Sonntag, 14. Oktober 2012

Das Gute und das Böse



Wie uns die Bibel berichtet, geschah der Sündenfall von Adam und Eva, nachdem sie den Apfel vom verbotenen Baum aßen. Dieser Baum hatte einen Namen: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Was mag uns die Bibel damit sagen?

Offenbar kennen wir alle einen unschuldigen Zustand, in dem die Kategorien von Gut und Böse keine Rolle spielen. Stellen wir uns ein kleines Baby vor und versuchen wir, es als gut oder böse zu sehen – was macht das für einen Sinn? Wenn es lächelt, freuen wir uns, wenn es schreit, haben wir Mitgefühl, Sorge oder Ärger. Ist es böse, weil es schreit und uns aus dem Schlaf weckt? Höchstens in unseren Gedanken, aber wenn wir klar sehen, erkennen wir, dass das Baby nicht aus Bosheit schreit, sondern aus Bedürftigkeit und Not. „Böse“ erleben wir es nur, wenn wir selber nicht „gut“ drauf sind.

Also warten wir, bis das Kind größer wird und seinen eigenen Willen bewusst entdeckt. Dann können und müssen (?) wir es mit den Begriffen von Gut und Böse vertraut machen. Wenn du A machst, bist du gut, bei B böse. Du musst lernen, Gutes zu tun und Böses zu meiden, damit wir miteinander auskommen können, schärfer noch: Damit wir dich liebhaben können. Damit pflanzen wir dem Kind ein Bewertungsschema ein, das es ihm ermöglichen soll, sich in der komplexen sozialen Welt der Menschen und ihren Erwartungen orientieren zu können.

In dieser Welt können wir es nicht durchgehen lassen, wenn Menschen sich daneben benehmen. Wir müssen Verhalten, das andere schädigt und verletzt, eindämmen und möglichst verhindern. Dazu dient die Einteilung in Gut und Böse. In der Evolutionsgeschichte des Bewusstseins befinden wir uns auf der 3. Stufe. Hier, im hierarchischen Denken, werden die Normen und Gesetze kodifiziert, die das Verhalten der Menschen festlegen und regulieren sollen. Der Staat wacht mit all seiner Macht darüber, dass sich die Menschen wohl verhalten. Dazu muss auch jedes Mitglied der Gesellschaft wissen, was gut und was böse ist. 

Allerdings, je höher jemand in der Hierarchie angesiedelt war, desto weniger genau konnten diese Einteilungen angebracht werden, was ja bis heute so praktiziert wird: Die Mächtigen machen sich ihre eigenen Regeln und Gesetze, zu ihrem eigenen Vorteil. Ein aktuelles Beispiel aus der österreichischen Innenpolitik: Alle Staatsbürger, die vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss geladen werden, müssen dort erscheinen, nur einer nicht: Der Herr Bundeskanzler. Der hat nämlich die Macht zu verhindern, dass er geladen wird.

Die Welt wird noch komplexer durch die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Was soll schlecht oder böse daran sein, den eigenen Wohlstand zu steigern und Geld anzuhäufen? Wer es nicht zu Reichtum bringt, ist doch selber schuld. Was aber, wenn mein Reichtum durch die Verarmung eines anderen Menschen entstanden ist – bin ich da noch gut? 

Die nächste Bewusstseinsstufe verschärft die Frage noch mehr, indem sie die Kritik an allen Regeln und Standards forciert. Nichts, was Menschen anderen Menschen vorschreiben, darf als selbstverständlich genommen werden, sondern muss auf seine Sinnhaftigkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben überprüft werden. So tritt langsam der öffentliche ethische Diskurs an die Stelle der unkontrollierten Autorität bei der Festlegung von Gut und Böse. Die Herrschenden werden selber der Kontrolle unterworfen und, wenn es sein muss, zur Verantwortung gezogen. Auch gekrönte Häupter können auf dem Schaffott fallen. 

Erstaunlicherweise produzierte gerade die ethisch so hoch entwickelte personalistische Stufe die ärgsten Bösewichter. Mit den technischen und ökonomischen Mitteln des Kapitalismus ausgestattet, installierten im 20. Jahrhundert einige hasserfüllte und paranoide Individuen die Massenvernichtung von Menschen als Methode der Politik. Diese Leute dienen als Argument für das „abgrundtiefe Böse“, das offenbar im Menschen wohnt und, wenn die Umstände passen, gewalttätig und zerstörerisch zum Ausbruch kommt. 

Die systemische Bewusstseinsschicht, die auch aus den Verzerrungen des personalistischen Denkens erwachsen ist, eröffnet einen Ausweg aus der Polarität von Gut und Böse. Vorbereitet von scharfen Beobachtern der menschlichen Schwächen wie Friedrich Nietzsche, der die Verlogenheit der Gutmenschen entlarvte, oder Sigmund Freud, der die zerstörerischen Kräfte des Unbewussten in jedem Menschen erkannte, verloren die eindeutigen Zuordnungen an Aussagekraft. Es ist zu einfach, die Hitlers und Stalins der Geschichte und Gegenwart als abartige Entgleisungen der Natur oder der Gene abzuurteilen. 

Um zu verstehen, was da abgelaufen ist, helfen die Etikettierungen nicht weiter. Wir brauchen sie zwar, um Position zu beziehen und die Gesellschaft vor den Ausbrüchen der Asozialität zu schützen. Recht muss gesprochen werden, Verurteilungen und Strafen müssen verhängt werden. Aber damit ist nichts geheilt und transformiert, sondern oft geht das Elend weiter, wenn der Straftäter durch die Strafe verhärtet und verbittert wird und seinen Ausweg wieder nur in der Kriminalität sieht.

In jedem Täter steckt ein Opfer, und in jedem Opfer ist auch ein Täter. Böse sind Gute und Gute sind Böse. Es gibt das Böse im Guten und das Gute im Bösen. In der systemischen Sicht gibt es niemanden, der ausschließlich böse oder ausschließlich gut ist. Die Polarität löst sich aus der Starre, die Eindeutigkeiten weichen der Vielfalt. Genaueres Hinschauen ist dazu notwendig. Das heißt auch, hinter die Kulissen zu blicken und die Regie neben dem Theaterdonner wahrzunehmen.

Damit lösen wir uns aus dem Druck, Menschen zu verurteilen und uns moralisch über sie zu stellen, was unserer eigenen Moral nicht gut tut. Wir öffnen uns für die Vorstellung, dass Menschen nicht an sich gut oder böse sind, sondern so reagieren, wie es ihnen in bestimmten Situationen anders nicht möglich ist, ob uns das gefällt oder nicht. Aber wir brauchen uns nicht mehr herausnehmen, sie dafür zu verachten, zu hassen oder ihnen das Menschsein abzusprechen.

Ich halte für diesen Schritt die Überlegung für wichtig, dass Polaritäten im menschlichen Verstand entstehen und außerhalb davon keine Wirklichkeit haben. Sie spiegeln den bis in unsere Zellen als Notmechanismus einprogrammierten Kampf/Flucht-Antagonismus wider. Die Natur und damit die Lebensabläufe verändern sich nach Nuancen und nicht polar oder stochastisch – nach einem Entweder/Oder-Schema. Es ist nicht entweder Tag oder Nacht, sondern der Tag geht in die Nacht über und wir können nur willkürlich festlegen, wann die Nacht beginnt und der Tag zu Ende ist.

Ein sprechendes Beispiel dazu wird von dem österreichischen Politiker Bruno Kreisky berichtet, der einmal gesagt haben soll, als ihm ein Journalist eine Frage vorlegte, auf die er mit Ja oder Nein antworten sollte: „Das hat zuletzt die Gestapo von mir verlangt.“

Weil nur unser Denken Polaritäten schaffen kann (weil es auch digital arbeiten kann), finden wir in unserer äußeren Erfahrungswelt kein Gut und Böse. Erst wenn wir diese Welt in unserem Kopf verarbeiten, nutzen wir dieses Schema, vor allem, wenn wir in Stress sind. 

Bsp.: Ich bin in der U-Bahn, entspannt, nehme die Menschen um mich herum als Menschen wahr und verhalte mich rücksichtsvoll und freundlich. Ich gerate in Stress, weil ich auf die Uhr schaue und merke, dass ich spät dran bin und die U-Bahn viel zu langsam fährt. Ich vergesse die Menschen um mich herum und sehe sie nur als Hindernis, sobald wir in der Station ankommen, plötzlich stellen sich alle mir in den Weg und ich muss sie wegstoßen, um aussteigen zu können. Dann fange ich auch zu denken, die anderen sind böse, und die anderen, die angerempelt wurden, denken vermutlich, ich bin der Böse. Sobald sich der Stress gelegt hat, kann mir deutlich werden, was sich in mir abgespielt hat und die anderen tun mir leid. Da braucht es dann kein "Gut" - "Böse" mehr.

In diesem Sinn ist der Mensch oder sind die Menschen weder gut noch böse, sondern so, wie sie sind und wie sie handeln. Das passt manchmal zu unseren Erwartungen und manchmal nicht. 

Wenn wir uns auf die holistische Ebene begeben, werden uns die Zusammenhänge noch deutlicher. Wenn wir das ganze Bild betrachten, all die menschlichen Versuche, zu leben, das Leben weiterzugeben und weiterzuentwickeln, all das, was dabei gelungen und das, was misslungen ist, dann sehen wir vielleicht ein Bild mit vielen Farben und Kontrasten, aber nirgends die Textmarke „Böse“. Und dann stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch die Bezeichnung "Gut" brauchen, der in unserem Denken als Gegenpol zu böse verankert ist.

Wir können die Frage auf uns wirken lassen. Mit der Antwort haben wir genug Zeit. Schließlich erwacht das universalistische Bewusstsein erst langsam in uns.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Benennungen auf dem inneren Weg

Wenn wir Dingen, die wir wahrnehmen, Namen anhängen, dient uns das zur Orientierung, zum Wiedererkennen, zum Einordnen etc. „Das ist ein Auto“, dann weiß ich, wie ich mich verhalten muss. Dabei abstrahieren wir, ziehen also Merkmale aus dem Ding heraus und bilden daraus ein mentales Konstrukt. „Das Auto“ gibt es nur in unserem Hirn. Kein wirkliches Auto entspricht perfekt diesem Hirninhalt.

So machen wir es auch mit inneren Erfahrungen. „Mir schmeckt die Orange“, und ich bilde ein inneres Konstrukt von „schmeckt gut“. Ich füge es in die entsprechende Datenbank ein, in die Abteilung „schmeckt gut – Orange“. So oder so ähnlich verarbeiten wir innere Erfahrungen, die uns dann als Vergleichsmaßstab für neue Erfahrungen dienen: „Diese Orange schmeckt noch besser als jene…“.

Wenn wir uns auf den inneren Weg begeben, auf die Suche nach der Freiheit oder nach der Wahrheit, oder wie immer wir auch diesen Weg beschreiben (selbst der Ausdruck „Weg“ ist eine Beschreibung), laufen wir immer wieder Gefahr, die Beschreibung mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Ich kann z.B. sagen: „Ich bin ja auf dem Weg“, um mich vor mir selbst zu entschuldigen, dass ich wieder einmal in eine alte Falle meines Egos gestolpert bin. Dann nutze ich die Beschreibung dafür, gleich in die nächste Ego-Falle zu tappen, die mir suggeriert, es gäbe etwas zu entschuldigen.

Versprachlichte Erfahrung


Erfahrung und Benennung der Erfahrung klaffen auseinander. Sobald ich eine Erfahrung auf die sprachliche Ebene bringe, wird sie eine andere, und mischt sich dabei mit kognitiven Inhalten, wie Erinnerungen, Einstellungen, Konzepte, Werte usw. Versprachlichte Erfahrung ist also sinnliche Erfahrung plus Gedanken, Momentanes angereichert mit Vergangenem.

Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, Erfahrungen ohne deren Versprachlichung zu erleben, ist bei den Sprachforschern und Philosophen heftig umstritten. Wie auch immer dieser Streit ausgeht, wichtig erscheint mir, die Klarheit zu behalten, dass es den Unterschied gibt, dass es also eine Erfahrung gibt und deren Benennung, die nicht das Gleiche sind. Sonst laufen wir Gefahr, uns in den Worten zu verlieren und die eigentliche Erfahrung zu übersehen oder gering zu schätzen.

Ein Unterschied zwischen Erfahrungen und Worten liegt darin, dass Erfahrungen fließend sind, sich dauernd verändern, neu formieren und wieder auflösen, während Worte unveränderlich gleich bleiben. Deshalb kann der Satz: „Ich bin traurig“ auf der Erfahrungsebene viele verschiedene Gesichter wiedergeben. „Ich bin traurig“, auch wenn sich das Gefühl gerade aufbaut oder fast schon abgeebbt ist, flach oder intensiv ist. Sprache kann nie so reichhaltig sein wie die Erfahrung, die sie zum Ausdruck bringen will.

Empfindungen und Gefühle


Empfindungsbenennungen sind näher an der Erfahrungswelt als Gefühlsbenennungen. Denn als Empfindung meldet sich unser organisches Leben bei unserem Bewusstsein. Empfindungen sind die einfachste Botschaft, die der Körper an die bewusstseinsfähigen Schichten unseres Gehirns schickt. Dort bilden sich dann mit Hilfe der Gefühlszentren (limbisches System) aus Empfindungskomplexen die eigentlichen Gefühle. Wenn wir also unsere Empfindungen benennen (es juckt hier oder drückt da, hier fühlt es sich kalt oder heiß an usw.), sind wir so nahe an der Schnittstelle zwischen den beständig ablaufenden Lebensprozessen unseres Körpers und deren Bewusstwerdung, wie nur möglich. Solche Benennungen schmiegen sich den Lebensprozessen gleichsam ganz nahe an und zeigen auch deren Veränderbarkeit und Flüchtigkeit. Sie sind deshalb selber beweglicher und flexibler.

Je weiter wir an der Abstraktionsleiter nach oben steigen, desto allgemeiner werden unsere Beschreibungen. Sie umfassen damit mehr Phänomene und vereinigen sie zu Gruppen, dienen damit der Vereinfachung, zugleich werden sie auch unkonkreter und neigen zur Verselbständigung. Wir sprechen solche Begriffe aus, ohne genau zu wissen, auf welche Erfahrungen sie sich beziehen und wie aktuell sie sind.

Identitätswechsel in der spirituellen Suche


Solche Formen der Verselbständigung von abstrahierten Begriffen können schließlich zu Identitätszuschreibungen führen. „Ich bin ein neuer Mensch“. So können wir uns nach tiefgreifenden inneren Transformationserfahrungen fühlen. Um diesem Gefühl eine begriffliche Stütze zu geben, suchen wir nach den geeigneten Benennungen, die uns diese Erfahrungen absichern sollen.

Manche Menschen nutzen spirituelle Namen zu diesem Zweck. Sie geben sich oder lassen sich einen neuen Namen geben. Damit wollen sie eine Zäsur zwischen einer alten und einer neuen Identität markieren. Das kann hilfreich sein, um sich an die spirituelle Berufung zu erinnern, die mit dem neuen Namen verbunden ist. Allerdings hat die Identität immer zwei Seiten, eine, die gleich bleibt, und eine, die sich wandelt. Ein neuer Name ändert daran nichts, er stellt nur den Aspekt der Veränderung in den Vordergrund. Der andere, die Beständigkeit der eigenen Identität, macht sich bemerkbar, sobald die alten Gewohnheiten und die Themen der Vergangenheit auch in der neuen Identität auftauchen.

Der innere Erfahrungsprozess, mit seinen Bahnen, Wirbeln und Verwerfungen, erfährt keinen grundlegenden Wandel durch den Wechsel des Namens. Denn die neue Identitätszuschreibung erfolgt auf einer hohen Ebene der Abstraktion. Deswegen wählen manche Menschen einen dritten Namen oder kehren irgendwann wieder zum ersten zurück.

Doch sind wir frei in der Wahl der Mittel und Methoden. Wem es hilfreich und förderlich erscheint, einen „spirituellen“ Namen anzunehmen, dem kann es als Erinnerungsstütze dienen, als Wecker, der hilft, aus dem Alltagsschlummer zu erwachen. Zäsuren können wichtige Entwicklungsschübe auf dem inneren Weg bewirken. Wie bei jeder Methode, gibt es Vorteile, die auf dem Weg weiterhelfen und Fallen, die den Weg behindern und verzögern können. Deshalb ist es weder falsch noch notwendig, sich einen neuen Namen geben oder geben zu lassen.

Lehrer und ihre Titel


Wie verhält es sich mit den ungeschützten Markenbezeichnungen im Feld der Wachstumsangebote? Wie ist das mit den „Erleuchteten“, „Meistern“, „Erwachten“, „voll Realisierten“ usw.?

Die Benennung „Meister“ oder „Meisterin“ erhält man üblicherweise durch Ernennung in einer ehrwürdigen Linie im Rahmen einer spirituellen Tradition mit überlieferten Regeln und sind manchmal auch mit Namensänderungen verbunden. Ein Meister erfordert Schüler, die ihn als solchen anerkennen, verehren und ihm in die Bereiche seiner Lehre hinein folgen. Die Lehre umfasst dabei zumeist Bereiche des Wissens wie auch der Lebenspraxis und der Beschreibung der Stufen, die die Schülerin auf dem Weg absolvieren muss.

Die anderen genannten Bezeichnungen haben mit besonderen Innenerfahrungen zu tun, die zwar bei Meistern vorausgesetzt werden, aber nicht das Hauptkriterium ihres Meisterseins ausmachen. Menschen, die bei anderen Lehrern oder Meistern oder einfach selber einen tiefgreifenden inneren Wandlungsprozess erlebt haben, der ihnen ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt, übernehmen dann gerne Zustands- oder Identitätsbeschreibungen wie „Ich bin erwacht“, „Ich habe den inneren Frieden gefunden“, „Ich ruhe in meiner inneren Heimat“ usw., wenn sie bemerken, dass es sich nicht um vorübergehende Erfahrungen, sondern um einen beständigen und dauerhaften Zustand geht.

Wozu dienen nun diese Selbstbezeichnungen? Sie helfen, der Innenerfahrung einen Rahmen und einen Bezugspunkt zu geben. Wir wollen verstehen und kommunizieren können, was mit und in uns passiert, und ein Name oder eine Bezeichnung unterstützt uns dabei.

Subtiles Vergleichen und die Herzenskraft als Gegenmittel


Die Falle liegt ganz offensichtlich darin, dass sich das Ego daraus einen neuen Anzug schneidert, vor allem, wenn die neue Selbstbezeichnung plakativ nach außen getragen wird. Ich bin etwas Besonderes, ich bin schon weiter auf dem Weg, und wer sich nicht in einem Zustand wie dem meinen befindet, ist zu bedauern. Jedenfalls entstehen zwei Gruppen von Menschen, die mit und die ohne Erleuchtung, Erwachen, Realisierung. Der Unterschied, der in seiner eigenen Entwicklung erlebt wird, wird nach außen verlagert. Wie kann ich den Unterschied wahrnehmen ohne Wertung? Statt in der Selbstwahrnehmung zu bleiben, beginnt das Vergleichen. Die anderen, die noch in ihrem Leiden und in ihren Egomustern stecken, werden in ihrer Mangelhaftigkeit gesehen und, wie ginge das dann anders, subtil abgewertet und verachtet.

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die innere Öffnung in abgehobene spirituelle Bereiche mit ganz außergewöhnlichen Erfahrungen geführt hat, ohne dass sich damit die Liebesfähigkeit erweitert und vertieft hätte. Die Kraft des Herzens ist das Gegenmittel gegen Abwertungen und Überheblichkeiten. Das Herz kann nicht vergleichen, sondern spürt das heile innere Wesen in jedem Menschen. Für das Herz gibt es keine Unterschiede auf dem Weg, sondern nur Menschen, die sich in ihrer Eigenart zeigen und weiterentwickeln. Das Herz schließt sie alle ein in einen Mantel aus Liebe.

Wenn sich in einem Menschen diese Kraft nicht in ihrer möglichen Fülle entwickeln kann, was genauso eine Gnade darstellt wie jede andere spirituelle Erfahrung, ist eine Vermischung der spirituellen Lehre mit Machtthemen unvermeidlich. Oft auch gelingt es dann dem Lehrer nicht, die Ideale der Lehre in das Alltagshandeln und den Umgang mit Menschen zu übersetzen.

Das Herz benötigt keine Namen, Bezeichnungen und Benennungen. Es weiß, dass es keine festgelegten Wirklichkeiten gibt, sondern nur das Fließen, das sich jenseits der Worte abspielt.

Rumi sagt: „Liebe zu erklären ist peinlich! Manche Kommentare können klärend wirken, aber mit der Liebe ist die Stille klarer. Eine Feder kritzelte vor sich hin, aber als sie versuchte, Liebe zu schreiben, brach sie.“

Und Schibli: „Wer meint, er sei angekommen, hat nichts erreicht. Wer darauf deutet, ist ein Götzendiener. Wer darüber spricht, ist leichtfertig. Wer denkt, er sei nah, kommt nie an. Wer tut, als habe er gefunden, hat verloren.“

Dienstag, 25. September 2012

Der freie Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl. (Isaac B. Singer)


Ich folge hier der Frage, ob der freie Wille auf verschiedenen Ebenen der Bewusstseinsentwicklung verschiedene Bedeutung haben kann, womit der Streit um die „Existenz“ oder „Brauchbarkeit“ des freien Willens aufgelöst werden könnte. Denn dann ist jede Antwort auf die Frage immer auf eine der Ebenen bezogen und hat nur innerhalb dieses Rahmens einen Sinn. Ich verwende das Modell der Bewusstseinsentwicklung aus meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“.

Die erste, tribale Stufe

Im Stammesgefüge hat immer im Zweifelsfall der Gesamtwille des Stammes den Vorrang vor dem, was der Einzelne möchte. Dieser Gesamtwille speist sich aus den tradierten Regeln und Weisheiten, über die vor allem die Älteren verfügen. Die Freiheit, aus diesen Regeln auszusteigen, sie zu ändern oder zu ignorieren, besteht nicht. Natürlich verfügen die Menschen in diesen Zusammenhängen über ein subjektives Gefühl der freien Entscheidung, doch sind sie so stark emotional und mental in das Stammesbewusstsein eingebunden, dass dieses individuelle Willensgefühl nur in den Bereichen des eigenen persönlichen Lebens zum Tragen kommt und zurückgestellt wird, wenn es um das Ganze des Stammes geht.

Die zweite, emanzipatorische Stufe

Hier geschieht genau das, was auf der ersten Stufe verwehrt war. Der Wille will sich aus der Vorherrschaft der Regeln befreien. Nichts mehr soll ihn beschränken. Der freie Wille wird zur Willkür, die nur dort Grenzen akzeptiert, wo die Macht größer ist als die eigene. Der freie Wille wird trotzig behauptet und gilt als Rechtfertigung des Handelns, auch wenn es die Regeln und auch wenn es andere Menschen verletzt. Er stellt sich gegen die tradierten Regeln und Normen und will sie aufbrechen. Die Menschen auf dieser Stufe prägen geradezu  ihre Identität mit dem Satz: „Ich will, also bin ich.“ 

Die dritte, hierarchische Stufe

Der freie Wille, der sich in der vorigen Stufe Bahn gebrochen hat, wird hier durch ein übergeordnetes Regelwerk eingedämmt und gezähmt. Dieses Regelwerk bemisst sich nicht mehr an Traditionen, sondern an den Erfordernissen von Großorganisationen, in welche die Menschen „eingepasst“ werden, indem sie ihren Willen zwar wahrnehmen, aber aus Angst und Vernunft auf seine Anwendung verzichten. 

Die Menschen werden „zur Verantwortung gezogen“, es wird ihnen der freie Wille zugemutet, und sie können sich nicht mehr auf andere ausreden. Sie „werden in die Pflicht genommen“. Bei jedem Regelverstoß drohen Strafen, und die Angst davor motiviert zum Verzicht auf die Durchsetzung der eigenen Wünsche. Die Loyalität, die die Machtträger einfordern, ist jedoch brüchig, weil die Untertanen bei der erstbesten Gelegenheit versuchen, aus dem System der Überwachung und Kontrolle auszubrechen.

Die vierte, materialistische Stufe

Der freie Wille bekommt wieder ein Betätigungsfeld im Bereich der wirtschaftlichen Entscheidungen. Er ist ein prägender Faktor am freien Markt. Jeder ist seines Glückes und seines Unglückes Schmied. Jeder kann Millionär werden oder Tellerwäscher bleiben.

Das ist der Zynismus des freien Willens: Die Individuen haben die volle Freiheit des autonomen Wirtschaftssubjekts und eine unendliche Möglichkeit zu wählen, andererseits können sie nie die Einsicht in die gesamten Zusammenhänge haben. Sie sind für all ihre Handlungen verantwortlich, und wenn sie Fehler machen, tragen sie die Verantwortung. Sie nehmen z.B. einen Kredit auf und können ihn nach einiger Zeit nicht mehr zurückzahlen, die Zinsen steigen, und irgendwann haben sie alles verloren. Und sie tragen die ganze Schuld an dieser Entwicklung, sie hätten sich ja auch anders entscheiden können. Der freie Wille wird als abstraktes Konstrukt zugemutet und diese Zumutung führt dazu, dass sich die Menschen noch mehr von sich selbst entfremden. 

Die Kritik an dieser Bewusstseinsstufe verdeutlicht, dass die Wirklichkeit der Willensfreiheit an materielle Bedingungen geknüpft ist. Für den einen bedeutet sie die Frage, ob sie ihre Villa auf diesem oder jenem Hügel bauen, für die anderen, ob sie eine Drecksarbeit machen oder verhungern.

Deshalb Herausforderung an die 5. Stufe, die Freiheit neu zu definieren, dort wird sie sich auch mit politischen Forderungen verbinden: Die Möglichkeitsräume für alle Menschen so zu erweitern, dass sie sich selbst mehr entfalten und verwirklichen können, dass sie also ihren freien Willen gestaltend einsetzen können.

Die fünfte, personalistische Stufe

Hier kommt die Willensfreiheit zu ihrer höchsten Blüte. Der Mensch der fünften Stufe kann sagen: „Ich bin frei, also bin ich“. Freiheit ist der zentrale Begriff dieser Bewusstseinsstufe, als innere Erfahrung und als Forderung, individuell wie gesellschaftlich. Ich kann alles aus mir machen, was ich nur will. Ich muss nur richtig wollen und fest daran glauben. Die Freiheit des Willens drückt sich in der kreativen Gestaltung des Lebens aus, wie sie im künstlerischen Ausdruck vorgelebt wird. Dennoch: Auch wenn die Künstlerin frei ist, wie sie die Pinselstriche setzt, muss sie sich ein Stück dem Kunstwerk unterordnen, das ihr vorschreibt, was ins Bild passt und was nicht. Damit erfährt sie bereits ein Element der nächsten Bewusstseinsstufe. 

Die ethische Reflexion wird in alle Bereiche des Lebens eingeführt. Alles ist Gegenstand der eigenen Entscheidung, des eigenen Lebensentwurfs. Wir erleben uns als SchöpferIn unseres Lebens. Jeder Moment stellt die Herausforderung, unser Leben neu zu beginnen und zu orientieren. Weder die Vergangenheit noch die Erwartungen anderer Menschen können uns davon abhalten, das zu tun, was wir für richtig halten und wofür wir uns entscheiden. 

Hierher gehört auch die Entscheidungsfreiheit, die uns auf den spirituellen Weg führt. Die personalistische Ebene erinnert uns daran, dass wir spirituelle Weisheiten nicht als Ausrede verwenden sollten, wie z.B. dass ja alles vorherbestimmt ist und wir deshalb tun und lassen können, was wir gerade wollen, auch wenn es uns oder anderen schadet und Leid zufügt. Auch auf dem Weg nach innen stehen wir immer wieder vor einer persönlichen Entscheidung, das Gute zu wählen statt dem Bösen oder Schlechten.

Die sechste, systemische Stufe

Der freie Wille verliert seine dominante Stellung und ordnet sich den systemischen Zusammenhängen unter. Zwar kann jeder aus einem System ausscheren, wenn er will, aber die systemische Vernunft lehrt, dass es sinnvoller und nützlicher ist, immer wieder den eigenen Willen zurückzustellen und der Kraft des Systems Raum zu geben. Sich im rechten Moment einbringen und dann wieder zurücknehmen, gehört zu den Tugenden dieser Stufe. Damit werden die Grandiosität und der Pathos des freien Willens eingeschränkt und aus dem Zentrum der eigenen Identität an die Peripherie verschoben. Wichtig ist es nicht, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern mit den eigenen Mitteln zum Gelingen des Ganzen beizutragen.

Die siebte, holistische Stufe

Auf dieser Stufe werden alle Ideen von Freiheit, wie sie auf den früheren Stufen gebildet worden waren, überprüft und revidiert. Hier geht es darum, wie sich das Ich und die Welt darstellen, wenn es keine Ängste und starren Festlegungen mehr gibt und wenn statt dessen das volle Vertrauen in die fließende Entwicklung des Lebens und der Wirklichkeit zugelassen werden kann. Die Befreiung von der Freiheit des Willens lässt uns hier in einen größeren Raum fallen, in dem wir alles nur als Ballast empfinden, was wir uns an Grundprinzipien und Wesenserkenntnissen aufgebaut haben.

Der freie Wille wird jetzt als Instanz des Egos entlarvt, als Wichtigtuer, der nur Hindernisse auf dem Weg zur eigentlichen inneren Freiheit auftürmt. Denn er vermeint, alles aus eigenem Antrieb und eigener Kraft schaffen zu müssen, während ihm in Wirklichkeit selber nichts gehört und alles gegeben wird. Es gibt keine eigene Leistung mehr, weil das Eigene nicht Eigenes ist, sondern Geschenktes. Also braucht es keinen freien Willen mehr, der sich solche Leistungen zuschreiben will.

Wenn sich die Ängste aufgelöst haben, erkennen wir, dass wir auf die Konzepte und Konstrukte verzichten und uns statt dessen dem Strom des Lebens anvertrauen können. Ist es für den Wassertropfen im Ozean wichtig, ob er sich entscheidet, ein wenig nach unten oder nach oben zu schweben? Er hat schon alles und ist schon alles, in einer willenslosen oder willentlichen, jedenfalls grenzenlosen Freiheit.

Montag, 24. September 2012

Die Krisengewinnler und die Ethik



Wie jeder Krieg seine Kriegsgewinnler hervorbringt, zeugt jede Krise ihre Krisengewinnler. Besonders apart wird der Prozess, wenn die Krisengewinnler zu den Krisenverursachern zählen, und wenn sie gegen Ende des Dramas unerkannt mit den Geldkoffern abgehen.

Ein Kabinettstückchen kapitalistischer Unverfrorenheit läuft gewissermaßen vor unseren Augen ab. Ich bezeichne es mit dem Namen Goldman&Sachs, weil dieses Finanzimperium in aller Öffentlichkeit operiert, ohne jede Scham, im Gegenteil mit dem Auftreten selbstgerechten Stolzes und weil in verschiedenen Dokumentationen (http://www.youtube.com/watch?v=IT_wRPbMzfI) aufgezeigt wurde, wie dieses Unternehmen seine Fäden quer durch die Finanzwelt webt. Es gibt aber auch noch viele andere Namen oder Namenlose, die in diesem Gebiet mit ähnlichen Methoden und Intentionen ihr unverfrorenes Unwesen treiben.

Vereinfacht dargestellt: Das Finanzhaus gewährt in den USA Kredite mit geringer Bonität (z.B. zum Hauskauf für Leute, deren Mittel knapp sind, die aber aufgrund niedriger Zinsen zur Aufnahme eines Kredits überredet werden), daraus werden Obligationen gebastelt, die mit hoher Bonität versehen werden (obwohl sie hochriskant sind) und diese werden dann an ausländische Investoren, z.B. Großbanken verkauft, die diese wieder an ihre Kunden weiterverscherbeln. Sobald dadurch die Kreditzinsen steigen, können die Kreditnehmer das Geld nicht zurückzahlen, die Blase platzt. Die Hauskäufer verlieren ihre Häuser, die ausländischen Investoren ihr Geld. Gewonnen hat das Finanzhaus, und was macht es mit dem Geld? Es wartet, bis die Immobilienpreise als Folge der geplatzten Blase am Tiefpunkt sind, kauft dann die Häuser auf und vermietet sie gegen gutes Geld an die ursprünglichen Eigentümer, die froh sein müssen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie dürfen für den Rest ihres Lebens für ihr vormaliges Eigentum zahlen. Andere Investoren wie z.B. die isländischen Banken und ihre Gläubiger werden gleichfalls ruiniert. Und das Finanzhaus fettet seine Gewinne auf, um den nächsten Coup zu starten.

So weit, so schlecht. Geld fließt von unten (wo es sauer erarbeitet wird) nach oben (wo mit wenig Einsatz und Risiko Reichtum bis ins Unermessliche angehäuft wird). Im Grund ein Spiel, das immer wieder neu aufgelegt wird, seit es den Kapitalismus gibt. Es werden im Lauf der Zeit nur die Summen größer und die Anzahl der Geschädigten sowie das Ausmaß des Schadens. Was sich bisher nicht geändert hat, ist die Wahrnehmung dieses Vorganges durch die Zivilgesellschaft. Es wird vielleicht mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, die Geschädigten werden bedauert, aber nicht allzu sehr, schließlich sind sie ja selber schuld, sie hätten besser aufpassen sollen. Und wer nicht oder kaum davon betroffen ist, ist hauptsächlich darüber froh, noch einmal davon gekommen zu sein.

Die Politik schreitet erst ein, wenn ein Schaden für den gesamten Staat droht. Erst dann wird der liberale oder neoliberale Heiligenschein über der Wirtschaft abgeblendet, und der Staat mischt sich ein, indem er Banken, Schuldscheine usw. aufkauft, bis sich die exzessive Umverteilung von den Arbeitenden zu den Besitzenden wieder soweit beruhigt hat, dass es zu keinen Unruhen kommt. 

Was wir brauchen, ist eine Änderung der Sichtweise. Wir haben ein klares Unrechtsbewusstsein, wenn jemand seinen Nachbarn ausraubt. Wir haben nicht das gleiche Bewusstsein, wenn das im Rahmen der so komplexen wirtschaftlichen Vorgänge geschieht, weil wir so tun, als wäre jeder in diesem Spiel im Vollbesitz der Regeln. Das stimmt eben nicht, denn die eine Seite kann die Regeln während des Spiels zu ihren Gunsten ändern, und darin liegt der Betrug. 

Deshalb muss unser ethisches Bewusstsein komplexer werden. Wir müssen ein Unrechtsempfinden erlernen, das sich auf solche Finanzvorgänge bezieht, sodass wir anfangen können, solche Prozesse im Rahmen der Zivilgesellschaft kollektiv zu ächten. Das erzeugt dann den Druck auf die Politik, die das Unrechtsbewusstsein in Gesetze umsetzen kann, mit deren Hilfe die Nutznießer des Betrugs- und Diebstahlsgewerbes, auch wenn diese im Nadelstreif und mit Aktenkoffer unterwegs sind, bestraft und gesellschaftlich geächtet werden.

Wir begeben uns dafür auf die Ebene des systemischen Bewusstseins und üben uns in systemischer Ethik. Damit können wir der Komplexität der Situationen, die es zu beurteilen gibt, Herr werden, d.h. die relevanten Faktoren herausarbeiten und dabei möglichst viele Aspekte des übergeordneten Ganzen der Gesellschaft im Auge behalten.

Es gibt schon Ansätze in dieser Richtung. Bewegungen wie „Attac“  und „Occupy“ erzeugen die Sensibilität für solche Ungerechtigkeiten. In der österreichischen Innenpolitik sehen wir in diversen anhängigen Gerichtsprozessen ein steigendes Unrechtsbewusstsein, was Korruption bedeuten kann. Im entsprechenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss wirken ähnliche Motive, und das unrühmliche Gezerre um das Weiterbestehen des Ausschusses zeigte m.E. vor allem die Angst der Mächtigen vor einem sich öffentlich manifestierenden Unrechtsbewusstsein, das seinen politischen Amtsträgern strengere Normen verpassen will. 

Sollte diese Finanzkrise Prozesse in der Sensibilisierung unseres ethischen Empfindens und Urteilens verstärken, sollte sie bewirken, dass unser Unrechtsbewusstsein in komplexere Vorgänge eindringt, dann war sie nicht ganz umsonst. Alles, was die Kontrolle der Zivilgesellschaft über die Wirtschaft und über die Politik stärkt und damit zu einer Transformation dieser Bereiche beiträgt, dient aus meiner Sicht der Evolution des Bewusstseins.

Sonntag, 23. September 2012

Die Wehrpflicht in Österreich aus der Sicht der Bewusstseinsevolution



Wie üblich, wenn die Meinungen und Positionen in einer politischen Frage aufeinanderprallen und wenn heftig gestritten wird, werden verschiedene Schichten unseres Bewusstseins aktiv und bringen ihre Sichtweisen und Ängste ein. So kann es auch an der Frage der Wehrplicht in Österreich beobachtet werden. Sie überforderte offenbar die politischen Entscheidungsträger unseres Landes, sodass sie sie dem Volk zur Entscheidung vorlegen wollen.

Die wichtigen Fragen unserer Gesellschaft haben praktisch immer einen Bezug zur tribalen Bewusstseinsstufe. Immer wenn Politiker den Begriff der „Heimat“ strapazieren, appellieren sie an diese tiefe Schicht unserer Entwicklung. Der Heimatbegriff suggeriert eine Gemeinsamkeit und Verbundenheit, wie sie die frühen Stammeskulturen geprägt hat. Die Sehnsucht nach dieser Form der sozialen Sicherheit ist noch immer in uns lebendig, da wir aber über keine Stämme mehr verfügen, weichen wir auf abstrakte Ersatzbegriffe aus, die dann gerne sentimental beladen werden. (Wenn z.B. ein Oberösterreicher seine Landeshymne hört  - Hoamatland, Hoamatland, dann sollten ihm die Augen feucht werden.)

Vielleicht sprechen wir auch deshalb vom Vaterland (und nicht vom Mutterland – die Erde, also das Land, ist ja dem Weiblichen zugeordnet), weil das Land, auf dem der Stamm herumwanderte, mit Hilfe des Wissens der alten Männer erschlossen und nutzbar gemacht wurde. Ohne dieses tradierte Wissen gab es kein Überleben des Stammes. In einer Stammeskultur konnte es in extremen Gefahrensituationen vorkommen, dass einzelne Stammesmitglieder ihr Leben für die Gemeinschaft hingaben, meist junge Männer oder, in Zeiten von Nahrungsknappheit, auch alte Menschen.

Auf der zweiten Stufe bildet sich der Heldenmythos. Der Held bricht aus der Enge der „Heimat“ aus und riskiert sein Leben für ein Ziel, das nur mehr rhethorisch in die Rahmenbedingungen des Stammesdenkens passt, und statt dessen zunehmend aus Quellen wie dem Streben nach individuellem Ruhm oder Abenteuerlust gespeist ist. Gewalt zur aggressiven Aneignung des Fremden, also das Erobern anderer Gebiete, wird dadurch legitimiert, dass sie zur Regel wird, und dadurch, dass der Held selber sein Leben aufs Spiel setzt. Teil des Heldenmythos ist die Skrupellosigkeit und die Aggressivität und das Riskieren des eigenen Lebens. 

Das Motiv, dass die Preisgabe des eigenen Lebens für ein selbstgesetztes Ziel in Kauf genommen werden kann, das nur scheinbar dem Ganzen dient, pflanzt sich bis in die Ideologien der Selbstmordattentäter unserer Tage weiter. Gewalt gegen andere wird legitimiert dadurch, dass der Täter bereit ist, sich selbst Gewalt anzutun.

Auf der dritten Stufe bilden sich dann der Begriff der abstrakten Pflicht. Die Menschen werden vom Herrscher oder vom Staat in die Pflicht genommen. Er legt fest, was sie zu tun haben – Pyramiden zu bauen, Kanäle auszubuddeln, in den Krieg ziehen und dort zu sterben. Verstöße gegen die Anordnungen werden bestraft, die Einhaltung der Pflichten wird mit allen Mitteln erzwungen. Die Individuen haben dagegen keine Rechte und kaum Möglichkeiten, sich der Verpflichtung zu entziehen. Sie haben jedoch den „Vorteil“, dass sie nicht mehr persönlich für das verantwortlich sind, was sie bei ihrer Pflichterfüllung anrichten, sie haben ja nur ausgeführt, was ihnen befohlen wurde, und sei das auch die Ermordung von Babys. Wenn jemand seine Taten (oder Untaten) damit rechtfertigt, dass er „nur seine Pflicht“ getan habe, dann bezieht er sich auf diese Bewusstseinsschicht.

Jedenfalls schafft es das hierarchische Denken, die Dienstverpflichtung der Menschen zunehmend zu abstrahieren, indem sie nicht mehr auf konkrete Personen bezogen ist (wie im mittelalterlichen Lehenswesen), sondern auf „alle“ oder auf „alle in einem bestimmten Alter“ usw. So kam es zum ersten Aufruf zur allgemeinen Wehrpflicht in der modernen Zeit während der französischen Revolution, genannt „levée en masse“, also Erhebung der Massen. Begründet wurde dieser Aufruf mit der Notwendigkeit, die Errungenschaften der Revolution und die Integrität der Nation zu verteidigen. Hier mischen sich Elemente aus dem tribalen Bewusstsein („Verteidigung der Heimat“) mit hierarchisch-totalitären Ansprüchen („alle müssen zu den Waffen“) unter dem Schirm von Ideen aus der personalistischen Stufe („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). 

In diesem Cocktail an Motiven geht es mit der Wehrpflicht im 19. und 20. Jahrhundert weiter. Nach dem Ende des Kalten Krieges ab 1989 wenden sich viele Länder vor allem in der sogenannten freien Welt von der Wehrpflicht ab, während sie vor allem nur mehr in totalitären Staaten beibehalten wird. Das entspricht der Verwurzelung des Wehrpflichtgedankens in der hierarchisch-autoritäten Bewusstseinsstufe, die Wehrpflicht als Disziplinierung der Menschen und der Demonstration der Macht des Staates über seine Bürger. 

Österreich ist hier ein Spezialfall mit manchen Skurrilitäten. Es hinkt in der Abschaffung der Wehrpflicht den meisten EU-Staaten hinten nach. Ein Grund liegt in der Vequickung mit dem Zivildienst. Lange Zeit gesellschaftlich abgewertet und zurückgedrängt, ist er mittlerweile von der Partei, die ihn immer am meisten bekämpft hat und einschränken wollte, der ÖVP, zu einem Hauptargument für die Beibehaltung der Wehrpflicht gemacht worden. Die Organisation der Rettungsdienste sei ohne Wehrpflicht-Zivildienstpflicht nicht mehr zu gewährleisten. Wie schaffen das die anderen Länder in Europa und sonstwo, wo es einen funktionierenden Rettungsdienst gibt? 

Interessant und verwunderlich ist auch, dass die genannte Regierungspartei ÖVP über längere Zeit die Idee eines Berufsheeres propagiert hat, aber am Widerstand der Regierungspartei SPÖ gescheitert ist. Nun haben beide Parteien die Fronten gewechselt, um sich mit ausgetauschten Argumenten gegenüber zu stehen, bereit zum nächsten Scharmützel. Die SPÖ will mit dem Berufsheer punkten, zu dem niemand mehr gezwungen wird, und die ÖVP mit Rettungs-Zivildienern und Soldaten als Katastrophenhelfer. 

Auch hier passt wieder einiges nicht zusammen: Für Katastrophen braucht es Katastrophenhelfer, aber keine Soldaten, die braucht man für Kriege. Ein Katastrophenhelfer muss nicht schießen und Panzerfahren können. Aber auch andere Länder schaffen es, mit ihren Katastrophen zurecht zu kommen, ohne verpflichtenden Einsatz von jungen Männern, die quasi als Bereitschaftstruppe ihre Zeit absitzen sollen, bis die nächste Naturkatastrophe kommt. 

Ich denke, wir sollten uns die Elemente des tribalen Bewusstseins in dieser Debatte bewusst machen und erkennen, dass wir im 21. Jahrhundert mitten in einem integrierten Europa keine Landesverteidigung brauchen. Unsere Heimat ist so sicher vor ausländischen Aggressoren wie noch nie in der Geschichte zuvor. Wir können uns unseres Landes erfreuen wie die Einwohner von Costa Rica, die schon lange kein Heer unterhalten und dennoch oder deshalb in Frieden leben.

Wir können die Motive des emanzipatorischen Bewusstseins aufgreifen und transformieren, indem wir Heldentum überall dort zulassen, wo es dem Gemeinwohl und der Gesellschaft dient, im Einsatz für Minderheiten oder sozial Ausgegrenzte, in der Stärkung der Zivilgesellschaft und alternativen ökonomischen und ökologischen Modellen. 

Wir sollten den Brocken des Zwangsdienstes für junge Männer aus dem hierarchischen Bewusstsein verabschieden. Er passt nicht in eine demokratische Gesellschaft, er passt nicht in eine Gesellschaft der Geschlechtergleichheit, er passt nicht in eine ökonomisch und organisatorisch fortgeschrittene Gesellschaft, die alle Dienstleistungen öffentlich oder privat so gestalten kann, dass sie finanzierbar sind und funktionieren.