Donnerstag, 25. August 2011

Die Begnadeten und die Benachteiligten

„Bei manchen Menschen wirkt es so, als hätten sie erschwerte Anfangsumstände. In östlichen Traditionen würde man dazu sagen, sie haben eine Menge Karma mitgebracht, das sie behindert. Eckhart Tolle würde sagen, dass ihr Schmerzkörper stark ausgebildet ist. Wie auch immer wir es bezeichnen wollen: Es sieht so aus, als seien manche Menschen nicht so gesegnet bei ihrer Geburt wie andere.“ (Thomas Hübl, Sharing the Presence. Bielefeld: Kamphausen 2009, S. 267)

Bei diesem Zitat aus dem schönen, tiefgehenden und umfangreichen Buch von Thomas Hübl bin ich hängengeblieben. Viele Fragen finden in diesem Buch eine verständliche Antwort, diese jedoch nicht. Der Absatz endet mit dem Zitat und im nächsten wird ein anderes Thema besprochen. Und es ist keine unwichtige Frage: Wieso haben es manche Menschen schwerer als andere? Weshalb ist Gott offensichtlich so ungerecht? Wieso werden die Lasten und Leiden so ungleich verteilt und kriegen die einen so viel zu tragen, während es die anderen um soviel leichter haben?

Die Erklärungsversuche mit dem Karma, mit dem Schmerzkörper oder mit dem Segen, liefern keine Antwort auf die Frage, sondern verschieben sie nur weiter: Warum haben die einen mehr behinderndes Karma als andere? Weil sie in einem Vorleben Schlechtes getan haben. Warum tun die einen Schlechtes und kriegen deshalb ein schlechtes Karma und die anderen nicht? Weil sie im Vorleben.... Und schon dreht sich die Scheinantwort im Kreis.
Der Schmerzkörper ist bei den einen stark ausgebildet und bei den anderen schwach. Die einen sind nicht so gesegnet wie die anderen. Die einen fahren nach Paris und die anderen nach Schruns-Tschagguns, so Josef Hader. Das ist die Bestandsaufnahme und Situationsbeschreibung. Was hilft zu mehr Verständnis? Wie können wir menschlicher werden, wenn wir diese Befunde kontemplieren?

Schauen wir uns an ein paar Beispielen an, was gemeint ist. Ein beliebtes Beispiel für einen begnadeten Menschen ist Wolfgang Amadeus Mozart, der einen großen Schatz in seine Wiege gelegt bekommen hat, hochbegabt und enorm kreativ, von Kindesbeinen an ein Kanal für wunderbare Musik, dem auf diesem Gebiet alles leicht fiel, wofür andere unendliche Mühen auf sich nehmen und doch nie dorthin kommen, wo er schon als Zehnjähriger war.

Nun ist die Frage, wie er selber sein Leben erlebt hat. Wir wissen ja, dass alles, was wir gut können, zur Selbstverständlichkeit wird und nicht genug für unsere Zufriedenheit ist. Es gibt immer noch andere Bereiche, die wir nicht gemeistert haben und wo wir auf Mängel stoßen, die uns zu schaffen machen. Offenbar war es im Leben von Mozart nicht anders, sein Umgang mit Geld z.B. war alles andere als meisterhaft, und seine Spielsucht nicht gerade ein Zeichen seiner Begnadung. Im Alter von 34 sterben zu müssen, stellen wir uns nicht als erfülltes Leben vor.

Stellen wir uns ein Gegenbeispiel vor, ein Straßenkind in einem afrikanischen Bürgerkriegsgebiet, geboren in einem Elendsviertel, die Eltern und Geschwister in einem Massaker umgekommen, alle Verwandten tot, jeder Tag eine Herausforderung zu überleben. Die Wahrscheinlichkeit, bald zu verhungern oder einer Krankheit zu erliegen, ist sehr hoch, und im besten Fall gelingt es vielleicht, irgendeine mühselige Arbeit zu finden, die gerade ein ärmliches Überleben sichert, oder in der Kriminalität oder Prostitution zu landen. Ein Leben ohne Begnadung, Aussicht, Hoffnung. Nichts, was wir daran bewundern könnten, nichts, was uns als Vorbild dienen würde, nichts, was anderen Freude schenkt – ein sinnlos gefristetes Leben? Ein winziges Flämmchen, das kurz aufflackert und wieder verlischt?

Und unser Leben irgendwo dazwischen, bei weitem nicht so armselig wie das von vielen Millionen anderen Menschen auf dieser Erde, bei weitem nicht so genial wie das von einigen wenigen. In diesem Dazwischen bewegen wir uns, mal ein Stückchen rauf, mal ein Stückchen runter. Wir vergleichen uns gerne und, je nachdem, ob wir gerade gut drauf sind oder frustriert, fühlen wir uns besser als andere oder werden leicht grünlich vor Neid. Da gibt es immer noch jemanden, der ein größeres Stück vom Kuchen erwischt hat und sich vor unseren Augen daran genüsslich sättigt.

Was passiert, wenn wir dieses Szenario von etwas oberhalb betrachten, von einem Standpunkt der Desidentifikation, d.h. wo wir so tun, als hätte das alles gleichermaßen mit uns selbst zu tun, ohne dass wir an dem bestimmten, unseren Lebensschicksal festkleben. Wir sind also gleichzeitig ein Genie, ein Straßenkind, ein Durchschnittsmensch westlichen Zuschnitts. Gefragt, welches Leben wir wählen würden, wäre die Entscheidung wohl nur zwischen Genie und Durchschnittsmensch. Also müssen wir eine andere Frage suchen. Welches dieser Leben ist menschlicher? Können wir da anders antworten, als zu sagen, dass alle diese und auch noch die Milliarden anderen gleich menschlich sind? Menschen, die geboren wurden und aus ihrem Leben das Beste machen, was ihnen möglich ist, bis sie sterben, so gut es ihnen möglich ist? Welchen Sinn hat es da noch, das eine Leben als wertvoller als irgend ein anderes zu klassifizieren?

Aus unserer Durchschnittsperspektive ist es klar, dass ein Leben wie das von Mozart wertvoller und wichtiger ist als das eines Bettlers zu seiner Zeit. Sobald wir uns aber aus dieser Ebene lösen, wird offensichtlich, dass all die Bewertungsmaßstäbe, die wir ansetzen können, um den Wert menschlichen Lebens abzuschätzen, furchtbar relativ und willkürlich sind. Es gibt eine Perspektive, aus der alle diese Wertzuschreibungen selbst wertlos werden. Wenn wir dort angekommen sind, gilt uns alles gleich, und wir sehen nur Menschen, die auf ihrem Lebensweg fortschreiten, die einen schneller, die anderen langsamer, die einen zielstrebiger, die anderen ausschweifender, die einen kraftvoller, die anderen schwächer, die einen intelligenter und die anderen naiver usw. Was dabei gelingt, was misslingt, was zur Freude beiträgt und was zum Leiden, ist uns aus dieser Sicht gleich-gültig.

Stellen wir uns Gott als voll von Liebe vor und nicht als moralischen Zumesser von Glücksquanten je nach „Verdienst“, also eher wie eine Mutter, die viele verschiedene Kinder und alle gleich gern hat, dann kann die obige Perspektive der göttlichen nahe kommen. Jedes Leben hat die Gnade, die es mit der Geburt bekommt, ein Leben zu sein, und es enthält darin einen unschätzbaren Wert, der weit über das hinausreicht, was einzelne Gnaden ausmachen können. Jedes Leben ist also begnadet. Insoferne lenkt der Blick auf das Karma und auf andere Konzepte von einer universalen Gerechtigkeit nur davon ab, dass wir die unermessliche Liebeskraft des Göttlichen erahnen. Die Schöpferkraft, die wir darin sehen können, ist frei von Bewertungen, wie sie aus unserem menschlichen Verstand entspringen. Sie sorgt für eine unermesslich große Variabilität an Formen der Natur und der Menschenwesen.

In jedem dieser Wesen gibt es ein Quantum oder Quäntchen des Guten und des Schlechten, wenn wir es durch unsere Bewertungsbrille betrachten. Doch kann das nicht der Weisheit letzter Schluss sein, denn unsere Bewertungen können sich schnell ändern, z.B. wir begegnen dem Straßenkind und sehen ein ganz besonderes Leuchten in seinen Augen und fühlen uns tief berührt. In diesem Moment ist der Bewertungsraum verschwunden und wir befinden uns auf einer anderen Ebene. Sobald wir wieder zurück in unserer Alltagsmentalität sind, kann sich unser Maßstab verändert haben, und wir haben einen neuen Blick auf Armut, Benachteiligung und Ungerechtigkeit und unser Potenzial für Mitgefühl hat sich erweitert. Wir sind noch ein Stück menschlicher geworden, was soviel heißt, dass wir uns ein Stück mehr der Göttlichkeit genähert haben.

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