Freitag, 25. Februar 2022

Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine

Anlass für Entsetzen

Jeder Krieg ist grausam und menschenverachtend. Der vor zwei Tagen vom Zaun gebrochene Krieg ist über die Inhumanität, die mit jedem Krieg verbunden ist, hinaus Anlass für ein Entsetzen bei allen, die an die Kraft des Friedens und der gewaltfreien Konfliktbewältigung glauben und gehofft haben, dass in den Jahrtausenden an zivilisatorischem Fortschritt das primitive Recht des Stärkeren überwunden wäre. Es ist Anlass für Ernüchterung über die Macht, die Einzelpersonen, gestützt auf willfährige Eliten und inthronisiert durch Manipulation und diktatorische Tricks, im 21. Jahrhundert ausüben können. Der russische Alleinherrscher hat einen aggressiven Angriffskrieg gegen sein „Brudervolk“ entfesselt, getrieben von reiner Machtsucht und von einer nationalistischen Ideologie mit zurechtgebogenem Geschichtsbild. 

Wir fühlen uns ins 18. oder 19. Jahrhundert zurückversetzt, wo Kriege begonnen wurden, wenn ein Nachbarstaat schwach und die eigene Armee gut gerüstet war. Die Potentaten haben ihre Truppen in Marsch versetzt, um den eigenen Machtraum zu erweitern und den Ruhm zu mehren. Es waren grausliche Kriege, aber sie haben meistens die Zivilbevölkerung nur am Rande betroffen. Zum Unterschied von heute hat damals fast jeder Angriffskrieg zu Koalitionen geführt, in denen die jeweils maßgeblichen Großmächte ihre Interessen verfolgt haben. Ein weiterer Unterschied war, dass Kriege auf Schlachtfeldern und nicht in Großstädten geführt wurden.

Die russische Aggression vom 24. Februar 2022 war möglich, weil klar war, dass sich der Westen militärisch nicht einmischen will. Der europäische Kontinent hat zwei Weltkriege hinter sich und in vielen Ländern haben intensive Lern- und Aufarbeitungsprozesse stattgefunden. Die Gräuel der Kriege haben tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen und viele Menschen zur Überzeugung gebracht, dass internationale Konflikte gewaltfrei gelöst werden müssen, ohne den Preis von Menschenleben. Die Schwelle für den Einstieg in kriegerische Handlungen liegt in funktionierenden Demokratien hoch, denn es ist vermutlich in jedem Land unmöglich, Mehrheiten für einen Angriffskrieg zu mobilisieren. 

Wie aber gehen Demokratien mit Diktaturen um, in denen ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung Kriege geführt werden können? Die Reaktionsmöglichkeiten sind beschränkt auf wirtschaftliche Sanktionen und die moralische Ächtung. Die Situation erinnert an jene vor dem zweiten Weltkrieg, in dem die Diktatur in Deutschland das Zaudern der englischen und französischen Demokratien ausgenutzt hat, um in der Tschechoslowakei einzumarschieren, zunächst in die sogenannten Sudetengebiete, samt Zusicherung der Integrität der Resttschechoslowakei, nur um diese ein halbes Jahr zu besetzen. Diktatoren haben einen Handlungsvorteil vor schwerfälligeren Demokratien. Sie haben den Nachteil, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, von den Emotionen von Einzelmenschen gesteuert werden, die hoch fehleranfällig sind.

Über kurz oder lang (eher über lang) ist das Modell der westlichen Demokratien so attraktiv, dass immer mehr Menschen, die unter anderen Bedingungen leben, danach streben. Eine Komponente des aktuellen Krieges liegt in der Angst der Diktatoren vor dieser Attraktion, die ihnen selber an den Kragen gehen würde. Putin will der Ukraine vorschreiben, welche Lebens- und Regierungsform das Land haben „will“, damit er gewissermaßen eine Pufferzone gegen die vom Westen kommenden demokratischen Bazillen, für die es auch in Russland viel fruchtbaren Boden gibt, schaffen kann. 

Beschämender Befund

Wir müssen den Zustand der Menschheit, also der Gemeinschaft der Menschen als beschämend erleben. Wie kann es möglich sein, dass ein Langzeitherrscher mit seiner Militärmaschinerie im 21. Jahrhundert einen Aggressionskrieg in Gang setzt und niemand diesem Treiben Einhalt gebieten kann? Leider sind wir noch immer weit von einer Weltordnung entfernt, in der den Staaten das Gewaltmonopol genommen ist. Es gibt keine Weltpolizei, die einzelstaatliche Gewalttäter dingfest macht und ihnen die Gewaltmittel nimmt. Einzelstaaten funktionieren nur wegen des internen Machtmonopols bei den Ordnungskräften. Wie soll eine Welt funktionieren, wenn es keine für die ganze Welt zuständige Ordnungskräfte gibt, die solche inhumanen Entgleisungen unterbinden?

Kollektive Traumen und ihre verheerenden Wirkungen

Putin hat als Kriegsgrund die Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine genannt. Jeder weiß, dass die Ukraine nicht von Nazis regiert wird und über kein militärisches Bedrohungspotenzial für das hochgerüstete Russland verfügt. Es handelt sich also um Propagandalügen. Zugleich wird deutlich, welches Geschichtstrauma hinter der Aggression steckt. Putin hat darauf verwiesen, einen Fehler seines Vorgängers Stalin vermieden zu haben, nämlich im 2. Weltkrieg naiverweise zu glauben, von Nazideutschland nicht angegriffen zu werden. Als dann die deutschen Truppen im Juni 1941 überraschend in die Sowjetunion eindrangen und der russischen Armee eine Niederlage nach der anderen zufügten, war der Schock groß und konnte erst langsam bewältigt werden, nachdem sich die Lage ab Ende 1942 langsam zugunsten der sowjetischen Armee wendete und schließlich Deutschland 1945 besiegt wurde.

Das kollektive Trauma ist offensichtlich nicht bewältigt, und Putin sieht sich als Vollstrecker einer Opfer-Täter-Umkehr. Er findet die Nazigegner in der Ukraine und will die dortigen „Nazis“ ausrotten, bevor sie dem russischen Vaterland gefährlich werden können. Außerdem soll das ukrainische „Brudervolk“ vor deren Bosheiten bewahrt werden. 

Doch die Ukrainer leiden an einem noch früheren Trauma, dem Holodomor zwischen 1931 und 1933, der als Völkermord gelten kann. Der sowjetischen Agrarpolitik mit der Kollektivierung der Landwirtschaft sind etwa 3,5 Millionen Ukrainer zum Opfer gefallen sind. Ca. 10% der Bevölkerung wurden damals dem Hungertod ausgesetzt. Dazu kamen noch umfassende „Säuberungen“, also die Hinrichtung oder Internierung von Künstlern, Lehrern, Wissenschaftlern und Intellektuellen und auch von unteren und mittleren Parteikadern. Der Historiker Gerhard Simon schreibt dazu: „Für Stalin war der Holodomor nicht nur ein Instrument, um die Bauern zu disziplinieren, sondern auch um in der Ukraine alle Träume von Autonomie oder gar Selbständigkeit ein für alle Mal zu zerstören.“ (Hier zur Quelle

Diese Ereignisse gruben ein tiefes Loch in die kollektive ukrainische Seele. Das war auch einer der Gründe, warum sich viele Ukrainer den eindringenden deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg anschlossen, für sie kämpften und auch bei Massenmorden an Juden mitwirkten, allerdings von den deutschen Nazis angestiftet. Diese Wendung hatte wiederum den Hass vieler Russen auf die Ukrainer zur Folge.

Putin hat seinen Hitler studiert

Hier liegt auch eine Wurzel der heutigen russischen Propaganda, die der demokratisch gewählten Regierung der Ukraine Nazismus vorwirft und diese Unterstellung als Vorwand für den gewaltsamen Einmarsch ins Land dient, erfunden und vermutlich gespeist aus einer unreflektierten und unaufgearbeiteten Geschichte. Man will die Nazis, die aus Machtgier die Sowjetunion 1941 überfallen hatten, in der Ukraine bestrafen und sich an ihnen rächen – mit Tricks, die den Nazis abgeschaut wurden: Mit Fake-News ukrainische Angriffe vortäuschen, um eine Rechtfertigung für einen Angriff zu haben. Putin hat also seinen Hitler gelernt: Unterstelle dem Opfer deiner Angriffslust einen Angriff, zur Not inszeniert, dann hast du das Recht, mit deiner überlegenen Militärmaschinerie den Staat kaputt zu machen. Natürlich bedient sich Putin eines Propagandatricks, weil es keinerlei Anzeichen oder Gründe gäbe, warum die Ukraine Russland angreifen sollte.

Auch das Ziel der Demilitarisierung der Ukraine, das sich die Russen auf die Fahnen geschrieben haben, rechtfertigt sich aus der offenbar tiefsitzenden Angst vor einer Aggression von außen – nicht verwunderlich für ein Land, das in der Geschichte mehrfach aus westlicher Richtung überfallen wurde. Diesmal aber dreht sich der Spieß um und die Aggression geht von Russland nach Süden und Westen.

Wir wissen nicht, ob Putin wirklich glaubt, was er redet, in jedem Fall dient seine Propaganda den dunklen Flecken der russischen Seele, die das Denken und Fühlen vieler seiner Landsleute prägen und die wenig Ahnung von der Geschichte und ihrer Vielschichtigkeit sowie von der Wirkung von kollektiven Traumen haben. Dazu kommt, dass die eigene Bevölkerung schon lange mit Falschmeldungen und manipulativer Propaganda überschüttet wird. Diktatoren brauchen dumme Menschen als Gefolgsleute und rechnen auch mit ihrer Dummheit, das ist Teil ihrer Unverfrorenheit. 

Ernüchterung

Die ernüchternde Einsicht ist: Wir müssen uns umstellen und unsere Erwartungen an den Fortschritt der Menschheit in der Vernunft zurückschrauben. Eine von Freiheit und Selbstbestimmung geprägte Weltordnung auf den Prinzipien der Gewaltlosigkeit kann nur so weit bestehen, so weit sie von allen Beteiligten geteilt und geachtet wird. Es genügt, wenn ein Machthaber oder ein Regime diese Grundsätze nicht teilt, sondern sie dem eigenen Machtstreben unterordnet, um ihre Geltung und ihre Wirkkraft zu unterminieren. Langfristig wird die Gewaltfreiheit über die Gewalt siegen, aber mit unendlich vielen Opfern. Kurzfristig bedeutet die willkürlich erfolgte einseitige Aggression Russlands, dass die Rüstungsspirale weltweit weiter nach oben geschraubt werden muss und dass wir weiterhin ein Gleichgewicht des Schreckens brauchen, damit kein weltweiter Atomkrieg ausbricht.

In den Kampfgebieten in der Ukraine sterben nicht nur Menschen und finden nicht nur Zerstörungen von materiellen Gütern statt, sondern es wird die Wertordnung angegriffen, die sich die Menschheit mühevoll über Jahrhunderte erworben und erkämpft hat. Die Chance liegt allerdings darin, sich diese Werte bewusst zu machen und sie engagiert zu vertreten und zu verteidigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Niveau an Menschlichkeit, das wir erreicht haben, über den Haufen geworfen wird, indem Potentaten mit dem Pathos von Schmierendiktatoren ihre Muskeln spielen lassen und ihr zerstörtes Inneres in brutale Zerstörungen in der Außenwelt projizieren.

Die kollektive Verarbeitung von Geschichtstraumen ist eine unerlässliche Grundlage dafür, dass es Alleinherrschern unmöglich gemacht wird, auf dem Klavier unverarbeiteter kollektiver Emotionen zu spielen und diese Energien in aggressive Richtungen zu kanalisieren.

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