Donnerstag, 23. April 2026

Äußere und innere Stärke

Bei der Beschäftigung mit der Frage der Stärke ist der Unterschied zwischen innerer und äußerer Stärke wichtig. Die äußere Stärke erscheint als Macht, als die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt zu behaupten, die eigenen Grenzen schützen zu können und andere im eigenen Sinn beeinflussen zu können. Diese Stärke ist sichtbar oder spürbar, sie kann also von anderen wahrgenommen  werden. In der einfachsten Form zeigt sie sich in der Körperform: Muskulatur, Haltung, Blick. Dazu kommen Statussymbole: Bekleidung, Schmuck, Wohnform, Autotyp usw. Diese Symbole, Insignien der Macht, sollen signalisieren, mit welcher Macht es die anderen zu tun haben, sodass sie ihre Reaktionen darauf abstimmen. Sie ersparen dem Statusträger die Klärung der Stärkeverhältnisse und erzeugen vorab ein Machtgefälle.

Unter innerer Stärke verstehen wir vor allem Charakterfestigkeit und Integrität, also die Treue zu den eigenen Werten und Prinzipien, Selbstdisziplin (konsequent die notwendigen Schritte zu setzen, die für die Erreichung der eigenen Ziele notwendig sind), emotionale Stabilität (die Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens mit einer Haltung der Gelassenheit umgehen zu können) und die Akzeptanz von ungünstigen Umständen, deren Veränderung nicht in der eigenen Macht liegt. Menschen mit innerer Stärke können sich ein authentisches Auftreten leisten, weil sie nichts vorspielen müssen, sondern weil sie in jeder Situation sie selbst sein können. Deshalb kann die Authentizität als Übereinstimmung von innerer und äußerer Stärke verstanden werden. Sie beinhaltet die realistische Einschätzung der eigenen Schwächen und die Fähigkeit, Fehler eingestehen und ausbessern zu können. Das freundschaftliche Verhältnis zur eigenen Schwäche erlaubt es, die innere Sicherheit zu bewahren, auch wenn Probleme auftreten und nicht gleich behoben werden können. 

Die Hohlheit des Machtstrebens

Äußere Stärke ohne innere Kraft ist hohl und fragil. Menschen, die sich nur auf ihre äußere Stärke verlassen, sind permanent dazu gezwungen, diese Stärke zu demonstrieren. Sie fürchten, dass sonst ihre innere Schwäche offenbar würde. So häufen sie Machtinsignien und Statussymbole, die ihnen die nötige Sicherheit verleihen sollen. Statussymbole haben allerdings einen Mangel, weil sie inflationsabhängig sind. Sobald sich andere das gleiche Urlaubsziel leisten können wie man selbst, muss man neue, teurere und ausgefallenere Ziele finden. Außerdem unterliegen diese Symbole dem „hedonistischen Tretmühlen-Effekt“: Nach dem lustbetonten Erwerb eines Prestigeobjekts stellt sich die soziale Bestätigung des eigenen Werts in der Gesellschaft ein. Das Objekt wird aber bald zur Selbstverständlichkeit und genügt der Befriedung der Angst vor dem sozialen Abstieg immer weniger. Schließlich muss ein noch kostspieligeres Symbol angeschafft werden, um mehr Sicherheit zu suggerieren. 

In dieser Konstellation ist das Machtstreben inhärent. Macht muss um ihrer selbst erworben, abgesichert und vermehrt werden, nicht um konkrete Ziele damit zu verwirklichen. Die Verfügung über Macht ist die Absicherung gegen die Bedrohung des eigenen Selbst, das bewusst oder unbewusst als schwach eingeschätzt wird. Beständig muss die Umwelt beeindruckt werden, damit sie es ja nicht wagt, bedrohlich zu werden. Das probate Mittel dagegen ist es, selber Drohungen einzusetzen, um die Mitmenschen einzuschüchtern. Die Anwendung von Gewalt lauert im Hintergrund solcher Drohungen. Die Angst, die immer aktiv ist, kann unter Umständen so mächtig werden, dass sie die Ausübung von Gewalt gebietet. Die eigene Stärke wird verherrlicht, die Stärke von anderen bekämpft. Der größte Feind ist aber die innere Stärke, weil sie am meisten fehlt.

Die innere Stärke hingegen findet die Sicherheit im Inneren und ist nicht auf eine äußerliche Machtdemonstration, Drohungen oder Gewalt angewiesen. Diese Form der Stärke ist resilienter und nachhaltiger als die Stärke, die nur auf dem äußeren Schein und Anschein, auf dem Eindruck, der bei anderen erzeugt wird, beruht. Denn sie bleibt bestehen, wenn die Kräfte der äußeren Stärke nicht verfügbar oder verbraucht sind.

Machtausübung als Dienst

Menschen mit innere Stärke nutzen die Macht nur für Zwecke, die ihren Werten entsprechen und geben sie wieder ab, sobald das Ziel erreicht ist. Sie brauchen keine Macht um ihrer selbst willen, sondern verwenden sie nur als Mittel zu einem Zweck, die sie für gut und wichtig erachten. Sie brauchen keinen äußeren Beweis und keine Bestätigung für ihre Sicherheit, weil sie diese im Inneren spüren können. Sie  wissen um die Endlichkeit von jedem Machtstreben und um die Vergänglichkeit jeder Form von weltlicher Macht. Sie kennen die Fallen, die mit dem Festklammern an der Macht verbunden sind. Und sie wissen um die Verantwortung, die mit jeder Machtausübung verbunden ist, die nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie sich am Wohl der Gemeinschaft und nicht an der Befriedigung des subjektiven Sicherheitsbedürfnisses orientiert.

Platon war der Meinung, dass allein Philosophen zur Machtausübung berufen werden sollten. Denn sein Lehrer Sokrates hat die Philosophie als Sterbenlernen, als Einübung auf den Tod verstanden, als den Weg des Akzeptierens der menschlichen Endlichkeit. Der Philosoph ist dann jemand, dem die Vorläufigkeit von allem Dinglichen bewusst ist und der erkannt hat, dass dieser Endlichkeit nichts entgegensteht als die innere Sicherheit und Unerschütterlichkeit. Für ihn verliert der Besitz der Macht jede Attraktivität. Sie ist ihm ein notwendiges Übel für die Regelung zwischenmenschlicher Belange. Sinnvoll kann sie nur ausgeübt werden, wenn mit ihrer Hilfe das Gemeinwohl gefördert wird.

Wir können uns vorstellen, wie sich Sokrates und Laozi bei dieser Erkenntnis begegnen.

Zum Weiterlesen:
Das Scheitern der Großmächte an ihrem Größenwahn
Die Schwachen und die Starken
Das Schwache besiegt das Starke


 

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