den nächsten, und wieder lagert sich im Inneren der Stress ab, weil wir auch gegen virtuellen Stress nicht immun sind.

Das Erleben von empathischem Stress muss allerdings nicht unbedingt negativ gesehen werden. Es handelt sich auch um eine nützliche Fähigkeit. Sie weist darauf hin, dass Menschen natürlicherweise darauf angewiesen sind, die Situation von anderen zu verstehen und sich darauf einzustimmen. Mütter (und Väter) sollten den Stress ihrer Babys verstehen und richtig deuten können, um ihn entsprechend gut beruhigen zu können. Darüber hinaus könnte hier der Antrieb für soziales Verhalten liegen, wie ich es selber in der Schlussphase des Wachauhalbmarathons erleben konnte: Ich war kurz unachtsam und stolperte über den Fuß eines zur Abgrenzung aufgestellten Aluminiumgitters. Ich bin nicht gefallen, aber ein fremder Laufkollege neben mir streckte gleich die Hand aus, um mich zu halten. In dieser Phase des Laufes hat jeder nur mehr das Ziel vor Augen, aber es scheint einen stärkeren Impuls zu geben, der die Not eines anderen bemerkt und zu Hilfe eilen will. Meine Frau konnte beim Zieleinlauf beobachten, wie einem Läufer die Beine versagten und andere ihm noch ins Ziel helfen wollten, obwohl sie für diese Tat der Nächstenhilfe vielleicht ihre persönliche Bestleistungen des Tages verfehlten.

Verfügen wir also über eine biologisch verankerte Grundreaktion zur Nächstenliebe? Ist sie nicht nur ein ethischer Imperativ, dem wir folgen sollten, sondern entspricht es eigentlich unserer Natur, Menschen in Not zu helfen, weil unser Nervensystem sofort empathisch reagiert, wenn andere in Stress geraten?

Allerdings darf nicht übersehen werden, dass ein langfristig erhöhter Kortisolspiegel sehr wahrscheinlich negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Die Natur hat uns offenbar auf Situationen vorbereitet, in denen es darum geht, kurzfristig auf Belastungen und Nöte anderer Menschen einzugehen, um Abhilfe zu schaffen. Wenn allerdings die Anspannung andauert, leidet der eigene Organismus und damit die Gesundheit Schaden. Wenn also der empathische Stress chronisch wird, gilt es gegenzusteuern. Das kann der Fall sein, wenn z.B. in einer Familie Menschen unter langwierigen Krankheiten oder unter psychischen Störungen leiden und die Menschen im Umfeld dann unter den Folgen des empathischen Stresses zu leiden beginnen. Wenn Kinder in einem derartigen Umfeld aufwachsen, ist es nicht verwunderlich, wenn sie mit einem hohen Grad an innerem Stress ins Leben gehen.


Den Hinweis auf die Studie verdanke ich Catherine Dowling. 



Vgl. Fernsehkonsum und Lebenserwartung
Vgl. Stressansteckung und die Pflicht zum Entspannen