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Freitag, 6. Oktober 2023

Gesellschaftskritik und Familienmuster

Immer wieder sagen oder schreiben Leute, dass sie die Gesellschaft, so wie sie ist, nicht aushalten, schlecht finden, aussteigen wollen etc. Da es keine vollkommene Gesellschaft gibt, hat jede Gesellschaft ihre Schwächen und Mängel. Es ist gut und wichtig, an Missständen Kritik zu üben und an Verbesserungen mitzuarbeiten. Denn jede Gesellschaft enthält Kräfte, die sie weiterentwickeln wollen. Diese Sichtweise enthält die Annahme, dass die jeweilige Gesellschaft weder gut noch böse, weder vollkommen noch verkommen ist, sondern viele Bereiche enthält, die annehmbar sind, und viele, die Verbesserungsbedarf aufweisen. 

In den verbesserbaren Bereichen können wir partielle und strukturelle Mängel unterscheiden. Mängel in Teilen der Gesellschaft, wie z.B. im Bildungswesen oder im Gesundheitssystem sind ein Dauerbrenner, weil sich diese Bereiche dauernd an die Weiterentwicklung der Gesellschaft anpassen müssen und dadurch zwangsläufig immer wieder in eine Schieflage geraten. 

Unter strukturelle Mängel fallen z.B. die Dynamiken des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das auf permanenter Ressourcenausbeutung beruht und damit eine Hauptursache für den Klimawandel darstellt. Eine andere Dynamik ist der Patriarchalismus, der langsam zurückweicht, aber noch immer Elemente der Benachteiligung der Frauen aufrechterhält. Dann gibt es den Nationalismus, der die Nationen gegeneinander ausspielt und bis zu Kriegen führen kann. Das sind einige Beispiele für die strukturellen Mängel, die die Handlungsfähigkeit von Gesellschaften einschränken und unter denen viele Menschen leiden. Eine Bewusstseinsentwicklung in Richtung systemisches Denken und Handeln kann solche strukturelle Mängel einer Besserung zuführen. Das gelingt, wenn diese Bewusstseinsform eine genügend große Zahl von Menschen erreicht hat.

Das Leiden an der Gesellschaft mit seinen frühen Wurzeln 

Wenn Menschen die gesamte Gesellschaft schlecht machen und angreifen, ohne sich bewusst zu sein, dass es Defizite nur in Teilbereichen und darunterliegenden Strukturen gibt, dann können sie Projektionen unterliegen. Sie sind ja selbst Teil dieser Gesellschaft und merken nicht, dass sie sich selbst dabei abwerten. Woher kommen diese Impulse, die gerne von Politikern und Demagogen aufgegriffen werden? Warum kommen Brandreden gegen die gesamte Gesellschaft, in der wir alle leben und zu derem Sosein wir alle beitragen, bei so vielen Menschen an? Warum fühlen sich viele verstanden, wenn auf die Gesellschaft oder auf das System hingehackt wird?

Wenden wir den Blick auf die Herkunftsfamilie. Sie ist die erste kleine Gesellschaft, die wir kennenlernen und durch die wir die frühesten und prägenden Eindrücke über das menschliche Zusammenleben erwerben. Wie Menschen miteinander umgehen und aufeinander reagieren, erleben und beobachten die Kinder und ziehen daraus ihre Schlüsse. Später wenden sie ihre Erfahrungen auf die anonyme Gesellschaft an, die in der projektiven Fantasie zu einem Einzelwesen wird, das bewertet, bekämpft oder verlassen werden kann.

Wenn also die Rede von „der Gesellschaft“ oder von „dem System“ ist, dann handelt es sich dabei mit viel Wahrscheinlichkeit um Projektionen aus frühen Erfahrungen. Die Einstellungen zum System im Kleinen werden später einfach auf das System im Großen übertragen. Das Leiden, das einem als Kind widerfahren ist, wird ihm angelastet.

Der Wunsch, aus der Gesellschaft auszusteigen, zeigt sich als Impuls, aus der Familie auszubrechen, die als unerträglich erlebt wird. Als Kind ist das nicht möglich; als Erwachsener richtet sich die Phantasie mit der Wut des Kindes auf die unerträgliche Gesellschaft. Der Wunsch, die Gesellschaft umzustürzen, nährt sich aus der Wut auf ein ungerechtes, ausbeuterisches, heuchlerisches oder missbräuchliches Familiensystem.

Die Familie ist nicht nur „die Keimzelle der Gesellschaft“, wie das gerne konservative Politiker in ihr Programm schreiben und auf ihren Reden verkünden, sondern auch die Keimzelle für die Einstellungen zur Gesellschaft als ganzer. Eine wertschätzende Atmosphäre in der Familie legt den Grundstein für eine differenzierte positive Einstellung zur Gesellschaft, während schlechte Erfahrungen mit der eigenen Familie ein Misstrauen und eine Abneigung gegen die Gesellschaft bewirken. Herrschte in der Familie Distanz und Kontaktarmut, so wird die Gesellschaft leicht als kalt und herzlos erlebt. Haben sich in der Familie traumatisierende Ereignisse abgespielt, so erscheint die Gesellschaft als bedrohlich und gefährlich. War die Familie einengend und kontrollierend, so kommt es zu besonders heiklen Reaktionen gegen jede Freiheitseinschränkung durch die Gesellschaft.

Donnerstag, 2. Februar 2023

Die Denkzettelwähler

Ein Denkzettelwähler wählt nicht, um bestimmte Ziele durchzusetzen, sondern um bestehende Machtträger abzuwählen, gleich welche Ziele sie haben. Die Mächtigen werden für das Ungemach im eigenen Leben verantwortlich gemacht. Wenn ihre Abwahl erfolgreich ist, erfolgt die Bestrafung für ihre schlechte Regierung – die Medien sprechen oft von einer „Abstrafung“. Von der Abwahl wird erhofft, dass es irgendwie besser wird, weil ja die unfähigen Politiker nichts mehr zu sagen haben. Die Hoffnung besteht darin, dass all das, was einem nicht passt an der Gesellschaft oder am eigenen Leben, dadurch besser wird. Es ist eine Hoffnung, die sich freilich nie erfüllt, weil die Erfahrung zeigt, dass die Protestparteien, die die Denkzettelwähler in Scharen anziehen, auch nicht besser regieren als die anderen Parteien und in vielen Fällen noch mehr Schaden anrichten.

Denkzettelwähler wählen aus Trotz und Ressentiment. Sie fühlen sich ohnmächtig und abhängig und gehen davon aus, dass die Regierung für sie und ihre Probleme sorgen sollte, und wo sie das zu wenig tut, muss mit dem Stimmzettel der Protest ausgedrückt werden, damit es die nächste Regierung besser macht. Üblicherweise schafft es diese auch nicht, also wird auch sie wieder abgewählt und der nächsten Partei die Proteststimme gegeben, die am stärksten gegen die regierenden Parteien opponiert und polemisiert. So geht das Denkzettelwählen weiter, manche geben nach einigen Wahlgängen auf und wechseln zu den frustrierten Nichtwählern.

Demokratie bedeutet bekanntlich „Herrschaft des Volkes“. Weiters wissen wir, dass wir wegen der Komplexität des Herrschens diese nicht direkt, sondern über Repräsentanten ausüben. Und diese werden bei uns durch Parteien gestellt, die dann um die Wählerstimmen werben. Wir leben also in indirekten repräsentativen Demokratien und die turnusmäßig stattfindenden Wahlen sind eine der Gelegenheiten, mit der Stimmabgabe die Politik mitzubestimmen. Die Parteien versuchen sich so zu positionieren, dass sie ein möglichst großes Spektrum der Bedürfnisse und Interessen der Bevölkerung abdecken, z.B. leistbares Wohnen, ein funktionierendes Gesundheitswesen, Arbeitsplätze, Bildungsangebote, Infrastruktur usw. Die meisten Parteien orientieren sich an Werten und Ideologien, nach denen sie ihre Politik ausrichten. 

Protestwähler richten ihr Wahlverhalten aber nicht nach Werten aus, die sie in der Politik verwirklicht sehen möchten, z.B. mehr Menschlichkeit oder soziale Gerechtigkeit. Vielmehr gehen sie von ihren individuellen Bedürfnissen und Nöten aus und messen die Parteien daran, wieweit sie ihnen Abhilfe verschaffen. Sie sind also auf ihr eigenes Leben und die Erwartungen, die sie daran haben, fokussiert und nicht auf das Gemeinwohl. Es geht ihnen nicht um eine Weiterentwicklung der Gesellschaft in eine Richtung, in der es für alle besser wird, sondern darum, dass das, was sie stört, beseitigt wird.

Die narzisstische Identifikation

Protestwähler wollen beschämen, weil sie sich selbst beschämt vorkommen, „verarscht“ durch die Politik und die Mächtigen. Sie wollen, dass die Politiker so leiden wie sie selber. Um dieses Ziel zu erreichen, suchen sie jemanden als Identifikationsfigur, der es den Mächtigen „zeigt“, der sie also bloßstellt und beschämt. Gleichzeitig meinen sie, dass es so jemand auch gut mit den Ohnmächtigen meint – so lautet zumindest die Annahme, die meistens auf einer Selbsttäuschung beruht. Denn Demagogen haben in den allermeisten Fällen eine starke Neigung zur Korruption, die sie ausleben, sobald sie an der Macht sind. Sie verfügen auch über ein hohes Maß an Zynismus als Komponente ihrer narzisstischen Prägung, der es ihnen erlaubt, schamlos diejenigen auszubeuten, die ihnen zur Macht verholfen haben. Doch solange sie noch um die Macht kämpfen, ist ihnen jedes Mittel recht, um den Anschein eines edlen und selbstlosen Einsatzes für die Ohnmächtigen aufrechtzuerhalten. 

Denkzettelwähler haben aufgrund eigener ko-narzisstischer Neigungen die Tendenz, Demagogen zu idealisieren und deren Schattenseiten zu übersehen. Sie vertrauen ihnen voll und ganz und missionieren deshalb auch gerne für sie in ihrem Umfeld. Die Umkehr der Idealisierung findet dann statt, wenn die ideale Führerfigur der Manipulation und Korruption überführt wird. Plötzlich verkörpert sie das Böse an sich, und es muss eine neue Person gesucht werden, die sich als Demagoge anbietet.

Die Identifikation mit der Machtperson vermittelt ein Gefühl von Mächtigkeit angesichts des Ohnmachtsgefühls, in dem sich viele gefangen fühlen. Die Macht besteht darin, vor Beschämung geschützt zu sein und selber beschämen zu können. Ein Beispiel: Der Paradedemagoge Jörg Haider hat einmal öffentlich den damaligen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Ariel Muzicant mit den Worten beschämt: „Ich verstehe nicht, wieso einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken hat.“ Die Frechheit in dem boshaften Witz beeindruckt alle, die selber jemals Opfer boshafter Witze geworden sind und sich nicht zur Wehr setzen konnten. Denn das ist vermutlich die Perspektive vieler Denkzettelwähler: Opfer politisch verursachter Bosheit zu sein, die das Ziel der Beschämung hat. Der Demagoge mit seiner frechen Kühnheit soll die Ehre und Würde wiederherstellen. Dafür verdient er die Gefolgschaft.

Demokratie und Verantwortung

Demokratie bedeutet nicht nur, alle paar Jahre mal einen Stimmzettel auszufüllen, sondern bedeutet auch Mitverantwortung für das Ganze der Gesellschaft und des Staates. Dagegen-Wähler wollen mit ihrer Stimmabgabe nicht ausdrücken, dass sie bereit sind, für irgendetwas die Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr wollen sie die offiziellen Verantwortungsträger bestrafen, weil sie sie für alles verantwortlich machen, was ihnen nicht passt. Protestwählen ist deshalb eine pubertäre Handlung von Erwachsenen – ohne Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, ohne Bereitschaft zum Mitgestalten des Gemeinwohls.

Die Demokratie bleibt nur dann lebendig und kreativ, wenn sie durch möglichst viele Staatsangehörige mitgestaltet wird. Verantwortungsübernahme inkludiert die Bereitschaft, sich für bestimmte Anliegen zu engagieren, sich zu informieren und auf verschiedenen Ebenen an politischen Diskursen zu beteiligen. Der Staat gehört uns allen, und deshalb ist es auch unsere Aufgabe, aktiv an seiner Weiterentwicklung mitzuarbeiten. Dazu gehört auch Kritik an Fehlentwicklungen und Missständen, ebenso wie das Einbringen von Ideen und neuen Perspektiven.

Zur Selbstreflexion über das Schreiben dieser Zeilen

Ich habe diesen Text aus einer analytischen Perspektive geschrieben. „Der Denkzettelwähler“ wird hier als Prototyp beschrieben, in dem sich reale Personen mehr oder weniger oder auch gar nicht wiederfinden können. Der Text nimmt also eine Außensicht auf ein Phänomen ein, mit dem Versuch, die Innenwelt in ihren Abläufen nachzuvollziehen und damit zu einem besseren Verständnis dieses Verhaltens und der damit verbundenen Einstellungen beizutragen. Der Hintergrund soll ein wenig ausgeleuchtet werden und die entstehende Einsicht in die Zusammenhänge kann dazu beitragen, mit dem Phänomen besser umgehen zu können.

Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass es Teil des Profils eines typischen Denkzettelwählers ist, unter der Überheblichkeit der Besserwisser zu leiden, sich dadurch beschämt zu fühlen und auf diese Erfahrung mit einem Trotz und dem Einnehmen einer Protesthaltung zu reagieren. Außendiagnosen übermitteln Scham, indem sie Inneres bloßstellen, und führen damit zur Abwehr. Sie verstärken also tendenziell das Verhalten, das sie entlarven wollen. 

Ich sehe es allerdings so, dass wir alle potenzielle „Denkzettelwähler“ sind, insofern wir die Impulse zur Rache in uns tragen und im alltäglichen Leben anwenden. Wir verteilen gerne Denkzettel, nur machen das nicht alle bei den Wahlen. Die Protestwähler drücken sich durch ein emotionales Muster aus, das wir alle kennen und in verschiedenen Zusammenhängen kennen. Insofern kommt dieser Artikel nicht aus einer Position der Überheblichkeit, sondern weist auf eine Verwandtschaft hin, die zwischen allen Menschen besteht. Am Beispiel der Denkzettelwähler können wir uns selber besser verstehen, auch wenn wir selber keine Denkzettelwähler sind. Wenn wir das erkennen, brauchen wir nicht mehr verächtlich auf Menschen herabschauen, die vielleicht im Bereich der demokratischen Reife Mängel aufweisen.

Freitag, 20. Dezember 2019

Der Zynismus der zukunftsignoranten Politiker

Ein heißes Streitthema bei der Klimakonferenz in Madrid war die Frage, ob die Staaten angesichts tausender besorgniserregender wissenschaftlichen Studien und zunehmenden Klimakatastrophen „dringend“ etwas unternehmen sollten oder nur dazu „eingeladen“ werden, klimaschützende Maßnahmen zu setzen. Es wurde also zäh verhandelt, ob eine gewisse Problemlage vorliegt, die dringend nach Lösungen verlangt, oder ob die Weltgemeinschaft die Staaten, die die Problemlage verantworten, nett dazu ein, sich vielleicht zu überlegen, freundlicherweise etwas zu tun, mit vollstem Verständnis, wenn es doch gerade nicht konveniert, und so lauten die Antwort mancher Politiker: “Vielleicht tun wir was bis 2030, 2040 oder 2050, aber das entscheiden wir selber, da lassen wir uns nicht dreinreden.”

Angesichts der zunehmenden Emissionen und angesichts allseits steigender Temperaturen, die mittlerweile jeder aus persönlicher Erfahrung bestätigen kann, erscheint die Diskussion und die dafür aufgewendete Zeit über solche Fragen erbärmlich und zynisch. Die Notlagen von Millionen Menschen, deren Existenz durch die Klimaentwicklung bedroht ist, und die Sorgen von Milliarden um eine lebenswerte Zukunft werden einfach spöttisch ignoriert und dringend notwendige Maßnahmen werden zu Tode verfeilscht. Zynisch ist eine Haltung, die andere Menschen, deren Anliegen, Werte und Normen hämisch und verspottend entwertet und der Lächerlichkeit preisgibt.

Zyniker sind Rechthaber und Besserwisser, sie wissen schnell an allem etwas auszusetzen, ohne Alternativen anzubieten. Kritik wird mit beißendem Spott vorgetragen, der die Objekte herabwürdigt und lächerlich macht. Zyniker verhalten sich immer distanziert zu dem, was sie kritisieren, denn jede Form von emotionalem Betroffensein durch die Ereignisse oder Zustände in der Umgebung wäre ein Zeichen von Schwäche. Sie möchten um keinen Preis an die eigene Verletzlichkeit erinnert werden. Schwäche zu zeigen ist schambesetzt; die Schwächen der anderen und der Welt spöttisch und treffsicher aufs Korn zu nehmen, schützt vor dieser Scham.  

Die Taktik des Zynismus besteht darin, Teile aus der Wirklichkeit herauszupicken und gegen das Ganze zu kehren. Ein Makel an einem Gebäude, an dem sonst alles passt, dient als Zielscheibe des Spottes, der sich gegen den ganzen Bau und den Architekten richtet. Eine unüberlegte Äußerung, schon wird die ganze Person lächerlich gemacht; eine unpassende Handlung, und der ganze Mensch ist der Abwertung preisgegeben. 

Zyniker beeindrucken durch ihre scheinbare Selbstsicherheit und Coolness gegenüber den Herausforderungen der Wirklichkeit. Das macht sie attraktiv als Führungspersönlichkeiten und Politiker. Diese abgebrühte Überlegenheit und ignorante Nonchalance möchte jeder gerne haben.

Die Kehrseite des Zynismus ist die emotionale Kälte und Mitleidlosigkeit gegenüber jeder Form von Schwäche und Verletzbarkeit. Solange ein Zyniker in der Machtposition ist, setzt er sich über alle Rücksichtnahmen hinweg, zieht seine Linie durch und nimmt alle Gegenmeinungen als Anlass zur Verspottung. Selber von engstirnigen Interessen geleitet und gut Freund mit allen möglichen Lobbyisten und Schmeichlern, sieht der zynische Politiker in seinen Gegnern nur Marionetten und Dilettanten (siehe auch die beliebte Etikettierung von Greta Thunberg als Handlangerin von irgendwelchen gierigen Geschäftsinteressen).

Aus all dem geht hervor, dass Zyniker denkbar ungeeignet sind, komplexe Sachverhalte ausgewogen zu beurteilen und auf dieser Basis durchdachte Entscheidungen zu treffen. Sie sind also für den Job eines Politikers im 21. Jahrhundert katastrophale Fehlbesetzungen und wirken wie Relikte aus vergangenen Zeiten, in denen noch nicht klar war, ob es in der Politik um Menschenverachtung oder um das Gemeinwohl und das Überlebensinteresse der Weltgesellschaft gehen solle. Doch diese Tradition der Verehrung von zynischen Haxlbeißern und Menschenverächtern ist in den Köpfen vieler Wähler fest mit Politik assoziiert und entspricht inneren hassgeladenen Wunschbildern. Offene emotionale Rechnungen aus frühen Kindheitserfahrungen speisen die Erwartungen an zynische Politiker, die die Katastrophen der persönlichen Geschichte wichtiger nehmen sollen als die Obsorge für das Überleben der Menschheit und andere „abstrakte“ Probleme.

Zu hoffen ist, dass die junge Generation, in der sich jetzt viele für die Belange des Klimas und die damit verbundenen politischen Entscheidungen engagieren, die Mehrheit der Wählerschaft bilden und damit den zynischen Demagogen die Macht nehmen und eine Demokratieform begründen, in der die Natur eine stärkere Stimme hat als die Wirtschaftsbosse.

Bleibt angesichts der mächtigen nationalen Egoismen und bornierten Schutzhaltungen in der Klimafrage nach zwei Wochen ergebnislosen Feilschens auf der Weltklimakonferenz auch nur mehr der Zynismus einer Weltuntergangshaltung übrig? Dem Nichtergebnis einer Versammlung, bei der die Zyniker mit ihrer Verweigerungshaltung dominierten, weil sie gemeinsame Beschlüsse mutwillig blockieren können, mit Zynismus zu begegnen, wäre selber nur ein Zeichen von Resignation und Selbstaufgabe. Statt dessen gilt es, die Fackel des Widerstandes gegen alle Egoismen (der narzisstischen Politiker und der Staaten, die sich selbst an erste Stelle setzen) hochzuhalten und alle Initiativen mit den verfügbaren Kräften zu unterstützen. Wir können alle einen Unterschied machen, indem wir unsere Handlungen und unsere Einstellungen verändern - von der Selbstbezogenheit auf die Bedürfnisse und Anliegen der Gemeinschaft, auf den Schutz der Natur und der Menschenrechte. 

Zum Weiterlesen:
Das Pathos der Beschämung in der Klimadebatte

Donnerstag, 28. November 2013

Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur

Wenn wir den Unterschied zwischen den relativen Wahrheiten und der absoluten Wahrheit gut verstanden haben, haben wir einen wichtigen Aspekt der Klarheit nicht nur für unseren spirituellen Weg, sondern auch für das Verständnis der menschlichen Gesellschaftsformen gewonnen.

Verwechslungen im Typ der Wahrheit, die immer auch mit Prä-Trans-Verwechslungen im Sinn von Ken Wilber zu tun haben, liegen an der Wurzel vieler Konflikte, innerer Konflikte, zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Konflikte. Ich möchte in diesem Beitrag einige Themen in diesem Zusammenhang aufgreifen und auch darauf eingehen, wie wir mit solchen Konflikten umgehen können.

Menschen unterliegen immer wieder ihrer Tendenz zur narzisstischen Selbsttäuschung. Das wird uns immer dann passieren, wenn wir aus dem Fließen des unmittelbaren Erlebens dessen, was jetzt gerade da ist, aussteigen. Vermutlich geschieht das, weil sich ein verstecktes ungelöstes Thema meldet, das mit Angst besetzt ist. Irgendetwas, das wir denken oder wahrnehmen, erinnert uns an eine frühere Erfahrung, die wir damals nicht integrieren konnten. Die Aufmerksamkeit geht zurück zu dieser Erfahrung bzw. zu den Gefühlen und Gedanken, die damit verbunden waren. Wir sind plötzlich in einem Film aus der Vergangenheit und nicht mehr bei dem, was jetzt gerade geschieht.

Wir merken allerdings nicht, dass wir gar nicht mehr wirklich anwesend, sondern von unserem Kopfkino beherrscht sind. Aus diesem selbstgetäuschten Selbstverständnis heraus nehmen wir leicht die Pose eines Rechthabers ein, der über alles und jedes das richtige Urteil hat. Wir werfen uns in die Haltung eines Verkünders absoluter Wahrheiten und fühlen uns berufen, die anderen darüber zu belehren, was jetzt in Wirklichkeit und eigentlich Sache ist und was genauso klar daneben und falsch ist.

Mit solchen Aktionen, die ja andauernd und fortlaufend im täglichen Leben passieren, stiften wir vor allem eine Verwirrung, in die wir andere verwickeln und uns selber. Deshalb zählt es zu den wichtigsten Lernaufgaben auf dem Weg zur absoluten Wahrheit, ein feines und zuverlässiges Gespür dafür zu entwickeln, wann wir den Bezug zu ihr verloren haben und dabei zu erkennen, welchen typischen Neigungen zur Selbsttäuschung wir bei solchen Gelegenheiten gerne verfallen.

Die Demagogen


In verschiedenen Sektoren der Gesellschaft treten charismatische Personen auf, die Einfluss und Macht gewinnen, auch wenn zugleich deutlich wird, wie stark sie sich dabei selber in Szene setzen und begünstigen. Hier begegnet uns z.B. der Typ des Demagogen. Seine Erfolgsmasche liegt darin, seine eigenen relativen Einsichten als absolute Botschaften zu tarnen und mit der Selbstsicherheit und Überzeugungskraft aufzutreten, die aus einer gekonnten Selbstverleugnung stammt. Da reden Menschen von ihren Berufungen, die Welt zu erretten und das Unheil von den Menschen abzuwenden. Sie benennen mit plumpen Argumenten die Schuldigen und propagieren den Kampf gegen sie.

Warum fallen immer wieder viele Menschen auf ein derartiges Theater herein? Sie erkennen sich darin selbst und bestätigen ihre Selbsttäuschungen. Ähnliche Schicksale verbinden. Wer sich z.B. einmal als kleines Kind gedemütigt gefühlt hat, wird auf einen Redner oder Schreiber hereinfallen, der dieses Thema in einem neuen Zusammenhang anspricht, und wird jeden Ausweg, sprich jede Projektion, die er anbietet, bedingungslos akzeptieren. Wer das Gefühl hat, anderen gegenüber benachteiligt zu sein, wird in Resonanz mit Demagogen gehen, die diese Gefühle kanalisieren und ihnen nachfolgen, weil sie mit dem Pathos einer scheinbar absoluten Wahrheit die scheinbare Wurzel des eigenen Übels formulieren und zugleich das scheinbare Heilmittel anbieten.

Bei den Demagogen selber wird es wohl so laufen, dass sie ihrer eigenen Überzeugungskraft, die aus ihrer besonderen Fähigkeit zur Selbsttäuschung stammt, auf den Leim gehen. Da sie als Narzissten derart begeistert von sich selber sind, verlieren sie jedes Gefühl für wahr und falsch. Sie sind ja in ihr gefälschtes Selbst verliebt. Deshalb sind sie Virtuosen in der Selbsttäuschung, weil sie es schaffen, sich selber doppelt hinters Licht zu führen: Zum einen, indem sie ihre verzerrte Wirklichkeitserfahrung nicht durchschauen, und zum anderen, weil sie sich noch dafür bewundern. Das macht wohl auch ihre Faszination für andere aus, die sich in diesen Formen der Blindheit wiedererkennen.

Mit etwas Distanz mag es skurril wirken, wie sich der dieser Tage von der Macht entfernte Meisterdemagoge Berlusconi mitsamt seinem selbstgerechten und realitätsvergessenden Zorn ins Internet stellt; für seine Anhänger wirkt es wohl so, als wäre hier einem Unschuldigen die größte Ungerechtigkeit widerfahren, die sich Menschen vorstellen können.

Wer nicht bemerkt hat, wie störanfällig jede Aktion und jede Kommunikation auf der Ebene der relativen Wahrheit ist, wie leicht sich also Elemente der Ignoranz, Selbstbezogenheit und Wirklichkeitsverleugnung einschleichen, wird Personen Glauben schenken, die die eigenen frustrierten Hoffnungen und Wünsche ansprechen. Deshalb kann es auch einen armen Schlucker rühren, wenn der angebetete Milliardär (wie in einem Sketch von Otto Waalkes) bitterlichst darüber klagt, dass sein Rasierpinsel ins Klo gefallen ist, worauf ihm der Komiker den Trost spendet, dass manch anderer ja nicht einmal einen Bart habe.

Mit ihrer Selbstfaszination schaffen es die Demagogen jeden Metiers, eine nebelartige Aura der Irreführung und Falschinformation um sie herum zu verbreiten, in der wiederum die Unfähigkeit zur Unterscheidung gedeiht und Wissen durch blinden Glauben ersetzt wird. Dabei gründet sich der Glaube auf nicht mehr als auf die Faszination durch jemanden, der grenzenlos in der Selbstglorifizierung versunken ist.

Wenn nicht mehr unterschieden werden kann, welchen Rang eine Wahrheit hat, dann ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Je mehr relative Wahrheiten als absolute angepriesen werden, desto mehr wird der Zugang zur absoluten Wahrheit verstopft.

Die Pflicht zum Widerstand


Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht, heißt es bei Bert Brecht. Wo eine relative Wahrheit zu einer  absoluten verdreht wird, ist es wichtig, dagegen aufzutreten. Denn die Verallgemeinerung einer solchen Vertauschung ist die Verallgemeinerung einer Vertuschung. Wenn ihr nichts entgegen gehalten wird, wird der Schaden, den sie anrichtet, vermehrt.

Dagegen aufzutreten ist nicht mit den Mitteln der absoluten Wahrheit möglich. Sie gibt zwar die Motivation und die Kraft, denn sie weiß, wie wichtig sie ist und wie wichtig es ist, dass sie nicht missbraucht wird. Aber ihre Stimme wird auf dem Markt der relativen Wahrheit nur wie eine weitere Meinung im Gewirr des Marktgeschreis untergehen.

Wer gegen Egoismen im Kleid von ewigen Weisheiten auftreten will, muss deshalb aus der absoluten Wahrheit heraustreten und in die Arena der relativen Wahrheiten gehen. Er nimmt dafür allerdings die Kraft mit, die aus der Verbindung mit dem Fließen kommt. Der heilige Zorn, mit dem Jesus die Tische der Händler vor dem Tempel umwirft, das ist die Energie, mit der jemand nicht um seiner selbst willen, also aus einem Ego-Motiv heraus, sondern aus einem Gefühl der Verantwortung für etwas Größeres und gegen das Hintertreiben der essentiellen Klarheit auftritt.

Nicht mehr ist bei diesem Auftreten möglich als die verdrehten und überzogenen Ansprüche zu entlarven und bloßzustellen und damit der anmaßenden Verwechslung Einhalt zu gebieten. Es gilt also, die Lüge als Lüge und die Verdrehung als Verdrehung bloßzustellen und die als absolut ausgegebene Botschaft auf ihren relativen Rang zurückzustufen. „Was du hier verkündest, ist deine Meinung und nicht mehr. Was du sagst, gilt vielleicht für dich, aber nicht für mich.“ So können wir eine Grenze ziehen und die Aussage wieder in das Feld ihrer Herkunft, auf das Feld der Relativität zurückholen, wenn sie aus dieser stammt. Wir müssen die andere Person nicht kritisieren und schlechtmachen, es genügt, ihren (Macht-)Anspruch einzudämmen. Wir können dabei nur für uns sprechen, ohne uns auf höhere Einsichten berufen zu können, weil wir in einer Sphäre des Kampfes nur die Waffen der relativen Welt zur Verfügung haben. Die absolute Wahrheit taugt nicht für Konflikte, weil sie außer Streit steht. Streiten erfordert relative Positionen und relative Methoden der Auseinandersetzung.

In der Sphäre der Relativität können wir nicht „rechter“ haben als die anderen. Wir können nur einem Rechthaben, das sich auf eine angemaßte Absolutheit beruft, entgegentreten und es damit relativieren. Wir unterbrechen ein Spiel, das verwirrt und verschleiert, indem wir seine Regeln brechen. Dabei setzen wir der die Wahrheit verdrehenden Definitionsmacht, die sich ungehindert ausbreiten will, eine ebensolche Macht entgegen, nicht, um uns selbst ebenso ausbreiten zu können, sondern um die Ausbreitung der Vernebelungskultur zu verhindern. Eine Farbe, die über alles gegossen werden soll, wird eine Kontrastfarbe hinzugefügt, und damit ist das einheitliche Bild verdorben, wie es sich für eine relative Welt gehört. Die dahinterstehende absolute Wahrheit wirkt allein aus dem Verborgenen.

Wachsamkeit gegen die Gleichgültigkeit


Wer von der absoluten Wahrheit gekostet hat, muss wachsam bleiben: Wachsam auf die eigenen Anmaßungen, den gehobenen Schatz für eigene Zwecke zu missbrauchen, und wachsam auf die Versuche anderer Menschen, Dreck als Gold zu verkaufen.

Und es gilt wachsam zu bleiben gegenüber der eigenen Tendenz, die Gelassenheit und Toleranz mit Gleichgültigkeit in einen Topf wirft. Es darf nicht egal sein, wenn die großen und kleinen Demagogen auftreten, um ihre Schäfchen hinterlistig ins Trockene zu bringen. Es muss Widerstand geleistet werden, damit solche Blockierungen erkannt und gemieden werden können. Wer von sich meint, dass er sich zu gut oder zu erhaben ist für solche Streitigkeiten und deshalb die Konflikte in der Öffentlichkeit und im Privaten meidet, unterliegt der eigenen Überheblichkeit und Feigheit, Haltungen, die nicht besser sind als das, worüber sie sich erheben wollen.

Das Missverständnis liegt darin, dass das Reich der absoluten Wahrheit nicht als Zuflucht dienen kann, in das sich alle, denen es in der Welt zu gewaltsam, gemein oder hässlich zugeht, zurückziehen könnten, um dort das biedere Gärtchen einer wohlgehegten Heiligkeit zu pflegen. Wenn das geschieht, ist längst schon verloren, was gesucht wurde. Eine solche spirituelle Idylle ist nur eine weitere Nische der relativen Welt, versteckt hinter einem kunstvollen Gespinst aus scheinbar absoluten Fäden.

Tatsächlich fallen wir sofort aus dem Reich des Absoluten, wenn wir auf die Widersprüche der Kommunikation und der Gesellschaft stoßen. Und das ist auch gut so, denn dort müssen wir uns immer wieder behaupten, dort müssen wir auftreten und Anmaßungen entgegentreten. Automatisch geraten wir in die Versuchung, unseren eigenen Anmaßungen zu erliegen. Und das ist auch gut so, damit wir immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen werden, um immer wieder den Blick auf unsere eigene Bewusstheit zu richten. So können wir in uns wieder den Kontakt zur absoluten Wahrheit herstellen.

Je mehr Ahnung wir von der absoluten Sphäre haben, desto mehr von den Selbst- und Fremdtäuschungen, die wir selbst und die anderen Menschen inszenieren, wird uns bewusst werden und desto mehr können wir aufzeigen und bewusst machen. Damit halten wir das Gewissen wach, das uns immer wieder darauf aufmerksam macht, uns aus dem Leben im Relativen auf das Absolute zurück zu beziehen und damit die Bereiche des Absoluten im Gesamten zu erweitern.