Donnerstag, 31. Januar 2013

Vom Anfang und vom Ende des Erklärens

Aus diesem innersten Grund sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum. Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, also von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt. Man mag dich zwar wohl hinnehmen, aber das Beste ist es doch nicht. Denn wahrlich, wenn einer wähnt, in Innerlichkeit, Andacht, süßer Verzücktheit und in besonderer Begnadung Gottes mehr zu bekommen als beim Herdfeuer oder im Stalle, so tust du nicht anders, als ob du Gott nähmest, wändest ihm einen Mantel um das Haupt und schöbest ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in einer (bestimmten) Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist. Wer aber Gott ohne Weise sucht, der erfasst ihn, wie er in sich selbst ist; und ein solcher Mensch lebt mit dem Sohne, und er ist das Leben selbst. Wer das Leben fragte tausend Jahre lang: ‚Warum lebst du?‘ – könnte es antworten, es spräche nichts anderes als: ‚Ich lebe darum, dass ich lebe.‘ Das kommt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt und aus seinem Eigenen quillt; darum lebt es ohne Warum eben darin, dass es (für) sich selbst lebt. Wer nun einen wahrhaftigen Menschen, der aus seinem eigenen Grunde wirkt, fragte: ‚Warum wirkst du deine Werke?‘ – sollte er recht antworten, er spräche nichts anderes als: ‚Ich wirke darum, dass ich wirke.‘ (Meister Eckhart)


Warum hast du mich nicht angerufen? Warum werde ich gerade dann kontrolliert, wenn ich den Fahrschein vergessen habe? Warum habe ich den Zug versäumt? Warum ist X so unfreundlich, wo ich doch immer so entgegenkommend bin? Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?


Kaum stört etwas unser Gleichgewicht, fragen wir nach der Erklärung. Wir rechnen damit, wenn wir den Grund der Störung erfahren, dass sich das Gleichgewicht wieder herstellt. „Ich konnte gestern nicht anrufen, weil das Telefon kaputt war.“ Die quälende Frage kann abgelegt und vergessen werden. Der Zyklus schließt sich, die Unklarheit legt sich, das Leben geht weiter bis zur nächsten Störung.


Wenn wir das Licht dieser Welt erblicken, wundern wir uns und staunen. Wir werden nicht als erklärungssüchtige Wesen geboren. Wir suchen keine Erklärung für das, was sich da ereignet und was sich uns zeigt. Wir fließen mit dem, was sich ereignet, im Inneren wie im Äußeren. Mal ist es angenehm, dann wieder unangenehm. 


Erst nach und nach legt sich über dieses Fließen eine Schicht des Bewusstseins drüber, die mit dem Erwachen des Zeitbegriffs entsteht. Es werden jetzt Zusammenhänge gesucht: Was war vor dem, was jetzt passiert ist? Hierfür ist die linke Gehirnhälfte zuständig. Sie liebt das Denken in Ursache-Wirkungsrelationen, während die rechte Gehirnhälfte, die in den ersten Lebensjahren noch aktiver war, gewohnt ist, in Ganzheiten zu denken. 


Mehr und mehr übernimmt diese sequentielle Form, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Der Zeitbegriff wird vollständig linear, und so fällt es leicht, die Welt als ein Gefüge von Ursache- Wirkungszusammenhängen zu verstehen. Damit muss es für alles, was es gibt, eine Erklärung geben. Hinter jedem Geschehen verbirgt sich eine Ursache. 


Der Erfolg der Technik, die so viel zur Bequemlichkeit unseres modernen Lebens beigetragen hat, liegt in der Erforschung dieser Zusammenhänge. So bekommen wir zunehmend das Gefühl, mittels erklärbarer Prozesse die Welt zu kontrollieren und zu beherrschen. Für alles, was sich dieser Beherrschung zu entziehen vermag, fordern wir eine Erklärung ein.


Ein Beispiel vom Spielplatz: Zwei Kindergartenkinder geraten in Streit. Das eine schreit das andere an: „Wenn du mir das nicht zurückgibst, dann hau ich dich, dann reiß ich dir die Haare aus, dann …. dann erkläre ich es dir!!!“ Die schlimmste Strafe ist eine Erklärung, gegen die es keinen Einwand mehr gibt. (Aus einem Buch über Kindheitspsychologie)



Frei vom Erklären


Wenn es um Menschen, ihre Motive und Handlungen geht, stößt diese Denkweise an Grenzen. Oft handeln wir „spontan“, ohne für uns selber einsehbare Ursache machen wir etwas anders als wir es sonst tun. Natürlich versuchen wir, für uns selbst und für unsere Mitmenschen „berechenbar“ zu sein, indem wir Vereinbarungen einhalten und unsere Werthaltungen nicht jeden Tag ändern. Aber wir schätzen Bereiche, in denen wir kreativ sein und Neues erproben können. Beim Tanzen z.B. macht es keinen Sinn, eine Bewegung aus der vorigen zu erklären, sondern wir genießen das Fließen von einem Moment zum nächsten und lassen uns mehr von den Bewegungen leiten, wie sie kommen, als dass wir diese leiten.

Erklärungsfreie Räume haben einen besonderen Reiz und geben uns ein Gefühl der Freiheit und des Selbstvollzugs. Wir erleben unsere Individualität dann am intensivsten, wenn wir uns selbst nicht berechnen und erklären können. Anderen aus dieser Haltung zu begegnen, ist auch lohnend, weil wir präsenter im Moment und in der Begegnung sein können.



Das Ende des Warum


Meister Eckhart macht uns darauf aufmerksam, wie sehr uns die Warum-Frage zu Antworten verleitet, die uns nicht weiterbringen. Denn sie binden uns an ein bestimmtes Gottesbild, das der Wirklichkeitserfahrung der Erklärungswelt entspricht. Der berechenbare Gott gibt uns zurück, was wir eingebracht haben, wie der Schalterbeamte bei der Bank, plus Zinsen. Wenn ich diese vorgeschriebenen Rituale verrichte, werde ich meinen Anteil an der Gnade bekommen. Deshalb verrichte ich die Rituale und erwarte mir die entsprechende Konsequenz.

Der Sinn dessen, was ich tue, liegt außerhalb von mir und ist so fix vorgegeben wie die Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaften. Ich gewinne zwar die Sicherheit, die in der unumstößlichen Erklärung liegt, verliere aber die Verbindung mit dem, was ich eigentlich suche:  „Denn wer Gott in einer (bestimmten) Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist.“


Will ich die größere Weisheit finden, muss ich die Frage nach dem Warum aufgeben und meinen ängstlichen Verstand bitten, beiseite zu treten. Es ist, wie es ist, mehr gibt es letztlich nicht zu sagen. Dinge geschehen, wie sie geschehen, Menschen handeln, wie sie handeln. Was für eine Entspannung, wenn ich einfach sagen kann: „Ich lebe darum, dass ich lebe.“

Selbstheilung durch innere Kommunikation

Gesundheit ist das störungsfreie Leben mit uns selber. Wenn wir erkranken, spüren wir in der Beziehung zu uns selbst eine Verunsicherung. Die Krankheit irritiert uns in unserer inneren Einheit. Der Körper zeigt sich uns als etwas, das uns Probleme bereitet, statt reibungslos zu funktionieren, so als würde er sich gegen uns wenden wie ein ungehorsames Kind. Wir reden ihm gut zu oder beklagen uns bei ihm oder jammern ihn an, je nachdem, und sind zugleich die Instanz, der die Anrede gilt, und das Medium, in dem das Ganze abläuft. 

Wir sind unser Körper und erleben uns andererseits von ihm unterschieden, indem wir eine Position einnehmen können, von der aus wir eine Beziehung zu ihm unterhalten. Es gibt also eine Beziehung innerhalb einer Identität. Denn die Position, von der aus wir in Beziehung gehen, ist innerhalb dieser Körper-Geist-Identität, die wir sind. Wo Beziehung besteht, besteht Kommunikation. Das Eigentümliche dieser Kommunikation ist die Identität, innerhalb derer sie von ihrem Unterschied lebt.

Wir sind ein kommunizierender Organismus, und weil wir sowohl die Kommunikationspartner als auch die Kommunikation sind, und weil wir uns dessen auch bewusst sein können, sind wir auch ein reflexiver Organismus, also einer, der zu sich selbst in Beziehung treten kann. Das zeigt sich in der Krankheit besonders deutlich. Wir können das Leben nicht mehr so führen, wie wir es geplant hatten und müssen beispielsweise das Bett hüten, statt einen Sonntagsausflug machen zu können. Es zerbricht eine Einheit, die vorher da war. Zum Leiden, das die Krankheit ausmacht, kommt das Leiden am Leiden.

Wir leiden an der Störung der inneren Kommunikation und an unserer Unfähigkeit, sie zu beheben. So verheddern wir uns in unseren internen Kommunikationsebenen, was uns noch mehr verunsichert. Denn wir neigen dazu, uns von unserem Körper zu distanzieren (manchmal, wenn die Krankheit schlimm ist, kann uns vor unserem eigenen Körper ekeln, manchmal, wenn sie sehr langwierig ist, können wir uns dafür schämen). Der Körper, der wir sind, wird zum Objekt, zum Ding, und dann suchen wir die Hilfe im Außen, die das Ding wieder zurecht bringen soll.

Um uns wieder sicher fühlen zu können, brauchen wir eine Zusage auf eine erfolgreiche Heilung. Die Autorität für ein solches Versprechen ist in unseren Breiten der Arzt. Aufgrund seiner Erfahrung und Ausbildung kann er eine Prognose aussprechen, die uns beruhigt (falls sie positiv ausfällt). Allein eine solche Beruhigung kann schon einen Beitrag zur Heilung leisten, weil Unruhe und Anspannung die inneren Heilungskräfte blockieren. Fällt sie negativ aus, wird sie die Verunsicherung verstärken.

Denn die kommunikative Verwirrung steigt, je mehr Sprecher sich einmischen. Manchmal gehen wir von einem Arzt zum nächsten, und jeder sagt etwas anderes. Dann suchen wir alternative Heilmöglichkeiten auf, die sich noch weiter in ihren Diagnosen und Heilungswegen unterscheiden.

Bevor wir heillos im Wirrwarr der Rettungsversuche, die uns die große weite Welt anbietet, verlieren, sollten wir innehalten und uns bewusst machen: Wir sind ein kommunikatives Körper-Geist-Wesen, und Kommunikation heißt, genauso zuhören wie reden. Dann merken wir, dass wir die ganze Zeit geredet haben, dass wir Stimmen von außen zugehört haben, aber nie unserem intimsten Gesprächspartner, unserem Körper, und speziell den Bereichen, die sich durch die Erkrankung bemerkbar machen. Wir verstärken durch unsere Weigerung, zuzuhören, die kommunikative Störung und wundern uns, warum wir nicht gesund werden.

Steigern wir uns nicht durch die Verunsicherung, die in Folge der Krankheit in uns aufsteigt, in eine Panik, sondern bleiben wir kommunikativ offen. Dann können wir beginnen, auf unseren Körper zu hören. Was will er uns sagen, was fehlt ihm, was braucht er, was sollte ich verändern? Wenn diese wichtigen Informationen nicht zu uns gelangen, fühlt sich unser Körper nicht verstanden und reagiert entsprechend. Die Gesprächsbasis, die wir herstellen und ausbauen, sobald wir beginnen, ihm zuzuhören, kann ein wichtiger Beitrag zur Heilung sein.

Wir sind Wesen, die über die Möglichkeit verfügen, die internen Kommunikationskanäle für uns selber zu nutzen. Das sollten wir tun, ob wir gesund sind oder krank. Denn je besser wir uns in die Sprache unseres Körpers einüben, wenn wir gesund sind, desto leichter wird sie uns zur Verfügung stehen, wenn wir krank werden, und desto eher werden wir die internen Wege zur Heilung öffnen können.

Die Meditation ist eine Gelegenheit, in der wir die interne Kommunikation üben können. Immer wieder können wir im Alltag unseren Atem spüren, der uns Auskunft darüber gibt, wie es uns gerade geht. Wenn wir merken, dass uns die Hektik des Alltags überrollt, ist es gut, dass wir uns in uns selber zurückziehen und uns Zeit nehmen, uns zu spüren: Was braucht unser Körper, um zur Ruhe zu kommen? So können wir immer zurück finden zur inneren Harmonie, die die beste Basis für die Gesundheit unseres Körpers bietet.

Mittwoch, 30. Januar 2013

Gedanken zum Verzeihen

Verzeihen erfordert die Bereitschaft, sich bewusst mit dem, was passiert ist, auseinanderzusetzen, sich selber als Opfer und die andere Person als Täter zu sehen und zu spüren. Das bedeutet auch, allen Gefühlen darum herum Raum zu geben. Solange Schmerz und Wut aufquellen, sobald die Erinnerung an das, was geschehen ist, aufsteigt, ist das Verzeihen nicht möglich. So erfordert das Verzeihen ein Geschehen, das wir nicht steuern können. Im Zug dieses Geschehens lösen sich die festgefahrenen Gefühle und Gedanken und machen einem weiteren Feld des Wahrnehmens Platz. Ein größeres Bild öffnet sich.

Verzeihen heißt, aus der Opfer-Täter-Verstrickung auszusteigen. Ich höre auf, mich auf meine Verletzung zu konzentrieren und daran zu leiden. Solange ich darauf fixiert bin, dass mir Unrecht geschehen oder Böses widerfahren ist, hänge ich fest – an dem, was geschehen ist, und an der Abwertung der anderen Person. Es gibt solange einen Täter, solange es ein Opfer gibt. Verzeihen heißt also auch, den Täter aus der Täterschaft zu entlassen. Damit erst werde ich frei von  meinem Opfersein. Ich nehme mich an in meiner Würde, die unverletzlich ist, die immer da ist, gleich was mir geschieht oder angetan wird. Aus dieser Würde heraus kommt echtes Vergeben. Und ich anerkenne auch die unverletzliche Würde des Täters, die nicht betroffen ist von der Unbewusstheit, Eingeschränktheit und Selbstvergessenheit, die ihm bei dem, was mich verletzt hat, unterlaufen ist.

Verzeihen heißt, die andere Person, die mich verletzt hat, in ihrer eigenen Verletzungsgeschichte zu sehen, ohne dass ich mich selber dabei überlegen fühle.

Ich kann erst verzeihen, wenn ich erkannt habe, dass die andere Person mich nicht einfach aus einem persönlichen charakterlichen Mangel schlecht behandelt hat, sondern weil sie aufgrund ihrer eigenen Geschichte und momentanen Stimmungslage in jener Situation nicht besser handeln konnte.

Dann kann ich erkennen, dass die Handlung, die mich verletzt hat, gar nicht gegen mich gerichtet war, sondern entweder unbedacht geschehen ist (die andere Person war nicht präsent bei der Tat) oder dass die Handlung aus Rache geschehen ist – und in Wirklichkeit einem Menschen gegolten hat, der eine Rolle in der Geschichte des Täters spielte und mir der mich der Täter jetzt „verwechselt“ hat.

So kann man sagen, dass im Täter das Opfer aufgestanden ist, um sich endlich zur Wehr zu setzen, wenn auch zur falschen Zeit und am falschen Ort.

Ich kann nur verzeihen, wenn ich verstanden habe, dass Menschen nicht einfach böse sind, sondern böse Handlungen setzen, weil sie selber unachtsam behandelt wurden und deshalb leicht in Situationen kommen, in denen sie nur beschränkt handlungsfähig sind, in denen sie nur eine beschränkte Sicht auf die anderen Menschen haben.

Jemand tritt mir auf die Zehen oder spritzt mich im Vorbeifahren voll, weil er im Stress ist und mich deshalb nicht wahrnimmt. Im ersten Impuls denke ich, der will mir was zu Fleiß tun, im zweiten wird mir klar, dass es da jemand nicht geschafft hat, achtsam genug zu sein – wie auch ich oft nicht achtsam genug bin. Dann kann ich verzeihen.

„Auch ich…“ macht mich gleich mit den anderen Menschen, weder besser noch schlechter, sondern genauso menschlich. Das, was geschehen ist, fügt dem unendlichen Teppich an menschlichen Geschichten eine weitere hinzu. Wenn ich dann genauer hinschaue, erkenne ich vielleicht, dass in dieses Geschehen, das mir so schrecklich verletzend erschienen ist, ein Faden Humor eingewoben ist, gesponnen aus der unausrottbaren Unvollkommenheit der Menschen. So sei mir erlaubt, meine eigene Spielart der Unvollkommenheit zu belächeln.

Montag, 21. Januar 2013

Was ist schon wissenschaftlich?

Unsere Wahrnehmungen und Einstellungen sind durchtränkt von der naturwissenschaftlichen Weltsicht, die ich der materialistischen Bewusstseinsebene zurechne. Das rührt daher, dass diese Sichtweise eine große Verlässlichkeit verspricht. Sie hat sich auf „Immer wenn-Dann“-Zusammenhänge spezialisiert. Sie will Gesetzmäßigkeiten herausfinden, die durchgängig und zuverlässig gelten, ohne Abhängigkeit von den jeweiligen Umständen. Ein Stein muss immer zu Boden fallen, wenn wir ihn loslassen. Die Erde muss immer um die Sonne kreisen, täte sie das einmal nicht, muss sofort eine neue Gesetzmäßigkeit herausgefunden werden, die diesen Irrweg als Notwendigkeit bestätigt.


Diese große Sicherheit, die uns das naturwissenschaftliche Denken vermittelt, macht sie so attraktiv und wir nehmen sie als den Maßstab von Wahrheit überhaupt. Wir wissen zwar, dass die Naturwissenschaften Randbereiche hat, wo ihr eigenes Weltbild nicht mehr taugt, wie in der Quantenphysik, aber deren Eigentümlichkeiten stellen das riesige Feld an Forschungsergebnissen nicht in Frage, die eine große Eindeutigkeit aufweisen. Schließlich beruht die ganze Welt der Technik, die uns umgibt, erfreut und ärgert, je nach dem, auf diesen Zuverlässigkeiten. Deshalb sind wir auch sehr ungehalten, wenn einmal etwas nicht funktioniert, wenn das Handy keinen Empfang hat oder der Computer abstürzt und der Fernseher keine Bilder, sondern nur Flimmern liefert. Allerdings hat sich in diesen Fällen nur eine andere Gesetzmäßigkeit eingemischt und die von uns erwarteten Abläufe unterbrochen. Jede Störung muss genau so sein, wie sie ist, und die Welt erscheint als lückenlos abgesichert und berechenbar.

Wenn da der Mensch nicht wäre… Denn dieser macht der Welt der Kausalitäten einen dicken Strich durch die Rechnung, mit seiner Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit. Er gerät in Stress, trifft eine Fehlentscheidung, und eine Katastrophe wird ausgelöst wie im AKW Tschernobyl – eine Kette von menschlichem Versagen, und die Technologie, die alle Naturwissenschaftler als sicher propagiert haben, verursacht massive und langdauernde Zerstörungen und fordert Tausende Menschenleben. Die Kernreaktoren haben sich genau an die naturwissenschaftlichen Gesetze gehalten, es waren Menschen, die die falschen Knöpfe gedrückt haben.

Also haben wir zwei Wirklichkeiten, mit denen wir leben müssen: Einerseits die von den Naturwissenschaften ausgerechnete Welt mit ihren eindeutigen Immer-Wenn-Dann-Gesetzen, und andererseits die Welt der Kommunikation. Ich habe schon in zwei Blogbeiträgen über die organische und die universelle Kommunikation geschrieben und die Meinung vertreten, dass es keine Objektwelt ohne Kommunikation gibt.

Das bedeutet, dass all die Gegenstände, die die Naturwissenschaft untersucht, eine Rückseite haben, die nicht naturwissenschaftlich funktioniert, sondern nach den Eigenheiten der Kommunikation. Und hier zeigt das ziemliche Gegenteil der Welt der Berechenbarkeit: Spontaneität, Chaotik, Kreativität, Überraschung.

Kommunikation lebt von der Unberechenbarkeit. Wenn ich sowieso schon wüsste, was mein Gegenüber sagen wird, brauche ich gar nicht erst anzufangen zu reden.

 

Anorganische Kommunikation


Von dort aus betrachtet, haben die Naturwissenschaften nur eingefahrene Kommunikationsmuster erforscht. Sie sind deshalb so erfolgreich und überzeugend, weil sie die primitivste Form der Kommunikation erforschen. Denn die anorganische Welt ist sehr einfach aufgebaut, und so sind auch die kommunikativen Abläufe, die in ihr wirken, so einfach, dass sie leicht durchschaut werden können.

Die Erde sagt zum Stein, komm herunter zu mir, und er fällt. Beide finden, dass es so stimmt. Die Erde sagt nie etwas anderes zu schweren Gegenständen und die Gegenstände widersprechen nie, also bestätigt sich das Gesetz immer. Warum sollte der Planet auch etwas anderes kommunizieren? Es funktioniert ja bestens und hat dafür gesorgt, dass er seit Milliarden Jahren einen recht soliden Bestand hat. Er braucht auch in diesem Bereich keine Kreativität und keine Freiheit, sonst würde das Sonnensystem sofort auseinanderfallen. Vermutlich weiß er das, und bescheidet sich deshalb mit dieser Einfachheit seines Seins. So spielt er mit im eher eintönigen Konzert der anderen Planeten unter dem Kommando der Sonne und zieht locker und gemütlich seine Bahnen, wie seit Ewigkeiten schon.

 

Die Gesprächskultur der Pflanzen


Sobald Leben entsteht, entsteht eine komplexere Kommunikation. Eine komplexere Kommunikation braucht einen größeren Wortschatz, neue grammatische und syntaktische Formen und  Übersetzungsregeln. Pflanzen müssen eine reichhaltigere interne und externe Gesprächskultur haben als Steine oder Wassermoleküle. Sie müssen nämlich die Sprache der Mineralien beherrschen, weil sie diese in ihr inneres System integrieren müssen, ebenso wie die des Wassers und der Sonne, der Sauerstoff- und Kohlendioxidteilchen ebenso wie die der sie umgebenden anderen Pflanzen. Mit dieser Sprachfähigkeit bewältigen sie die Aufgabe der Photosynthese, steuern ihr Wachstum und passen sich an geänderte Verhältnisse an. Sie machen das in unterschiedlicher Weise, somit entwickelt sich keine Pflanze identisch wie eine andere. Pflanzen haben schon eine ausgeprägte Individualität.

 

Der Mensch und die Wissenschaft


Noch deutlicher wird dieser Trend zur Steigerung der kommunikativen Komplexität bei den Tieren und erst recht bei den Menschen, die die verbale Sprache erfinden, um ihr aufwändiges Sozialleben gestalten zu können.

Mit Hilfe dieser Sprachfähigkeiten, für die sie ein hochentwickeltes Gehirn brauchen, wächst das enorme Potenzial an Kreativität, das die Menschen schließlich auch die Wissenschaften entdecken lässt. Und deren Erkenntnisse faszinieren sie so, dass sie sich ihnen beinahe bedingungslos verschreiben.
 

Unter dem Einfluss der Aufklärung, die zunehmend die Gehirne der modernen Menschen imprägniert hat, kommt es zu einer folgenschweren Zweiteilung im Verständnis der Wahrheit. Nun werden auf strahlendem Podest die sicheren Erkenntnisse der Wissenschaften präsentiert, auf denen zunehmend die Gesellschaft aufbaut und die als Richtschnur für politische Entscheidungen genommen werden, und alles andere ist Meinung. Meinung ist subjektiv und jederzeit änderbar und kann deshalb nicht als verbindliche Grundlage für eine gemeinsame Willensbildung dienen.

 

Zur Eigenart kommunikativer Erkenntnis


Wenn wir wissenschaftliche Forschung betreiben, suchen wir mittels verobjektivierter, messbarer Wahrnehmung und standardisiertem logischem Denken Einsichten zu erlangen, die jeder andere Mensch genauso nachvollziehen kann. Somit hat sie jeder als gültig anzuerkennen. Es gilt dann für alle: Wenn A passiert, wird B passieren. Wer etwas anderes behauptet, stellt sich außerhalb der Gesellschaft.

Wenn wir kommunizieren, passiert meistens etwas anderes, als wir erwarten. Wir reden einesteils, damit sich unsere Erwartungen bestätigen. Wenn wir z.B. einen Befehl erteilen, wollen wir, dass er befolgt wird oder wenn wir die „absolut richtige“ Ansicht haben, wollen wir, dass uns die anderen Recht geben.

Andernteils, und das zeigt uns die Grundform der Kommunikation viel deutlicher, führen wir Gespräche, damit sich unsere Erwartungen nicht bestätigen. Wir wollen etwas Neues erfahren, wenn wir jemanden fragen, was er zu diesem oder jenem Thema meint. Wenn er das Gleiche sagt, was wir denken, fühlen wir uns vielleicht bestätigt, aber es würde uns auf Dauer fad, wenn unser Gesprächspartner immer zustimmt, und dazu noch genau in der Form, wie wir es erwarten. Als anregend empfinden wir Gespräche, wenn wir von der Antwort überrascht werden, und dann von unserer eigenen Reaktion überrascht werden, weil sie etwas enthält, was wir uns vorher noch nie gedacht hatten. Es passiert etwas Unvorhersehbares, etwas Unberechenbares, und das ist typisch für die Welt der Kommunikation.

So sind z.B. die Gedanken für diesen Blogbeitrag in einem Supervisionsgespräch entstanden. Sie wären wohl ohne die Anregungen aus diesem Gespräch so nie gedacht und geschrieben worden.

Es ist wie bei einem Spiel: Wenn wir beim Kartenspiel immer die gleichen Karten bekämen, würde das Spiel sofort seinen Reiz verlieren. Wenn der Partner einer Schachpartie immer genau die Züge machen würde, die ich vorausdenke, würde ich bald die Lust verlieren, mit ihm zu spielen.

Diesen Wesenszug der Kommunikation zu verstehen, erfordert ein Stück des systemischen Bewusstseins: Gespräche laufen dann gut, wenn niemand das Gespräch beherrscht, sondern wenn es das Gespräch ist, das die Gesprächspartner in Bann zieht. Das Gespräch führt die Sprecher.

Friedrich Hölderlin hat geschrieben, dass „ein Gespräch wir sind.“ Damit kann er gemeint haben, dass Menschsein Gespräch-Sein heißt. Wir führen also nicht bloß ab und zu Gespräche, sondern wir bewegen uns permanent in einem kommunikativen Netz, in das wir eingebunden sind, ob wir das wollen oder nicht. In diesem Netz sind wir die Mitspieler, die sich Regeln unterwerfen müssen, die schon vorgegeben sind. Eine dieser Regeln ist, dass kein Mitspieler die Kontrolle über die Regeln übernehmen kann. Somit bleiben alle Mitspieler voneinander abhängig und aufeinander bezogen, und das Geschehen in diesem Netz bleibt unberechenbar und unvorhersehbar, chaotisch und riskant.

 

Wissenschaft und Kontrolle


Möglicherweise sind die Menschen nur deshalb auf die Idee der Wissenschaften gestoßen, weil sie unter den Unwägbarkeiten der Natur gelitten haben. Wie können wir die Natur unserer Kontrolle unterwerfen, sodass sie unseren Erwartungen entspricht? Wie können wir der Natur einen unbedingten Gehorsam abnötigen? Indem wir ihre Sprache lernen und sie damit so manipulieren können, dass sie unseren Zwecken dient, ohne Widerrede. Das ist das Programm der Naturbeherrschung, der biblische Auftrag an die Menschen, sich die Erde untertan zu machen.

Hinter diesem Herrschaftsprogramm, zu dem die Menschheit aufgebrochen ist und an das sie immer noch glaubt, stecken Ängste und Sehnsüchte, diese Ängste ein für alle Mal und mit absoluter Sicherheit zu bannen. Niemals mehr soll mir ein Gewitter etwas anhaben können oder die winterliche Kälte oder der Hunger.

Schon oft wurde in diesem Blog Rolle der Angst erwähnt. Angst kommt von Enge – Angst treibt an und mobilisiert Energien. Angst beschränkt aber auch unsere Möglichkeiten und verengt unser Blickfeld. Die Angst fordert uns dazu heraus, die Umgebung zu kontrollieren, also darauf zu achten, dass nichts Überraschendes passiert, was potenziell immer gefährlich sein könnte. Wir suchen Eindeutigkeiten und Zuverlässiges. Wir werden unwirsch, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden, weil es uns verunsichert.

Da kommt uns die Naturwissenschaft mit ihren gesetzmäßigen Aussagen zu Hilfe. Auf solche Erkenntnisse ist Verlass. Alles, was jedoch aus der kommunikativen Ecke kommt, ist riskant und muss gemieden werden.

Angst verödet jedoch die kommunikative Landschaft. Unter ihrem oft subtilen Einfluss werden die Gespräche flach. Misstrauen schleicht sich ein. Der Fluss versiegt, es kommt zu Missverständnissen und Irritationen. Die Ideen versiegen, und die Worte gehen im Kreis, statt neue Tore zu öffnen.

 

Die kommunikative Spielwiese


Deshalb wäre es an der Zeit, dem wissenschaftlichen Denken den Platz zu geben, der ihm gebührt, einen wichtigen und respektablen, aber keinen universell gültigen. Gleichrangig neben ihm braucht die Welt der Kommunikation eine große Spielwiese, in der es keine starren Regeln und Gesetzmäßigkeiten geben darf, sondern auf der die Welt in jedem Moment neu erfunden und gestaltet werden darf.

Wenn wir dem Leben eine Richtung in die Freiheit und ins Erwachen zur Schönheit und zum Reichtum dessen, was ist, geben wollen, dann sollten wir immer wieder den Weg aus den Ängsten und Kontrollsüchten finden. Dann zeigt sich das Leben zeigt sich uns als diese bunte Mischung voll von Verlässlichkeiten und Überraschungen, von bestätigten und enttäuschten Erwartungen, von Routine und Spontaneität.

 

Friedrich Hölderlin: Friedensfeier (Auszug)

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet,
Ein Zeichen liegts vor uns, dass zwischen ihm und andern
Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.
Nicht er allein, die Unerzeugten, Ewgen
Sind kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen
Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet.
Zuletzt ist aber doch, ihr heiligen Mächte, für euch
Das Liebeszeichen, das Zeugnis
Dass ihr noch seiet, der Festtag.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Was die Welt zusammenhält – die Universalität der Kommunikation

Im Blogbeitrag: „Das Modell der organischen Kommunikation“ (13. Juni 2012) habe ich den Begriff der Kommunikation auf die organische Welt ausgeweitet und vorgeschlagen, die zwischenmenschliche Kommunikation nur als Spezialfall einer viel allgemeineren Kommunikation, die zumindest im Bereich des Lebens wirksam und notwendig ist, anzusehen.

Universelle Kommunikation müsste bedeuten, dass alles, was es gibt, miteinander in Kommunikation steht. Anders ausgedrückt, hätte jedes Ding, also alles, was es in Raum und Zeit gibt, neben dieser materiellen Existenz ein kommunikatives Dasein, d.h. es bezieht sich auf andere und andere beziehen sich auf es. In diesem Beziehen werden Informationen ausgetauscht und Identitäten bestimmt, die Dinge in Raum und Zeit bestätigen sich also gegenseitig, dass sie da sind und einander zur Kenntnis nehmen.

Unter Menschen ist uns das geläufig, auch bei Tieren erkennen wir kommunikative Beziehungen, aber schon mit den Pflanzen wird es spekulativ. Manche Leute behaupten, dass sie mit ihren Blumen reden, und dass die dann länger blühen. Manche andere tun das als Spinnerei ab. Erst recht kommen wir in zweifelhafte Regionen, wenn wir vorschlagen, dass etwa die Erde mit den Wurzeln kommunizieren könnte, der Stein mit dem Sand, der Planet mit dem Zentralgestirn, das Elektron mit dem Atomkern usw. Was soll da an Informationen übertragen werden, was soll da an Identität bestätigt werden?

Allerdings – der Erklärungsnotstand entsteht bei der Frage, wie Leben ohne Informationsübertragung, also rein mechanisch, funktionieren kann. Nun ist auch jedes Lebewesen aus anorganischen Materialien zusammengesetzt, aus Molekülen, die aus chemischen Elementen bestehen, also, etwas poetischer ausgedrückt, aus Sternenstaub. Wer oder was da kommuniziert, damit das Leben leben kann, diese Materieteilchen also, die z.B. die Signalübertragung einer Nervenzelle erledigen, müssen kommunikative Fähigkeiten aufweisen. Sie sollten in der Lage sein, Rede und Antwort zu stehen. Damit ist die Annahme nicht mehr weit hergeholt, dass auch im Bereich der unbelebten Dinge kommuniziert wird, also Information übertragen wird.

Esoterische Gewissheiten

In der Esoterik sind solche Annahmen schon lange in Wirklichkeiten übersetzt worden. Schließlich sprechen wir den Planeten Einfluss auf unsere Psyche und Persönlichkeit zu, verweisen auf Franziskus von Assisi, der mit den Vögeln redete, und haben uns selber vielleicht schon mal in einer Tranceerfahrung als Riesenschlange oder als Kieselstein gefühlt.  Esoterische Erfahrungen haben nur das Problem, dass sie subjektiv sind und subjektiv bleiben, weil sie durch andere Menschen anders erlebt werden. Sie sind Menschen verständlich, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die entsprechenden esoterischen Grundannahmen teilen. Darüber hinaus aber werden die esoterischen Erkenntnisse nicht ernst genommen werden.

Die Esoterik ist eben dadurch definiert, dass sie Aussagen produziert, die nur Eingeweihten verständlich sind und für andere keinen Sinn machen. Ihre Vertreter bemühen sich meistens gar nicht darum, eine allgemeinere Form der Verbindlichkeit und Verständlichkeit zu erarbeiten, und müssen sich deshalb mit einem Eck im öffentlichen Diskurs begnügen, in dem sie es sich gemütlich und einträglich, abgeschottet, belächelt oder ignoriert vom Rest der Welt, einrichten können.

Die Hypothese von der Allgegenwärtigkeit der Kommunikation

Wollen wir solche Kommunikationsbarrieren überwinden, können wir einen pragmatischen Zugang vorschlagen: Nehmen wir mal an, es gäbe überall kommunikative Zusammenhänge – was könnten wir damit besser verstehen und für bestimmte Zwecke, z.B. für die Heilung von Beschwerden, nutzbar machen?

Ich spare hier den ganzen anorganischen Raum aus und beginne mit der einfachsten Lebensform, der Zelle. Wie schon im anderen Blogbeitrag ausgeführt, ist es sehr plausibel, das Leben als Kommunikationszusammenhang zu verstehen. Eine Zelle besteht aus einer Reihe von Organellen, aus dem Zellkern, der Membran, dem Plasma usw. Jeder dieser Teile erfüllt eine bestimmte Aufgabe, und diese Aufgabenteilung wirkt so zusammen, dass die Zelle als ganze bestimmte Aufgaben erfüllen kann, sich z.B. von A nach B zu bewegen. Wie ist das möglich, ohne auf Kommunikation zurückzugreifen? Wie soll der Zellkern „wissen“, welche Gene er freigeben soll, wenn ihm das nicht mitgeteilt wird? Natürlich findet die Mitteilung nicht mittels Worten statt, sondern über chemische bzw. elektrische Signale. Aber das Mittel betrifft nicht das Wesen der Kommunikation.

Wie gesagt, braucht jede Kommunikationsform bestimmte Strukturen und Anwendungsregeln, die in unterschiedlichen Medien unterschiedlich gefüllt werden. Z.B. gibt es in jeder menschlichen Sprache die Struktur der Frage, die mit völlig verschiedenen Worten funktioniert, aber immer die gleiche Form und einen ähnlichen emotionalen Tonus hat.

Durch diese strukturellen Analogien können Informationen über die verschiedensten Kanäle mit den unterschiedlichsten Mitteln übertragen und verstanden werden. Es können die Nachrichten weiters von einer Kommunikationsebene in die andere übersetzt werden. Das Verständnis bezieht seinen Grundgehalt dabei jeweils aus der strukturellen Form. Wir können erkennen, dass ein Angehöriger eines neuguinesischen Stammes seinen Freund etwas fragt, ohne zu wissen, was er fragt. Wir verstehen „intuitiv“ die Grammatik, ohne dass die inhaltliche Bedeutung dafür von Bedeutung ist.

Wir können auch erkennen, dass ein Hund einen Menschen etwas fragt, und dass der Mensch auf die Frage reagiert, ohne dass es eine gemeinsame Sprache gibt. Gemeinsam ist die Struktur der Frage und der Antwort. Warum sollte die Verwendung dieser grammatikalischen Formen auf die Menschen und die anderen Säugetiere beschränkt bleiben? Könnte es nicht umgekehrt so sein, dass diese Formen in den Grundfunktionen des Lebens eingebaut sind, aus denen die verschiedenen Menschensprachen abgeleitet sind, als äußerst differenziert ausgearbeitete Variationen einer Grundgrammatik, die alle Lebensformen durchzieht.

Gefühle als Kommunikation

Wir können weiter spekulieren, dass in diesen Formen des Informationsaustausches die Wurzeln von Gefühlen liegen können. Gefühle nehmen wir in der Kommunikation anders wahr als Worte, die rein akustisch daherkommen. Sie haben eine eigentümliche Form der Schwingung, die sich aus verschiedenen Informationsbestandteilen zusammensetzt.

Es liegt auf der Hand, dass chemische und elektrische Vorgänge auf der Zellebene Schwingung erzeugen können. Vielleicht werden diese Schwingungen als die einfachste Form von Gefühlen im einfachen Bewusstsein einer Zelle erlebt. So erscheint es plausibel, dass Zellen, wenn sie in gefährliche Umstände geraten, etwas empfinden, was wir Angst nennen würden, während sie ihr Notprogramm starten. Und wenn die Gefahr vorbei ist, könnte sich in der Zelle ein Gefühl der Erleichterung verbreiten. Sollte sich die Situation in eine besonders angenehme Richtung verändern, könnte eine Zelle etwas wie Freude empfinden. Das Schwingungsmuster, das diese Empfindung erzeugt, unterscheidet sich deutlich von dem der Gefahrensituation.

Damit haben wir einen Erklärungsansatz, warum manche Menschen behaupten, dass sie mit Tieren oder mit Pflanzen Gespräche führen, dass Bäume auf Fragen antworten usw. Bäume kennen die Form der Frage, weil in ihrem inneren organischen Austausch in allen Zellen und zwischen allen Zellen ständig Fragen gestellt und Antworten gegeben werden. Sie können dazu möglicherweise den emotionalen Ton „verstehen“, in dem die Frage kommt, und die Offenheit des Hörers kann daraus eine Antwort entnehmen, die dann feinfühlig nach innen übersetzt werden kann. Kommunikation bedeutet dabei, dass zwei unterschiedliche Lebensformen miteinander in Resonanz gehen und dass diese Resonanz charakteristische Veränderungen bei beiden hervorruft.

Krankheit und interne Kommunikation 

Wir haben auch eine Ahnung darüber, wie es funktionieren kann, dass wir mit unserem Körper reden, mit Organen, die geschwächt oder  erkrankt sind, wenn wir mit Affirmationen arbeiten. Neben der positiven Wirkung, die Übungen allgemein auf den Körper haben, weil wir uns dabei entspannen, kann es auch sein, dass die spezifische grammatikalische Form, die wir dabei wählen und die emotionale Schwingung auf der Ebene der Körpergewebe, Organe und Zellen verstanden wird im Sinn einer Beruhigung und Unterstützung.

Offenbar kommt es bei Erkrankungen im Körper, die jeweils zu Stressbelastungen in den betroffenen Gebieten führen, zu Kommunikationsstörungen und damit zu einem Verlust an koordinierten Aktionen. Es scheint, als ob einzelne Bereiche so mit sich selber und der Bekämpfung der Bedrohungen beschäftigt sind, dass sie nicht dazu kommen, ausreichend mit den übergeordneten Ebenen in Kontakt zu treten, dass diese umgekehrt auch nicht in der Lage sind, den unteren Ebenen zu Hilfe zu kommen. Wenn nun von „ganz oben“, von der bewussten Steuerungseinheit unterstützende und stärkende Kommunikation bis auf die einfachste Ebene hinab gesendet wird, kann das dazu führen, dass die Kommunikationsnetze auf diesen Ebenen wieder aufgebaut und für den Zweck der koordinierten Heilungsarbeit nutzbar gemacht werden.

Wenn wir noch einen Schritt zurückgehen, müssen wir die Möglichkeit anerkennen, dass es zunächst die Kommunikation war, die gestört wurde, und bei Fortbestand der Störung zur Erkrankung wurde, die dann die Störung noch verstärkt und intensiviert hat. Wird also irgendwo im Körper die Kommunikation unterbrochen, folgt daraus über kurz oder lang eine Erkrankung. Der Sinn der Erkrankung liegt darin, dass sie das Kommunikationssignal so massiv verstärkt, bis es die übergeordneten Instanzen nicht mehr übersehen können und entsprechende Handlungen setzen müssen. Werden die Kommunikationsnetze in den gestörten Bereichen und zwischen den erkrankten Bereichen und der Zentrale, dem Gehirn, wieder hergestellt, so kommt die Heilung in Gang.

Die Erkrankung verhält sich wie ein kleines Kind, dessen Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden, das also an einer Kommunikationsstörung leidet. Es schreit, bis es gehört und verstanden wird, und bis die geeigneten Handlungen erfolgen, die das Bedürfnis stillen und die Kommunikationsstörung beheben.

Zustände der universellen Kommunikation

Vielleicht kennen wir alle ganz besondere Momente, in denen uns die Welt als ineinander verschränkt und alles mit allem verbunden erschienen ist. Wir erleben dabei besonders erhebende und erhabene Gefühle und spüren uns völlig losgelöst und befreit. Es ist dabei, als wären wir eingebunden in die kommunikativen Netze, die zwischen den anorganischen und organischen Wesen ebenso wie zwischen den Pflanzen und Tieren und zwischen allen Menschen ausgespannt sind. Manche Kommunikationspfade erscheinen uns ausgetretener und vertrauter, aber wir bekommen eine Ahnung davon, was es heißt, dass die Kommunikation universell ist.

Vielleicht haben diese Momente einen Aspekt des Wiedererinnerns an sich – wir kennen diesen Zustand von früher, aus einer Zeit lange bevor sich unsere Sprach- und Denkfähigkeit entwickelt hat. Wir waren winzige Lebewesen am Anfang unserer Existenz, aber kommunikativ eingebunden in eine Umwelt, die uns verstanden und getragen hat.

Und dieses Gefühl des Verbundenseins hat uns Sicherheit und Geborgenheit verliehen. Unterbrochen wurde es durch Stresserfahrungen, durch Traumatisierungen, und wenn diese ganz schlimm waren, konnte der Bezug zu dieser Welt der wundersamen Allverbundenheit völlig verschüttet werden, sodass nur mehr die nüchterne Skepsis übrigbleibt, die viele erwachsene Menschen teilen.

So ist es unsere eigentliche Sehnsucht, den Zugang wieder finden zu den zauberhaften Kommunikationsnetzen, aus denen wir und aus denen die ganze Welt geflochten ist. Lernen wir wieder zu lauschen und zu flüstern in den vielfältigen geheimnisvollen Sprachen, die das Universum zusammenhalten.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Brauchen wir einen Selbstwert?

Unser Selbstwert sagt etwas darüber aus, wie wir uns selber wertschätzen, welchen Wert wir also uns selbst beimessen. Wir tun das immer wieder, vielleicht sogar die ganze Zeit nebenbei, wenn wir uns als wir selbst erleben, wenn wir also über uns selber reflektieren. Sind wir in irgendwelchen Tätigkeiten verschwunden, wenn wir z.B. Geschirr abwaschen und mit nichts anderem beschäftigt sind als damit, so machen wir das ohne Selbstwert. Fällt uns dabei ein Teller runter, kann es passieren, dass wir uns selbst dafür abwerten: Wie kann ich nur so blöd, so ungeschickt, so unachtsam sein. Plötzlich kommen wir selbst und unser Selbstwert ins Spiel. Wir erleben uns als Akteure auf der Bühne des Lebens und nehmen zugleich eine Zuschauerrolle ein, die kritisch die Performance verfolgt und laufend Kommentare abgibt: Das war jetzt gut, das war jetzt völlig daneben, das könnte besser sein und jenes ganz anders. Unser berühmter innerer Kritiker ist aufgewacht.

Diese zweite Ebene blenden wir immer dann ein, wenn wir aus dem Mit-dem-Leben-Fließen aussteigen. Aussteigen heißt, es kommt zu einer Unterbrechung durch etwas, was Gefühle in uns auslösen, z.B. Stress oder Angst. Der Teller fällt runter, wir kriegen einen Schreck und denken gleich daran, dass wir etwas kaputt gemacht haben. Unser Unterbewusstsein liefert dazu die Informationen von früheren Missgeschicken und den Reaktionen unserer Umgebung darauf, und zwar vor allem selektiv jene, bei denen diese Reaktionen für uns unangenehm oder sogar bedrohlich waren. Denn unser Unterbewusstsein ist darauf spezialisiert, angstauslösende Situationen prioritär abzuspeichern und im Bedarfsfall zu aktualisieren. 

So folgt auf den Schreck sofort die Angst, geschimpft und bestraft zu werden. Da aber niemand da ist, der uns auf unsere Fehlerhaftigkeit hinweist und mit Konsequenzen droht, tun wir das selber mit uns. „Wenn du nicht besser aufpasst, geht alles kaputt, wenn alles kaputt geht, stehst du mit leeren Händen da, wenn du mit leeren Händen dastehst, musst du verhungern.“

Wir kommen also erst dann auf die Idee, dass wir einen Selbstwert haben, wenn etwas schief geht und uns die Verantwortung dafür angelastet wird. Unser Selbstwert wird uns als Selbstunwert bewusst. Wir sind an einem fehlerhaften Ablauf schuld. Und deshalb ist etwas an uns selbst mangelhaft, sonst wäre das nicht passiert.

Kinder – je kleiner, desto mehr –, neigen dazu, wenn sie sich schlecht fühlen, anzunehmen, dass sie schlecht sind. Jemand hat ihnen etwas angetan, und sie glauben, dass sie selber schuld sind und dass sie selber nicht in Ordnung sind. Oder sie haben etwas nicht gekriegt, was sie unbedingt gebraucht hätten, z.B. Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit, damit geht es ihnen schlecht, und weil sie sich schlecht fühlen, nehmen sie an, dass sie selber schlecht sind. So prägen sich die Grundlagen für die Selbstabwertungen wie Schablonen in die tieferen Schichten der Psyche ein. Und solche Schablonen tragen wir alle in uns. Sie stehen auf Abruf bereit, wenn uns etwas daneben geht. 

Den Selbstwert wieder herstellen

Der erste Schritt, um mit uns selber ins Reine zu kommen, besteht darin, den ramponierten Selbstwert zu restaurieren. Wir brauchen dazu nur genauer auf unsere Selbstabwertungstendenzen zu horchen – wann erwacht die mahnende Stimme des inneren Kritikers? Ist das, was sie sagt,  brauchbar und nützlich oder hinderlich und unnötig? Im zweiten Fall halten wir uns am besten nicht auf mit der inneren Stimme, sondern konzentrieren uns auf eine andere, die uns bessere Unterstützung anbietet. Wir sind unseren inneren Stimmen nicht ausgeliefert. Sobald wir uns ihrer bewusst werden, können wir auch bewusst mit ihnen umgehen.

Selbstwert mit Mängeln

Niemand ist perfekt, niemand ist frei von Mängeln, und jedem unterlaufen da und dort Fehler. Jeder Fehler ist eine Gelegenheit, um Gelassenheit zu üben – oh, da ist mir was zerbrochen, oh, da bin ich in etwas Unappetitliches getreten, oh, da habe ich einen wichtigen Termin vergessen… Wir sind und bleiben gute und liebenswerte Menschen, ob wir zu 90 Prozent perfekt sind oder zu 85. Wir können uns erlauben, unsere Unvollkommenheiten in der inneren Sektion Unvollkommenheiten abzulegen, ohne dass sie unseren Selbstwert beschädigt. Es genügt, dass wir uns selber sagen: Da habe ich einen Fehler gemacht, dann kann ich einen Mangel verbessern, und ist auch effektiver, als wenn ich zu mir sage, was für ein schlechter oder unfähiger Mensch ich bin. 

Den Selbstwert loslassen

Achten wir also auf die Unterbrechungen, in denen sich die Selbstwertproblematik meldet. Wenn wir unsere entsprechenden Ängste und sonstigen Schwachstellen kennen, können wir leichter und schneller wieder zurück ins Fließen finden. Im Fließen sind wir einfach, wer wir sind, ohne eine großartige Idee von Wertigkeit oder Unwertigkeit. Im Fließen können wir das Leben und uns selbst mitten drin einfach genießen und wertschätzen, was es uns an Anregungen, Abwechslungen und Herausforderungen bieten möchte.

Der Selbstwert hat die Funktion einer Krücke, die wir nutzen können, wenn wir aus dem Fließen herausfallen. Wir korrigieren unsere unnötige Selbstabwertung, indem wir uns einen guten Selbstwert zusprechen.  Ja, wir sind wertvoll, ja, wir sind liebenswert, ja, wir machen so vieles gut in unserem Leben. Und dann können wir die Selbstwertschätzung wieder loslassen und ins Fließen zurückkehren, wo wir nur ein Teil eines größeren Ganzen sind, das mitspielt.

In diesen Zuständen und Erfahrungszusammenhängen merken wir vielleicht, dass dieser Wert, den wir uns zuschreiben und mit dem wir manchmal hadern, mit uns da ist, also unser Dasein ist. Weil wir da sind, weil wir existieren, sind wir wertvoll. Deshalb gibt es gar keine reale Möglichkeit, dass irgendjemand uns diesen Wert wieder wegnehmen könnte, auch wir selber nicht.

Wer könnte denn überhaupt unseren Wert in Frage stellen? Welchen Sinn soll es machen, dass wir anderen die Macht geben, über uns als Menschen zu befinden und Urteile zu fällen? Wollen wir das wirklich? Wenn nicht, warum sollten wir uns selber diese Macht geben? Was wissen wir denn schon über uns selbst, wenn wir uns beschimpfen und abwerten? Sehen wir da nicht nur ein Zerrbild von uns selbst, das nicht im Entferntesten das wiedergibt, was wir im tiefsten Inneren sind? Wenn wir da hineinschauen, sehen wir etwas Einzigartiges und ganz und gar Besonderes, etwas, das unvergleichlich hervorragt und unendlich reich und wunderschön ist. Und das keinen Selbstwert braucht, der ihm bestätigt, dass wir gut so sind, wie wir sind, und dass alles mit uns in Ordnung ist.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Katastrophenphantasien und kindliches Erleben



Ein französisches Dorf am Fuße der Pyrenäen wird laut angeblicher Maja-Prophezeiung den Weltuntergang am 21. Dezember überleben. Dieses Dorf heißt Bugarach, und die 180 Einwohner sind überhaupt nicht erfreut. Nachdem Weltuntergangsflüchtlinge aus aller Welt das Dorf stürmen, haben sie ihr Gebiet zum Sperrgebiet erklären lassen.

Der Dorfschmied Emile will sie alle wegschicken: "Wer war bloß der Illuminierte, der gesagt hat, dass dieses Dorf, und nicht ein anderes verschont wird? Warum schickt man nicht die Geistesgestörten nach Lourdes?" (ORF-Morgenjournal, 4.12.2012)

Wie kommen Menschen aufIdeen von Weltuntergängen (und Überlebenden derselben)? Wir wissen alle, dass wir kein sicheres Wissen über die Zukunft haben, dass die Wirklichkeit so vielgestaltig ist und sich nie ganz in die Karten schauen lässt. Und doch glauben wir an Prophezeiungen, und offenbar, je absurder sie den Gang der Dinge kontrastieren, umso tiefer der Glaube.

Wir legen unsere Erwachsenenvernunft, unseren common sense beiseite, der uns durch den Alltag einer komplexen Welt begleitet und verhalten uns wie Kleinkinder, die mit offenem Mund über das staunen, was ihnen die Erwachsenen erzählen, ohne Unterscheidungskraft über das, was in die Welt der Fantasien und was in die Welt der wahrnehmbaren Dinge und Sachverhalte gehört. Wir knüpfen an das magische Denken an, das uns in diesen frühen Jahren vertraut war und vielleicht immer wieder auch als eine tröstliche Zuflucht diente, wenn uns die Welt der Menschen und Dinge rau und grob begegnete.

Wir sollten auch bedenken, was sich im Inneren eines Kleinkindes abspielt, wie sich ein Gehirn entwickelt und zugleich die Repräsentation der gesamten Außenwelt in ihm, im schrittweisen wechselseitigen Kennenlernen. Was dabei langsam mitwächst, ist die integrative Kraft, die das alles zusammenhält, und immer wieder neu zusammen halten muss. Da kann es zu Engpässen und Überforderungen kommen, vor allem dann, wenn die Einflüsse von außen in Widerspruch zur inneren Realität kommen, z.B. wenn Bedürfnisse, die der Organismus anmeldet, überhaupt nicht oder nicht adäquat erwidert werden. Solche Diskrepanzen überfordern die integrative Kraft, und die innere Erfahrung ist die einer überwältigenden Katastrophe.

Vielleicht wundern wir uns weniger, wenn Menschen Katastrophenfilme anschauen, um sich zwei Stunden lang zu fürchten und dann erleichtert rausgehen, um zu sehen, dass das alles nicht wirklich war, sich aber möglicherweise innerlich (unbewusst) zu bestätigen, dass die Welt ja ohnehin ein gefährlicher Ort ist und dass niemandem zu trauen ist, nicht einmal der Natur, was z.B. eine Prägung aus einer nicht aufgearbeiteten Geburtserfahrung sein kann. Wer sich nie auf solche Erfahrungsebenen eingelassen hat, wird immer wieder unbewusst nach dem Kitzel solcher Reinszenierungen in der Welt suchen, sei es im Kino oder verdeckter in allen Bereichen des gestressten Alltagslebens.

Esoterik und Kindlichkeit

Warum allerdings gerade Menschen, die sich als besonders bewusst bezeichnen, für Katastrophenfantasien anfällig sind und diese Formen des esoterischen Glaubens oft noch vehement als Zeichen ihrer besonderen inneren Entwicklung verteidigen, ist schwerer nachvollziehbar und hat möglicherweise damit zu tun, dass sich in den Untergangsszenarien unerlöste Themen aus der kindlichen Perspektive in die Erwachsenenwelt einblenden. 

Im Überlebensstil "Verbindung" nach dem NeuroAffectice Relational Model (Laurence Heller) gibt es einen "spiritualisierenden" Untertypen. Geprägt durch frühe Traumatisierung und Bedürfnisfrustration, entwickelt sich als Überlebensstrategie eine dissoziative Abspaltung, mit der alles, was im Leben fehlt, in der spirituellen Dimension gefunden werden kann. Da das Grundvertrauen ins Leben und in die Wirklichkeit nur schwach ausgeprägt ist, reflektiert die Angst vor Katastrophen eine dauernd wirksame innere Anspannung, und die Bemühung um spirituelle Absicherung verspricht die einzige Rettung - wenn die Welt zusammenbricht, werden die Aliens mit ihrem Raumschiff kommen und mich retten.

Jedenfalls können wir deutlich sehen, dass die Esoterik durch einen hohen Anteil an unbewusster Kindlichkeit geprägt und damit aufgeladen ist. Die Vermischung von kindlicher Denkweise und Erwachsenenvernunft ist geradezu ein grundlegendes Merkmal des esoterischen Denkens und Fühlens. Wohl hat die kindliche Lebens- und Erlebensart etwas Wunderbares und Bezauberndes an sich, das wir unser ganzes Leben nicht verlieren sollten. Aber wir sollten darob nicht vergessen, dass wir erwachsen sind (sobald wir es sind) und dass wir deshalb in der Welt und der Welt gegenüber Verantwortung tragen.

Die Unterscheidung von dem, was in die magische Welt des Kinderglaubens und was in die nüchterne Welt der Erwachsenen gehört, wird uns nicht immer klar sein, und manchmal können wir da auch durcheinander kommen. Doch gehört es zu den Herausforderungen des Wachsens, diese Unterscheidung immer wieder neu zu erkennen und zu formulieren. Dann können wir bewusst in die Kinderwelt ein- und wieder aussteigen, wie es uns beliebt. Nur so bekommen wir ein klares Gefühl für die Grenzen von Spiel und Ernst, von Fantasie und Wirklichkeit.

Verantwortung und Verantwortungslosigkeit

Ein Wissenschaftler muss seine Ergebnisse vor der Forschergemeinschaft rechtfertigen. Er muss seine Methoden und Berechnungen verbessern und verfeinern, wenn er als Wissenschaftler gelten will. Wenn er falsche Prognosen liefert, muss angeben können, wo der Fehler liegt. Sind die Prognosen immer wieder falsch, so verliert er bald seinen Ruf als Wissenschaftler und muss sich einen neuen Beruf suchen. Wenn ein Meteorologe Regen voraussagt und es scheint die Sonne, muss er überlegen, was schief gelaufen ist und wie er die Prognose verbessern kann. Passiert ihm das fortlaufend, heißt das, dass er ein schlechter Wissenschaftler ist und dass er seinen Beruf wechseln sollte. So nimmt die Wissenschaft ihre Vertreter in die Verantwortung, und die Gesellschaft kann sich im Großen und Ganzen darauf verlassen.

Ein Illuminierter, der seine Voraussagen in die Welt posaunt, übernimmt dagegen keine Verantwortung für seine Aussagen und was sie auslösen. Er muss nicht einmal darüber Rechenschaft ablegen, ob seine Eingebungen aus tiefer Meditation entsprungen sind oder Ausfluss vom Genuss von Glühwein oder anderem Prozentigem.

Trifft nicht zu, was er prophezeit hat, wurde er entweder missverstanden, oder er sieht sich darin bestätigt, dass sich alle jetzt spirituell so angestrengt haben, dass statt der Prophezeiung ein Bewusstseinssprung stattgefunden hat, den ja niemand nachweisen kann. Jedenfalls hat seine Prophezeiung nur Gutes bewirkt und war deshalb sinnvoll und notwendig. Er kann sich ausreden, wie ein kleines Kind, das die Milch verschüttet hat. Es gibt keine Öffentlichkeit, vor der er Rede und Antwort stehen muss, keine Gemeinschaft, vor der er Rechenschaft ablegen muss. Es wird Menschen geben, die sich von ihm abwenden und andere, die ihn weiter verehren. Die Bücher werden sich schlechter verkaufen, aber der Hauptumsatz vor der angesagten Katastrophe ist schon eingefahren, und das nächste Buch mit dem klingenden Namen findet wieder genügend naive Leser, die schon vergessen haben, was im vorigen Buch stand.

Geschlossene und offene Systeme

Solche Menschen bauen sich geschlossene Systeme auf: Für alles, was passiert, gibt es eine innere Erklärung, und Einflüsse von außen dienen nur zur Bestätigung der Innenansicht. Trifft die Prophezeiung ein, ist sie sichtbares Zeichen für übernatürliche Fähigkeiten, trifft sie nicht ein, ist sie spürbares Zeichen noch höherer übernatürlicher Fähigkeiten, nämlich die prophezeiten Katastrophen verhindern zu können.

Zu solchen geschlossenen Systemen fühlen sich alle hingezogen, die nach derartigen unwiderlegbaren Sicherheiten suchen. Auf diese Art entstehen die manifesten Sekten, aber auch die unsichtbaren, die in der virtuellen Welt aus ähnlichen Motivationen und Visionen zu den gleichen Denkformen kommen, ob sie sich kennen oder nicht, ähnlich wie die Fans von Tanz- oder Musikstilen oder Modetrends. Sie verhalten sich wie die Kinder, die in die Fantasiewelten von Geschichten und Märchen flüchten, wenn es in der Wirklichkeit zu stressig und unangenehm wird.

Offene Systeme bieten keine derartigen Sicherheiten, weil sie sich dauernd an neue Umweltbedingungen anpassen müssen, die nicht vorhersehbar sind. Wenn wir uns auf offene Systeme (in unserer Innen- und Außenwelt) einlassen, müssen wir mit der Ungewissheit leben, dass die Zukunft offen ist und dass auf längere Sicht keine verlässlichen Prognosen möglich sind. Dafür sind offene Systeme zum Unterschied von geschlossenen außerordentlich lernfähig und flexibel. Sie sind die Motoren und Motivatoren für die Evolution des Bewusstseins, während in den geschlossenen Systemen alte Ängste weiterschwelen, die die Entwicklung hemmen.

Doch sie können sich auf den Schuster Knieriem berufen, der seinen Kometen sicher nur deshalb überleben konnte, weil ihm trotz all der Ängste der Humor nicht abhanden gekommen ist. So kann er uns heute noch sein Couplet anbieten:

Es is kein' Ordnung mehr jetzt in die Stern',
D' Kometen müssten sonst verboten wer'n;
Ein Komet reist ohne Unterlass
Um am Firmament und hat kein' Pass;
Und jetzt richt' a so a Vagabund
Uns die Welt bei Butz und Stingel z'grund.
Aber lass'n ma das, wie's oben steht,
Auch unt' sieht man, dass's auf n Ruin losgeht.
»Ja, a Kontroll' muss halt sein, sonst gibt's kein' Kredit!«
So hab'n s' g'sagt, doch sie wer'n mit uns anders noch quitt.
Was ein richtiges Schaf is, gibt auch so seine Woll':
Jetzt krieg'n ma an' Dreck und dazu a Kontroll'!
Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang lang lang lang lang lang,
Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang.
(Karl Kraus nach Johann Nestroy)

(Vgl. den Blog vom 13.1.2012: Zum Jahresbeginn 2012 - eine Anprangerung) 

Literatur: Laurence Heller: Healing Developmental Trauma. Berkeley, North Atlantic Books, 2012