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Donnerstag, 13. Oktober 2022

Verhüllung und Scham, gewidmet Mahsa Amini

Die vorgeschriebene Verhüllung der Frauen in islamisch geprägten Ländern führt direkt zu 
vielschichten Schamthemen. 
Nach dem Psychologen Konrad Schüttauf hat jede Scham mit Verhüllung und Enthüllung zu tun. 

Um diese Dynamik zu veranschaulichen, entnehme ich dem Buch von Schüttauf, Specht und Wachenhausen* ein Beispiel: Es geht um einen Professor für Moraltheologie, der in seinen Vorlesungen gegen jede Form von Pornographie wettert, weil dort enthüllt wird, was verhüllt bleiben sollte. Dann grüßt ihn eines Tages ein Student, als er in einem Nachbarort gerade aus dem Pornokino kommt. Er ist selbst enthüllt und einem mächtigen Schamgefühl ausgesetzt. Das, was er in sich verhüllen wollte, eine Verhüllung, die er mit viel Einsatz auch „in der Welt“ durchsetzen wollte, ist ans Tageslicht gekommen. Er steht plötzlich entblößt in der Öffentlichkeit und ist seines Schutzes entkleidet, ein Schutz, den er mit seiner öffentlichen Identität verknüpft hat. 

Es handelt sich also um die Spaltung zwischen einer privaten Person, die sich in diesem Beispiel zur Pornografie hingezogen fühlt, und einer öffentlichen, die vehement  gegen ebendiese Form der Darstellung von Sexualität kämpft. Die Angst vor der Beschämung wacht darüber, dass die öffentliche Person in der Verhüllung bleibt. Deshalb lässt sie viel Energie ins Bekämpfen dessen hineinfließen, was der privaten Person wichtig ist, aber von der öffentlichen Person, die mit dem eigenen idealen Ich verbunden ist, strikt abgelehnt und verurteilt wird. Der Professor kämpft also die ganze Zeit gegen die eigenen Wünsche und muss im Dienst seiner Ideale in der Öffentlichkeit immer heftiger gegen das wettern, was er im Privaten begehrt – bis zu dem Moment, in dem durch eine unvorhergesehene (aber vielleicht vom Unbewussten, das die Spannung nicht mehr aushalten kann, angestiftete) Enthüllung das Abwehrsystem zusammenbricht. 

Die Verhüllung als stellvertretende Schamabwehr

Soweit also ein Beispiel zur Dynamik von Verhüllung und Enthüllung, deren emotionaler Katalysator die Scham ist. In vielen Kulturen gelten besondere Regeln zur Verhüllung der Frauen. Das Zeigen von offenen Haaren war das gesamte europäische Mittelalter hindurch den Frauen verboten, während die Männer zum Teil ihre ausgeprägte Haaresfülle und -länge zur Schau stellen konnten. Ähnlich wie bis heute in islamischen Ländern wurde die Notwendigkeit der Verhüllung der Frauen von den Männern dadurch begründet, dass das Zurschaustellen bestimmter Teile des weiblichen Äußeren die männliche Begierde entfachen würde, die dann zu Übergriffen gegen die Frauen führen würde, was ja verhindert werden sollte. Allerdings trügen dann die Frauen die Schuld am Vergehen, indem sie dadurch die Schwächen der Männer provozieren würden, wobei es sich dabei um eine Täter-Opfer-Umkehr handelt. Denn initiiert wurden alle diese Regeln von den Männern, die in den öffentlichen Machtstrukturen das Sagen hatten und haben.

Es ist also die Enthüllung männlicher Schwächen, die durch eine Verhüllung der Frauen verhindert werden soll. Denn es stellt eine Charakterschwäche dar, die gleich allen Männern einer Kultur, wenn nicht allen Männern überhaupt, unterstellt wird, nämlich dass sie das eigene Macht-, Dominanz- und Sexstreben nicht kontrollieren können, sondern ihren eigenen Trieben schutzlos und ohnmächtig ausgeliefert sind, sobald sie einem bestimmten Schlüsselreiz, z.B. dem offenen Haar einer Frau oder deren auch nur deren Fußgelenk, ausgesetzt sind. Männer stellen sich selbst demnach als triebgesteuerte Instinktwesen ohne jede Vernunft dar, also als mental zurückgeblieben und behindert, zumindest in Bezug auf die Kontrolle der Sexualität. 

Wir haben es im Grunde mit einer infantilen Schwäche zu tun, die darin besteht, dass ein Reiz, der ein Bedürfnis auslöst, sofort die erwünschte Befriedigung bekommen muss. Es ist eine Schwäche, die bei Erwachsenen mit Scham belegt ist. Auf dass diese Schwäche nicht offenbar werde, was jedem Erwachsenen zur Scham gereichte, wird durch ein System von Vorschriften deren Auslösung hintangehalten. Die Frauen werden einem Zwang unterworfen, indem ihnen eine Verhüllung vorgeschrieben wird, damit sich die Männer nicht in ihrer Schwäche entblößen. Die Frauen müssen also das Symbol für die männliche Scham zur Schau stellen, z.B. ein Kopftuch oder eine Ganzkörperverschleierung. Verschleiert werden also eigentlich die männliche Zügellosigkeit und die durch sie hervorgerufene Gewaltanwendung an Frauen. Sie sollen dafür sorgen, dass diese Scham nicht auftritt, indem ihnen selber mit der Vorschrift die zugehörige Scham aufgezwungen wird: Sie sollen sich schämen, wenn sie sich nicht schamvoll verhüllen. 

Die Spaltung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit

Auch hier spielt eine Spaltung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten eine zentrale Rolle. Das öffentliche Bild der Frauen ist durch die Verhüllung gekennzeichnet, während die Männer unverhüllt herumlaufen. Tatsächlich wird aber das Private der Männer, nämlich ihre zügellose Triebsteuerung, verhüllt. Im Äußeren unverhüllt, besetzen die Männer Öffentlichkeit  und üben ungehindert und schamlos ihre Macht aus. Sie haben ihr Inneres den Frauen zur stellvertretenden Verhüllung übergeben, die damit öffentlich manifestieren sollen, dass sie sich für ihre Reize schämen. Den Frauen ist die Enthüllung ebenso wie das Ausüben von Selbstbestimmung und Macht nur im Privaten erlaubt. 

Patriarchale Wurzeln

Es handelt sich bei dieser vorgeschriebenen Verhüllung um ein Beispiel für die Widersprüche der patriarchalen Ideologie. Die Männer können ihre öffentliche Vorherrschaft nur aufrechterhalten, wenn sie vermittels einer defizitären Selbstbeschreibung die Frauen dazu zwingen, aus der Öffentlichkeit mit ihrem Selbstausdruck zu verschwinden und in der verhüllten Schrumpfform die männliche Definitionsmacht zu bestätigen. Ausgangspunkt und treibendes Motiv dieses Manövers liegen aber in der Schwäche der Männer, die ihre bedrohlichste Wunde darstellt. Denn Männer müssen gemäß der patriarchalen Ideologie die Starken und die Mächtigen sein, denen nichts Furcht einflößt und die alles im Griff haben. Die Kraft des Weiblichen ist aber von einer Art, die nicht von der männlichen bezwungen werden kann, weil sie nicht auf Muskelkraft oder auf der Geschicklichkeit im Umgang mit Waffen beruht, sondern auf dem Verständnis von Emotionen, insbesondere der Hingabe. Es ist geradezu die Macht, die in der äußeren Schwäche besteht, die die Frauen den Männern zeigen und vor der diese im patriarchalen Geflecht ihre größte Angst haben. 

Durch die Emanzipationsbewegung der Frauen wurde der Patriarchalismus geschwächt, aber die Spuren sind noch in allen Gesellschaften zu finden, am augenfälligsten dort, wo das Verhüllen des Weiblichen vorgeschrieben ist. Die Gefahr, die vom Weiblichen ausgeht, erscheint dort so stark, dass jedes Gewaltmittel recht erscheint, um die weibliche Ausdrucksfreiheit zu unterdrücken. Im Iran z.B. gibt es den weitverzweigten Apparat der Sittenpolizei, deren Aufgabe darin liegt, die Gesetzeskonformität der weiblichen Verhüllungen zu kontrollieren und durchzusetzen, mit Mitteln, die offenbar das Morden mit einschließen, ohne Strafen fürchten zu müssen. Zu bewundern ist der Mut, mit dem sich Frauen und auch Männer aus verschiedenen Ethnien und gesellschaftlichen Schichten in diesen Tagen gegen diese Zwänge protestieren.

* Konrad Schüttauf, Ernst Konrad Specht, Gabriela Wachenhausen: Das Drama der Scham. Ursprung und Entfaltung eines Gefühls. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2003


Donnerstag, 8. Februar 2018

Ein Land von Krypto-Nazis?

Fast jeden Tag taucht irgendwo in Österreich ein Krypto-Nazi auf, fast immer im Funktionskader der FPÖ – kürzlich eine Dame in Tulln, die Menschen, die ohne Familie aus Kriegsgebieten geflohen sind, als „Untermenschen“ bezeichnet hatte. Sie ist im dortigen FPÖ-Vorstand. Die rechten Burschenschafter, die zum Großteil noch immer die großdeutsche Idee hochhalten oder von der deutschen Kulturnation schwärmen, wenn sie nicht nationalsozialistische Parolen oder Lieder pflegen. Aber wenn man nicht singen kann wie Herr Landbauer, ist man natürlich über jeden Verdacht erhaben und kann nicht nachvollziehen, warum da plötzlich das Opfer einer „medialen Hetze“ ist.

Es scheinen zwei Tendenzen in diesem Land zur Zeit zu konkurrieren: Die eine schwemmt nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ all die Gestalten der rechten Szene, die neben viel Bier auch ein wenig akademische Bildung intus haben, in die höchsten Stellen des Staates, sie werden plötzlich Minister, Abgeordnete und Verwaltungsbeamte. Mit diesen Personen wird die rechtsextreme Ideologie salonfähig gemacht. 


Andererseits gibt es nach wie vor eine kritische Öffentlichkeit, die diesen Herrn und Damen umso genauer auf die weltanschaulichen Finger schaut, je mehr sie ins öffentliche Rampenlicht treten. Mancher muss nun zur Kenntnis nehmen, dass extremistische „Jugendsünden“ der Karriere schaden und dass man ein wenig aufpassen muss, was man so von sich gibt. Es genügt nicht mehr, scharf am Rand des NS-Verbotsgesetzes entlang zu polemisieren und Hass-zu-posten, man muss besser aufpassen, was einem über die Lippen oder die Tastatur kommt. Die FP-Politiker, vom Vize-Kanzler abwärts, können sich erst recht nicht mehr leisten, mit antisemitischen, antimoslemischen oder antidemokratischen Bosheiten Anhänger um sich zu scharen, sie müssen ihre aggressive menschenfeindliche Rhetorik zügeln. Offensichtlich hat die Partei diesen Leuten genügend Kreide zum Fressen ausgegeben.

Psychologische Mechanismen


Was aber ist es, dass so viele Menschen in unserem Land empfänglich für Parolen macht, die aus Ideen gespeist sind, die vor 80 Jahren Hochkonjunktur hatten und 7 Jahre später in Schutt und Asche, zerbröselt sind, in Blut und Tränen aufgelöst wurden? Was macht es attraktiv, „deutschnational“ zu denken, einer Ideologie, die in der k.u.k.-Monarchie, dem Vielvölkerstaat mit den Deutschsprechenden als größter Volksgruppe, erfunden wurde, wo es nach dem 2. Weltkrieg den meisten Österreichern deutlich wurde, dass sie lieber Österreicher als Deutsche sind? Wie kann jemand ein Gestern verherrlichen, das eine tiefe Furche von Massenverbrechen ohnegleichen durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht?

Die psychologischen Mechanismen einer notorischen Rückwärts-Fixierung sind vielfältig. Unbewusste Loyalitäten zu Vorfahren, die ihr Herzblut dem Nationalsozialismus geschenkt haben, willfährige Anhänger oder anfangsbegeisterte Mitläufer waren, spielen oft eine Rolle. Nicht verarbeitete Desillusionierungen, Schuldgefühle und Machtfantasien erzeugen die Verführbarkeit zu totalitären Gedankengebilden. Jeder von uns hat irgendwann eine Beleidigung oder Demütigung erfahren; einfacher und feiger ist es, die daraus resultierenden Rachegefühle in die vorgefertigten Kanäle einer menschenverachtenden Ideologie fließen zu lassen. Infantile Trotzhaltungen gegenüber den Ideen der Aufklärung, die das Zentrum einer modernen Demokratie ausmachen, zeigen sich dort, wo Verbrecher verharmlost und Gewalt verherrlicht wird.

Häufig sind Modernisierungsverlierer prädestiniert, ihr Heil in einer Vergangenheit zu suchen, in der Kleinhandel und Handwerk blühten und keine bedrohlichen Fremdsprachen am Marktplatz zu hören waren. Die Angst vor einer ungewissen Zukunft, in der unheimliche Marktzwänge die Geldflüsse von unten nach oben dirigieren und Roboter Menschen ersetzen, macht anfällig für Ideologien, die so tun, als könnten sie die Geschichte rückwärts lenken.

Natürlich, jeder Täter ist ein Opfer, jeder Menschenverächter wurde verachtet, jeder Hasser wurde gehasst. Als Erwachsene, und als solche sollten wir uns verhalten, wenn wir in irgendeiner Weise staatsbürgerliche Verantwortung übernehmen (z.B. wenn wir wählen gehen oder wenn wir politische Ämter übernehmen), sollten wir in der Lage sein, uns von solchen kindlichen Impulsen und Emotionen zu distanzieren. Können wir das nicht, sollten wir zumindest die Verantwortung übernehmen, uns von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Für solche, die keine Haltung von elementarer Höflichkeit und Respekt aufbringen können, wären Auftrittsverbote in der politischen Öffentlichkeit sinnvoll. Der demokratische Diskurs funktioniert nur mit einem Minimum an Umgangsformen und gewaltfreier Sprache. Will sich die Demokratie nicht selber abschaffen, müssen solche Diskursregeln eingehalten und überwacht werden.

Erschreckende Dunkelziffer


Erschreckend bleibt, dass die Personen, die mit ihrer NS-Gesinnung auffliegen, ganz offensichtlich nur die Oberfläche an FPÖ-Funktionären darstellen, die einschlägig belastet sind. In vielen Foren und Social-Media-Plattformen kommen noch anonym Tausende dazu, die eine Befriedigung darin finden, ihren Hass auf wen oder was auch immer gegen Schwache, Randgruppen, Flüchtlinge, Juden und Moslems zu richten und sich dabei übelster NS-Symbolik und –Rhetorik zu bedienen. Vielleicht stimmt es in manchen Fällen sogar, nicht zu wissen, welche Bedeutung Worte wie „Untermensch“, „völkisch“, „arisch“ usw. tragen; nicht jeder hatte einen guten Geschichtsunterricht. Schlimmer noch als Unbildung und Gedankenlosigkeit ist der Mangel an ethischen Werten, an Menschlichkeit, der sich in der Verwendung von solchen ausgrenzenden und beleidigenden Worten zeigt. 


Was schnappt man nicht alles auf, in einer Umgebung, in der Vergangenheitsbewältigung in Form von Judenwitzen oder im blinden Nachbeten von Geschichtsfälschungen (Stichwort „Auschwitz-Lüge etc.) geschieht? Wie lange wird es noch dauern, bis Menschen keine sadistische Befriedigung im öffentlichen Äußern von Unmenschlichkeiten finden? Wie lange wird es noch dauern, bis genügend Menschen Abscheu und Empörung gegenüber jeder Form der Unmenschlichkeit entwickelt haben, sodass solche Haltungen keinerlei Widerhall und keinerlei Nachahmung finden, sondern ihr Dasein am äußersten Rand der Gesellschaft fristen müssen?

Werte-Kurse für Politiker


Jedenfalls: Wer in diesem Land politische Verantwortung übernimmt, sollte sich einem Werte-Kurs unterziehen, in dem die Werte der Toleranz und Menschenwürde sowie Grundkenntnisse über die österreichische NS-Vergangenheit vermittelt werden. Wie will man Flüchtlingen und Asylwerbern österreichische Werte beibringen, wenn öffentliche Repräsentanten dieser Gesellschaft selber über äußerst mangelhaftes demokratisches Wertbewusstsein verfügen?


Zum Weiterlesen:
Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehrung

Freitag, 23. Januar 2015

Religiöse Gefühle und Humor in der offenen Gesellschaft

Ein Leser dieser Blogseiten hat mir dankenswerter Weise den Hinweis auf eine Stellungnahme des Papstes zu den Themen Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle geschickt.

Meinungsfreiheit hat nach Ansicht von Papst Franziskus Grenzen - dann, wenn sie religiöse Gefühle anderer verletzt. „Viele Menschen ziehen über Religion her, das kann passieren, hat aber Grenzen. Jede Religion hat eine Würde, und man kann sich darüber nicht lustig machen“, sagte der Papst mit Blick auf die Terroranschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ auf dem Flug zur die philippinische Hauptstadt Manila.
Er fügte hinzu: „Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag. Denn man kann den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen“, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag das Oberhaupt der Katholiken weiter. Gleichzeitig betonte der Papst, dass man im Namen Gottes nicht töten dürfe.
Soweit der Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nicht überraschend ist die traditionelle Sichtweise eines Religionsvertreters zur Ablehnung von religiösen Gefühlsverletzungen. Überraschend, seltsam, lustig oder interessant, je nachdem, kann man das Beispiel finden, das dem Papst dazu einfällt. Es geht mir im folgenden nicht darum, am Papst und seinen vielleicht nicht voll durchdachten Interviewäußerungen herumzukritisieren oder in sie hineinzuinterpretieren, sondern sie zum Anlass zu nehmen, weitere Aspekte des Themas näher zu beleuchten.

Jede Religion hat eine Würde, auch wenn in ihrem Namen Verbrechen begangen werden. Jeder Mensch hat eine Würde, auch wenn er Verbrechen begeht. Das sollte im Sinn eines Grundkonsenses von Menschen- und Bürgerrechte außer Zweifel stehen. Klar sollte auch sein, dass die Würde eines Einzelnen oder einer Institution nicht durch andere Menschen und deren Aktionen außer Kraft gesetzt werden kann. Sie besteht einfach weiter, was auch immer einem Menschen oder einer Institution angetan wird: Ob ihre Angehörigen vertrieben und verfolgt werden, oder ob sich jemand über sie lustig macht. Die nächste Frage ist, wie jemand reagieren soll, wenn jemand anderer die eigene Würde oder die einer für wichtig erachteten Institution "angreift" oder "verletzt".

Die deutsche Bild-Zeitung bezeichnet die Aussage von Papst Franziskus als scherzhaft. Sicher wollte er der Presse nicht mitteilen, dass er schnell mit Faustschlägen bei der Hand ist, wenn ihm etwas nicht passt. Und das Scherzen sollte auch in diesen Fragen erlaubt sein. Zugleich sollte es erlaubt sein, scherzhafte Stellungnahmen ernsthaft zu betrachten, nämlich in Hinblick darauf, was mit ihnen zum Ausdruck gebracht werden soll. Denn das Scherzen enthebt nicht der Aufgabe, auf der gedanklichen Ebene klar zu bleiben und die Rolle der involvierten Emotionen zu reflektieren.


Selbstverständlichkeiten?


Da erstaunt erstens die Selbstverständlichkeit, mit der das katholische Kirchenoberhaupt mitteilt, dass Beleidigungen der eigenen Mutter sofort geahndet werden müssen/können/sollen. Wenn eine Beleidigung boshaft und gemein ist, kann man sie auch anders zurückweisen und nicht weiter wichtig nehmen. Wenn eine Aussage über die eigene Mutter (oder über sonst wen, der einem wichtig ist), zwar scharf formuliert ist, aber z.B. eine Unvollkommenheit dieser Person anspricht, kann das wichtige Informationen enthalten, die überlegt und genauer erörtert werden könnten.

Jedenfalls ist die gewalttätige Reaktion (Faustschlag) auf eine Beleidigung keine Selbstverständlichkeit, weil es auch noch eine Reihe anderer Reaktionsmöglichkeiten gibt, die uns vielleicht nicht alle in jeder Situation verfügbar sind, insbesondere dann nicht, wenn in uns starke Emotionen ausgelöst werden. Doch wenn wir aus der Distanz über Fragen wie die Meinungsfreiheit reden, sollten wir neben den schwächsten, impulsgesteuerten Reaktionsmöglichkeiten auch die im Sinn der Vernunft stärkeren Möglichkeiten ebenfalls zur Diskussion stellen.

Insoferne sind die Aussagen des Papstes in diesem Punkt nicht nur mangelhaft, sondern auch erstaunlich kurzschlüssig. Sie konterkarieren zudem in ganz eigentümlicher Weise eine Dynamik in den Vorfällen, die diese Fragen wieder in die öffentliche Diskussion gebracht haben.


Der Scherz und die Satire


Jemand macht einen Scherz in der Öffentlichkeit, geht also unter Verwendung von Humor mit einem heiklen Thema um. Satire wäre in diesem Fall zu viel gesagt. Aber die Verwendung von satirischen Mitteln in der Karikatur sind ja genau der Gegenstand des Hasses vieler Menschen vor allem in der moslemischen Welt. Über Religion zu scherzen, bringt bekanntlich Menschen dazu, extrem gewalttätig zu werden.

Satire heißt, mit künstlerischen Mitteln menschliche Schwächen zu übertreiben und lächerlich zu machen. Andere Menschen sollen also über die Schwächen von Menschen und ihren Institutionen lachen, damit sollen diese ihre Schwächen einsehen und wenn möglich verbessern. Z.B. eine Kirche, die sich in ihrer Würde selbst zu wichtig nimmt, kann den Spott der Menschen auf sich ziehen, und gerade dieser Papst hat nicht nur in Worten erklärt, dass es ihm um nicht um eine Kirche der Selbstüberheblichkeit, sondern der Bescheidenheit geht.

Der Scherz ist ein gutmütigeres und schwächeres Mittel des Humors. Humor empfinden wir als gut, solange er nicht die eigenen Themen berührt. Ich darf mich lustig machen, mich und andere auf die Schaufel nehmen. Bei heiklen Themen hört sich der Spaß auf. Wo aber und wann ist dieser Punkt erreicht ? Hier gibt es keine objektiven Kriterien, sondern die Grenze setzt der individuell bzw. kulturell definierte Spielraum der Toleranz. Verletzt sind Menschen dort, wo etwas in Frage gestellt wird, was sie zu ihrer persönlichen oder sozialen Identität rechnen.

Offenbar wollte der Papst mit jener scherzhaften Aussage um Verständnis für eine menschliche Reaktionsweise werben: Beleidigung hat "spontane" Gewalt zur Folge. Wie oben gesagt, erschreckt die Selbstverständlichkeit, mit der diese primitive Reaktionsweise einfach stehengelassen wird. Der Schreck lässt leicht den Scherz vergessen.


Humor und Gewalt


Nächstes Element: Die Anspielung auf Gewalt im Scherz. Die prototypische antiwestliche Argumentation aus islamischer Sicht lautet: Beleidigung der Religion und ihrer Repräsentation ist eine gegen alle Gläubigen gerichtete Gewalt, und niemand dürfe sich wundern oder beklagen, wenn Gewalt dann mit Gewalt beantwortet wird.

Im Scherz des Papstes folgt die gewalttätige Reaktion auf die Beleidigung; das Scherzhafte daran ist, dass sich niemand den Papst als Schlägertypen vorstellen kann, noch dazu gegen einen Freund. Unterstellt wird aber, dass die Reaktion mit der Faust selber weder unverständlich noch moralisch anfechtbar ist. "Das versteht doch jeder: Wenn die Mutter beleidigt wird, muss man auszucken." Der Sprung zu selbsternannten Killern im Namen des großen Gottes ist natürlich groß, die Analogie ist aber nicht allzu weit hergeholt, weil es bei der Gewalt gegen Körper eine Kontinuität gibt: vom Faustschlag bis zur Tötung. Denn das ist es, was die Gewalt in jeder Form letztendlich anstrebt: Dass solches nie mehr passiert, dass jemand für immer mund-tot gemacht wird. Das Nie-mehr und Für-immer ist das Ziel, das sich Menschen setzen, die Gewalt als Mittel wählen.

Worte hingegen, so beleidigend auch immer sie sein können, führen nicht zu körperlichen Schäden und deshalb auch nicht zum Tod. Selbst auf die schlimmsten Worte lassen sich andere schlimme Worte finden. Es wird also mit stärkerer Munition zurückgeschossen, als der Angriff beinhaltete, wenn auf Worte die Faust folgt. Damit wird eine Eskalation der Gewalt in Kauf genommen , die dort ihren entscheidenden Anfang nimmt, wo die verbale Auseinandersetzung zur körperlichen wird. Das ist genau der Vorgang, den wir mit Besorgnis beobachten. 


Körper und Geist


Was wird in dem Beispiel über das Verhältnis von Körper und Geist ausgesagt? Jemand, der zu Aggressionen neigt, kann leicht so reagieren: Wenn jemand etwas oder jemanden beleidigt, der oder das mir wichtig ist, dann kriegt er eine drauf. Eine verbale Beleidigung, nicht einmal gegen die eigene Person, verglichen mit Körperverletzung - was wiegt mehr?

Es zeigt vielleicht, dass manche Kirchenvertreter in guter alter Tradition den Geist höher stellen als "das Fleisch". Wer den Geist verletzt, hat dann mehr angerichtet, als jemand, der den Körper verletzt. Die Gotteslästerung als Herabwürdigung des höchsten geistigen Prinzips ist dann das Schlimmste überhaupt, was Menschen anrichten können, viel ärger als Massenmord. Im Mittelalter haben deshalb Ketzer eine besonders grausame Form der Todesstrafe erhalten. In Saudi-Arabien z.B. werden Andersgläubige und Andersdenkende grausam bestraft. Davon sollten wir aber in unserem Moral- und Rechtsempfinden schon weit entfernt sein.

Wie schon in einem früheren Beitrag ausgeführt, ist es übertrieben und irreführend, Beleidigung als Gewaltausübung zu verstehen, weil das zu einer willkürlichen Verallgemeinerung des Gewaltbegriffes führt und die Selbstverantwortung für die eigenen Gefühle außer Acht lässt. Es gibt keine automatische Beleidigung, vielmehr wird die Beleidigung vom Beleidigten zu einer solchen gemacht. Bei einer anderen Person in der gleichen Situation würde die Beleidigung u.U. unter die Kategorie "Lappalie" fallen.

Niemand kann über die eigene Person hinaus schließen, was Gefühle verletzt, weil jeder Mensch über ein anderes Maß dafür verfügt. Jemand kann sich schon verletzt fühlen, wenn jemand anderer die Nase über ein religiöses Symbol rümpft, oder einen Witz über Petrus an der Himmelstür macht. Jemand anderer, genauso gläubig, aber charakterlich weiter entwickelt, kann die bissigste Religionskritik gelassen von sich weisen. 


Immer wieder in die gleiche Kerbe


Wenn schon bekannt ist, was Menschen verletzt, sollte man aus Gründen der Menschlichkeit und Rücksichtnahme aufhören, in die schon bekannte Kerbe zu schlagen. So wird jetzt öfter argumentiert, wenn es um islamkritische Publikationen im Westen geht. Wir vermeiden das ja auch in unseren persönlichen Beziehungen. Wenn wir wissen, was jemand anderen, der uns wichtig ist, verletzt und ärgert, dann reiten wir nicht darauf herum oder bohren noch tiefer in die Wunde.

Auf der Ebene der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Auseinandersetzungen gelten andere Gesichtspunkte. Hier werden, wie schon erwähnt, bei religionskritischen Fragen im allgemeinen nicht einzelne Menschen angegriffen, sondern Glaubenslehren, Glaubensinhalte und historische Repräsentanten der Religion. Wie oben gesagt, geht es in der Kritik darum, blinde Flecken in der öffentlichen Darstellung der Religionen aufzuzeigen, wie z.B. Überheblichkeiten oder inhaltliche Widersprüche, Gegensätze zwischen Theorie und Praxis usw. Die Dynamik der Auseinandersetzung in einer offenen Öffentlichkeit bewirkt, dass sie nur dann aufhört, wenn sich der Gegenstand der Kritik so ändert, dass die Kritik nicht mehr trifft, oder wenn sie unterbunden, unterdrückt und verboten wird. Dann ist allerdings die Öffentlichkeit nicht mehr offen, sondern lädiert. Und das ist für eine post-aufklärerische Gesellschaft wichtiger als die Folgen von tatsächlichen oder vermeintlichen Beleidigungen und Kränkungen.

Übertreibungen und Unverschämtheiten, unfaire und haltlose Kritiken sowie inhaltsleere Polemiken fallen der Selbstkorrektur einer offenen Öffentlichkeit anheim. Sie weist mit argumentativen Mitteln alles zurecht, was anmaßend gegen Anmaßung und hinterhältig gegen Hinterhältigkeiten vorgehen will.


Persönliche Betroffenheit und Identifikation


Es ist zwar selbstverständlich, dass das Oberhaupt der Katholiken für die Würde der Religionen eintritt und Herabwürdigungen deshalb nicht gutheißen kann. Aber jede persönliche Betroffenheit, wie sie im Beispiel der Beleidigung der eigenen Mutter ausgedrückt wird, zeugt von einer persönlichen Identifikation, die schon an anderer Stelle genauer beleuchtet wurde. Nicht einmal das Oberhaupt einer Kirche muss in der Weise mit der eigenen Institution identifiziert sein, dass eine Kritik an ihr zu einer persönlichen Verletzung führt. Wenn die Unterscheidung zwischen der Institution und der eigenen Person klar ist, kann die Reaktion auf eine Grenzüberschreitung flexibler und menschenwürdiger ausfallen, als sie ein Faustschlag darstellt. 


Die Selbstverständlichkeit des Glaubens


Glaube und Religion haben im Westen die Aufklärung durchlaufen oder durchlitten, je nachdem. Durch diese Geistesströmung, die auch eine Weiterentwicklung des Bewusstseins mit sich brachte, hat sich der Anspruch der Religionen auf alleinige oder letztgültige Welt- und Daseinserklärung relativiert. Andere Instanzen wie z.B. die Wissenschaften sind als Konkurrenten aufgetaucht. Die Glaubensinhalte und Glaubensgemeinschaften haben in den nach-aufklärerischen Gesellschaften ihre Selbstverständlichkeit verloren. Sie mussten sich von geschlossenen zu offenen Systemen weiterentwickeln. Auf diesem neu gewonnenen Boden der Grundfreiheiten gedieh auch eine neue Form der radikalen Religionskritik, wie sie z.B. im 19. Jahrhundert bei Feuerbach, Marx und Nietzsche nachgelesen werden kann. Die pluralistische Welt der Moderne ist gekennzeichnet durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Sinnangebote, die sich gegeneinander durch kritische Auseinandersetzung abgrenzen.

Die Kirchen mussten ihren Platz in der Gesellschaft neu definieren. Wie schon ausgeführt, konnten sie in der „Verletzung religiöser Gefühle“ als strafrechtlichem Tatbestand in einigen Staaten eine Sonderstellung aus der vormodernen Epoche herüberretten.

Die Länder des nahen, mittleren und fernen Ostens sowie Nordafrikas, also die Länder, in denen der Islam vorherrscht, haben die Geistesströmung der Aufklärung nur ansatzweise und oft kontrovers durchlaufen. Aufklärung wurde in vielen Fällen mit Kolonialismus zusammengebracht und deshalb abgelehnt. Die große Mehrheit der dortigen Gesellschaften ist von der voraufklärerischen Einstellung zur Religion gekennzeichnet: Religion ist ein selbstverständlicher unhinterfragbarer Teil des Lebens. Die Inhalte des Glaubens gelten selbstverständlich. Wer sie in Frage stellt, stellt sich außerhalb der Selbstverständlichkeiten und muss deshalb ausgegrenzt werden. Wer die Selbstverständlichkeiten von außen kritisiert, muss zum Schweigen gebracht werden.

Im Interview des Papstes kommt diese Selbstverständlichkeit ebenfalls vor: Die Mutter muss in jedem Fall vor Beleidigung geschützt werden. Das vierte Gebot schreibt vor, Vater und Mutter zu ehren, also in ihrer Würde zu achten. So wie dieses Gebot ganz grundsätzlich gilt (es sorgt ja dafür, dass es uns „wohlergehe auf Erden“), gilt auch die Einstellung Gott gegenüber grundsätzlich, wie sie in den ersten drei Geboten angeordnet wird. Es geht dabei nicht um den Inhalt: Kinder sollen ihre Eltern ehren und würdigen.

Die Form der absoluten Geltung ist das aus der nach-aufklärerischen Sicht problematische: Schon was die Eltern anbetrifft, sagen Kinder, die auf eine Geschichte von Missbrauch und Vernachlässigung zurückblicken, dass sie keinen Grund sehen, ihre Eltern zu ehren. Diesen Menschen ergeht es nicht wohl, weil sie von ihren Eltern nicht geehrt wurden, und nicht, weil es ihnen an Wertschätzung für sie gemangelt hätte. Wir können verstehen und nachvollziehen, dass nur Eltern die Ehre verdienen, die auch Ehre geben können.

Wir können deshalb aus der modernen Sicht den Respekt der Kinder ihren Eltern gegenüber nicht einfordern oder als unverrückbare Notwendigkeit darstellen. Vielmehr sehen wir, dass dieser Respekt ganz von selber entsteht, wenn die Eltern den Kindern geben, was diese zum Aufwachsen benötigen, und dass er dann nicht gedeihen kann, wenn die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, den Kindern die Eltern schuldig bleiben.

Die Gleichsetzung der Würdigung der Mutter mit der Würdigung der Religion fußt offensichtlich auf dieser Selbstverständlichkeit der Geltung. So wie die Mutter geehrt und vor Beleidigung geschützt werden muss, so muss die Religion gegen entehrende Angriffe verteidigt werden. Beides kann das nach-aufklärerische Denken nicht mehr als Selbstverständlichkeit hinnehmen, sondern als Maxime, die in jedem Fall überprüft werden muss und aus unterschiedlichen Blickpunkten unterschiedlich bewertet werden kann.


In Kommunikation bleiben


Dann können die Brücken der Kommunikation und des Dialogs aufrecht bleiben. Der, der sich beleidigt fühlt, kann mit der Person, die das ausgelöst hat, in Kontakt und im Austausch bleiben. Auf diese Weise entsteht ein Verständnis, das es dem Kritiker ermöglicht, das Objekt der Kritik mehrdimensionaler und offener wahrzunehmen. Der Kritisierte vermag, differenzierter mit der Kritik umzugehen und für sich zu entscheiden, was an der Kritik berechtigt und deshalb hilfreich und was an ihr unfair ist oder aus Missverständnissen oder Vorurteilen stammt. So kann eine Geschichte nach dem Muster: Beleidigung gefolgt von gewalttätiger Reaktion zu einer Geschichte des Lernens und Reifens für alle Beteiligte werden. Wo sich Lernfelder öffnen, wird die Welt weiter und vielfältiger, wo Gewalt angewendet wird, wird sie enger und düsterer.


Vgl. Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle 
Die Freiheit der Kunst und religiöse Gefühle 
Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen? 
Religiöse Gefühle versus Meinungsfreiheit