Samstag, 27. Juli 2019

Über das Reduzieren von Ansprüchen und Idealen

Voll von großen Versprechen für den neuen Menschen ist die Bewusstseinsindustrie, die Welle, die seit den 1980er Jahren als das New Age bezeichnet wird. „Greif nach den Sternen, verwirkliche dein Selbst, nutze dein Gehirn zu 100 Prozent, werde der Meister deines Lebens, du bist schon erleuchtet, du musst es nur erkennen“ usw., so lauten die Slogans. Wie Sporttrainer ihre Schützlinge zu Höchstleistungen pushen, wollen die New-Age-Gurus aus ihren Schülern und Schülerinnen spirituelle Weltrekordhalter machen.

Die Regale in den Buchhandlungen sind gefüllt von diversen Leitfäden zur Selbstoptimierung und Selbststeigerung, und es befällt einen der Zweifel, ob sich hinter den glänzenden Titel schön maskiert nichts anderes verberge als die neoliberalen Antriebe der Ausbeutung nicht nur menschlicher Arbeitskraft, sondern des gesamten, des holistischen Menschen. Die emotionale Intelligenz soll gesteigert werden, für ein aalglattes Agieren im beruflichen Leistungsstress. Entspannungstrainings und Meditationskurse sollen der beruflichen Resilienz dienen, damit die Anforderungen immer weiter nach oben geschraubt werden können, ohne dass die Menschen zusammenbrechen.

Etwas abseits dieses Mainstreams hat der New Yorker Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin Yalom sieben Grundwahrheiten formuliert. Sie haben mit der menschlichen Beschränktheit und nicht mit seiner unendlichen Lernfähigkeit zu tun. Sie appellieren an die Selbstbescheidung und nicht an die ungeahnten Wachstumspotenziale. Sie propagieren das Zurückschrauben von Ansprüchen und Erwartungen auf ein menschliches Maß und nicht den Glauben an die vollständige und endgültige Erlösung und an die überzeugenden Antworten auf alle Fragen. Sie motivieren dazu, Ideale auf das Niveau der Realität herunterzuschrauben.

Yalom ist der Meinung, dass es bei diesen „Grundwahrheiten“ um existentielle Tatsachen des Lebens geht, deren Beachtung den Geist beruhigt und deren Nichtbeachtung den Menschen unweigerlich Leiden verursacht:
Die Möglichkeiten und Fähigkeiten jedes Menschen sind begrenzt.
Alles als sicher Geglaubte  kann jederzeit und unwiederbringlich verloren gehen. 
Sich selber und einen anderen Menschen kann man niemals vollkommen verstehen.
Keine höhere Gerechtigkeit auf der Welt sorgt dafür, dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden.
Es gibt keine Garantie dafür, dass wir Hilfe erhalten, wenn wir sie brauchen.
Nicht alle Probleme sind lösbar.
Es gibt Fragen, auf die man auch durch noch so großes Bemühen keine  Antwort findet.
(Irvin Yalom: Und Nietzsche weinte. Kabel Verlag 1994, S. 87)

Ich möchte anschließend ein paar weiterführende Überlegungen zu diesen sieben Punkten anbieten.


Unsere Fähigkeiten sind begrenzt


Nach Yalom leiden wir nicht an unserer Minderwertigkeit, sondern an Selbstüberschätzungen, in Bezug auf uns selbst und auf das Leben, das wir zu bewältigen haben. Wenn wir unsere Begrenztheit anerkennen, werden wir toleranter uns selbst und den anderen gegenüber. Auch wenn wir eine immense Lernfähigkeit haben, werden wir immer wieder Fehler machen und Misserfolge erleben. Auch wenn wir über unbegrenzte Möglichkeiten verfügen, können wir nur Bruchteile davon verwirklichen. Statt uns an dem zu messen, was wir alles nicht geschafft haben, sollten wir das anerkennen, was gelungen ist.


Nichts ist sicher


Unser Sicherheitsbedürfnis ist ein weiterer Stolperstein. Einen großen Teil unserer Anstrengungen widmen wir der Absicherung unseres Lebens und der Abwehr von möglichen Bedrohungen. Wir klammern uns an unsere Lebensversicherungen wie ein Kletterer an das Seil, das ihn vor dem Absturz bewahrt. Wir wollen ja nichts von dem verlieren, was wir haben, und häufen noch mehr davon an, damit wir unseren Sicherheitspolster vergrößern. Wir reagieren auf kleine Verunsicherungen mit massiven Gegenmaßnahmen. Die meisten von uns in den Wohlstandsoasen leben unter den sichersten Rahmenbedingungen, die es je in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, und dennoch oder gerade deshalb ängstigen wir uns fortwährend vor jeder Erschütterung unserer luxuriösen Lebensumstände.

Nichts ist von Dauer, alles ist in Veränderung, so beschrieb schon der Buddha vor 2 600 Jahren das Leben der Menschen. Wo wir uns an Sicherheiten klammern, beginnt unser Leiden. Wir verlieren uns in die Illusion, dass es etwas gibt, das verlässlich da ist und uns nie im Stich lässt. Tatsächlich ist es so, dass alle Sicherheiten nur geliehen sind, auf Zeit, und dass wir nicht wissen, wann diese Zeit abgelaufen ist. Das betrifft alle unsere Errungenschaften und Vorrichtungen, alle unsere Beziehungen, und das betrifft unser eigenes Leben als Ganzes. 


Menschliches Verstehen ist immer unvollkommen


Wir alle wollen verstanden werden, möglichst vollständig, und sind unglücklich, wenn wir missverstanden und fehlinterpretiert werden. Wir suchen einen Partner oder eine Partnerin, die uns dieses Verstehen geben soll, und haben vielleicht anfangs der Beziehung die Illusion, dass diesmal wirklich funktioniert. 

Wir tragen eine Geschichte des Verstehens und Missverstehens mit uns. Von klein auf hatten wir damit zu kämpfen. Eine Mutter, die unser Schreien nicht immer verstand und uns zur Unzeit das Falsche gegeben hat. Ein Vater, der uns nach seinen Vorstellungen auf das Erwachsenenleben vorbereiten wollte und nicht verstand, was sich aus uns selber entwickeln wollte. Statt aus dieser Geschichte zu lernen, dass es unter Menschen immer beides gibt, halten wir an der Illusion fest, dass es einen Menschen geben müsse, der uns ein totales Verstehen entgegenbringt, der unser Wesen zur Gänze erkennt und spiegelt.

Das Leiden beginnt dort, wo wir anfangen, die Menschen um uns herum wegen ihrem Missverstehen anzuklagen und zu kritisieren, statt uns in Geduld zu üben und am Aufbau von Verständnis zu arbeiten, wo es nicht von selber fließt.

Leiden zeigt sich auch dort, wo wir uns selber kritisieren und abwerten, weil wir nicht so sind, wie wir gemäß unserer Ideale und Ambitionen sein sollten. Wir bauen einen inneren Konflikt auf, den wir durch die Erkenntnis, dass wir unser Unterbewusstsein nie vollständig erhellen werden, entschärfen können.


Wo bleibt die höhere Gerechtigkeit?


Viele Glaubenssysteme sind um die Thematik der Gerechtigkeit herum konstruiert. Sie wollen den Menschen beweisen, dass es eine letztliche Gerechtigkeit gibt. Die Bösen werden in der Hölle bestraft, wenn man sie im Diesseits nicht erwischt, oder sie müssen mühselige Wiedergeburten auf sich nehmen. Selbst der Skeptiker Immanuel Kant fand den Glauben an eine göttliche Gerechtigkeit als „Postulat der praktischen Vernunft“ für notwendig, um dem, der ungelohnt Gutes tut, einen Ausgleich anbieten zu können.

Kommen wir auch ohne diese anspruchsvolle Hilfe aus? Wir tun uns schwer mit der Vorstellung, dass die Guten leer ausgehen und die Bösen abräumen, wir freuen uns, wenn ein mächtiger Bösewicht erwischt wird und in den Knast muss, und wir freuen uns, wenn eine Gute mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird. Aber all diese Freuden wirken nur kurz, und wir denken gleich wieder an diejenigen oder an uns selber, wo es nicht funktioniert. 

Vielleicht ist diese Welt nicht dafür geschaffen, die menschlichen Gerechtigkeitsvorstellungen ausreichend zu verwirklichen. Das beginnt schon mit der Frage, wer überhaupt die Guten und wer die Bösen sind. Manchmal ist uns das ganz klar, in den meisten Fällen müssen wir aber zugeben, dass wir es gar nicht so genau zuordnen können. Vielleicht gibt es kein happy end, mit einer verheerenden Niederlage für das Böse und dem Triumph des Guten? Vielleicht ist die Tendenz zum Bösen in die menschliche Psyche eingewoben wie die Tendenz zum Guten?

Ich habe auf diesen Seiten schon öfters die Idee vertreten, dass Menschsein und Gutsein synonym ist, mit der Ausnahme von Stresssituationen, in denen der Überlebensimpuls stimuliert wird. Solange wir frei von solchen Ausnahmesituationen sind, verhalten wir uns sozial, empathisch und liebevoll, nicht, weil wir so erzogen sind oder uns einen Lohn dafür erwarten, sondern weil es uns entspricht und Spaß macht. Für die wirklich guten Taten brauchen wir keinen Lohn, weil dieser schon im Tun liegt. 

Für die bösen Taten hinwiederum gilt so etwas wie das sofortige Karma: Wir leiden selber an unserer Bosheit, weil sie uns ärmer und verkapselter macht. Leiden, das wir anderen zufügen, kann uns nie in der Weise glücklich machen wie Freude, die wir anderen schenken. Wir schaden uns selbst durch das Tun des Bösen.

Jedenfalls sollten wir nicht unsere Zeit damit verschwenden, über die mangelnde Gerechtigkeit in der Welt und in unserem Leben zu lamentieren. Was hätten wir schon davon, wenn wir die Gerechtigkeitsformel für diese komplexe Menschenwelt gefunden hätten? Konzentrieren wir uns lieber darauf, das Gute in uns zu mehren und das Böse zu schwächen.


Die unzuverlässigen Helfer


Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, heißt ein alter Spruch. Wann immer wir nicht die Hilfe bekommen, die wir erwarten, liegt es an uns, nach anderen Formen der Unterstützung zu suchen. Wenn wir das Fehlen von Hilfe beklagen („Gerade jetzt, wo ich einmal Hilfe brauche, ist niemand da!“), regredieren wir in die Hilflosigkeit unserer Kindheit, wo wir auf eine bestimmte Form der Hilfe von bestimmten Personen angewiesen waren. Das war einmal, und jetzt, da wir erwachsen sind, gibt es statt Mama und Papa viele andere Personen, die uns helfen können. Und wenn einmal keine Hilfe da ist, steht uns die Kraft zur Verfügung, mit der wir unsere Hilflosigkeit aushalten können, und so warten wir eben, bis kommt, was wir brauchen oder bis sich das Problem von selber löst.


Lösbare und unlösbare Probleme


C.G. Jung hat einmal gesagt, dass die wirklichen Probleme im Leben nie gelöst werden, sondern dass sie nach einiger Zeit uninteressant werden. Vielleicht haben wir trotz aller Anstrengungen noch immer Probleme mit unseren Eltern, aber wir nehmen sie hoffentlich nicht mehr so wichtig wie in unserer Pubertät. Vielleicht leiden wir unter der Unberechenbarkeit unseres Chefs, aber hören auf damit, uns jeden Tag darüber zu ärgern, sondern entdecken eine humorvolle Art, damit umzugehen.

Es gibt Probleme, die wir lösen können und lösen sollten, und andere, mit denen wir uns nicht den Rest unseres Lebens plagen sollten, auch wenn wir keinen Schlüssel zur Lösung gefunden haben. Mit offenen Problemen zu leben, ist nicht immer einfach, schließlich sind Probleme dadurch definiert, dass sie uns belasten und unser Leben einschränken. Doch gehört zur erwachsenen Lebensweisheit die Fähigkeit, unterscheiden zu können, welche Probleme angegangen und bewältigt und welche hingegen akzeptiert und hingenommen werden müssen.

In Beziehungen drehen sich die Machtkämpfe oft darum, dass sich der jeweils andere ändern solle, damit die eigenen Probleme in der Partnerschaft verschwinden. In der Paartherapie oder durch andere Formen der Einsicht lernen wir, dass wir andere Personen nicht ändern können. Daraus folgt, dass bestimmte Charakterzüge, die uns bei der anderen Person Probleme bereiten, aller Voraussicht nach bis ans Lebensende bestehen bleiben, sich vielleicht abschwächen oder modifizieren, aber im Grundlegenden uns weiterhin nerven werden. Uns bleibt dann nur die Wahl, diese Person aus unserem Leben zu verabschieden oder mit ihr weiterzuleben und die Chance zu nutzen, uns im Akzeptieren und Gelassensein zu üben und angesichts der Schwächen unseres Partners nicht mehr aus der Fassung geraten. Wir nehmen dem Problem die Macht, uns in Geiselhaft zu nehmen und hören auf, gegen etwas zu kämpfen, was sich wahrscheinlich sowieso nie ändern wird.


Fragen ohne Antworten


Als Menschen sind wir fragende Tiere. Mit Fragen wollen wir vom Unwissen zum Wissen kommen. Wissen ist immer auch ein Stück Kontrolle über ein Stück Wirklichkeit. Wenn wir auf unsere Fragen keine Antworten bekommen oder selber finden, fehlt uns diese Kontrolle und wir sind verunsichert. Es bleibt die Fragegestalt offen. 

Insbesonders plagt uns das Fehlen von Antworten in Bezug auf die sogenannten letzten Fragen: Was ist der Sinn des Lebens, was geschieht nach unserem Tod mit uns? Die Sicherheit, die wir durch Antworten auf technische Fragen bekommen, fehlt in diesem Bereich vollständig. Gerade dort, wo es um das Ganze unseres Lebens geht, finden wir keine Antworten, die unsere Unsicherheit befrieden würden. 

Also gilt es auch hier, mit Unsicherheiten leben zu lernen. Wo wir keine Kontrolle erlangen können, leben wir eben ohne sie. Wir bescheiden uns mit Nichtwissen und entspannen uns in die Gewissheit, dass wir die Fragen beantworten, auf die es Antworten gibt, und die anderen, auf die es keine Antwort gibt, auf sich beruhen lassen. Es kann auch entlastend sein, etwas nicht zu wissen, Fragen unbeantwortet stehen zu lassen.

Sobald wir die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment lenken, werden alle Fragen ohnehin gegenstandslos. Das Jetzt liefert immer eine brauchbare Antwort.

Abschließend: Vielleicht hat uns die Beschäftigung mit den Grundwahrheiten von Irvin Yalom zu mehr Verständnis über das Rätsel des Menschseins geführt, vielleicht auch nicht. Wenn wir ein Stück mehr Bescheidenheit gewinnen, kann uns das als Immunmittel gegen vollmundige Heilsversprechen aller Art dienen. Wir sollten uns immer ein Stück nüchterner Skepsis gönnen, damit wir uns von Großsprechern nicht blenden lassen, sondern bei uns selber und bei unserer eigenen Wahrheit bleiben. Und: Die Bücher von Irvin Yalom lesen sich leicht und sind dennoch lehr- und erkenntnisreich.

Weitere Bücher von Irvin Yalom (Auswahl): 
Die Liebe und ihr Henker und andere Geschichten aus der Psychotherapie. München: Knaus 1990 
Die rote Couch. Goldmann, München 2000
Die Reise mit Paula. Goldmann, München 2000

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