Samstag, 18. Februar 2012

Materialien zur Epigenetik

Die relativ junge Forschungsrichtung der Epigenetik lehrt uns einerseits, dass Gene ein- und ausgeschaltet werden, und andererseits, dass solche Muster des Ein- und Ausschaltens von Genen weitervererbt werden können. Sie liefert also eine Erklärung dafür, dass Veränderungen in der Therapie bis auf die Zellebene „hinunter“ wirken können (und müssen, um dauerhaft zu sein) und auch dafür, warum wir Probleme mit uns tragen, die von vorigen Generationen stammen.

Gene und Epigene

Die Zellen erledigen ihre Aufgaben in dauernder Kommunikation mit ihrer Umgebung. Aber auch innerhalb der Zellen finden viele Prozesse des Informationsaustausches statt, und besonders wichtig sind solche, die die Aktivierung des genetischen Codes (des Genoms) anbetreffen, der im Zellkern gespeichert ist. Die meisten Gene (ca. 58 000 von 80 000) spulen nicht automatisch ihr Programm ab, sondern werden ein- und ausgeschaltet wie ein Radioapparat. Welche Bedingungen wirken auf solche Schaltvorgänge ein und wie können diese beeinflusst werden? Mit dieser Thematik beschäftigt sich die Epigenetik.
Spannende Ergebnisse liefert diese Forschungsrichtung, weil sie aufzeigt, wie veränderungsfähig alle Organismen sind. Sie widerspricht dem genetischen Determinismus, der behauptet, dass wir von den Genen gesteuert wären, sodass wir an unseren Schwierigkeiten und Problemen im Grund nichts ändern könnten, weil diese von Anfang an schon fixiert wären. Wir wissen dagegen jetzt, dass sich die meisten Gene entsprechend den jeweiligen Erfordernissen ausdrücken (Genexpression).
Ein großes Forschungsprojekt in England ergab, dass die Söhne von Vätern, die schon vor der Pubertät geraucht hatten, überdurchschnittlich dick wurden, während bei den Töchtern keine diesbezüglichen Abweichungen vorkamen.
Weiters wurde erkannt, dass sich Epigene, also die „Gen-Schalter“, viel leichter verändern lassen als die Gene selbst. Gene können nur mit sehr aufwändigen und schwierigen Operationen im Genom korrigiert werden, während Epigene z.B. schon durch eine Veränderung von Verhaltensweisen moduliert werden können, d.h. entweder in ihrer Aktivität gesteigert oder zurückgefahren werden.
Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass epigenetische Signale von den Eltern auf die Kinder, möglicherweise sogar auf die Enkelkinder weitergegeben werden können. Wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen, nicht nur, weil sie es hören und nachahmen, sondern weil sie es in ihrem epigenetischen Repertoire schon mitbringen. Freilich funktioniert das auch umgekehrt: Die Untugenden der Vorfahren oder möglicherweise deren ungelösten Lebensprobleme werden ebenso weitervererbt, als wären sie in den Genen verankert.

Was ist Epigenetik? Einige Definitionsversuche:


„Der nur wenige Mikrometer (0,005 mm) große Zellkern enthält rund zwei Meter DNA. Wir versuchen, die Mechanismen zu verstehen, die in Anbetracht des winzigen Volumens des Zellkerns den Zugang zur DNA ermöglichen.“

„Den Unterschied zwischen der Genetik und der Epigenetik kann man wahrscheinlich mit dem Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Lesen eines Buchs vergleichen. Nachdem ein Buch geschrieben ist, ist der Text (die Gene oder die in der DNA gespeicherte Information) in allen an den interessierten Leserkreis verteilten Kopien der gleiche. Jedoch wird jeder einzelne Leser des Buchs die Geschichte auf etwas unterschiedliche Weise interpretieren, mit sich im Laufe der Kapitel unterschiedlich entwickelnden Gefühlen und Erwartungen. In sehr ähnlicher Weise ermöglicht die Epigenetik verschiedene Interpretationen einer festen Vorlage (das Buch oder der genetische Code), was je nach den variablen Bedingungen, unter denen die Vorlage betrachtet wird, zu unterschiedlichen Lesarten führt.“

„Informationsmanagement im Zellkern bedeutet, dass ein Teil der genetischen Information im Genom sehr, sehr eng verpackt ist. Dann wieder gibt es genetische Informationen, die sich jederzeit in einem aktiven Zustand befinden müssen, so genannte Haushaltsgene (house-keeping genes) zum Beispiel. Daher ist die Epigenetik ein wenig wie das Informationsmanagement zu Hause: das, was man immer wieder braucht, räumt man nicht weg, aber alte Schulhefte hebt man in Kartons verpackt auf dem Dachboden auf.“
(Haushaltsgene sind solche, die dauernd „eingeschaltet“ sind und für die Aufrechterhaltung des Dauerbetriebes notwendig sind.)

Einige Grundbegriffe:


Genexpression: Umschreiben (transkribieren) der Gene in RNA und dann Umwandeln (Translatieren) in Proteine
DNA-Sequenz: Vier organische Basen: Adenin (A) paart sich mit Thymin (T), Cytosin (C) mit Guanin (G). Die DNA-Sequenz eines Gens bestimmt die Aminosäurenzusammensetzung eines Proteins.

Ein paar eindrückliche Beispiele aus der Forschung:

Enkel entwickeln Diabetes


Der englische Genetiker Marcus Pembrey erforschte die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Erkrankungen in einer abgelegenen Stadt Nordschwedens. Dabei zeigte sich, dass die Enkel von Männern, deren Kindheit in eine Zeit des Überflusses fiel, mit größerer Wahrscheinlichkeit Diabetes entwickelten – verknüpft mit dem höheren Risiko eines frühen Todes. Das galt jedoch nur für die männliche Linie, die Enkeltöchter blieben verschont. Sie wiederum waren betroffen, wenn sich ihre Großmutter väterlicherseits überreich ernährt hatte. In diesem Fall kamen die Enkelsöhne gesund davon.
Das bedeutet, dass die Umweltbedingungen der heute Lebenden Einfluss auf die Nachkommen haben. Pembrey nimmt an, dass die Nahrungsfülle epigenetische Spuren auf den Geschlechtschromosomen X und Y hinterlässt. Wie weitere Analysen nahelegen, hängen die Auswirkungen in den Folgegenerationen vom "Timing" ab – vom Alter, in dem die erste Generation den Überfluss genoss. Die Großmütter der am stärksten betroffenen Enkeltöchter erlebten die üppigen Zeiten im Uterus oder in der Kindheit – also genau in der Phase, in der sich die Keimzellen in den Eierstöcken entwickeln. Bei Männern dagegen fiel die kritische Spanne in das Ende der Jugendjahre - eine entscheidende Zeit für die spätere Spermienbildung. Diese Studien lassen vermuten: Ernährung, Verhalten und Umweltbedingungen der heute Lebenden haben einen immensen Einfluss auf die Gesundheit der Nachkommen – auch weit entfernter.
Und daraus folgt: Wir müssen in dieser Hinsicht Verantwortung nicht nur für unsere Kinder, sondern auch für unsere Kindeskinder übernehmen. Entsprechend könnten einige heute verbreitete Krankheiten weit zurückliegende epigenetische Ursachen haben.
Ein kanadischer Psychologe vertritt die These, dass unser epigenetisches Erbe eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen – darunter Temperament und Intelligenz – beeinflusst. Deshalb dauere es vermutlich mehrere Generationen, um in einer Bevölkerung die Folgen wieder wettzumachen, die Armut, Krieg und Vertreibung im epigenetischen Code hinterließen. Das zeigen viele praktische Erfahrungen, wie wir sie z.B. in der Aufstellungsarbeit machen.

Drogensucht und Epigenetik


Ein weiteres Beispiel aus der Forschung zeigt, dass psychoaktive Drogen den epigenetischen Code unserer Hirnzellen umschreiben können. Die Lernfähigkeit des Gehirns ist ein schrittweiser Prozess, der ständig Ereignisse mit Ergebnissen bis zur Bildung assoziativer Erinnerungen verknüpft. Psychoaktive Drogen, die eine Belohnung verschaffen, stimulieren diesen Lernkreislauf, sodass bei Suchterkrankungen das auf Belohnung basierende Lernsystem in krankhafte Übersteuerung übergeht und zu zwanghaftem Verhalten führt. Regelmäßiger (chronischer), zwanghafter Drogenkonsum verstärkt daraufhin die gelernte Assoziation und verschlimmert das Problem.
Auf körperlicher Ebene fördert das Lernen die Stärke von Verbindung und Kommunikation zwischen bestimmten Hirnzellen. Man glaubt, dass das Einschalten von Genen, die den physischen Umbau der Verbindungen kontrollieren, daran beteiligt ist.
In Gehirnzellen wird eine Anzahl an Genen nach der Verabreichung von Drogen wie Kokain eingeschaltet, und neue Forschungsergebnisse zeigen, dass dieser Umschaltmechanismus epigenetische Modifikationen einschießt – chemische Veränderungen entweder an der DNA (die die Gene kodiert) oder an mit der DNA assoziierten Proteinen (Histone).
Epigenetische Modifikationen verändern, wie gesagt, nicht den DNA-Code selbst, sondern beeinflussen eher die Verfügbarkeit des Codes für die Faktoren, die ihn ablesen und in sein Produkt übersetzen. Daher können epigenetische Modifikationen ein Gen zugänglich machen und so den Umfang steigern, in dem es abgelesen wird (die Menge des Produkts vergrößern) oder es unzugänglich machen, d.h. es tatsächlich abschalten. Es wurde nun gezeigt, dass Kokain zu einer Acetylierung der Histone an Genen führt, die es damit einschaltet - eine Modifikation, die bekanntermaßen mit zugänglicher, aktiver DNA assoziiert ist.
Kokain verändert nicht nur den epigenetischen Status von Genen, sondern veranlasst auch bestimmte epigenetische Modifikationen, die abhängig von der Häufigkeit des Drogenkonsums sind. Bestimmte Gene werden durch seltene (akute) Verabreichung eingeschaltet, während andere nur nach chronischem Gebrauch (wie bei einer Suchterkrankung) aktiviert werden. Manche werden in beiden Fällen eingeschaltet. Bei durch akuten Konsum eingeschalteten Genen werden die Histon-H4-Proteine acetyliert, bei chronischem Drogengebrauch die Histon-H3-Proteine. Gene, die durch beide Formen der Drogeneinwirkung aktiviert werden, weisen H4-Acetylierung zu Beginn der Kokainexposition auf und wechseln zu H3-Acetylierung, wenn der Drogenkonsum chronisch wird.
Interessanterweise bleibt die durch beständige Kokaineinwirkung veranlasste H3-Acetylierung bei einer Anzahl von Genen auch lang nach der Absetzung der Droge aufrecht. Diese anhaltende molekulare Markierung könnte daher zu einer Daueraktivierung der Gene und einer Anhäufung ihrer umbauenden Produkte führen, was im Gegenzug die langfristigen körperlichen Veränderungen erklären könnte, die notwendig sind, um die Hirnzellverbindungen während Lern- und Suchtprozessen zu stärken.

Epigenetik und Krebs


Das Epigenom steuert, welche Abschnitte unserer DNA aktiv sind. Unser Genom wickelt sich um Histone, zelluläre Spulen, die von Enzymen mit Molekülen wie Acetyl und Methyl markiert werden. Die Markierungen und Wicklungen legen fest, welche Gene eingeschaltet sind und welche nicht. Die richtige Regelung der Gene hält die Zellen in Ordnung, aber ein Agieren außerhalb der Norm verursacht ein unsoziales Verhalten der Zellen. Veränderungen im Verhalten zweier epigenetischer Enzyme scheinen bei vielen Krebsarten eine Rolle zu spielen, indem sie die falschen Gene einschalten. Es hat sich als nützliche Anti-Krebs-Strategie erwiesen, mit Medikamenten die Balance zwischen diesen Enzymen wieder herzustellen.
Viele Krankheiten haben eine bekannte genetische Komponente, können aber durch die Epigenetik modifiziert werden. Epigenetische Faktoren wie die DNA-Methylierung sind wesentlich praktikablere Ansatzpunkte für Behandlungen, denn die Art und Weise, wie DNA methyliert wird, lässt sich viel leichter ändern als die zugrunde liegende DNA-Sequenz. Nicht funktionierende Methylierung kann dazu führen, dass Gene nicht zum Schweigen gebracht werden und dann Krebs produzieren.   
Trächtige Mäuse kriegen Folsäure und B12 (enthält viele Methylverbindungen): Junge kriegen braunes Fell statt gelbes. Dabei wird das „Agouti-Gen“, das für das Gelb zuständig ist, methyliert und verringert dessen Expression. Die Sequenz des Gens wird dabei nicht verändert.
Eine Extraportion Vitamin B12, ein bisschen Folsäure, eine Prise Cholin - allesamt Stoffe, die sich in vielen in Apotheken erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln finden. Randy Jirtle von der Duke University im amerikanischen Durham und sein Mitarbeiter Robert Waterland setzten die aufgepeppte Diät dicken, gelben Mäusen vor, die in der Wissenschaft unter dem Namen Agouti-Mäuse laufen. Das Agouti-Gen in ihrem Erbgut ist es, das den Tieren ein gelbes Fell verleiht, sie gefräßig macht. Die Weibchen bekamen das Futter zwei Wochen vor der Paarung und während der Schwangerschaft. Wenn Agouti-Mäuse Nachwuchs bekommen, wird dieser normalerweise ebenso gelb, ebenso fett und ebenso krankheitsanfällig, wie es die Eltern sind. Die Mehrzahl der Nagerkinder in Jirtles Experiment schlug jedoch aus der Art: Sie waren überwiegend schlank und braun. Außerdem fehlte den Sprösslingen die Veranlagung für Krebs und Diabetes. Durch einen subtilen Prozess war das Agouti-Gen abgeschaltet worden. Und das, ohne einen einzigen "Buchstaben" im Erbgut der Nager umzuschreiben.

Drei Milliarden Bausteine im Erbgut


Wenn Genetiker von Mäusen sprechen, meinen sie meist auch den Menschen. Das menschliche Erbgut: drei Milliarden Bausteine, etwa 25.000 Gene, dazwischen eine Unmenge scheinbar sinnloser Sequenzen, insgesamt ein zwei Meter langer Faden aus Desoxyribonukleinsäure (DNS). Dieses Riesenmolekül gilt heute weithin als Bauplan für den menschlichen Körper. Aber es werden Anweisungen benötigt, wann welcher Schritt auszuführen ist. So enthält eine Leberzelle dieselben genetischen Informationen wie eine Gehirnzelle, dennoch erfüllen beide völlig unterschiedliche Aufgaben, produzieren beide spezielle Eiweiße in typischen Mengen. Zwar kann man gewisse Details dieses Differenzierungsprozesses durch das Regiment von Steuerungs-Genen erklären, die in den DNS-Faden integriert sind. Doch seit Jahren mehren sich die Hinweise darauf, dass die Aktivität vieler Gene auch von außen beeinflusst wird: Bestimmte Proteine heften sich an die DNS und helfen, jenes Enzym in Position zu bringen, das den genetischen Code abliest.

Schalter, die Gene an- und ausknipsen


Wie dieses Merken funktioniert, ist Gegenstand der Epigenetik. Epigenetische Marker stecken nicht in den Buchstaben der DNS selbst, sondern auf ihr: Es sind chemische Anhängsel, die entlang des Doppel-Helix-Strangs oder auf dem "Verpackungsmaterial" der DNS verteilt sind. Sie wirken als Schalter, die Gene an- und ausknipsen. In den vergangenen Jahren haben Epigenetiker große Fortschritte im Verständnis dieser übergeordneten Steuermechanismen erzielt. Dabei wurde immer klarer, dass das Epigenom für die Entwicklung eines gesunden Organismus ebenso wichtig ist wie die DNS selbst. Deutlich wurde bei den Forschungen auch, dass das Epigenom durch äußere Einflüsse weit leichter als die Gene verändert werden kann. Die größte Überraschung aber ist: Epigenetische Signale werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben.
Die neuen Entdeckungen erschüttern das bisherige Wissen über Genetik und gängige Vorstellungen von Identität. Sie stellen also in Frage, was gemeinhin angenommen wird: dass die DNS unser Aussehen, unsere Persönlichkeit und unsere Krankheitsrisiken bestimmt. Die These "Die Gene sind unser Schicksal" ist bei vielen zur Überzeugung geworden. Solche eindimensionalen Vorstellungen aber sind nun obsolet. Denn selbst wenn Menschen exakt über die gleichen Gene verfügen, unterscheiden sie sich häufig in den Mustern der Genaktivität und damit auch in ihren Eigenschaften.
Derzeit arbeiten Wissenschaftler intensiv daran, die biochemischen Mechanismen der epigenetischen Steuerung zu enthüllen. Einer der Regelvorgänge, so hat sich dabei herausgestellt, setzt am "Verpackungsmaterial" der DNS an. Denn der Erbfaden liegt nicht lose im Zellkern, sondern ist auf zylindrische Proteine - "Histone" - gewickelt, und zwar derart, dass eine Kette mit Perlen wie bei einem Rosenkranz entsteht. Damit Enzyme die Informationen des Erbcodes lesen und abschreiben können, muss die betreffende Region der DNS für sie zugänglich sein. Zugang finden sie nur, wenn die Erbsubstanz in lockerer Form vorliegt. Um dies zu ermöglichen, müssen die Histonproteine bestimmte Anhängsel tragen. Sind diese dagegen nicht vorhanden, ist die Erbsubstanz dicht gepackt, und das Gen bleibt inaktiv. Viele Details dieses Schaltvorgangs sind allerdings noch nicht entschlüsselt.
In weiteren Studien gelang es Meaneys Team sogar, die frühkindliche Prägung umzukehren: Der Wirkstoff Trichostatin A machte ängstliche Nager stressresistenter, mit der Aminosäure L-Methionin wurden "mutige" Ratten zaghafter. Diese Ergebnisse bieten erstmals eine Erklärung für die Mechanismen, mit denen Umweltfaktoren auch komplexe Verhaltensweisen verändern. Und sie verdeutlichen ebenfalls, dass das Epigenom von Säugetieren nicht nur in der Entwicklungsphase, sondern auch noch in höherem Alter formbar ist. Dass wir also auch noch als Erwachsene an ihm "arbeiten" können, sei es durch Medikamente oder Nahrungsmittel. "Die Experimente bestätigen die Wichtigkeit der Umwelt bei der Entwicklung eines Lebewesens", sagt Michael Meaney. Nun sucht der Forscher beim Menschen nach ähnlichen Phänomenen. Die Erbgut-Abschnitte, die durch liebevolle Aufzucht bei Ratten programmiert werden, kommen, glaubt Meaney, in ähnlicher Form auch im Humangenom vor.
Frauen, die im Hungerwinter 1946/47 geboren wurden, kamen mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt und brachten später auch besonders kleine Kinder zur Welt, obwohl es nun wieder genug zu essen gab. Die Enkel der Kriegsgeneration litten unter einem höheren Krankheitsrisiko. Wie kann es sein, dass Veränderungen, die durch die damaligen Lebensbedingungen hervorgerufen wurden noch in den nachfolgenden Generationen zu finden sind?

Histone


Ein wichtiger Bestandteil, um Aufschluss über eine solche Art der Vererbung zu geben, sind Histone, eine Art Verpackungsmaterial für die DNA. Histone sind Proteine, die je nachdem, welche chemische Gruppe sie tragen, ob sie methyliert oder acetyliert sind, Gene dauerhaft deaktivieren oder aktivieren können. Bei der Zellteilung geben Histone ihr Eigenschaft an die Tochterzellen weiter. So bleibt die genetische Information und auch die epigenetische Information erhalten. Es wird angenommen, dass Methylierung, Acetylierung oder auch andere Formen der Histonmodifikation, wie Phosphorylierung, Sumoylierung und Ubiquitinylierung durch äußere Faktoren, wie Umwelteinflüsse und Ernährung beeinflusst werden. Ein Beispiel bietet die Fruchtfliege Drosophila melanogaster, die weiße Augen hat und ihre Embryonen bei 25 Grad Celsius aufzieht. Wird die Umgebungstemperatur der Embryonen für kurze Zeit auf 37 Grad Celsius erhöht, schlüpfen Fliegen mit roten Augen. Werden diese Fliegen untereinander gekreuzt, ist ein Teil der Nachkommen wieder rotäugig, obwohl auf eine weitere Wärmebehandlung verzichtet wurde. Eine Gruppe von Forschern von Renato Paro, Professor für Biosysteme am Department of Biosystems Science and Engineering (D-BSSE), kreuzten diese Fliegen über sechs Generationen und immer wieder kamen Rotäugige zur Welt. Jedoch blieb die DNA-Sequenz des Gens, welches für die Augenfarbe verantwortlich ist, bei Eltern und Nachkommen gleich.

Vererbung von Traumatisierung


Auch wenn die schlimmsten Befürchtungen über die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine geschätzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder übertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, veröffentlichte.
Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten später ähnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am größten waren, wenn die Mütter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stresskompensation – auch hier fand man höhere Belastungen der Kinder, deren Mütter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die stärksten Symptome bei den Kindern, deren Mütter diese während dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies möglich?
Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.
Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, veröffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualität der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Sprösslinge im Erwachsenenalter beeinflusst.
Rattenjungen, die von ihrer Mütter während der ersten Woche des Lebens regelmäßig umsorgt und geleckt wurden, konnten im späteren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst wären nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des Körpers auf Stress verändern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von eine Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Moleküle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.
Welpen, die ein hohes Maß an Pflege und lecken erhielten, zeigten höhere Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivität des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig behüteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Fähigkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den Müttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivität. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivität dieser Gene reduziert, was die hohe Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivität bei dieser Störung erklären könnte. Ähnliche Effekte wurden seither auch bei Missbrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.
Geringe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Veränderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen für die Stressbewältigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen übertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren könnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erklären, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.
In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen Änderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Epigenetische Marker könnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Vor kurzem berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von Mäusen übertragen werden können, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Gebärmutter von ihren Müttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben könnten.

Dieser Beitrag ist eine Materialsammlung in Zusammenhang mit einem Artikel, der in der ATMAN-Zeitung 1/2012 erschienen ist.

Quellen:

Clara Naudi: Epigenetik und Aufstellungen. In: Praxis der Systemaufstellungen 2/2011, S. 52 – 57
Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. München: Piper 2004
http://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/tag/epigenetik/, aufgerufen am 24.1.2012
US National Library of Medicine auf: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/entrez?orig_db=PubMed&db=pubmed&cmd=Search&term=neuron%5BJour%5D%20AND%2048%5Bvolume%5D%20AND%20303%5Bpage%5D%20AND%202005%5Bpdat%5D, Original: 28. Oktober 2005, aufgerufen am 24.1.2012
http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/53101.html?p=4 17.1.2012

Vgl. Kindliche Traumatisierung verändert die Gene

Gibt es eine weibliche Evolution des Bewusstseins?

Die weitere Frage einer Leserin zu meinem Buch: Vom Mut zu wachsen:
Gibt es weibliche/männliche Bewusstseinsstufen, oder eine männliche/weibliche Art, Bewusstseinsstufen zu leben, zu integrieren?
Gibt es eine eigene weibliche Form der Evolution des Bewusstseins?

 
Antwort:
Ich denke dazu, dass die Logik des Ablaufs der Bewusstseinsevolution geschlechterübergreifend ist. Beide Geschlechter und ihr Zusammenwirken haben diese Entwicklung ausgestaltet. Auch wenn es so ausschaut, als würden die Männer im überwiegenden Teil der Geschichte den Ton angeben, gibt es keine Männer ohne Frauen, die sie zur Welt bringen und großziehen. Es findet ein permanenter Austausch zwischen Männern und Frauen auf jeder Stufe statt, in den die Frauen ihre Werte, Gefühle und Sichtweisen einbringen. Nur erscheint die Geschichte die längste Zeit als männlich, weil fast nur Männer über Männer geschrieben haben.
 
Es wäre interessant und möglich, eine eigene Männer- und Frauen-Evolutionsgeschichte zu beschreiben. Sie würde jeweils unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb der einzelnen Stufen in den Vordergrund stellen, z.B. die Aspekte der Kindererziehung, die Rolle der Mutterschaft, das weibliche Selbstverständnis oder das Frauenbild auf den einzelnen Stufen. Wenn die Entwicklung aus der weiblichen Sicht beschrieben würde, würden also weiblich geprägte Bilder oder Themen in den Vordergrund gestellt, um die Entwicklung zu erläutern. Es könnten z.B. auch die einzelnen Stadien der Entwicklung anders benannt werden, wenn sich dies aus einer spezifischen Sichtweise als sinnvoller erweist; an der Grundstruktur der Entwicklung  würde das nach meiner Ansicht nichts ändern.

Die Rolle der Frauen in der Evolution des Bewusstseins 2

Im Blogbeitrag vom 16.1.2012 bin ich auf die Frage einer Leserin meines Buches "Vom Mut zu wachsen" eingangen. Hier eine weiterführende Frage der Leserin:
Frauen haben also einige Bewusstseinsstufen nur sehr passiv miterlebt. Sie waren also am Rande des Geschehens? Haben sie die Bewusstseinsstufe trotzdem erreicht? Oder haben sie die 2. und 3. Bewusstseinsstufe erst mit ihrer Emanzipationsbewegung nachgeholt?

Antwort:
Aus der Sicht der Nachgeborenen betrachtet, könnten wir bedauern, dass die Frauen bei früheren Schritten der Bewusstseinsentwicklung nur am Rand des Geschehens mit dabei waren. Vermutlich wäre vieles friedlicher und kreativer abgelaufen. Aber die rückwärtsgewandte Spekulation ist kein einträgliches Geschäft in der Sinnproduktion.
Frauen waren klarerweise immer mit beteiligt an allem Geschehen und an den bahnbrechenden Entwicklungen, doch kann dieser Beitrag schwerer identifiziert werden, u.a. deshalb, weil fast alle überlieferten Namen aus der vormodernen Zeit männlich sind – keine Frau, die eine Religion begründet hätte, keine Heerführerin, die Reiche eroberte, keine Wissenschaftlerin, die neue geistige Horizonte öffnen konnte, und nur ganz wenige Künstlerinnen, von denen wir wissen. Der Beitrag der Frauen liegt im Schatten der offiziellen und der öffentlichen Entwicklung. Wir wissen nicht, was Frauen zu den Männern sagten, die in die Schlacht zogen, welche Ideen von Aristoteles aus Gesprächen mit Frauen stammten, wie die Frauen damit umgingen, dass sie von der athenischen Demokratie ausgeschlossen waren usw.

Dennoch waren auch die Frauen im Übergang zur zweiten emanzipartorischen Bewusstseinsstufe neuen Herausforderungen ausgesetzt, die sie ebenso wie die Männer und zusammen mit diesen gemeistert haben. In den Ackerbaukulturen waren die Frauen als Arbeitskräfte genau so wie die Männer gefordert. Ihre spezifische Form des Heldentums entwickelten sie in Extremsituationen, wie sie die neue Bewusstseinsstufe hervorbrachte. Sie bestand z.B. in der Sicherung des Überlebens einer Restfamilie, bei der der Mann auf dem Schlachtfeld geblieben war, oder in der Sicherung der Nahrung, wenn die Männer auf See unterwegs waren oder als Händler auf einer Fernreise, eine Seuche, die eine alleinerziehende Mutter zurücklässt... Sie bestand auch in der Aufrechterhaltung der emotionalen Bindungen angesichts der elementaren Risiken, die diese Bewusstseinsstufe mit sich brachte.

Der Verlust der wechselseitigen Absicherung und Unterstützung der Stammesgesellschaft erforderte auch bei den Frauen die Entwicklung neuer Einstellungen und Werte und die Mobilisierung neuer Ressourcen. Damit leisteten sie selbstverständlich einen wesentlichen Beitrag zum Aufbrechen alter Strukturen und zur Errichtung , in der Regel gewissermaßen in der zweiten Reihe und vermutlich nur wenig als Initiatorinnen und Bahnbrecherinnen für neue Orientierungen, jedoch häufig als unterstützende gute Seelen der Männer im Rampenlicht.

Was die dritte hierarchische Bewusstseinsstufe anbetrifft, fällt das Phänomen auf, dass Frauen, die an die Spitze der Macht kommen (was sehr selten vorkommt), diese Macht häufig in sehr männlicher Form mit ebenso viel Brutalität ausüben. Es scheint, als hätte in diesem Aspekt die Bewusstseinsstufe eine stärker prägende Kraft als die Geschlechtszugehörigkeit.

Abgesehen von den obersten Schichten, in denen aufgrund der Erbfolge Frauen auch zentrale Herrschaftspositionen einnehmen konnten, wird auf den mittleren und unteren Hierarchierängen die Unterordnung der Frauen unter die Männer mittels gesetzlicher Regelungen zementiert. Die Erinnerung an die tribale Ebenbürtigkeit ist unter den Zwängen der Sicherung des immer prekären Lebensunterhalts offensichtlich weit zurückgetreten.
Die Hexenverfolgungen des späten Mittelalters und der Neuzeit können auch als Versuche verstanden werden, Frauen, die in Anknüpfung an tribale Wurzeln eine von der Hierarchie unabhängige Stellung einnehmen wollten, zu unterdrücken. Mit der Tilgung der Spuren der Stammesgesellschaften wurde auch die Gleichstellung der Frauen systematisch beseitigt. Es gibt kaum Berichte über Frauen, die sich dieser Abstufung entgegensetzten, zum einen, weil dieser Prozess über Tausende Jahre ablief, zum anderen, weil auch die Männer bei der Aufrichtung der bürokratischen Systeme ganz wesentliche Freiheitsrechte einbüßten.

In den Aufgabenteilungen zwischen den Männern und Frauen kann man auch von einer ausgeglichenen Bilanz der Ausbeutung sprechen, die institutionalisierten Mächte wie die Naturgewalten, Kriege, Seuchen und sonstige Bedrohungen des Überlebens bewirkten, dass weder Männer noch Frauen viel Zeit zum Verschnaufen oder Entspannen blieb. Bauern wie Handwerker hatten genug zu tun, um das Überleben und im besten Fall einen bescheidenen Lebensstandard zu sichern. Luxus und Zeitverschwendung war auf die obersten Schichten beschränkt. Im öffentlichen Auftreten, im Bildungswesen, in der Wirtschaft sowie im Privat- und Strafrecht wurde die Dominanz der Männer überhaupt nicht in Frage gestellt und war zusätzlich durch die jeweiligen Rechtsordnungen und die entsprechenden Rechtsideologien abgesichert. Deshalb kamen die Männer auch wesentlich leichter in die Rollen der Akteure des Geschehens.

Ich finde es nicht ganz ausreichend zu sagen, dass die Frauen die Schritte der Evolution erst im Zug ihrer Emanzipationsbestrebungen seit dem 19. Jahrhundert nachvollzogen haben. Auch wenn sie seit der zweiten Bewusstseinsstufe in den Hintergrund der Entwicklung getreten sind, haben sie an der Entwicklung in einer indirekt gestaltenden Rolle teilgenommen. Die vielfältigen Einflüsse, die sie sicherlich ausgeübt haben, u.a. in ihrer dominanten Rolle als Kindererzieherinnen, lassen sich schwer fassen, aber sollten keinesfalls unterschätzt werden. Was die Frauen im Zug der Emanzipationsbewegung nachholen mussten und zum großen Teil schon nachgeholt haben, ist die Übernahme von aktiven und direkt gestaltenden Rollen, wie das z.B. Hillary Clinton oder Angela Merkel tun. Damit können sie auch die Gefühls- und Wertmuster, die das emanzipative und das hierarchische Bewusstsein geprägt haben, handelnd nachvollziehen und möglicherweise in einer spezifisch weiblichen Form ausgestalten.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Wie wir unser Ich aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erschaffen

Betrachte dich und die Menschen in deiner Umgebung. Sie tun nichts anderes. Sind sind nur damit beschäftig, ihr Selbst zu kreieren. Sie sprechen andauernd mit diesem sich verändernden, wachsenden Wesen und versuchen so, es zu formen.
Dabei laufen hauptsächlich drei Prozesse ab. Zum einen sprechen die Menschen im Kopf über ihre Vergangenheit und rekonstruieren sie: Sie verändern sie in Gedanken, löschen das aus, was zu dem Wesen, das sie zu erschaffen versuchen, nicht passt, und gewichten das, was ihnen weiterhilft. Zum anderen denken sie an die Zukunft, sie stellen sich vor, was sie tun werden, wie sie aussehen werden, was sie besitzen werden und wie andere auf sie reagieren werden.
Die dritte Sache, mit der sich die Menschen beschäftigen, stellt ihre Verbindung zur Gegenwart her. Unbewusst registrieren sie, wie andere ihr Wesen und ihre Handlungen beurteilen, und reagieren dann ihrerseits wiederum auf diese Beurteilungen. Manche davon bestätigen ihr Selbstbild, während andere es zerstören. Menschen merken, ob andere sich von ihnen angezogen fühlen oder nicht. Wenn sie mit anderen zusammen sind, die ihre Selbstbild nicht bestätigen, entsteht ein Gefühl, das man als Abneigung gegen diese Person bezeichnen würde. Wenn Menschen jedoch umgekehrt von ihrer Umgebung bestätigt werden, entwickeln sie ein Gefühl der Zuneigung für die anderen. Auf diese Weise verbinden Menschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, um die eigene Persönlichkeit zu erschaffen. Wenn du aufmerksam hinschaust, wirst du feststellen, dass diese Prozesse in jedem Menschen und in jeder Situation ablaufen. Sieh dich um. Du wirst viele interessante Beispiele dafür finden.
Aber wenn du diesen Prozess durchschaut hast, wirst du auch erkennen, dass es noch ein weiteres Selbst gibt, das zwar von all dem weiß, aber unabhängig davon ist. Das ist dein innerstes Selbst und dort beginnt die wahre Freiheit, das Wunderbare.

Olga Kharitidi: Das weiße Land der Seele. München, List Verlag 1966, S. 188 - 190

Sonntag, 12. Februar 2012

Der Schmäh mit dem Biofleisch

Wer gerne Fleisch isst und Eier zum Frühstück hat und sich als Tier- und Umweltfreund versteht, greift zu Bio-Eiern und Bio-Fleisch, ja, natürlich! Das Gewissen ist beruhigt, die kleinen Bauern, die ihre Tiere noch beim Namen rufen, werden unterstützt und den Agrarkonzernen wird eins ausgewischt.

Leider ist der gewissenhafte Fleischkonsument damit schon der Werbung der Bio-Lebensmittelindustrie aufgesessen. Mit dem Titel „Der große Bio-Schmäh“ hat Clemens Arvay ein Buch zur Bio-Industrie veröffentlicht (Wien, Ueberreuter), in dem dieser Widerspruch aufgezeigt wird. Darin geht es vor allem um die Bio-Fleisch- und Eiererzeugung, die unter dem Preisdruck der Supermarktketten zu Umständen in der Tierhaltung geführt hat, die denen der „normalen“ Fleischproduktion immer ähnlicher werden. Die „glücklichen“ Hühner und Kühe sind Produkte der Illusionsmaschinerien der Werbung und kommen in der Wirklichkeit kaum mehr vor; auf den Bio-Tellern landen die Reste der geschlachteten Tiere aus Massentierhaltung mit wenig mehr Freiheiten oder Artgerechtigkeiten als die traditionell gehaltenen. Arvay beschreibt „eine Bio-Welt der automatischen Vogelnester, des Mittwochs als Bio-Schlüpftag, der Kükenfließbänder und der Todeskarusselle.“ Die Biorinder leben dumpf angekettet in ihren Ställen, in denen sie elektrisierte Metallbügel daran hindern, ihren Kot anderswo als in den vorgesehenen Rinnen abzugeben, bis ihr tristes Leben am Schlachthof im Akkord endet.

Die Luft wird dünn für den ökologie- und tierschutzbewussten Fleischkonsumenten. Wer die Produkte dieser Industrie kauft, finanziert sie (mit). Weshalb überhaupt noch Fleisch essen, wenn wir damit so viel Schaden anrichten – an den Tieren und an den Menschen? Weshalb müssen wir 1,5 Milliarden Rinder (mal 500 kg Gewicht) auf unserem Planeten mit wertvollem pflanzlichem Futter ernähren, damit eine dünne Oberschicht in den entwickelten Ländern ihre Alltagsbraten verspeisen kann, während die Unterschichten hungern und verhungern, weil für sie dann nichts mehr übrig bleibt? Wiederum: Wer Fleisch kauft, investiert in dieses Ungleichgewicht und in den Fortbestand des Hungers auf der Welt.

Was kann ein Fleischesser zur Rechtfertigung vorbringen? Dass es ihm schmeckt und dass er sich schon so daran gewöhnt hat, dass es alle anderen auch tun, dass er ohnehin nicht so viel Fleisch isst, und was denn das schon ausmacht, und dass es viele andere Ursachen gibt, die Schuld sind am Klimawandel und am Hungerproblem...  Das sind wohl nur dürftige Argumente, aber bessere finde ich nicht – liebe/r LeserIn, wenn du eine triftigere Begründung für das Fleisch- und Eieressen vorbringen kannst, bitte ich darum!

Wenn nicht, dann ist vielleicht heute der Tag, an dem du, geneigte/r LeserIn die Entscheidung fällst, hinfort ohne Fleischkonsum ein gesundes Leben zu führen, und dann willkommen im Club, wir werden immer mehr!

Dienstag, 31. Januar 2012

Mach dich nicht fertig mit dem, was noch kommen wird oder nicht.

Es gibt eine kleine grüne Insel
auf der eine weiße Kuh alleine lebt,
eine Matte von einer Insel.
Die Kuh grast, bis die Sonne untergeht, voll und fett,
aber nachts gerät sie in Panik
und wir so dünn wie ein Haar. „Was soll ich
morgen essen? Es ist nichts übrig geblieben!“


Bis zum Morgen ist das Gras nachgewachsen, hüfthoch.
Die Kuh beginnt zu fressen, und wenn es dunkel wird,
ist die Matte wieder kurzgeschoren.
Sie ist voller Kraft und Energie, doch
im Dunkeln ist sie wieder in Panik, und
wird wieder abnormal dünn über Nacht.
Die Kuh tut dies immer und immer wieder,
und das ist alles, was sie tut.
Sie denkt nie: „Die Matte ist ja noch nie nicht nachgewachsen.
Weshalb soll ich da Angst haben, dass sie dies nicht mehr täte?“
Die Kuh ist die Seele im Körper drin.
Die Insel-Wiese ist die Welt,
die die Angst mager und den Segen fett macht
mager und fett.
Weiße Kuh, mach dich selber nicht erbärmlich
mit dem, was noch kommen oder nicht kommen wird.
(Rumi, Aus: Sufi-Geschichten von Rumi: Sag ich bin du. Korbflechten mit einer Hand. Petama Verlag 2008)

Samstag, 21. Januar 2012

Durchschnitt und Individualität

Markus Hengstschläger, Genetiker an der Uni Wien, hat ein Buch mit dem Titel „Die Durchschnittsfalle“ (Ecowin-Verlag) verfasst. Die These darin lautet, dass es die Gesellschaft darauf abgesehen hat, alle auf einen Durchschnitt hin zu trimmen, und dass sich die Menschen auch dahinein fügen. Als Beispiel nennt er einen Schüler, der in der Schule in einem Fach sehr gut ist, aber in vier Fächern hängt. Alle sagen zu ihm, dass er darauf schauen muss, in den vier Fächern besser zu werden. So wird er das eine Fach, in dem er Spitze ist, vernachlässigen, und schließlich in allen Fächern nur Durchschnitt sein. Hengstschläger meint nun, dass es im Gegenteil besser wäre, sich noch mehr auf das Fach zu konzentieren, in dem die Begabung liegt und in den anderen Fächern nur das Notwendige zu machen. Dann könne in diesem Fach eine Spitzenleistung entstehen. Wenn alle sich an das Prinzip hielten, gäbe es viel mehr kreative herausragende Beiträge zur Gesellschaft. Alle dagegen, die sich am Durchschnitt orientieren, übersehen, dass sie etwas ganz Individuelles besteuern können und stagnieren in ihrem Mittelmaß. Auch die Gesellschaft zielt darauf ab, alle auf ein Durchschnittsniveau zu bringen.

Dahinter steckt die aus der historischen Erfahrung gewonnene Einsicht, dass die Evolution dort Fortschritte macht, wo etwas unerwartet Neues geschieht. Menschen, die ein Risiko eingehen, die über Konventionen hinweggehen, bringen die Menschheit weiter. Und dass es solche Menschen schwer haben, weil sie zumeist von ihren Zeitgenossen belächelt, bekämpft oder sogar umgebracht werden.

Hengstschläger votiert aber nicht für ein Elitesystem, wie das häufig von konservativer Seite vertreten wird, die von Begabtenförderung reden und eigentlich wollen, dass die traditionellen Oberschichten unter sich bleiben, dass also die höhere Ausbildung und damit die besseren Verdienstmöglichkeiten und Machtpositionen den Angehörigen der eigenen Sozialschicht vorbehalten bleiben.

Solche Konzepte funktionieren nicht. Denn da entsteht wieder nur ein Durchschnitt innerhalb der Elite, und die, die kreative Impulse beisteuern könnten, aber nicht in die maßgebliche Schicht hineinkommen können, bleiben auf der Strecke und ebenso die Gesellschaft, die auf diese Ideen verzichten muss.

Predigt Hegstschläger einen neuen Elitebegriff der Individualisten, derjenigen, die es schaffen, aus dem Durchschnittsmaß auszusteigen? Gerät er in die Falle des personalistischen Weltbildes, das schließlich jeder individuell herausragenden Leistung ein Denkmal setzt und die Genies verehrt, die idealisiert werden? Es ist die besondere Zugabe zur Evolution, die wir aus dieser Entwicklungsstufe übernehmen können, die von Hengstschläger nochmals betont wird. Die Schöpfung oder die Evolution bringt lauter Individualisten hervor, nicht einmal ein Ei gleicht dem anderen, geschweigedenn ein Mensch. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich voneinander. Und die besondere Kraft, die in dieser Vielfalt liegt, wird erstmals auf der Stufe des personalistischen Bewusstseins in seiner Bandbreite erkannt und wertgeschätzt.

Frühere Gesellschaftsformationen, vor allem diejenigen in der hierarchischen Bewusstseinsstufe, deren soziale Steuerungen und technische Produktionsmittel schwach entwickelt waren, konnten sich die Entfaltung der Individualität nur in eingeschränktem Maß leisten. Deshalb wurden Minderheiten brutal unterdrückt, abweichende medizinische, sexuelle, philosophische und spirituelle Orientierungen grausam verfolgt und die Behinderten und Schwachen sich selbst überlassen. Alles, was nicht in den Durchschnitt passte, wurde beseitigt. Menschen sind leichter beherrschbar, wenn sie möglichst gleich sind. Deshalb haben die Nazis die Wiener Schlurfe verfolgt, die sich die Haare länger wachsen ließen, und deshalb sollten sich die Chinesen unter Mao nicht einmal in der Kleidung voneinander unterscheiden.

Das materialistische Bewusstsein hat zwar einen enormen ökonomischen und technischen Fortschritt angekurbelt. Es ist jedoch nicht in der Lage, einen Qualitätsbegriff zu formulieren, der das Individuelle einer bestimmten Leistung herausheben wprde. Nachdem es vom Prinzip der Zahl dominiert ist, zielt es immer auf berechenbare Durchschnitte. Der statistische Mittelwert verbürgt den größten und sichersten Erfolg.

In diesem Klima entsteht das darwinistische Prinzip des „survival of the fittest“, das ja vor allem in Deutschland mit dem „Überlebenskampf der Starken“ übersetzt wurde. Damit ist gemeint, dass sich die Gene so verteilen, dass es überlebensfähigere Individuen einer Gattung gibt und weniger überlebensfähige. Daraus haben Rechtsextreme (bis zu manchen der bestverkauftesten Anwandlungen des deutschen Publizisten Thilo Sarrazin) den Fehlschluss gezogen, dass die Gene vorgeben, ob jemand tauglich ist für das Leben oder nicht. Folglich sollte nach genetischen Gesichtspunkten ausgesiebt werden: lebenswertes Leben gehört gefördert und lebensunwertes Leben ausgemerzt.

Nun bietet uns die Genetik keinen Selbstbedienungsladen, wo auf jedem DNS-Segment ein Etikett mit allen Informationen drauf steht – Preis, Inhaltsstoffe, Haltbarkeit usw. Bekanntlich können die genetischen Ähnlichkeiten zwischen einem blonden blauäugigen „nordischen“ Menschen und einem Schwarzafrikaner größer sein als zwischen ihm und seinem ebenso blonden blauäugigen Nachbarn. Und wir können nicht wissen, welche genetische Ausstattung für Probleme der Zukunft, die wir noch gar nicht kennen, optimal wäre. Vielleicht brauchen die Gesellschaften Mitteleuropas gerade jene Gen-Cocktails, die die vielgeschmähten Zuwanderer aus Mittelanatolien mitbringen. Jedenfalls ist nicht gesagt, dass der Fundus, den Mitteleuropa genetisch und kulturell bereitstellen kann, dafür ausreicht, die Herausforderungen, die die Zukunft bringen wird, zu meistern.

Aus den Argumenten, die Hengstschläger vorbringt, folgt jedenfalls, dass wir am besten für diese Zukunft aufgestellt sind, wenn wir möglichst viel an Variabilität und Individualität zulassen und fördern. Das heißt, dass der Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft, auf dem wir uns offenbar befinden, die besten Zukunftschancen bietet, während alle „Österreich den Österreichern“ und „Ausländer raus“-Parolenschreier nicht nur das Klima in der Gegenwart vergiften, sondern auch der Weiterentwicklung in die Zukunft das Wasser abgraben. Jeder, dem ein kreativer Fortschritt wichtig ist, müsste die Zuwanderung unterstützen (nicht nur jene, die an die Absicherung der eigenen Pension denken). Und wir liegen auch falsch, wenn wir von „qualifizierter Zuwanderung“ sprechen, also nur jene in unser Land hereinlassen wollen, die eine besondere Ausbildung oder Begabung vorweisen können. Denn wir können nicht wissen, welche Qualifikationen wir für die Zukunft brauchen. Das wird sie uns erst mitteilen, wenn sie da ist. 

Nebenbei: Das ehrwürdige England erschüttert gerade eine Debatte über Elitebildung: Eine 19-jährige Apirantin hat der Universität Oxford nach dem Aufnahmegespräch, noch bevor sie das Ergebnis erfuhr, mitgeteilt, die Uni habe „leider nicht den Standards entsprochen“, die Nowell an Unis anlege, solle deshalb aber „nicht enttäuscht“ sein. Die Uni könne gerne noch einmal bei ihr antreten, ihre Chancen stünden jedoch schlecht, wenn Oxford es nicht schaffe, zu einer fortschrittlicheren Uni zu werden.

Montag, 16. Januar 2012

Wo bleiben die Frauen in der Evolution des Bewusstseins?

Diese wichtige Frage hat eine Leserin meines Buches "Vom Mut zu wachsen" gestellt. Ich versuche eine Antwort darauf zu geben und freue mich über Kommentare.

Die Entwicklung der Menschheitsgeschichte ist bis in jüngste Zeit vordergründig von den Männern dominiert. Das nennen wir bekanntlich das Patriarchat. Seit der Stufe des emanzipatorischen Bewusstseins, also seit der jungsteinzeitlichen Revolution  haben die Männer das Heft in die Hand genommen und die zentralen Machtpositionen besetzt. Erst in unseren Tagen werden die Einseitigkeiten, die daraus resultieren, systematisch in Frage gestellt und korrigiert.

Diese Entwicklung habe ich in meinem Buch dargestellt. Ist die Bewusstseinsevolution in der Form, in der ich sie dargestellt habe, eine männliche, von der sich die Evolution der Frauen unterscheidet? Vollzieht sich die Entwicklung bei Frauen über die gleichen Stufen wie bei den Männer?

Der Versuch der Darstellung in meinem Buch bezieht sich auf Kulturmuster, die die gesellschaftlichen Spannungsmuster, wie das zwischen Männern und Frauen, übergreifen. Allen Stufen und ihrer Dynamik sind also die Männer wie die Frauen unterworfen, wobei über lange Strecken der Geschichte die Männer als die aktiv gestaltenden Elemente erscheinen. Ich möchte hier kursorisch nachprüfen, ob oder inwieweit eine weibliche Perspektive zu wichtigen Ergänzungen oder Korrekturen führen sollte.

Mit dem Eintritt in das emanzipatorische Bewusstsein wird also die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen als Über- und Unterordnung neu festgelegt und zunächst mit der Überlegenheit der Körperkraft begründet. Diese wird dann auch auf die geistige Leistungsfähigkeit übertragen, und damit geraten die Frauen vollends an den Rand der gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Auf der hierarchischen Bewusstseinsstufe werden diese Rollenzuschreibungen zusätzlich fixiert, z.B. durch die Festlegung von unterschiedlichen Rechtsnormen und unterschiedlichen Rechten für Männer und Frauen.

Die emanzipatorischen Bestrebungen der Frauen wurden einfach unterbunden, ihre Bindung an das Kinderkriegen und –erziehen, die vorwiegend häusliche Arbeit sowie die allgemein knappen Lebensbedingungen ließen auch keinen kreativen Spielraum dafür offen. Frauen, die wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung liefern konnten, blieben die Ausnahme, wie z.B. Frauen, die im Kloster Karriere machen konnten, oder wurden gewaltsam unterdrückt, wie das Beispiel der Hexenverfolgung zeigt.

Die Arbeits- und Rollenverteilung funktionierte insoferne, als die Arbeitskraft der Frauen in dieses System eingebunden werden konnte (als Bäuerinnen oder Handwerkerinnen), ohne ihnen dafür adäquate Rechte oder Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen zu müssen. Vielmehr blieben in den expansiven Bereichen (z.B. Entdeckungsreisen, Banken- und Geldwesen, Wissenschaften, Künste) weiterhin nahezu ausschließlich die Männer tätig.
Hier kam es erst durch die Industrialisierung zu einer maßgeblichen Änderung. Die Dynamik des Kapitalismus im Zeichen des materialistischen Bewusstseins forderte die Heranziehung aller Humanressourcen für den Produktionsprozess. Die Frauen wurden in die außerhäusliche Arbeit eingegliedert und dadurch auch Subjekte der Wirtschaft mit eigenem Einkommen. Bald wurde deshalb die Aus- und Weiterbildung für Frauen notwendig. Damit enstand die Basis für die feministische Emanzipationsbewegung, in der seit dem 19. Jahrhundert die Frauen das Potenzial und die progressive und zum Teil aggressive Dynamik des emanzipatorischen Bewusstseins nachholen. Zunehmend fließen die Impulse dieser Bewegung in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft ein, die immer noch nach den Prinzipien der zweiten und dritten Bewusstseinsstufe organisiert sind, um überall den patriarchalen Strukturen den Garaus zu machen.

Zu erwähnen ist auch die Rolle der fünften, der personalistischen Bewusstseinsstufe, die mit der Unterscheidung von Person und Rolle jedem prinzipiellen Überlegenheitsanspruch der Männer die Grundlage entzog. Statt dessen öffneten sich die Räume für den kreativen Ausdruck der Frauen als Individuen und als Angehörige ihres Geschlechts. Es treten Komponistinnen, Malerinnen und Schriftstellerinnen auf und finden breite Anerkennung. Damit ist der Bann gebrochen, und eine Bastion des Männlichen in der Berufswelt, in Politik und Kultur fällt nach der anderen. Die Kräfte der Evolution rufen alles zu Hilfe, was es an schöpferischen Ressourcen gibt.

Dies wird auf der sechsten Stufe, der systemischen, deutlich. Die Globalisierung der Probleme und der Krisen erfordert die Mobilisierung der Ideen und Impulse von allen Seiten und das synergetische Zusammenfließen des Männlichen und des Weiblichen, zwei Begriffe, die außerhalb der sexuellen Bereiche zunehmend von den Personen gelöst werden und zu Metaphern für archetypische Orientierungen werden. Die Menschen der zukünftigen, der holistischen Bewusstseinsstufe haben Kenntnis vom Männlichen wie vom Weiblichen und bringen diese Energien dort ein, wo sie am dienlichsten für den Fortschritt des Ganzen sind.

Freitag, 13. Januar 2012

Zum Jahresbeginn 2012 – eine Anprangerung

Für manche hat das Jahr 2012 eine besondere Bedeutung, nachdem in diesem Jahr angeblich der Maya-Kalender sein Ende erreicht. Dazu wurde von esoterischen Spekulanten gleich das Ende der Welt prophezeit. Hollywood hat sich gleich mit einem Blockbuster angehängt, um die Megakatastrophe  kinowirksam aufzubereiten (das Internationale Filmlexikon urteilt über den Film: „Billigfilm mit erbärmlichen Effekten, der einen ebenso fundamentalistischen wie frei interpretierten christlichen Glauben zur Rettung der Welt anführt.“)  Manche der wohlmeinenderen Spekulanten haben dann diese düstere Vorhersage abgemildert, sodass dort nur mehr von einem Bewusstseinssprung die Rede ist, der gegen Ende des Jahres die „Auserwählten“ in Exstase versetzen und die Nichterwählten in die Verdammnis schicken wird.
Es ist klar und unbestreitbar, dass der Maya-Kalender, eines von vielen Kalendersystemen, die im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelt wurde, zwar für 2012 das Ende eines Berechnungszyklus (die sogenannte lange Zählung) vorsieht, jedoch nicht das Ende der Welt, da auch über diesen Zeitpunkt hinaus von den Mayas Berechnungen vorgenommen wurden. Es gibt keine Hinweise aus Quellen, dass die Mayas diesen Zeitpunkt mit einem Untergang verbunden hätten, auch heute noch lebende Angehörige des Maya-Volkes wehren sich gegen diese Interpretation.
Andere Interpretationen beziehen sich auf astronomische Ereignisse, die in diesem Jahr auftreten sollen und eine besonders mächtige Kraft ausüben sollen. Abgesehen von immer wiederkehrenden Konstellationen gibt es jedoch keine besonderen Ereignisse im Weltall, vor denen wir uns fürchten sollten.
Schließlich ist wieder einmal vom Polsprung die Rede, der seit Jahren angekündigt wird und gravierende Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben soll. Der Wissenschaft ist die Abnahme des Magnetfeldes bekannt, dieses geht sehr langsam vonstatten und könnte in 1000 bis 2000 Jahren zu einem Polsprung führen, der selber dann etwa 10 000 Jahre dauert. Also ist noch etwas Zeit, die Vorkehrungen für diesen Fall zu treffen, der möglichweise 50 Generationen nach uns stattfinden wird.
Die Katastrophen-Theorie für das Jahr 2012 entspringt also der Phantasie und steht in der Reihe von Untergangsszenarien, die immer wieder in der Menschheitsgeschichte aufgetreten sind. Die Welt und die Menschheit haben diese Szenarien bisher alle überlebt und es finden sich in den diversen Phantasiegeschichten auch keine nachvollziehbaren Begründungen dafür, warum das nicht auch dieses Mal so sein wird – wir werden Ende 2012 wie jedes Jahr Sylvester feiern und auf ein Jahr zurückblicken, das Gutes und Schlechtes gebracht hat.
An diesem Beispiel wird deutlich, dass sich die Menschen gerne fürchten. Sonst würden sie nicht entsprechende Nachrichten aufgreifen und weiterverbreiten. Sonst würden sie auch sich nicht entprechende Filme anschauen und Bücher lesen, also Geld dafür ausgeben, dass sie sich fürchten können.
Allerdings gibt es die Unterhaltungsfurcht, der wir uns aussetzen, wenn wir gerade nichts Besseres zu tun haben. Wir gehen ins Kino und hoffen, dass uns nicht fad wird, indem ein Schrecken den anderen jagt, bis wir dann nach zwei Stunden erleichtert den Saal verlassen. Oder wir lesen einen Horrorroman, der uns auch Kurzweil verschafft und uns nachher das Gefühl gibt, dass wir froh sein können, in einer besseren Welt zu leben als der, die im Roman beschrieben wird.
Und es gibt die esoterische Furcht, die auf einem Pseudowissen gründet, das „esoterisch“, also verborgen oder geheim ist. Dahinter steckt die Auffassung, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die Alltagsmenschen, die von nichts eine Ahnung haben, weil sie von ihren Tagesgeschäften in Anspruch genommen sind, und die „bewussten“ Menschen, die hinter die Dinge schauen und mehr über das Leben wissen. Sie nehmen deshalb Botschaften für wichtig, die aus nicht-alltäglichen Quellen stammen – Informationen, die über Medien von aufgestiegenen Meistern, von den Bewohnern ferner Sterne, von Verstorbenen oder von UFOs übermittelt werden. Sie haben damit den Eindruck, über einen Bewusstseins-Vorsprung gegenüber den Normalos zu verfügen. Der Preis dieser Überlegenheit ist die Furcht, die damit eingehandelt wird.
Diese esoterische Furcht ist deshalb besonders hartnäckig, weil das Pseudowissen, z.B. diverse Prophezeiungen, kritikresistent ist. Da es aus einer esoterischen, d.h. nicht allgemein überprüfbaren Quelle stammt, ist es gegen Einwände, die z.B. aus dem Alltagsverstand (common sense) oder aus der Wissenschaft stammen, immun. Im Gegenteil, solche Kritikpunkte werden gerne mit dem Hinweis darauf entkräftet, dass sie der Verschleierung der „Wahrheit“, die aus der höherwertigen Quelle sprudelt, dienen und deshalb von den Kräften des Bösen gesteuert werden. So hört man dann, dass etwa so mächtige Organisationen wie der CIA oder die NASA bestimmte Erkenntnisse unterdrückt hätten, um das Volk zu täuschen. Tatsächlich sind dann diese Erkenntnisse, die angeblich unterdrückt wurden, entweder überall abrufbar oder reine Fantasie. Aber innerhalb des esoterischen Denkens spielen solche Überprüfungen keine Rolle, es genügt sich selbst und pflegt seine Ängste.
Nun soll jede/r glauben, was er/sie will. Jedem seine Angst, jeder ihre Hoffnung.
Mag auch jeder sein Brot verdienen mit dem, was er gut kann. Aber wichtig bei jederTätigkeit ist auch die Frage, ob sie ehrlich Gutes für andere will bzw. ob sie ihnen zumindest nicht schadet. Aus meiner Sicht wird überall dort, wo mit unlauteren Mitteln Ängste geschürt und gepflegt werden, diese ethische Grenze überschritten: Mit der Verbreitung und Vertiefung von esoterischen Ängsten wird Menschen Schaden zugefügt.
Sicher ist jeder Mensch dafür verantwortlich, was er/sie liest, hört, ernst nimmt. Aber wir sind nicht immer und überall in der Lage, alles und jedes, das uns begegnet, zu überprüfen. Deshalb kann es uns immer wieder passieren, dass wir Betrügern auf den Leim gehen, ob diese nun arglistig oder naiv vorgehen. Sie brauchen nur eine unserer Schwachstellen erwischen. Diese Stellen sind unsere Traumatisierungen, die uns nicht bewusst sind. Sie sind der Grund, warum wir glauben, dass wir uns fürchten müssen.
Mit den Traumatisierungen der Menschen Geschäfte zu treiben und Rebbach zu machen, ist nach meiner Ansicht verantwortungslos und gehört angeprangert, damit die Menschen davor gewarnt werden. Statt uns von selbsternannten Propheten, deren einzige Legitimation in der Fähigkeit zu reden oder zu schreiben besteht, ins Bockshorn jagen zu lassen, haben wir den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen und unsere Traumatisierungen aufzuarbeiten, bis uns keiner und nichts mehr Angst machen kann.

Freitag, 6. Januar 2012

Lotterie und Leistung


Kleiner Nachschlag: Was ist der Unterschied zwischen unserem Wirtschaftssystem und dem Lotteriespiel? In beiden werden die Gewinn- und Verliererchancen nach dem Zufallsprinzip verteilt. Der Unterschied liegt darin, dass beim Lotteriespiel die Gewinner von den Verlierern freiwillig finanziert werden (niemand ist zum Lotteriespielen gezwungen), während im anderen Fall alle Marktteilnehmer die Gewinner finanzieren – und aus dem Markt kann nur aussteigen, wer sich vollständig selber versorgen kann, was gerade durch unser Wirtschaftssystem unmöglich gemacht wird. 

Ein anderer Unterschied liegt darin, dass das Wirtschaftssystem von allen jede Menge Leistung verlangt und diese auch zu honorieren bereit ist, damit auch wieder Geld zum Konsumieren da ist.  Wer aber die großen Treffer macht, bestimmt der Zufall. Welche Leistungen also mit Reichtum und nicht bloß mit Einkommen belohnt werden, hängt von den unvorhersehbaren Entwicklungen des Marktes ab.

Noch ein kleines Detail zu den Lotteriespielern, denen wir alle wiederum auch dankbar sein können – sie spenden ja durch ihren freiwilligen Einsatz auch einen Teil in die Steuerkasse, was uns allen zugute kommt... (Lukas Resetarits hat das einmal als Deppensteuer bezeichnet.)