Sonntag, 23. Oktober 2011

Die Krise und die Menschen

Die Finanzkrise ist in aller Munde und kann auch mal zu flauen Gefühlen in der Magengrube beitragen. Es ist die Rede von Geldbeträgen, die jede Vorstellungskraft übersteigen, die von einem Rettungsschirm in den anderen geschaufelt werden, von einem Land ins andere. Wir hören von drastischen Einschnitten in den Sozialprogrammen und anderen Rückbauten im Wohlstandsniveau bei den überschuldeten Ländern und sehen die Bilder von den wütenden Protesten dagegen.

Wir wissen nicht, wie sich die Krise weiter entwickeln wird und wie schwer es uns betreffen wird – soweit wir nicht in den im Moment am stärksten betroffenen Ländern leben. Wir vernehmen, was uns die Experten erklären und welche Lösungen sie vorschlagen, und erkennen, auch wenn wir keine Experten in Finanzpolitik, Bankwesen und Volkswirtschaftslehre sind, dass sie nichts weiter anbieten können als ein breites Spektrum von Spekulationen. Die einen prophezeien den Kollaps des Euro und in der Folge der Weltwirtschaft, wenn die Pleite-Länder weiter unterstützt werden, die anderen, wenn sie nicht mehr unterstützt werden, sondern eben pleite gehen. 

Unsere Politiker suchen sich dann diejenigen Experten-Spekulanten aus, die ihnen am besten in ihr politisches Spektrum passt. Dabei fällt wieder einmal auf, dass die rechten Parteien zum Schulterschluss unter dem Nationalego blasen – wir bunkern uns ein auf unserer seligen Insel, die Welt um uns soll ruhig untergehen, kein Cent mehr sollen die faulen Säcke kriegen. Die Wirtschaftsgemeinschaft nutzen wir solange, solange sie uns Gewinne ins Land schaufelt, wenn es schwieriger wird, schotten wir uns einfach ab, und versaufen diese Gewinne an den Biertischen.

Die meisten Parteien, die in Europa die Regierungen stellen (mit Ausnahme der Slowakei), gehen den anderen Weg und hoffen, dass die Transferzahlungen aus den Rettungsschirmen irgendwann ein Ende finden und dass die Volkswirschaften die Milliardenbeträge erwirtschaften können. Niemand kann wissen, ob diese Strategie erfolgreich ist und wohin sie führen wird.

Andere wieder fordern, dass die Entscheidungen, die da von den Regierungen und EU-Institutionen getroffen werden, dem „Volk“ zur Abstimmung vorgelegt werden sollten. Schön, aber über welche Entscheidungsgrundlagen verfügt das „Volk“? Noch viel weniger und dürftiger als die, die unsere Politiker haben, die wir dafür gewählt haben und bezahlen, dass sie sich eingehend und verantwortungsvoll mit den Problemen auseinandersetzen.

Allerdings ist die Erwartung naiv, dass es irgendwo, unter den Politikern oder unter den Experten, einen geben soll, der die Lösung des Rätsels kennt, wie Ödipus, der Theben mit seiner Klugheit von der Sphynx befreit. Oder wie die Deutschen und Österreicher in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die sich von einem „starken Mann“ die Befreiung aus allen Nöten erhofft haben. Jeder „Mann“, der da heute aufsteht und behauptet, „die“ Lösung zu kennen, ist ein Schwindler und Betrüger. Die Problematik ist so komplex, dass sie ein einzelner Mensch nicht durchschauen kann, und jeder, der das behauptet, täuscht sich selbst.

Und das ist einfach die Situation, in der wir uns befinden. Wir wissen nicht, in welche Zukunft uns die Maßnahmen führen, die gerade beschlossen und durchgeführt werden. Es gibt nichts Vergleichbares in der Geschichte der Menschheit, das uns als Modell dienen könnte. Wir sind ganz auf uns gestellt, auf dem Raumschiff Erde, im 21. Jahrhundert. Wir wissen nicht, ob dieses Wirtschaftssystem, das uns so viele schöne Dinge beschert hat, in dieser Form weiter bestehen wird, wir wissen nicht, ob der Wohlstand, dessen Segnungen wir mit großer Selbstverständlichkeit  genießen, weiter wachsen wird. Wir wissen nicht, ob das europäische Staatensystem die Krise überleben wird usw. 

Die Zukunft ist unsicher, und es scheint um mehr zu gehen, und deshalb reagieren wir auch mit mehr Irritation und Angst. Außerdem werden wir dauernd mit Informationen gefüttert, die in jedem zweiten Satz das Wort „Krise“ enthalten. Dazu kommt, dass wir wenig bis gar nichts tun können. Wir können nicht einmal für die armen Griechen spenden wie für die Katastrophenopfern oder Verhungernden sonstwo auf der Welt. Wer hat schon die Milliarden in der Sparbüchse, die dort gebraucht werden? 

Die Zukunft ist unsicher, und das war sie schon immer, und das wird sie immer sein. Nehmen wir die Situation, in der wir uns befinden, als Gelegenheit, um uns klar zu werden, was uns wirklich wichtig ist im Leben. Der Wohlstand, in den wir hineingeboren wurden, bietet viele Annehmlichkeiten und Vorzüge, aber er ist im Grund nur eine Randerscheinung für das, was uns wirklich erfüllt und Glück beschert.

Und vertrauen wir darauf (das ist meine Botschaft, die ich aus dem Einblick in die Kraft der Bewusstseinsevolution verkünde...), dass wir in dieser Situation der systemischen Vernunft eine Chance geben müssen, weil wir anders nicht weiterkommen. Wir werden, ob wir das wollen oder nicht, unsere Egoismen ein Stück weiter hinter uns lassen müssen und damit – als Einzelne, als Gesellschaften und als politische Einheiten – ein Stück reifer werden. Gleich, was die Zukunft bringen wird, das systemische Bewusstsein wird mehr Raum einnehmen und den Boden bereiten für den nächsten Reifungsschritt, der uns ins holistische Bewusstsein führen wird. 

Gehen wir den Weg gemeinsam!

Samstag, 8. Oktober 2011

Zu viel, zu intensiv, zu schnell

Nach dem berühmten Traumaforscher Peter Levine ist eine traumatische Erfahrung gekennzeichnet durch: zu viel, zu intensiv, zu schnell.

Da haben wir schon die Leitvorstellungen unserer Lebenskultur: Wir wollen viel, wollen es intensiv und schnell. Wer will wenig? Vielleicht weniger Anstrengung oder Arbeitszeit oder Konflikt. Aber was die Dinge und Zahlen anbetrifft, soll es immer mehr werden. Wenig am Konto und wenig im Kühlschrank bedeutet Mangel, Mangel bedeutet Gefahr, und Gefahr wollen wir nicht, sondern Sicherheit. Davon können wir nicht genug kriegen. Also soll nicht nur der Kühlschrank, sondern auch die Tiefkühltruhe voll sein, und daneben die Regale des Vorratskellers. Das Konto dagegen ist nie voll genug, es gibt immer noch mehr, was darin Platz finden könnte, und die Sicherheit, die das gibt, ist äußerst fragil. Ich kann nie sicher sein, ob nicht am nächsten Tag eine riesige Rechnung aus irgendeiner Sache, die ich längst vergessen hatte, auftaucht, oder eine Einzahlung, auf die ich warte, nicht kommt. Es könnte auch ein Schicksalsschlag über mich hereinbrechen, der alle Mittel fordert. Also strebe ich nach mehr, mehr, ohne je auf der sicheren Seite zu landen.

Intensität ist ein weiterer Lockvogel, dem wir gerne auf den Leim gehen. Wir sind einen hohen Reizpegel gewohnt, weil wir in Umgebungen aufgewachsen sind und leben, die uns dauernd herausfordern. Fehlt die Herausforderung durch einen starken Reiz, wird uns sofort fad. Etwas Spannendes muss her, und wenn das ausgelutscht ist, braucht es den nächsten Kick. Wenn wir von einem Fernsehkanal zum nächsten zappen, damit unser Intensitätshunger gestillt wird, geht es uns wie Drogensüchtigen. Ein Event jagt das nächste, und damit sind wir gleich beim dritten Thema:

Die Schnelligkeit, ein Fetisch unserer Zeit. Es gibt Preise für die Schnellsten, im Laufen, Reden, Kochen, Rappen... Es gibt keine Preise für die Langsamsten, für die, die entschleunigen, beruhigen und ausgleichen. Die ganze Aufmerksamkeit geht zu den Lauten, Aufgeregten, Hektischen und Hysterischen, in den Medien, in der Politik und der Wirtschaft. „Beeil dich schon, trödel nicht so herum,“ so lautet die häufige Schelte an ein Kind, das das Prinzip der bedingungslosen Schnelligkeit noch nicht verstanden hat, das die Erwachsenenwelt dominiert. Dort wird jede Bremsung als Blockierung des eigenen Strebens und Weiterkommens interpretiert. Kaum kommt das Auto zum Stehen im Stau oder vor einer Ampel, setzt die Unruhe ein, die zum schnellen Weiterkommen drängt. Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass wir Zeit gewinnen, wenn alles steht – zum Atemholen und Zurücklehnen. Wir sind überzeugt, dass es die Zeit nicht gibt, die niemand verlieren will.

Zu viel, zu intensiv, zu schnell – das war die Erfahrung bei einer Traumatisierung, die irgendwann passiert ist, früh im Leben, vielleicht schon weit vor der Geburt. In unserer Lebensform ist diese Traumastruktur allgegenwärtig, und es scheint geradezu, dass die Art, wie wir unser Leben gestalten, davon getragen ist. Damit reproduzieren wir unsere Traumatisierungen immer wieder und wieder, mit unserem Drängen: „Wann kommt endlich der Kellner? Wie lange braucht der noch vor mir in der Schlange? Wann wird der Film endlich spannend? Warum fährt der vor mir so langsam?“

Schließlich verstehen wir nur mehr eine Welt von Traumatisierten. Alles andere ist uns fremd und irritiert uns. Das Gestörte ist uns vertraut, das Verängstigte gibt uns Sicherheit. Eine verkehrte Welt, die wir uns da in unserem inneren Erleben zurecht gemacht haben.

Freitag, 7. Oktober 2011

Vom Mut zu wachsen - Sieben Stufen der Integralen Heilung

Mein neues Buch hat das Licht der Welt erblickt und freut sich auf seine LeserInnen. Es steckt viel von meinen inneren Erfahrungen und Gedanken in diesem Buch. Die Reise geht durch "alle" Bewusstseinsschichten, die in sieben Stufen unterteilt werden. Sie werden in der Geschichte der Menschheit und in unserer eigenen Geschichte aufgesucht und beispielhaft erfahrbar.
Manchmal sind wir Urzeitmenschen, die sich nichts sehnlicher als die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einem Stamm wünschen; die Angst haben, die soziale Anerkennung zu verlieren oder aus der Rolle zu fallen.
Dann wieder kommt der Impuls, auszubrechen und etwas Neues anzufangen, die Zusammenhänge zu verlassen, in denen wir drinstecken, koste es, was es wolle.
Doch gibt es später wieder Phasen, in denen wir uns nach Ordnung und Sicherheit sehnen und froh sind, wenn wir nicht alles selber checken müssen, sondern uns auf Institutionen verlassen können, die uns versorgen, wenn wir in Not sind.
Und wir kennen die Ansprüche, die sich gerade nach solchen Erfahrungen melden: Ich soll mein eigenes Leben auf meinen eigenen Leistungen begründen und in der Lage sein, mich selber zu finanzieren, wofür ich mich anstrengen muss, und dann auf meine Erfolge stolz sein kann. Meine Sicherheit suche ich jetzt in Gütern, die ich um mich herum anhäufe.
Damit irgendwann unzufrieden, gehe ich weiter und suche den Sinn in all dem Streben und komme drauf, dass mich Dinge nicht glücklich machen. Ich brauche Qualitäten in mir, die mir zeigen, dass ich eine einzigartige Person bin, ich möchte meine Kreativität entfalten.
Auch von hier führt mich ein innerer Drang weiter. Ich möchte nicht nur als großes Ich erfolgreich und einzigartig sein, sondern mich in sozialen Netzen engagieren und für etwas Größeres da sein.
Schließlich suche ich den endgültigen Ausstieg aus den Zyklen des Leidens und der Selbstbezogenheit. Ich möchte das ausweiten, was ich in vielen Momenten der inneren Suche spüren konnte: die innere Freiheit und Leichtigkeit, die Weite und universelle Verbundenheit.


All das braucht Mut, von einer Sicherheit zur nächsten fortzuschreiten, Altes aufzugeben und sich Ängsten zu stellen. Doch gibt es eine innere Kraft, die uns dabei unterstützt, ich nenne sie die Kraft der Evolution.

Das Buch möchte Mut machen, Mut zum Wachsen und Weitergehen. Als Menschheit machen wir das seit Millionen von Jahren, und in unserer Lebensgeschichte sind wir auch schon weit vorgedrungen. Wenn wir uns mit dem Modell, das dieses Buch anbietet, näher auseinandersetzen (und das wird im Buch auch durch Übungen erleichtert), verbinden wir uns mit der Kraft der Evolution und wir lernen, dem Leben mehr und tiefer zu vertrauen.


Du kannst das Buch über den Kamphausen-Verlag beziehen (http://weltinnenraum.de/buch-autor/dr-wilfried-ehrmann/vom-mut-zu-wachsen.html - versandkostenfrei in Deutschland) oder bei mir (info@wilfried-ehrmann.com - versandkostenfrei in Österreich). Es ist jetzt auch als E-Book erhältlich.

Ein Interview zum Buch findet sich als Video in: http://vimeo.com/29094578

Ein Überblick über die sieben des Bewusstseins bietet: http://vimeo.com/29096519 

Eine Meditationsübung kann auf Youtube mitgemacht werden: http://www.youtube.com/watch?v=HZxgUlwBjCU&feature=channel_video_title

Ich freue mich über alle Rückmeldungen und Diskussionen zu den vielen Themen, die in dem Buch angesprochen werden.

Montag, 26. September 2011

Eingeigelte Ignoranz


Laut einer Umfrage glauben die Anhänger der US-amerikanischen Tea-Party, einem radikal konservativen Flügel der republikanischen Partei, nicht daran, dass die Menschen am Klimawandel, falls es überhaupt so einen geben sollte, schuld tragen. Sie vertreten damit das für die USA typische uneingeschränkte und maßlose Konsumverhalten und lehnen jede Verantwortung für die dadurch verursachten Störungen in ihrem Land und auf dem Planeten ab. So weit, so traurig.

Nebenbei, gesponsert wird die Tea-Party angeblich von der Ölindustrie, die nicht gerade zu den umweltfreundlichsten Wirtschaftsbereichen gezählt wird. Die brauchen einige wortgewandte und aggressive Herren und vor allem Damen, die nicht müde werden, die immer eindeutigeren Erkenntnisse der Wissenschaften zum Klimawandel als Humbug abzutun und ein paar wieder von Industriekonzernen bezahlten Studien dagegen zu halten, und schon jubeln und kreischen die Fans.

Das ist eben Amerika, das Land der Vielfalt und der unterschiedlichen Strömungen. Erschreckt hat mich an der obigen Meldung der zweite Teil: Die Leugner der zivilisationsverursachten Klimaveränderungen haben nicht nur diese ihre Meinung, sondern sie glauben dazu noch, dass sie ausreichend über diese Frage informiert sind, dass sie also nichts weiter zur Kenntnis zu nehmen brauchen, was ihre Überzeugung in Frage stellen könnte.

Damit igelt sich die Ignoranz ein. Was gibt es Schlimmeres, als ein Nichtwissen, das von sich glaubt, dass es Allwissen ist? Paranoiker aller Länder, vereinigt euch. Aber bitte, bleibt unter euch und lasst die restliche Menschheit mit eurer Selbstherrlichkeit in Frieden. 

Und ihr anderen US-Amerikaner, die ihr ohne Scheuklappen und Tunnelblick (und ohne das Geld der Ölindustrie) auskommt, gebt doch bitte diesen Menschen keine Aufmerksamkeit und keine Stimme bei irgend einer Wahl. Denn Ignoranz und Macht bilden eine gefährliche Mischung.

Donnerstag, 25. August 2011

Die Begnadeten und die Benachteiligten

„Bei manchen Menschen wirkt es so, als hätten sie erschwerte Anfangsumstände. In östlichen Traditionen würde man dazu sagen, sie haben eine Menge Karma mitgebracht, das sie behindert. Eckhart Tolle würde sagen, dass ihr Schmerzkörper stark ausgebildet ist. Wie auch immer wir es bezeichnen wollen: Es sieht so aus, als seien manche Menschen nicht so gesegnet bei ihrer Geburt wie andere.“ (Thomas Hübl, Sharing the Presence. Bielefeld: Kamphausen 2009, S. 267)

Bei diesem Zitat aus dem schönen, tiefgehenden und umfangreichen Buch von Thomas Hübl bin ich hängengeblieben. Viele Fragen finden in diesem Buch eine verständliche Antwort, diese jedoch nicht. Der Absatz endet mit dem Zitat und im nächsten wird ein anderes Thema besprochen. Und es ist keine unwichtige Frage: Wieso haben es manche Menschen schwerer als andere? Weshalb ist Gott offensichtlich so ungerecht? Wieso werden die Lasten und Leiden so ungleich verteilt und kriegen die einen so viel zu tragen, während es die anderen um soviel leichter haben?

Die Erklärungsversuche mit dem Karma, mit dem Schmerzkörper oder mit dem Segen, liefern keine Antwort auf die Frage, sondern verschieben sie nur weiter: Warum haben die einen mehr behinderndes Karma als andere? Weil sie in einem Vorleben Schlechtes getan haben. Warum tun die einen Schlechtes und kriegen deshalb ein schlechtes Karma und die anderen nicht? Weil sie im Vorleben.... Und schon dreht sich die Scheinantwort im Kreis.
Der Schmerzkörper ist bei den einen stark ausgebildet und bei den anderen schwach. Die einen sind nicht so gesegnet wie die anderen. Die einen fahren nach Paris und die anderen nach Schruns-Tschagguns, so Josef Hader. Das ist die Bestandsaufnahme und Situationsbeschreibung. Was hilft zu mehr Verständnis? Wie können wir menschlicher werden, wenn wir diese Befunde kontemplieren?

Schauen wir uns an ein paar Beispielen an, was gemeint ist. Ein beliebtes Beispiel für einen begnadeten Menschen ist Wolfgang Amadeus Mozart, der einen großen Schatz in seine Wiege gelegt bekommen hat, hochbegabt und enorm kreativ, von Kindesbeinen an ein Kanal für wunderbare Musik, dem auf diesem Gebiet alles leicht fiel, wofür andere unendliche Mühen auf sich nehmen und doch nie dorthin kommen, wo er schon als Zehnjähriger war.

Nun ist die Frage, wie er selber sein Leben erlebt hat. Wir wissen ja, dass alles, was wir gut können, zur Selbstverständlichkeit wird und nicht genug für unsere Zufriedenheit ist. Es gibt immer noch andere Bereiche, die wir nicht gemeistert haben und wo wir auf Mängel stoßen, die uns zu schaffen machen. Offenbar war es im Leben von Mozart nicht anders, sein Umgang mit Geld z.B. war alles andere als meisterhaft, und seine Spielsucht nicht gerade ein Zeichen seiner Begnadung. Im Alter von 34 sterben zu müssen, stellen wir uns nicht als erfülltes Leben vor.

Stellen wir uns ein Gegenbeispiel vor, ein Straßenkind in einem afrikanischen Bürgerkriegsgebiet, geboren in einem Elendsviertel, die Eltern und Geschwister in einem Massaker umgekommen, alle Verwandten tot, jeder Tag eine Herausforderung zu überleben. Die Wahrscheinlichkeit, bald zu verhungern oder einer Krankheit zu erliegen, ist sehr hoch, und im besten Fall gelingt es vielleicht, irgendeine mühselige Arbeit zu finden, die gerade ein ärmliches Überleben sichert, oder in der Kriminalität oder Prostitution zu landen. Ein Leben ohne Begnadung, Aussicht, Hoffnung. Nichts, was wir daran bewundern könnten, nichts, was uns als Vorbild dienen würde, nichts, was anderen Freude schenkt – ein sinnlos gefristetes Leben? Ein winziges Flämmchen, das kurz aufflackert und wieder verlischt?

Und unser Leben irgendwo dazwischen, bei weitem nicht so armselig wie das von vielen Millionen anderen Menschen auf dieser Erde, bei weitem nicht so genial wie das von einigen wenigen. In diesem Dazwischen bewegen wir uns, mal ein Stückchen rauf, mal ein Stückchen runter. Wir vergleichen uns gerne und, je nachdem, ob wir gerade gut drauf sind oder frustriert, fühlen wir uns besser als andere oder werden leicht grünlich vor Neid. Da gibt es immer noch jemanden, der ein größeres Stück vom Kuchen erwischt hat und sich vor unseren Augen daran genüsslich sättigt.

Was passiert, wenn wir dieses Szenario von etwas oberhalb betrachten, von einem Standpunkt der Desidentifikation, d.h. wo wir so tun, als hätte das alles gleichermaßen mit uns selbst zu tun, ohne dass wir an dem bestimmten, unseren Lebensschicksal festkleben. Wir sind also gleichzeitig ein Genie, ein Straßenkind, ein Durchschnittsmensch westlichen Zuschnitts. Gefragt, welches Leben wir wählen würden, wäre die Entscheidung wohl nur zwischen Genie und Durchschnittsmensch. Also müssen wir eine andere Frage suchen. Welches dieser Leben ist menschlicher? Können wir da anders antworten, als zu sagen, dass alle diese und auch noch die Milliarden anderen gleich menschlich sind? Menschen, die geboren wurden und aus ihrem Leben das Beste machen, was ihnen möglich ist, bis sie sterben, so gut es ihnen möglich ist? Welchen Sinn hat es da noch, das eine Leben als wertvoller als irgend ein anderes zu klassifizieren?

Aus unserer Durchschnittsperspektive ist es klar, dass ein Leben wie das von Mozart wertvoller und wichtiger ist als das eines Bettlers zu seiner Zeit. Sobald wir uns aber aus dieser Ebene lösen, wird offensichtlich, dass all die Bewertungsmaßstäbe, die wir ansetzen können, um den Wert menschlichen Lebens abzuschätzen, furchtbar relativ und willkürlich sind. Es gibt eine Perspektive, aus der alle diese Wertzuschreibungen selbst wertlos werden. Wenn wir dort angekommen sind, gilt uns alles gleich, und wir sehen nur Menschen, die auf ihrem Lebensweg fortschreiten, die einen schneller, die anderen langsamer, die einen zielstrebiger, die anderen ausschweifender, die einen kraftvoller, die anderen schwächer, die einen intelligenter und die anderen naiver usw. Was dabei gelingt, was misslingt, was zur Freude beiträgt und was zum Leiden, ist uns aus dieser Sicht gleich-gültig.

Stellen wir uns Gott als voll von Liebe vor und nicht als moralischen Zumesser von Glücksquanten je nach „Verdienst“, also eher wie eine Mutter, die viele verschiedene Kinder und alle gleich gern hat, dann kann die obige Perspektive der göttlichen nahe kommen. Jedes Leben hat die Gnade, die es mit der Geburt bekommt, ein Leben zu sein, und es enthält darin einen unschätzbaren Wert, der weit über das hinausreicht, was einzelne Gnaden ausmachen können. Jedes Leben ist also begnadet. Insoferne lenkt der Blick auf das Karma und auf andere Konzepte von einer universalen Gerechtigkeit nur davon ab, dass wir die unermessliche Liebeskraft des Göttlichen erahnen. Die Schöpferkraft, die wir darin sehen können, ist frei von Bewertungen, wie sie aus unserem menschlichen Verstand entspringen. Sie sorgt für eine unermesslich große Variabilität an Formen der Natur und der Menschenwesen.

In jedem dieser Wesen gibt es ein Quantum oder Quäntchen des Guten und des Schlechten, wenn wir es durch unsere Bewertungsbrille betrachten. Doch kann das nicht der Weisheit letzter Schluss sein, denn unsere Bewertungen können sich schnell ändern, z.B. wir begegnen dem Straßenkind und sehen ein ganz besonderes Leuchten in seinen Augen und fühlen uns tief berührt. In diesem Moment ist der Bewertungsraum verschwunden und wir befinden uns auf einer anderen Ebene. Sobald wir wieder zurück in unserer Alltagsmentalität sind, kann sich unser Maßstab verändert haben, und wir haben einen neuen Blick auf Armut, Benachteiligung und Ungerechtigkeit und unser Potenzial für Mitgefühl hat sich erweitert. Wir sind noch ein Stück menschlicher geworden, was soviel heißt, dass wir uns ein Stück mehr der Göttlichkeit genähert haben.

Dienstag, 23. August 2011

Die Ereignisse in Nordafrika aus der Sicht der Bewusstseinsevolution

Das Jahr 2011 hat überraschende Entwicklungen im arabischen Raum gebracht. Niemand hätte vor einem Jahr damit gerechnet, dass die Regime von Tunesien bis Ägypten weggefegt werden, und zwar nicht von einer konkurrierenden Machtelite, sondern von einer zornigen Bevölkerung. Auffällig ist, dass die ökonomische Unzufriedenheit, also das Leiden an den unzureichenden Lebensbedingungen, stets mit dem Ruf nach Freiheit verknüpft ist. Die Menschen wollen nicht nur mehr zu essen oder sauberes Trinkwasser, sie wollen auch einen Staat, in dem sie ihre Meinung sagen können und in dem verschiedene Interessensgruppen die Macht teilen. Sie wollen die Kontrolle der Macht und die Eindämmung der Willkür. Sie kämpfen gegen ein hierarchisches und autokratisches System, wie einst die Bürger in den englischen Revolutionen des 17. und in der französischen Revolution des 18. Jahrhunderts.

Es scheint, dass die Menschheit diesen Schritt vollziehen muss, dass sich die Menschen einfach nicht damit begnügen können, in einem hierarchisch geordneten Staatswesen ein bescheidenes und anspruchsloses Leben zu führen. Sie wollen wachsen, sich aus der Enge und Unfreiheit befreien, sie wollen mehr Raum in der Öffentlichkeit einnehmen, sie wollen mehr gelten und für wichtiger genommen werden.

In vielen, vor allem westlichen Ländern ist der Schritt in eine Gesellschaftsform und ein politisches System, das mehr von diesen Anliegen verwirklicht, im Prinzip schon vollzogen, muss aber überall beständig nachgebessert und neu formuliert werden. In anderen Staaten wurden solche Bestrebungen zumindest bis jetzt erfolgreich unterdrückt wie z.B. in Myanmar, Persien und China. In anderen Staaten wie in Syrien und im Jemen ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Wie auch immer, im langen Atem der Geschichte sind das nur Verzögerungen. Gerade die Macht der Wut der Bevölkerungen der nordafrikanischen Staaten kann man so verstehen, dass sich ein neues Bewusstsein Raum schaffen muss, um welchen Preis auch immer. Unzählige Menschen sind bereit, ihr Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Deshalb können wir davon ausgehen, dass alle Länder dieser Erde zu irgendeinem Zeitpunkt diesen Schritt vollziehen werden und den Widerstand überwinden werden, den die herrschenden Eliten mit ihrem Gewaltmonopol entgegensetzen. Die Kraft der Bewusstseinsevolution, die hinter diesem Freiheitsdrang der Menschen steckt, ist unaufhaltsam, und sie wirkt in langen Zyklen und Zeiträumen.

Gerne würden wir sehen, dass es schneller und einfacher geht, die Verhältnisse zu ändern, überall dort, wo sich der Zorn der Unterdrückten regt. Wir fühlen uns solidarisch, weil wir spüren, dass wir selber nur in Freiheit gedeihen können und weil wir nicht verstehen können, wie Regierungen die eigene Bevölkerung unterdrücken und niederknüppeln können.

Wenn wir die Aufstände und revolutionären Umbrüche mit unseren Herzen mitverfolgen und im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützen, brauchen wir damit nicht naiv glauben, dass nach dem Sturz der alten Regime „alles gut“ wird. Manchmal scheint es sogar, als kehrte die Fratze der alten Macht im neuen Gewand wieder. Doch wo immer die Bevölkerung auf den Geschmack der Freiheit und der Fähigkeit, die eigenen Verhältnisse selbst zu gestalten, gekommen ist, wird sie nicht ablassen von diesem Weg und an der Verbesserung und Befreiung der Institutionen arbeiten.  Wie gesagt, der Atem der Geschichte ist lang, und der unserer Leidensfähigkeit kurz. Mit dieser Spannung zu leben, ist eine der Herausforderungen, die uns das Leben stellt. Vertrauen wir auf die unaufhaltsame Kraft der Evolution des Bewusstseins und üben wir uns im Mitgefühl mit den Opfern, die dieser Weg oft so sinnlos fordert.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Rechtsterror braucht Geschichtstherapie

Die paranoiden Selbstrechtfertigungen von Terroristen enthalten praktisch immer historische Bezüge mit schrägen Interpretationen. Das eigene Bild der Geschichte wird benutzt, um die Motive des eigenen Verhaltens abzusichern. So bezieht sich der norwegische Attentäter unter anderem auf die 2. Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1683 und sieht sich in der Tradition der Abwehr des Islams. Wie damals das Vordringen der fremden Religion aufgehalten wurde, will er heute mit seinen Massakern das Gleiche erreichen.

Geschichtstherapie besteht darin, dass eigene Ansichten und Interpretationen der Geschichte mit der „Wirklichkeit“ verglichen werden, ähnlich wie bei einer Therapie die eigenen Gefühle und Gedanken mit der „Wirklichkeit“ in Kontakt gebracht werden, z.B. kann nachgeforscht werden, welche Gefahren bestehen wirklich, wenn jemand viele Ängste hat.

Die Wirklichkeit steht in Anführungszeichen, weil wir nicht davon ausgehen sollten, dass sie objekt besteht und dass die Aufgabe nur darin besteht, sich diese Objektivität anzueignen. Die Wirklichkeit ist nichts statisch Verfügbares wie der Großglockner oder der Neusiedler See. Solche Gegebenheiten sind „immer“ da, zumindest in der Zeitspanne, die wir überblicken. Wir können davon ausgehen, dass wir auf einen See stoßen, wenn wir uns von Rust aus ostwärts bewegen oder dass wir den Großglockner sehen, wenn wir die Hochalpenstraße entlang fahren. Aber selbst an diesen Beispielen wird deutlich, wie relativ die Wirklichkeit ist. Beide Naturvorkommnisse sind irgendwann entstanden und waren vorher nicht da, und es ist nicht gesagt, dass sie von nun an ewig und schon gar nicht unverändert weiterbestehen.

Ähnlich verhält es sich mit der Geschichte. Sie ist ja schon vergangen und nur über eine Rekonstruktion, genannt Erinnerung zugänglich. Wir wissen, dass 1683 Wien von den Türken erfolglos belagert wurde, daran zweifelt niemand, weil es eine erdrückende Zahl von Berichten und Quellen gibt, und nichts, was dem widerspricht. Es geht jedoch in der Geschichte nie nur um ein Faktum, sondern vor allem um die Bedeutung dessen, was geschehen ist, und da gibt es sofort mehrere Wirklichkeiten, z.B. die Wirklichkeit der Verteidiger der Stadt und die der Angreifer, die der Befreier und die der Unbeteiligten usw. 

Geschichtstherapie bedeutet, dass ich mir eingestehen muss, dass alles, was schon passiert ist, unendlich viele Bedeutungen enthält und dass die Bedeutung, die ich einem Ereignis gebe, nur eine von vielen und keinesfalls die einzig richtige ist. Damit löse ich eine Fixierung und mache mich frei, verschiedene Perspektiven einzunehmen – ähnlich wie eine Klientin in der Therapie erkennen kann, dass ein Ereignis, das ihr widerfahren ist, nicht nur schlimme Seiten, sondern auch gute haben kann. Dadurch wird sie frei zu wählen, welches Bild ihrer eigenen Geschichte ihr am besten hilft, nach dem Motto: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“

Paranoide Geschichtsbilder zeichnen sich durch ihre Einfachheit aus: Hier sind die Guten, dort die Bösen.  Wir haben einen Drang zur Einfachheit, der von inneren Ängsten gesteuert ist: Unübersichtliche Situationen wirken bedrohlich. Rechtsparteien nutzen diesen Drang und bieten die einfachen Lösungen zu komplexen Themen an. Die Menschen fallen immer wieder darauf herein, weil sie ein kindliches Vertrauen zu den Vereinfachern entwickeln, die alle verwirrenden Fragen scheinbar so selbstsicher beantworten und für alle komplizierten Probleme die richtigen Taten wissen: Die Guten gehören belohnt, die Bösen bestraft oder ausgerottet.

Was heißt Geschichtstherapie im konkreten Fall? Die paranoide Ausgangsannahme: Die Ereignisse von 1683 werden mit religiösen und nationalen Bedeutungen identifiziert: In diesem Jahr sei das „christliche Abendland“ vor dem Islam gerettet worden. Wäre die Belagerung erfolgreich gewesen, gäbe es dieses Abendland nicht mehr, und alles wäre moslemisch. Daher dient diese Jahreszahl als Symbol für den Widerstand gegen Islamisierung und Überfremdung. So wie damals die Bedrohung abgewehrt wurde, muss ihr heute entgegen getreten werden, „notfalls“ mit Waffengewalt.

In der Geschichtstherapie wird die vereinfachte Deutung relativiert. Sicher gab es einen Bedeutungsstrang, der in der damaligen Propaganda ausgenutzt wurde, der die „Türkengefahr“ ins Zentrum stellte. Wegen der über 150 Jahre andauernden Bedrohung stellte dieses Szenario eine Konstante im Bewusstsein der Menschen im Osten Österreichs zur damaligen Zeit dar. Es wurde mit religiösen Bedeutungen zusätzlich aufgeladen: Die christlichen Österreicher gegen die moslemischen (heidnischen) Türken. Mit der propagandistischen Aufladung der Bedrohung sollte der innere Zusammenhalt einer ebensolang durch konfessionelle Streitigkeiten (Katholiken gegen Protestanten) entzweiten Bevölkerung gefestigt werden.

Tatsächlich war das Christentum keineswegs in Gefahr. Selbst in den über lange Zeit von den Türken beherrschten Gebieten wie z.B. Ungarn, Kroatien und Serbien blieb das Christentum bestehen und hielten sich keine Reste von islamischer Kultur. Die Türken pflegten eine sehr tolerante Religionspolitik in den von ihnen eroberten Gebieten.

Die türkische Expansion, die im Jahr 1683 ihren Höhepunkt überschritt, war eine Etappe in der Hegemonialpolitik der damaligen Großmächte, die ihre Gebiete soweit vergrößerten, soweit es der gegnerische Widerstand erlaubte. Türken gegen Österreicher hieß also, zwei Großmächte, die um die Macht im Raum Ungarn – Balkan kämpften. Die Kriege wären nicht anders verlaufen, wenn die Türken christlich oder die Habsburger moslemisch gewesen wären.

Selbst wenn den Türken die Eroberung Wiens gelungen wäre, ist es kaum vorstellbar, dass diese einen längeren Bestand gehabt hätte. Als die westlichen Truppen nach der Befreiung von Wien zum Gegenstoß ansetzten, zeigten sich die organisatorischen Schwächen der türkischen Seite, sodass in relativ kurzer Zeit große Teile der türkischen Eroberungen von den Habsburgern zurück gewonnen werden konnten. Diese konnten darauf ihre Großmachtstellung im Balkanraum aufbauen, die zwar viel zum wirtschaftlichen Aufschwung und zur Modernisierung Österreichs beitrug, schließlich aber zum auslösenden Faktor für die Katastrophe des 1. Weltkriegs wurde.

Eine weitere Betrachtungsweise kann die Erlebniswelt der Menschen der damaligen Zeit ins Auge fassen. Für den Großteil der damals lebenden Menschen (damit unserer direkter Vorfahren) bestimmten Überlebensängste den Alltag – die Sicherstellung der Ernährung, der Gesundheit und des Überlebens. Im 17. Jahrhundert gab es noch Pestepidemien und Hungersnöte, und der 30-jährige Krieg in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war nicht nur der prozentuell verlustreichste Krieg aller Zeiten, sondern hinterließ auch eine enorme wirtschaftliche Verwüstung, die viele Jahrzehnte des Wiederaufbaues nach sich zog. Die Machtfragen der großen Politik, in der nach der Logik des Krieges die Grenzen gezogen wurden, betraf die Bevölkerung nur dort, wo der Krieg in den eigenen Landen wütete. Das Leben war ansonsten kaum dadurch verändert, wer die jeweiligen Machthaber waren, die Habsburger oder die Ottomanen oder sonst wer.  Macht zu haben, hieß, aus der Bevölkerung an Abgaben und Steuern herauszupressen, was nur möglich war, um die nächsten Kriege finanzieren zu können, zur Absicherung oder Vergrößerung dieser Macht. Der Aufschwung, der die Zeit nach 1683 in Ostösterreich wirksam wurde, lag nicht daran, wer die Herrscher waren, sondern daran, dass sich die Konfliktlinien nach Osten und Süden verlagerten und jetzt die dortigen Gebiete im Kriegszustand waren.

In dieser Weise entfaltet sich ein differenziertes Geschichtsbild, das offen ist für weitere Sichtweisen, Ergänzungen und Erweiterungen. Es ist nie fertig und wächst mit neuen Fragestellungen, die nachgeborene Generationen stellen. Ein solches Geschichtsbild ist nicht für Ideologien oder paranoide Vereinfachungen tauglich. Im Gegenteil, es dient als Gegengift gegen jede Simplifizierung und Indienstnahme der Geschichte für den Stimmenfang, indem alte Ängste in neue hineingefüllt werden. Wir brauchen keine Angstmacher, sondern Mut- und Vertrauensmacher, wenn wir unsere Zukunft offener und freier gestalten wollen. Dazu braucht es die Bereitschaft, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, statt sie zu kopieren.

Vgl. Erzählend sind wir und erzählt

Dienstag, 26. Juli 2011

Der Dalai Lama - Zitat und Joke

Der Dalai Lama wurde gefragt, was ihn am meisten überrascht; er sagte: „Der Mensch, denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt; das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart oder in der Zukunft lebt; er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.“

***

The Dalai Lama walks into a pizza shop. The waiter asks, “You want it with cheese, tomato, pineapple, anchovies …“ and lists everything he has. The Dalai Lama says, “Can you make me one with everything?”

He gets the pizza and gives 20 Dollars to the waiter. He waits for the change, but as it does not come, he asks the waiter, “What about the change?” The waiter takes a deep look at the Dalai Lama and says, “Change comes from within.”

Sonntag, 19. Juni 2011

Griechenland


Ich schreibe hier mangels Kompetenz keinen Kommentar zu den ökonomischen Problemen des Landes oder zu möglichen Lösungen der damit verbundenen Finanzkrise. Ich möchte auf Hintergründe eingehen, die zu der Lage geführt haben, beleuchtet aus dem Modell der Bewusstseinsevolution.
Es gibt vermutlich zwei Hauptrichtungen, wie mit dieser Lage umgegangen werden soll. Die eine Richtung besagt, dass, was nicht mehr funktioniert, zugrunde gehen sollte, sprich der Staat Griechenland sollte für bankrott erklärt werden und dann schauen, wie er damit zurecht kommt. Diese Position haben z.B. republikanische Politiker in den USA bei der der dortigen Bankenkrise vertreten. Banken gehen unter, was Neues entsteht nachher, wenn der Staat eingreift, um kranke Banken zu retten, kommt nichts Gutes dabei heraus. 

Das ist die rein kapitalistische Position, die von einer materialistischen Logik aus gesteuert ist. Jeder ist für sein Glück verantwortlich, wenn er Mist baut, zahlt er die Zeche. Die, die zwar keinen Mist gebaut haben, aber auch davon betroffen sind, zahlen eben gleichermaßen drauf. Es gibt keine Solidarität, die kostet mir zuviel von dem, was ich habe. Ich spende höchstens aus meinen Überschüssen, wenn mir danach ist, um mein Gewissen zu beruhigen, aber es darf keine staatliche Regelung geben, die Solidarität erzwingen könnte. Die Militanz dieser Position zeigt sich übrigens auch in den USA bei der Debatte um die Reform des Gesundheitswesens, wo eine Verbesserung, die aus europäischer Sicht eine Minilösung weit unter dem Niveau bedeutet, das wir seit ungefähr 1890 haben, rabiate und irrationale Proteste hervorruft, als würde es die Menschen an der Wurzel ihrer Existenz bedrohen, wenn ein paar Millionen mehr Amerikaner Versicherungsschutz bekommen.

Bei uns wird die egoistisch-materialistische These vor allem von nationalistischen Parteien vertreten, die „keinen Cent mehr“ „von unserem Geld“ nach Griechenland schicken wollen. Diese faulen Griechen haben sich die Suppe eingebrockt und sollen sie auch selber auslöffeln. Interessant ist diese Kombination aus Kapitalismus und Nationalismus deshalb, weil sie von der Fiktion ausgeht, dass sich das Kapital an Staatsgrenzen halten würde – wir sichern das Geld, das wir haben, innerhalb unserer Landesgrenzen ab und lassen nichts nach draußen. Die Naivität liegt darin, dass sich der Kapitalismus einen feuchten Dreck um Landesgrenzen schert. Das große Geld fließt dorthin, wo es sich am schnellsten vermehren kann.  Würde sich die Situation in unserem Land drastisch verschlechtern, wäre das Kapital am schnellsten weg, so schnell können unsere Politiker gar nicht schauen. 

So ist es den Griechen ergangen, und sie haben sicher das Ihre an Naivität und Kurzsichtigkeit dazu beigetragen, dass es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist, auch in dem Kurzschlussdenken, dass sie das Geld, das nun einmal in ihr Land geflossen ist, nach momentanen und, wie noch erläutert wird, tribalen Interessen mit vollen Händen ausgeben können. Dafür müssen sie als Nation auch die Verantwortung und die Folgen tragen. Den Kapitalismus (und den materialistisch handelnden Menschen) kümmern tribale Strukturen nicht mehr, er fegt über sie hinweg ohne jede Rührung.

Was fällt nun bei den hausgemachten Problemen auf? Ein häufig angeführter Grund für die Schwierigkeiten des Landes liegt in der hohen Zahl an Beamten, die zudem Privilegien haben wie z.B. die Polizisten, die mit 45 in Pension gehen. Trotz der großen Menge an Staatsdienern liegt die Steuereinhebung im Argen. Viele dieser Posten mitsamt den dazu gehörenden Privilegien sind, wie man hört, als Versorgungsposten für Angehörige und Freunde von Politikern geschaffen worden. Nun ist der Staat zahlungsunfähig und kann die Gehälter nicht mehr finanzieren.

Zum tribalen Bewusstsein gehört die Auffassung, dass jedes Mitglied der Gruppe versorgt und geschützt werden muss. Wenn sich dieses Prinzip in moderne Staatsformationen fortsetzt, führt das zu typischen Konflikten. Wer es zu Macht gebracht hat, fühlt sich verpflichtet, die Angehörigen seiner Gruppe zu unterstützen und zu versorgen. In modernen, aufgeklärten Staaten nennt man das Korruption. Öffentliche Staatsgelder, also solche, die allen Staatsbürgern gehören, werden in private Taschen umgeleitet. Das Geld fließt also von übertribalen Strukturen in tribale Netzwerke und kommt von dort nicht mehr zurück. Steuerhinterziehung gilt als Zeichen tribaler Schlauheit. 

Damit entsteht eine Spannung, wie sie sich typischerweise in der Französischen Revolution entladen hat: Die Bürger merken, dass sie mit ihrer Arbeit und deren Mehrwert das Leben einer dünnen Adelsschicht finanzieren, die ihre Privilegien um keinen Preis hergeben will, bis die Situation kippt und die Köpfe der Angehörigen des oberen Stammes rollen. 

Ein Resultat dieser Prozesse ist es, dass sich die abstrakte Gruppe der Staatsangehörigen als Zivilgesellschaft, als bürgerliche Öffentlichkeit (die citoyens)etabliert. Es werden damit posttribale Gruppen gebildet, die vom personalistischen Bewusstsein geprägt sind und versuchen, in der Politik, also an der Machtverwaltung mitzuwirken. Zu deren typischen Forderungen gehört, dass die Angehörigen der bisherigen Machtelite zur Verantwortung für ihr selbstsüchtiges Verhalten auf Kosten der Allgemeinheit gezogen werden. Damit die Macht der tribalen Strukturen zurückgedrängt. Weiters gilt es, rationale Kontrollmechanismen in das System einzubauen, sodass z.B. alle nach einem einigermaßen gerechten Schlüssel zu den Staatsfinanzen beitragen und davon profitieren.
Nachdem sich also die personalistische Wut über die erlittene Ungerechtigkeit ausgetobt hat, müssen solche Elemente des systemischen Bewusstseins eingesetzt werden, um neue tragfähige Strukturen zu etablieren, die die Mitglieder eines Staates (und weiter gedacht, einer Staatengemeinschaft und noch weiter gedacht einer Weltgesellschaft) annähernd gleichermaßen an den Rechten und Pflichten des Gemeinwesen teilhaben lassen. Alle zahlen also, alle kriegen was zurück. Schwache zahlen weniger, Starke mehr.

Mit dem systemischen Bewusstsein wird die Regel des Dienens ins Zentrum des Handelns gerückt. Jeder dient mit seinem Tun, mit seiner Arbeit und Leistung dem Ganzen und nicht nur sich selbst oder der eigenen Gruppe.  Es gibt ein faires Gleichgewicht zwischen dem eigenen Beitrag und dem, was vom Ganzen zurückkommt.

Damit kommen wir zur zweiten Möglichkeit, die in Bezug auf das Griechenland-Problem diskutiert wird: Das Verständnis, dass das Problem zusammen gelöst werden muss, also unter Beteiligung aller, die zum Finanzsystem gehören, die Staaten und die anderen Geldgeber. Dabei wird nicht unmittelbar darauf geschaut, was dem je eigenen Einzelsystem am besten nutzt, sondern auf das, was das Funktionieren des übergeordneten Systems erleichtert, in der Erwartung, dass nach einer Phase der Anpassung alle Beteiligten gleichermaßen profitieren können. 

Die konkrete Ausformung dieses Lösungszuganges müssen kompetente und verantwortungsbewusste Fachleute und Politiker gestalten. Verantwortungsbewusst heißt dabei, dass sie in der Lage sind, von eigenen Interessen abzusehen, vor allem von Interessen in Bezug auf Machterhalt, eigenen Reichtum oder den der jeweiligen Bezugsgruppe. Statt dessen sollten sie in der Lage sein, größere Zusammenhänge miteinbeziehen. Sie brauchen die Bewusstheit, dass Gier und Eigensinn die Triebkräfte materialistischer Zielsetzungen sind und überwunden werden müssen, wenn ein Ausweg aus den Fängen des Kapitalismus gelingen soll.

Dieses Bewusstsein und die damit verbundene Form der Intelligenz sind auf der internationalen Ebene ebenso wichtig wie im betroffenen Land selber. Wenn sie konstruktiv zusammenarbeiten, sollten wesentliche Fortschritte erzielt werden. Es ist die Chance dieser Krise, dass sich die Kräfte einer neuen Bewusstseinsebene leichter durchsetzen können, weil klar ist, dass die herkömmliche Struktur des Wirtschaftens und Verwaltens gescheitert ist.

Dienstag, 14. Juni 2011

Der Alkohol und seine Kultur 2


Wie verläuft die Alkoholsozialisierung?

Manche Eltern finden es putzig, wenn die Kleinen schon Alkohol, aber sicher doch nur in winzigen Dosen, zu sich nehmen. Sonst bleibt das Getränk den Großen vorbehalten, und jedes Kind wünscht sich, irgendwann auch einmal mit dabei zu sein. Deshalb wollen die Jugendlichen bei den Alkoholritualen der Eltern mitmachen. Die Erlaubnis, mit bei den Alkoholtrinkern zu sein, zählt als Eintritt in die Erwachsenenwelt, und es wirkt wie eine Initiation, wenn der Vater dem Sohn zum ersten Mal das Glas mit dem Wein füllt oder ihm einen Schnaps gestattet.

Bekanntlich rutscht die Schwelle kontinuierlich tiefer, Jugendliche machen immer früher die ersten intensiven Bekanntschaften mit dem Trinken. Und dann entsteht der Wettlauf mit dem ersten Rausch, der wie eine Mutprobe bestanden und bewundert wird.

Hier die Zahlen: Österreichs Jugendliche liegen beim Alkoholmissbrauch im europäischen Spitzenfeld. Ein Drittel der 15-jährigen Mädchen und etwa die Hälfte der 15-jährigen Burschen haben schon mehrere Rauscherfahrungen durch Alkohol gemacht. Aber sogar schon sieben Prozent der elfjährigen Kinder trinken einmal wöchentlich Alkohol. (Anton-Proksch-Institut)

Was aber ist so mutig daran, solange zu trinken, bis man umfällt? Die Überwindung der Ekelschwelle? Das Zuführen von Gift? Die Bereitschaft, jede Kontrolle zu verlieren? Den Erwachsenen zu zeigen, dass man mit ihnen mithalten kann?

Es ist die ambivalente Haltung der Gesellschaft zu der Droge, die sie sich selber gestattet und bei der sie annimmt, dass jeder ihre Gefahr richtig einschätzen und mit ihr umgehen kann. Deshalb hat sich jeder, der in sie hineinwächst, der Herausforderung zu stellen, muss sein Verhältnis zur Droge definieren. Es wird nicht gestattet, sich dieser Herausforderung überhaupt zu entziehen, unter Androhung von Ausschluss und Abwertung in der Bezugsgruppe.

Interessant finde ich auch, dass es bisher keine Jugendbewegung gibt, die sich vom Alkoholkonsum der Eltern abgrenzt. Viele andere Konsumgewohnheiten der vorigen Generation werden von der nächsten entwertet und abgelehnt und durch neue ersetzt, doch die Gewohnheiten des Alkoholtrinkens werden unbefragt übernommen, nur in der Quantität wird möglicherweise versucht, die vorige Generation zu übertreffen, mit oft verheerenden Folgen. Der Alkohol hat es geschafft, sich aus den Generationenkonflikten herauszuhalten oder sogar noch daraus an Nachfrage zu gewinnen.

Alkohol und Leistungsgesellschaft

Es ist ja niemandem zu verdenken, der den Leistungsdruck und die Fremdbestimmung der Arbeitswelt durch Bier, Wein oder Schnaps vergessen lassen will. Ein bequemer Weg, sich ein Glas einzuschenken, und schon geht es wieder besser, das nächste Glas gibt vielleicht eine Ahnung von Glück, und das dritte steigert noch mehr das Wohlbefinden. Niemandem soll diese Quelle der Regeneration genommen werden. Jedoch macht es keinen Sinn, die Augen vor der Realität zu verschließen, die darin besteht, dass Alkohol, in welcher Form auch immer, für den menschlichen Körper ein Gift ist, das er neutralisieren muss, um nicht darunter zu leiden, und dass der regelmäßige Konsum zu Schädigungen im Körper führt.

Wer besondere Weine genießen mag, wer eine Flasche Bier nach dem Sport gewohnt ist, wer nur ab einer bestimmten Promillegrenze lustig sein kann, möge seinen Wünschen Genüge tun. Da soll niemand reguliert oder eingeschränkt werden, da soll sich niemand einmischen. Ein guter Wein ist ein guter Wein, ein schlechter ein schlechter. Mehr aber brauchen diese Getränke nicht an Privilegierung, Verehrung oder Verherrlichung, ebenso wenig wie die Konsumenten. Einer verträgt mehr als der andere, eine ist sensibler als die andere.

Denn Alkohol ist neben all den institutionalisierten Verwendungsweisen eine gefährliche Droge, die wesentlich mehr materielle und psychische Schäden angerichtet hat als verbotene Drogen wie Heroin oder Kokain. Dass der Alkohol nicht verboten ist wie andere suchterzeugende Substanzen, liegt vor allem daran, dass sein Konsum so fest im Brauchtum und in den Gewohnheiten der Bevölkerung verankert ist und mächtige Wirtschaftszweige an seiner Erzeugung und seinem Vertrieb verdienen.

Alkohol kann zwar in kleinen Mengen ohne drastische Folgen genossen werden, das gilt aber für andere Drogen auch. Es gibt auch gesellschaftliche Normen, die extremen Alkoholkonsum einschränken. Doch durch die leichte Zugänglichkeit der Rauschdroge ist für suchtartigen Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Der Genussfaktor

Das Argument, dass alkoholische Getränke eben schmecken und deshalb getrunken werden müssen, lasse ich übrigens nicht gelten;-)! Geschmack ist konditionierbar und dekonditionierbar, d.h. er wird durch die Übung erlernt. Je öfter ich bestimmte Getränke trinke, desto besser schmecken sie mir. Vielen ist vielleicht anfangs Bier zu bitter, Wein zu sauer und Schnaps zu scharf, als dass diese Getränke beim ersten Mal schmecken könnten. Anfangs wehrt sich der Körper gegen die Zufuhr der Substanz, denn es ist Gift, so klein auch die Menge sein mag. Doch bei der zweiten Überwindung geht es schon leichter, und bald hat sich der Körper adaptiert und die angenehmen Folgen überformen den ursprünglichen Ekel.

Wir interpretieren diese Anpassung, die darin besteht, dass der Körper ein Notprogramm aufbaut, um mit einer Gefährdung zurechtzukommen, als Reifungsschritt: Jetzt schaffen wir es, den Ekel zu überwinden, jetzt gehören wir zu den Großen, Starken, Coolen. Und wenn es uns dann auch noch schmeckt, sind wir voll integriert im Alkohol-Establishment. Wenn wir erst „trinkfest“ sind, gehören wir schon zu einer Elite.

Die Abstinenten

Ist es nicht seltsam, dass Leute, die keinen Alkohol trinken, als abstinent bezeichnet werden? Das klingt so, als würden sie etwas von sich fern halten, was eigentlich das Normverhalten ist. Ein Abstinenter sitzt im Lokal, studiert die Weinkarte und denkt sich dann, nein, doch nicht. Alle also, die keinen Alkohol trinken, sind eigentlich Alkoholiker, die sich nur am Trinken durch Willenskraft hindern. Wir bezeichnen ja auch nicht alle, die kein Heroin zu sich nehmen, als clean. Niemand käme auf die Idee, den Bundespräsidenten oder den Kardinal von Wien mit diesem Prädikat zu versehen.

Alkohol und Bewusstheit

Was folgt nun daraus, oder was sollte daraus folgen? Alkoholverbote sind sinnlos, das haben die 20er Jahre in den USA unter Beweis gestellt. Meines Erachtens sollte ein Umdenken einsetzen, das durch mehr Bewusstheit entsteht. Die Verankerung der Droge in der Alltagskultur kann dadurch deutlich gemacht werden und geschwächt werden. Die hohe Akzeptanz von Alkoholgetränken in allen Gesellschaftsschichten, Regional- und Subkulturen sollte herabgesetzt werden, indem andere alkoholfreie Rituale eingeführt werden. Der Rechtfertigungsdruck sollte umgedreht werden: Warum trinkst du Alkohol? Statt: Was, du trinkst keinen? Der Gebrauch von Alkohol sollte zu begründen sein: Warum wird bei dieser Feier Alkohol ausgeschenkt, warum wird bei jenem Ereignis mit einem alkoholischen Getränk angestoßen usw.
 
Menschen, die Interesse daran haben, in ihrer Bewusstheit zu wachsen, können sich fragen, was ihre eigentlichen Motive sind, Getränke zu sich zu nehmen, die ihrem Körper Schaden zufügen. Menschen, die Interesse daran haben, sich gesund zu erhalten, können sich fragen, ob die Annehmlichkeiten des Alkoholkonsums dafür stehen, dass sie ihrem Körper schädliche, giftige Substanzen zuführen. Auch kleine Mengen von Gift sind giftig, und wir nehmen ja auch nicht Arsen oder Cyankali in Dosen zu uns, die uns nicht umbringen.

Die Zahlen

Österreich: 18 % trinken in gesundheitsgefährdendem Ausmaß, fünf Prozent der Einwohner über 16 Jahre gelten als chronisch alkoholkrank (insgesamt erkranken zehn Prozent der Bevölkerung). Zehn Prozent der Todesfälle sind Alkoholiker. (wikipedia)