Sonntag, 13. Mai 2012

Zelebriere deine eigene Zelebrität

Haben wir das alle in uns, dass wir berühmt sein wollen? Und wie ist es bei denen, die sagen, ich doch nicht? Beschwindeln wir uns dabei nicht? Schauen wir nicht alle ein Stück von unten nach oben zu denen, die sich da im Himmel der Celebrities tummeln?

Wir wären keine Menschen (zumindest der westlichen Welt und Erziehung), wenn wir nicht auch eine narzisstische Ader hätten, also geben wir es einfach zu! Eine Spielart davon ist eben der Wunsch nach Ruhm und Bewunderung.

Zu dem Thema eine kleine Fantasie: Herr Einstein trifft Herrn Müller auf einer Party. Beide stellen sich vor, und Herr Müller fragt Herrn Einstein, was er denn so macht. Dieser antwortet darauf: „Ich habe die Relativitätstheorie erfunden.“ Herr Müller meint dazu: „Na, darauf brauchen Sie sich nicht viel einzubilden. Ich sage immer schon zu meiner Frau, wenn sie sich über mich aufregt, dass alles relativ ist, ohne dass das eine Wirkung hätte. Die Relativitätstheorie können Sie vergessen.“

Es wird Millionen von Menschen geben, die selbst von einer Megaberühmtheit wie Einstein nie etwas gehört haben, Millionen, die nicht wissen, wer der Dalai Lama und wer Lady Gaga ist. 

Was ist wirklich der Unterschied, ob mich 20 Leute kennen oder 20 Millionen? Bin ich dadurch als Mensch bedeutender und wichtiger, bin ich dadurch erst besonders und unvergleichlich?

Wir assoziieren viel mit Berühtmheit, Reichtum, Glück, Einfluss, Freiheit von Sorgen, Besonderheit, Macht usw. Im Grund sehen wir im Berühmtsein einen Schlüssel zur Angstfreiheit. Wenn wir berühmt wären, dann könnte es uns nicht mehr passieren, dass uns die Menschen nicht beachten, dass wir uns hinten anstellen müssen. Statt dessen würden uns die Menschen ganz wichtig nehmen, sodass es uns an nichts mehr fehlen kann. Wir kriegen von überall das Beste, an Zuwendung und an Mitteln. Wer berühmt ist, leidet keinen Mangel mehr und ist seiner Probleme enthoben.

Wir projizieren unsere Wünsche auf die Menschen, die oben auf der Rampe stehen und den Jubel huldvoll entgegennehmen. Wir sind darin wie die Kinder, die denken, dass es die Erwachsenen um so viel leichter haben, weil sie so viel können und haben. In diesen Fantasien erholen wir uns von der Verantwortung, die wir für unser Leben tragen, und die uns manchmal belastet. Da hilft es, sich vorzustellen, wie alles gut werden würde, wenn nur der große Sprung gelingt. Solange uns das Glück nicht hold ist, bis es uns endlich aus der Mittelmäßigkeit nach oben katapultiert, solange haben wir Grund, am Jammern und Resignieren festzuhalten.

Unschwer erkennen wir allerdings (und wissen es auch insgeheim), dass jede dieser Fantasien alle einen Pferdfuß haben – viele Berühmtheiten leiden unter ihrer Bekanntheit, dass sie jeder auf der Straße anstarrt oder anredet; andere haben Geld wie Heu und sind trotzdem von nichts anderem getrieben als davon, noch mehr anzuhäufen; wieder andere werden von allen bewundert, kriegen aber ihre Finanzen nicht auf die Reihe; noch andere vereinsamen inmitten ihrer Grandiosität. 

Deshalb lesen wir so gerne die Illustrierten, die uns mit allen Details über Glück und Unglück im Leben der Promis versorgen. Wir werfen Seitenblicke in ihre Welt, um zu erkennen, dass es dort auch nicht anders zugeht als in unserer kleinen Welt. Und doch nähren wir dabei unseren Neid: Schön wäre es doch, dazu zu gehören, sooo viel Geld zu haben, und sooo viele Verehrer, sooo schön zu sein und sooo klug. Denn damit sagen wir uns selber: ich mit meinem wenigen Geld und meiner geringen Bekanntheit, meiner fehlerhaften Schönheit und meiner beschränkten Intelligenz. 

Also sollten wir Nicht-Promis immer wieder den Blick zu uns selbst zurück wenden und, wenn es schon sein muss, unsere Besuche in der Welt der Promis kurz und bescheiden halten. Wenn wir das tun, dann dazu, um unsere eigenen Qualitäten wertzuschätzen, das, was wir haben, was wir aus uns gemacht haben und was wir an Potenzial in uns noch zur Entfaltung bringen können. Wieso soll ein geliftetes und auf ein bestimmtes Schönheitsideal hinoperiertes Gesicht schöner sein als das, das wir von der Existenz geschenkt bekommen haben? Wieso soll das, was wir gut können – Pflanzen zum Blühen zu bringen, für Ordnung in der Küche sorgen zu können, gut mit Freunden reden zu können usw. –, also all die Dinge, die wir als klein bezeichnen und vielleicht für selbstverständlich nehmen, wieso soll all das weniger Wert sein als das Lied eines Sängers, der sich damit Wochen in der Hitparade hält, ein Bild, das am Kunstmarkt einen Höchstpreis erzielt oder ein schönes Tor, das die millionenschweren Beine eines Fußballstars zustande gebracht haben? 

Es gibt eine feine Grenze zwischen dem, was wir an den Begabungen und Leistungen anderer Menschen vorbehaltlos und selbstlos bewundern und dem, was wir auch gerne wären oder hätten. Im einen Fall anerkennen wir die andere Person als das, was sie ist, im anderen steckt hinter der Bewunderung der Wunsch, so zu sein wie die andere Person.

Der Unterschied wird dadurch markiert, ob wir uns mit der anderen Person vergleichen oder ob wir die andere Person in ihrem Sosein genauso schätzen können, wie wir uns selber in unserem Sosein wertschätzen. Sobald wir ins Vergleichen kommen, verlieren wir selber und tun im Grunde auch der anderen Person unrecht, die ja in Wirklichkeit nicht in Bezug auf uns so ist wie sie ist, sondern weil sie ganz einfach so ist, wie sie ist. 

So tappen wir in eine häufig genutzte Egofalle: Wir bewundern die Berühmtheit, wollen so sein wie sie und verleugnen dabei uns selbst. Die einfache Abhilfe besteht darin, zu durchschauen, was wir da aufführen und unsere eigene Besonderheit zu zelebrieren. Gelegenheit dazu gibt es wie Sand am Meer, denn schon fast so viele Prominente werden tagtäglich von der Unterhaltungsindustrie und den Medienmachern produziert, sodass wir der omnipräsenten Prominenz kaum entkommen können.

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