Montag, 16. Juli 2012

Der Weg des Helden

Anmerkung: Der Held ist immer auch die Heldin.

Der Held ist der, der sich aus Abhängigkeiten löst, die er nicht mehr braucht. Es können innere Abhängigkeiten sein oder äußere, z.B. eine ungesunde Lebensweise oder die Bande der Herkunftsfamilie. Er spürt, dass er in den Bereichen, die durch Abhängigkeiten abgedeckt waren, selbst aktiv und kreativ werden kann. Es sind nur noch Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, die ihn darin festhalten. Sobald er das erkennt, ist sein Heldentum gefragt. Damit ist die emanzipative Kraft gemeint, welche die Widerstände zum Wachsen überwindet, die sich in Gewohnheit und Bequemlichkeit manifestieren.

Im klassischen Bild zeichnet sich der Held geradezu dadurch aus, dass er seinen Weg geht, indem er sich von nichts beirren lässt, das sich ihm entgegen stellt. Er hält stur an seiner Richtung fest, und führt sie ihn auch „über Leichen“. Die Gefühle der anderen kann er missachten, wenn sie ihm entgegen stehen. Er ist bereit zu verletzen, emotional oder physisch. Er ignoriert die Schuldgefühle, die ihn dabei plagen mögen.

So wird aus dem Helden ein gefühlskaltes Monstrum. Er vermeint, dass er seine Schwächen gemeistert hat, bemerkt aber nicht, dass er sie nur mit derselben Unerbittlichkeit unterdrückt hat, die er auch nach außen zeigt. Das Scheitern ist die einzige Möglichkeit, die das Leben hat, um ihn auf sich selbst zurückzuwerfen. Und dann ist die Katastrophe vollkommen, denn er hat nichts in seinem Repertoire, was ihm im Versagen helfen könnte. Denn er hat die geheimnisvolle Kraft nicht erkannt, die darin liegt, sich den eigenen Schwächen zu stellen.

Es ist also nur die halbe Kraft, mit deren Hilfe der Held aus den Schatten der Vergangenheit herausgetreten und in ein neues Licht der Zukunft gekommen ist. Es ist nur die halbe Wahrheit des Heldenweges. Zum wirklichen Helden wird er erst, wenn er sich auch den Schatten stellt, die ihn aus der Vergangenheit mit begleiten, wohin auch immer ihn sein Weg führt.

Wenn er auf dem inneren Weg weiterkommen will, muss der Held sich also seiner Verletzlichkeit stellen. Er muss den Schmerz und die Angst in sich selbst spüren, die mit dem Schritt aus der früheren Abhängigkeit verbunden sind. Das Annehmen der Gefühle der Verletzlichkeit erst macht wirklich stark und unabhängig. Solange er sich diesen Gefühlen nicht gestellt hat, hängt der Held in unbewältigten Themen der eigenen Kindheit fest. Seine Taten geschehen aus Trotz und nicht aus Selbstbestimmung.

Sobald sich der Held den Gefühlen des Schattens stellt, erkennt er sein Schuldgefühl: Die Stimme, die ihm sagt, dass er Rücksicht nehmen muss und anderen nicht weh tun darf. Da er aber meint, dass das Brechen des äußeren Widerstandes keine Rücksichtnahme verträgt, meidet er tunlichst jedes Zugeben einer Schwäche. Hinter der Angst, andere zu verletzen, steckt die Angst vor Liebesverlust. Es ist ein kindliches Gefühl, das an die Erfahrungen aus frühen Beziehungen und deren Frustrationen und Traumatisierungen erinnert.

 „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein...“

 Das ist der Held, der sich von den Fesseln der Kindheit befreit. Er muss eine Strecke des Weges alleine gehen, um sich zu beweisen, dass er die Abhängigkeiten gelöst hat. Er erobert eine neue Welt für sich, mit Stock und Hut. Er weiß, dass er damit Erwartungen enttäuscht und Verletzungen bewirkt. Doch vertraut er dem inneren Impuls, der ihn auf den Weg schickt.

 „Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr, da besinnt sich das Kind, kehret heim geschwind.“

Hier bricht der Held seinen Emanzipationsweg ab, er spürt, wie das Schuldgefühl in ihm hochsteigt, und er ist noch nicht stark genug, ihm zu widerstehen. So kehrt er um in die Position des reumütigen Kindes, das der Mutter nicht weh tun will. Die alte Welt der bequemen und gewohnten Abhängigkeiten ist wieder hergestellt.

Doch irgendwann wird sich der Impuls wieder melden, der zum Ausbruch aus der Enge der Kindheit mahnt. Und irgendwann wird der Held zu seinem Impuls stehen und den Weg weiter als bis zur nächsten Kurve gehen, gleich, ob alle damit glücklich oder darüber traurig sind.

Er verweigert eine Form der Liebe, deren oberste Maxime darin liegt, anderen (z.B. der Mutter) keinen Schmerz zuzufügen und alles zu vermeiden, was den anderen verstören könnte. Diese Liebe beschränkt die Welt auf einen engen Kreis von Menschen, die sorgsam und unablässig aufeinander achten, sich bedingungslos unterstützen und sich auch untereinander behindern und in feststehenden Konventionen blockieren, wie wir es von der tribalen Bewusstseinsstufe kennen.

Stattdessen beruft sich der Held zunächst auf die Selbstliebe, auf den Egoismus, der ihm erlaubt, nur für sich selber einzustehen, rücksichtslos vorzugehen und die Gefühle anderer Menschen zu ignorieren. Er hat die Erfahrung gemacht, dass er nicht weiterkommt, sondern in seinem angestammten Platz festkleben bleibt, wenn er nur dem gehorcht, was andere für ihn wollen und für ihn (oder für sich selber) für gut befinden.

Der Schritt, den das Heldentum gebietet, verändert die Welt. Er verändert nicht nur die Welt des Helden, der ein neues Reich erobert, sondern auch die Welt derer, die er verlassen hat. Auch wenn sie enttäuscht und verletzt sind, auch wenn sie den Helden beschuldigen und sich selbst als Opfer fühlen, lernen sie mit der Zeit, mit der neuen Situation zurecht zu kommen und neue Kraft daraus zu schöpfen. So begegnen sie dem Helden, wenn er wieder in seine alte Welt zurückkehrt, als neue Menschen. Die alte Welt gibt es nicht mehr.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Das Modell der organischen Kommunikation



Was ist das Leben am Leben? Was macht ein Lebewesen lebendig? Da gibt es ein paar Definitionsmerkmale wie Wachstum, Stoffwechsel, Selbstregulation und Reproduktionsfähigkeit.

Ich möchte diesen Eigenschaften noch die Kommunikationsfähigkeit hinzugesellen, die als ein zentraler Teilaspekt der Selbstregulation betrachtet werden kann. Damit meine ich folgendes: Lebewesen, z.B. eine einfache einzellige Bakterie, tauschen nicht nur Stoffe mit ihrer Außenwelt auf, sondern auch Informationen. Jedes Molekül, mit dem eine Zelle Kontakt aufnimmt, ist nicht nur ein chemisches „Ding“, sondern trägt eine Bedeutung für den Organismus, z.B. kann ein Molekül für die Zelle wertvoll oder schädlich sein. Diese Bedeutung ist ein immaterieller Aspekt des Moleküls, der von der Zelle verstanden wird. Es wird also eine Information übertragen, es wird kommuniziert.

Lebewesen sind folglich informationsverarbeitende Systeme. Sie nehmen Informationen über ihre Umwelt auf und geben Informationen an sie ab. Diese Informationen können in Molekülen bestehen, die von einem Organismus freigesetzt werden und von einem anderen aufgenommen werden. Denken wir an die Duftstoffe, die wir Menschen absondern und riechen, die Pheromone, Überreste einer frühen organischen Kommunikationsform.

Alle Lebewesen, die einfachsten wie die komplexesten, „reden“ mit ihrer Umgebung. Mit der fortschreitenden Differenzierung der Lebewesen im Lauf der Evolution entwickeln sich auch die Kommunikationsformen weiter, indem sie sich verfeinern und erweitern. Doch erscheint die Annahme Sinn zu machen, dass die Grundstrukturen der Sprache schon in ihren einfachsten Formen vorhanden waren – die Formen der Syntax, wie Frage, Antwort, Feststellung, Befehl. Denn sie strukturieren die wichtigsten kommunikativen Prozesse:

  • Die Frage bringt eine eigene Unklarheit zum Ausdruck und die Erwartung, dass der Kommunikationspartner diese Unklarheit beheben kann.
  • Die Feststellung ist die Mitteilung über einen Ist-Zustand, den der Partner von sich aus nicht wahrnehmen kann, z.B. die Aussage über einen eigenen Innenzustand an jemand Außenstehenden.
  • Der Befehl oder die Anweisung will ein bestimmtes Verhalten beim anderen in die Wege leiten.
In der generativen Grammatik nach Noam Chomsky gehen Forscher davon aus, dass die Grundstrukturen der Grammatik angeboren (genetisch vorgeprägt) sind, während die einzelnen Worte einer Sprache erlernt werden. Ich lerne also als Kind von den Sprechern meiner Umgebung die Worte „die Sonne“, „ist“, „hell“, und greife auf ein Strukturmodell zurück, das erlaubt, diese Worte zu einem Satz zu formen. Dieses Modell ist gewissermaßen schon vorhanden und wird dann mit den erlernten Worten gefüllt.

Nach dieser Theorie verfügen wir also über universell gültige Kommunikationsvorlagen, die von den einzelnen Sprachen abgewandelt und mit unterschiedlichen Lautgestalten verknüpft werden. Ich möchte diese Theorie noch erweitern mit der Annahme, dass diese Vorlagen oder Strukturen schon bei den einfachsten Lebensprozessen verwendet werden, einerseits, um die inneren Vorgänge und andererseits, um die Beziehungen zur Umwelt zu regulieren.
 
Die interne Kommunikation

Wie vorstellbar ist, dass z.B. einzellige Lebewesen miteinander kommunizieren (und irgendwann, wenn sie gelernt haben, einander zu vertrauen, sich dann zu Mehrzellern zusammenschließen), so ist es auch möglich, dass innerhalb einer Zelle Kommunikationsvorgänge stattfinden. So könnte z.B. die Membran der Zelle, die eine Zustandsveränderung im Umgebungsmilieu registriert, eine Sachverhaltsdarstellung an andere Instanzen der Zelle weiterleiten, z.B.: der pH-Wert in der Umgebung ist ziemlich niedrig. Dazu vielleicht die Frage: Ist da was zu tun? Dann fällt innerhalb die Entscheidung, dass sich die Zelle möglichst rasch aus der Umgebung zurückziehen sollte, und der Zellkern wird aufgefordert, die dafür notwendigen Gene freizugeben, damit für das Vorhaben genügend geeignete Proteine hergestellt werden können.

Welches Medium die Kommunikation dabei benutzt, welche Signal- oder Botenstoffe dafür verwendet werden, ist hier nicht so wichtig. Mir geht es um die Annahme, dass jedes Kommunikationsmedium, das zur Anwendung gelangt, sich an das grammatikalische Schema halten muss, an die von der jeweiligen Situation erforderte Grundstruktur.

Krankheit als Kommunikationsstörung

In der Psychosomatik ist das Konzept verbreitet, Krankheiten als Störungen der Kommunikation innerhalb des Körpers zu verstehen. Krebszellen z.B. werden so charakterisiert, dass sie nicht mit ihren Nachbarzellen kommunizieren. Sie haben den Kontakt abgebrochen und stimmen sich nicht mehr mit den anderen ab, sondern tun nur mehr das, was ihrem eigenen Programm entspricht. Deshalb beginnen sie sich unkontrolliert, also ohne Absprache mit der Umgebung, zu vermehren.

Kommt es irgendwo im Körper zu einer Schmerzempfindung, so kann diese als Botschaft verstanden werden, dass dort etwas im Ungleichgewicht ist und dass wir uns um diesen Bereich kümmern sollten, um ihn wieder zu normalem Funktionieren zu bringen.

Weiters kann dann nachgeforscht werden, ob innerhalb der Zelle, die zu einer Krebszelle mutiert, eine Kommunikationsstörung stattgefunden hat, die z.B. dazu geführt hat, dass ein Giftstoff in die Zelle hineingelassen wurde, der dann deren Gleichgewicht zerstörte, Stress auslöste und die Kommunikationsabläufe durcheinander brachte, bis schließlich die Zelle kommunikationsunfähig wurde und begann, ein Notfallprogramm abzuwickeln, das sich schließlich destruktiv auf die Umgebung auswirkt.

Die Schwingung der Kommunikation

Neben der grammatikalischen Grundstruktur sollten wir noch Schwingungsaspekte mit berücksichtigen, also Modulationen, die jede Kommunikation „färben“. Als höher entwickelte Lebewesen kennen wir sie als den emotionalen „Tonus“, der angibt, aus welcher Spannungslage die Sprache kommt. Entspannt und ruhig gesprochene Sprache wird anders wirken als aufgeregtes und angespanntes Sprechen. Jedenfalls muss sich auch diese Komponente der Sprache auf die grammatikalischen Grundformen beziehen, um verstanden zu werden.

Die innere Einheit der Welt

Das Modell kann helfen zu verstehen, welche Wirkung wir mit der Sprache erzielen können. Auch wenn wir mit Wesen sprechen, die keiner Menschensprache mächtig sind, können unsere Botschaften ankommen und können wir Nachrichten empfangen, weil wir über Strukturähnlichkeiten verfügen, die jede Lebensform kennt. Deshalb mag es manchen Menschen möglich sein, mit den Vögeln und den Pflanzen zu reden, d.h. zu fragen und zu antworten, Informationen zu geben und zu empfangen. Zum Gelingen dieser Verständigung sind nicht die Worte, sondern die sprachlichen Grundstrukturen maßgeblich.

Wir können auch erkennen, warum die Sprache in der internen Kommunikation oft hilfreich ist, wenn wir z.B. selbstbestärkende Sätze (Affirmationen) anwenden oder wenn wir mit Teilen unserer Innenwelt reden. Mir hilft es z.B. beim Einschlafen, wenn ich mit dem Melatonin in meinem Gehirn rede. Das Modell macht uns auch verständlich, dass wir uns selber behindern können, wenn wir uns selbst abwerten, kritisieren oder entmutigen. Wir können uns selbst krank jammern oder gesund beten, je nachdem, wie wir mit und in unserem Körper kommunizieren.

Sollten diese Überlegungen Sinn machen, so heißt das, dass wir über ein nahezu universal einsetzbares Grundgerüst verfügen, das in die Funktionsweise des Lebens eingewoben ist. Darauf aufbauend, haben alle Lebewesen und alle Gattungen ihre je eigenen Sprachen entwickelt, die die Einzelheiten in die Strukturen einfügen, wie die Worte einer Sprache, die ihre Ordnung und ihren sinnstiftenden Platz in der Grammatik finden. Die Universalgrammatik des Lebens erklärt, warum wir nicht nur von einer Menschensprache zur anderen, sondern auch von der Menschensprache zur Tiersprache und schließlich zu jeder anderen Lebenssprache übersetzen können und warum unsere Lautsprache von der Zellsprache verstanden wird.

So können wir den Grundsatz von Paul Watzlawick: "Man kann nicht nicht kommunizieren" noch umfassender verstehen: Das Leben ist permanente Kommunikation nach innen und nach außen, und wir sind permanent in dieses Netz an Kommunikation eingebunden und speisen es mit unseren eigenen Beiträgen. Das World Wide Web ist gegen dieses riesige Netz an organischer Kommunikation nur ein winziger Abklatsch.

Das Modell der organischen Kommunikation kann schließlich als Baustein dafür dienen, das gesamte Leben und seine anorganische Grundlage als riesige Einheit in Unterschieden zu sehen. Wenn wir weniger die Unterschiede der einzelnen Bereiche (das Leblose, das Lebendige, die Einzeller, die Mehrzeller, die Wirbellosen und die Wirbeltiere usw.) beachten und mehr die Strukturähnlichkeiten, können wir besser erspüren und bestaunen, was es heißt, dass alles mit allem verbunden ist. Es gibt eine tiefe Verwandtschaft unter allem, was aus dem Sternenstaub entsprungen ist.

Dienstag, 5. Juni 2012

Unser Schicksal annehmen

Wir alle kennen Krisen, Katastrophen, Dramen, Irritationen, Verwirrungen usw. Kein Leben ist frei davon. Es handelt sich dabei um Störungen in unserem Verhältnis zur Wirklichkeit, sodass wir mit dem, was in solchen Momenten in unserem Leben passiert, nicht mitgehen können. Wir sondern uns von unserem eigenen Lebensprozess ab und flüchten in eine mentale Zweitwelt. 

Im vorigen Blogbeitrag habe ich beschrieben, dass es Traumatisierungen sind, die solche Vorgänge auslösen. Sie sind als solche schwer zu ertragen, weil sie uns mit Überlebensängsten konfrontieren. Und sie trüben in der Folge unsere Freude am Leben und verstärken unsere Tendenz, uns schlecht zu fühlen und zu leiden. So beginnen wir an unserem Schicksal zu zweifeln und zu verzweifeln.

Dabei schielen wir gerne auf die anderen und denken uns vielleicht, dass es manchen von ihnen besser geht, dass sie weniger leiden als wir und dass sie das Schicksal begünstigt hat, während es uns benachteiligte. So, wie wir leben, gelingt uns das nur, wenn wir den Großteil der Menschheit ausblenden – Milliarden an Menschen, die nicht wissen, wie sie ihr Überleben am nächsten Tag sicherstellen können, Millionen, die an schweren Krankheiten leiden und nicht wissen, wieviele Tage sie noch am Leben sein werden, Tausende, die in Krisen- und Kriegsgebieten leben usw. Solche Ausblendungen sind ein fixer Bestandteil unserer mentalen Zweitwelt, deshalb fallen sie uns gar nicht mehr auf.

So pflegen wir ungestört unsere Vergleiche, wieviel an Schicksal wem zugemutet wird und wer von welchem Leid frei und unbehelligt ist. Wir bestätigen uns dabei unseres eigenen Leidens und unserer Benachteiligung. Solange es jemanden gibt, dem es offensichtlich und unserer Einschätzung nach weniger schlecht geht als uns, solange können wir uns mit Fug und Recht beim Schicksal beschweren, dass es unfair zu uns wäre und dass uns schleunigst eine nachhaltige Besserung unseres Loses zustünde.

Allzu selten werden solche Anklagen positiv erledigt. So wenden wir uns an die religiösen und spirituellen Lehren, um zu verstehen, wie das möglich sei, dass wir so ungerecht behandelt werden. Die einen werden uns erklären, dass wir karmische Schulden aus früheren Leben abtragen müssen, die anderen, dass wir im Jenseits unseren Lohn abholen können, wieder andere, dass das Leben sowieso nur aus Leid besteht und das Ausmaß unwesentlich ist, und noch andere, dass jedes Leiden nur eingebildet ist. 

Je nach Geschmack werden wir uns die eine oder andere Lehre aneignen und damit die intellektuelle Spannung zwischen unserem Selbsterleben und unserem Selbstkonzept verringern. Wir haben eine Erklärung für unser Elend. Doch gibt es auch so etwas wie einen Ausweg aus dem Leiden am Schicksal, eine Aussicht auf ein Ende des Haderns und Anklagens? Können wir aus der Parallelwelt, in die wir uns eingesponnen haben, wieder aussteigen? 

Alles, was es braucht, ist, dass wir unser Schicksal annehmen, zu uns nehmen, dass wir uns mit unserer Lebensgeschichte versöhnen. Unser Leben war, wie es war, mit Phasen des Wachsens und Wohlfühlens, und mit Episoden der Traumatisierung. Diesen Schlüsselmomenten unseres Lebens müssen wir uns stellen und sie noch einmal bewusst durchleben, um ihnen die zerstörerische Kraft zu nehmen. Dann löst sich ein Teil unserer Selbstverstrickung auf und wir nehmen diesen Aspekt des Schicksal zu uns. 

Wenn wir den Weg der Bewusstmachung und Heilung gehen, nähern wir uns Schritt für Schritt der Wirklichkeit unseres Lebens an und verlassen die mentale Zweitwelt, die wir nicht mehr brauchen. Wir öffnen uns für die wunderbaren Seiten dieses Lebens und beginnen, Schicksalsschläge in Herausforderungen umzuwandeln, sodass wir bemerken und wertschätzen, wie wir an den Schwierigkeiten, die uns das Leben bietet, wachsen und stärker werden.

Montag, 4. Juni 2012

Mit dem Leben fließen

Im Fließen des Lebens schwingen wir im Einklang. Alles ist, wie es ist, und verändert sich, wie es sich verändert. Der Prozess des Lebens und die Erfahrung davon sind unmittelbar miteinander verwoben.

Wenn etwas diesen Fluss unterbricht, weil wir es nicht verarbeiten können, nennen wir es ein Trauma. Dabei wird nicht das Fließen des Lebens unterbrochen, sondern die Beziehung, die wir (unser Bewusstsein) zu ihm haben. Es kommt zu einer Spaltung, einer Dissoziation. Unsere Bewusstheit, unsere Aufmerksamkeit trennt sich von der unmittelbaren Lebenserfahrung. 

Dabei bildet sich unser Ego. Es behauptet, vom Fließen des Lebens abgetrennt zu sein. Doch dient es nur dazu, uns vor den unangenehmen Erfahrungen einer schmerzhaften Wirklichkeit zu schützen. Sobald es diese Funktion erfüllt hat, könnte es sich wieder verabschieden. Gefinkelt, wie es ist, redet es uns jedoch ein, dass wir auf der Hut sein sollten, damit uns das Schreckliche der Abtrennung nicht nochmals geschieht. Es macht sich unentbehrlich, indem es immer neue Gefahren und Bedrohungen erfindet. Schließlich halten wir es für die eigentliche Wirklichkeit, und erleben uns getrennt vom Fließen des Lebens.

Befinden wir uns im Käfig der Abtrennung, leiden wir. Wir spüren die Spannung zwischen der Schönheit des fließenden Lebens, und dem abgetrennten Ort, an den uns das Ego verbannt hat. Wir sind wie ein Gefangener, der am winzigen Fenster seiner Zelle nur ab und zu einen Vogel vorbeifliegen sieht und sich nichts sehnlicher wünscht, als dieser Vogel zu sein, der sich frei durch die Lüfte schwingt. Doch uns ist der Weg versperrt, so mächtig hat das Ego von uns Besitz ergriffen.

Unser Leiden macht uns zu Opfern oder zu Tätern. Entweder wir jammern, weil wir leiden, weil wir unzufrieden sind, weil wir zuwenig von dem und jenem kriegen, usw. Oder wir klagen andere an, die an unserem Unglück Schuld sind und machen uns dadurch zu den Tätern. Wir fügen ihnen Leid zu, weil sie unser Leid verursachen.

Ein kleines Beispiel: Ich mache mich morgens auf zu meinen Tätigkeiten und ziehe mir die Schuhe an. Das Schuhband reißt, und zugleich meine Verbundenheit mit dem Fließen des Lebens. Ich schimpfe auf mich, weil ich zu stark am Schuhband gerissen habe, und warum ich es so spät werden ließ, dass ich jetzt zu wenig Zeit habe, um den Schaden wieder zu reparieren. Ich mache mich zum Opfer. Dann schimpfe ich auf die Leute, die diese Schuhbänder hergestellt haben, die nichts aushalten und bei der kleinsten Belastung reißen. Das kann doch nicht normal sein, die sind doch fast noch neu, und schon reißen sie, so ein Schund, und so ein Betrug, einen derartigen Schund zu verkaufen. Ich mache mich zum Täter. Ich vermiese mir meinen Morgen (Opfer) und bin fest der Überzeugung, dass es andere sind, die mir das antun (Täter).

Wenn ich statt dessen einfach bemerke, dass das Schuhband gerissen ist, kurz überlege, ob es sich ausgeht, es noch zusammenzubinden oder ob ich mir andere Schuhe suchen soll, und dann einfach weitermache, dann bleibe ich mit dem Fließen verbunden. Ich genieße diesen Moment und den nächsten, der kommt. 

Viele Menschen spüren zwar die Spannung, wenn sie nicht mit dem Leben, das sie leben, eins sind. Und weil sie ihr Ego nicht aufgeben wollen, ja, es nicht einmal in Frage stellen wollen, reduzieren sie die Spannung, indem sie das Leben reduzieren. Leiden sie an etwas, gibt es Abhilfen – Betäubung durch Gewohnheiten oder Süchte, Dämpfung durch Medikamente oder Abstumpfung, Ablenkung durch kreisförmiges Denken und sinnentleertes Reden. 

Natürlich geht das Leben weiter, doch der eigene Anteil daran wird immer geringer und geringer. Ein Gefühl der Unwirklichkeit und Sinnleere stellt sich ein. Das Ego triumphiert, und das Leiden ist in einem Nebel der Desorientierung und Verwirrung verschwunden.

Was ist die Alternative? Der Blick führt zunächst zurück zu Ursprung der Spaltung, zum Ursprung des Egos. Wir wagen uns mutig an das Trauma heran. Wir stellen uns dem Schrecklichen und Schmerzhaften, weil wir wissen, dass wir nur so unserem Leiden entrinnen können. Wenn wir den Moment der Traumatisierung erwischen und die Aufmerksamkeit und die Bewusstheit in den Gefühlen, so schrecklich sie sein mögen, beibehalten, löst sich der Bann. Wir finden zurück zum Fließen des Lebens. Wir sind eins mit unserer Wirklichkeitserfahrung. Und der Teil des Egos, der sich in der Abspaltung im Trauma gebildet hat, verschwindet. Statt dessen haben wir ein Stück innerer Freiheit gewonnen und fließen wieder leichter mit dem Leben mit, statt es „von außen“ zu kommentieren.

Schließlich ist ja jedes Kommentieren und jedes Agieren unseres Egos auch Teil des großen Lebensprozesses, allerdings ein Teil, der nichts zum Wachsen des Ganzen beiträgt, sondern sich querlegt. So legen wir immer wieder mal unsere „Ehrenrunden“ ein, wie die Systemiker sagen, die leeren Kilometer, nach denen wir mit Kater aufwachen. Dann aber haben wir wieder die Chance, statt auf das Opfer-Täter-Muster einzusteigen uns gleich wieder mit dem Fließen des Lebens verbinden und mitschwimmen, wohin auch immer es uns trägt.

Mittwoch, 16. Mai 2012

Das Kreuz mit den Kreuzen

Unter den fast 3 Millionen Soldaten, die das Eiserne Kreuz während des 2. Weltkrieges erhalten haben, waren sicher auch viele Österreicher, wenngleich sie im staatsrechtlichen Sinn zu diesem Zeitpunkt keine Österreicher waren, weil es offiziell kein Österreich mehr gegeben hat. Die Nationalsozialisten haben bekanntlich nicht nur den Staat im gesamtdeutschen Reich aufgelöst, sondern auch den Namen und seine Anwendung verboten. Also haben die Österreicher, die das Eiserne Kreuz erhalten haben, dieses als deutsche Staatsangehörige erhalten. 1945, nach dem Ende des Nationalsozialismus und der Wiederherstellung von Österreich haben sich diese dann von deutschen Staatsbürgern wieder in österreichische verwandelt.

Die Eisernen Kreuze, die während des 2. Weltkrieges verliehen wurden, trugen alle ein Hakenkreuz im Zentrum. Dieses ist als Symbol im Rahmen des Verbotes der Wiederbetätigung, zu dem sich Österreich im Staatsvertrag verpflichtet hat, verboten, während das Verbot des Eisernen Kreuzes 1957 aufgehoben wurde. Es ist also zulässig, ein Eisernes Kreuz in der Öffentlichkeit aufzustellen und zu tragen.

Wollte man jedoch mit der Aufstellung eines Eisernen Kreuzes der österreichischen Träger des Eisernen Kreuzes gedenken, gibt es diese zwei Schwierigkeiten: Kein „Österreicher“ hat je als Österreicher das Eiserne Kreuz erhalten, sondern nur preußische und später deutsche Wehrmachtsangehörige (darunter auch welche aus dem damals ehemaligen Österreich), und diese verliehenen Orden waren alle mit einem Hakenkreuz versehen. Wenn nun jemand behauptet, mit dem Eisernen Kreuz solle an die Heldentaten von Österreichern im 2. Weltkrieg erinnert werden, müsste er ein originales Eisernes Kreuz mit Hakenkreuz aufstellen, was nicht erlaubt ist. Wird nun eines, wie in Tullnerbach, ohne Hakenkreuz aufgestellt, so möchte man vielleicht darauf hinweisen, dass ja die deutsche Wehrmacht (symbolisiert durch das Eiserne Kreuz) und die Nationalsozialisten (symbolisiert durch das Hakenkreuz) nichts miteinander zu tun hatten.

Viele Veteranen des 2. Weltkrieges flüchten sich in die Theorie, die Wehrmacht habe redlich und „menschlich“ gekämpft, nach den Normen des Völker- und Kriegsrechts, und die Verbrechen seien alle von den bösen SS-Einheiten begangen worden. So einfach ist das leider nicht, es gibt eine Unzahl von Dokumenten, die eindeutig belegen, dass Wehrmachtsangehörige Kriegsverbrechen begangen und in Massenmorde verwickelt waren. Das Böse zieht sich durch alle Teile des Machtapparates durch, und keine der Organisationen kann ihre Hände in Unschuld wachsen.

Das heißt nicht, wie oft dann als Gegenreaktion unterstellt wird, dass alle Wehrmachtsangehörige Verbrecher waren. Abgesehen davon, dass der ganze Krieg als Verbrechen gewertet werden kann, gibt es sicher Millionen von Soldaten, die sich keiner Verbrechen schuldig gemacht haben. Die Mitverantwortung, die jeder Soldat an einem Krieg trägt, insofern er mitkämpft und dazu beiträgt, dass Menschen zu Tode kommen und Werte vernichtet werden, wurde in den meisten Fällen aufgewogen durch den Zwang zum Einrücken und damit der Unterwerfungen unter den Befehlsnotstand sowie durch die Notwehr im Gefecht.

Symbole sind Bedeutungsträger. Durch ihre Verwendung ändert sich ihre Bedeutung. Das Eiserne Kreuz von 1813, wo es an Kämpfer in den Kriegen zwischen Preußen und Frankreich erstmals verliehen wurde,  trägt eine andere Bedeutung als z.B. das von 1944, als es dem Vernichter des Warschauer Ghettos überreicht wurde. Seither „haftet“ dieses und alle anderen Verbrechen an dem Symbol, wie auch alle anderen Taten, für die es verliehen wurde. In diesem Wissen schauen uns also auch die Verbrechen an, wenn wir das Symbol betrachten, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.

Je mehr Klarheit aus dem Wissen über historische Fakten in unsere Urteile einfließt, desto leichter können wir mit der Vergangenheit ins Reine kommen. Wenn wir Symbole nutzen und zur Schau stellen, ohne deren Bedeutung zu reflektieren, verschleiern wir unseren Blick auf die Geschichte und tragen dazu bei, dass auch der Blick der Gesellschaft auf die Geschichte verschleiert bleibt. Damit bleibt die Geschichte im Unklaren und wird sich so lange immer wieder melden, bis wir, die Gesellschaft, bereit sind, sie ohne unsere Vorurteile und vorgeprägten Erwartungen anzuschauen, in all ihren furchtbaren und dunklen Seiten, in all ihren guten und förderlichen Aspekten.

Sonntag, 13. Mai 2012

Zelebriere deine eigene Zelebrität

Haben wir das alle in uns, dass wir berühmt sein wollen? Und wie ist es bei denen, die sagen, ich doch nicht? Beschwindeln wir uns dabei nicht? Schauen wir nicht alle ein Stück von unten nach oben zu denen, die sich da im Himmel der Celebrities tummeln?

Wir wären keine Menschen (zumindest der westlichen Welt und Erziehung), wenn wir nicht auch eine narzisstische Ader hätten, also geben wir es einfach zu! Eine Spielart davon ist eben der Wunsch nach Ruhm und Bewunderung.

Zu dem Thema eine kleine Fantasie: Herr Einstein trifft Herrn Müller auf einer Party. Beide stellen sich vor, und Herr Müller fragt Herrn Einstein, was er denn so macht. Dieser antwortet darauf: „Ich habe die Relativitätstheorie erfunden.“ Herr Müller meint dazu: „Na, darauf brauchen Sie sich nicht viel einzubilden. Ich sage immer schon zu meiner Frau, wenn sie sich über mich aufregt, dass alles relativ ist, ohne dass das eine Wirkung hätte. Die Relativitätstheorie können Sie vergessen.“

Es wird Millionen von Menschen geben, die selbst von einer Megaberühmtheit wie Einstein nie etwas gehört haben, Millionen, die nicht wissen, wer der Dalai Lama und wer Lady Gaga ist. 

Was ist wirklich der Unterschied, ob mich 20 Leute kennen oder 20 Millionen? Bin ich dadurch als Mensch bedeutender und wichtiger, bin ich dadurch erst besonders und unvergleichlich?

Wir assoziieren viel mit Berühtmheit, Reichtum, Glück, Einfluss, Freiheit von Sorgen, Besonderheit, Macht usw. Im Grund sehen wir im Berühmtsein einen Schlüssel zur Angstfreiheit. Wenn wir berühmt wären, dann könnte es uns nicht mehr passieren, dass uns die Menschen nicht beachten, dass wir uns hinten anstellen müssen. Statt dessen würden uns die Menschen ganz wichtig nehmen, sodass es uns an nichts mehr fehlen kann. Wir kriegen von überall das Beste, an Zuwendung und an Mitteln. Wer berühmt ist, leidet keinen Mangel mehr und ist seiner Probleme enthoben.

Wir projizieren unsere Wünsche auf die Menschen, die oben auf der Rampe stehen und den Jubel huldvoll entgegennehmen. Wir sind darin wie die Kinder, die denken, dass es die Erwachsenen um so viel leichter haben, weil sie so viel können und haben. In diesen Fantasien erholen wir uns von der Verantwortung, die wir für unser Leben tragen, und die uns manchmal belastet. Da hilft es, sich vorzustellen, wie alles gut werden würde, wenn nur der große Sprung gelingt. Solange uns das Glück nicht hold ist, bis es uns endlich aus der Mittelmäßigkeit nach oben katapultiert, solange haben wir Grund, am Jammern und Resignieren festzuhalten.

Unschwer erkennen wir allerdings (und wissen es auch insgeheim), dass jede dieser Fantasien alle einen Pferdfuß haben – viele Berühmtheiten leiden unter ihrer Bekanntheit, dass sie jeder auf der Straße anstarrt oder anredet; andere haben Geld wie Heu und sind trotzdem von nichts anderem getrieben als davon, noch mehr anzuhäufen; wieder andere werden von allen bewundert, kriegen aber ihre Finanzen nicht auf die Reihe; noch andere vereinsamen inmitten ihrer Grandiosität. 

Deshalb lesen wir so gerne die Illustrierten, die uns mit allen Details über Glück und Unglück im Leben der Promis versorgen. Wir werfen Seitenblicke in ihre Welt, um zu erkennen, dass es dort auch nicht anders zugeht als in unserer kleinen Welt. Und doch nähren wir dabei unseren Neid: Schön wäre es doch, dazu zu gehören, sooo viel Geld zu haben, und sooo viele Verehrer, sooo schön zu sein und sooo klug. Denn damit sagen wir uns selber: ich mit meinem wenigen Geld und meiner geringen Bekanntheit, meiner fehlerhaften Schönheit und meiner beschränkten Intelligenz. 

Also sollten wir Nicht-Promis immer wieder den Blick zu uns selbst zurück wenden und, wenn es schon sein muss, unsere Besuche in der Welt der Promis kurz und bescheiden halten. Wenn wir das tun, dann dazu, um unsere eigenen Qualitäten wertzuschätzen, das, was wir haben, was wir aus uns gemacht haben und was wir an Potenzial in uns noch zur Entfaltung bringen können. Wieso soll ein geliftetes und auf ein bestimmtes Schönheitsideal hinoperiertes Gesicht schöner sein als das, das wir von der Existenz geschenkt bekommen haben? Wieso soll das, was wir gut können – Pflanzen zum Blühen zu bringen, für Ordnung in der Küche sorgen zu können, gut mit Freunden reden zu können usw. –, also all die Dinge, die wir als klein bezeichnen und vielleicht für selbstverständlich nehmen, wieso soll all das weniger Wert sein als das Lied eines Sängers, der sich damit Wochen in der Hitparade hält, ein Bild, das am Kunstmarkt einen Höchstpreis erzielt oder ein schönes Tor, das die millionenschweren Beine eines Fußballstars zustande gebracht haben? 

Es gibt eine feine Grenze zwischen dem, was wir an den Begabungen und Leistungen anderer Menschen vorbehaltlos und selbstlos bewundern und dem, was wir auch gerne wären oder hätten. Im einen Fall anerkennen wir die andere Person als das, was sie ist, im anderen steckt hinter der Bewunderung der Wunsch, so zu sein wie die andere Person.

Der Unterschied wird dadurch markiert, ob wir uns mit der anderen Person vergleichen oder ob wir die andere Person in ihrem Sosein genauso schätzen können, wie wir uns selber in unserem Sosein wertschätzen. Sobald wir ins Vergleichen kommen, verlieren wir selber und tun im Grunde auch der anderen Person unrecht, die ja in Wirklichkeit nicht in Bezug auf uns so ist wie sie ist, sondern weil sie ganz einfach so ist, wie sie ist. 

So tappen wir in eine häufig genutzte Egofalle: Wir bewundern die Berühmtheit, wollen so sein wie sie und verleugnen dabei uns selbst. Die einfache Abhilfe besteht darin, zu durchschauen, was wir da aufführen und unsere eigene Besonderheit zu zelebrieren. Gelegenheit dazu gibt es wie Sand am Meer, denn schon fast so viele Prominente werden tagtäglich von der Unterhaltungsindustrie und den Medienmachern produziert, sodass wir der omnipräsenten Prominenz kaum entkommen können.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Eisernes Kreuz auf österreichischen Denkmälern

In Tullnerbach bei Wien prangt auf dem Denkmal der Gefallen und Opfer der Weltkriege ein Eisernes Kreuz. Dieses ist ein ursprünglich preußischer Militärorden, gestiftet 1813 vom damaligen König Friedrich Wilhelm III. Nun, wir mögen zu den Preußen stehen, wie wir wollen; wir sind trotzdem in Österreich, und es ist nicht selbstverständlich, einen öffentlichen Platz mit einem Symbol des preußischen Militarismus zu schmücken.

Dazu kommt noch, dass dieser Orden im 2. Weltkrieg  (mit einem Hakenkreuz im Zentrum) nicht nur massenhaft an Wehrmachts- und SS-Soldaten sowie Ordnungspolizisten verliehen wurde, sondern auch an Kriegsverbrecher und Massenmörder gerade für ihre Verbrechen. Der in Klagenfurt lehrende Historiker Dieter Pohl hat dazu einige erschütternde Dokumente veröffentlicht: „Geehrt“ wurden u.a. Jürgen Stroop, der Vernichter des Warschauer Ghettos sowie Rudolf Lange und Friedrich Jeckeln, die für zahllose Mordaktionen in Osteuropa verantwortlich sind. (http://www.zeit.de/2008/24/Eisernes-Kreuz)

Ein Zitat gefällig?  
"So übernahm das Polizeibataillon 309 bereits Ende Juni 1941 die »Säuberung« der gerade eroberten Stadt Białystok. Dabei trieben die deutschen Polizisten Hunderte von Juden in eine Synagoge, steckten diese in Brand und schossen auf alle, die verzweifelt dem Tod zu entkommen suchten. Nur wenige Tage danach machte das Sicherungsregiment 2, also eine Heereseinheit, den Vorschlag, den Bataillonskommandeur Ernst Weis mit der Spange zum EK II zu ehren: »Er persönlich und sein Bataillon waren stets hilfsbereit zur Stelle. Die Säuberungsaktion seines Btl. hat dazu beigetragen, daß Stadt und Umgebung in verhältnismäßig kurzer Zeit befriedet wurden. Er ist der Auszeichnung würdig.«"

1957 wurde der Gebrauch des Eisernen Kreuzes in Österreich wieder erlaubt, aus Gründen, die mir nicht bekannt sind. Vermutlich wusste man damals nicht (oder wollte es nicht wissen), dass das EK mit Kriegsverbrechen assoziiert ist.

Heute wissen wir es. Und heute sollten wir ein Unbehagen empfinden, wenn uns dieses Symbol in der Öffentlichkeit begegnet. Nicht nur, wenn es Rechtsradikalen, Skinheads oder Neonazis am Hals baumelt, nicht nur, wenn es in den deutschen Versionen von Ego-Shooter-Spielen das Hakenkreuz ersetzt, sondern gerade auch dann, wenn es in Stein gemeißelt einen öffentlichen Platz dominiert – und uns fragen, ob das wirklich sein muss.

Auch kann die Frage gestellt werden, ob gerade dieses Symbol dazu dienen kann, der in den Weltkriegen gefallenen Tullnerbacher zu gedenken. Wollen wir sie mit Verbrechern in Verbindung bringen, noch dazu mit Hilfe eines preußischen Symbols? 

Oder was steckt eigentlich dahinter, dass gerade dieser Orden ausgewählt wurde? Es gibt ja auch das Leopoldskreuz (das der Kameradschaftsbund als Logo verwendet), ein österreichisches Pendant zum Eisernen Kreuz – aber nein, es muss das Preußenkreuz sein. Als Anerkennung der Nibelungentreue des Deutschen Reiches zur taumelnden österreichisch-ungarischen Monarchie im 1. Weltkrieg oder im Glorifizieren der Eingliederung des österreichischen Bundesheeres in die Deutsche Wehrmacht 1938? Oder soll den Mitgliedern der Wehrmacht und SS, die aus dem 7 Jahre lange nicht existenten Österreich stammten, und das EK erhalten haben, eine besondere Ehre erwiesen werden?

Der Gemeinderat von Tullnerbach, dem ich die Sachlage zur Kenntnis gebracht habe mit dem Ersuchen, das Eiserne Kreuz vom Denkmal zu entfernen, sieht keinen Anlass zu einer Änderung. Eine aus meiner Sicht fadenscheinige Begründung lautet, dass die österreichisch-ungarische Armee das Eiserne Kreuz als Hoheitszeichen im 1. Weltkrieg verwendet hat, was tatsächlich in einzelnen Fällen in der Luftwaffe vorgekommen ist, weil die Hoheitszeichen der k.u.k.-Armee schlecht erkennbar waren, sodass die Flugzeuge von den eigenen Truppen abgeschossen wurden. Außerdem hat man das Eiserne Kreuz auf Flugzeugen bestehen lassen, die aus Deutschland geliefert worden waren. 

Wenn dem auch so gewesen sein mag, ist das ein recht dünnes Argument. Dennoch, und so kann es auf den Punkt gebracht werden: Der Gemeinderat befürwortet mehrheitlich die öffentliche Zurschaustellung eines preußischen Militärordens, der mit Nazi-Verbrechen in Verbindung steht, mitten in Österreich.

Mittwoch, 9. Mai 2012

Futter für die Ängste


Den Gratisschlagzeilen in diesen Tagen zufolge zittern die restlichen Europäer, weil sie von den Griechen ins Chaos gestürzt wurden. Es nämlich nach den Wahlen die Aktienkurse um ein paar Prozente gesunken, d.h. die Besitzer dieser Aktien sind um diesen Betrag ärmer geworden, um den sie in den vorigen Monaten reicher geworden sind.

So weit, so tragisch. Was die Schlagzeiler wollen, ist, dass mit den bedauernswerten Aktienbesitzern alle Nichtaktienbesitzer mitleiden und mitzittern. Ein solidarisches Zittern soll durch Europa gehen, und solidarisch sollen die, die weniger haben, mit denen sein, die mehr haben, aber diesen Vorsprung schwinden sehen. Damit sich die Aktienbesitzer und Eurospekulanten nicht so alleine fühlen.
Die Hunde zittern, die Karawane zieht weiter. Vielleicht hat sie etwas Neues gelernt auf ihrem mühseligen Weg: Dass es riskant ist, wenn die Wirtschafts- und Währungsräume vereinheitlicht werden, während die politischen Strukturen aufgeteilt bleiben. Die Politik hat zwar in ihrer neoliberalen Blauäugigkeit der Wirtschaft die Rutsche gelegt, nach dem Motto: Das wird schon klappen, das wird der Markt schon richten.

Wieder einmal haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Solange einerseits die individuelle Gier und andererseits der nationalstaatliche Egoismus nicht überwunden sind, wird es immer wieder zu massiven Rückfällen in der Entwicklung kommen. Die Menschen (und die Politiker fallen auch unter diese Kategorie) können weiterhin so tun, als ende das Gemeinwesen an den nationalen Grenzen, brauchen sich aber nicht zu wundern, dass sich das Kapital nicht an diese Grenzen hält und der kleinlichen und kleinmeierischen Politiker und ihrer Anhänger spottet, die „für ihre Leute“ das Beste herausholen wollen.

Krisenzeiten, vor allem die herbeigeredeten und medial erzeugten, bringen Ängste hoch, und die Angst behindert jedes visionäre Planen und kreative Weitergehen. Das ist wohl das Interesse der Gratisschlagzeiler: Solange die Menschen ihre Ängste haben, werden sie sich Trost und Futter in den bedruckten Papierblättern suchen.

Dienstag, 27. März 2012

Der Betrugskapitalismus - aus der Sicht der Nachfahren

In 50, 100 oder noch mehr Jahren wird vielleicht über das Jahr 2012 nichts vermerkt werden, außer dass die Chancen versäumt wurden, Lehren aus dem Desaster des Turbokapitalismus in den Jahren zuvor zu ziehen. Nicht einmal die Einführung einer Finanztransaktionssteuer im Rahmen der EU sei gelungen, gescheitert an nationalen Egoismen, die sich auf die Listigkeit des Kapitals beriefen, dorthin zu flüchten, wo es sich am schnellsten vermehren kann und die weiterhin Brutstätten für die maximale Vermehrung zur Verfügung stellen wollten.
Mit Bedauern würden die Menschen zurückblicken auf eine Zeit der Borniertheit und Engstirnigkeit, der individuellen und nationalen Gier und Rücksichtslosigkeit. Wie lange hatte es gedauert, bis endlich die Vernunft und die Menschlichkeit gesiegt hatte und eine Weltregierung mit einem Welt-Finanzministerium eingeführt worden war. Gegen dessen Regulierungsmacht hatte das Kapital keine Chance, keine Fluchtmöglichkeit mehr. Es gab keine geschützten Finanzplätze in London oder New York mehr, keine steuerfreien Inselstaaten und keine Piratenhäfen für das vagabundierende Kapital.
Der Wahnsinn war eingedämmt, die wildgewordene Gier besänftigt, die zuvor ganze Bevölkerungsschichten verarmen hatte lassen, während sich die Verursacher der Massenausbeutung maßlos bereichern konnten. Damals, als den Menschen dämmerte, was sie sich eingehandelt hatten und wie sie an dem System, das sie selbst ausbeutete, mitwirkten, kam der Begriff des Betrugskapitalismus auf und führte zur gesellschaftlichen Ächtung von allen riskanten Finanzgeschäften, die das Risiko der Gesellschaft aufbürdeten und die Gewinne den Einzelnen. Einer so großen Zahl von Menschen war bewusst geworden, wie sie systematisch getäuscht, belogen und abgezockt worden waren.
Doch hatte letztlich die Erkenntnis, dass sich die Menschen einem Finanzsystem unterworfen hatten, das ihnen vor allem Schaden zufügte, wesentlich dazu beigetragen, dass sich nach und nach alle Staaten der Welt zu gemeinsamen Regulierungen zusammenfanden, bis schließlich auch die USA, am Rand des Zusammenbruchs der eigenen Wirtschaft, in den USW (United States of the World) aufgingen.
Und relativ schnell zeigte sich, wie auf der Basis eines weltweit vernetzten Verantwortungsgefühls das Finanzsystem von individuellen und nationalen Machtinteressen gereinigt werden konnte und zunehmend dabei mitwirkte, den Wohlstand auf der ganzen Welt auf ein gemeinsames Niveau zu heben.
("Deutscher Finanzminister erteilt Börsensteuer Abfuhr" Die Presse, 26.3.2012)

Samstag, 24. März 2012

Alchemie im 21. Jahrhundert: Feinstoffliches wird grobstofflich


Eine Standardfrage im gegenwärtig tagenden Untersuchungsausschuss des österreichischen Parlaments lautet: „Und was war die Gegenleistung?“ Die Antwort darauf lautete meist, man entschlage sich der Antwort. Nun, nicht so Herr Meischberger, wohl einer der unterschätztesten Persönlichkeiten auf unserem Planeten, zumindest in meiner Sicht, wie ich zugeben muss. Er benannte als Gegenleistung „eben das Feinstoffliche.“ 

Nun, wenn das nicht eine schöne Summe grobstofflichen Geldes wert ist, was dann? Da kann man ja nur einen Fantasiebetrag als angemessen betrachten. Denn wie soll sich eine derartige Leistung in Geld ausdrücken? Der Blick, die Aura, die bloße Gegenwärtigkeit eines Herrn Maischberger muss einfach so umwerfend in ihrer feinstofflichen Qualität sein, dass es kein wirklich angemessenes Äquivalent dafür geben kann, nein, das kann nur eine willkürlich gewählte Summe sein, die sich gut und rund anfühlt, nicht 93 478,- oder 109 168,-, oh wie hässlich, nein, 100 000,-, das fühlt sich gut an, das hat eine gute Schwingung. Da passt sich das Grobstoffliche ans Feinstoffliche an, wie es sein soll, schmiegsam und geschmeidig. Die Leistung hat eine Gegenleistung, da ist pure Resonanz.

Wirklich eine beeindruckende Zeit: Viele suchen den Weg vom Groben zum Feinen, und genial, da tritt jemand auf und belegt überzeugend das Gegenteil: Die unermessliche Qualität der eigenen Person in der groben Form der runden Summe nonchalant einzustreifen und damit in die Niederungen des Gewöhnlichen herunterzusteigen, mit all dem enormen Aufwand an Feinstofflichkeit.

Das Füllhorn der Telefoniefirma, die zur Hälfte der Republik gehört (und das ist nicht irgendein Apparat, sondern das sind wir), schüttete just zu dem Zeitpunkt üppigst das Grobe an die Feinstofflichen aus, als Tausende Mitarbeiter zur Kündigung freigesetzt wurden. Wer bis dahin zwischen diesen Vorgängen keinerlei Zusammenhang vermutet hat, wird jetzt eines Besseren belehrt. Woher kann dieser Mut, diese Klarheit, diese tiefe Menschlichkeit kommen, die für eine solche einschneidende Maßnahme notwendig ist, als durch einen enormen feinstofflichen Einfluss? Wer käme sonst auf die kühne Idee, Menschen, die vielleicht schon immer unglücklich an ihrem grobstofflichen Arbeitsplatz waren, endlich die Gelegenheit zu bieten, ihre eigentliche Bestimmung im Feinstofflichen zu finden. Für diese Gegenläufigkeit braucht es einfach einen Ausgleich in der anderen Richtung, und der darf angesichts der Größe der Tat nicht zu gering bemessen sein. Das Geld also nicht zu den Ruachlern im Groben, nein, den Feinen gebührt es, den Meistern des Feinstofflichen. Welch profunde Weisheit offenbart sich in solchen banalen Vorgängen!

Und es gibt allen, die an der Lernfähigkeit der ÖsterreicherInnen zweifeln, ein für alle mal unrecht: Ja, wir haben gelernt, was Demokratie ist, nicht einmal hundert Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs: Wir müssen nicht gräflicher Abkunft sein, nein, auch als Installateur und Tankstellenbetreiber dürfen wir uns Hoffnungen machen, das große Los zu ziehen. Es genügt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute zu kennen.