Montag, 20. August 2012

Izy und sein Schatz - eine Geschichte zum Thema Einzigartigkeit

In Krakau lebte einmal ein frommer, alleinstehender alter Mann namens Izy. Ein paar Nächte hintereinander träumte Izy, er reise nach Prag und gelange dort an eine Brücke über einen Fluss. Er träumte, an einem Ufer des Flusses unter der Brücke stehe ein üppiger Baum. Er träumte, dass er gleich neben dem Baum zu graben anfing und auf einen Schatz stieß, der ihm Wohlstand und Sorglosigkeit bis an sein Lebensende sicherte. 
Anfangs maß Izy diesem Traum keine Bedeutung bei. Aber nachdem sich dieser wochenlang wiederholt hatte, deutete er ihn als Botschaft und beschloss, jene Nachricht, die ihm womöglich von Gott oder von sonst wem geschickt worden war, nicht weiter unbeachtet zu lassen. 

Er folgte also seiner Eingebung, belud sein Maultier mit Gepäck für eine lange Reise und machte sich auf den Weg nach Prag.
Sechs Tage später traf der Alte in Prag ein und begab sich gleich auf die Suche nach der Brücke über den Fluss am Rande der Stadt. 
Es gab nicht viele Flüsse und auch nicht viele Brücken, so dass er den gesuchten Ort schnell fand. Alles war genau wie in seinem Raum: der Fluss, die Brücke, das Flussufer, der Baum, unter dem er graben musste.
Nur eins war in seinem Traum nicht vorgekommen: Die Brücke wurde Tag und Nacht von einem Soldaten der kaiserlichen Garde bewacht. 

Izy wagte es nicht zu graben, solange der Soldat dort oben Wache schob, also schlug er in der Nähe der Brücke sein Lager auf und wartete erst einmal ab. In der zweiten Nacht begann der Soldat Verdacht zu schöpfen, und er fragte den Alten, der da am Flussufer kampierte, nach seinem Vorhaben. 
Der hatte keine Grund, ihm eine Lüge aufzutischen, und so erzählte er dem Wachmann, er habe diese weite Reise unternommen, weil er geträumt habe, dass hier in Prag unter einer gewissen Brücke in Schatz vergraben liege. 

Der Wachmann brach in schallendes Gelächter aus. 
„Eine so lange Reise wegen nichts und wieder nichts“, sagte er, „ich träume seit drei Jahren jede Nacht, dass in Krakau unter der Küche eines verrückten Alten namens Izy ein Schatz vergraben liegt. Ha, ha, ha, ha, ha. Denkst du, ich sollte nach Krakau reisen, um diesen Izy aufzusuchen und unter seiner Küche zu graben anfangen? Ha, ha, ha.“ 

Izy bedankte sich freundlich beim Gardisten und trat die Heimreise an. 
Zu Hause angekommen, grub er unter seiner Küche ein Loch und fand den Schatz, der schon ewig dort verborgen lag.

(Aus: Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte. Fischer TB 2007)

Über die Einzigartigkeit

Für alle, die meine Blogeinträge zur Langeweile und zum Vergleichen gelesen haben, kommt jetzt das Konzept, das den Ausweg aus diesen beiden Themen verheißt: Langweilig ist uns, weil wir uns in einer Gleichförmigkeit gefangen fühlen; zum Vergleichen neigen wir, weil wir unsere Einzigartigkeit und die anderer nicht würdigen können. 

Das Prinzip der Einzigartigkeit ist eine Entdeckung des personalistischen Bewusstseins, das sich damit an ein Prinzip der Natur erinnert hat. Es besteht darin, dass die Natur weder in der Lage ist noch dass es für sie Sinn machen würde, gleichartige Duplikate herzustellen, identische Klone. Einfacher ist es, kommen zu lassen, was kommt, wenn in der Fortpflanzungsreihe neue Individuen entstehen. In der Fortpflanzung experimentiert die Natur durch Variationen und Neukombinationen. Ihre Kreativität beruht auf der Maxime: Immer wieder Neues zu produzieren, von dem sich einiges bewährt, anderes nur den Versuch wert war. Das macht uns zu schaffen, wenn Grippeviren mutieren und die Gegenmittel nicht mehr wirken, und das kommt uns zustatten, wenn wir merken, dass unser Immunsystem lernen kann. 

Bei jeder Zellteilung entstehen aus einer Zelle zwei nahezu identische. Der Chromosomensatz ist zwar gleich, aber z.B. die Anordnung der Organellen ist unterschiedlich. Damit entwickelt jede Zelle eine Einzigartigkeit, die sie auszeichnet. Insbesondere bei der zweigeschlechtlichen Vermehrung ist die Variation das dominante Prinzip, während es zur weitgehenden Identität in der Fortpflanzung nur in Ausnahmefällen kommt (wie bei eineiigen Zwillingen). 

Deshalb gibt es so viele unterschiedliche Stimmen, Gangarten, Augenformen, Körpersprachen, usw., wie es Menschen gibt, je gegeben hat und je geben wird, viele, viele Milliarden. Mit jedem Kind, das geboren wird, kommt ein neues einzigartiges Lebewesen zur Welt mit ganz individuellen Ausdrucks- und Erlebensmöglichkeiten. Jedes neue Kind leistet einen ganz besonderen Beitrag zur Buntheit der Menschheit.

Kein Ei gleicht dem anderen, wie soll es da ein Mensch schaffen, einem anderen zu gleichen? Und wozu? 

Auch wenn wir gerne jemanden bewundern für ein Können, einen Erfolg, ein Aussehen, das uns abgeht, und auch wenn wir so sein wollen, ist das nur ein Gedanke, der uns für einen Moment Trost oder Ablenkung verschaffen soll. Wenn ich so wäre wie XY, dann hätte ich das Problem nicht oder dann wäre mir nicht fad. Dächten wir den Gedanken nur ein wenig weiter, würde schnell klar, dass wir erstens nicht in die Haut von jemand anderem schlüpfen können und dass es zweitens vielleicht gar nicht so optimal wäre, wenn es uns doch gelänge. Wollen wir wirklich das ganze Leben von einem Börsenzocker, der monatlich fette Boni einstreift? Wollen wir wirklich das ganze Leben einer Schönheit, die alle Idealmaße in sich vereint und sich beständig abmühen muss, sie nicht wieder zu verlieren? Wollen wir wirklich das ganze Leben eines Violinvirtuosen oder eines Meisterzauberers, einer Topsportlerin oder Popsängerin?

Haben wir schon alles über uns selbst entdeckt? Wäre es nicht lohnender, im eigenen Garten auf Erforschung zu gehen? Da könnte es ja, gut versteckt und verborgen, besondere Schätze geben, die schon lange darauf warten, endlich gehoben zu werden. Wir brauchen uns nur darauf besinnen, dass wir als ganz eigentümliches, eigen-artiges, unvergleichliches Individuum erschaffen und in die Welt gekommen sind. Dann wird uns wichtiger, herauszufinden, wer wir sind und wer noch und wer noch..., als uns mit anderen zu vergleichen, um uns an sie anzugleichen. Dann wächst die Lust, die eigene Art, die Art zu denken, zu fühlen, zu erleben, zu bewegen und zu ruhen, der Welt beizusteuern und ihr zuzumuten. Dann verstecken wir uns nicht mehr hinter Masken, von denen wir meinen, dass sie bei den anderen gut ankommen, sondern zeigen unser einzigartiges wunderschönes Gesicht, sagen unsere einzigartigen, wunderschönen Worte und schauen uns die Welt mit unseren einzigartigen und wunderschönen Augen an. 

http://www.coolphotos.de
Und dann erkennen wir auch die Einzigartigkeit in den anderen Menschen, die wir bewundern können, weil sie Ausdruck der unendlichen Schöpfungskraft der Natur und der Gesellschaft sind, ohne dass wir uns mit ihnen vergleichen müssen. Was für einen Sinn soll es machen, wenn eine Rosenblüte mit der anderen in Konkurrenz tritt, wer wohl die schönste ist? 

Nehmen wir doch die Schönheiten, die uns begegnen, als Erinnerung an unsere eigene Schönheit, und nehmen wir unsere eigene Schönheit als Erinnerung an die Schönheit der anderen! Freuen wir uns an der unendlichen Vielfalt, die das Leben hervorbringt und die uns in jedem Menschen entgegentritt, statt dauernd an den anderen herumzumäkeln und ebenso eifrig uns selber abzuwerten!

Zum Nachlesen:
Kommentar zu Regel 21:  Die Verschiedenartigkeit der Menschen als Ausdruck göttlicher Kreativität, aus den "40 Regeln der Liebe"

Samstag, 18. August 2012

„Du spinnst ja!“ - Ebenen der Wirklichkeit

Wie wirklich ist die Wirklichkeit, fragte Paul Watzlawick und brachte damit die konstruktivistische Sichtweise an die Leute. Wirklichkeit steht nicht einfach fest, sondern wird hergestellt und muss fortwährend überprüft werden. Im psychotherapeutischen Geschäft ist die Frage auch relevant, wird aber selten diskutiert, vielleicht weil sie zu theoretisch klingt und weil viele Klienten kein Problem haben, auf verschiedenen Wirklichkeitsebenen Erfahrungen zu sammeln und diese zu integrieren. Was aber, wenn ein Klient für seine geistige und kognitive Klarheit wissen will, wo seine Erfahrungen hingehören und wie sie mit dem eigenen Weltbild vereinbar sind?

Unser Wirklichkeitsbegriff ist streng materialistisch, das haben wir von den Naturwissenschaften gelernt. Wirklich ist, was in Raum und Zeit für uns wahrnehmbar ist, bzw. wahrnehmbar gemacht werden kann (wir nehmen z.B. an, dass Viren wirklich sind, obwohl wir sie vielleicht noch nie gesehen haben, oder dass der Neptun wirklich 13 Monde hat, obwohl wir auf noch keinem einzigen waren). Wir schenken also der Wissenschaft großen Glauben, dass sie uns Erkenntnisse über die Wirklichkeit geben kann. 

Wenn es um unsere Innenerfahrungen geht, kommen wir in Bereiche, die nicht so einfach mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild kompatibel sind. Wenn wir träumen, haben wir ein Wirklichkeitserleben, das sich erst beim oder nach dem Aufwachen relativiert. Im Traum erscheint uns als real, dass wir verfolgt werden, Leute treffen, die anders ausschauen als sonst usw. 

http://www.lilienthal-museum.de/olma
/muse.htm
Während des Schreibens des Artikels hatte ich dazu einen witzigen Traum. Schon öfter hatte ich vom Fliegen geträumt, und das war immer so „traumhaft“, dass ich mir während des Träumens dachte, diesmal merke ich mir, wie das geht und mache das dann auch, wenn ich aufwache. Nun träumte ich wieder, dass ich fliegen kann und dass das ganz einfach ist und träume weiter, dass ich aufwache und es jetzt im aufgewachten Zustand noch immer kann, zwar nicht ganz so leicht, aber mit etwas Konzentration ziemlich locker. Dann bin ich allerdings wirklich aufgewacht, die Leichtigkeit war dahin und ich hatte überhaupt keine Idee mehr, wie ich mit den 70+ Kilo meines Körpers die Schwerkraft überwinden könnte. Der wache Wirklichkeitsbegriff hatte mich sofort wieder im Griff. So muss ich also auf den nächsten Flugtraum warten, um dieses besondere Freiheitsgefühl genießen zu können (oder auf eine Möglichkeit, die Traumwirklichkeit in die Wachwirklichkeit zu integrieren, was ja in vielfältiger Form ein alter „Traum“ der Menschheit ist).

Schon wenn wir uns entspannen und die Augen schließen, können Bilder kommen, Gefühle auftauchen und Körperwahrnehmungen spüprbar werden, die ihre eigene „andersartige“ Realität haben. Der Wirklichkeitsbegriff der Naturwissenschaften funktioniert also nur, wenn wir im Wachzustand bei klaren Sinnen sind und zusammenhängend denken können. Er erfordert, dass wir uns auf diese eine Dimension reduzieren, dass wir also eindimensional erleben (beschränkt auf die vier Dimensionen unserer sinnlichen Wahrnehmung).

In allen anderen Erlebnisbereichen befinden wir uns in anderen Wirklichkeiten. Offenbar, wie schon Sigmund Freud herausgefunden hat, regieren in unserem Unterbewussten ganz andere Mechanismen der Wirklichkeitsproduktion. Er hat zwar versucht, auch diese Mechanismen naturwissenschaftlich zu erklären, ist damit aber nicht weit gekommen. Zu unterschiedlich sind die Menschen, wenn es um ihr inneres Erleben geht, sodass wir sagen müssen, dass jeder Mensch im Inneren eine ganz und gar eigene Wirklichkeit hat, die ihm nur selber zugänglich ist und die er auch nur sehr eingeschränkt mitteilen kann. Sie ist also privat und einzigartig, Teil seiner Individualität. 

Wenn wir eine systemische oder ganzheitliche Sichtweise einnehmen, können wir nicht eine Wirklichkeitserfahrung über die andere stellen, sondern müssen sie als grundsätzlich gleichrangig anerkennen. Wir achten nur darauf, für welche Situationen und Erfordernisse des Lebens welche Wirklichkeit brauchbar und sinnvoll ist. Wenn wir von einem Verkehrspolizisten aufgehalten werden, wird der nicht an unseren Träumen oder inneren Zuständen interessiert sein, sondern erwarten, dass wir ihm auf seiner Wirklichkeitsebene begegnen. Begegnen wir einem Angehörigen des malaysischen Senoi-Stammes, bei denen das Traumdeuten zur täglichen Routine gehört, so werden diesen unsere Träume mehr als unser Führerschein interessieren. 

 Mit dieser Einstellung tun wir uns leichter, wenn uns Menschen über Erfahrungen berichten, die nicht in den naturwissenschaftlichen Rahmen passen, z.B. von Wunderheilungen (siehe meinen Blogbeitrag vom März 2012 - http://wilfried-ehrmann.blogspot.co.at/2012/03/die-wunderheiler-und-die-skeptiker.html ) oder übersinnlichen Wahrnehmungen. Wir brauchen sie auch, wie oben erwähnt, in der therapeutischen Arbeit. Wenn es etwa um die Verarbeitung eines Verlustes geht (beim plötzlichen Tod einer vertrauten Person wie auch beim Verlust eines Zwillingsgeschwisters im Mutterleib), besteht ein wichtiger Schritt in der Heilung darin, mit der verstorbenen Person Kontakt aufzunehmen. Im naturwissenschaftlichen Weltbild ist das unmöglich. Wer tot ist, kann nicht mehr kontaktiert werden. Wenn wir jedoch Klienten, die die Gefühle der Verlusterfahrung erlebt haben, vorschlagen, sich mit der verstorbenen Person zu verbinden, „wo immer sie gerade ist“, ist das den meisten Menschen leicht möglich, und dieser Kontakt wird fast immer als sehr heilsam und wohltuend erlebt. 

Es gibt also offenbar eine Wirklichkeitsform, in der die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben sind. Das ist ja insofern auch klar, weil die Raum- und Zeiterfahrungen auf die naturwissenschaftliche Realität beschränkt sind und dieses auf jene. Wir haben ein Erleben, „als ob“ die verlorene Person „wirklich“ noch irgendwo da ist und mit uns spricht. Wir wissen dabei, dass diese Wirklichkeit eine andere Qualität hat, dass wir also, wenn wir die Augen öffnen, die Person nicht mehr vor uns sehen und ihr nicht einfach die Hand schütteln können. Aber dieses Wissen nimmt der Erfahrung nichts von ihrer Gültigkeit und Bedeutsamkeit. 

Auch bei der Arbeit mit Ahnen, die wir z.B. bei der Aufstellungsarbeit oder bei der Auflösung von über die Generationen vererbten Traumen nutzen,  ist diese Wirklichkeitsebene wichtig. Wir können dabei erleben, dass lange verstorbene Vorfahren von uns einen belastenden Einfluss ausüben und dass die Begegnung mit ihnen diesen Einfluss in eine positive Kraft ummünzen kann. Manche Vertreter der Aufstellungsarbeit sind der Meinung, dass die Auflösung von solchen Themen selbst den Verstorbenen eine Erleichterung bringt. Dabei wird angenommen, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der diese Personen in einer anderen als der uns bekannten Form leben.

Wenn wir, aus „naturwissenschaftlicher Verantwortung“, sagen würden, dass solche Phänomene reine Einbildung sind und es sie nicht geben kann, weil ja die Wirklichkeit auf Raum und Zeit beschränkt ist, dann werten wir die andere Wirklichkeitsebene ab, also die Subjektivität des Klienten, was uns nicht zusteht. Schließlich wollen wir ja selber auch nicht, dass uns jemand anderer bei unseren Innenerfahrungen dreinredet und uns weismachen will, dass wir „in Wirklichkeit“ das, was wir erleben, gar nicht erleben, bzw. dass das, was wir erleben, eine ganz andere Bedeutung hat als die wir ihr selber geben.

Kinder kennen die unterschiedlichen Wirklichkeiten sehr gut. Sie halten sich gerne in Märchenwelten und Geschichten auf und stoßen damit häufig auf Unverständnis oder Kritik bei den Erwachsenen, die ihnen ausreden wollen, was sie innerlich erleben, wohl aus der Angst heraus, dass Märchenwelten zum Funktionieren beim Meistern des Lebens in unserer Gesellschaft nutzlos wären. So müssen die Kinder mit der Zeit lernen, die Ebenen auseinander zu halten, indem sie die Abwertungen mitnehmen, die besagen, dass es eine „wirkliche“ = gute oder nutzbringende Wirklichkeit gibt und eine „unwirkliche“=schlechte oder unbrauchbare. Mit dem Eintritt in die Schule beginnt bei den meisten Kindern die mehr oder weniger gründliche Reduktion auf das eindimensionale Weltbild der Naturwissenschaften.

Statt dass wir uns in eine Form der Wirklichkeitserfahrung einzementieren und diese mit allen Möglichkeiten verteidigen, scheint es sinnvoller zu sein, unsere Fertigkeiten zu schulen, uns auf verschiedenen Ebenen bewegen zu können und alle diese Ebenen in ihrem Eigenwert schätzen zu können. Wichtig bei dieser Kompetenz ist die die Fähigkeit, zu wissen, wo wir gerade sind. Psychotiker leiden unter der Abwesenheit dieser Fähigkeit. Sie können nicht unterscheiden, was „Wirklichkeit“ und was „Wahn“ ist, wobei das, was man als Wahn bezeichnet, nur eine andere Form der Wirklichkeitserfahrung ist, die aber nicht eingeordnet werden kann. Psychose ist ein Zustand der Verwirrung, auf welche Ebene der Wirklichkeit eine bestimmte Erfahrung gehört. Diese Irritation kann große Ängste auslösen und die Kommunikationsfähigkeit stark beeinträchtigen. 

Üben wir uns dagegen im Unterscheiden der Wirklichkeitsebenen, dann gewinnen wir an Einsichtsmöglichkeiten für die verschiedenen Qualitäten des Lebens und Erlebens, unserer selbst und der anderen Menschen.  Ich empfehle dazu auch, das Modell der Bewusstseinsevolution zu nutzen, weil es uns eine Landkarte an die Hand gibt, mit deren Hilfe wir die jeweiligen Wirklichkeiten verorten können.

Mittwoch, 15. August 2012

Meditation und Langeweile


Ob du mehr oder weniger in Meditation geübt bist – es würde mich wundern, wenn du beim Meditieren noch nie mit Langeweile in Kontakt gekommen bist. Da nehmen wir uns vor, uns eine halbe Stunde hinzusetzen, um nach innen zu schauen. Doch wir finden nichts, was uns interessiert, die Gedanken schweifen immer wieder ab, und das Sitzfleisch beginnt zu schmerzen. So hoffen wir, dass die Zeit endlich um ist. Da schauen wir auf die Uhr … und es sind erst fünfzehn Minuten vergangen. Wir wollen bei unserem Vorhaben bleiben und schließen wieder die Augen und öffnen sie hoffnungsvoll nach einer genügend langen Zeit, nur um zu sehen, dass wir noch immer fünf Minuten bis zur halben Stunde haben. Die Zeit zieht sich ganz seltsam in die Länge, sie dehnt und dehnt sich.


Es wäre ungewöhnlich, wenn uns die Langeweile in der Meditation nie begegnen würde. In der Meditation sollten wir auf alles stoßen, was wir von unserem Erleben kennen. Meditation ist kein vom sonstigen Leben abgesetzter, außergewöhnlicher Zustand, sondern ist die Zeit, die wir uns geben, um unserem Leben von innen her bewusst zu begegnen. Das kann alles umfassen, von Nervosität bis Stille, von Freude bis Traurigkeit, von Gedankenfülle bis innerer Stille, und eben auch Langeweile.

Das Eigentümliche der Langeweile besteht nun darin, dass sie verschwindet, sobald wir uns ihr bewusst zuwenden. Wenn wir also innerlich erforschen, wie wir uns fühlen, wenn uns langweilig ist, ist das nicht mehr langweilig, und das, was wir erforschen wollten, hat sich aufgelöst – in andere Gefühle und Empfindungen, z.B. Nervosität, Unruhe, Bewegungsimpulse, rastlose Gedanken usw. Sobald uns diese Inhalte unseres Bewusstseins bewusst werden, sobald wir also unsere innere Aufmerksamkeit auf sie lenken, werden sie interessant, vielfältig und bunt. Die lähmende und fahle Leblosigkeit, die dem Langeweile-Zustand eigen ist, weicht, und das Starre kommt ins Fließen.

Ich war vor kurzem auf einem Langstrecken-Nachtflug von Brasilia nach Lissabon „unterwegs“ (etwas Eingetümliches bei Flugreisen liegt ja darin, unterwegs zu sein, fast ohne sich bewegen zu können, d.h. der Weg wird nahezu bewegungslos zurückgelegt). Eingekeilt in den engen Sitz, desinteressiert am Filmangebot und unbegabt zum Schlafen im Flugzeug hatte ich viel Gelegenheit, die Langeweile zu erforschen, und am Ende der neun Stunden, als das Flugzeug europäischen Boden berührte, hatte ich nicht den Eindruck, eine endlos langweilige Zeit überstanden zu haben, sondern viel Interessantes erlebt zu haben, sodass sich der Geist frisch anfühlte (im Gegensatz zum Körper...).

Was lernen wir dabei über die Langeweile? Natürlich, sie ist ein Produkt des Verstandes, denn wenn wir im Moment sind, also in der unmittelbaren Erfahrung, so gibt es dort immer etwas Neues, aber keine Langeweile. Der Verstand konstruiert einen Zustand, der etwas Aufregendes fordert, etwas Reizvolles und Spannendes. Er hungert nach Beschäftigung und Herausforderung und übersieht das Unspektakuläre und Einfache, das das Erleben im Moment kennzeichnet, z.B. die Eigenart und Besonderheit des gerade aktuellen Atemzuges.

Der Reizhunger unseres Verstandes folgt einem Suchtmuster. Je mehr wir uns mit Reizen füttern, desto mehr steigt das Verlangen nach noch mehr und noch vielfältigeren Reizen. Das Suchtmuster hat also eine quantitative und eine qualitative Komponente und ist deshalb praktisch unendlich in seiner Gier. Es ist übrigens eine Ableitung aus der im materialistischen Bewusstsein geprägten Steigerungsform im Anhäufen von materiellen Werten. Wir suchen z.B. den Besitz von Geld zu steigern, ohne je zu einem befriedigenden Endzustand zu gelangen, wie auch die Zahlenreihe kein happy end kennt. So treibt das Verlangen immer weiter, bis zur Erschöpfung oder bis zum Tod.

Dem Stillen dieser Gier nach Reizen widmet sich eine riesenhafte Industrie, die das Vertreiben der Langeweile verspricht und dabei immer mehr derselben produziert. Wenn wir uns Fernsehsendungen aus den sechziger Jahren anschauen, halten wir das kaum aus, weil sie so umständlich und langsam dahinplätschern, mit einfachen Mitteln und simplen Dekorationen. Doch wer damals die Anfänge des Fernsehens (zunächst schwarz-weiß und dann farbig) mitverfolgt hat, weiß, wie aufregend jede Sendung war. Seither hat sich unser Reizhunger beständig weiter entwickelt, bis hinein in die Schnitttechnik von Spielfilmen, die in immer kürzeren Sequenzen die Zuschauer in Bann halten will. Beinahe im Sekundenrhythmus muss Neues geschehen, bricht Unerwartetes an Bildern und Emotionen auf das Publikum ein, das damit in Dauerstress versetzt wird. Die Lücken zwischen einem Gag und dem nächsten werden immer kürzer (damit braucht der Gag keine besondere Qualität mehr, muss also nicht besonders witzig sein, weil die Zeit zum Lachen sowieso nur kurz ist).

In dieser Art wird die Stresserwartung unseres Verstandes befriedigt und zugleich gekräftigt. So dreht sich die Spirale weiter, immer schneller. Innerlich dehnt sich die Spannung zwischen maximaler Reizfütterung und Erschöpfung. Langeweile muss um jeden Preis vermieden werden, da sie uns auf uns selbst zurückwirft und uns zwingt, uns selbst zu spüren. Das ist unangenehm, deshalb gieren wir nach dem nächsten Außenreiz.

Wie wohl tut uns deshalb die Natur, weil sie uns einen beständigen ruhigen Fluss von sanften Reizen vermittelt. Die Natur verspricht nie mehr als sie ist und geht nicht auf unsere Stresserwartungen ein, sondern zeigt uns, wie wir uns mit der Fülle dessen, was schon da ist, begnügen können und entspannen dürfen.

Und wie wohl tut uns Meditation, in der wir uns auf den Weg zur inneren Stille machen. Dass wir dabei der Langeweile begegnen, sollte uns nicht verwundern. Sie zeigt uns, wie wir unser Leben bis an den Rand mit Dingen ausgefüllt haben, damit uns keine Lücke Angst machen kann. Wenn wir in die Angst hineinspüren, die dort auftauchen kann, wo es innerlich leer wird, kommen wir an die Wurzel der Langeweile-Stimmung. Wir machen uns vertraut mit der Angst und nehmen ihr ihren Schrecken. Dabei wandelt sich die Sucht nach Außenreizen in ein inneres Abenteuer, das uns näher zu uns selbst führt. Je mehr wir diesen Innenraum zu schätzen lernen, desto freier werden wir von den Verlockerung der Unterhaltungsindustrie und zugleich von der öden Stimmung der Langeweile. Statt dessen lernen wir den Reichtum in der Einfachheit zu schätzen und zu mehren.

Vgl.: Störungen in der Meditation

Dienstag, 31. Juli 2012

Vom Vergleichen

Häufig vergleichen wir uns mit anderen Menschen und sehen es offenbar auch gerne, wenn Menschen untereinander verglichen werden. Denn Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen solche Vergleiche mit Vorliebe: Wer ist die bestangezogenste Dame des Landes (mit oder ohne Hut), wer hat das tollste Auto, was ist der beste Fettabsauger, wer verdient am meisten Geld? Oder: „Zum Fremdschämen“: die zehn hässlichsten Urlaubsklamotten gefällig?

Woher kommt diese Leidenschaft? Ist sie nur ein Spiel zum Vertreiben der Langeweile oder steckt mehr dahinter?

Rangordnungen gibt es schon im Tierreich in großer Zahl, bekannt ist die „Hackordnung“ bei den Hühnern. Diese Rangordnungen erfüllen jeweils Funktionen zur Sicherung der Nahrung und des Fortbestandes der Gruppe. So haben auch Menschen von Anfang an das Rangdenken in sich getragen, und es spielt bei der Machtverteilung in jeder Gruppe eine wichtige Rolle. Mit der Einführung von bürokratischen Staatsgebilden wurden die Rangordnungen perfektioniert. Heute treffen wir sie besonders deutlich sichtbar bei streng hierarchisch angeordneten Organisationen, wie z.B. bei der Befehlskette eines militärischen Verbandes an.

Beim Vergleichen schielen wir gewissermaßen auf unsere Nachbarn, um an ihnen Merkmale zu entdecken, die uns darüber informieren, ob sie oberhalb oder unterhalb von uns stehen. Wir inspizieren sie, als wollten wir an ihnen Rangabzeichen ausfindig machen. Vergleiche verschaffen uns eine Orientierung. Wir wissen, wo wir selber stehen und wie wir mit anderen Menschen dran sind. Wer steht über mir, wer steht unter mir und wo stehe ich selber? Mit wem muss ich kämpfen, wenn ich weiter nach oben will, gegen wen muss ich meinen Platz verteidigen?

Das sind wichtige Fragen vor allem für die hierarchische Bewusstseinsstufe, die uns alle geprägt hat und die die uralten biologischen Erinnerungen wieder wachgerufen hat. Ein skurriles Beispiel: Die Friedensverhandlungen zur Beendigung des 30-jährigen Krieges ab 1645 haben nicht deshalb drei Jahre gedauert, damit es wirklich ein 30-jähriger Krieg wird, sondern weil monatelang darüber verhandelt wurde, in welcher Reihen- und damit Rangfolge die einzelnen Würdenträger, Politiker und Diplomaten den Sitzungssaal betreten sollten.

Viele Ängste sind mit den Fragen der Rangordnung verbunden. Sie äußern sich vor allem über das Schamgefühl, das ein Indikator dafür ist, ob wir uns rangmäßig richtig oder falsch verhalten haben. Wir versuchen, das Schamgefühl hintan zu halten und die Ängste zu bannen, indem wir Vergleiche anstellen: Die andere Person steht über mir, also habe ich mich unterzuordnen, die andere steht unter mir, also kann ich Macht über sie ausüben. Sobald ich das weiß, kann ich nichts falsch machen und mich sicher auf meiner Ebene bewegen.

Der oberösterreichische Komponist Anton Bruckner, der vermutlich stark und zwanghaft durch hierarchisches Denken geprägt war, war ein hervorragender Organist. Doch unterzog er sich immer wieder Prüfungen durch andere Musiker, die ihm immer wieder bestätigen mussten, dass er ohnehin der beste Orgelspieler des Landes war. Mit jeder Prüfung war die Angst ein wenig beruhigt, den eigenen Platz und die Anerkennung in der Musikerzunft zu verlieren.

Da wir uns in einer sehr komplexen sozialen Welt befinden, stecken wir in den verschiedensten Hierarchien und stufen uns selbst und andere permanent ein, fast immer ohne unser Mitwissen. Deshalb ist es uns so vertraut, wenn irgendwelche Medien irgendwelche Menschen miteinander vergleichen. Wir freuen uns darüber, weil wir meinen, dass uns damit eine innere Arbeit abgenommen wurde.

Wenn sich hierarchische Elemente mit materialistischen verbinden, fließt das Leistungs- und Konkurrenzdenken in das Vergleichen ein. Wir vergleichen uns, um abzuschätzen, ob wir in einem bestimmten Bereich besser oder schlechter sind als andere. Wenn wir besser sind, müssen wir darauf achten, dass der Vorsprung erhalten bleibt. Wenn wir schlechter sind, müssen wir an unserer Verbesserung arbeiten. Im materialistischen Bewusstsein, das mit dem modernen Wirtschaftssystem verknüpft ist, müssen wir die ganze Zeit auf der Hut sein, die Gefahren lauern überall, deshalb müssen wir uns permanent rundherum mit der Außenwelt abgleichen.

Hier ein Zitat aus der „Bunten“ (September 2008): „Das falsche Kleid kann ein Image ruinieren, das richtig gewählte Outfit hingegen die Karriere beflügeln.“. Kleine Achtlosigkeiten schon können ausreichen, um zur Verliererin zu werden. Deshalb: Der Vergleich macht sicher, ahmen wir die Erfolgreichen nach und flügeln wir die Karriereleiter mit intaktem Image nach oben.

Sobald wir mit dem Vergleichen beginnen, nagt an uns unser mangelhaftes Selbstwertgefühl. Es lässt uns nur die Wahl zu resignieren oder unseren Ehrgeiz anzustacheln und das Leistungs- und Stressmuster zu aktivieren. Und dieses sagt uns dann wieder, dass wir immer schauen müssen, wie sich die anderen in Bezug auf uns selber halten, wie der Radrennfahrer, der, wenn er vorne ist, sich dauernd umdrehen muss, um zu sehen, wie die Konkurrenten unterwegs sind, sodass er diesbezüglich seine eigenen Anstrengungen dosieren kann.

Wir verfangen uns damit in einen hübschen Teufelskreis: Je mehr wir vergleichen, desto mehr Stress bauen wir in uns auf, je mehr Stress wir aufbauen, desto mehr müssen wir vergleichen. Durch das Vergleichen halten wir den Stresspegel hoch, und durch den Stress vermehren und perfektionieren wir unsere Vergleichssensoren.

Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist der Verlust der Beziehung zu unserer Einzigartigkeit. Wir messen uns nur an den anderen, wie und wo diese etwas tun oder lassen. Unsere Handlungen richten wir danach, wie die anderen handeln. Wir vertrauen unseren Eigenheiten und Besonderheiten nicht, sondern meinen, dass wir nur bestehen können, wenn wir wie die anderen werden.

Natürlich gibt es „die anderen“ genau so wenig, wie es möglich wäre, dass wir selber jemals wie jemand anderer werden könnten. Aber der neurotische Mechanismus, der sich aus der Verbindung von hierarchischen und materialistischen Grundmustern ergibt, suggeriert uns, dass das Vergleichen und Anpassen an die Erwartungen der anderen der einzige Weg ist, um unser Leben zu verbessern.

Das Ich-Ideal


Unser Ich-Ideal, also wie wir gerne wären, hat eine lichte und eine dunkle Seite. Die lichte Seite enthält das, was wir an Begabungen und Talenten mitbekommen haben, an Ressourcen und Potenzialen, alles, was unsere Einzigartigkeit ausmacht. Wenn wir diese nicht entwickeln und ausleben, fühlen wir uns unerfüllt und befürchten, dass wir unser Leben vergeuden. Hätte sich Schubert z.B. voll dem Alkoholtrinken oder Kartenspielen hingegeben statt dem Komponieren, hätte er sich weit von sich selbst entfernt. So aber kann er als besonderer Vertreter eines personalistischen Bewusstseins anerkannt und in seinen Werken genossen werden.

Hier sehen wir auch einen Grund, warum das personalistische Bewusstsein über das materialistische hinaus gehen musste. Es stellt die Einzigartigkeit jedes Menschen in den Vordergrund, die besondere Qualität, die jeder mitbringt und in sich entfalten kann. Die Musik von Schubert kann nicht mit der von Schumann verglichen werden, wenn wir der Schönheit in beiden Werken gerecht bleiben wollen. Zwar hat sich Schubert mit seinem Zeitgenossen Beethoven verglichen, aber glücklicherweise in so geringem Maß, dass seine musikalische Kreativität nicht darunter gelitten hat. Auch wenn Schubert vielleicht mit Blick auf Beethoven die Fülle seiner musikalischen Ideen in eine strengere Form zu bringen versuchte, war das sein ganz eigener Weg des Ausgleiches zwischen Inhalt und Struktur.

Die dunkle Seite des Ich-Ideals besteht in den Aspekten, die nicht aus uns, aus unserer Einzigartigkeit stammen, sondern von außen übernommen worden sind. Die meisten Eltern hegen Hoffnungen für ihre Kinder, die oft das ausfüllen sollen, was sie selber in ihrem Leben nicht erreicht haben. Darüber hinaus haben Kindergarten, Schule, Wirtschaft, Religionsgemeinschaft, Nachbarschaft usw. ihre Erwartungen, was aus den jungen Menschen einmal werden soll. Diese von außen eingespeisten Anteile des Ich-Ideals entfremden uns von uns selbst, solange wir ihnen folgen, ohne ihre Herkunft verstanden zu haben.

Vergleiche in der Wachstums-Szene


In den Spiri- und Esokreisen gibt es ein Lieblingsthema – wer ist schon weiter auf dem Weg nach innen? Wer hat sich schon am dichtesten an die Erleuchtung herangewagt oder wer ist tatsächlich schon dort, und wie weit oder wie tief reicht diese Erleuchtung, Befreiung, Aufwachung?

Für alle, die sich auf diesem Weg abmühen, scheint es wichtig zu sein abzuschätzen, wie weit es noch zum Ziel ist. Das wollen wir ja auch wissen, wenn wir wandern gehen oder im Flugzeug sitzen: Wie lange noch, bis wir dort sind? Dabei vergleichen wir den Ist-Zustand mit dem Wunschzustand und steigern uns lebhaft in die Fantasie der vollkommenen Zukunft hinein: Wenn erst der Flug vorbei ist und ich wieder die Beine bewegen kann, wenn erst der Gipfel erklommen und die Aussicht genossen werden kann...

Wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen, sind wir in einer Ego-Falle. Ich will unbedingt weiterkommen auf meinem spirituellen Weg, sagt mein Ego. Vermutlich weiß es, dass das ein raffinierter Weg ist, um an der Macht zu bleiben. Jeder Erfolg auf dem Weg wird als Ego-Errungenschaft ausgegeben und befestigt damit die Selbstherrlichkeit, vor allem, wenn die Vergleiche mit den anderen angestellt werden, die noch an ihren Ego-Problemen kiefeln.

Wie wäre ich gerne, oder wer wäre ich gerne, oder wie weit wäre ich gerne schon? Manche Lehrer arbeiten auch mit dieser Karotte: Wenn du so werden willst wie ich, musst du möglichst viel Zeit bei mir (bei meinen Veranstaltungen) verbringen (und meine Brieftasche füttern).

In meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“ habe ich darauf verzichtet, Zahlen weiterzugeben, die angeben sollen, wie viele Menschen sich auf welcher Bewusstseinsstufe befinden. Solche Zahlen suggerieren einen Vergleichsmaßstab, den es m.E. nicht geben kann, weil jeder Wachstumspfad individuell verläuft und auch individuelle Verwerfungen aufzeigt. Ein Mensch kann im Laufe eines Tages die verschiedenen Bewusstseinsebenen mehrfach wechseln.

Ähnlich können spirituell sehr weit entwickelte Persönlichkeiten in manchen Lebenslagen und bei manchen Themen wenig weit entwickelte Verhaltensweisen an den Tag legen. Als in den siebziger Jahren buddhistische Mönche mit den höchsten Weihegraden von begeisterten Studenten aus Klöstern in den Wäldern Thailands nach Kalifornien eingeladen wurden, hatten sie den kurvigen Reizen der dortigen Beach-Girls nichts entgegenzusetzen. Ihre spirituelle Disziplin war machtlos gegen die in ihnen optisch entfesselten Sexualtriebe.

Alte und junge Seelen


Ein Modell für den Vergleich auf dem spirituellen Weg spricht von älteren und jüngeren Seelen. Unter der Annahme der Seelenwanderung gibt es Seelen, die weniger Inkarnationen haben, also jüngere Seelen, während die älteren schon mehr Leben auf dem Buckel haben und dementsprechend schon reifer und näher dem Ziel sind. Nach dem vor kurzem verstorbenen Lehrer Maitreya Ishwara wären jeder Seele 108 Leben vergönnt gewesen, und je mehr Leben schon abgedient wären, desto eher wäre die Erleuchtung zu erwarten.

Wenn wir uns demnach als ältere Seele wahrnehmen, was wir daran erkennen, wie wichtig wir Meditation und Innenschau nehmen, brauchen wir nicht mehr auf Menschen herabschauen, die nichts davon halten und ihr Leben lieber mit Fernsehen oder Grillfesten ausfüllen. Das sind eben die jüngeren Seelen, die erst ihre Anfängererfahrungen auf dem Weg sammeln. Wir als die schon weiter Vorgedrungenen haben damit ein Vergleichsschema, das es uns erleichtert, mit der eigenen Unsicherheit zurecht zu kommen, die Menschen in uns auslösen, die ohne spirituelle Anstrengungen offenbar ihr Leben auch genießen können.

Allerdings entkommen wir mit diesem Konzept der Vergleichsspirale nicht. Solange es uns selber wichtig ist, „alte Seelen“ zu sein, und nicht einfach der Mensch, der wir sind, auf einer bestimmten Stufe unseres ganz eigenen und einzigartigen Entwicklungsweges, haben wir eine wichtige Lektion noch nicht verstanden. Wenn wir dagegen bereit sind, diese Kategorisierung und das damit verbundene Vergleichen mit anderen Menschen loszulassen, gewinnen wir den Zugang zu mehr innerer Freiheit.

Montag, 23. Juli 2012

Das Heldenhafte an der Liebe

Anmerkung: Die Heldin ist immer auch der Held.

Das Heldenhafte an der Heldin liegt darin, den Weg ins Unbekannte hinein zu wagen. In Bezug auf die Liebe bedeutet das, dass sie eine gewohnte Form der Liebe hinter sich lassen muss. Die Liebe, die darauf ausgerichtet ist, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, ist ein wichtiges Element für das Wachsen und Gedeihen des menschlichen Lebens. Sie trägt aber die Tendenz in sich, Abhängigkeiten zu erzeugen und die Geliebte an sich zu binden.

In Beziehungen äußert sich diese Liebe darin, dass wir versuchen, über die andere Macht auszuüben: Du musst dies oder jenes tun oder nicht tun, damit ich mich geliebt fühle. Die Liebe der Geborgenheit und Sicherheit, die sich bedroht fühlt durch das Streben nach Freiheit, versucht die Liebe zu definieren: Ich erkenne deine Liebe nur, wenn du dieses oder jenes oder möglichst alle meiner Bedürfnisse erfüllst. Tust du das nicht, dann verweigerst du mir deine Liebe.

Wird die Liebe definiert, so unterliegt sie der Macht. Definieren heißt Begrenzen, etwas in einen vorgesetzten Rahmen einpassen. Die Liebe verkümmert unter solchen und unter jeden Bedingungen. Sie braucht die Unbedingtheit, und sie braucht die Freiheit.

Die Heldin muss die Form der definierten Liebe hinter sich lassen, wenn sie ihre Freiheit gewinnen will. Erst mit diesem Schritt gewinnt sie den Zugang zu einer größeren Form der Liebe. Die Liebe, die möglich wird, wenn die Heldin ihren Weg geht und gegangen ist, öffnet sich in die Weite. Sie beschränkt sich nicht mehr auf eine einzige Person, die als Ersatz für die Liebe der Eltern dient, sondern wächst darüber hinaus, bis sie in der Lage ist, sich prinzipiell auf alle Menschen zu beziehen. Das ist die erwachsene Form der Liebe, die sowohl die Liebe zu den Eltern, zu einem Partner oder einer Partnerin, zu eigenen Kindern, zu Freunden und Nahestehenden einschließt, und sich auch darüber hinaus erstrecken kann.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Liebesbeziehungen, zunächst gleicht keine Beziehung der anderen, weil immer verschiedene Menschen daran beteiligt sind. Darüber hinaus gibt es den für viele Menschen kategorialen Unterschied zwischen einer Beziehung, die alle Ebenen des Sich-aufeinander-Beziehens umfasst, also vor allem Intimität und Sexualität einschließt, und allen anderen Beziehungen, mit Freunden, Bekannten, Geschäftspartnern usw.

Gerade für das Gelingen der intimen Liebesbeziehung ist die erwachsene Form der Liebe, die sich der Heldin erschließt, von großer Wichtigkeit. Solange die kindlichen Bedürfnisse und Erwartungen in die erwachsene Beziehung hineinspielen, kann sie nicht freu sein. Denn im Gefangensein von solchen Bedürfnissen können wir uns nicht auf den erwachsenen Partner beziehen, sondern verwechseln ihn mit einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Wohl haben kindliche Sehnsüchte und Erwartungen ihren Platz in jeder Erwachsenenbeziehung, weil Erwachsensein nicht das Gegenteil von Kindsein bedeutet, sondern das Überformen der Kindheit durch das Erwachsensein, in dem Kindliches erhalten und lebendig bleibt. Doch sollten diese Aspekte und Stimmen als das „markiert“ sein, was sie sind und sich nicht in erwachsener Sprache verstecken und mit erwachsenen Machtmitteln durchgesetzt werden.

Im französischen Sprichwort heißt es, dass die Liebe ein Kind der Freiheit ist. Sie ist frei von Abhängigkeiten und damit frei von Manipulation und Manipulierbarkeit. Sie lässt dem „Objekt“ der Liebe, also der Geliebten, die Freiheit und steht zur eigenen Freiheit.

Sie ist auch frei von Bedürftigkeit. Sie schließt die Bedürfnisse nicht aus, im Gegenteil, sie beachtet und achtet sie und spielt mit ihnen, aber sie lässt sich von ihnen nicht beherrschen. Bedürfnisse können auch durch die Geliebte frustriert werden, ohne der Liebe Abbruch zu tun. Die Kraft dieser Liebe bemisst sich daran, wie sie den Herausforderungen Stand halten kann, die von der Macht der Bedürfnisse ausgehen. auch an der Toleranz für Enttäuschungen und Verletzungen, die in Liebesbeziehungen geschehen können.

Montag, 16. Juli 2012

Der Weg des Helden

Anmerkung: Der Held ist immer auch die Heldin.

Der Held ist der, der sich aus Abhängigkeiten löst, die er nicht mehr braucht. Es können innere Abhängigkeiten sein oder äußere, z.B. eine ungesunde Lebensweise oder die Bande der Herkunftsfamilie. Er spürt, dass er in den Bereichen, die durch Abhängigkeiten abgedeckt waren, selbst aktiv und kreativ werden kann. Es sind nur noch Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, die ihn darin festhalten. Sobald er das erkennt, ist sein Heldentum gefragt. Damit ist die emanzipative Kraft gemeint, welche die Widerstände zum Wachsen überwindet, die sich in Gewohnheit und Bequemlichkeit manifestieren.

Im klassischen Bild zeichnet sich der Held geradezu dadurch aus, dass er seinen Weg geht, indem er sich von nichts beirren lässt, das sich ihm entgegen stellt. Er hält stur an seiner Richtung fest, und führt sie ihn auch „über Leichen“. Die Gefühle der anderen kann er missachten, wenn sie ihm entgegen stehen. Er ist bereit zu verletzen, emotional oder physisch. Er ignoriert die Schuldgefühle, die ihn dabei plagen mögen.

So wird aus dem Helden ein gefühlskaltes Monstrum. Er vermeint, dass er seine Schwächen gemeistert hat, bemerkt aber nicht, dass er sie nur mit derselben Unerbittlichkeit unterdrückt hat, die er auch nach außen zeigt. Das Scheitern ist die einzige Möglichkeit, die das Leben hat, um ihn auf sich selbst zurückzuwerfen. Und dann ist die Katastrophe vollkommen, denn er hat nichts in seinem Repertoire, was ihm im Versagen helfen könnte. Denn er hat die geheimnisvolle Kraft nicht erkannt, die darin liegt, sich den eigenen Schwächen zu stellen.

Es ist also nur die halbe Kraft, mit deren Hilfe der Held aus den Schatten der Vergangenheit herausgetreten und in ein neues Licht der Zukunft gekommen ist. Es ist nur die halbe Wahrheit des Heldenweges. Zum wirklichen Helden wird er erst, wenn er sich auch den Schatten stellt, die ihn aus der Vergangenheit mit begleiten, wohin auch immer ihn sein Weg führt.

Wenn er auf dem inneren Weg weiterkommen will, muss der Held sich also seiner Verletzlichkeit stellen. Er muss den Schmerz und die Angst in sich selbst spüren, die mit dem Schritt aus der früheren Abhängigkeit verbunden sind. Das Annehmen der Gefühle der Verletzlichkeit erst macht wirklich stark und unabhängig. Solange er sich diesen Gefühlen nicht gestellt hat, hängt der Held in unbewältigten Themen der eigenen Kindheit fest. Seine Taten geschehen aus Trotz und nicht aus Selbstbestimmung.

Sobald sich der Held den Gefühlen des Schattens stellt, erkennt er sein Schuldgefühl: Die Stimme, die ihm sagt, dass er Rücksicht nehmen muss und anderen nicht weh tun darf. Da er aber meint, dass das Brechen des äußeren Widerstandes keine Rücksichtnahme verträgt, meidet er tunlichst jedes Zugeben einer Schwäche. Hinter der Angst, andere zu verletzen, steckt die Angst vor Liebesverlust. Es ist ein kindliches Gefühl, das an die Erfahrungen aus frühen Beziehungen und deren Frustrationen und Traumatisierungen erinnert.

 „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein...“

 Das ist der Held, der sich von den Fesseln der Kindheit befreit. Er muss eine Strecke des Weges alleine gehen, um sich zu beweisen, dass er die Abhängigkeiten gelöst hat. Er erobert eine neue Welt für sich, mit Stock und Hut. Er weiß, dass er damit Erwartungen enttäuscht und Verletzungen bewirkt. Doch vertraut er dem inneren Impuls, der ihn auf den Weg schickt.

 „Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr, da besinnt sich das Kind, kehret heim geschwind.“

Hier bricht der Held seinen Emanzipationsweg ab, er spürt, wie das Schuldgefühl in ihm hochsteigt, und er ist noch nicht stark genug, ihm zu widerstehen. So kehrt er um in die Position des reumütigen Kindes, das der Mutter nicht weh tun will. Die alte Welt der bequemen und gewohnten Abhängigkeiten ist wieder hergestellt.

Doch irgendwann wird sich der Impuls wieder melden, der zum Ausbruch aus der Enge der Kindheit mahnt. Und irgendwann wird der Held zu seinem Impuls stehen und den Weg weiter als bis zur nächsten Kurve gehen, gleich, ob alle damit glücklich oder darüber traurig sind.

Er verweigert eine Form der Liebe, deren oberste Maxime darin liegt, anderen (z.B. der Mutter) keinen Schmerz zuzufügen und alles zu vermeiden, was den anderen verstören könnte. Diese Liebe beschränkt die Welt auf einen engen Kreis von Menschen, die sorgsam und unablässig aufeinander achten, sich bedingungslos unterstützen und sich auch untereinander behindern und in feststehenden Konventionen blockieren, wie wir es von der tribalen Bewusstseinsstufe kennen.

Stattdessen beruft sich der Held zunächst auf die Selbstliebe, auf den Egoismus, der ihm erlaubt, nur für sich selber einzustehen, rücksichtslos vorzugehen und die Gefühle anderer Menschen zu ignorieren. Er hat die Erfahrung gemacht, dass er nicht weiterkommt, sondern in seinem angestammten Platz festkleben bleibt, wenn er nur dem gehorcht, was andere für ihn wollen und für ihn (oder für sich selber) für gut befinden.

Der Schritt, den das Heldentum gebietet, verändert die Welt. Er verändert nicht nur die Welt des Helden, der ein neues Reich erobert, sondern auch die Welt derer, die er verlassen hat. Auch wenn sie enttäuscht und verletzt sind, auch wenn sie den Helden beschuldigen und sich selbst als Opfer fühlen, lernen sie mit der Zeit, mit der neuen Situation zurecht zu kommen und neue Kraft daraus zu schöpfen. So begegnen sie dem Helden, wenn er wieder in seine alte Welt zurückkehrt, als neue Menschen. Die alte Welt gibt es nicht mehr.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Das Modell der organischen Kommunikation



Was ist das Leben am Leben? Was macht ein Lebewesen lebendig? Da gibt es ein paar Definitionsmerkmale wie Wachstum, Stoffwechsel, Selbstregulation und Reproduktionsfähigkeit.

Ich möchte diesen Eigenschaften noch die Kommunikationsfähigkeit hinzugesellen, die als ein zentraler Teilaspekt der Selbstregulation betrachtet werden kann. Damit meine ich folgendes: Lebewesen, z.B. eine einfache einzellige Bakterie, tauschen nicht nur Stoffe mit ihrer Außenwelt auf, sondern auch Informationen. Jedes Molekül, mit dem eine Zelle Kontakt aufnimmt, ist nicht nur ein chemisches „Ding“, sondern trägt eine Bedeutung für den Organismus, z.B. kann ein Molekül für die Zelle wertvoll oder schädlich sein. Diese Bedeutung ist ein immaterieller Aspekt des Moleküls, der von der Zelle verstanden wird. Es wird also eine Information übertragen, es wird kommuniziert.

Lebewesen sind folglich informationsverarbeitende Systeme. Sie nehmen Informationen über ihre Umwelt auf und geben Informationen an sie ab. Diese Informationen können in Molekülen bestehen, die von einem Organismus freigesetzt werden und von einem anderen aufgenommen werden. Denken wir an die Duftstoffe, die wir Menschen absondern und riechen, die Pheromone, Überreste einer frühen organischen Kommunikationsform.

Alle Lebewesen, die einfachsten wie die komplexesten, „reden“ mit ihrer Umgebung. Mit der fortschreitenden Differenzierung der Lebewesen im Lauf der Evolution entwickeln sich auch die Kommunikationsformen weiter, indem sie sich verfeinern und erweitern. Doch erscheint die Annahme Sinn zu machen, dass die Grundstrukturen der Sprache schon in ihren einfachsten Formen vorhanden waren – die Formen der Syntax, wie Frage, Antwort, Feststellung, Befehl. Denn sie strukturieren die wichtigsten kommunikativen Prozesse:

  • Die Frage bringt eine eigene Unklarheit zum Ausdruck und die Erwartung, dass der Kommunikationspartner diese Unklarheit beheben kann.
  • Die Feststellung ist die Mitteilung über einen Ist-Zustand, den der Partner von sich aus nicht wahrnehmen kann, z.B. die Aussage über einen eigenen Innenzustand an jemand Außenstehenden.
  • Der Befehl oder die Anweisung will ein bestimmtes Verhalten beim anderen in die Wege leiten.
In der generativen Grammatik nach Noam Chomsky gehen Forscher davon aus, dass die Grundstrukturen der Grammatik angeboren (genetisch vorgeprägt) sind, während die einzelnen Worte einer Sprache erlernt werden. Ich lerne also als Kind von den Sprechern meiner Umgebung die Worte „die Sonne“, „ist“, „hell“, und greife auf ein Strukturmodell zurück, das erlaubt, diese Worte zu einem Satz zu formen. Dieses Modell ist gewissermaßen schon vorhanden und wird dann mit den erlernten Worten gefüllt.

Nach dieser Theorie verfügen wir also über universell gültige Kommunikationsvorlagen, die von den einzelnen Sprachen abgewandelt und mit unterschiedlichen Lautgestalten verknüpft werden. Ich möchte diese Theorie noch erweitern mit der Annahme, dass diese Vorlagen oder Strukturen schon bei den einfachsten Lebensprozessen verwendet werden, einerseits, um die inneren Vorgänge und andererseits, um die Beziehungen zur Umwelt zu regulieren.
 
Die interne Kommunikation

Wie vorstellbar ist, dass z.B. einzellige Lebewesen miteinander kommunizieren (und irgendwann, wenn sie gelernt haben, einander zu vertrauen, sich dann zu Mehrzellern zusammenschließen), so ist es auch möglich, dass innerhalb einer Zelle Kommunikationsvorgänge stattfinden. So könnte z.B. die Membran der Zelle, die eine Zustandsveränderung im Umgebungsmilieu registriert, eine Sachverhaltsdarstellung an andere Instanzen der Zelle weiterleiten, z.B.: der pH-Wert in der Umgebung ist ziemlich niedrig. Dazu vielleicht die Frage: Ist da was zu tun? Dann fällt innerhalb die Entscheidung, dass sich die Zelle möglichst rasch aus der Umgebung zurückziehen sollte, und der Zellkern wird aufgefordert, die dafür notwendigen Gene freizugeben, damit für das Vorhaben genügend geeignete Proteine hergestellt werden können.

Welches Medium die Kommunikation dabei benutzt, welche Signal- oder Botenstoffe dafür verwendet werden, ist hier nicht so wichtig. Mir geht es um die Annahme, dass jedes Kommunikationsmedium, das zur Anwendung gelangt, sich an das grammatikalische Schema halten muss, an die von der jeweiligen Situation erforderte Grundstruktur.

Krankheit als Kommunikationsstörung

In der Psychosomatik ist das Konzept verbreitet, Krankheiten als Störungen der Kommunikation innerhalb des Körpers zu verstehen. Krebszellen z.B. werden so charakterisiert, dass sie nicht mit ihren Nachbarzellen kommunizieren. Sie haben den Kontakt abgebrochen und stimmen sich nicht mehr mit den anderen ab, sondern tun nur mehr das, was ihrem eigenen Programm entspricht. Deshalb beginnen sie sich unkontrolliert, also ohne Absprache mit der Umgebung, zu vermehren.

Kommt es irgendwo im Körper zu einer Schmerzempfindung, so kann diese als Botschaft verstanden werden, dass dort etwas im Ungleichgewicht ist und dass wir uns um diesen Bereich kümmern sollten, um ihn wieder zu normalem Funktionieren zu bringen.

Weiters kann dann nachgeforscht werden, ob innerhalb der Zelle, die zu einer Krebszelle mutiert, eine Kommunikationsstörung stattgefunden hat, die z.B. dazu geführt hat, dass ein Giftstoff in die Zelle hineingelassen wurde, der dann deren Gleichgewicht zerstörte, Stress auslöste und die Kommunikationsabläufe durcheinander brachte, bis schließlich die Zelle kommunikationsunfähig wurde und begann, ein Notfallprogramm abzuwickeln, das sich schließlich destruktiv auf die Umgebung auswirkt.

Die Schwingung der Kommunikation

Neben der grammatikalischen Grundstruktur sollten wir noch Schwingungsaspekte mit berücksichtigen, also Modulationen, die jede Kommunikation „färben“. Als höher entwickelte Lebewesen kennen wir sie als den emotionalen „Tonus“, der angibt, aus welcher Spannungslage die Sprache kommt. Entspannt und ruhig gesprochene Sprache wird anders wirken als aufgeregtes und angespanntes Sprechen. Jedenfalls muss sich auch diese Komponente der Sprache auf die grammatikalischen Grundformen beziehen, um verstanden zu werden.

Die innere Einheit der Welt

Das Modell kann helfen zu verstehen, welche Wirkung wir mit der Sprache erzielen können. Auch wenn wir mit Wesen sprechen, die keiner Menschensprache mächtig sind, können unsere Botschaften ankommen und können wir Nachrichten empfangen, weil wir über Strukturähnlichkeiten verfügen, die jede Lebensform kennt. Deshalb mag es manchen Menschen möglich sein, mit den Vögeln und den Pflanzen zu reden, d.h. zu fragen und zu antworten, Informationen zu geben und zu empfangen. Zum Gelingen dieser Verständigung sind nicht die Worte, sondern die sprachlichen Grundstrukturen maßgeblich.

Wir können auch erkennen, warum die Sprache in der internen Kommunikation oft hilfreich ist, wenn wir z.B. selbstbestärkende Sätze (Affirmationen) anwenden oder wenn wir mit Teilen unserer Innenwelt reden. Mir hilft es z.B. beim Einschlafen, wenn ich mit dem Melatonin in meinem Gehirn rede. Das Modell macht uns auch verständlich, dass wir uns selber behindern können, wenn wir uns selbst abwerten, kritisieren oder entmutigen. Wir können uns selbst krank jammern oder gesund beten, je nachdem, wie wir mit und in unserem Körper kommunizieren.

Sollten diese Überlegungen Sinn machen, so heißt das, dass wir über ein nahezu universal einsetzbares Grundgerüst verfügen, das in die Funktionsweise des Lebens eingewoben ist. Darauf aufbauend, haben alle Lebewesen und alle Gattungen ihre je eigenen Sprachen entwickelt, die die Einzelheiten in die Strukturen einfügen, wie die Worte einer Sprache, die ihre Ordnung und ihren sinnstiftenden Platz in der Grammatik finden. Die Universalgrammatik des Lebens erklärt, warum wir nicht nur von einer Menschensprache zur anderen, sondern auch von der Menschensprache zur Tiersprache und schließlich zu jeder anderen Lebenssprache übersetzen können und warum unsere Lautsprache von der Zellsprache verstanden wird.

So können wir den Grundsatz von Paul Watzlawick: "Man kann nicht nicht kommunizieren" noch umfassender verstehen: Das Leben ist permanente Kommunikation nach innen und nach außen, und wir sind permanent in dieses Netz an Kommunikation eingebunden und speisen es mit unseren eigenen Beiträgen. Das World Wide Web ist gegen dieses riesige Netz an organischer Kommunikation nur ein winziger Abklatsch.

Das Modell der organischen Kommunikation kann schließlich als Baustein dafür dienen, das gesamte Leben und seine anorganische Grundlage als riesige Einheit in Unterschieden zu sehen. Wenn wir weniger die Unterschiede der einzelnen Bereiche (das Leblose, das Lebendige, die Einzeller, die Mehrzeller, die Wirbellosen und die Wirbeltiere usw.) beachten und mehr die Strukturähnlichkeiten, können wir besser erspüren und bestaunen, was es heißt, dass alles mit allem verbunden ist. Es gibt eine tiefe Verwandtschaft unter allem, was aus dem Sternenstaub entsprungen ist.