Wir alle verfügen über spontane Verhaltensmuster für Stresssituationen, die uns angeboren sind oder die schon früh geprägt sind. Grob gesagt, folgen sie dem Schema Kampf oder Flucht, d.h. wir neigen eher entweder zu impulsivem oder zu vermeidendem Verhalten, wenn wir unter Druck sind. Diese Spontanstrategien haben wir von früh an aufgenommen, vielleicht ist die Präferenz auch schon genetisch angelegt. Jedenfalls bestärkt sich die jeweilige Tendenz durch die wiederholte Anwendung im Krisenfall, sodass wir lernen, uns auf diese Weise abzusichern. Zusätzlich bilden wir die Meinung aus, dass die eigene Strategie die einzig sinnvolle ist, was auch soweit verständlich ist, weil wir mit der gegenteiligen Strategie keine Erfahrungen sammeln.
Nehmen wir ein Beispiel: Jemand bietet uns eine neue Stelle an, und sagt, dass wir schnell zugreifen müssen, weil sonst jemand anderer zum Zug kommt. Ein impulsiver Mensch wird sich nur wenig informieren und die Entscheidung rasch treffen, während sich ein vorsichtiger Mensch mehr Zeit nehmen will, um alle Details zu überprüfen, und dadurch unter Umständen die Gelegenheit verstreichen lässt. Der Impulsive dagegen trägt das Risiko einer falschen Entscheidung.
Es gibt keine richtige oder falsche Strategie, keine ist besser oder schlechter, obwohl wir deshalb auch untereinander in Streit geraten können: Warum muss ich so lange warten, bis du dich entscheidest? Warum entscheidest du dich, ohne nachzudenken? Jeder Mensch kann tausende Gründe dafür anführen, weshalb sein Reaktionsmuster besser ist als das des anderen, es wird die andere Person nicht beeinflussen, weil Menschen vor allem in Stresssituationen auf das bewährte und bekannte Muster zurückgreifen und das Erproben eines neuen Musters nur zusätzlichen Stress verursachen würde.
Allerdings haben wir alle die Möglichkeit, unser eigenes Verhalten zu verbessern, wenn wir unsere Tendenz kennen, indem wir nach der jeweiligen Situation abwägen, ob wir ihr folgen sollten oder ob eine andere Strategie besser wäre. Auch wenn sich eine Strategie in hundert Fällen bewährt hat, heißt es nicht, dass sie für die gerade gegebene Situation optimal ist.
Wenn uns vorgehalten wird, dass wir mit unserer Strategie Schiffbruch erlitten haben, sagen wir gerne: Ich bin eben so, und ich kann nicht einfach ein anderer Mensch werden, ich habe es schon immer so gemacht. Auch wenn das letztere Argument stimmen mag, sollten wir uns nicht durch die beiden anderen Sätze einschränken. Wir sind nicht durch unsere Vergangenheit determiniert, sondern entnehmen ihr nur Gewohnheiten, Sicherheiten und Vorlieben. Nicht einmal in unserer Identität sind wir starr festgelegt, vielmehr haben wir uns im Lauf unseres Lebens beständig weiterentwickelt. Wir können in jedem Moment Neues ausprobieren, aus dem gewohnten Muster ausbrechen und mit noch nicht dagewesenen Verhaltensweisen experimentieren.
Dabei hilft uns die Reflexion, die wir zwischen der automatisch auftauchenden Reaktion auf eine herausfordernde Situation und der tatsächlichen Handlung einflechten können: Meine unmittelbare Reaktion besagt A (z.B. die Chance sofort ergreifen); was wäre aber, wenn ich diesmal B (jemanden fragen, was sie davon hält) ausprobiere? Welche Vorteile könnte mir das bringen, mit welchen Nachteilen muss ich rechnen?
Auf diese Weise schule ich meine Flexibilität und Kreativität. Die Unberechenbarkeit, der ich dabei in mir mehr Raum gebe, ist sogar ein Evolutionsvorteil: Natürliche Feinde tun sich am schwersten damit, uns zu erbeuten, wenn sie nicht wissen, wie wir reagieren (diese Einsicht könnte uns behilflich sein, wenn wir es mit unzuverlässigen Menschen zu tun haben, dass wir ihnen gegenüber freundlich bleiben können). Unsere hartnäckigen alten Muster erwischen uns nicht, wenn wir gar nicht dort fixiert sind, wo sie uns normalerweise vorfinden.
Es braucht immer ein Stück Mut, sobald wir aus alten Schienen ausbrechen, und es lohnt sich, wie immer, wenn wir mutig sind, weil sich dadurch unser Selbstvertrauen stärkt. Und ein kräftigeres Selbstvertrauen ermöglicht uns, in künftigen Situationen noch mehr Möglichkeiten auszuprobieren und damit unseren Freiheits- und Gestaltungsraum zu erweitern. Wir gewinnen mehr Macht für und über unser eigenes Leben, weil wir es in der Folge in einem größeren Ausmaß selber bestimmen können, statt dass es von außen bestimmt wird.
So bin ich eben: Nicht nur ein Bausatz aus vorgefertigten Versatzstücken, sondern ein flexibel wachsendes Projekt im Werden, das sich in jedem Moment neu erfinden kann: Hört, hört, so bin ich: Noch nie dagewesen.
Gedanken, Ideen und Satiren von Wilfried Ehrmann, Psychotherapeut und Buchautor in Wien
Mittwoch, 30. August 2017
Dienstag, 29. August 2017
Quantentheorie und die unsterbliche Seele
Zwei Theoretiker, der Arzt und Psychologe Dr. Stuart Hameroff und der Mathematiker Sir Roger Penrose behaupten seit 20 Jahren, Quantenvorgänge in kleinen Strukturen von Nervenzellen aufgefunden haben, und leiten daraus ein Erklärungsmodell für das Weiterleben der Seele nach dem Tod eines Menschen ab.
Sie nennen ihre Theorie „Orchestrated objective reduction (Orch-OR)“ und stellen sie auch in dem Film „What the bleep do we know?“ vor. Hameroff argumentiert in einem anderen Video: „Angenommen, das Herz hört zu schlagen auf, das Blut fließt nicht mehr; die Mikrotubuli verlieren ihren Quantenzustand. Die Quanteninformation in den Mikrotubuli ist nicht zerstört, sie kann nicht zerstört sein, und sie verteilt sich nur im größeren Universum, und löst sich dort auf. Wenn ein Patient wiederbelebt wird, kann die Information in die Mikrotubuli zurückkehren, und der Patient sagt: ‚Ich hatte eine Nahtoderfahrung.‘ Wenn es zu keiner Wiederbelebung kommt, ist es möglich, dass diese Quanteninformation außerhalb des Körpers weiterbestehen kann, vielleicht unendlich, als Seele.“
Diese Bemerkung wird gerne in diversen Seiten (z.B. hier) zitiert, wenn es darum gehen soll, „einen wissenschaftlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele“ vorzuweisen. Das obige Zitat allein sollte allerdings jedem unbefangenen Leser sofort vor Augen führen, dass es sich bei den Extrapolationen der Orch-OR-Theorie nicht um wissenschaftliche Aussagen handeln kann, sondern um fantasievolle Spekulationen. Abgesehen von der hochspezialisierten Fachfrage, ob es in den Mikrotubuli der Gehirnzellen überhaupt Quanteninformationen gibt, und wenn, ob diese mehr als eine unglaublich winzige Zeiteinheit Bestand haben, was in der Fachwelt strittig ist, gibt es für die darüber hinaus reichenden Überlegungen keine Spur von wissenschaftlicher Grundlage.
Nach Hameroff wäre möglich, dass „vielleicht“ die Quanteninformation (falls es sie überhaupt gibt) unverändert im „größeren Universum“ (wo auch immer sich dieses befindet) bewahrt würde und dann in der alten oder auch in einer neuen Körperform (in den besagten Mikrotubuli) wieder Platz finden könne. Es wäre möglich oder auch nicht. Es gibt dazu keine wissenschaftlich validen Beobachtungen, keine Experimente oder Beweise, sondern angesprochen wird nur eine Denkmöglichkeit. Natürlich, das Denken ist in seinen Möglichkeiten unbeschränkt. Wissenschaft beginnt allerdings erst dort, wo Gedanken mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und nach allgemein anerkannten Regeln Übereinstimmungen untersucht werden. Wo es zu Gedanken keine relevanten Fakten gibt, gibt es auch keine Wissenschaft.
Gedanken können uns gefallen oder auch nicht, und wir können auf ihnen Weltbilder und Ideologien aufbauen. Wissenschaftlich untersuchte und validierte Gedanken geben uns die Sicherheit, dass wir nicht allein unseren inneren Spekulationszirkeln ausgeliefert sind, in denen sich Gedanken dauernd mit Bedürfnissen, Emotionen, Vorurteilen, Erfahrungen, Werten usw. vermengen, sondern dass wir damit Wissen generieren können, das uns eine verlässliche Orientierung in der Wirklichkeit erlaubt.
Zur Wissenschaft gehört es, dass auch die Grenzen des Wissbaren und Erklärbaren definiert werden. Wissenschaft muss sich mit der Wissenskritik auseinandersetzen, die die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Wissens überprüft und Aussagen dahingehend überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standards genügen oder nicht. Wir sprechen von Mogelpackungen, wenn auf einer Ware etwas anderes draufsteht als drinnen ist. Schreibt jemand „Wissenschaft“ auf etwas, wo keine Wissenschaft drin ist, wird auch gemogelt. Und da ist es wichtig, solche Täuschungen aufzuklären.
Die Orch-OR-Theorie, die der gesamten Argumentation zugrunde liegt, ist in wissenschaftlichen Kreisen äußerst umstritten, sowohl in Bezug auf die logisch-mathematischen Grundlagen wie auch in Hinblick auf die Neurobiologie der Nervenzellen. Zumindest hat sich die Theorie als fruchtbare Forschungshypothese präsentiert, an der seit über 20 Jahren geforscht wird, ohne dass ein Konsens über die Sinnhaftigkeit der Theorie bisher absehbar ist. Darum kann es hier nicht gehen, und wer sich für Details interessiert, kann ausführlichen den Links auf dieser Seite folgen.
So gerne würden wir „mit Sicherheit“ wissen, wie es mit uns nach dem Tod weitergeht, und deshalb stürzen wir uns auf jede Theorie, die uns einen wissenschaftlichen Beweis verspricht, wie die Durstenden auf ein Glas Wasser, und verbreiten die frohe Botschaft, als hätten wir endlich den Stein der Weisen entdeckt. Allerdings, wie es bei näherer Betrachtung erscheint, geht es in diesem Zusammenhang eher ums Loslassen:
Sehr wahrscheinlich – und aus logischen Gründen – wird uns die Wissenschaft nie irgendeine Sicherheit über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, liefern können, mit oder ohne Quantentheorie. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir, wenn wir eines Tages sterben, kein Wissen haben, was danach passiert. Wenn wir von Wien nach München reisen, haben wir ein Wissen darüber, was uns in unserem Ankunftsort erwartet. Bei einem Gewitter verfügen wir über verlässliches Wissen, was sich dabei abspielt. Wenn es um den ganz anderen Übergang vom Leben in den Tod geht, verfügen wir über keinerlei Sicherheit, wie sie wissenschaftlich erstelltes Wissen bieten kann, über das, was danach geschehen wird. Wir können unseren persönlichen Glauben dazu bilden und pflegen, ohne dass uns dieser allerdings aus der fundamentalen Unsicherheit heraushelfen könnte.
Wie oben gesagt, braucht die Wissenschaft immer einen Bezug zum Faktischen. In Bezug auf den Tod gibt es Fakten: Beobachtungen und Messungen, die sich auf lebendige Organismen beziehen, und solche, die sich auf leblose beziehen. Es gibt verschiedene Angaben über den Zeitpunkt, ab welchem man von einem toten Organismus sprechen kann, und die Berichte über Nahtoderfahrungen und Wiederbelebungen zeigen, dass es in diesem Bereich große Abweichungen und individuelle Unterschiede geben kann. Wirklich relevant für die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod sind nicht Nah- oder Scheintoderfahrungen, wiederbelebte klinisch Tote oder vom Tod Erweckte. Denn in solchen Fällen kann immer argumentiert werden, dass der Tod noch nicht zur Gänze eingetreten ist und der Tod nur „nahe“ oder „dem Schein nach“ angeklopft hat, dass also der Sterbeprozess noch nicht voll abgeschlossen war, sondern dass noch Körperprozesse weiterbestanden haben, die dann die Wiederbelebung ermöglicht haben. Manche (bei weitem nicht alle) Menschen mit Nahtodeserfahrungen berichten z.B. von Tunnel- und Lichterfahrungen, die auch mit Restaktivitäten im Gehirn erklärt werden können, weil sie das Gehirn auch ohne Nahtodzustand erzeugen kann.
Selbst wenn wir über eine ausreichende Zahl an Berichten über Menschen verfügen würden, die über einen ausreichend langen Zeitraum nach allen Regeln der Kunst als tot (Herzstillstand, Gehirnstillstand, Stillstand von zellulären Aktivitäten) gelten und dann wieder lebendig werden, könnten diese Menschen nur darüber berichten, was sie während der Zeit ihres Todes sowie während ihres Zurückkommens erlebt haben. Sie könnten uns also zu einem Wissen über Tote mit Wiederbelebung verhelfen, aber nicht zu einem Wissen über Tote ohne diese Möglichkeit, die ja bei weitem die größte Zahl ausmachen und wir selber sowie alle Nah- und Scheintoten mit höchster Wahrscheinlichkeit irgendwann sein werden.
Denn wie sich der Tod anfühlt und was dann passiert, wenn es kein Zurückkommen gibt, entzieht sich der Berichtsmöglichkeit, weil eben der Tod dadurch definiert ist, dass in diesem Zustand nichts mehr berichtet werden kann. Sollte es also nach dem Tod noch eine Art von Subjektivität geben, eine Form der inneren Erfahrung, so gibt es, bisher zumindest, keine Form, wie diese Subjektivität zuverlässig kommuniziert werden könnte (vom „Tischerücken“ abgesehen), d.h. wir können auf keine Fakten zurückgreifen, die als Basis für verlässliches Wissen dienen könnten.
Das bisschen Wissen, das wir aus recht geringen Zahlen von „Nicht-wirklich-Toten“ gewonnen haben, gilt eben nur für diese Spezialfälle, und wenn wir allgemeine Schlüsse, die für die „Wirklich-Toten“ gelten sollen, ableiten wollen, haben wir dafür kein logisches Fundament. Wir spekulieren, d.h. wir entwickeln unüberprüfbare Hypothesen, und das tun Menschen seit Jahrtausenden, nicht aus dem Interesse heraus, wissenschaftliches Wissen zu erwerben, sondern aus dem Bedürfnis, die Todesangst als Angst vor einer großen Ungewissheit zu bewältigen. Wir entwickeln Glaubenssysteme, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, und allem Anschein nach wird es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben, der jemals diese Glaubensformen durch wissenschaftliches Wissen ersetzen könnte.
So wird weiterhin ein Großteil der Menschen annehmen, dass wir nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen, ein anderer Teil wird glauben, dass es Wiedergeburten in neuen Körpern gibt, und andere wiederum glauben, dass es kein Weiterleben gibt, sondern dass mit dem Tod „alles“ vorbei ist. Und wieder andere stellen die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Fragen zu stellen, auf die es keine sinnvollen Antworten gibt.
Sie nennen ihre Theorie „Orchestrated objective reduction (Orch-OR)“ und stellen sie auch in dem Film „What the bleep do we know?“ vor. Hameroff argumentiert in einem anderen Video: „Angenommen, das Herz hört zu schlagen auf, das Blut fließt nicht mehr; die Mikrotubuli verlieren ihren Quantenzustand. Die Quanteninformation in den Mikrotubuli ist nicht zerstört, sie kann nicht zerstört sein, und sie verteilt sich nur im größeren Universum, und löst sich dort auf. Wenn ein Patient wiederbelebt wird, kann die Information in die Mikrotubuli zurückkehren, und der Patient sagt: ‚Ich hatte eine Nahtoderfahrung.‘ Wenn es zu keiner Wiederbelebung kommt, ist es möglich, dass diese Quanteninformation außerhalb des Körpers weiterbestehen kann, vielleicht unendlich, als Seele.“
Diese Bemerkung wird gerne in diversen Seiten (z.B. hier) zitiert, wenn es darum gehen soll, „einen wissenschaftlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele“ vorzuweisen. Das obige Zitat allein sollte allerdings jedem unbefangenen Leser sofort vor Augen führen, dass es sich bei den Extrapolationen der Orch-OR-Theorie nicht um wissenschaftliche Aussagen handeln kann, sondern um fantasievolle Spekulationen. Abgesehen von der hochspezialisierten Fachfrage, ob es in den Mikrotubuli der Gehirnzellen überhaupt Quanteninformationen gibt, und wenn, ob diese mehr als eine unglaublich winzige Zeiteinheit Bestand haben, was in der Fachwelt strittig ist, gibt es für die darüber hinaus reichenden Überlegungen keine Spur von wissenschaftlicher Grundlage.
Ist Wissenschaft drin, wenn Wissenschaft draufsteht?
Nach Hameroff wäre möglich, dass „vielleicht“ die Quanteninformation (falls es sie überhaupt gibt) unverändert im „größeren Universum“ (wo auch immer sich dieses befindet) bewahrt würde und dann in der alten oder auch in einer neuen Körperform (in den besagten Mikrotubuli) wieder Platz finden könne. Es wäre möglich oder auch nicht. Es gibt dazu keine wissenschaftlich validen Beobachtungen, keine Experimente oder Beweise, sondern angesprochen wird nur eine Denkmöglichkeit. Natürlich, das Denken ist in seinen Möglichkeiten unbeschränkt. Wissenschaft beginnt allerdings erst dort, wo Gedanken mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und nach allgemein anerkannten Regeln Übereinstimmungen untersucht werden. Wo es zu Gedanken keine relevanten Fakten gibt, gibt es auch keine Wissenschaft.
Gedanken können uns gefallen oder auch nicht, und wir können auf ihnen Weltbilder und Ideologien aufbauen. Wissenschaftlich untersuchte und validierte Gedanken geben uns die Sicherheit, dass wir nicht allein unseren inneren Spekulationszirkeln ausgeliefert sind, in denen sich Gedanken dauernd mit Bedürfnissen, Emotionen, Vorurteilen, Erfahrungen, Werten usw. vermengen, sondern dass wir damit Wissen generieren können, das uns eine verlässliche Orientierung in der Wirklichkeit erlaubt.
Zur Wissenschaft gehört es, dass auch die Grenzen des Wissbaren und Erklärbaren definiert werden. Wissenschaft muss sich mit der Wissenskritik auseinandersetzen, die die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Wissens überprüft und Aussagen dahingehend überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standards genügen oder nicht. Wir sprechen von Mogelpackungen, wenn auf einer Ware etwas anderes draufsteht als drinnen ist. Schreibt jemand „Wissenschaft“ auf etwas, wo keine Wissenschaft drin ist, wird auch gemogelt. Und da ist es wichtig, solche Täuschungen aufzuklären.
Die Orch-OR-Theorie, die der gesamten Argumentation zugrunde liegt, ist in wissenschaftlichen Kreisen äußerst umstritten, sowohl in Bezug auf die logisch-mathematischen Grundlagen wie auch in Hinblick auf die Neurobiologie der Nervenzellen. Zumindest hat sich die Theorie als fruchtbare Forschungshypothese präsentiert, an der seit über 20 Jahren geforscht wird, ohne dass ein Konsens über die Sinnhaftigkeit der Theorie bisher absehbar ist. Darum kann es hier nicht gehen, und wer sich für Details interessiert, kann ausführlichen den Links auf dieser Seite folgen.
Das Mysterium Tod
So gerne würden wir „mit Sicherheit“ wissen, wie es mit uns nach dem Tod weitergeht, und deshalb stürzen wir uns auf jede Theorie, die uns einen wissenschaftlichen Beweis verspricht, wie die Durstenden auf ein Glas Wasser, und verbreiten die frohe Botschaft, als hätten wir endlich den Stein der Weisen entdeckt. Allerdings, wie es bei näherer Betrachtung erscheint, geht es in diesem Zusammenhang eher ums Loslassen:
Sehr wahrscheinlich – und aus logischen Gründen – wird uns die Wissenschaft nie irgendeine Sicherheit über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, liefern können, mit oder ohne Quantentheorie. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir, wenn wir eines Tages sterben, kein Wissen haben, was danach passiert. Wenn wir von Wien nach München reisen, haben wir ein Wissen darüber, was uns in unserem Ankunftsort erwartet. Bei einem Gewitter verfügen wir über verlässliches Wissen, was sich dabei abspielt. Wenn es um den ganz anderen Übergang vom Leben in den Tod geht, verfügen wir über keinerlei Sicherheit, wie sie wissenschaftlich erstelltes Wissen bieten kann, über das, was danach geschehen wird. Wir können unseren persönlichen Glauben dazu bilden und pflegen, ohne dass uns dieser allerdings aus der fundamentalen Unsicherheit heraushelfen könnte.
Wie oben gesagt, braucht die Wissenschaft immer einen Bezug zum Faktischen. In Bezug auf den Tod gibt es Fakten: Beobachtungen und Messungen, die sich auf lebendige Organismen beziehen, und solche, die sich auf leblose beziehen. Es gibt verschiedene Angaben über den Zeitpunkt, ab welchem man von einem toten Organismus sprechen kann, und die Berichte über Nahtoderfahrungen und Wiederbelebungen zeigen, dass es in diesem Bereich große Abweichungen und individuelle Unterschiede geben kann. Wirklich relevant für die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod sind nicht Nah- oder Scheintoderfahrungen, wiederbelebte klinisch Tote oder vom Tod Erweckte. Denn in solchen Fällen kann immer argumentiert werden, dass der Tod noch nicht zur Gänze eingetreten ist und der Tod nur „nahe“ oder „dem Schein nach“ angeklopft hat, dass also der Sterbeprozess noch nicht voll abgeschlossen war, sondern dass noch Körperprozesse weiterbestanden haben, die dann die Wiederbelebung ermöglicht haben. Manche (bei weitem nicht alle) Menschen mit Nahtodeserfahrungen berichten z.B. von Tunnel- und Lichterfahrungen, die auch mit Restaktivitäten im Gehirn erklärt werden können, weil sie das Gehirn auch ohne Nahtodzustand erzeugen kann.
Selbst wenn wir über eine ausreichende Zahl an Berichten über Menschen verfügen würden, die über einen ausreichend langen Zeitraum nach allen Regeln der Kunst als tot (Herzstillstand, Gehirnstillstand, Stillstand von zellulären Aktivitäten) gelten und dann wieder lebendig werden, könnten diese Menschen nur darüber berichten, was sie während der Zeit ihres Todes sowie während ihres Zurückkommens erlebt haben. Sie könnten uns also zu einem Wissen über Tote mit Wiederbelebung verhelfen, aber nicht zu einem Wissen über Tote ohne diese Möglichkeit, die ja bei weitem die größte Zahl ausmachen und wir selber sowie alle Nah- und Scheintoten mit höchster Wahrscheinlichkeit irgendwann sein werden.
Denn wie sich der Tod anfühlt und was dann passiert, wenn es kein Zurückkommen gibt, entzieht sich der Berichtsmöglichkeit, weil eben der Tod dadurch definiert ist, dass in diesem Zustand nichts mehr berichtet werden kann. Sollte es also nach dem Tod noch eine Art von Subjektivität geben, eine Form der inneren Erfahrung, so gibt es, bisher zumindest, keine Form, wie diese Subjektivität zuverlässig kommuniziert werden könnte (vom „Tischerücken“ abgesehen), d.h. wir können auf keine Fakten zurückgreifen, die als Basis für verlässliches Wissen dienen könnten.
Das bisschen Wissen, das wir aus recht geringen Zahlen von „Nicht-wirklich-Toten“ gewonnen haben, gilt eben nur für diese Spezialfälle, und wenn wir allgemeine Schlüsse, die für die „Wirklich-Toten“ gelten sollen, ableiten wollen, haben wir dafür kein logisches Fundament. Wir spekulieren, d.h. wir entwickeln unüberprüfbare Hypothesen, und das tun Menschen seit Jahrtausenden, nicht aus dem Interesse heraus, wissenschaftliches Wissen zu erwerben, sondern aus dem Bedürfnis, die Todesangst als Angst vor einer großen Ungewissheit zu bewältigen. Wir entwickeln Glaubenssysteme, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, und allem Anschein nach wird es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben, der jemals diese Glaubensformen durch wissenschaftliches Wissen ersetzen könnte.
So wird weiterhin ein Großteil der Menschen annehmen, dass wir nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen, ein anderer Teil wird glauben, dass es Wiedergeburten in neuen Körpern gibt, und andere wiederum glauben, dass es kein Weiterleben gibt, sondern dass mit dem Tod „alles“ vorbei ist. Und wieder andere stellen die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Fragen zu stellen, auf die es keine sinnvollen Antworten gibt.
Freitag, 25. August 2017
Das kontrafaktische Denken und die Versöhnung mit unserer Unvollkommenheit
Eine der vielen Überschussmechanismen, die unser gehirngesteuertes Denken ausgebildet hat, ist das kontrafaktische Reflektieren. Damit sind typische Denkschleifen gemeint, die vor allem dann auftauchen, wenn etwas in unserem Leben nicht so gelaufen ist, wie wir es uns gewunschen hätten. Wir spulen den Film zurück und wollen ihn noch einmal in einer neuen, verbesserten Form abspielen, von dem Punkt an, an dem etwas schief gelaufen ist. Z.B. haben wir durch eine Unachtsamkeit einen Schaden am Auto verursacht, eine Delle sagt uns, dass wir dem Mechaniker eine nette Summe hinlegen müssen, damit der Schaden behoben werden kann. Wir denken also die Situation noch einmal unter dem Vorzeichen des Konjunktivs durch: Wenn wir in jenem Moment nicht der Musik im Auto gefolgt wären, wenn wir das Lenkrad anders geführt hätten, wenn wir gar nicht ins Auto gestiegen wären, wenn wir irgendeiner Intuition gefolgt wären, die uns sagte, diese Fahrt nicht zu unternehmen, usw., dann wäre der Schaden nicht eingetreten.
Das Faktum ist da, unbestreitbar, in Form einer Delle an der Seitenfront des Autos. Was zu tun ist, ist auch klar. Aber nun drängt sich das Denken dazwischen und macht sich wichtig mit seinen Ideen zur Weltverbesserung, so als hätte es die Macht über das Faktische und über die Geschichte, als könnte es einfach die Zeit zurückdrehen. Wir wissen zwar, dass dem nicht so ist, aber unterwerfen uns dennoch diesem Zwang unseres Denkens, weil wir meinen, dadurch Alternativen zu gewinnen, die allerdings nicht real sind.
Jede Figur unseres Denkens hat einen lebenspraktischen Sinn und enthält zugleich eine Versuchung zum Missbrauch. Beim kontrafaktischen Denken besteht der mögliche Nutzen darin, dass wir in Hinblick auf zukünftige Situationen vorausüben und uns klarmachen, dass wir unsere Handlungen verbessern können, dass wir also in der Lage sind, sorgfältiger zu lenken und besser einzuparken, ohne eine Delle zu verursachen. Wir führen also ein inneres Probehandeln durch, um für ähnliche Situationen in der Zukunft besser gerüstet zu sein. Das ist der realitätsbezogene Teil des kontrafaktischen Denkens.
Der realitätsfremde Teil besteht darin, dass wir uns suggerieren, wir könnten rückgängig machen, was passiert ist. Er hindert uns daran, die Verantwortung zu übernehmen für das, was geschehen ist, was also ein Faktum geschaffen hat. Wir beginnen mit dem Schicksal zu hadern und verlieren uns in den Konjunktiven: Hätte ich doch, wäre ich doch … Wir verfügen nur in der Gegenwart über offene Möglichkeiten, die Fakten der Vergangenheit liegen dagegen alternativlos fest, und ihre Konsequenzen reichen in die Gegenwart. Wir können den Konsequenzen mit Freiheit begegnen, indem wir z.B. beschließen, mit der Delle weiterzufahren oder das Auto in Hinkunft in der Garage zu belassen. Aber wir haben nicht die Freiheit, die Geschichte umzuschreiben und Geschehenes ungeschehen zu machen. Beim kontrafaktischen Denken nähren wir nur unsere neurotischen Tendenzen, uns in unserer Fantasie allmächtig über die Wirklichkeit stellen zu wollen. Wir spalten uns also von der Realität ab und flüchten in das Fantasieimperium, in dem wir die einzigen Herrscher sind, weil wir uns der Verantwortung nicht gewachsen fühlen, die uns die Wirklichkeit aufbürdet. Das ist der neurotische Scheingewinn am Hadern.
Was hilft gegen das kontrafaktische Denken? Zunächst gilt es, die Kraft der Unterscheidung zu stärken: Was ist der konstruktive Teil am „Zurück-an-den-Anfang“-Spiel, und wo beginnen die neurotischen Denkschleifen mit ihren selbstdestruktiven Aktivitäten? Was können und sollten wir lernen und verbessern, wo können wir unsere Achtsamkeit verstärken, und wo beginnen wir, uns selbst herunterzumachen und zu schaden, indem wir uns (oder andere) kritisieren, abwerten und anklagen? Wo verleugnen wir das, was ist, zugunsten einer nutzlosen und selbstschädigenden Allmachtsfantasie?
Wenn wir diese Grenze erkundet haben, können wir dort einen Satz groß plakatieren: Wir (wie alle anderen auch) tun in jedem Moment unseres Lebens genau das, wozu wir imstande sind. Wir geben also das Beste, das uns gerade möglich und zugänglich ist. Hätten wir etwas noch Besseres zur Verfügung gehabt, hätten wir es auch eingesetzt. Nachher sind wir immer gescheiter, nachher wissen wir immer mehr. Und darauf beruht unsere Lernfähigkeit. Was wir allerdings nie wissen können und nie wissen werden, wie es wirklich gewesen wäre, wenn wir anders gehandelt hätten, welche Probleme oder Schwierigkeiten dann möglicherweise aufgetaucht wären.
Also müssen wir uns in dieser Bescheidenheit üben, die besagt, dass wir in jeder Situation – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in jeder Zukunft – nur über einen begrenzten Horizont an Fertigkeiten, Informationen und Einsichten über die Folgen disponieren können. Die Wirklichkeit stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, denen wir nur mangelhaft gewachsen sind. So ist das Spiel des Lebens, und so entwickeln wir uns weiter. Wir müssen mit der Einsicht leben, dass wir in manchen – wichtigen oder banalen – Situationen unseres Lebens Handlungen gesetzt haben (und auch in Zukunft setzen werden), die wir nachträglich, mit besserem Wissen über die Konsequenzen, als Fehler, als Irrtümer, als Versagen bezeichnen können. Wir haben aber kein Recht, uns dafür zu verurteilen, denn: Wir wussten und konnten es damals nicht besser. Wir würden uns wie Eltern verhalten, die ihr Kleinkind dafür kritisieren, dass es die Regeln des Straßenverkehrs oder des Benehmens bei Tisch nicht kennt, die ihm nie erklärt wurden, oder dass es über eine Impulskontrolle verfügen müsste, die noch nicht entwickelt ist.
Wir können mit unserer Vergangenheit, also mit uns als vergangene Handelnde, nur in Frieden kommen, wenn wir von dieser Überheblichkeit ablassen, die wir uns anmaßen, uns zu verurteilen, sobald wir über neue Einsichten verfügen, die uns zum früheren Zeitpunkt nicht zugänglich waren. Wir sind nicht mehr die genau gleiche Person wie jene, die die Situation zu bestehen hatte. Erst wenn wir anerkennen können, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste aus jeder Situation gemacht haben, das uns zugänglich war, gelingt es uns, die Verantwortung im Jetzt zu übernehmen. Dann können wir dieser perfektionistischen Falle entkommen: Wir leben mit unserer Unvollkommenheit und Fehleranfälligkeit und entwickeln uns dadurch weiter, dass wir in jeder Situation bestmöglich die Verantwortung übernehmen.
Wollen wir die inneren Stimmen, die uns für unsere Fehler abwerten und verurteilen, nachhaltig zum Schweigen bringen, gilt es, ihre Herkunft und ihre Wurzeln zu untersuchen und freizulegen: Diese inneren Stimmen sind verinnerlichte Stimmen, die inneren Kritiker sind verinnerlichte äußere Kritiker, vor allem unsere Eltern und andere wichtige Personen in unseren frühen Lebensphasen. Wir sind mit großem Vertrauen und großer Unfähigkeit in diese Welt geboren worden, haben unermesslich viele Fehler gemacht, auf allen möglichen Ebenen, und sind dennoch erwachsene Menschen geworden, die ihr Leben gerade so gut meistern, wie es möglich ist. Wenn es uns gelingt, am Klang der Stimmen unserer inneren Kritiker ihre Herkunft zu identifizieren, können wir uns klarmachen, sobald die kontrafaktischen Abwertungen beginnen: Aha, jetzt spricht der innere Kritiker mit der Stimme, mit der Energie, mit dem Gefühlston der Mutter, oh, und jetzt mischt sich der Vater ein. So war das in meiner Kindheit. Jetzt bin ich erwachsen und muss diesen Stimmen kein Gewicht und keine Macht mehr geben. Statt dessen schaue ich hier und jetzt, was zu tun ist, indem ich die Lektion aus dem, was geschehen ist, in mein Stammbuch schreibe und die Handlungen setze, die zu tun sind.
Manchmal sind vergangene Fehler mit moralischen Vorwürfen oder Selbstvorwürfen verbunden. Ich hätte wissen müssen, dass eine Bemerkung von mir die andere Person verletzt oder dass sie stört, was ich gemacht habe. Wenn ich mir klarmache, dass ich vorher nicht die Informationen hatte, die ich habe, sobald mir die Person mitteilt, was ihr missfällt, kann ich die Vorwürfe bei der anderen Person belassen und die Selbstvorwürfe beenden. Ich kann mir vornehmen, Bemerkungen oder Handlungen, von denen ich jetzt weiß, dass sie die andere Person verletzen, in Zukunft zu vermeiden. Damit gelingt es mir, die Erfahrung in die Vergangenheit zu verabschieden.
Die Reue, also das Bedauern eines Fehlers, hat einen zweifachen Sinn. Zum einen kann es darum gehen, einen anderen Menschen, der durch einen Fehler von uns zu Schaden gekommen ist, Verständnis zu zeigen und die Bereitschaft zu signalisieren, die Verantwortung zu übernehmen, indem wir z.B. für die Wiedergutmachung des Schadens aufkommen. Zum anderen, in Bezug auf uns selbst, bedeutet das Bereuen die Einsicht in die Verbesserungsmöglichkeit von Entscheidungen, die wir in der Vergangenheit getroffen haben, und den daraus abgeleiteten Willen, es in Zukunft anders und besser machen zu wollen. Ein aufrichtiges Bereuen macht uns frei von der Last unserer Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit und verhilft uns zu einem Zustand von verantwortungsvoller Unschuld. Wir ersetzen das Konzept der Perfektion durch das Konzept der Lernfähigkeit. Mit diesem Rüstzeug sind wir voll handlungsfähig und versöhnt mit unserer Geschichte.
Das Faktum ist da, unbestreitbar, in Form einer Delle an der Seitenfront des Autos. Was zu tun ist, ist auch klar. Aber nun drängt sich das Denken dazwischen und macht sich wichtig mit seinen Ideen zur Weltverbesserung, so als hätte es die Macht über das Faktische und über die Geschichte, als könnte es einfach die Zeit zurückdrehen. Wir wissen zwar, dass dem nicht so ist, aber unterwerfen uns dennoch diesem Zwang unseres Denkens, weil wir meinen, dadurch Alternativen zu gewinnen, die allerdings nicht real sind.
Jede Figur unseres Denkens hat einen lebenspraktischen Sinn und enthält zugleich eine Versuchung zum Missbrauch. Beim kontrafaktischen Denken besteht der mögliche Nutzen darin, dass wir in Hinblick auf zukünftige Situationen vorausüben und uns klarmachen, dass wir unsere Handlungen verbessern können, dass wir also in der Lage sind, sorgfältiger zu lenken und besser einzuparken, ohne eine Delle zu verursachen. Wir führen also ein inneres Probehandeln durch, um für ähnliche Situationen in der Zukunft besser gerüstet zu sein. Das ist der realitätsbezogene Teil des kontrafaktischen Denkens.
Der realitätsfremde Teil besteht darin, dass wir uns suggerieren, wir könnten rückgängig machen, was passiert ist. Er hindert uns daran, die Verantwortung zu übernehmen für das, was geschehen ist, was also ein Faktum geschaffen hat. Wir beginnen mit dem Schicksal zu hadern und verlieren uns in den Konjunktiven: Hätte ich doch, wäre ich doch … Wir verfügen nur in der Gegenwart über offene Möglichkeiten, die Fakten der Vergangenheit liegen dagegen alternativlos fest, und ihre Konsequenzen reichen in die Gegenwart. Wir können den Konsequenzen mit Freiheit begegnen, indem wir z.B. beschließen, mit der Delle weiterzufahren oder das Auto in Hinkunft in der Garage zu belassen. Aber wir haben nicht die Freiheit, die Geschichte umzuschreiben und Geschehenes ungeschehen zu machen. Beim kontrafaktischen Denken nähren wir nur unsere neurotischen Tendenzen, uns in unserer Fantasie allmächtig über die Wirklichkeit stellen zu wollen. Wir spalten uns also von der Realität ab und flüchten in das Fantasieimperium, in dem wir die einzigen Herrscher sind, weil wir uns der Verantwortung nicht gewachsen fühlen, die uns die Wirklichkeit aufbürdet. Das ist der neurotische Scheingewinn am Hadern.
Abhilfe gegen das kontrafaktische Denken
Was hilft gegen das kontrafaktische Denken? Zunächst gilt es, die Kraft der Unterscheidung zu stärken: Was ist der konstruktive Teil am „Zurück-an-den-Anfang“-Spiel, und wo beginnen die neurotischen Denkschleifen mit ihren selbstdestruktiven Aktivitäten? Was können und sollten wir lernen und verbessern, wo können wir unsere Achtsamkeit verstärken, und wo beginnen wir, uns selbst herunterzumachen und zu schaden, indem wir uns (oder andere) kritisieren, abwerten und anklagen? Wo verleugnen wir das, was ist, zugunsten einer nutzlosen und selbstschädigenden Allmachtsfantasie?
Wenn wir diese Grenze erkundet haben, können wir dort einen Satz groß plakatieren: Wir (wie alle anderen auch) tun in jedem Moment unseres Lebens genau das, wozu wir imstande sind. Wir geben also das Beste, das uns gerade möglich und zugänglich ist. Hätten wir etwas noch Besseres zur Verfügung gehabt, hätten wir es auch eingesetzt. Nachher sind wir immer gescheiter, nachher wissen wir immer mehr. Und darauf beruht unsere Lernfähigkeit. Was wir allerdings nie wissen können und nie wissen werden, wie es wirklich gewesen wäre, wenn wir anders gehandelt hätten, welche Probleme oder Schwierigkeiten dann möglicherweise aufgetaucht wären.
Also müssen wir uns in dieser Bescheidenheit üben, die besagt, dass wir in jeder Situation – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in jeder Zukunft – nur über einen begrenzten Horizont an Fertigkeiten, Informationen und Einsichten über die Folgen disponieren können. Die Wirklichkeit stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, denen wir nur mangelhaft gewachsen sind. So ist das Spiel des Lebens, und so entwickeln wir uns weiter. Wir müssen mit der Einsicht leben, dass wir in manchen – wichtigen oder banalen – Situationen unseres Lebens Handlungen gesetzt haben (und auch in Zukunft setzen werden), die wir nachträglich, mit besserem Wissen über die Konsequenzen, als Fehler, als Irrtümer, als Versagen bezeichnen können. Wir haben aber kein Recht, uns dafür zu verurteilen, denn: Wir wussten und konnten es damals nicht besser. Wir würden uns wie Eltern verhalten, die ihr Kleinkind dafür kritisieren, dass es die Regeln des Straßenverkehrs oder des Benehmens bei Tisch nicht kennt, die ihm nie erklärt wurden, oder dass es über eine Impulskontrolle verfügen müsste, die noch nicht entwickelt ist.
Wir können mit unserer Vergangenheit, also mit uns als vergangene Handelnde, nur in Frieden kommen, wenn wir von dieser Überheblichkeit ablassen, die wir uns anmaßen, uns zu verurteilen, sobald wir über neue Einsichten verfügen, die uns zum früheren Zeitpunkt nicht zugänglich waren. Wir sind nicht mehr die genau gleiche Person wie jene, die die Situation zu bestehen hatte. Erst wenn wir anerkennen können, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste aus jeder Situation gemacht haben, das uns zugänglich war, gelingt es uns, die Verantwortung im Jetzt zu übernehmen. Dann können wir dieser perfektionistischen Falle entkommen: Wir leben mit unserer Unvollkommenheit und Fehleranfälligkeit und entwickeln uns dadurch weiter, dass wir in jeder Situation bestmöglich die Verantwortung übernehmen.
Verinnerlichte Stimmen
Wollen wir die inneren Stimmen, die uns für unsere Fehler abwerten und verurteilen, nachhaltig zum Schweigen bringen, gilt es, ihre Herkunft und ihre Wurzeln zu untersuchen und freizulegen: Diese inneren Stimmen sind verinnerlichte Stimmen, die inneren Kritiker sind verinnerlichte äußere Kritiker, vor allem unsere Eltern und andere wichtige Personen in unseren frühen Lebensphasen. Wir sind mit großem Vertrauen und großer Unfähigkeit in diese Welt geboren worden, haben unermesslich viele Fehler gemacht, auf allen möglichen Ebenen, und sind dennoch erwachsene Menschen geworden, die ihr Leben gerade so gut meistern, wie es möglich ist. Wenn es uns gelingt, am Klang der Stimmen unserer inneren Kritiker ihre Herkunft zu identifizieren, können wir uns klarmachen, sobald die kontrafaktischen Abwertungen beginnen: Aha, jetzt spricht der innere Kritiker mit der Stimme, mit der Energie, mit dem Gefühlston der Mutter, oh, und jetzt mischt sich der Vater ein. So war das in meiner Kindheit. Jetzt bin ich erwachsen und muss diesen Stimmen kein Gewicht und keine Macht mehr geben. Statt dessen schaue ich hier und jetzt, was zu tun ist, indem ich die Lektion aus dem, was geschehen ist, in mein Stammbuch schreibe und die Handlungen setze, die zu tun sind.
Manchmal sind vergangene Fehler mit moralischen Vorwürfen oder Selbstvorwürfen verbunden. Ich hätte wissen müssen, dass eine Bemerkung von mir die andere Person verletzt oder dass sie stört, was ich gemacht habe. Wenn ich mir klarmache, dass ich vorher nicht die Informationen hatte, die ich habe, sobald mir die Person mitteilt, was ihr missfällt, kann ich die Vorwürfe bei der anderen Person belassen und die Selbstvorwürfe beenden. Ich kann mir vornehmen, Bemerkungen oder Handlungen, von denen ich jetzt weiß, dass sie die andere Person verletzen, in Zukunft zu vermeiden. Damit gelingt es mir, die Erfahrung in die Vergangenheit zu verabschieden.
Vom Sinn der Reue
Die Reue, also das Bedauern eines Fehlers, hat einen zweifachen Sinn. Zum einen kann es darum gehen, einen anderen Menschen, der durch einen Fehler von uns zu Schaden gekommen ist, Verständnis zu zeigen und die Bereitschaft zu signalisieren, die Verantwortung zu übernehmen, indem wir z.B. für die Wiedergutmachung des Schadens aufkommen. Zum anderen, in Bezug auf uns selbst, bedeutet das Bereuen die Einsicht in die Verbesserungsmöglichkeit von Entscheidungen, die wir in der Vergangenheit getroffen haben, und den daraus abgeleiteten Willen, es in Zukunft anders und besser machen zu wollen. Ein aufrichtiges Bereuen macht uns frei von der Last unserer Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit und verhilft uns zu einem Zustand von verantwortungsvoller Unschuld. Wir ersetzen das Konzept der Perfektion durch das Konzept der Lernfähigkeit. Mit diesem Rüstzeug sind wir voll handlungsfähig und versöhnt mit unserer Geschichte.
Montag, 21. August 2017
Dopamin und unsere Anfälligkeit für Verführung
Das bekannte Hormon Dopamin ist ein trickreicher Botenstoff, weil es auf die Erwartungs- und Belohnungszentren im Gehirn wirkt. Es ist deshalb besonders in Zusammenhang mit unseren Unterhaltungsbedürfnissen aktiv. Und diese sind ein zentrales Objekt des Marketings in den entsprechenden Industrien. Man könnte auch sagen, dass die neurobiologische Aufgabe von Marketing und Werbung darin besteht, dass möglichst viele dopamingierige Synapsen für ein bestimmtes Produkt im Gehirn möglichst vieler Konsumenten hergestellt werden.
Beim Fernsehen und auch bei der Internetnutzung sind wir einem zunehmend stärker werdenden Strom an Werbung, Propaganda und Manipulation ausgesetzt, der es darauf abgesehen hat, unsere Fähigkeiten zu rationalen Entscheidungen und Gedanken durch emotionale Aktivierungen des Unbewussten zu behindern und zu blockieren. Denn das Unbewusste sagt schnell „Ja“ zu allem, was in ansprechenden Bildern und Tönen rüberkommt, selbst dann, wenn wir uns sicher sind und glauben, dass wir uns von Werbung nicht beeinflussen lassen. Unser Unterbewusstsein ist viel wehrloser und passiver, als wir glauben.
Denn es kann nicht zuverlässig zwischen fiktionalen und realen Bildern unterscheiden. Für diese Aufgabe müssten höhere Denk- und Analysefunktionen herangezogen werden, die wir allerdings im Unterhaltungskontext meistens hintan halten wollen: Wir wollen uns ja nicht anstrengen und mit komplizierten Fragen beschäftigen.
Dazu kommt, dass das Unterbewusstsein alle Informationen, die auftauchen, bewerten und einschätzen muss, und wenn uns die visuelle Werbung mit Entscheidungsfragen überschüttet, wird schon ein großer Teil der zur Verfügung stehenden täglichen Reserven an Willenskraft für diese Zwecke verbraucht. Schleichend verlieren wir auf diese Weise das Interesse für aufwändigere Sachverhalte, die mehr Anstrengung in der Bewertung und Abschätzung erfordern und begnügen uns auch dort mit den einfacheren Lösungen. Insofern fördert die Überfütterung mit visueller Werbung zusätzlich zur Konsummanipulation die politische Verdummung.
Der Blogautor Dr. Alex Rinehart, Chiropraktiker und Ernährungsberater, vergleicht die Medienwerbung mit Pornographie. Wenn jemand pornographische Bilder oder Videos betrachtet, erkennt das Unterbewusste die virtuellen Personen als real. Es werden die Dopaminpfade aktiviert, was die Wahrscheinlichkeit von riskanten Entscheidungen und riskanten Handlungen erhöht. Ebenso reagiert das Gefühlssystem, wenn es von Schlussverkäufen, Schnäppchen, Superrabatten etc. hört: „Das Angebot ist nur kurze Zeit gültig, schlagen Sie schnell zu!“ Sieht unser Unterbewusstes in einer emotional aufgeladenen Situation (z.B. während einer Fußballübertragung) eine knapp bekleidete junge Frau, die mit Hochgenuss irgend ein ungesundes Nahrungsmittel („Ess-Porno“) verzehrt, kann es zu Handlungen verleiten, die unserer Gesundheit auf vielen Ebenen schaden.
Deshalb empfiehlt Rinehart, auf die Werbung zu zeigen, wann immer sie in den Medien auftaucht, und zu sich selber zu sagen: „Oh, das ist ja pornographisch!“ Dann fällt es leichter, die Sendung gleich auszuschalten. Denn chemisch läuft im Gehirn beim Werbungschauen der selbe Vorgang ab wie bei explizit sexuellen Inhalten.
„Sex sells“ heißt dann auch: Einkaufen soll zu einem sexuellen Erlebnis werden. Die Aufgeilung vermehrt den Stress, führt unser Unterbewusstsein in die Irre, irritiert unsere Sexualität und belastet unsere Gesundheit.
Welche Aktivitäten helfen, wenn wir Stress reduzieren wollen?
Hier die Empfehlungen von Rinehart:
• Sport, entweder mit Übungen oder mit Spielen
• Beten oder religiöse Rituale
• Lesen
• Musikhören
• Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen
• Eine Massage bekommen
• Spazierengehen
• Meditieren oder Yoga, beides mit kohärentem Atmen verbunden
• Kreative Hobbys ausüben
Was sind die bekannten stress-förderlichen Aktivitäten?
• Gewinnspiele
• Shoppen
• Rauchen
• Alkohol trinken
• Essen
• Videospiele spielen
• Ausgiebig im Internet surfen
• Mehr als zwei Stunden am Tag Fernsehen
Warum ist die erste Liste gescheiter?
Die Aktivitäten in dieser Liste fördern die Ausschüttung Serotonin, GABA und Oxytocin.
Die zweite Liste enthält Aktivitäten, die im Belohnungssystem des Gehirns zentriert sind, das auch als Dopamin-System bezeichnet wird. Es ist auf die Vorwegnahme zukünftiger Belohnungen ausgerichtet. Es erzeugt angenehme Gefühle, bis die Belohnung ausbleibt. Dann entsteht Unzufriedenheit und Unausgefülltsein. Man kann sich isoliert und unruhig fühlen, ein Anzeichen dafür, dass das Gehirn den nächsten Dopamin-Schub herbeisehnt.
Dieser suchtartige Kreislauf drängt uns zu kurzfristig wirksamen Dopamin-liefernden Tätigkeiten, obwohl wir es innerlich besser wüssten, dass die oben als Serotonin-, GABA- und Oxytocin-fördernden Aktivitäten viel besser für uns wären. (GABA steht für Gamma-Aminobuttersäure, ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der schmerzstillend und schlaffördernd wirkt.)
Das Belohnungshormon Dopamin erzeugt selber nicht direkt eine Erfahrung der Lust und des Genusses, sondern vermittelt die Vorwegnahme eines zukünftigen Vergnügens, und das ist ein bedeutsamer Unterschied. Die Antizipation eines Vergnügens ist für Menschen deshalb so wichtig, weil dieses Gefühl die Grundlage für Motivation darstellt: Wenn ich mich für ein längerfristiges Ziel entscheide, suche ich ein erfüllendes Gefühl, das mir die Erreichung des Ziels verspricht, und so mobilisiere ich die Energien, die für die Erreichung des Zieles notwendig sind. Das Motiv, etwas zu erschaffen oder zu erreichen, das in der Zukunft liegt, benötigt Dopamin als Treibstoff.
Werbeexperten und politische Manipulatoren haben auf dieser Ebene das gleiche Ziel: stabile Dopamin-Kreisläufe bei den Adressaten zu erzeugen, die verlässlich feuern, wenn es um Entscheidungen für die eigene Sache geht: Du sollst aufgeregt und begeistert an den Erwerb meines Produkts denken; du sollst meinen Wahlsieg wie deinen persönlichen Erfolg verspüren, der dir sofort ein besseres Leben beschert.
So können wir den Fanatismus verstehen, in den manche Anhänger von Demagogen ausbrechen, wenn ihr populistischer Star seine Gegner niederredet und für seine eigenen Anliegen das Blaue vom Himmel verspricht – Dopamin-Ausbrüche, die dann hysterisches Geschrei und Begeisterungsstürme auslösen. Die narzisstischen Politiker, die gerade in einigen Ländern Hochkonjunktur haben, verstehen sich vor allem auf diese Meisterschaft: Aus ihrem eigenen Dopamin-Programm heraus an die Synapsen der Anhänger anzudocken und auf diese Weise Abhängigkeiten zu erzeugen: Menschen, die fest daran glauben, dass erst und nur wenn ihr Kandidat die ganze Macht hat, das eigene Leben besser wird. Süchtig nach den Erfolgen anderer werden Menschen, denen das Leben sonst wenig Gelegenheit für dopaminerge Motivationszyklen geboten hat.
Das Problem mit der Vorwegnahme einer Belohnung liegt darin, dass eine innere Spannung zwischen der Erwartung und der Angst vor einer Enttäuschung aufgebaut wird. Manche Menschen unterbinden, ohne es zu wissen, ihre Dopamin-Erzeugung, indem sie sich jede Vorfreude auf mögliche Erfolge und Zielverwirklichungen verbieten, weil ja nichts sicher ist, und sie Angst davor haben, dass die Enttäuschung umso größer sein könnte, je größer die Vorfreude ist.
Andere wiederum setzen darauf, die Angst und den Zweifel an der Sicherheit der Zielerreichung zu unterbinden, indem sie sich alle negativen Gedanken verbieten und versuchen, nur positive innere Bilder vom ersehnten Erfolg zuzulassen. Sie kultivieren zwar ihre Dopaminerzeugung, allerdings neigen sie dazu, Risiken oder Unklarheiten in Hinblick auf die Zielerreichung zu übersehen oder zu ignorieren.
Der Ausweg aus der Problematik der Vorwegnahme liegt für beide Fälle in der Achtsamkeit auf das Erleben im Moment. Wenn wir vordringlich darauf achten, was sich jetzt gerade im eigenen Innen abspielt, sind wir vor irrealen Ängsten vor der Zukunft und aus der Vergangenheit geschützt. Wir können unsere Motivation aufrechterhalten, indem wir unsere Ziele als Resultate unseres Wollens bejahen und die Ängste, die dabei auftreten, mit unserer liebevollen inneren Aufmerksamkeit einhüllen, bis wir sie in unterstützende Kräfte für unsere Zielerreichung verwandelt haben. Auch können wir auf diesem Weg überprüfen, ob Ziele, die wir uns wünschen, oder Dinge, die wir haben möchten, wirklich aus unserem Wollen kommen und nicht aus äußeren Quellen stammen, deren Botschaften sich ohne unser Bemerken in unser Unterbewusstsein eingeschlichen haben.
Das beste Training, um uns vor allen ungewollten und manipulativen Einflussnahmen auf unser Unbewusstes und die von ihm inszenierte Hormonregulation zu schützen, ist die Kultivierung der Achtsamkeit. In einer Reihe von Forschungsarbeiten wurde belegt, dass Übungseinheiten von mindestens fünf Minuten, innerhalb von acht Wochen täglich durchgeführt, zu messbaren Veränderungen im Gehirn führen: Z.B. werden die Verbindungen zwischen den bewussten Gehirnteilen und den Belohnungszentren gestärkt, d.h. wir verbessern unsere Kompetenz darin, das bewusste Wollen von unbewussten Programmierungen zu unterscheiden. Die Dopamin-Produktion wird dann nicht mehr von emotionalen Spannungen auf der unbewussten Ebene ausgelöst, sondern von rational überlegten und festgelegten Entscheidungen und deren Projektion in die Zukunft. Zusätzlich wird die Oxytocin-Produktion gesteigert, die unsere Ängste hemmt.
Wenn wir also von stressgetriebenen zu entspannten und gelassenen Menschen werden wollen, die ihre Motivation aus einem breiten Angebot an Gefühlen (und damit verbundenen Botenstoffen) und rationalen Abwägungen schöpfen, empfiehlt es sich, dass wir uns der Kultivierung der Achtsamkeit widmen.
Zum Weiterlesen:
Machen uns Smartphones infantil?
Serotonin und Lebensfreude
Werbung im Kopf
Beim Fernsehen und auch bei der Internetnutzung sind wir einem zunehmend stärker werdenden Strom an Werbung, Propaganda und Manipulation ausgesetzt, der es darauf abgesehen hat, unsere Fähigkeiten zu rationalen Entscheidungen und Gedanken durch emotionale Aktivierungen des Unbewussten zu behindern und zu blockieren. Denn das Unbewusste sagt schnell „Ja“ zu allem, was in ansprechenden Bildern und Tönen rüberkommt, selbst dann, wenn wir uns sicher sind und glauben, dass wir uns von Werbung nicht beeinflussen lassen. Unser Unterbewusstsein ist viel wehrloser und passiver, als wir glauben.
Denn es kann nicht zuverlässig zwischen fiktionalen und realen Bildern unterscheiden. Für diese Aufgabe müssten höhere Denk- und Analysefunktionen herangezogen werden, die wir allerdings im Unterhaltungskontext meistens hintan halten wollen: Wir wollen uns ja nicht anstrengen und mit komplizierten Fragen beschäftigen.
Dazu kommt, dass das Unterbewusstsein alle Informationen, die auftauchen, bewerten und einschätzen muss, und wenn uns die visuelle Werbung mit Entscheidungsfragen überschüttet, wird schon ein großer Teil der zur Verfügung stehenden täglichen Reserven an Willenskraft für diese Zwecke verbraucht. Schleichend verlieren wir auf diese Weise das Interesse für aufwändigere Sachverhalte, die mehr Anstrengung in der Bewertung und Abschätzung erfordern und begnügen uns auch dort mit den einfacheren Lösungen. Insofern fördert die Überfütterung mit visueller Werbung zusätzlich zur Konsummanipulation die politische Verdummung.
Alltags-Pornos
Der Blogautor Dr. Alex Rinehart, Chiropraktiker und Ernährungsberater, vergleicht die Medienwerbung mit Pornographie. Wenn jemand pornographische Bilder oder Videos betrachtet, erkennt das Unterbewusste die virtuellen Personen als real. Es werden die Dopaminpfade aktiviert, was die Wahrscheinlichkeit von riskanten Entscheidungen und riskanten Handlungen erhöht. Ebenso reagiert das Gefühlssystem, wenn es von Schlussverkäufen, Schnäppchen, Superrabatten etc. hört: „Das Angebot ist nur kurze Zeit gültig, schlagen Sie schnell zu!“ Sieht unser Unterbewusstes in einer emotional aufgeladenen Situation (z.B. während einer Fußballübertragung) eine knapp bekleidete junge Frau, die mit Hochgenuss irgend ein ungesundes Nahrungsmittel („Ess-Porno“) verzehrt, kann es zu Handlungen verleiten, die unserer Gesundheit auf vielen Ebenen schaden.
Deshalb empfiehlt Rinehart, auf die Werbung zu zeigen, wann immer sie in den Medien auftaucht, und zu sich selber zu sagen: „Oh, das ist ja pornographisch!“ Dann fällt es leichter, die Sendung gleich auszuschalten. Denn chemisch läuft im Gehirn beim Werbungschauen der selbe Vorgang ab wie bei explizit sexuellen Inhalten.
„Sex sells“ heißt dann auch: Einkaufen soll zu einem sexuellen Erlebnis werden. Die Aufgeilung vermehrt den Stress, führt unser Unterbewusstsein in die Irre, irritiert unsere Sexualität und belastet unsere Gesundheit.
Welche Aktivitäten helfen, wenn wir Stress reduzieren wollen?
Hier die Empfehlungen von Rinehart:
• Sport, entweder mit Übungen oder mit Spielen
• Beten oder religiöse Rituale
• Lesen
• Musikhören
• Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen
• Eine Massage bekommen
• Spazierengehen
• Meditieren oder Yoga, beides mit kohärentem Atmen verbunden
• Kreative Hobbys ausüben
Was sind die bekannten stress-förderlichen Aktivitäten?
• Gewinnspiele
• Shoppen
• Rauchen
• Alkohol trinken
• Essen
• Videospiele spielen
• Ausgiebig im Internet surfen
• Mehr als zwei Stunden am Tag Fernsehen
Warum ist die erste Liste gescheiter?
Die Aktivitäten in dieser Liste fördern die Ausschüttung Serotonin, GABA und Oxytocin.
Die zweite Liste enthält Aktivitäten, die im Belohnungssystem des Gehirns zentriert sind, das auch als Dopamin-System bezeichnet wird. Es ist auf die Vorwegnahme zukünftiger Belohnungen ausgerichtet. Es erzeugt angenehme Gefühle, bis die Belohnung ausbleibt. Dann entsteht Unzufriedenheit und Unausgefülltsein. Man kann sich isoliert und unruhig fühlen, ein Anzeichen dafür, dass das Gehirn den nächsten Dopamin-Schub herbeisehnt.
Dieser suchtartige Kreislauf drängt uns zu kurzfristig wirksamen Dopamin-liefernden Tätigkeiten, obwohl wir es innerlich besser wüssten, dass die oben als Serotonin-, GABA- und Oxytocin-fördernden Aktivitäten viel besser für uns wären. (GABA steht für Gamma-Aminobuttersäure, ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der schmerzstillend und schlaffördernd wirkt.)
Die Verführungsmacht von Dopamin
Das Belohnungshormon Dopamin erzeugt selber nicht direkt eine Erfahrung der Lust und des Genusses, sondern vermittelt die Vorwegnahme eines zukünftigen Vergnügens, und das ist ein bedeutsamer Unterschied. Die Antizipation eines Vergnügens ist für Menschen deshalb so wichtig, weil dieses Gefühl die Grundlage für Motivation darstellt: Wenn ich mich für ein längerfristiges Ziel entscheide, suche ich ein erfüllendes Gefühl, das mir die Erreichung des Ziels verspricht, und so mobilisiere ich die Energien, die für die Erreichung des Zieles notwendig sind. Das Motiv, etwas zu erschaffen oder zu erreichen, das in der Zukunft liegt, benötigt Dopamin als Treibstoff.
Werbeexperten und politische Manipulatoren haben auf dieser Ebene das gleiche Ziel: stabile Dopamin-Kreisläufe bei den Adressaten zu erzeugen, die verlässlich feuern, wenn es um Entscheidungen für die eigene Sache geht: Du sollst aufgeregt und begeistert an den Erwerb meines Produkts denken; du sollst meinen Wahlsieg wie deinen persönlichen Erfolg verspüren, der dir sofort ein besseres Leben beschert.
So können wir den Fanatismus verstehen, in den manche Anhänger von Demagogen ausbrechen, wenn ihr populistischer Star seine Gegner niederredet und für seine eigenen Anliegen das Blaue vom Himmel verspricht – Dopamin-Ausbrüche, die dann hysterisches Geschrei und Begeisterungsstürme auslösen. Die narzisstischen Politiker, die gerade in einigen Ländern Hochkonjunktur haben, verstehen sich vor allem auf diese Meisterschaft: Aus ihrem eigenen Dopamin-Programm heraus an die Synapsen der Anhänger anzudocken und auf diese Weise Abhängigkeiten zu erzeugen: Menschen, die fest daran glauben, dass erst und nur wenn ihr Kandidat die ganze Macht hat, das eigene Leben besser wird. Süchtig nach den Erfolgen anderer werden Menschen, denen das Leben sonst wenig Gelegenheit für dopaminerge Motivationszyklen geboten hat.
Die Vorweg-Belohnung
Das Problem mit der Vorwegnahme einer Belohnung liegt darin, dass eine innere Spannung zwischen der Erwartung und der Angst vor einer Enttäuschung aufgebaut wird. Manche Menschen unterbinden, ohne es zu wissen, ihre Dopamin-Erzeugung, indem sie sich jede Vorfreude auf mögliche Erfolge und Zielverwirklichungen verbieten, weil ja nichts sicher ist, und sie Angst davor haben, dass die Enttäuschung umso größer sein könnte, je größer die Vorfreude ist.
Andere wiederum setzen darauf, die Angst und den Zweifel an der Sicherheit der Zielerreichung zu unterbinden, indem sie sich alle negativen Gedanken verbieten und versuchen, nur positive innere Bilder vom ersehnten Erfolg zuzulassen. Sie kultivieren zwar ihre Dopaminerzeugung, allerdings neigen sie dazu, Risiken oder Unklarheiten in Hinblick auf die Zielerreichung zu übersehen oder zu ignorieren.
Die Kultivierung der Achtsamkeit
Der Ausweg aus der Problematik der Vorwegnahme liegt für beide Fälle in der Achtsamkeit auf das Erleben im Moment. Wenn wir vordringlich darauf achten, was sich jetzt gerade im eigenen Innen abspielt, sind wir vor irrealen Ängsten vor der Zukunft und aus der Vergangenheit geschützt. Wir können unsere Motivation aufrechterhalten, indem wir unsere Ziele als Resultate unseres Wollens bejahen und die Ängste, die dabei auftreten, mit unserer liebevollen inneren Aufmerksamkeit einhüllen, bis wir sie in unterstützende Kräfte für unsere Zielerreichung verwandelt haben. Auch können wir auf diesem Weg überprüfen, ob Ziele, die wir uns wünschen, oder Dinge, die wir haben möchten, wirklich aus unserem Wollen kommen und nicht aus äußeren Quellen stammen, deren Botschaften sich ohne unser Bemerken in unser Unterbewusstsein eingeschlichen haben.
Das beste Training, um uns vor allen ungewollten und manipulativen Einflussnahmen auf unser Unbewusstes und die von ihm inszenierte Hormonregulation zu schützen, ist die Kultivierung der Achtsamkeit. In einer Reihe von Forschungsarbeiten wurde belegt, dass Übungseinheiten von mindestens fünf Minuten, innerhalb von acht Wochen täglich durchgeführt, zu messbaren Veränderungen im Gehirn führen: Z.B. werden die Verbindungen zwischen den bewussten Gehirnteilen und den Belohnungszentren gestärkt, d.h. wir verbessern unsere Kompetenz darin, das bewusste Wollen von unbewussten Programmierungen zu unterscheiden. Die Dopamin-Produktion wird dann nicht mehr von emotionalen Spannungen auf der unbewussten Ebene ausgelöst, sondern von rational überlegten und festgelegten Entscheidungen und deren Projektion in die Zukunft. Zusätzlich wird die Oxytocin-Produktion gesteigert, die unsere Ängste hemmt.
Wenn wir also von stressgetriebenen zu entspannten und gelassenen Menschen werden wollen, die ihre Motivation aus einem breiten Angebot an Gefühlen (und damit verbundenen Botenstoffen) und rationalen Abwägungen schöpfen, empfiehlt es sich, dass wir uns der Kultivierung der Achtsamkeit widmen.
Zum Weiterlesen:
Machen uns Smartphones infantil?
Serotonin und Lebensfreude
Samstag, 19. August 2017
Die Logik der Photonen und die Quantenwerbung
Phänomene,
die in der Quantenphysik entdeckt werden konnten, dienen als
Spekulationsanreger für alle möglichen Theorien über unsere Wirklichkeit. Sie
regen unsere Fantasie an und beflügeln unsere Spekulation. Außerdem können sie
dazu dienen, die Autorität, die die Physik in Bezug auf verlässliche
Wirklichkeitsdeutung innehat, für andere Zwecke auszuborgen, u.a. dafür, um für
Heilungsangebote im medizinischen oder psychologischen Bereich die eigenen Geschäftsideen
mit „wissenschaftlicher“ Glaubwürdigkeit zu untermauern.
Die Quantenlogik
Die Physik
musste zwei neue Prinzipien einführen, damit ein Erklärungsrahmen für die
Quantenphänomene erschaffen werden konnte: das Komplementaritätsprinzip und das
Prinzip der Nicht-Lokalität. Bei dem ersten Prinzip geht es um die
Komplementarität von Welle und Korpuskel (Teilchen). Bei dem berühmten
Doppelspaltexperiment bilden Photonen,
nachdem sie durch einen Doppelspalt „geschossen“ werden, wellenartige Muster.
Diese Lichtquanten müssen also Teilchen- und Welleneigenschaften gleichermaßen
aufweisen. Wir können ein Quant nur beschreiben, wenn wir ihnen beide
Eigenschaften zuschreiben, die sich gegenseitig ausschließen. Die Wirklichkeit
auf dieser Ebene kann damit nur mit einem Paradoxon beschrieben werden. Die
Natur verstößt gegen die Regeln unserer Logik: Ein Ding kann nur durch zwei
sich logisch widersprechende Beschreibungen erfasst werden.
Spätestens
hier stellt sich die Frage, wer hier falsch liegt: die Logik oder die Natur?
Der deutsche Philosoph Hegel, der sich dem Prinzip der dialektischen Logik
verschrieben hatte, soll auf die Vorhaltung, dass es in der Wirklichkeit mehr
Papageienarten gäbe als es der dialektischen Logik entspricht, geantwortet
haben: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“
Wir sollten
einen anderen Zugang wählen, und das hat die Physik auch nolens volens gemacht.
Wenn die traditionelle Logik nicht ausreicht, um Phänomene zu beschreiben, die
sich in der Natur beobachten lassen (zugegebenermaßen in Experimenten, die von
Menschen mithilfe von Apparaten eingerichtet werden; andererseits zeigen aber
die technischen Anwendungen der Quantenphysik, dass die Experimente natürliche
Vorgänge dargestellt haben), muss der Rahmen der Logik erweitert werden. Dies
ist durch die Einführung des Komplementaritätsprinzips geschehen.
Das zweite
Prinzip, die Nicht-Lokalität oder Verschränkung, leitet sich aus der Tatsache
ab, dass Quantenereignisse ohne Kausalität miteinander „kommunizieren“ können:
Sie zeigen zusammenhängende Verhaltensweisen, ohne dass es eine
Ursache-Wirkung-Beziehung geben kann. Damit ist eine weitere Voraussetzung der
Logik und auch der Alltagserfahrung außer Kraft gesetzt: Wir können uns in der
uns zugänglichen Wirklichkeit nur bewegen, wenn wir die Kausalbeziehungen
zwischen Objekten beobachten und uns auf sie verlassen können. Wenn sich
Eingangstüren wie verschränkte Quantenteilchen verhielten, wüssten wir nie, wie
wir in ein Gebäude gelangen.
Die Grenzen der Logik sind nicht die Grenzen der Welt
Unsere Logik
ist aus unserer Alltagswahrnehmung und unserer darauf gründenden Lebenspraxis
abgeleitet. In ihr ist jeder Gegenstand eindeutig, und die Austauschbarkeit von
Welle und Teilchen spielt keine Rolle. Wir arbeiten, kommunizieren und
vergnügen uns nicht in der Welt der Photonen, und dafür reicht die Logik, die
wir kennen. Eher ist es erstaunlich, dass diese Alltagslogik noch in der
winzigen Welt der Moleküle und Atome brauchbar ist; dass sie irgendwo im
Nano-Bereich (und vermutlich auch im Mega-Makro-Bereich) eine Grenze hat, weil
unsere Wahrnehmungsorgane dafür keine Sensorien haben und unsere Handlungsmöglichkeiten
viel zu grob sind, bräuchte uns eigentlich gar nicht zu verwundern. Wir finden
das, was sich in diesen Bereichen messen lässt, nur deshalb spukhaft, weil wir
arroganterweise davon ausgehen, dass die Art und Weise, wie wir in unserer kleinen
Lebenswelt mit unseren dafür adaptierten Wahrnehmungsorganen hantieren, für jedes
Phänomen im Universum Gültigkeit haben müsse. Wenn wir uns mit der Relativität
zufrieden geben, die mit der unüberwindbaren Begrenztheit unserer Erkenntnis gegeben
ist (um mit Kant zu sprechen: Mit der Unerkennbarkeit des Dings an sich),
können wir die Irritation durch die Quantenphänomene durch ein Staunen
ersetzen: Staunen darüber, was jenseits der Grenzen unserer Logik abläuft.
Quantenphysik, Psi-Phänomene und Esoterik
Die Quantenphysik
ist in verschiedenen Richtungen der Esoterik sehr beliebt. In der Welt der
Quanten zeigen sich Phänomene, die eigentümlicherweise an Erfahrungen erinnern,
die in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oder in Meditationsreisen
auftauchen können. Die klassische Physik kann diese Erscheinungen nicht
erklären, deshalb brauchen wir eine neue Physik, eben die der Quanten, und dann
haben wir gleich ein Erklärungsmodell für alle Sonderphänomene, die im
esoterischen Rahmen auftauchen. Schnell wird der Schluss gezogen: Jetzt haben
wir die wissenschaftliche Erklärung für die Wirklichkeit der Erfahrung und für
die Wirksamkeit der Methoden, die zu diesen Erfahrungen führen. So kann man
z.B. lesen: „Mit der Matrix Energie Quantenheilung tauchen wir ein in
unbegrenzte Möglichkeiten. Denn wir können selbst entscheiden, was wir uns aus
der Matrix, der universellen Energie herausholen.“ (Quelle)
„Bei der Quantenheilung werden ursprüngliche Informationen über den
Körper-Bauplan abgerufen und an den zu heilenden Körperteil übermittelt.“ (Quelle)
Die
vereinfachende Argumentation besagt: Alles besteht letztlich aus Quanten, und
weil Quanten nicht-lokale Verschränkungen aufweisen, müssen auch komplexere
Formen wie menschliche Gehirne oder wie ganze Menschen über diese Möglichkeiten
verfügen. Damit hätten wir eine physikalische Erklärung für Phänomene wie
Gedankenübertragung, Hellseherei, Telepathie: Die Physik würde bestätigen, dass
es solche Erscheinungen gibt wie es Sonnenfinsternisse oder Sternschnuppen
gibt.
Von der
anderen Seite wird dieser Enthusiasmus jedoch kaum geteilt. Im Gegenteil, die
meisten Quantenphysiker sind äußerst skeptisch, was eine Übertragung ihrer
Erkenntnisse von der Mini-Welt der Quanten auf die Makro-Welt von
zwischenmenschlichen Interaktionen oder innerpsychischen Erlebnissen
anbetrifft. Denn die Quantenphänomene
sind auf die Welt der kleinsten Teilchen beschränkt; in größeren und
komplexeren Objekten verschwinden sie. Die Verschränkung ist gewissermaßen
ansteckend: wenn ein paar verschränkte Quanten miteinander korrelieren, schließen
sich andere an, bis schließlich in einem System alle mit allen verschränkt sind.
Damit lassen sich verschränkte Systeme nicht mehr von unverschränkten Systemen
unterscheiden, und der Effekt wird irrelevant. Die Physiker nennen diesen
Vorgang „Dekohärenz“.
Zudem
sollten wir beachten, dass die seltsamen Quanteneffekte, welche der klassischen
Physik widersprechen und die von der Esoterik gerne als Beweis für alles
Mögliche verwendet werden, grundsätzlich nicht beobachtet werden können. Im
Moment einer "Beobachtung", also einer Messung, „verschwindet“ das
Mysteriöse, und es gilt für Quantenphänomene beispielsweise wieder die
klassische Logik. Diese Phänomene können nicht direkt beobachtet werden – es
wurde noch nie etwas Derartiges mit unseren Sinnesorganen bzw. mit
vorgeschalteten Apparaten beobachtet. Auf die „mysteriösen“ Quantenphänomene
kann nur geschlossen werden: aufgrund vorgenommener Messungen und
mathematischer Berechnungen scheint sich das Beobachtete allerdings nur
erklären zu lassen, wenn im Bereich der Quantenphänomene andere Gesetze
vorherrschen als im „klassischen“ Bereich.
Als
Konsumenten sollte uns bewusst sein: Wenn jemand von Quantenpsychologie oder
Quantenheilung spricht, so hat das nichts mit dem Wirklichkeitsbereich zu tun,
in dem die Quantenphysik forscht. Angebote dieser Art beruhen also nicht, wie
gerne behauptet wird, „auf modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen“ (z.B.
Christa Wagner),
sondern verwenden bloß ein werbekräftiges Wort, das aus der Physik entnommen
wird, ohne dass es nachgewiesene Zusammenhänge zwischen der Welt der Photonen
und dem Leiden und der Heilung von Menschen gibt. Methoden, die das Zauberwörtchen
„Quanten-“ verwenden, können wirksam oder auch nicht sein; wer sich mit den
Hintergründen befasst hat, wird sich allerdings leicht tun, den erhofften Glaubwürdigkeitsgewinn
durch das physikalische Lehnwort wegzustreichen und die jeweilige Sache als das
betrachten, was sie ist: Ein Angebot unter vielen auf dem breiten (und
geldträchtigen) Markt der esoterischen und therapeutischen Heilsangebote.
Dieser
Beitrag beruht in einigen Aspekten auf dem Artikel: Nikolaus v. Stillfried: Quantenphilosophische
Ideen zu Fragen des Bewusstseins. In: Bewusstseinswissenschaften.
Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1/2013, S. 44-55
Zum Weiterlesen: Quantenphysik und Quantenheilung. Zwei Paar Schuhe
Samstag, 15. Juli 2017
Oxytocin - Kuschel- und Muthormon
Die Rolle von Oxytocin bei der Stressreaktion vermittelt uns neue Einsichten in die Vielschichtigkeit dieses Phänomens und wirft auch ein Licht auf den Unterschied von Eustress und Distress.
Oxytocin (OXT) ist ein Oligopeptid aus 9 Aminosäuren, das im Hypothalamus gebildet wird. Es ist dem Vasopressin strukturell ähnlich und wirkt im Gehirn als Neurotransmitter und im Körper über die Blutbahn als Hormon.
Oxytocin wird während der Geburt, beim Stillen und bei lustvoll empfundenem körperlichem Kontakt freigesetzt. Es heißt deshalb „Kuschelhormon“ oder „Liebespeptid“. Auch eine soziale Problematik, die zu ihrer Lösung viel Vertrauen erfordert, führt zu einer Oxytocin-Ausschüttung.
Viele der Wirkungen von Oxytocin haben mit der sozialen Bindungsfähigkeit zu tun:
Der „Single Nucleotide Polymorphism“ (SNP) rs53576 des Oxytocinrezeptor-Gens (OXTR) kodiert für die genetische Variante A. Die A- und G-Allele des Rezeptors lösen je nach ihrer Kombination etwas unterschiedliche Wirkungen aus. Menschen können daher geringfügig unterschiedlich in Situationen reagieren, in denen Oxytocin ausgeschüttet wird.
Das Gefühl der Einsamkeit ist ein verbreitetes Phänomen vor allem in der Adoleszenz, einer Lebensphase, in der es um den Abschied von der Herkunftsfamilie mit dem Ziel einer eigenen Familiengründung geht. In dieser Umbruchsphase wird das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Kontakt mit anderen Menschen häufig nicht ausreichend befriedigt. Dabei reagieren Menschen unterschiedlich: Solche, die sich leichter einsam fühlen, suchen eher erneute Kontakte zum sozialen Schutz als solche, bei denen das Gefühl weniger stark ausgeprägt ist. Das Gefühl der Einsamkeit als Drang, aktiv eine Gemeinschaft aufzusuchen und Kontakte zu knüpfen, ist offenbar genetisch determiniert, allerdings in unterschiedlich starker Ausprägung (abhängig von den genetischen Varianten der A- oder G-Allele). (Zur Quelle)
Viele Studien haben nachgewiesen, dass stabile Sozialkontakte die Anfälligkeit für Depression, Angst, Drogenabhängigkeit und Krankheiten reduzieren. Umgekehrt kann sozialer Stress, insbesondere Vereinsamung oder Ausgrenzung (soziale Isolierung, Mobbing etc.) zu erheblichem Stress und zu Stresskrankheiten führen. Auf diese Zusammenhänge wird weiter unten noch genauer eingegangen.
Vertrauen ist eine unabdingbare Voraussetzung für Liebe, Freundschaft und im geschäftlichen und politischen Leben. Ohne Vertrauen können keine dauerhaften persönlichen Beziehungen und stabile Gemeinschaften aufgebaut oder Verträge und Abkommen geschlossen werden. Oxytocin spielt dabei eine tragende Rolle.
Oxytocin verbessert die kognitive Empathie (bekommen Versuchspersonen das Hormon über einen Nasenspray, so können sie besser an der Augenpartie eines Gegenübers abzulesen, wie es diesem geht, aber auch mehr Mitgefühl mit Menschen in Belastungssituationen entwickeln) und reduziert die Aktivität der Amygdala, also des Angstzentrums.
Allerdings verstärkt das Hormon ein gruppen-egoistisches Verhalten. Und damit kommen auch die Schattenseiten des hochgeschätzten Kuschelhormons zur Sprache: es spielt auch bei Neid, Unachtsamkeit und Vertrauensseligkeit sowie bei der Bevorzugung der eigenen Gruppe vor fremden eine wichtige Rolle. Oxytocin ist dafür verantwortlich, die Beziehungen in der eigenen Gruppe zu stärken. Der Schutz nach innen erfodert oft die Ablehnung nach außen, wie sich im Aggressionsverhalten von Muttertieren und auch Vätern zeigt, wenn die Nachkommen angegriffen werden. Es ist allerdings ein Missverständnis, wenn man meint, dass das Hormon zum Schüren von Fremdenhass geeignet wäre. Vielmehr zeigt sich, dass Oxytocin Aggressionen eindämmt und soziale Ängste reduziert. (Zur Quelle)
Bei Trennungsstress werden die positiven emotionalen Wirkungen von Oxytocin unterdrückt. Studien konnten nachweisen, dass nach dem Ende einer Partnerschaft, verbunden mit dem Verlust an emotionaler Sicherheit, die Freisetzung des Stresshormons CRF (Corticotropin-releasing Faktor) die Aktivität des Oxytocin-Systems drastisch reduziert. Trennungserfahrungen führen zu starker CRF-Ausschüttung, womit die beruhigende Wirkung des „Kuschelhormons“ außer Kraft gesetzt wird. Der Trennungsschmerz mit seinen starken Gefühlen wirkt mit voller emotionaler Macht. Möglicherweise soll er bewirken, dass die Beziehung doch wieder aufgenommen wird. Das könnte erklären, warum manche Menschen nach einer Trennung doch wieder in die Partnerschaft zurückkehren, obwohl diese stark dysfunktional ist wie z.B. in einer Alkoholiker-Coalkoholiker-Beziehung. (Zur Quelle)
Es gibt in der Oxytocin-Forschung eine Kontroverse, seit Hinweise aufgetaucht sind, dass Beziehungsängste und schlechte Beziehungsqualität mit gesteigertem Oxytocin-Spiegel verbunden sind. Allerdings scheint eine umfassende Forschungsarbeit das Liebeshormon zu rehabilitieren: In einer US-Studie, die Paare über mehrere Wochen begleitete, konnte gezeigt werden, dass die Beziehungsqualität positiv mit dem Oxytocin-Spiegel korrespondiert. Paare, die sich gut verstehen, haben einen höheren Spiegel, und Paare mit angespannter Beziehung einen niedrigeren. (Zur Quelle)
Sollen Oxytocin-Nasensprays verteilt werden, um die Menschen menschenfreundlicher werden zu lassen? Genügen ein paar Schnupfer des Hormons, und schon sind wir lieb miteinander?
Abgesehen von Gewöhnungseffekten, die bewirken, dass der Körper aufhört, das Hormon selber zu produzieren, wenn es von außen zugeführt wird, ist noch viel zu wenig darüber bekannt, wie das Hormon im Körper aufgenommen wird und mit anderen Botenstoffen zusammenwirkt, und ob sich durch eine äußere Zufuhr langfristige Verhaltensänderungen erzielen lassen. Natürlicher ist es wohl, mit Umarmungen oder zärtlichen Berührungen wechselseitig mehr Oxytocin in Umlauf zu bringen und positive soziale Gefühle zu verstärken („a hug a day keeps the doctor away“).
Oxytocin gilt als allgemeines Antistress-Hormon, das den Kortisolspiegel sowie den Blutdruck senken kann. Damit hilft es, während Phasen von Stress und Entzündungen die Homöostase aufrechtzuerhalten. Es wird nicht nur durch das Stillen oder während sexueller Begegnungen, sondern auch durch warme Temperatur, sanfte Berührungen, Klänge und andere soziale Signale ausgeschüttet. Es wird nicht nur in der Zirbeldrüse oder im Hypothalamus produziert, sondern auch von der Gebärmuttern, den Eierstöcken, den Hoden, Blutgefäßen und vom Herzen.
Die entzündungshemmenden und antioxidanten Eigenschaften des Hormons sowie seine Wirkungen als Modulator der Schmerzempfindlichkeit sind deshalb wichtig, weil sie deutlich machen, wie wichtig soziale Netzwerke und Absicherungen für die Aufrechterhaltung der Gesundheit sind. Stress als solcher ist nicht notwendigerweise negativ, aber mit Stress ohne mitmenschliche Unterstützung umgehen zu müssen, kann sich stark auf die Gesundheit schlagen. (Zur Quelle)
Damit ist Oxytocin ein Hinweis auf die Wagschale zwischen gutem und schlechtem Stress, also zwischen Eu- und Distress: Je nachdem, ob genügend soziale Unterstützung sowie die Kontrolle über die Umstände des Stresses verhanden sind, wird Stress zur Herausforderung oder zur Belastung. Es gibt die Kampf-Flucht-Reaktion (fight/flight), die durch Stress ausgelöst wird, aber auch den Freundschaftsimpuls (tend and befriend), der bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern, und er hängt wieder mit der Oxytocin-Regulation zusammen. In Situationen, die mit Angst verbunden sind und die wir als Bedrohung erleben, gibt es uns Sicherheit, wenn wir jemanden um uns haben, dem wir vertrauen können. Soziale Isolierung dagegen wird in sich schon als gefährlich erlebt und schwächt zusätzlich den Körper und seine Immunreaktion.
Wir alle wünschen uns ein stressfreies und belastungsfreies Leben, keine Sorgen, Unglücksfälle und Katastrophen. Allerdings ist ein Leben aus lauter Glückssträhnen alles andere als förderlich für unsere Gesundheit. Denn für die Oxytocin-Balance ist ein Zuwenig an Ungemach ebenso ungünstig wie ein Zuviel; gerade genug Stress zu erleben hilft, dass das Hormon gut im Fluss bleibt und damit unseren Körper stärkt, so sagen zumindest die Forscher.
Wenn wir das Hormon und seine Wirkungsweise verstehen, können wir auch leichter verstehen, warum früh erlebtes Missgeschick später die Bewältigungsstrategien im Leben fördern oder behindern kann. Wissenschaftler sehen eine U-Kurve: Mäßige seelische Belastungen wirken sich stärkend auf die Gesundheit aus, nämlich in einem geringen Ausmaß an Depressionen und posttraumatischen Stresssymptomen sowie in höherer Lebenszufriedenheit.
Wie die Stanford-Psychologin Kelly McGonigal behauptet, hängt das hormonelle Profil einer stressreichen Erfahrung daran, wie wir sie selber sehen, also in welchen Kontext wir sie einfügen. Sie unterscheidet zwischen einer Kampf-Flucht-Reaktion und einer Herausforderungsreaktion. Die letztere ist dadurch gekennzeichnet, dass wir Stresssituationen als Chance für das Verbessern der eigenen Leistungsfähigkeit nehmen, als Gelegenheit zum Lernen. Voraussetzung dafür ist es, während des Erlebens in der Bewusstheit und Achtsamkeit zu bleiben. Weiters hilft es, andere um Hilfe zu bitten oder anderen zu Hilfe zu eilen, die gerade einer belastenden Situation ausgesetzt sind.
McGonigal geht davon aus, dass die Stressreaktion kein Feind ist, der besiegt werden muss, sondern ein Verbündeter, der hilft, schwierige Situationen zu überwinden. Sie weist auch darauf hin, dass bei mäßigem Stress Oxytocin freigesetzt wird, um die Angstreaktion im Gehirn zu dämpfen und den Flucht- und Erstarrungsinstinkt zu unterdrücken und statt dessen soziale Verbindungen aufzubauen. Das Liebeshormon ist also auch ein Muthormon. Beispiele für diese Form der Stressreaktion sind, wenn Eltern ihre Kinder beschützen oder wenn jemand sein Team oder seine Gruppe vor Ungerechtigkeiten verteidigt. (Zur Quelle)
Eustress besteht also darin, einer belastenden Situation einen positiven Sinn geben zu können und damit das Selbstbewusstsein zu steigern, die Schwierigkeit überwinden zu können. Wie andere Forschungen belegen, geht es auch darum, dass wir in der Stresssituation das Gefühl haben, die Umstände kontrollieren zu können, dass wir also über einen Handlungsspielraum verfügen, den wir zur Meisterung der Schwierigkeit nutzen können.
Oxytocin stärkt die Herzgesundheit. Das Herz verfügt über spezielle Oxytocin-Rezeptoren, und das Hormon hilft, dass sich die Herzzellen nach kleinen Schäden wieder selbst regenerieren und reparieren können. Es ist also nicht so, dass Stress grundsätzlich schädlich fürs Herz ist, sondern dass auf die Art des Stresses ankommt. Sobald der Stress mit Oxytocin-Ausschüttung verbunden ist, wenn es sich also um Eu-Stress handelt, hilft er dem Herzen und seiner Gesundheit. Dabei aktiviert sich die Resilienzkomponente in der Stressreaktion.
Allerdings ist noch anzumerken, dass Männer und Frauen in der Oxytocin-Thematik unterschiedlich reagieren. Während beide Geschlechter in der Kortisol- und Adrenalinausschüttung ähnlich sind, ist die Stressreaktion bei Frauen mit deutlich stärkerer Oxytocin-Freisetzung verbunden als bei Männern. Hier haben wir die biologische Grundlage für das bekannte Phänomen, dass in Belastungssituationen Männer dazu tendieren, das Problem proaktiv und selbständig zu lösen, während Frauen Hilfe bei anderen suchen. Es ist ja nicht weiter verwunderlich, dass Frauen im Stress leichter Oxytocin ausschütten als Männer, weil sie das Hormon sowohl bei der Geburt als auch beim Stillen brauchen. (Zur Quelle)
Oxytocin (OXT) ist ein Oligopeptid aus 9 Aminosäuren, das im Hypothalamus gebildet wird. Es ist dem Vasopressin strukturell ähnlich und wirkt im Gehirn als Neurotransmitter und im Körper über die Blutbahn als Hormon.
Oxytocin wird während der Geburt, beim Stillen und bei lustvoll empfundenem körperlichem Kontakt freigesetzt. Es heißt deshalb „Kuschelhormon“ oder „Liebespeptid“. Auch eine soziale Problematik, die zu ihrer Lösung viel Vertrauen erfordert, führt zu einer Oxytocin-Ausschüttung.
Die Wirkungen von Oxytocin
Viele der Wirkungen von Oxytocin haben mit der sozialen Bindungsfähigkeit zu tun:
- Stimulation der Uteruskontraktion unter der Geburt: Förderung des Geburtsvorgangs und gleichzeitig einer emotionalen Bindung an das Kind.
- Stimulation der Milchsekretion durch Kontraktion der Muskulatur um die Drüsenbläschen.
- Senkung des Blutdrucks, Auslösung eines Wohligkeitsempfindens.
- Beruhigung von Entzündungsreaktionen.
- Festigung sozialer Bindungen durch Förderung von Vertrauen und Abbau von Aggression sowie durch erhöhte Bereitschaft, Fehler von Gruppenmitgliedern zu vergeben. Insbesondere spielt das Oxytocinsystem für die Paar-Bindung und die Mutter-Kind-Beziehung eine entscheidende Rolle.
- Förderung der Stressbewältigung; dabei agiert Oxytocin als Gegenspieler des Stresshormons Kortisol.
Der „Single Nucleotide Polymorphism“ (SNP) rs53576 des Oxytocinrezeptor-Gens (OXTR) kodiert für die genetische Variante A. Die A- und G-Allele des Rezeptors lösen je nach ihrer Kombination etwas unterschiedliche Wirkungen aus. Menschen können daher geringfügig unterschiedlich in Situationen reagieren, in denen Oxytocin ausgeschüttet wird.
Oxytocin und Einsamkeit
Das Gefühl der Einsamkeit ist ein verbreitetes Phänomen vor allem in der Adoleszenz, einer Lebensphase, in der es um den Abschied von der Herkunftsfamilie mit dem Ziel einer eigenen Familiengründung geht. In dieser Umbruchsphase wird das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Kontakt mit anderen Menschen häufig nicht ausreichend befriedigt. Dabei reagieren Menschen unterschiedlich: Solche, die sich leichter einsam fühlen, suchen eher erneute Kontakte zum sozialen Schutz als solche, bei denen das Gefühl weniger stark ausgeprägt ist. Das Gefühl der Einsamkeit als Drang, aktiv eine Gemeinschaft aufzusuchen und Kontakte zu knüpfen, ist offenbar genetisch determiniert, allerdings in unterschiedlich starker Ausprägung (abhängig von den genetischen Varianten der A- oder G-Allele). (Zur Quelle)
Oxytocin und Stressbewältigung
Viele Studien haben nachgewiesen, dass stabile Sozialkontakte die Anfälligkeit für Depression, Angst, Drogenabhängigkeit und Krankheiten reduzieren. Umgekehrt kann sozialer Stress, insbesondere Vereinsamung oder Ausgrenzung (soziale Isolierung, Mobbing etc.) zu erheblichem Stress und zu Stresskrankheiten führen. Auf diese Zusammenhänge wird weiter unten noch genauer eingegangen.
Oxytocin und Vertrauen
Vertrauen ist eine unabdingbare Voraussetzung für Liebe, Freundschaft und im geschäftlichen und politischen Leben. Ohne Vertrauen können keine dauerhaften persönlichen Beziehungen und stabile Gemeinschaften aufgebaut oder Verträge und Abkommen geschlossen werden. Oxytocin spielt dabei eine tragende Rolle.
Oxytocin verbessert die kognitive Empathie (bekommen Versuchspersonen das Hormon über einen Nasenspray, so können sie besser an der Augenpartie eines Gegenübers abzulesen, wie es diesem geht, aber auch mehr Mitgefühl mit Menschen in Belastungssituationen entwickeln) und reduziert die Aktivität der Amygdala, also des Angstzentrums.
Die Schattenseiten des Liebesmoleküls
Allerdings verstärkt das Hormon ein gruppen-egoistisches Verhalten. Und damit kommen auch die Schattenseiten des hochgeschätzten Kuschelhormons zur Sprache: es spielt auch bei Neid, Unachtsamkeit und Vertrauensseligkeit sowie bei der Bevorzugung der eigenen Gruppe vor fremden eine wichtige Rolle. Oxytocin ist dafür verantwortlich, die Beziehungen in der eigenen Gruppe zu stärken. Der Schutz nach innen erfodert oft die Ablehnung nach außen, wie sich im Aggressionsverhalten von Muttertieren und auch Vätern zeigt, wenn die Nachkommen angegriffen werden. Es ist allerdings ein Missverständnis, wenn man meint, dass das Hormon zum Schüren von Fremdenhass geeignet wäre. Vielmehr zeigt sich, dass Oxytocin Aggressionen eindämmt und soziale Ängste reduziert. (Zur Quelle)
Bei Trennungsstress werden die positiven emotionalen Wirkungen von Oxytocin unterdrückt. Studien konnten nachweisen, dass nach dem Ende einer Partnerschaft, verbunden mit dem Verlust an emotionaler Sicherheit, die Freisetzung des Stresshormons CRF (Corticotropin-releasing Faktor) die Aktivität des Oxytocin-Systems drastisch reduziert. Trennungserfahrungen führen zu starker CRF-Ausschüttung, womit die beruhigende Wirkung des „Kuschelhormons“ außer Kraft gesetzt wird. Der Trennungsschmerz mit seinen starken Gefühlen wirkt mit voller emotionaler Macht. Möglicherweise soll er bewirken, dass die Beziehung doch wieder aufgenommen wird. Das könnte erklären, warum manche Menschen nach einer Trennung doch wieder in die Partnerschaft zurückkehren, obwohl diese stark dysfunktional ist wie z.B. in einer Alkoholiker-Coalkoholiker-Beziehung. (Zur Quelle)
Es gibt in der Oxytocin-Forschung eine Kontroverse, seit Hinweise aufgetaucht sind, dass Beziehungsängste und schlechte Beziehungsqualität mit gesteigertem Oxytocin-Spiegel verbunden sind. Allerdings scheint eine umfassende Forschungsarbeit das Liebeshormon zu rehabilitieren: In einer US-Studie, die Paare über mehrere Wochen begleitete, konnte gezeigt werden, dass die Beziehungsqualität positiv mit dem Oxytocin-Spiegel korrespondiert. Paare, die sich gut verstehen, haben einen höheren Spiegel, und Paare mit angespannter Beziehung einen niedrigeren. (Zur Quelle)
Eine neue Liebesdroge?
Sollen Oxytocin-Nasensprays verteilt werden, um die Menschen menschenfreundlicher werden zu lassen? Genügen ein paar Schnupfer des Hormons, und schon sind wir lieb miteinander?
Abgesehen von Gewöhnungseffekten, die bewirken, dass der Körper aufhört, das Hormon selber zu produzieren, wenn es von außen zugeführt wird, ist noch viel zu wenig darüber bekannt, wie das Hormon im Körper aufgenommen wird und mit anderen Botenstoffen zusammenwirkt, und ob sich durch eine äußere Zufuhr langfristige Verhaltensänderungen erzielen lassen. Natürlicher ist es wohl, mit Umarmungen oder zärtlichen Berührungen wechselseitig mehr Oxytocin in Umlauf zu bringen und positive soziale Gefühle zu verstärken („a hug a day keeps the doctor away“).
Eustress und Distress: Mit oder ohne Oxytocin
Oxytocin gilt als allgemeines Antistress-Hormon, das den Kortisolspiegel sowie den Blutdruck senken kann. Damit hilft es, während Phasen von Stress und Entzündungen die Homöostase aufrechtzuerhalten. Es wird nicht nur durch das Stillen oder während sexueller Begegnungen, sondern auch durch warme Temperatur, sanfte Berührungen, Klänge und andere soziale Signale ausgeschüttet. Es wird nicht nur in der Zirbeldrüse oder im Hypothalamus produziert, sondern auch von der Gebärmuttern, den Eierstöcken, den Hoden, Blutgefäßen und vom Herzen.
Die entzündungshemmenden und antioxidanten Eigenschaften des Hormons sowie seine Wirkungen als Modulator der Schmerzempfindlichkeit sind deshalb wichtig, weil sie deutlich machen, wie wichtig soziale Netzwerke und Absicherungen für die Aufrechterhaltung der Gesundheit sind. Stress als solcher ist nicht notwendigerweise negativ, aber mit Stress ohne mitmenschliche Unterstützung umgehen zu müssen, kann sich stark auf die Gesundheit schlagen. (Zur Quelle)
Damit ist Oxytocin ein Hinweis auf die Wagschale zwischen gutem und schlechtem Stress, also zwischen Eu- und Distress: Je nachdem, ob genügend soziale Unterstützung sowie die Kontrolle über die Umstände des Stresses verhanden sind, wird Stress zur Herausforderung oder zur Belastung. Es gibt die Kampf-Flucht-Reaktion (fight/flight), die durch Stress ausgelöst wird, aber auch den Freundschaftsimpuls (tend and befriend), der bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern, und er hängt wieder mit der Oxytocin-Regulation zusammen. In Situationen, die mit Angst verbunden sind und die wir als Bedrohung erleben, gibt es uns Sicherheit, wenn wir jemanden um uns haben, dem wir vertrauen können. Soziale Isolierung dagegen wird in sich schon als gefährlich erlebt und schwächt zusätzlich den Körper und seine Immunreaktion.
Wir alle wünschen uns ein stressfreies und belastungsfreies Leben, keine Sorgen, Unglücksfälle und Katastrophen. Allerdings ist ein Leben aus lauter Glückssträhnen alles andere als förderlich für unsere Gesundheit. Denn für die Oxytocin-Balance ist ein Zuwenig an Ungemach ebenso ungünstig wie ein Zuviel; gerade genug Stress zu erleben hilft, dass das Hormon gut im Fluss bleibt und damit unseren Körper stärkt, so sagen zumindest die Forscher.
Wenn wir das Hormon und seine Wirkungsweise verstehen, können wir auch leichter verstehen, warum früh erlebtes Missgeschick später die Bewältigungsstrategien im Leben fördern oder behindern kann. Wissenschaftler sehen eine U-Kurve: Mäßige seelische Belastungen wirken sich stärkend auf die Gesundheit aus, nämlich in einem geringen Ausmaß an Depressionen und posttraumatischen Stresssymptomen sowie in höherer Lebenszufriedenheit.
Wie können wir für einen höheren Oxytocin-Spiegel sorgen?
Wie die Stanford-Psychologin Kelly McGonigal behauptet, hängt das hormonelle Profil einer stressreichen Erfahrung daran, wie wir sie selber sehen, also in welchen Kontext wir sie einfügen. Sie unterscheidet zwischen einer Kampf-Flucht-Reaktion und einer Herausforderungsreaktion. Die letztere ist dadurch gekennzeichnet, dass wir Stresssituationen als Chance für das Verbessern der eigenen Leistungsfähigkeit nehmen, als Gelegenheit zum Lernen. Voraussetzung dafür ist es, während des Erlebens in der Bewusstheit und Achtsamkeit zu bleiben. Weiters hilft es, andere um Hilfe zu bitten oder anderen zu Hilfe zu eilen, die gerade einer belastenden Situation ausgesetzt sind.
McGonigal geht davon aus, dass die Stressreaktion kein Feind ist, der besiegt werden muss, sondern ein Verbündeter, der hilft, schwierige Situationen zu überwinden. Sie weist auch darauf hin, dass bei mäßigem Stress Oxytocin freigesetzt wird, um die Angstreaktion im Gehirn zu dämpfen und den Flucht- und Erstarrungsinstinkt zu unterdrücken und statt dessen soziale Verbindungen aufzubauen. Das Liebeshormon ist also auch ein Muthormon. Beispiele für diese Form der Stressreaktion sind, wenn Eltern ihre Kinder beschützen oder wenn jemand sein Team oder seine Gruppe vor Ungerechtigkeiten verteidigt. (Zur Quelle)
Eustress besteht also darin, einer belastenden Situation einen positiven Sinn geben zu können und damit das Selbstbewusstsein zu steigern, die Schwierigkeit überwinden zu können. Wie andere Forschungen belegen, geht es auch darum, dass wir in der Stresssituation das Gefühl haben, die Umstände kontrollieren zu können, dass wir also über einen Handlungsspielraum verfügen, den wir zur Meisterung der Schwierigkeit nutzen können.
Der Schutz des Herzens
Oxytocin stärkt die Herzgesundheit. Das Herz verfügt über spezielle Oxytocin-Rezeptoren, und das Hormon hilft, dass sich die Herzzellen nach kleinen Schäden wieder selbst regenerieren und reparieren können. Es ist also nicht so, dass Stress grundsätzlich schädlich fürs Herz ist, sondern dass auf die Art des Stresses ankommt. Sobald der Stress mit Oxytocin-Ausschüttung verbunden ist, wenn es sich also um Eu-Stress handelt, hilft er dem Herzen und seiner Gesundheit. Dabei aktiviert sich die Resilienzkomponente in der Stressreaktion.
Geschlechtsunterschiede
Allerdings ist noch anzumerken, dass Männer und Frauen in der Oxytocin-Thematik unterschiedlich reagieren. Während beide Geschlechter in der Kortisol- und Adrenalinausschüttung ähnlich sind, ist die Stressreaktion bei Frauen mit deutlich stärkerer Oxytocin-Freisetzung verbunden als bei Männern. Hier haben wir die biologische Grundlage für das bekannte Phänomen, dass in Belastungssituationen Männer dazu tendieren, das Problem proaktiv und selbständig zu lösen, während Frauen Hilfe bei anderen suchen. Es ist ja nicht weiter verwunderlich, dass Frauen im Stress leichter Oxytocin ausschütten als Männer, weil sie das Hormon sowohl bei der Geburt als auch beim Stillen brauchen. (Zur Quelle)
Mittwoch, 12. Juli 2017
Die Erderwärmung lange nach zwölf
Wir wissen ja, dass sich die Erde erwärmt und dass das nicht gut ist für uns. Aber wissen wir auch, dass wir halbblind auf eine Katastrophe zusteuern, selbst wenn die im Vorjahr in Paris beschlossenen Klimaziele erreicht werden? Und sind sich die verantwortlichen Handlungsträger dessen bewusst oder verdrängen sie das Problem, weil es ja auch so viele andere, aktuellere und besser vermarktbare Themen gibt? Wer hier weiterliest, wird sich schwer tun mit dem Verdrängen.
Der US-Autor David Wallace-Wells hat mit vielen Klimaforschern gesprochen und einen Artikel für das New York Magazine verfasst, in dem die Ergebnisse zusammengefasst sind. Er lugt dabei über die wissenschaftliche Zurückhaltung hinaus: Wissenschaftler sind gerne vorsichtig, was die Interpretation ihrer Ergebnisse anbetrifft und welche Szenarien für die Zukunft daraus geschmiedet werden. Aller Vorsicht zum Trotz, das Weltklima und damit die Menschheit bewegen sich auf eine Katastrophe zu, die Frage ist nur, ob sie überschaubar und bewältigbar ist oder ob sie weit darüber hinausgeht, was die Menschheit auch mit kollektiver Anstrengung noch in den Griff bekommen könnte.
Ich fasse im folgenden den Artikel zusammen.
Das dominante Fantasiebild von der Welterwärmung zeigt die steigenden Ozeane: Ertrinkende Städte und Landstriche. Doch reicht es nicht, aus solchen gefährdeten Gegenden zu fliehen. Denn es könnte sein, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts viele Teile der Welt unbewohnbar werden.
Im vergangenen Winter waren die Temperaturen über einige Tage 15 bis 20 Grad über dem Normalwert. Der Saatgut-Tresor in Svalbard (im norwegischen Spitzbergen), der dort vor zehn Jahren errichtet wurde, weil man dachte, dass die Samen im Permafrost am besten gesichert wurden, muss ab heuer kontinuierlich überwacht und mit speziellen Geräten geschützt werden, weil durch die Erwärmung der Umgebung immer wieder Wasser eindringt.
Dieser Vorgang sollte uns daran erinnern, dass der arktische Permafrost 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff enthält, mehr als doppelt so viel als die Erdatmosphäre zur Zeit enthält. Es kann bei Erwärmung als Methan entwichen, das, bezogen auf ein Jahrhundert, 34mal stärker als Treibhausgas-Wärmedecke wirken kann als Kohlendioxid, bezogen auf zwei Jahrzehnte ist es 86mal so mächtig.
Warum schrillen keine Alarmglocken? Die Wissenschaftler rechnen vorsichtig mit Wahrscheinlichkeiten, und da kann man sich immer noch die günstigste Variante aussuchen. Den Ton geben die Technokraten an, die selbstbewusst verlautbaren, dass jedes Problem gelöst werden kann, bzw. Politiker, die meinen, dass der Klimawandel eine Erfindung von Verschwörern ist. Da sie für dieses Problem keine populistischen Lösungen anbieten können, leugnen sie es einfach. Schließlich sieht man ja kaum etwas, weil die Entwicklung scheinbar so langsam verläuft. Was sind schon zwei Grad? Und wie sollen wir uns 1,8 Billionen Tonnen vorstellen? Die Ungewissheit ist ja selber ungewiss. Und wenn schon was passieren sollte, wird es woanders sein und mit uns selber nichts zu tun haben. Schließlich schafft es Unbehagen, wenn wir uns ein Problem vorstellen, das, wenn überhaupt, sehr schwierig zu lösen ist. Und wo das Unbehagen zur Angst wird, wird die Neigung zur Verleugnung nur noch größer.
Die folgenden Aussagen wollen keine Voraussagen über das, was geschehen wird, machen, denn was geschehen wird, ist hochgradig davon abhängig, wie die Menschheit darauf reagieren wird, und das lässt sich wissenschaftlich nicht berechnen. Vielmehr geht es um ein Portrait über die Zukunft des Planetens, wenn keine massiven und entschlossenen Handlungen gesetzt werden.
Die Gegenwart des Klimawandels und die Zerstörung, die wir schon in unsere Zukunft hineingebacken haben, ist erschreckend genug. Wir denken vielleicht, dass Miama und Bangladesh noch eine Chance auf Überleben haben; doch die meisten Wissenschaftler nehmen an, dass diese Gebiete bis zum Ende des Jahrhunderts verloren sind, auch wenn wir im kommenden Jahrzehnt vollständig mit der Verbrennung von fossilen Treibstoffen aufhören. Zwei Grad Erwärmung wurde als die Schwelle für eine Katastrophe angesehen, nun ist es das Ziel seit den Pariser Klimaverträgen, und viele Experten gehen davon aus, dass diese Ziele nicht erreicht werden.
Der jüngste Bericht des UN- Intergovernmental Panel on Climate Change geht davon aus, dass um 2100 eine Erwärmung von vier Grad erwartet werden muss, wenn die gegenwärtige Entwicklung so weitergeht. Die obere Wahrscheinlichkeitskurve geht auf 8 Grad, und da ist das Schmelzen des Pramfrosts noch nicht eingerechnet. Ebensowenig sind Erwärmungseffekte berücksichtigt, die dadurch entstehen, dass weniger Eis weniger Sonnenlicht reflektiert, mehr Wolken entstehen und die Wärme festhalten, dass Wälder und andere Pflanzenkulturen zurückgehen, die der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen.
Die Geologen wissen, dass die Erde fünf massive Lebensauslöschungen hinter sich hat und dass vier davon von Klimaveränderungen durch Treibhausgase hervorgerufen wurden. Sie begann damit, dass die Erwärmung das arktische Methangas freigesetzt hat; sie endete mit der Auslöschung von 97 Prozent des Lebens auf der Erde. Viele bezeichnen unsere Ära als „Anthropozän“, als Menschenzeitalter, in dem die Menschheit massiv Einfluss auf den Planeten nimmt. Die Eroberung der Natur und die Herrschaft über sie, die Ausbeutung ihrer Schätze, die zunächst in Unwissenheit und später in Verleugnung der Wirkungen erfolgen, führen dazu, dass wir ein Klimasystem erschaffen, das uns selbst die Lebensgrundlagen nimmt. Jeden Tag tragen wir dazu bei.
In der Zuckerrohrgegend von El Salvador leidet ein Fünftel der Bevölkerung an chronischen Nierenkrankheiten, vermutlich als Folge der Dehydrierung durch die Arbeit auf den Feldern, wo sie noch vor 20 Jahren problemlos ernten konnten. Mit der teuren Dialyse beträgt die Lebenserwartung fünf Jahre, ohne sie nur wenige Wochen.
Menschen müssen sich beständig abkühlen, wie auch die anderen Säugetiere. Das geht nur, wenn die Lufttemperatur so niedrig ist, dass die Luft als Kühlung dienen kann, indem sie der Haut Hitze entzieht. Wenn die Temperaturen ansteigen, wird es besonders dort schwierig, wo die Luftfeuchtigkeit hoch ist, wie z.B. in den Urwäldern von Costa Rica: Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Lufttemperatur würde ein menschlicher Körper innerhalb von Stunden zu Tode gekocht, von innen wie von außen.
Klimawandelskeptiker weisen gerne darauf hin, dass sich der Planet schon oft erwärmt und wieder abgekühlt hat. Doch das Klimafenster, das menschliches Leben erlaubt, ist sehr eng. Bei 5 bis 6 Grad Erwärmung würde mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung durch die direkte Hitze sterben. Seit 1980 hat der Planet eine 50-fache Steigerung an Orten erlebt, an denen es zu gefährlicher bis extremer Hitze kommt. Seit 2002 sind die fünf wärmsten Sommer seit 1500 aufgetreten, und bald wird der Aufenthalt im Freien zu dieser Jahreszeit in vielen Teilen der Welt ungesund sein. Bald werden Städte wie Karachi oder Kalkutta unbewohnbar sein, auch wenn wir die Pariser Klimaziele einhalten. Nach Schätzungen der Weltbank werden gegen Ende des Jahrhunderts die kühlsten Monate in den Tropen wärmer sein als die wärmsten Monate am Ende des 20. Jahrhunderts. Klimaanlagen sind da nur ein schwacher Trost, weil sie zur Erwärmung beitragen und weil sie in den ärmsten Gegenden der Welt unerschwinglich sind. Deshalb wird die Krise im Mittleren Osten besonders dramatisch sein, dort ist es schon 2015 zu Temperaturen bis 73 Grad gekommen. In einigen Jahrzehnten wird die Pilgerreise nach Mekka körperlich unmöglich sein.
Es gilt die Grundregel, dass jedes Grad Erwärmung zu 10 Prozent Rückgang der Erträge führt. Kommt es zu einer Erwärmung von fünf Grad bis zum Ende des Jahrhunderts, müssten sich 50 Prozent mehr Menschen mit 50 Prozent weniger Getreide begnügen. Mit Proteinen ist es noch schlimmer: Es werden 16 Kalorien Getreide benötigt, um nur eine Kalorie Fleisch zu erzeugen, aus einer Kuh, die ihr Leben damit verbracht hat, die Luft mit Methangas zu verseuchen.
Man könnte ja sagen, dass das Getreide künftig in Grönland oder Sibirien angebaut wird; allerdings fehlt es dort an der Bodenqualität, und diese benötigt Hunderte von Jahren, um aus Mist fruchtbare Erde herzustellen.
Dazu kommt das Problem der Trockenheit; es könnte sein, dass sich äußerst fruchtbares Land in kurzer Zeit in Wüste verwandelt. Bis 2080 wird, wenn es nicht zu dramatischen Reduktionen der Emissionen kommt, Südeuropa unter permanenter Trockenheit leiden, ebenso wie Irak und Syrien und der Großteil des Mittleren Ostens, ebenso dicht besiedelte Gebiete in Australien, Afrika und Südamerika sowie die Brotkorbgebiete Chinas.
Wir leben ja nicht in einer Welt, die frei von Hunger wäre: 800 Millionen Menschen sind unterernährt. Dieses Jahr alleine gibt es schon vier Hungerkatastrophen in Somalien, Südsudan, Nigerien und Jemen mit schätzungsweise 20 Millionen Opfern.
Im Eis ist historisches Leben eingefroren, das sich wiederbeleben kann: Krankheitskeime, die seit Millionen Jahren verschwunden sind. Das menschliche Immunsystem kann gar nicht wissen, wie es damit umgehen soll. Forscher haben in Alaska Überreste des Grippevirus von 1918 entdeckt, die damals fünf Prozent der Weltbevölkerung hingerafft hat. Es wird auch vermutet, dass im sibirischen Eis Pocken und Beulenpest gefangen ist.
Mit der Ausbreitung der Hitzegebiete werden sich die Tropenkrankheiten ausbreiten. Malaria wird sich nicht nur wegen der Moskitos ausbreiten, sondern auch wegen des Krankheitserregers, der sich mit jedem Grad Erwärmung schneller vermehrt. Wie unser Immunsystem mit den Mutationen umgehen lernen kann, die durch die steigenden Temperaturen wahrscheinlicher werden, können wir nicht wissen.
Unsere Lungen brauchen Sauerstoff, aber das ist nur ein Teil dessen, was wir atmen. Der Anteil von Kohlendioxid wächst: Er hat gerade 400 Teilchen auf eine Million überstiegen, und die Extrapolation aus dem bestehenden Trend vermutet, dass um 2100 1000 ppm erreicht sein werden. Bei dieser Konzentration könnte die kognitive Fähigkeit der Menschheit um 21 Prozent abnehmen.
Andere Elemente in einer wärmeren Luft sind sogar noch furchterregender, wie z.B. das Ozon. Bis 2090 könnten 2 Milliarden Menschen Luft einatmen müssen, mit Ozonwerten oberhalb des von der WHO vorgegebenen Toleranzwertes. Unter anderem könnte sich das in einer Verzehnfachung von autistischen Kindern auswirken, wenn die schwangeren Mütter einer zu starken Ozonbelastung ausgesetzt sind, wie in einer aktuellen Studie prognostiziert wird.
Schon jetzt sterben mehr als 10 000 Menschen täglich durch die Schadstoffe aus der Verbrennung fossiler Treibstoffe. Jährlich sterben 339,000 Menschen an Rauchgasvergiftungen durch Waldbrände. Das US-Forest Service schätzt, dass die Waldbrände bis 2050 doppelt so zerstörerisch sein werden wie heute. Dazu kommen die Auswirkungen auf die Emissionen in die Atmosphäre, besonders dann, wenn Wälder auf Torfböden abbrennen wie 1997 in Indonesien. Mehr Brände bewirken mehr Erwärmung, die mehr Brände bewirkt.
Wir müssen auch mit der Möglichkeit rechnen, dass Regenwälder wie im Amazonasgebiet, die 2010 die zweite Jahrhunderttrockenheit innerhalb von fünf Jahren erlebten, austrocknen könnten, wodurch sie für solche Flächenbrände verwundbar werden könnten. Der Amazonas-Regenwald sorgt allein für 20 Prozent unseres Sauerstoffs.
Weiters gibt es die bekannteren Formen der Verschmutzung. 2013 hat die arktische Polschmelze die asiatischen Wettermuster verändert, sodass die industrialisierten Gebiete in China ihr natürliches Ventilationssystem eingebüßt haben. In der Folge wurden weite Gebiete im Norden einer enormen Smogbelastung ausgesetzt, buchstäblich nicht atembare Luft. In diesem Jahr war der Smog für ein Drittel aller Todesfälle im Land verantwortlich.
Klimaforscher wie Marshall Burke und Solomon Hsiang haben einige Zusammenhänge zwischen Temperatur und Gewalt quantifiziert: Jedes halbe Grad an Erwärmung könnten zu einem 10 bis 20-prozentigen Anstieg an Gewalt sorgen. Soziale Konflikte könnten sich in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln. Es gibt die Überlegung, dass der Anstieg an Gewaltbereitschaft im Mittleren Osten im Lauf der vergangenen Jahrzehnte den Druck der globalen Erwärmung wiedergibt, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung damit begonnen hat, als die industrialisierte Welt das Öl aus der Region gefördert und dann verbrannt hat.
Warum gibt es den Zusammenhang zwischen Klima und Konflikt? Die Landwirtschaft und andere Bereiche der Wirtschaft sind direkt betroffen. Dazu kommen erzwungene Fluchtbewegungen – auf der Welt gibt es momentan 65 Millionen Flüchtlinge. Und es gibt die einfache Tatsache der individuellen Verstörung. Hitze führt zum Anstieg von Verbrechen und zu Hassbotschaften in den sozialen Medien.
Wir kennen die Mantren des Neoliberalismus, dass das Wirtschaftswachstum jedes Problem löst. Allerdings stießen nach dem Crash von 2008 einige Historiker auf die Idee des „fossilen Kapitalismus“. Das enorme Wirtschaftswachstum, das ab dem 18. Jahrhundert zur industriellen Revolution geführt hat, könnte nicht das Resultat von Erfindungen oder Handel gewesen sein, sondern von der Entdeckung fossiler Brennstoffe und ihrer rohen Kraft – die einmalige Injektion eines neuen „Wertes“ in ein System, das vorher durch globale Subsistenzwirtschaft gekennzeichnet war. Diese Wissenschaftler glauben, dass wir zu einem beständigen Zustand der Weltwirtschaft zurückkehren könnten, wobei allerdings diese einmalige Injektion einen langfristigen Schaden in Form der Klimaänderung bewirkt hat.
Wissenschaftler haben berechnet, dass jedes Grad an Erwärmung dem Bruttoinlandsprodukt 1,2 Prozent kostet oder dass es zu 23 Prozent Verlusten im Prokopfeinkommen bis zum Ende des Jahrhunderts kommt (als Folge von Veränderungen in der Landwirtschaft, durch Verbrechen, Stürme, Energie, Sterblichkeit usw.). Nur zur Erinnerung: Jeder Hin- und Rückflug zwischen New York und London kostet der Arktik 3 weitere Quadratmeter Eis.
Wenn wir nicht eine radikale Verringerung der Emissionen zustande bringen, werden wir den Anstieg der Meere um mindestens einen Meter oder möglicherweise drei Meter bis zum Ende des Jahrhunderts erleben. Ein Drittel der größten Städte liegt an der Küste, dazu kommen, Kraftwerke, Häfen, Marinebasen, Ackerland, Flussdeltas, Sumpfgebiete und Reisfelder. Mindestens 600 Millionen Menschen leben innerhalb von 10 Metern über dem Meeresspiegel.
Gegenwärtig wird ein Drittel des Kohlendioxids auf der Welt von den Ozeanen aufgesogen, gottseidank. Doch der Preis dafür ist die Meeresübersäuerung, die wiederum ein halbes Grad zur Erwärmung in diesem Jahrhundert beitragen kann. Wie sich das auf die Fischpopulationen auswirken wird, ist noch nicht genau erforscht; Muscheln und Austern werden sich schwertun, ihre Schalen wachsen zu lassen. Sollte der pH-Wert des menschlichen Blutes so weit absinken wie der der Ozeane in den letzten Jahrzehnten, kommt es zu Schlaganfällen, Koma und plötzlichen Todesfällen.
Die Kohlenstoffabsorption kann zur Ausbreitung von Mikroben führen, die in den Tiefen der Ozeane anoxische, sauerstofflose Bereiche, „Todeszonen“ bewirken, die dann langsam nach oben steigen. Die kleinen Fische sterben wegen des Sauerstoffmangels, dadurch gedeihen die Bakterien usw. In Teilen des mexikanischen Golfes und vor der Küste von Namibia ist dieser Prozess schon im Gange. Schwefelwasserstoff blubbert dort aus dem Wasser. Schwefelwasserstoff ist so giftig, dass es, wie vor Hunderten von Millionen Jahren, in der Lage ist, das ganze Leben auf dem Planeten zu vernichten.
Warum also können wir es nicht sehen?
Die Entwicklung hat mit der Industrialisierung begonnen. Doch mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen haben in den letzten drei Jahrzehnten stattgefunden; seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs liegt die Zahl bei 85 %. Innerhalb einer einzigen Generation hat uns die globale Erwärmung an den Rand einer Katastrophe geführt. Dennoch sind viele Klimaforschung optimistisch: Wir werden einen Weg finden, um die radikale Erwärmung zu verhindern, weil wir es müssen. Sie wissen, dass auch wenn die Ziele von Paris erreicht werden, müssen bis 2050 die Emissionen aus Energie und Industrie jedes Jahrzehnt halbiert werden; die Emissionen durch Landnutzung (Entwaldung, Rindermethan usw.) müssen gegen Null gehen, und wir müssen Technologien entwickelt haben, die der Atmosphäre zweimal soviel Kohlendioxid entziehen, wie es jetzt alle Pflanzen der Erde tun.
Dennoch haben die Wissenschaftler ein enormes Vertrauen in die Erfindungsgabe der Menschheit. Wir haben es geschafft, in diesen katastrophalen Zustand zu kommen, also können wir auch einen Ausweg finden. Wir haben das Ozonloch in den 1980-Jahren gestopft. Wenn wir bereit sind zu erkennen, was wir angerichtet haben, werden wir es auch schaffen, dass die Menschheit weiter auf dieser Welt leben kann. Für die Klimaforscher ist die Alternative einfach unvorstellbar.
Der Artikel, der diesem Beitrag zugrunde liegt, ist am 10. Juli im New York Magazine erschienen.
Der US-Autor David Wallace-Wells hat mit vielen Klimaforschern gesprochen und einen Artikel für das New York Magazine verfasst, in dem die Ergebnisse zusammengefasst sind. Er lugt dabei über die wissenschaftliche Zurückhaltung hinaus: Wissenschaftler sind gerne vorsichtig, was die Interpretation ihrer Ergebnisse anbetrifft und welche Szenarien für die Zukunft daraus geschmiedet werden. Aller Vorsicht zum Trotz, das Weltklima und damit die Menschheit bewegen sich auf eine Katastrophe zu, die Frage ist nur, ob sie überschaubar und bewältigbar ist oder ob sie weit darüber hinausgeht, was die Menschheit auch mit kollektiver Anstrengung noch in den Griff bekommen könnte.
Ich fasse im folgenden den Artikel zusammen.
Das dominante Fantasiebild von der Welterwärmung zeigt die steigenden Ozeane: Ertrinkende Städte und Landstriche. Doch reicht es nicht, aus solchen gefährdeten Gegenden zu fliehen. Denn es könnte sein, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts viele Teile der Welt unbewohnbar werden.
Im vergangenen Winter waren die Temperaturen über einige Tage 15 bis 20 Grad über dem Normalwert. Der Saatgut-Tresor in Svalbard (im norwegischen Spitzbergen), der dort vor zehn Jahren errichtet wurde, weil man dachte, dass die Samen im Permafrost am besten gesichert wurden, muss ab heuer kontinuierlich überwacht und mit speziellen Geräten geschützt werden, weil durch die Erwärmung der Umgebung immer wieder Wasser eindringt.
Dieser Vorgang sollte uns daran erinnern, dass der arktische Permafrost 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff enthält, mehr als doppelt so viel als die Erdatmosphäre zur Zeit enthält. Es kann bei Erwärmung als Methan entwichen, das, bezogen auf ein Jahrhundert, 34mal stärker als Treibhausgas-Wärmedecke wirken kann als Kohlendioxid, bezogen auf zwei Jahrzehnte ist es 86mal so mächtig.
Warum schrillen keine Alarmglocken? Die Wissenschaftler rechnen vorsichtig mit Wahrscheinlichkeiten, und da kann man sich immer noch die günstigste Variante aussuchen. Den Ton geben die Technokraten an, die selbstbewusst verlautbaren, dass jedes Problem gelöst werden kann, bzw. Politiker, die meinen, dass der Klimawandel eine Erfindung von Verschwörern ist. Da sie für dieses Problem keine populistischen Lösungen anbieten können, leugnen sie es einfach. Schließlich sieht man ja kaum etwas, weil die Entwicklung scheinbar so langsam verläuft. Was sind schon zwei Grad? Und wie sollen wir uns 1,8 Billionen Tonnen vorstellen? Die Ungewissheit ist ja selber ungewiss. Und wenn schon was passieren sollte, wird es woanders sein und mit uns selber nichts zu tun haben. Schließlich schafft es Unbehagen, wenn wir uns ein Problem vorstellen, das, wenn überhaupt, sehr schwierig zu lösen ist. Und wo das Unbehagen zur Angst wird, wird die Neigung zur Verleugnung nur noch größer.
Die folgenden Aussagen wollen keine Voraussagen über das, was geschehen wird, machen, denn was geschehen wird, ist hochgradig davon abhängig, wie die Menschheit darauf reagieren wird, und das lässt sich wissenschaftlich nicht berechnen. Vielmehr geht es um ein Portrait über die Zukunft des Planetens, wenn keine massiven und entschlossenen Handlungen gesetzt werden.
Die Gegenwart des Klimawandels und die Zerstörung, die wir schon in unsere Zukunft hineingebacken haben, ist erschreckend genug. Wir denken vielleicht, dass Miama und Bangladesh noch eine Chance auf Überleben haben; doch die meisten Wissenschaftler nehmen an, dass diese Gebiete bis zum Ende des Jahrhunderts verloren sind, auch wenn wir im kommenden Jahrzehnt vollständig mit der Verbrennung von fossilen Treibstoffen aufhören. Zwei Grad Erwärmung wurde als die Schwelle für eine Katastrophe angesehen, nun ist es das Ziel seit den Pariser Klimaverträgen, und viele Experten gehen davon aus, dass diese Ziele nicht erreicht werden.
Der jüngste Bericht des UN- Intergovernmental Panel on Climate Change geht davon aus, dass um 2100 eine Erwärmung von vier Grad erwartet werden muss, wenn die gegenwärtige Entwicklung so weitergeht. Die obere Wahrscheinlichkeitskurve geht auf 8 Grad, und da ist das Schmelzen des Pramfrosts noch nicht eingerechnet. Ebensowenig sind Erwärmungseffekte berücksichtigt, die dadurch entstehen, dass weniger Eis weniger Sonnenlicht reflektiert, mehr Wolken entstehen und die Wärme festhalten, dass Wälder und andere Pflanzenkulturen zurückgehen, die der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen.
Die Geologen wissen, dass die Erde fünf massive Lebensauslöschungen hinter sich hat und dass vier davon von Klimaveränderungen durch Treibhausgase hervorgerufen wurden. Sie begann damit, dass die Erwärmung das arktische Methangas freigesetzt hat; sie endete mit der Auslöschung von 97 Prozent des Lebens auf der Erde. Viele bezeichnen unsere Ära als „Anthropozän“, als Menschenzeitalter, in dem die Menschheit massiv Einfluss auf den Planeten nimmt. Die Eroberung der Natur und die Herrschaft über sie, die Ausbeutung ihrer Schätze, die zunächst in Unwissenheit und später in Verleugnung der Wirkungen erfolgen, führen dazu, dass wir ein Klimasystem erschaffen, das uns selbst die Lebensgrundlagen nimmt. Jeden Tag tragen wir dazu bei.
Der Hitzetod
In der Zuckerrohrgegend von El Salvador leidet ein Fünftel der Bevölkerung an chronischen Nierenkrankheiten, vermutlich als Folge der Dehydrierung durch die Arbeit auf den Feldern, wo sie noch vor 20 Jahren problemlos ernten konnten. Mit der teuren Dialyse beträgt die Lebenserwartung fünf Jahre, ohne sie nur wenige Wochen.
Menschen müssen sich beständig abkühlen, wie auch die anderen Säugetiere. Das geht nur, wenn die Lufttemperatur so niedrig ist, dass die Luft als Kühlung dienen kann, indem sie der Haut Hitze entzieht. Wenn die Temperaturen ansteigen, wird es besonders dort schwierig, wo die Luftfeuchtigkeit hoch ist, wie z.B. in den Urwäldern von Costa Rica: Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Lufttemperatur würde ein menschlicher Körper innerhalb von Stunden zu Tode gekocht, von innen wie von außen.
Klimawandelskeptiker weisen gerne darauf hin, dass sich der Planet schon oft erwärmt und wieder abgekühlt hat. Doch das Klimafenster, das menschliches Leben erlaubt, ist sehr eng. Bei 5 bis 6 Grad Erwärmung würde mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung durch die direkte Hitze sterben. Seit 1980 hat der Planet eine 50-fache Steigerung an Orten erlebt, an denen es zu gefährlicher bis extremer Hitze kommt. Seit 2002 sind die fünf wärmsten Sommer seit 1500 aufgetreten, und bald wird der Aufenthalt im Freien zu dieser Jahreszeit in vielen Teilen der Welt ungesund sein. Bald werden Städte wie Karachi oder Kalkutta unbewohnbar sein, auch wenn wir die Pariser Klimaziele einhalten. Nach Schätzungen der Weltbank werden gegen Ende des Jahrhunderts die kühlsten Monate in den Tropen wärmer sein als die wärmsten Monate am Ende des 20. Jahrhunderts. Klimaanlagen sind da nur ein schwacher Trost, weil sie zur Erwärmung beitragen und weil sie in den ärmsten Gegenden der Welt unerschwinglich sind. Deshalb wird die Krise im Mittleren Osten besonders dramatisch sein, dort ist es schon 2015 zu Temperaturen bis 73 Grad gekommen. In einigen Jahrzehnten wird die Pilgerreise nach Mekka körperlich unmöglich sein.
Nahrung
Es gilt die Grundregel, dass jedes Grad Erwärmung zu 10 Prozent Rückgang der Erträge führt. Kommt es zu einer Erwärmung von fünf Grad bis zum Ende des Jahrhunderts, müssten sich 50 Prozent mehr Menschen mit 50 Prozent weniger Getreide begnügen. Mit Proteinen ist es noch schlimmer: Es werden 16 Kalorien Getreide benötigt, um nur eine Kalorie Fleisch zu erzeugen, aus einer Kuh, die ihr Leben damit verbracht hat, die Luft mit Methangas zu verseuchen.
Man könnte ja sagen, dass das Getreide künftig in Grönland oder Sibirien angebaut wird; allerdings fehlt es dort an der Bodenqualität, und diese benötigt Hunderte von Jahren, um aus Mist fruchtbare Erde herzustellen.
Dazu kommt das Problem der Trockenheit; es könnte sein, dass sich äußerst fruchtbares Land in kurzer Zeit in Wüste verwandelt. Bis 2080 wird, wenn es nicht zu dramatischen Reduktionen der Emissionen kommt, Südeuropa unter permanenter Trockenheit leiden, ebenso wie Irak und Syrien und der Großteil des Mittleren Ostens, ebenso dicht besiedelte Gebiete in Australien, Afrika und Südamerika sowie die Brotkorbgebiete Chinas.
Wir leben ja nicht in einer Welt, die frei von Hunger wäre: 800 Millionen Menschen sind unterernährt. Dieses Jahr alleine gibt es schon vier Hungerkatastrophen in Somalien, Südsudan, Nigerien und Jemen mit schätzungsweise 20 Millionen Opfern.
Klimaepedemien
Im Eis ist historisches Leben eingefroren, das sich wiederbeleben kann: Krankheitskeime, die seit Millionen Jahren verschwunden sind. Das menschliche Immunsystem kann gar nicht wissen, wie es damit umgehen soll. Forscher haben in Alaska Überreste des Grippevirus von 1918 entdeckt, die damals fünf Prozent der Weltbevölkerung hingerafft hat. Es wird auch vermutet, dass im sibirischen Eis Pocken und Beulenpest gefangen ist.
Mit der Ausbreitung der Hitzegebiete werden sich die Tropenkrankheiten ausbreiten. Malaria wird sich nicht nur wegen der Moskitos ausbreiten, sondern auch wegen des Krankheitserregers, der sich mit jedem Grad Erwärmung schneller vermehrt. Wie unser Immunsystem mit den Mutationen umgehen lernen kann, die durch die steigenden Temperaturen wahrscheinlicher werden, können wir nicht wissen.
Die Luft und die Atmung
Unsere Lungen brauchen Sauerstoff, aber das ist nur ein Teil dessen, was wir atmen. Der Anteil von Kohlendioxid wächst: Er hat gerade 400 Teilchen auf eine Million überstiegen, und die Extrapolation aus dem bestehenden Trend vermutet, dass um 2100 1000 ppm erreicht sein werden. Bei dieser Konzentration könnte die kognitive Fähigkeit der Menschheit um 21 Prozent abnehmen.
Andere Elemente in einer wärmeren Luft sind sogar noch furchterregender, wie z.B. das Ozon. Bis 2090 könnten 2 Milliarden Menschen Luft einatmen müssen, mit Ozonwerten oberhalb des von der WHO vorgegebenen Toleranzwertes. Unter anderem könnte sich das in einer Verzehnfachung von autistischen Kindern auswirken, wenn die schwangeren Mütter einer zu starken Ozonbelastung ausgesetzt sind, wie in einer aktuellen Studie prognostiziert wird.
Schon jetzt sterben mehr als 10 000 Menschen täglich durch die Schadstoffe aus der Verbrennung fossiler Treibstoffe. Jährlich sterben 339,000 Menschen an Rauchgasvergiftungen durch Waldbrände. Das US-Forest Service schätzt, dass die Waldbrände bis 2050 doppelt so zerstörerisch sein werden wie heute. Dazu kommen die Auswirkungen auf die Emissionen in die Atmosphäre, besonders dann, wenn Wälder auf Torfböden abbrennen wie 1997 in Indonesien. Mehr Brände bewirken mehr Erwärmung, die mehr Brände bewirkt.
Wir müssen auch mit der Möglichkeit rechnen, dass Regenwälder wie im Amazonasgebiet, die 2010 die zweite Jahrhunderttrockenheit innerhalb von fünf Jahren erlebten, austrocknen könnten, wodurch sie für solche Flächenbrände verwundbar werden könnten. Der Amazonas-Regenwald sorgt allein für 20 Prozent unseres Sauerstoffs.
Weiters gibt es die bekannteren Formen der Verschmutzung. 2013 hat die arktische Polschmelze die asiatischen Wettermuster verändert, sodass die industrialisierten Gebiete in China ihr natürliches Ventilationssystem eingebüßt haben. In der Folge wurden weite Gebiete im Norden einer enormen Smogbelastung ausgesetzt, buchstäblich nicht atembare Luft. In diesem Jahr war der Smog für ein Drittel aller Todesfälle im Land verantwortlich.
Endlose Kriege
Klimaforscher wie Marshall Burke und Solomon Hsiang haben einige Zusammenhänge zwischen Temperatur und Gewalt quantifiziert: Jedes halbe Grad an Erwärmung könnten zu einem 10 bis 20-prozentigen Anstieg an Gewalt sorgen. Soziale Konflikte könnten sich in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln. Es gibt die Überlegung, dass der Anstieg an Gewaltbereitschaft im Mittleren Osten im Lauf der vergangenen Jahrzehnte den Druck der globalen Erwärmung wiedergibt, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung damit begonnen hat, als die industrialisierte Welt das Öl aus der Region gefördert und dann verbrannt hat.
Warum gibt es den Zusammenhang zwischen Klima und Konflikt? Die Landwirtschaft und andere Bereiche der Wirtschaft sind direkt betroffen. Dazu kommen erzwungene Fluchtbewegungen – auf der Welt gibt es momentan 65 Millionen Flüchtlinge. Und es gibt die einfache Tatsache der individuellen Verstörung. Hitze führt zum Anstieg von Verbrechen und zu Hassbotschaften in den sozialen Medien.
Ökonomische Zusammenbrüche
Wir kennen die Mantren des Neoliberalismus, dass das Wirtschaftswachstum jedes Problem löst. Allerdings stießen nach dem Crash von 2008 einige Historiker auf die Idee des „fossilen Kapitalismus“. Das enorme Wirtschaftswachstum, das ab dem 18. Jahrhundert zur industriellen Revolution geführt hat, könnte nicht das Resultat von Erfindungen oder Handel gewesen sein, sondern von der Entdeckung fossiler Brennstoffe und ihrer rohen Kraft – die einmalige Injektion eines neuen „Wertes“ in ein System, das vorher durch globale Subsistenzwirtschaft gekennzeichnet war. Diese Wissenschaftler glauben, dass wir zu einem beständigen Zustand der Weltwirtschaft zurückkehren könnten, wobei allerdings diese einmalige Injektion einen langfristigen Schaden in Form der Klimaänderung bewirkt hat.
Wissenschaftler haben berechnet, dass jedes Grad an Erwärmung dem Bruttoinlandsprodukt 1,2 Prozent kostet oder dass es zu 23 Prozent Verlusten im Prokopfeinkommen bis zum Ende des Jahrhunderts kommt (als Folge von Veränderungen in der Landwirtschaft, durch Verbrechen, Stürme, Energie, Sterblichkeit usw.). Nur zur Erinnerung: Jeder Hin- und Rückflug zwischen New York und London kostet der Arktik 3 weitere Quadratmeter Eis.
Vergiftete Meere
Wenn wir nicht eine radikale Verringerung der Emissionen zustande bringen, werden wir den Anstieg der Meere um mindestens einen Meter oder möglicherweise drei Meter bis zum Ende des Jahrhunderts erleben. Ein Drittel der größten Städte liegt an der Küste, dazu kommen, Kraftwerke, Häfen, Marinebasen, Ackerland, Flussdeltas, Sumpfgebiete und Reisfelder. Mindestens 600 Millionen Menschen leben innerhalb von 10 Metern über dem Meeresspiegel.
Gegenwärtig wird ein Drittel des Kohlendioxids auf der Welt von den Ozeanen aufgesogen, gottseidank. Doch der Preis dafür ist die Meeresübersäuerung, die wiederum ein halbes Grad zur Erwärmung in diesem Jahrhundert beitragen kann. Wie sich das auf die Fischpopulationen auswirken wird, ist noch nicht genau erforscht; Muscheln und Austern werden sich schwertun, ihre Schalen wachsen zu lassen. Sollte der pH-Wert des menschlichen Blutes so weit absinken wie der der Ozeane in den letzten Jahrzehnten, kommt es zu Schlaganfällen, Koma und plötzlichen Todesfällen.
Die Kohlenstoffabsorption kann zur Ausbreitung von Mikroben führen, die in den Tiefen der Ozeane anoxische, sauerstofflose Bereiche, „Todeszonen“ bewirken, die dann langsam nach oben steigen. Die kleinen Fische sterben wegen des Sauerstoffmangels, dadurch gedeihen die Bakterien usw. In Teilen des mexikanischen Golfes und vor der Küste von Namibia ist dieser Prozess schon im Gange. Schwefelwasserstoff blubbert dort aus dem Wasser. Schwefelwasserstoff ist so giftig, dass es, wie vor Hunderten von Millionen Jahren, in der Lage ist, das ganze Leben auf dem Planeten zu vernichten.
Der große Filter
Warum also können wir es nicht sehen?
Die Entwicklung hat mit der Industrialisierung begonnen. Doch mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen haben in den letzten drei Jahrzehnten stattgefunden; seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs liegt die Zahl bei 85 %. Innerhalb einer einzigen Generation hat uns die globale Erwärmung an den Rand einer Katastrophe geführt. Dennoch sind viele Klimaforschung optimistisch: Wir werden einen Weg finden, um die radikale Erwärmung zu verhindern, weil wir es müssen. Sie wissen, dass auch wenn die Ziele von Paris erreicht werden, müssen bis 2050 die Emissionen aus Energie und Industrie jedes Jahrzehnt halbiert werden; die Emissionen durch Landnutzung (Entwaldung, Rindermethan usw.) müssen gegen Null gehen, und wir müssen Technologien entwickelt haben, die der Atmosphäre zweimal soviel Kohlendioxid entziehen, wie es jetzt alle Pflanzen der Erde tun.
Dennoch haben die Wissenschaftler ein enormes Vertrauen in die Erfindungsgabe der Menschheit. Wir haben es geschafft, in diesen katastrophalen Zustand zu kommen, also können wir auch einen Ausweg finden. Wir haben das Ozonloch in den 1980-Jahren gestopft. Wenn wir bereit sind zu erkennen, was wir angerichtet haben, werden wir es auch schaffen, dass die Menschheit weiter auf dieser Welt leben kann. Für die Klimaforscher ist die Alternative einfach unvorstellbar.
Der Artikel, der diesem Beitrag zugrunde liegt, ist am 10. Juli im New York Magazine erschienen.
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