Montag, 20. März 2017

Die Typenwahl im Enneagramm

Wie wird man zu einem Enneagramm-Typen?

Das Enneagramm geht davon aus, dass jeder Mensch eindeutig einem der neun Typen zugeordnet werden kann, bzw. sich selber zuordnen kann. Das unterscheidet dieses Modell von anderen Persönlichkeitsmodellen, bei denen es auch Misch- oder Zwischentypen gibt. Der Vorteil liegt darin, dass das Festgelegtsein auf einen Typus das Ausweichen vor den eigenen Aufgaben, aber auch Stärken erschwert. Wer den eigenen Enneagrammtypen kennt, weiß ziemlich genau, in welche Richtung die Innenarbeit gehen muss, wo die Schwächen liegen und wie die Schattenbereiche aufgearbeitet werden sollen.

Häufig bedarf es einiger Zeit der Beschäftigung mit dem Modell, bis uns der eigene Typ so klar ist, dass wir keine Zweifel mehr haben. Dann können wir uns immer darauf beziehen, wenn wir im Leben auf problematische Situationen stoßen, in denen uns ein musterhaftes Reaktionsverhalten deutlich wird und wir die Richtung suchen, in der wir es verändern und auflösen können.

Wie aber erwerben wir gerade diesen und nicht einen anderen Typ? Sind es Lebensereignisse, die prägend wirken, sodass wir ab dann für immer auf den Typ festgelegt sind, haben die Eltern etwas damit zu tun oder gibt es irgend eine äußere Instanz, die den Typ zuordnet?

Bei den meisten Autoren wird das Enneagramm so verstanden, dass der Typ von Anfang an festliegt. Wenn wir diese Auffassung des Enneagramms ernstnehmen, kann es nur eine Antwort auf diese Frage geben, nämlich die, dass es keine Antwort gibt. Das Modell findet seine Anwendung auf eine bestimmte Person und trifft auf den gesamten Lauf ihres Lebens, von der Zeugung bis zum Tod zu. Der Enneagramm-Typ bildet ein bestimmtes Schwergewicht im Leben jedes Menschen, das wir für unsere Innen- und Außenorientierung nutzen können. 

Gäbe es bestimmte Bedingungen, die einen Typ festlegen, wie z.B. Konstellationen bei der Empfängnis oder bei anderen frühen Entwicklungsereignissen, dann müsste es neun davon geben, die dann den Typen zugeordnet werden könnten. Und es würde sich die Frage stellen, warum gerade welche dieser Entwicklungsereignisse für eine bestimmte Person prägend und für andere nicht bedeutsam sind.


Das pränatale Enneagramm


Es gibt den interessanten Versuch, die Enneagramm-Typen bestimmten pränatalen Erfahrungssituationen zuzuordnen:
Hier einmal das Modell, das Clarence Dowling und Dirk Leinweber aus der Sicht der Pränatalpsychologie vorlegen. Sie nennen das Modell Primär-Enneagramm und gehen von drei Grunderlebnissen aus:
1. Die Beziehung zur Plazenta als dem ersten Liebesobjekt. „Diese Beziehung wird real erlebt und gesteuert über unser Herz und unseren Blutkreislauf. Dieses vorgeburtliche Beziehungserlebnis prägt all unsere späteren Beziehungen.“ (Leinweber)
2. Der Versuch des Kindes, während  der Geburt den Kopf, insbesondere den Kreislauf zum Gehirn, zu schützen. „Dieses Grunderlebnis prägt unser Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Wissen und Orientierung im späteren Leben.“ (Leinweber)
3. Die Austreibungsphase, in der das Kind die Bauch-, Becken- und Beinenergie einsetzen muss. Dort wird das Autonomiegefühl geprägt.

Leinweber meint nun, dass diese drei Grunderlebnisse den Grundenergien der Enneagrammtradition entsprechen: Herz (2, 3, 4), Kopf (5, 6, 7) und Bauch (8, 9, 1), also die Dreier-Matrix, die mit den jeweils drei Typen zur Neuner-Matrix wird. Diese drei Typen wiederum unterscheiden sich durch die Art der Stressverarbeitung: blockiert (3, 6, 9), übertrieben (2, 5, 8) oder implodiert (4, 7, 1). Damit ist das Raster der neun Typen vollständig. Also ist z.B. der Dreier ein Herztyp mit blockierter Stressverarbeitung.

Was die Erklärung so verfänglich macht, ist zugleich ihre Schwäche. Zuerst das Herz, dann der Kopf, dann der Bauch, schön angeordnet wie im Kreis des Enneagramms. Aber man könnte die Prägungsreihe ganz anders auch ansetzen: Zuerst entwickelt der embryonale Organismus Körpergewebe (bei den ersten Zellteilungen), dann das Gehirn (3. Woche), und dann das Herz (6. Woche). So geht die Richtung andersrum im Kreis. Die Erklärung erklärt sich aus dem Erklärten. Es gibt keine zwingende Logik, vielmehr zeigt sich hinter dem Augenschein eine willkürliche Zuordnung, die anders auch Sinn machen würde.

Weiters stellt sich die Frage, warum manche ungeborenen Kinder von Phase 1, andere von Phase 2 und die dritten von Phase 3 traumatisiert werden; da müsste ja schon eine bestimmte innere Disposition vorliegen, die dann gerade diese Situation als extrem belastend und die anderen nicht oder weniger schwierig erlebt. Und dann wollen wir wissen, wann sich diese Disposition bildet und warum gerade zu diesem Zeitpunkt bei den einen und zu einem anderen bei anderen.

Alle Kinder müssen durch alle Erfahrungen in der komplexen Embryonalentwicklung durchgehen, und was sie jeweils an Belastungen mitnehmen, hängt von vielen Faktoren ab, die bis in die komplexen Beziehungsfelder sowie in die Kultur reichen, in denen sich die schwangere Mutter mit ihrem Baby befindet.  Natürlich gibt es Unterschiede in der Entwicklung – die einen haben eine leichtere und die anderen eine schwerere Geburt. Beides wird Auswirkungen auf das weitere Leben haben. Aber diese Unterschiede lassen sich nicht einfach kategorisieren mit dem Ergebnis, dass

Wenn es stimmt, dass die Beziehung zur eigenen Plazenta die Beziehung zu allen späteren Liebespartnern prägt und deshalb auch mit der Herzenergie verbunden ist, dann ist schwer verständlich, warum das gerade bei jeder dritten Person so wichtig ist und bei den anderen nicht. Schließlich gibt es kaum Menschen, für die Beziehungen keinen zentralen Stellenwert im Leben haben, und die Gestaltung dieser Beziehungen wird bei allen von den Plazenta-Erfahrungen mit beeinflusst, wenn nicht sogar maßgeblich geprägt sein.

Warum sollen gerade bei ungefähr einem Drittel der Menschen die Plazentaerfahrungen problematisch bis traumatisierend ablaufen, und bei einem anderen Drittel die Austreibungsphase? Wodurch wird die Stressverarbeitung bei pränatalen Erfahrungen so gelenkt, dass sie bei ungefähr einem Drittel blockiert, beim nächsten übertrieben und beim letzten Drittel implodierend abläuft?


Das Typen-Apriori


Die Festlegung des Enneagrammtyps ist also eine apriorische Voraussetzung des Modells, die ein wichtiges Element seiner Wirkkraft bildet. Apriorisch heißt, dass sie eine Grundlage des Modells darstellt, die im Rahmen des Modells selber nicht erklärt werden kann, einfach gesagt: Willst du mit dem Enneagramm arbeiten, musst du diese Voraussetzung akzeptieren. Sie garantiert den maximalen Erfolg der Arbeit. Wir sollten bei dieser Arbeit nie vergessen, dass wir es mit einem Modell zu tun haben, dessen Existenz durch die praktische Anwendbarkeit gerechtfertigt ist. Es ist also ein Werkzeug, das wir für unsere Innenentwicklung und Befreiung nutzen können. Es hat selber keine Wirklichkeit, sondern es stellt uns einen Filter zur Verfügung, mit dessen Hilfe wir die Komplexität der Innenwelt vereinfachen können, um sie leichter handhaben zu können.

Das Primär-Enneagramm nach Dowling und Leinweber verhilft uns dabei zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn: Wenn wir erkannt haben, welcher Enneagrammtyp wir sind, können wir hier genauer nachschauen, was sich nach diesem Modell in der prä- und perinatalen Zeit abgespielt haben könnte und welche Folgen das hinterlassen hat. Allerdings, wenn wir z.B. ein Kopftyp sind,  enthebt uns das nicht der Nachforschung, welche Erfahrungen wir mit Plazenta und mit der Austreibungsphase gemacht haben, wenn wir unsere Pränatalgeschichte erforschen.

Deshalb sollten wir auch mit Aussagen vorsichtig sein, die dem Enneagrammtyp den Charakter einer Eigenschaft geben, die objektiv und faktisch vorliegt, wie unsere Haarfarbe oder Körpergröße. Wir „sind“ nicht ein Enneagramm-Einser usw. in dem Sinn, wie wir Europäer oder Schulabsolventen sind, d.h. der Enneagrammtyp hat nichts mit unserer Identität zu tun. Unser Typ ist also keine Eigenschaft, die uns anhaftet, sondern eine relative Betrachtensweise, die wir auf uns selber anwenden können, wenn wir sie brauchen.

Wir sind partielle Nutzer des Modells, das wir am besten ausschöpfen, wenn wir so tun, als wäre der Typ der Kern unserer Identität. Sobald wir das Modell nicht nutzen, hat auch der Typ als solcher für uns keine Bedeutung, zum Unterschied von unserer Identität, die unsere Wirklichkeit in jedem Moment ausmacht. Wir können also nicht ohne Identität, sehr wohl aber ohne Enneagrammtyp sein.  Umgekehrt gilt, dass der Enneagrammtyp (im Rahmen des Modells, d.h. nicht in der Wirklichkeit) bestehen bleibt und immer schon fixiert war, während die Identität eine fließende Wirklichkeit darstellt, die sich permanent verändert. Damit diese Veränderungsbewegung mehr und mehr von unserem Bewusstsein durchdrungen wird, dient uns das Enneagramm als nützliches Werkzeug.


Vgl. Enneagramm und frühe Prägung

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen