Freitag, 24. Februar 2017

Enneagramm und frühe Prägungen

Das Enneagramm ist eine Typenlehre, die neun verschiedene Ausprägungen des menschlichen Charakters kennt und in den Grundzügen beschreibt. Dieses System wird seit nicht allzu langer Zeit in verschiedenen Bereichen zur Charakteranalyse, Selbsterkenntnis und für das innere Wachstum angewendet. Außerdem dient es dazu, Menschen, mit denen man zu tun hat, besser einschätzen zu können.

Ein Charakteristikum dieses Systems im Vergleich zu anderen Typologien besteht darin, dass es davon ausgeht, dass jeder Mensch einem Typus zugehört, dass es also keine Mischtypen gibt und auch keine Varianten zwischen Männern und Frauen. Damit wird es notwendig, dass jeder Mensch, der mit dem Enneagramm arbeiten möchte, erkennt, welchem Typ er angehört.

Und das ist schon der erste Schritt der Arbeit mit diesem Konzept. Denn häufig geschieht es, dass beim Studium der einzelnen Typen der Eindruck entsteht, von jedem ein Stück bei sich zu erkennen, sich aber nicht festlegen zu können, zu welchem man wirklich gehört. Es braucht oft einige Zeit, bis sich eine engere Wahl herausfiltert, aber selbst dann kann es schwer sein, sich innerlich für einen Typ zu entscheiden.


Die Auswirkung früher Prägungen auf die Verstellung des Charakters


Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Aspekt eingehen, der bei dieser Schwierigkeit mitspielt. Laut der Theorie des Enneagramms liegt der Typ schon ganz am Anfang des individuellen Lebens, also bei der Zeugung fest. Es gibt keine Antwort auf die Frage, wie das geschieht, sondern es ist eine der Grundannahmen, die auch die besondere Kraft dieses Ansatzes ausmacht.

Wir kommen als völlig neue Wesen zur Welt, eine einmalige Kombination aus unterschiedlichen Erbanlagen. Allerdings nehmen wir auch Lasten aus dem Leben der Eltern und deren Vorfahren mit. Dennoch haben diese nach gängiger Theorie keine Auswirkung auf den Enneagrammtyp, sondern nur auf die individuelle Ausgestaltung, die natürlich jeden Menschen gleich welchen Typs zu einem einzigartigen Individuum macht.

Zur Belastung durch Vorfahren kommt, dass wir als Kinder abhängig von der Bestätigung durch unsere Elternsind. Wir wissen nur durch ihre Rückmeldungen, ob wir so gut sind wie wir sind. Sonst haben wir keine Informationsquelle für unseren Selbst-Wert. Schnell passiert es, dass wir uns an die Erwartungen unserer Umgebung anpassen und unser Verhalten in eine Richtung modellieren, die uns ein Maximum an Erfolg verspricht, nämlich ein Maximum an Anerkennung bzw. ein Minimum an Ablehnung und Zurückweisung. Wir versuchen herauszufinden, was „Bravsein“ (=sich so verhalten, dass wir die Liebe unserer Eltern erhalten) bedeutet und lernen durch Versuch und Irrtum, bis wir es schaffen, soweit zu funktionieren, dass wir nicht dauernd in den Abgrund des Liebesentzugs abstürzen müssen.

Damit verschiebt sich unser innerer Schwerpunkt vom Spüren der eigenen Bedürfnisse auf die Entwicklung von Fähigkeiten der Anpassung an die Bedürfnisse der Eltern. Der Fokus der sinnlichen Wahrnehmung verlagert sich von innen nach außen, und der innere Sinn beginnt zu verkümmern. Zunehmend definieren wir uns über die Rückmeldungen, die wir bekommen; sind sie positiv, sind wir auch positiv, sind sie negativ, sind wir auch negativ. Wir haben verlernt, auf uns selber zu hören und unserer inneren Stimme zu vertrauen. Wir sind in unserer Wirklichkeitskonstruktion von den Erwartungen unserer sozialen Umwelt abhängig geworden. Die Dimension der inneren Wirklichkeit ist bedeutungslos geworden.

Damit legt sich, aus der Sicht des Enneagramms betrachtet, ein Schleier oder ein Schutzmantel um den Persönlichkeitskern. Wir wissen selber nicht mehr genau, wer wir eigentlich sind, weil wir gelernt haben, unsere eigene Wirklichkeit allein an den Maßstäben anderer zu messen. Das äußert sich darin, dass wir uns später in unserem Enneagrammtyp irren können. Wir sehen uns noch immer mit den Augen unserer Eltern und deren Verhaltenserwartungen. Erst wenn wir lernen, hinter diese Schale zu spüren und tiefer wahrzunehmen, wo unsere eigentlichen Triebkräfte, Ressourcen und Potenziale liegen, erkennen wir, was unsere Grundanlage ist.

An diesem Punkt brauchen wir manchmal die Unterstützung von außen, um den Blick in die richtige Richtung zu lenken, also reicht es nicht, sich nur von Büchern und anderen Informationsquellen inspirieren zu lassen. Allzu leicht können uns unsere Ängste täuschen und ablenken. Wir schauen dann auf etwas, das uns wichtiger erscheint, obwohl es in Wirklichkeit nebensächlich ist. Denn unser schützendes Unterbewusstsein signalisiert uns, dass wir uns genau dort in Acht nehmen sollen, wo die zentralste Heilungsmöglichkeit verborgen ist, weil dort auch am meisten Angst und Schmerz gespeichert ist. Eine helfende und erfahrene Person kann uns auf diese Punkte aufmerksam machen und uns zur Seite stehen, wenn wir in sie hineingehen. Und dann wird es klar, welche genau unsere Position im Zyklus des Enneagramms ist, und wir können deutlicher die Kraft spüren, die sie anbietet. 


Was bringt die Erkenntnis des Enneagramm-Typs?


Was haben wir davon, wenn wir wissen, welcher Typ im Enneagramm der unsere ist? Sind wir dann für immer fixiert und festgelegt, haben wir unsere Freiheit und Veränderungsfähigkeit eingebüßt? Solche Ängste können wir getrost weglassen. Wir haben nur einen zusätzlichen Orientierungspunkt gewonnen, der uns helfen kann, wenn wir in die Zukunft schauen, wenn wir also neue Aufgaben anpacken, und wenn wir zurück schauen, um unsere hinderlichen Muster zu durchschauen.

Zum einen wird uns deutlich, welche Strategien, Einstellungen und Bestrebungen uns entsprechen. Wir verstehen dann besser, warum uns bestimmte Handlungen leicht fallen und andere immer wieder auf Widerstand stoßen. Damit kann die Erkenntnis unseres Typs der Verbesserung unserer Leistungsfähigkeit in allen Belangen des Lebens dienen. Wir arbeiten mit unseren Grundanlagen und nicht gegen sie.

Aus dem Verstellungsmodus kommend, neigen wir dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Z.B. meinen wir, Führungsaufgaben so erledigen zu sollen, wie es andere machen, die wir als Führungsfiguren bewundern. Oder wir wollen so kommunizieren, wie andere es tun, die uns gut gefallen. Wir bemühen uns redlich, aber letztlich erfolglos, so zu agieren, wie es jemand anderer macht. Wir können uns allerdings nur bis zu einem gewissen Grad verbiegen, dann drohen wir zu brechen.

Diese Arbeit gegen uns selbst können wir aufhören, sobald wir wissen, wie wir selber funktionieren, und dazu kann uns helfen, draufzukommen, wie unsere Grundstrukturen beschaffen sind. Wir kommen damit leichter in den Flussmodus und können unsere Kreativität ohne innere Hindernisse mit der Welt teilen.

Die andere Richtung weist uns darauf hin, wo unsere Hauptblockierungen für eine Weiterentwicklung liegen. Jeder Enneagrammtyp ist mit einem bestimmten Schattenmuster verbunden, in dem die speziellen Ängste wirken, die in jeder Prägung stecken. Wir wissen damit, wo wir hinschauen müssen, wenn sich ein Widerstand im Lebensfluss zeigt, wenn wir auf ein Leiden stoßen oder auf Konflikte mit unserer Umgebung. Wo immer wir mit dem Leben auseinanderfallen, wo immer wir die Wirklichkeit nicht so akzeptieren können, wie sie ist, dort meldet sich der Schattenbereich unseres Typs, den wir mit Hilfe des Modells deutlicher ins Visier nehmen können.

Das Enneagramm ist ein bewertungsfreies System. Jeder Typ ist gleich viel wert, jeder hat seine Vorzüge und Lernaufgaben. Mit ihm üben wir uns auch darin, uns selbst wahrzunehmen und anzunehmen: Mit einer Prägung, die spezielle Vorzüge und spezielle Verengungen aufweist. Damit wissen wir, worauf wir aufbauen können und in welche Richtung wir uns weiter entwickeln können. An der Schwelle zu dieser Richtung warten Ängste auf uns, aber das Enneagramm kann uns helfen, sie zu benennen und überall zu identifizieren, wo sie im Leben behindernd auftreten. Dadurch fällt ihre Auflösung leichter.

Mit der Befreiung von Ängsten schaffen wir Raum für Liebe und innere Ruhe. Indem wir die aus unserer Biographie entstandenen Schutzhüllen auflösen, stoßen wir zu dem innersten Kern vor, der unbeschädigt ist – und der sich letztlich selber als Illusion erweist. In diesem Sinn erweist sich die Suche nach dem Enneagrammtyp als spiritueller Reinigungsweg.


Vgl. Typenwahl im Enneagramm

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