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Freitag, 23. Januar 2015

Religiöse Gefühle und Humor in der offenen Gesellschaft

Ein Leser dieser Blogseiten hat mir dankenswerter Weise den Hinweis auf eine Stellungnahme des Papstes zu den Themen Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle geschickt.

Meinungsfreiheit hat nach Ansicht von Papst Franziskus Grenzen - dann, wenn sie religiöse Gefühle anderer verletzt. „Viele Menschen ziehen über Religion her, das kann passieren, hat aber Grenzen. Jede Religion hat eine Würde, und man kann sich darüber nicht lustig machen“, sagte der Papst mit Blick auf die Terroranschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ auf dem Flug zur die philippinische Hauptstadt Manila.
Er fügte hinzu: „Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag. Denn man kann den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen“, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag das Oberhaupt der Katholiken weiter. Gleichzeitig betonte der Papst, dass man im Namen Gottes nicht töten dürfe.
Soweit der Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nicht überraschend ist die traditionelle Sichtweise eines Religionsvertreters zur Ablehnung von religiösen Gefühlsverletzungen. Überraschend, seltsam, lustig oder interessant, je nachdem, kann man das Beispiel finden, das dem Papst dazu einfällt. Es geht mir im folgenden nicht darum, am Papst und seinen vielleicht nicht voll durchdachten Interviewäußerungen herumzukritisieren oder in sie hineinzuinterpretieren, sondern sie zum Anlass zu nehmen, weitere Aspekte des Themas näher zu beleuchten.

Jede Religion hat eine Würde, auch wenn in ihrem Namen Verbrechen begangen werden. Jeder Mensch hat eine Würde, auch wenn er Verbrechen begeht. Das sollte im Sinn eines Grundkonsenses von Menschen- und Bürgerrechte außer Zweifel stehen. Klar sollte auch sein, dass die Würde eines Einzelnen oder einer Institution nicht durch andere Menschen und deren Aktionen außer Kraft gesetzt werden kann. Sie besteht einfach weiter, was auch immer einem Menschen oder einer Institution angetan wird: Ob ihre Angehörigen vertrieben und verfolgt werden, oder ob sich jemand über sie lustig macht. Die nächste Frage ist, wie jemand reagieren soll, wenn jemand anderer die eigene Würde oder die einer für wichtig erachteten Institution "angreift" oder "verletzt".

Die deutsche Bild-Zeitung bezeichnet die Aussage von Papst Franziskus als scherzhaft. Sicher wollte er der Presse nicht mitteilen, dass er schnell mit Faustschlägen bei der Hand ist, wenn ihm etwas nicht passt. Und das Scherzen sollte auch in diesen Fragen erlaubt sein. Zugleich sollte es erlaubt sein, scherzhafte Stellungnahmen ernsthaft zu betrachten, nämlich in Hinblick darauf, was mit ihnen zum Ausdruck gebracht werden soll. Denn das Scherzen enthebt nicht der Aufgabe, auf der gedanklichen Ebene klar zu bleiben und die Rolle der involvierten Emotionen zu reflektieren.


Selbstverständlichkeiten?


Da erstaunt erstens die Selbstverständlichkeit, mit der das katholische Kirchenoberhaupt mitteilt, dass Beleidigungen der eigenen Mutter sofort geahndet werden müssen/können/sollen. Wenn eine Beleidigung boshaft und gemein ist, kann man sie auch anders zurückweisen und nicht weiter wichtig nehmen. Wenn eine Aussage über die eigene Mutter (oder über sonst wen, der einem wichtig ist), zwar scharf formuliert ist, aber z.B. eine Unvollkommenheit dieser Person anspricht, kann das wichtige Informationen enthalten, die überlegt und genauer erörtert werden könnten.

Jedenfalls ist die gewalttätige Reaktion (Faustschlag) auf eine Beleidigung keine Selbstverständlichkeit, weil es auch noch eine Reihe anderer Reaktionsmöglichkeiten gibt, die uns vielleicht nicht alle in jeder Situation verfügbar sind, insbesondere dann nicht, wenn in uns starke Emotionen ausgelöst werden. Doch wenn wir aus der Distanz über Fragen wie die Meinungsfreiheit reden, sollten wir neben den schwächsten, impulsgesteuerten Reaktionsmöglichkeiten auch die im Sinn der Vernunft stärkeren Möglichkeiten ebenfalls zur Diskussion stellen.

Insoferne sind die Aussagen des Papstes in diesem Punkt nicht nur mangelhaft, sondern auch erstaunlich kurzschlüssig. Sie konterkarieren zudem in ganz eigentümlicher Weise eine Dynamik in den Vorfällen, die diese Fragen wieder in die öffentliche Diskussion gebracht haben.


Der Scherz und die Satire


Jemand macht einen Scherz in der Öffentlichkeit, geht also unter Verwendung von Humor mit einem heiklen Thema um. Satire wäre in diesem Fall zu viel gesagt. Aber die Verwendung von satirischen Mitteln in der Karikatur sind ja genau der Gegenstand des Hasses vieler Menschen vor allem in der moslemischen Welt. Über Religion zu scherzen, bringt bekanntlich Menschen dazu, extrem gewalttätig zu werden.

Satire heißt, mit künstlerischen Mitteln menschliche Schwächen zu übertreiben und lächerlich zu machen. Andere Menschen sollen also über die Schwächen von Menschen und ihren Institutionen lachen, damit sollen diese ihre Schwächen einsehen und wenn möglich verbessern. Z.B. eine Kirche, die sich in ihrer Würde selbst zu wichtig nimmt, kann den Spott der Menschen auf sich ziehen, und gerade dieser Papst hat nicht nur in Worten erklärt, dass es ihm um nicht um eine Kirche der Selbstüberheblichkeit, sondern der Bescheidenheit geht.

Der Scherz ist ein gutmütigeres und schwächeres Mittel des Humors. Humor empfinden wir als gut, solange er nicht die eigenen Themen berührt. Ich darf mich lustig machen, mich und andere auf die Schaufel nehmen. Bei heiklen Themen hört sich der Spaß auf. Wo aber und wann ist dieser Punkt erreicht ? Hier gibt es keine objektiven Kriterien, sondern die Grenze setzt der individuell bzw. kulturell definierte Spielraum der Toleranz. Verletzt sind Menschen dort, wo etwas in Frage gestellt wird, was sie zu ihrer persönlichen oder sozialen Identität rechnen.

Offenbar wollte der Papst mit jener scherzhaften Aussage um Verständnis für eine menschliche Reaktionsweise werben: Beleidigung hat "spontane" Gewalt zur Folge. Wie oben gesagt, erschreckt die Selbstverständlichkeit, mit der diese primitive Reaktionsweise einfach stehengelassen wird. Der Schreck lässt leicht den Scherz vergessen.


Humor und Gewalt


Nächstes Element: Die Anspielung auf Gewalt im Scherz. Die prototypische antiwestliche Argumentation aus islamischer Sicht lautet: Beleidigung der Religion und ihrer Repräsentation ist eine gegen alle Gläubigen gerichtete Gewalt, und niemand dürfe sich wundern oder beklagen, wenn Gewalt dann mit Gewalt beantwortet wird.

Im Scherz des Papstes folgt die gewalttätige Reaktion auf die Beleidigung; das Scherzhafte daran ist, dass sich niemand den Papst als Schlägertypen vorstellen kann, noch dazu gegen einen Freund. Unterstellt wird aber, dass die Reaktion mit der Faust selber weder unverständlich noch moralisch anfechtbar ist. "Das versteht doch jeder: Wenn die Mutter beleidigt wird, muss man auszucken." Der Sprung zu selbsternannten Killern im Namen des großen Gottes ist natürlich groß, die Analogie ist aber nicht allzu weit hergeholt, weil es bei der Gewalt gegen Körper eine Kontinuität gibt: vom Faustschlag bis zur Tötung. Denn das ist es, was die Gewalt in jeder Form letztendlich anstrebt: Dass solches nie mehr passiert, dass jemand für immer mund-tot gemacht wird. Das Nie-mehr und Für-immer ist das Ziel, das sich Menschen setzen, die Gewalt als Mittel wählen.

Worte hingegen, so beleidigend auch immer sie sein können, führen nicht zu körperlichen Schäden und deshalb auch nicht zum Tod. Selbst auf die schlimmsten Worte lassen sich andere schlimme Worte finden. Es wird also mit stärkerer Munition zurückgeschossen, als der Angriff beinhaltete, wenn auf Worte die Faust folgt. Damit wird eine Eskalation der Gewalt in Kauf genommen , die dort ihren entscheidenden Anfang nimmt, wo die verbale Auseinandersetzung zur körperlichen wird. Das ist genau der Vorgang, den wir mit Besorgnis beobachten. 


Körper und Geist


Was wird in dem Beispiel über das Verhältnis von Körper und Geist ausgesagt? Jemand, der zu Aggressionen neigt, kann leicht so reagieren: Wenn jemand etwas oder jemanden beleidigt, der oder das mir wichtig ist, dann kriegt er eine drauf. Eine verbale Beleidigung, nicht einmal gegen die eigene Person, verglichen mit Körperverletzung - was wiegt mehr?

Es zeigt vielleicht, dass manche Kirchenvertreter in guter alter Tradition den Geist höher stellen als "das Fleisch". Wer den Geist verletzt, hat dann mehr angerichtet, als jemand, der den Körper verletzt. Die Gotteslästerung als Herabwürdigung des höchsten geistigen Prinzips ist dann das Schlimmste überhaupt, was Menschen anrichten können, viel ärger als Massenmord. Im Mittelalter haben deshalb Ketzer eine besonders grausame Form der Todesstrafe erhalten. In Saudi-Arabien z.B. werden Andersgläubige und Andersdenkende grausam bestraft. Davon sollten wir aber in unserem Moral- und Rechtsempfinden schon weit entfernt sein.

Wie schon in einem früheren Beitrag ausgeführt, ist es übertrieben und irreführend, Beleidigung als Gewaltausübung zu verstehen, weil das zu einer willkürlichen Verallgemeinerung des Gewaltbegriffes führt und die Selbstverantwortung für die eigenen Gefühle außer Acht lässt. Es gibt keine automatische Beleidigung, vielmehr wird die Beleidigung vom Beleidigten zu einer solchen gemacht. Bei einer anderen Person in der gleichen Situation würde die Beleidigung u.U. unter die Kategorie "Lappalie" fallen.

Niemand kann über die eigene Person hinaus schließen, was Gefühle verletzt, weil jeder Mensch über ein anderes Maß dafür verfügt. Jemand kann sich schon verletzt fühlen, wenn jemand anderer die Nase über ein religiöses Symbol rümpft, oder einen Witz über Petrus an der Himmelstür macht. Jemand anderer, genauso gläubig, aber charakterlich weiter entwickelt, kann die bissigste Religionskritik gelassen von sich weisen. 


Immer wieder in die gleiche Kerbe


Wenn schon bekannt ist, was Menschen verletzt, sollte man aus Gründen der Menschlichkeit und Rücksichtnahme aufhören, in die schon bekannte Kerbe zu schlagen. So wird jetzt öfter argumentiert, wenn es um islamkritische Publikationen im Westen geht. Wir vermeiden das ja auch in unseren persönlichen Beziehungen. Wenn wir wissen, was jemand anderen, der uns wichtig ist, verletzt und ärgert, dann reiten wir nicht darauf herum oder bohren noch tiefer in die Wunde.

Auf der Ebene der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Auseinandersetzungen gelten andere Gesichtspunkte. Hier werden, wie schon erwähnt, bei religionskritischen Fragen im allgemeinen nicht einzelne Menschen angegriffen, sondern Glaubenslehren, Glaubensinhalte und historische Repräsentanten der Religion. Wie oben gesagt, geht es in der Kritik darum, blinde Flecken in der öffentlichen Darstellung der Religionen aufzuzeigen, wie z.B. Überheblichkeiten oder inhaltliche Widersprüche, Gegensätze zwischen Theorie und Praxis usw. Die Dynamik der Auseinandersetzung in einer offenen Öffentlichkeit bewirkt, dass sie nur dann aufhört, wenn sich der Gegenstand der Kritik so ändert, dass die Kritik nicht mehr trifft, oder wenn sie unterbunden, unterdrückt und verboten wird. Dann ist allerdings die Öffentlichkeit nicht mehr offen, sondern lädiert. Und das ist für eine post-aufklärerische Gesellschaft wichtiger als die Folgen von tatsächlichen oder vermeintlichen Beleidigungen und Kränkungen.

Übertreibungen und Unverschämtheiten, unfaire und haltlose Kritiken sowie inhaltsleere Polemiken fallen der Selbstkorrektur einer offenen Öffentlichkeit anheim. Sie weist mit argumentativen Mitteln alles zurecht, was anmaßend gegen Anmaßung und hinterhältig gegen Hinterhältigkeiten vorgehen will.


Persönliche Betroffenheit und Identifikation


Es ist zwar selbstverständlich, dass das Oberhaupt der Katholiken für die Würde der Religionen eintritt und Herabwürdigungen deshalb nicht gutheißen kann. Aber jede persönliche Betroffenheit, wie sie im Beispiel der Beleidigung der eigenen Mutter ausgedrückt wird, zeugt von einer persönlichen Identifikation, die schon an anderer Stelle genauer beleuchtet wurde. Nicht einmal das Oberhaupt einer Kirche muss in der Weise mit der eigenen Institution identifiziert sein, dass eine Kritik an ihr zu einer persönlichen Verletzung führt. Wenn die Unterscheidung zwischen der Institution und der eigenen Person klar ist, kann die Reaktion auf eine Grenzüberschreitung flexibler und menschenwürdiger ausfallen, als sie ein Faustschlag darstellt. 


Die Selbstverständlichkeit des Glaubens


Glaube und Religion haben im Westen die Aufklärung durchlaufen oder durchlitten, je nachdem. Durch diese Geistesströmung, die auch eine Weiterentwicklung des Bewusstseins mit sich brachte, hat sich der Anspruch der Religionen auf alleinige oder letztgültige Welt- und Daseinserklärung relativiert. Andere Instanzen wie z.B. die Wissenschaften sind als Konkurrenten aufgetaucht. Die Glaubensinhalte und Glaubensgemeinschaften haben in den nach-aufklärerischen Gesellschaften ihre Selbstverständlichkeit verloren. Sie mussten sich von geschlossenen zu offenen Systemen weiterentwickeln. Auf diesem neu gewonnenen Boden der Grundfreiheiten gedieh auch eine neue Form der radikalen Religionskritik, wie sie z.B. im 19. Jahrhundert bei Feuerbach, Marx und Nietzsche nachgelesen werden kann. Die pluralistische Welt der Moderne ist gekennzeichnet durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Sinnangebote, die sich gegeneinander durch kritische Auseinandersetzung abgrenzen.

Die Kirchen mussten ihren Platz in der Gesellschaft neu definieren. Wie schon ausgeführt, konnten sie in der „Verletzung religiöser Gefühle“ als strafrechtlichem Tatbestand in einigen Staaten eine Sonderstellung aus der vormodernen Epoche herüberretten.

Die Länder des nahen, mittleren und fernen Ostens sowie Nordafrikas, also die Länder, in denen der Islam vorherrscht, haben die Geistesströmung der Aufklärung nur ansatzweise und oft kontrovers durchlaufen. Aufklärung wurde in vielen Fällen mit Kolonialismus zusammengebracht und deshalb abgelehnt. Die große Mehrheit der dortigen Gesellschaften ist von der voraufklärerischen Einstellung zur Religion gekennzeichnet: Religion ist ein selbstverständlicher unhinterfragbarer Teil des Lebens. Die Inhalte des Glaubens gelten selbstverständlich. Wer sie in Frage stellt, stellt sich außerhalb der Selbstverständlichkeiten und muss deshalb ausgegrenzt werden. Wer die Selbstverständlichkeiten von außen kritisiert, muss zum Schweigen gebracht werden.

Im Interview des Papstes kommt diese Selbstverständlichkeit ebenfalls vor: Die Mutter muss in jedem Fall vor Beleidigung geschützt werden. Das vierte Gebot schreibt vor, Vater und Mutter zu ehren, also in ihrer Würde zu achten. So wie dieses Gebot ganz grundsätzlich gilt (es sorgt ja dafür, dass es uns „wohlergehe auf Erden“), gilt auch die Einstellung Gott gegenüber grundsätzlich, wie sie in den ersten drei Geboten angeordnet wird. Es geht dabei nicht um den Inhalt: Kinder sollen ihre Eltern ehren und würdigen.

Die Form der absoluten Geltung ist das aus der nach-aufklärerischen Sicht problematische: Schon was die Eltern anbetrifft, sagen Kinder, die auf eine Geschichte von Missbrauch und Vernachlässigung zurückblicken, dass sie keinen Grund sehen, ihre Eltern zu ehren. Diesen Menschen ergeht es nicht wohl, weil sie von ihren Eltern nicht geehrt wurden, und nicht, weil es ihnen an Wertschätzung für sie gemangelt hätte. Wir können verstehen und nachvollziehen, dass nur Eltern die Ehre verdienen, die auch Ehre geben können.

Wir können deshalb aus der modernen Sicht den Respekt der Kinder ihren Eltern gegenüber nicht einfordern oder als unverrückbare Notwendigkeit darstellen. Vielmehr sehen wir, dass dieser Respekt ganz von selber entsteht, wenn die Eltern den Kindern geben, was diese zum Aufwachsen benötigen, und dass er dann nicht gedeihen kann, wenn die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, den Kindern die Eltern schuldig bleiben.

Die Gleichsetzung der Würdigung der Mutter mit der Würdigung der Religion fußt offensichtlich auf dieser Selbstverständlichkeit der Geltung. So wie die Mutter geehrt und vor Beleidigung geschützt werden muss, so muss die Religion gegen entehrende Angriffe verteidigt werden. Beides kann das nach-aufklärerische Denken nicht mehr als Selbstverständlichkeit hinnehmen, sondern als Maxime, die in jedem Fall überprüft werden muss und aus unterschiedlichen Blickpunkten unterschiedlich bewertet werden kann.


In Kommunikation bleiben


Dann können die Brücken der Kommunikation und des Dialogs aufrecht bleiben. Der, der sich beleidigt fühlt, kann mit der Person, die das ausgelöst hat, in Kontakt und im Austausch bleiben. Auf diese Weise entsteht ein Verständnis, das es dem Kritiker ermöglicht, das Objekt der Kritik mehrdimensionaler und offener wahrzunehmen. Der Kritisierte vermag, differenzierter mit der Kritik umzugehen und für sich zu entscheiden, was an der Kritik berechtigt und deshalb hilfreich und was an ihr unfair ist oder aus Missverständnissen oder Vorurteilen stammt. So kann eine Geschichte nach dem Muster: Beleidigung gefolgt von gewalttätiger Reaktion zu einer Geschichte des Lernens und Reifens für alle Beteiligte werden. Wo sich Lernfelder öffnen, wird die Welt weiter und vielfältiger, wo Gewalt angewendet wird, wird sie enger und düsterer.


Vgl. Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle 
Die Freiheit der Kunst und religiöse Gefühle 
Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen? 
Religiöse Gefühle versus Meinungsfreiheit 

Samstag, 24. März 2012

Alchemie im 21. Jahrhundert: Feinstoffliches wird grobstofflich


Eine Standardfrage im gegenwärtig tagenden Untersuchungsausschuss des österreichischen Parlaments lautet: „Und was war die Gegenleistung?“ Die Antwort darauf lautete meist, man entschlage sich der Antwort. Nun, nicht so Herr Meischberger, wohl einer der unterschätztesten Persönlichkeiten auf unserem Planeten, zumindest in meiner Sicht, wie ich zugeben muss. Er benannte als Gegenleistung „eben das Feinstoffliche.“ 

Nun, wenn das nicht eine schöne Summe grobstofflichen Geldes wert ist, was dann? Da kann man ja nur einen Fantasiebetrag als angemessen betrachten. Denn wie soll sich eine derartige Leistung in Geld ausdrücken? Der Blick, die Aura, die bloße Gegenwärtigkeit eines Herrn Maischberger muss einfach so umwerfend in ihrer feinstofflichen Qualität sein, dass es kein wirklich angemessenes Äquivalent dafür geben kann, nein, das kann nur eine willkürlich gewählte Summe sein, die sich gut und rund anfühlt, nicht 93 478,- oder 109 168,-, oh wie hässlich, nein, 100 000,-, das fühlt sich gut an, das hat eine gute Schwingung. Da passt sich das Grobstoffliche ans Feinstoffliche an, wie es sein soll, schmiegsam und geschmeidig. Die Leistung hat eine Gegenleistung, da ist pure Resonanz.

Wirklich eine beeindruckende Zeit: Viele suchen den Weg vom Groben zum Feinen, und genial, da tritt jemand auf und belegt überzeugend das Gegenteil: Die unermessliche Qualität der eigenen Person in der groben Form der runden Summe nonchalant einzustreifen und damit in die Niederungen des Gewöhnlichen herunterzusteigen, mit all dem enormen Aufwand an Feinstofflichkeit.

Das Füllhorn der Telefoniefirma, die zur Hälfte der Republik gehört (und das ist nicht irgendein Apparat, sondern das sind wir), schüttete just zu dem Zeitpunkt üppigst das Grobe an die Feinstofflichen aus, als Tausende Mitarbeiter zur Kündigung freigesetzt wurden. Wer bis dahin zwischen diesen Vorgängen keinerlei Zusammenhang vermutet hat, wird jetzt eines Besseren belehrt. Woher kann dieser Mut, diese Klarheit, diese tiefe Menschlichkeit kommen, die für eine solche einschneidende Maßnahme notwendig ist, als durch einen enormen feinstofflichen Einfluss? Wer käme sonst auf die kühne Idee, Menschen, die vielleicht schon immer unglücklich an ihrem grobstofflichen Arbeitsplatz waren, endlich die Gelegenheit zu bieten, ihre eigentliche Bestimmung im Feinstofflichen zu finden. Für diese Gegenläufigkeit braucht es einfach einen Ausgleich in der anderen Richtung, und der darf angesichts der Größe der Tat nicht zu gering bemessen sein. Das Geld also nicht zu den Ruachlern im Groben, nein, den Feinen gebührt es, den Meistern des Feinstofflichen. Welch profunde Weisheit offenbart sich in solchen banalen Vorgängen!

Und es gibt allen, die an der Lernfähigkeit der ÖsterreicherInnen zweifeln, ein für alle mal unrecht: Ja, wir haben gelernt, was Demokratie ist, nicht einmal hundert Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs: Wir müssen nicht gräflicher Abkunft sein, nein, auch als Installateur und Tankstellenbetreiber dürfen wir uns Hoffnungen machen, das große Los zu ziehen. Es genügt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute zu kennen.

 

Montag, 16. Mai 2011

Zu spät für 2012

Wir haben alles gelesen, gehört und im Kino gesehen, was im nächsten Jahr passieren wird – Katastrophen, Zusammenbrüche, Polsprung, Weltumschwung und Bewusstseinswandel. Also kann uns nichts mehr überraschen. Jedes mögliche und denkbare Desaster wurde schon prophezeit, sei es von den Mayas vor 1200 Jahren oder von den zahlreichen nachgeborenen Propheten bzw. Prophezeiern in ihren diversen Bestsellern. Bald werden die Bücher von den Regalen der Buchläden verschwinden und in den eigenen Regalen verstauben.

Was bleibt zu tun? Das Jahr 2012 wird vergehen, wie all die Jahre zuvor, einige Katastrophen werden uns nicht erspart bleiben, und somit werden die Propheten recht behalten. Aber was kommt dann? Das Bedürfnis nach Weissagungen wird unbefriedigt weiterdürsten.

Also, setz dich hin und beginn ein neues Buch zu schreiben, damit du dein Vermögen nachhaltig absichern kannst. Was käme in Frage? 2013 ist zu nahe an 2012 gelegen, alle werden meinen, da brauchen wir ein Erholungsjahr von 2012, da will niemand was von Katastrophen lesen. 2014 und 2015 sind nette Zahlen, aber auch nicht gerade originell. Was wäre mit 2017 oder 2019? Da hat vermutlich noch niemand gedacht, ein Katastrophen- oder Umschwungjahr auszurufen. Also ran an die Arbeit: „2017: Die unausweichlichen Megakatastrophen“ oder „In die neuneinhalbe Dimension im Jahr 2019 – der ultimative Ausstieg“ – mal als Arbeitstitel.

Als nächstes schließ die Augen und fahr mit dem Finger über die Landkarte, wo der Finger bleibt, dort wird es das Erdbeben, den Vulkanausbruch, die Riesenüberschwemmung geben, oder wenn es eine Insel oder ein kleinerer Kontinent ist, den Untergang, d.h. die Anbindung an Atlantis. Wenn du auf Meeresgebiet landest, könntest du noch ein Seebeben voraussagen oder das Aufsteigen einer Landmasse samt gigantischer Kultur und spiritueller Energie. So füllen sich schnell die Seiten. Dann lass dir noch einen chicen Namen für einen Engel oder für einen aufgestiegenen Meister einfallen, der dir regelmäßig im Wachtraum erscheint und dir schon seinerzeit vorhergesagt hat, dass die ganzen Geschichten um 2012 einer kosmischen Verschwörung entstammen, mit der die Geister des Bösen die Leute in die Irre führen wollten, damit sie, wenn 2012 ohne den Zusammenbruch der Menschheit vorbeigeht, sich in Sicherheit wiegen und 2017 erst recht in die Pfanne gehauen werden. Aber jetzt hat der Leser/die Leserin die ultimative Wahrheit in der Hand, aus erster Hand.

Schnell findest du einen Verlag, die warten schon auf die nächste Jahreszahl, die Leute kaufen dein Buch wie warme Semmeln, es wird in 93 Sprachen übersetzt, du wirst zu Vorträgen überall auf der Welt eingeladen, sitzt in Talkshows und lässt dich von deinem Engel in Wetten dass erfolgreich beraten. Du wirst zum spirituellen und kosmischen Berater von Firmen, NGOs und Regierungen.

In ein paar Jahren wird der Boom abklingen, du hast deine Schäfchen gut ins Trockene gebracht und kannst dich diskret aus der Öffentlichkeit zurückziehen. So kommt das Jahr deiner Prophezeiungen, und es wird vorübergehen wie all die Jahre zuvor, und niemand wird sich mehr an deine Weissagungen erinnern, weil alle schon das Buch von der nächsten Weltzerstörung oder Weltverschwörung verschlingen, so dass sie gar nicht mitbekommen, was sich sonst noch in der Welt tut oder nicht tut.

Warum ich nicht selber das Buch schreibe? Zum einen ist mir noch kein passendes Pseudonym eingefallen, zum anderen fehlt mir die Phantasie für solche Texte, dauernd fallen mir andere blöde Geschichten ein. Aber ich gebe großzügig meine Idee an jedermann/frau weiter, der/die sich berufen fühlt, die nächste Welle der Angst und Hoffnung über den Planeten wallen zu lassen, na ja, und böse bin ich auch nicht, wenn auf mich als Ideengeber ein paar Brosamen aus dem üppigen Kuchen abfallen würde, der sich wohl aus diesen Zeilen backen lässt.