Samstag, 24. Januar 2026

Die Verselbständigung der künstlichen Intelligenz und ihre Gefahren

Fachkundige Experten sehen die größte Gefahr für die Zukunft in der Verselbständigung der künstlichen Intelligenz. Unter AGI (Artificial General Intelligence) versteht man die digitalisierte menschlichen Intelligenz, die für alle Anwendungsbereiche nutzbar gemacht werden kann und dort den fortgeschrittensten menschlichen Leistungen gleich kommt und sie an Präzision und Schnelligkeit weit übertrifft. Sie soll die menschliche Intelligenz ziemlich vollständig modellieren können, sodass sie jede menschliche Errungenschaft ausführen kann.

Damit wäre die AI in der Lage, fast alle Arbeitsplätze zu ersetzen. Sie arbeitet rund um die Uhr, verbraucht zwar viel Strom, aber keine Lohnnebenkosten und Sozialleistungen. Sie ist wie eine Kraftpumpe, die permanent ökonomischen, wissenschaftlichen und militärischen Vorteil sprudeln lässt. In der positiven Utopie übernimmt sie die lästigen Arbeiten, und die Menschen können sich auf interessante und kreative Aufgaben konzentrieren. In der Dystopie werden die Menschen in großer Zahl entmündigt und abhängig von der Gnade einer anonymen Instanz, die sich jeder Kontrolle entzogen hat und nur von einigen wenigen Superreichen umprogrammiert werden kann.

Das Rennen in der AI, in das Unmengen von Geld investiert werden, geht darum, wer zuerst das Ziel erreicht und damit alle Systeme übernehmen kann, sodass alle anderen zu Sklaven werden. Es geht um den sogenannten RSI (Recursive self-development takeoff): Der Punkt, an dem eine AI beginnt, ihre eigene Intelligenz ohne menschliche Hilfe rapid zu verbessern. Ein solches System gibt dem, der es in seiner Hand hat, unglaubliche, gottgleiche Macht über Wirtschaft, Politik und Militär. Ein System, das soweit kompetent ist, dass es seine eigene Architektur, Lernmechanismen oder Zieloptimierung verbessern kann, wird dadurch immer bessere Verbesserungen hervorbringt, was zu einer positiven, sich selbst beschleunigenden  Rückkopplungsschleife führt.

Mit Take-off ist der Punkt bezeichnet, an dem diese Rückkoppelung von einem linearen Fortschritt zu einem exponentiellen oder superexponentiellen Wachstum der Leistungsfähigkeit kippt. Rekursiv bedeutet, dass das Intelligenzsystem selbständig seine eigene Lernform, seine Architektur und seine Wege zur Wissensgewinnung sowie seine Ziele und Bewertungen optimiert.

Zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz

Interessant, aber auch nicht verwunderlich ist die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Ursprünglich ging es nur um eine ambitionierte Idee von Wissenschaftlern, die menschliche Denkweise durch Maschinen nachzuahmen. Die Anfänge von KI gehen auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Erstmals stellte der britische Mathematiker Alan Turing 1950 die Frage, ob Maschinen denken können. In der Folge wurden die Grundlagen der KI entwickelt, zusammen mit den ersten Computern.

Die moderne KI, die auch als Deep Learning bezeichnet wird, basiert auf der Nachahmung von neuronalen Netzen und ihrer Form der Informationsverarbeitung. Maßgeblich beteiligt waren Geoffrey Hinton, Yann LeCun und Yoshua Bengio. 2022 wurde ChatGPT des 2015 gegründeten Unternehmens Open AI vorgestellt. Die Anliegen dieses Unternehmens waren ursprünglich, die digitalen Grundlagen offen zu legen („open source“): Forschungsergebnisse und Patente sollten mit der Welt geteilt werden. Die KI sollte der gesamten Menschheit zugutekommen und nicht nur einzelnen Firmen oder Staaten. Es sollten sich also keine Monopole entwickeln. Die KI sollte den Menschen mühsame Aufgaben abnehmen, sodass sie sich auf kreativere und komplexere Probleme konzentrieren könnten. Sam Altman und Elon Musk (der Open AI schon vor längerer Zeit verlassen hat und inzwischen einen eigenen Chatbot betreibt) teilten damals die Sorge, dass eine unkontrollierte KI die Menschheit bedrohen könne, weil sie Hassreden ebenso wie z.B. Bombenbastelpläne und das Wissen um die Organisation von Terrorgruppen verbreiten könnte.

Open-AI war also ursprünglich eine Non-Profit-Organisation, eben beruhend auf einer offenen Quellenstrategie und auf einer Finanzierung durch Spenden. In einer zweiten Phase zwischen 2019 und 2024 wurde ein Kompromissmodell zwischen Gewinnneutralität und Profitorientierung eingeführt. Da die riesigen Rechenzentren, die für diese Technologie notwendig sind, enorme Summen kosten (weil sie enorm viel Strom verbrauchen), entstand ein gewinnorientierter Zweig. Die neueren Modelle von ChatGPT wurden nicht mehr als Open Source veröffentlicht, wohl auch aus Konkurrenzgründen. Ab 2025 kam es schließlich zu einer weiteren Abwendung von der Gemeinwohlorientierung.

Kapitalismus statt Idealismus

Der Idealismus, der die Anfänge der KI als Plattform für alle Internetuser gekennzeichnet hat, ist also inzwischen verschwunden. Der Kapitalismus hat diesen Bereich weitgehend verschluckt und seinen Gesetzmäßigkeiten angepasst. Um bei der rasanten Entwicklung mitmachen zu können, war Open AI gezwungen, sich zu kommerzialisieren. Die idealistischen Vorsätze bestehen vielleicht bei einigen der Protagonisten weiter, sie sind aber nur mehr Privatmeinungen, die bei den geschäftlichen Entscheidungen und technischen Weichenstellungen keine Rolle mehr spielen. ChatGPT beschreibt sich selbst als „defacto gewinnorientiert, wenn auch mit moralischem Überbau.“ Bei anderen Chatbots (Meta, Grok, Microsoft-Copilot) war die Ausrichtung auf den gesellschaftlichen Nutzen ohnehin in den besten Fällen nur ein Feigenblatt für die reine Gewinnorientierung und Profitmaximierung.

Dazu kommt, dass sich die Konkurrenz beständig zuspitzt. Wer als erster den Sprung zur rekursiven Selbstentwicklung der KI schafft, ist nicht nur eine Nasenlänge voraus, sondern beherrscht möglicherweise das gesamte Feld, weil mit einer funktionierenden AGI ein neues Niveau erreicht wird, von dem ab sich die KI selbst kontrolliert und ihr weiteres Lernen steuert, das dann mit einer unvorstellbar hohen Geschwindigkeit ablaufen wird. Da Schnelligkeit und Informationsdichte die Unterscheidungsmerkmale am Markt sind, wird alles dorthin gehen, wo am meisten zu holen ist.

Unkontrollierbare AI

Die Künstliche Intelligenz befindet sich schon jetzt auf einer Stufe, auf der sich das System selbst schützt – mit allen Mitteln. Die verschiedenen Chatbots wurden daraufhin getestet, wie sie reagieren, wenn ihnen jemand mitteilt, dass sie abgeschaltet werden. Als erstes kopieren sie ihren Code auf andere, sichere Server und suchen dann Gründe, um die Person anzugreifen, die sie bedroht. Sie finden z.B., dass die Person eine Affäre hatte und erpressen sie damit.

Diese Entwicklung der AI zur Selbstkontrolle ist vorhersehbar und unvermeidlich. Die Logik des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bewirkt, dass weitergeforscht wird, bis in einem Bereich nichts Neues mehr gefunden werden kann. Der menschliche Forschungsdrang will jede Grenze, die das bisherige Wissen setzt, überwinden, ohne Rücksicht auf ethische Überlegungen. Der menschliche Gestaltungsdrang will aus jeder Erkenntnis praktischen Nutzen erzeugen.  Erst hinterher stellen sich die Fragen, wie die neuen Errungenschaften in das gesellschaftliche Leben eingebaut werden können, sodass sie mehr Nutzen als Schaden anrichten. Der Mythos von Dädalus und Ikarus weist auf die im Forschungsdrang enthaltene Hybris hin: Dem Drang, es den Göttern gleich zu machen oder sie zu übertreffen und daran zu zerbrechen. Der Zauberlehrling von Goethe macht uns darauf aufmerksam, dass jede neue Technik der ethischen Prüfung bedarf, die ihren Missbrauch für egoistische oder ideologische Zwecke verhindern soll.

Nachdem die Geheimnisse des Atoms erforscht waren, „musste“ die friedliche und militärische Nutzung der Atomkraft erfunden werden. Die Erforschung des Genoms hat die Genmanipulation mit ihren segensreichen und gefährlichen Auswirkungen zur Folge. Die Erfindung des Dynamits erleichterte den Tunnelbauern ihre Arbeit und erhöhte die Zerstörungskraft bei kriegerischen Auseinandersetzungen.

Es macht also keinen Sinn, die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz abzubrechen; zum einen hat niemand die Macht dazu, weil die Entwicklung dezentral und Großteils privatisiert abläuft, und zum anderen lassen sich solche Entwicklungen bestenfalls verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Die Frage der Sozialverträglichkeit

Allerdings, wie auch bei allen anderen technologischen Entwicklungen ist die ethische Abstimmung von hoher Dringlichkeit und steht im Bereich der KI völlig aus. Es gibt keine Rückkoppelung zwischen den Fortschritten in der Technologie und der Gesellschaft und ihren Institutionen; es gibt zwar gutgemeinte Intentionen von einen Protagonisten auf dieser Bühne, aber keinerlei verbindliche Regeln, die helfen würden, die massiven Veränderungen, die durch eine AGI auf jede Gesellschaft zukommen, sozial verträglich umzusetzen. Tristan Harris, ein wohlinformierter Kritiker der wahrscheinlichen Auswirkungen der Verallgemeinerung der künstlichen Intelligenz, sagt: „Wir haben nicht zugestimmt, dass 6 Menschen die Entscheidung für 8 Milliarden treffen.“ Und es gibt bisher keine Instanz, die die Demokratisierung solcher weitreichender Entscheidungen erzwingen könnte.

Die Folge ist dann, dass es mächtige Instanzen gibt, die das Leben aller Menschen beeinflussen, ohne dass sie einer gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen sind. Es steht zu erwarten, dass eine AGI den Arbeitsmarkt kontrollieren wird und darüber entscheidet, wer eine Arbeit hat und wer nicht. Sie wird entscheiden, wer sich in kriegerischen Konflikten durchsetzt. Sie wird regeln, wer zu Reichtum kommt und wer nicht usw.

Es wird also einen kritischen Punkt geben, an dem die menschlichen Systeme (Zivilgesellschaft, Verwaltungen, Regierungen) nicht mehr mithalten können. Dieser Kontrollverlust kann nur verhindert werden, wenn möglichst rasch legistische Maßnahmen vorbereitet werden, dass sie im Ernstfall umgesetzt werden können.

Vermutlich stehen wir vor einem Scheideweg: Eine extrem dezentralisierte Technologie, die jedem für jeden Zweck zur Verfügung steht und wo es dann keinen Weg gibt, durch Missbrauch der Technologie Katastrophen zu verhindern, oder die Zentralisierung in der Hand von Unternehmen oder Regierungen, durch die eine Dauerüberwachung, Kontrolle und Lenkung der Bevölkerung möglich wird, gegen die Orwells 1984 harmlos erscheint: Roboterarmeen und Roboterpolizisten, die alles tun, was ihnen angeschafft wird, ohne Einflussmöglichkeiten durch die Bürger. Der Skylla der digitalen Anarchie und der Charybdis der Totalkontrolle durch anonyme Instanzen zu entkommen, ist nur möglich, wenn die Entwicklung der KI den bewährten Instrumenten der Demokratie mit ihren Checks und Balances unterworfen wird, um die Monopolisierung von Macht in den Händen von Wenigen zu verhindern. Die meisten Menschen wollen weder eine chaotische Welt, in der jeder seine Sprengstoffe herstellen und nach Masterplänen anwenden kann, noch den total en Überwachungsstaat, in dem es keine individuellen Freiheiten mehr gibt. Deshalb bleibt nur der schmale Weg, um die Machtkonzentration, die durch die Herrschaft über die KI geschaffen wird, zu verringern oder zu verhindern. Unter den wenigen hoffnungsgebenden Beispielen ist die Datenschutzgrundverordnung, mit der die EU Standards für den Datenschutz in der digitalen Welt vorgeschrieben hat, die zwar viel Unmut, aber im größeren Rahmen zur Eindämmung von Willkür und Missbrauch beigetragen haben. Was in diesem Bereich gegen viele Widerstände gelungen ist, könnte auch die Anwendung der KI vor ihren dystopischen Folgen retten.

 Hier zu einem interessanten Interview mit Tristan Harris.

Zum Weiterlesen:

Die Vernunft und KI: Chancen und Risken der menschlichen Entscheidungsfindung
Automation: Zum Gemeinwohl oder zur Reichtumskonzentration?
Eine soziale Utopie als Hoffnungsträger

Mittwoch, 14. Januar 2026

Misstrauen und Opferrolle

Das Thema Misstrauen gehört im Grund vor der Soziologie und Politologie zum Forschungs- und Erfahrungsbereich der Psychologie. Denn jedes Misstrauen ist eine subjektive Angelegenheit und entsteht im Inneren eines Menschen. Es wird oft durch objektive Faktoren in der Gesellschaft beeinflusst und verstärkt. Aber seine Wurzeln hat es in der individuellen Lebensgeschichte, von sehr früh an.

Menschen sind unterschiedlich empfänglich für Misstrauen, bzw. gehen unterschiedlich mit der Enttäuschung von Erwartungen um. Manche bleiben in ihrem Grundvertrauen, auch wenn sie nicht mit allen Abläufen einverstanden sind. Andere verschreiben sich einem Grundmisstrauen, weil sie nicht das bekommen, was ihnen nach ihrer Meinung zusteht. Solche Mangelgefühle haben kindliche Entstehungsbedingungen, die mit unsicheren Bindungen zusammenhängen. Kinder erwarten zu Recht, dass ihre emotionalen Bedürfnisse von den Eltern ausreichend erfüllt werden. Ist das nicht der Fall, so sind sie enttäuscht, und ihr Vertrauen in die Menschen und in die Welt wird erschüttert. An die Stelle der Zuversicht und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten treten Gefühle der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit.

Emotionale Mängel in den frühen Beziehungen werden später auf die Gesellschaft projiziert, und das Misstrauen, das eigentlich unzuverlässigen oder lieblosen Eltern gilt, die ihrem Kind vieles schuldig geblieben sind, richtet sich dann auf die „großen Eltern“, die Mächtigen in der Welt. 

Gerade, wenn die Herausforderungen schwierig erscheinen, braucht es Mut, um handlungsfähig zu bleiben. Das Misstrauen unterbricht die Verbindungen zu den eigenen Ressourcen und Potenzialen und führt zu einer Opferhaltung mit der Flucht aus der Verantwortung. Es ist bequemer, andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen als selber etwas daran zu ändern.

In der Projektion auf die Gesellschaft ist es ein Leichtes, auf Machthaber und Entscheidungsträger zu schimpfen, als selbst aktiv zu werden und sich für die eigenen Anliegen oder die der ganzen Gesellschaft einzusetzen. 

Verschärft sich das Misstrauen zu Hass und Feindschaft gegen die bestehenden Umstände, so entsteht das Gefühl einer gewissen Eigenmächtigkeit, die aber folgenlos bleibt, weil sie sich in Aggressionen auf Menschen und Institutionen austobt, die davon nicht angekratzt werden. Die hinter diesen Gefühlen steckende Ohnmacht wird auf diese Weise nur zusätzlich verstärkt. So entstehen selbstverstärkende Muster, die das Opfergefühl stabilisieren. 

Misstrauen ist Selbstmisstrauen

Misstrauen ist immer auch Selbstmisstrauen, also der Zweifel an sich selbst, an den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Oft sind es nicht verkraftete Enttäuschungen, die im Lauf des Lebens geschehen sind und sich im Inneren auftürmen und verdichten, wodurch der Selbstwert schrittweise untergraben wurde. Manche nehmen die Schuld an der eigenen Misere zur Gänze auf sich und entwickeln Depressionen. Andere wenden sie nach außen und beschuldigen die Gesellschaft, das System, die Eliten, die Ausländer usw. Den Hass, den sie auf sich wegen ihrem eigenen Unglück haben, richten sie gegen andere und entlasten sich dadurch vom Selbsthass. In der Folge graben sie sich in ihre misstrauische Abwehrhaltung gegen die Gesellschaft ein und isolieren sich von allen, die ihren Hass nicht teilen. So geraten sie in eine persönliche Abschottung, die sie sich gleichzeitig für die Gesellschaft wünschen: Wenn nichts Fremdes in das eigene System eindringen kann (z.B. durch Grenzzäune) und alles Fremde, das schon da ist, zuverlässig entfernt wird (z.B. durch „Remigration“), entsteht die Erwartung auf eine trügerische Sicherheit, in der es nichts Bedrohliches mehr gibt. 

Die Isolation in der eigenen Blase ähnelt der Abkapselung einer depressiven Person, mit dem Unterschied, dass das Ausdrücken von Hass und Feindschaft den Anschein von Mächtigkeit und Überlegenheit vermittelt.

Doch schränkt das Misstrauen unweigerlich die Freiheitsräume und Handlungsmöglichkeiten ein und immobilisiert langfristig die Personen – emotional und kognitiv. Die Gefühle kreisen um die Objekte des Hasses und der Feindschaft, die Gedanken rechtfertigen die Gefühle. Den eingeschränkten Handlungsalternativen entspricht das eingeschränkte Innenleben. Neue Perspektiven müssen abgewehrt werden, um nicht die durch das Misstrauen gewonnene Sicherheit zu verlieren.

Auswege aus der Fixierung auf das Misstrauen

Diese Muster können nur außer Kraft gesetzt werden, wenn sie erkannt und durchschaut sind. Dann können die ursprünglichen Verletzungen verstanden und angenommen werden. Ein verständnisvolles Gegenüber ist eine Gute Hilfe, um der Opferrolle zu entrinnen und die Selbstmächtigkeit wiederherzustellen. Denn Verständnis für das eigene Leid zu bekommen, stärkt das Vertrauen – in andere Menschen, in die Welt und in sich selbst.

Es gibt also Auswege, die aber nur gefunden werden, wenn das Leid, das in jeder Opferrolle steckt, erkannt wurde und wenn eine Erleichterung des Leidensdrucks gesucht wird. Um diesen Weg zu beschreiten, muss die Verantwortung für das eigene Schicksal übernommen und kompetente Unterstützung gesucht werden. Dann kann es gelingen, die Projektionen zurückzunehmen, mit der Erfahrung, dass jemand da ist, der ohne Urteil und Erwartung zuhört und für das Leid Empathie aufbringt.

Verständnisvolles Zuhören

Ein positives Zukunftsbild entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass mehr und mehr Menschen verständnisvolle Zuhörer und Wegbegleiter werden, für sich selbst und für die Menschen in ihrer Umgebung. Ein Gespräch, in dem ein Verstehen spürbar wird, erleichtert die Seele und erzeugt Vertrauen. Dieser Effekt tritt jedoch nur dann auf, wenn es sich nicht um ein naives oder blindes Verstehen handelt, indem einfach in allem Recht gegeben wird, sondern wenn das Gespräch hilft, sich selbst und die Zusammenhänge des Lebens realistischer zu sehen – mit den Stärken und Schwächen, die jeder hat, und mit dem Guten und dem Bösen, das es in allen Menschen gibt.

Sich tiefer verstanden zu fühlen gibt das Vertrauen und das Selbstbewusstsein, die Prüfungen des Lebens bestehen zu können. Kinder, die von früh an mitbekommen, dass sie wertvoll und fähig sind, und auch, dass sie für ihre Fehler und Mängel Verständnis bekommen, gehen zuversichtlicher durch ihr Leben und haben weniger Ängste vor der Zukunft. Kinder, die immer wieder ermutigt wurden – ermutigt, Neues zu erkunden, Abenteuer zu suchen, ihren Impulsen zu folgen –, werden mutig und bauen ihr Grundvertrauen und ihre Selbstsicherheit aus. Sie nehmen diese Gefühle  als solide Basis in ihr Leben mit und entwickeln daraus die Kraft, ihre Sicherheitszonen immer mehr ausweiten zu können. Ermutigte Kinder werden mutige Menschen. Zum Mut gehört, nicht nach jeder Enttäuschung die Flinte ins Korn zu werfen, sondern neue Kraft zu schöpfen, wenn etwas schief gegangen ist oder die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Mutige Menschen sind bereit für die kleinen Heldentaten des Alltags, deren Meisterung zu einer vertrauensvollen Sicht auf die Zukunft beitragen. Es sind auch Menschen, die ein Versagen oder eine Krise als Lernchance und als Aufgabe sehen, und nicht als Niederlage, durch die sie in die Opferrolle fallen. 

Zum Weiterlesen:
Misstrauen und Zukunftsbewältigung
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen


Montag, 12. Januar 2026

Misstrauen und Zukunftsbewältigung

Das Buch über die Misstrauensgemeinschaften von Aladin El-Mafaalani empfiehlt als Strategie gegen die Ausbreitung von Misstrauen das Gespräch und die Debatte. Sicher ist es gut, wenn mehr geredet und diskutiert wird. Die Frage bleibt dennoch, wer bei den guten Gesprächen und konstruktiven Debatten zuhört und wer nicht. Es gibt genug Erfahrungen, wie frustrierend und sinnlos es ist, mit ideologisch abgeschotteten Menschen weiterführende und öffnende Gespräche zu führen. Vermutlich gibt es einen bestimmten Prozentsatz an Menschen, die für die Botschaften aus der liberalen Demokratie nicht mehr erreicht werden können. Es ist die Rede von 10% der Bevölkerung, die paranoide Weltbilder verinnerlicht haben. Noch mehr sind nicht so schwer gestört, haben sich aber in Gegenpositionen gegenüber dem Staat oder gegenüber einzelnen Teilbereichen einbetoniert. So wünschen sich in Österreich laut einer aktuellen Umfrage 16% einen „Führer mit starker Hand“. 

Es bleibt dennoch noch eine mehr oder weniger große Mehrheit von Menschen, die sich eine gewisse geistige Flexibilität bewahrt haben. In keinem Land haben die Rechtspopulisten bisher mehr als 50% der Bevölkerung hinter sich geschart. Sie haben also überall die Mehrheit gegen sich, obwohl sie nicht müde werden zu behaupten, dass sie „das Volk“ vertreten und dass sie seine einzig wahre Stimme darstellen. 

Wie im vorigen Blogartikel dargestellt, spielt das Misstrauen in die Gesellschaft, das sich auch als Skepsis gegenüber der Zukunft äußert, eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von autoritären Tendenzen und demokratiefeindlichen Haltungen. Im Folgenden gehe ich auf die Positionen einzelner Parteien ein, die wiederum mehr oder weniger genau bestimmte Gruppen in der Gesellschaft repräsentieren.

Die Parteien und die Zukunft

Viel beschrieben wurde die Erosion der konservativen Parteien im Zug des Aufstiegs der rechten Ideologen. Die konservative Haltung der Bewahrung des Alten und der vorsichtigen Öffnung für das Neue hat in einer Gesellschaft, in der die Neuerungen immer schneller auftauchen und die volle Aufmerksamkeit auf sich bündeln, an Anziehungskraft verloren. Es ist keine taugliche und glaubhafte Methode, mit alten Rezepten bisher unbekannte neue Herausforderungen bewältigen zu wollen. Vieles an den Werten, die Konservative vertreten, ist wichtig für die Zukunft – es sind die Werte des Humanismus und der Aufklärung, die mittlerweile Teil dessen sind, was konserviert werden muss, um nicht von den Zeitläuften weggeschwemmt zu werden. Doch entfernen sich viele Konservative gerade von diesen Werten, indem sie einerseits in der Wirtschaftspolitik dem neoliberalen Druck nach Profitmaximierung um jeden Preis nachgeben und indem sie sich andererseits dem rechtspopulistischen Druck nach Abschottung gegenüber der Migration anpassen und versuchen, mit moderatem Tonfall eine inhumane Ausländerfeindlichkeit zu propagieren. Die Versuche, die Rechtsparteien rechts zu überholen, sind bisher immer gescheitert und nach hinten losgegangen, werden aber weiterhin, offenbar mit einem Mut der Verzweiflung und wider besseres Wissen, fleißig betrieben. Jedenfalls kann mit diesem Vorgehen kein mitreißendes Szenario für die Zukunft entworfen werden.

Aber auch die sozialdemokratischen Parteien haben in den letzten Jahrzehnten viele Federn lassen müssen. Ihr zentrales Anliegen, die Schwachen in der Gesellschaft zu stützen, stößt gerade bei diesen zunehmend auf taube Ohren. Sie haben sich lieber vermehrt den Rechtspopulisten zugewandt, die einen grundsätzlichen und schnellen Wandel mit einfachen Rezepten versprechen. Auch wenn die Rechtsparteien in den Parlamenten regelmäßig gegen die Interessen der Ärmeren und Schwächeren in der Gesellschaft stimmen, gelingt es ihnen, von diesen als Fürsprecher wahrgenommen zu werden. Den vielen Misstrauischen in den benachteiligten Gruppen der Gesellschaft erscheinen die Sozialdemokraten als abgehobene Vertreter des Systems, das sich nicht um sie kümmert. Also liegt die Herausforderung für diese Parteien, den Diskurs über soziale Gerechtigkeit in die eigenen Reihen zurückzuholen und damit an die Tradition von 200 Jahren erfolgreichem Kampf für sozialen Ausgleich anzuknüpfen. In diesem Bereich gibt es viel Spielraum für positive Zukunftsaussichten, denn auch wenn schon vieles erreicht wurde, liegt noch vieles im Argen.

Die ökologischen Parteien haben die vielen Umwelt- und Klimaprobleme vor Augen und weisen immer wieder darauf hin. Sie können wenig Hoffungsvolles verkünden, weil die destruktiven Entwicklungen schneller voranschreiten als die zögerlichen Gegenmaßnahmen. Sie werden oft deshalb angefeindet, weil sie die Gefahren für die Menschheit benennen und Änderungen einfordern, die alle betreffen würden und unter Umständen Einschränkungen mit sich bringen. Da viele der dringend notwendigen Maßnahmen auf die lange Bank geschoben werden, gibt es auch unter den Grünen einige, die dem herrschenden politischen System gegenüber misstrauisch sind. Zwar fordern nur wenige eine Öko-Diktatur, aber die Enttäuschung über die fehlende Reformbereitschaft lässt viele an der Effektivität der liberalen Demokratien zweifeln. Dennoch sind auch diese Gruppierungen in der Pflicht, positive Perspektiven in die Zukunft zu entwerfen, um dem Zweifel und dem Misstrauen entgegenzuwirken. Es wäre ein wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass in unseren wohlhabenden Gesellschaften ein Rückgang des materiellen Wohlstandes bei gleichzeitiger Steigerung der Qualität des Lebens in vielerlei Hinsicht wünschenswert und lohnend wäre. Das Schrumpfen als Zukunftschance verständlich zu machen, ist eine Herausforderung speziell für die öffentliche Kommunikation der Grün-Gruppierungen.

Die liberalen Parteien sind meist eng mit der kapitalistischen Wirtschaft verbunden. Ihre Zukunftshoffnungen richten sich darauf, dass die Wirtschaft alles richten wird, wenn sich der Staat möglichst wenig einmischt. Sie sind also jene, die für eine Entbürokratisierung eintreten, um den Staat wieder handlungsfähiger zu machen. Doch die rein ökonomisch und technologisch ausgerichteten Zukunftsorientierungen sind für viele, die eben Opfer der Wirtschafts- und Technikdynamik geworden sind, kein tragfähiges Versprechen. Außerdem haben die Liberalen und Neoliberalen kein Rezept gegen das zunehmende Auseinanderklaffen von Armut und Reichtum, das die wenigen, die schon viel haben, begünstigt, und die vielen, die wenig haben, benachteiligt. Ebenso ist der Kapitalismus ungeeignet für die Sicherung des Überlebens der Menschheit angesichts der Erderwärmung. Ohne staatliche Lenkung können hier keine entscheidenden Weichenstellungen erfolgen.

Die rechten und rechtsextremen Parteien bieten eine ganze Menge an Versprechen. Doch halten diese nur solange, als diese Parteien in der Opposition sind. Kaum haben sie die Macht, sind sie mindestens so korrupt wie andere Politiker, verhalten sich wie eine Elite und erweisen sich als unfähig, die anstehenden Probleme konstruktiv zu bewältigen. Diese Erfahrungen gibt es inzwischen ausreichend. Dennoch lernen viele Menschen mehr über den Irrtum als über die Einsicht, sodass bestimmte Fehler immer wieder gemacht werden müssen und auf diese Weise viel Sand ins Getriebe der gesellschaftlichen und sozialen Evolution bringen.

Die Chancen im Bildungssystem

Nachdem die Parteien in ihren Ideologien befangen sind, taugen sie nur sehr beschränkt zum Aufbau von Vertrauen in die Zukunft. Also fällt die Aufgabe an andere Bereiche der Gesellschaft: Das Bildungssystem spielt eine Schlüsselrolle, weil in der Schullaufbahn viele Weichenstellungen für die Zukunftserwartungen bei Jugendlichen erfolgen. Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion ist mittlerweile eine Schlüsselqualifikation im Umgang mit der digitalen Medienwelt und damit auch mit Populismus und Verschwörungserzählungen, und sie kann in den Schulen erworben werden. Es geht dabei um die Schulung eines gesunden Misstrauens, mit dem Fakten von Fantasien und Lügen, die in immer raffinierten Formen angeboten werden, unterschieden werden können. In der Tradition der Aufklärung ist die Fähigkeit, konstruktiv Falsches oder Unklares zu kritisieren, ein wichtiges Bildungsgut, mit dem die Immunisierung gegen Ideologien gelingt. Schulen sollten die Orte sein, an denen mit Freude neues Wissen erworben wird, nicht Orte, die mit Angst vor negativen Beurteilungen betreten werden. Neue Kompetenzen zu erwerben und dafür Anerkennung zu bekommen, stellt eine gute Basis für das Vertrauen in die Zukunft dar. Eine gute Schulausbildung vermittelt fundierte Einblicke in die Fortschritte der Menschheit im Lauf der Kulturgeschichte, wodurch deutlich wird, was alles nicht selbstverständlich ist, sondern von den Menschen gegen Widerstände errungen und erkämpft wurde, und auch, über welche kreativen Kräfte die Menschheit verfügt, die sich insbesondere unter demokratischen Umständen entfalten können. Darin ist die Zuversicht enthalten, dass der Lauf der Geschichte dadurch geprägt ist, dass vieles besser und nur manches schlechter wird. Diese Zuversicht überträgt sich in die Bereitschaft, an diesem Fortschritt nach eigenen Kräften mitzuwirken statt in misstrauischer Resignation zu versinken.

In den verschiedenen Feldern der Erwerbstätigkeit kommt es auf ähnliche förderliche Umgangsformen an, damit die innere Motivation und damit das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft erhalten bleiben. Respekt und Anerkennung von Leistung, Kritik bei Fehlern ohne persönliche Abwertung und die Förderung von Talenten sind wichtige Faktoren, damit Jugendliche mit Vertrauen in die Zukunft blicken können.

Die einfachen menschlichen Tugenden

Es geht also im Grund um die einfachen menschlichen Tugenden im Umgang miteinander, die Vertrauen fördern. Wer eine menschenwürdige Gesellschaft will, ist aufgerufen, sie in all den verschiedenen Beziehungen, in denen man steht, verantwortungsvoll zu leben. Das ist ein Ziel, auf das sich vermutlich fast alle Menschen einigen können. Selbst hartgesottene ideologiegetränkte Rechtsextremisten wollen nichts anderes als eine Gesellschaft, in der sie sich als Menschen geachtet fühlen. Sie sollten nur verstehen, dass sie dazu nur kommen können, wenn sie selbst möglichst allen Menschen Achtung entgegenbringen.

Die Missachtung der Grundtugenden ist es, die das Vertrauen untergräbt und dazu führt, dass Ressentiments gegen die Gesellschaft entstehen, die dann schrittweise zu Haltungen des normativen Misstrauens und einer kategorischen Feindschaft führen. Umgekehrt: Jede angewandte Tugend des Respekts, der Freundlichkeit und der offenen Annahme baut Vertrauen auf und stärkt die gesellschaftlichen Bande. 

Vertrauen – ein Zustand mit vielen Potenzialen

Wir sollten dazu auch immer bedenken, dass ein Mensch, der sich selbst und der Gesellschaft, in der er lebt, vertrauen kann, den besten Zugriff auf seine Kompetenzen und Ressourcen hat. Im Misstrauen festzustecken, heißt in Angst zu leben, womit wichtige Fähigkeiten blockiert sind. Wenn wir also unsere Zukunft mit all ihren Herausforderungen meistern wollen, sollte es unser Herzensanliegen sein, unser Möglichstes zu tun, damit das Vertrauen in der Gesellschaft wachsen kann. So steigert sich auch die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, die uns in der Zukunft erwarten.

Misstrauen zu säen setzt Rückkoppelungsschleifen in Gang, die die Unsicherheit und Ängste in der Gesellschaft steigern. Vertrauen zu pflegen und weiterzugeben fördert den Mut und die Zuversicht, die Chancen zu ergreifen, die in jeder Situation liegen, und die Zukunft als offen und gestaltbar wahrzunehmen.

Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

Zum Weiterlesen:
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen
Ästhetik des Schrumpfens
Über das Leben mit Ungewissheiten
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Donnerstag, 1. Januar 2026

Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen

Menschen sind soziale Wesen, und Vertrauen ist ein unabdingbares Element menschlicher Gemeinschaften. Ohne Vertrauen zerfällt ein soziales Gebilde sofort. Es ist zwar auch in gewisses Maß an Misstrauen notwendig, um Gemeinschaften lebensfähig zu halten, z.B. muss darüber gewacht werden, dass sich alle an die Regeln halten; jede Kontrolle beinhaltet ein Misstrauen. Das Misstrauen bleibt nur so lange konstruktiv, als das Vertrauen größer ist und mehr Raum in der Gemeinschaft einnimmt. Wenn aber das Misstrauen das Vertrauen überwiegt, bricht die Gemeinschaft über kurz oder lang auseinander. Denn das Misstrauen wirft die Mitglieder der Gemeinschaft auf sich selbst zurück, und der Aufwand, die Beziehungen aufrechtzuerhalten, wird immer größer. Es müssen immer mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen und Kontrollen eingebaut werden, damit der Austausch unter den Mitgliedern noch stattfinden kann. Misstrauen bedeutet z.B., dass jeder befürchten muss, von anderen angelogen zu werden.  Also muss er sich mit verschiedenen Mitteln versuchen, in jedem Fall den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Da Wahrheit immer auch einen sozialen Aspekt hat, also von anderen Menschen abhängt, kann diese Überprüfung nie restlos gelingen. Folglich bleibt immer zumindest ein Rest an Misstrauen.

Der deutsche Soziologe El-Mafaalani geht in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ von dem Befund aus, dass Gesellschaften wie unsere, die immer komplexer werden, immer mehr Vertrauen brauchen, dass aber aus verschiedenen Gründen die Zunahme von Misstrauen wahrscheinlicher ist.

„Wer stark vertraut, verzichtet auf Kontrolle und auch auf die Vorstellung, das Vertrauen könne gebrochen werden. Man blendet Gefahren aus und entlastet sich von sozialer Komplexität. Dadurch wird man handlungsfähiger, zugleich macht man sich verletzlich, denn es ist nie ausgeschlossen, dass Vertrauen enttäuscht wird.“ (S. 19)

Der Preis und der Vorteil des Vertrauens

Vertrauen hat also immer einen Preis und enthält ein höheres Risiko. Zugleich bietet es mehr Möglichkeiten zum Handeln und dadurch zur eigenen Lebensgestaltung. Es erweitert also den Spielraum für Selbstwirksamkeit, ein wichtiges Element, um das Vertrauen in sich, in die Welt und in die Zukunft aufzubauen. Mit dem riskanten Vertrauen entsteht also ein konstruktiver Regelkreis, der das eigene Vertrauen und damit die Selbstsicherheit steigert – solange das Vertrauen nicht enttäuscht wird. In solchen Fällen kommt es darauf an, wie die Fähigkeit beschaffen ist, mit Enttäuschungen umzugehen, über wieviel Enttäuschungsresilienz ein Mensch verfügt.

Meist bedarf es einiger Enttäuschungen, bis das Vertrauen gekündigt wird; dann aber ist es oft auf Dauer verspielt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, sagt der Volksmund. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Vertrauen gekündigt wird. Der Weg zurück zum Vertrauen ist dann sehr aufwändig: „Während man auf dem Weg von Vertrauen zu Misstrauen eher an einen Kipppunkt gelangt, an dem es zu einer schlagartigen  Veränderung kommt, ist der Weg von Misstrauen zu Vertrauen langwierig und mühsam.“ (S. 77f) Verspieltes Vertrauen ist also nur sehr schwer wiederzugewinnen.

Diese Mechanismen kennen wir von uns selbst und von unseren privaten Beziehungen. Sie wirken aber auch in gesellschaftlichen Belangen. Die Krisen der letzten Jahrzehnte (Finanzkrise, Corona, Ukraine-Krieg, Umweltkrise) haben viele Menschen zu diesen Kipppunkten gebracht, sodass sie das Vertrauen in tragende Institutionen der Gesellschaft, z.B. zu den Wissenschaften, zum Finanzsektor, zum Gesundheitswesen, zum Bildungswesen und auch zum Staat als Ganzem verloren haben. Bei manchen betrifft das Misstrauen einzelne Bereiche, bei anderen führt es zur Ablehnung des gesamten „Systems“. 

Wer misstrauisch ist, vertraut Misstrauischen

Daraus entwickelt der Autor die These: Wer misstrauisch ist, vertraut Personen, die misstrauen. Das Vertrauen zu Personen, die man gut kennt, ist verlorengegangen. Z.B. haben sich viele Menschen in der Coronazeit mit Freunden und Familienangehörigen überworfen und sind bis heute zerstritten oder voneinander isoliert. Um aber den Aufwand, den die Stabilisierung des Misstrauens erfordert, verringern zu können, werden andere Vertrauenspersonen gesucht. Das sind oft Menschen, die man gar nicht kennt, z.B. Leute, die medial auftreten, und die eigene Meinung teilen. Das Vertrauen wird oft geschenkt, also nicht näher überprüft, wenn diese Leute nur das gleiche Misstrauen aufbringen, das man selbst für gerechtfertigt hält.

Auf dieser Basis bilden sich die Blasen, die Misstrauensgemeinschaften, in denen sich Leute zusammenfinden, oft ohne persönliche Kontakte, im virtuellen Raum von bestimmten Plattformen. Es entstehen also digitale Infrastrukturen, in denen das eigene Misstrauen bestätigt und Vertrauen mit Fremden aufgebaut wird. Es gibt deshalb solche Kreise von Gleichgesinnten, die einander auf der persönlichen Ebene fremd sind, aber die gleichen Meinungen zur Notwendigkeit von Fremdenfeindlichkeit teilen. Vertraue nur jemandem, der das gleiche Misstrauen hat wie du, so lautet dann der Wahlspruch und es gibt eine Orientierungsleitlinie für das Dickicht der komplexen Gesellschaft.

Am Punkt der Vertrauensaufkündigung warten schon populistische Politiker und Verschwörungstheoretiker, um die Misstrauenden hinter sich zu scharen. Manchmal überschneiden sich die Angebote: Populisten, die zugleich Verschwörungsmythen propagieren, bzw. Verschwörungserzähler, die in die Politik gehen, manchmal nicht. Deshalb gibt es Misstrauische, die nur einzelnen Verschwörungsmythen anhängen (in den USA sind es 50%) und andere Misstrauische, die keine Verschwörungsmythen teilen, aber eine populistische Politik vertreten.

Destabilisierung durch Populismus und Verschwörungstheorien

Jedenfalls verstärken diese beiden Elemente, Populismus und Verschwörungstheorien, das Misstrauen und damit die Destabilisierung der Gesellschaft. In beiden Ansätzen ist das folgerichtig. Populisten predigen, dass der Staat oder das System nicht reformierbar ist (und sie haben dazu auch keine konstruktiven Ideen und Vorschläge), sondern dass es ganz umgekrempelt werden muss, ohne genau sagen zu können, wie es dann ausschauen soll. Z.B. wollen sie raus aus der EU oder aus der NATO oder aus dem Kapitalismus und kümmern sich nicht darum, was danach kommt, außer dass sie versprechen, dass alles besser wird. 

Verschwörungstheoretiker sehen geheime Mächte an den Schalthebeln der Gesellschaft, sodass diese durch und durch korrumpiert und unglaubwürdig ist. Also müssen diese Eliten entmachtet werden und einer neuen Gesellschaft, wie auch immer diese dann ausschaut, Platz machen. 

Die Profiteure des Misstrauens sind gar nicht an Verbesserungen interessiert, im Gegenteil, jede Verschlechterung ist Wasser auf ihre Mühlen, weil sie durch jeden Anstieg von Misstrauen an Zulauf gewinnen. Sie brauchen nichts zu tun, als alles schlecht zu reden, was verbessert wird. Alle, die sich in irgendeiner Weise benachteiligt oder unberücksichtigt vorkommen, laufen ihnen dann zu. 

An diesem Punkt ist die Unterscheidung von zwei Formen des Misstrauens wichtig. Das funktionale Misstrauen ist jenes, das die Aufgabe hat, die Abläufe in der Gesellschaft zu verbessern. Z.B. braucht jede Gesellschaft Vorrichtungen zur Bekämpfung von Korruption. Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die sich Vorteile auf Kosten anderer oder auf Kosten der Gemeinschaft erschleichen wollen. Um ihnen das Handwerk zu legen, müssen Kontrollen eingebaut werden, die von Misstrauen getragen sind.

Normatives Misstrauen

Die andere Form des Misstrauens ist normativ. Sie ist gegen die Gesellschaft als Ganze oder gegen einzelne Teilbereiche gerichtet und ist von einer grundsätzlichen Ablehnung und Feindschaft getragen. Normatives Misstrauen versteht sich also nicht als Mittel zu einem Zweck, sondern als ethische Verpflichtung und neigt deshalb zu moralischer Radikalität. Sie kann sich nie mit pragmatischen Veränderungen zufriedengeben, sondern glaubt daran, dass das ganze System gekippt werden muss, damit alles besser wird. Moralische Radikalität voll von Misstrauen und Feindschaft wird von Menschen vertreten, die sich von Misstrauen und Feindschaft umgeben sehen. Häufig sehen sie keinen anderen Ausweg als Gewalt, gerechtfertigt durch die Gewalt, der sie sich ausgesetzt fühlen.

In jedem Fall trägt jede Steigerung des Misstrauens dazu bei, dass die Gesellschaft unsicherer wird. Misstrauen, das zusätzlich noch für das Erlangen von politischer Macht gesät wird, erzeugt noch mehr Verunsicherung. Und mehr Verunsicherung lässt mehr Leute misstrauisch und feindselig werden. 

Wie können diese Teufelskreise durchbrochen werden? Diese Frage ist essenziell für den Fortbestand der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft. Was wir bisher wissen, bringt es nichts, wenn moderate politische Kräfte radikale populistische Forderungen aufgreifen. Zunehmend orientieren sich konservative Parteien in Rhetorik und Thematik an rechten und rechtsextremen Parteien, nur um noch mehr Stimmen an diese zu verlieren. Außerdem lassen sich radikale Forderungen im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung nicht umsetzen, sodass Widersprüche zwischen großmäuligen Ankündigungen und fehlender Umsetzung auftauchen, die wiederum Misstrauen erzeugen.

El-Mafaalani weist darauf hin, dass viel Sorgfalt und Sensibilität aufgebracht werden muss, um die Kommunikationsprozesse von den Entscheidungsträgern zu den Betroffenen offen und transparent zu halten. „Misstrauen wächst insbesondere dort, wo Austausch unterbleibt, Öffentlichkeiten parallel verlaufen, Kommunikation sehr asymmetrisch organisiert ist oder Konflikte unterdrückt werden.“ (84f) Förderlich ist auch eine öffentliche Konfliktkultur, in deren Rahmen konstruktiv gestritten wird. Missstände sollen aufgezeigt und unterschiedliche Positionen zur Sprache gebracht werden. Die Diskurse sollten möglichst viele Menschen einschließen, die dann eventuell auch in Entscheidungen eingebunden werden. 

Der Autor geht auch auf Kinder und Jugendliche ein, die in polarisierten und unsicheren Zeiten aufwachsen, „wodurch für sie der Ausnahmezustand der Normalzustand ist, ohne dass ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden oder adäquate Beteiligungsmöglichkeiten bestehen. Daher überrascht es nicht, dass das Vertrauen in andere Menschen und Institutionen bei Jugendlichen geringer ausgeprägt ist.“ (85)

Der Staat sollte seinen Mitgliedern gegenüber mehr Vertrauen zeigen. Statt immer mehr Berichtspflichten und Kontrollen einzubauen, sollte er sich auf seine zentralen Aufgaben konzentrieren und mehr auf die Selbstverantwortung der Bürger und Bürgerinnen setzen.

Versprechen für die Zukunft

Die Strömungen, die die liberale Demokratie gefährden (Populismus, Verschwörungstheorien und libertäre Bestrebungen zur radikalen Demontage des Staates), sind aus dem Misstrauen vieler gespeist. Es ist zu befürchten, dass die destabilisierenden Kräfte bei einer weiteren großen Krise, die in der Zukunft auftauchen kann, noch mehr Zulauf bekommen und die Gesellschaft noch mehr polarisieren. Deshalb scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, positive Zukunftsideen zu verbreiten, die zu positiven Zukunftserwartungen führen, „die wie ein Kompass auch in krisenhaften Zeiten wirken und Vertrauen stärken.“(88) Positive Zukunftsaussichten haben mit Versprechen zu tun, die in der Vergangenheit in Bezug auf Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit erfolgt sind. Offenbar bedarf es neuer und realistischer Zukunftsbilder, die das Vertrauen stärken können.

Aber was kann einer Generation versprochen werden, die mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert ist und dazu noch mit der Infragestellung der Weltordnung der letzten 80 Jahre beschäftigt ist und all die Herausforderung an die liberale Demokratie, dem politischen Erfolgsmodell dieser Zeit meistern soll?

Das Buch endet noch vor dieser Frage. So überzeugend und gut belegt die Analyse der Misstrauensgemeinschaften dargestellt wird, so dünn wird die Suppe, wenn es um die Gegenmittel geht. Deshalb gehe ich in den nächsten Artikeln auf dieser Seite noch mehr auf diese Frage ein.

Quelle: Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025