Mittwoch, 10. Juni 2026

Die zwanghafte Übernahme von Lasten

Paulus schrieb im Brief an die Galater: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Er gab mit dieser Empfehlung eine Grundlinie der christlichen Moral vor: Das Prinzip der Fürsorge für die Schwachen als Ausdruck der Nächstenliebe, wie sie Jesus gepredigt hat.

Die Übernahme von Lasten von jemandem, der sie nicht tragen kann, ist ein wichtiges Element  des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Jeder kann einmal schwach, krank oder bedürftig sein und muss dann nicht fürchten, vor die Hunde zu gehen. Dieses Prinzip baut auf Reziprozität auf, also auf Gegenseitigkeit: Wird mir in Not geholfen, helfe ich, wenn andere in Not sind.

Manipulative Überfürsorglichkeit

Die Schattenseite dieses Ansatzes liegt darin, dass diese moralische Verpflichtung häufig missverstanden wird. Statt genau zu schauen, ob sich jemand in existenzieller Not befindet, wird geholfen, aus Überfürsorglichkeit oder mangelndem Vertrauen. Die empfangende Person wird in eine Opferrolle gedrängt und ihr inneres Wachstum wird gehemmt. Sie bekommt dann das Gefühl, nicht unfähig zu sein sich selbst zu helfen. In der Folge gerät sie in eine abhängige Position, in der sie sich  nicht weiterentwickeln und zu wenig Krisenresilienz aufbauen kann. Denn Wachstum ist nur möglich, wenn Krisen selbständig gemeistert werden können. 

Die gebende Person gerät fast unweigerlich über kurz oder lang in einen ausgelaugten und erschöpften Zustand, wenn sie aus einem unbewussten Antrieb zu viel und unnötig gibt. Sie übernimmt ohne genaue Prüfung Lasten, die nicht zu ihr gehören. Im bekannten Drama-Dreieck (Täter-Opfer-Retter) ist es die Retter-Rolle, die sich aus dem Bibelzitat rechtfertigt: Ich muss ja die Lasten anderer tragen, sonst bin ich ein schlechter Mensch.

Der versteckte Antrieb der Retterperson besteht darin, den eigenen schwachen Selbstwert durch Helfen und Unterstützen aufzubauen („Wenn ich stark bin, werde ich geschätzt; wenn ich nichts geben kann, fühle ich mich wertlos und muss fürchten, dass mich keiner mehr mag.“) Da sich der Retter dem Opfer überlegen fühlt, zieht er daraus Stärke, die er unbewusst dem Opfer wegnimmt, mit dem Bestreben, es in der Opferrolle zu belassen, damit die eigene Position der Stärke und Überlegenheit erhalten bleiben kann. In dieser asymmetrischen Beziehung wird das Opfer klein gehalten, während sich der Retter in seiner Großzügigkeit aufblasen kann.

Selbstausbeutung 

Unbemerkt und angetrieben vom zwanghaften Helfenwollen beutet sich der Retter selbst aus, geht über die Grenzen seiner Belastbarkeit und findet sich dann irgendwann in einem Zustand der Überforderung und des Burn-out. Der Helfer ist hilflos geworden und schämt sich seiner Schwäche. Es fällt ihm dann äußerst schwer, selbst Hilfe anzunehmen, die ihn aus der Bedrängnis holen könnte, weil sich sein Selbstwert und sein Stolz an das Helfenkönnen geheftet haben. Selbst in die Position des Opfers zu geraten, ist für notorische Helfer und Retter schwer mit Scham behaftet.

Die Unterscheidungskraft zwischen Not und eingebildeter Schwäche

Die reife Form des Helfens kann unterscheiden, wann Hilfe wirklich notwendig ist, um größeres Unheil abzuwenden. Es gibt Notfälle, die jemand alleine nicht meistern kann. Dann braucht es die bedingungslose Bereitschaft zum Helfen, bis die Not gelindert ist und das Leben wieder mit eigenen Kräften bewältigt werden kann. Das Gespür, wann jemand nur aus Bequemlichkeit oder Feigheit um Hilfe bittet oder wann jemand vor einem Zusammenbruch gerettet werden muss, entwickelt sich aus einem reifen Autonomiebewusstsein, das in der eigenen Kindheit in einem Feld von Förderung und Forderung wachsen konnte. Zwischen dem Pol, dass einem Kind alles zugetraut wird, was es selbst schaffen kann, und dem Pol, dass es immer Hilfe bekommt, wenn es mit seiner Weisheit und seinen Kräften am Ende ist, bildet sich ein realistisches Selbstbild, das die eigenen Fähigkeiten und Grenzen gut kennt und diese auch bei anderen gut einschätzen kann.

Die Opfertradition im Christentum

Ein Grund, warum das Übernehmen von fremden Lasten in Familien und in Arbeitszusammenhängen in unserer Kultur so verbreitet ist, hat vermutlich mit einer fragwürdigen Interpretation des Zitats von Paulus zu tun. Jesus hat nach der christlichen Auffassung mit seinem Kreuzestod die Sünden der Menschen auf sich genommen. Er hat den Menschen ihre moralischen Belastungen abgenommen und sich selbst aufgeladen. Damit wären die Menschen frei von aller ererbten Schuld.

Hier setzt die moralisierende Deutung des Kreuzestodes ein: Da wir aber weiterhin sündigen, laden wir des Erlöser noch mehr auf und machen uns schuldig. Um dieser Schuld zu entrinnen, sollten wir es Jesus gleich machen und uns die Lasten der anderen aufladen. Indem wir uns als Retter für die Opfer aufopfern, imitieren wir Jesus und mindern unsere Schuld. Da wir aber in der Nächstenliebe nie soweit gelangen wie er, bleiben wir immer in seiner Schuld. Also müssen wir uns noch mehr Lasten aufbürden.

Mit dem Kult des gekreuzigten (im Unterschied zum auferstandenen) Jesus im westlichen Christentum wird diese Schuld der sündigen Menschen beständig eingemahnt, sodass gebrochene Persönlichkeiten entstehen. Sie bürden sich  zusätzliche Lasten auf, beladen von ihrer Schuld, bis sie vor Überlastung zusammenbrechen wie Jesus auf seinem Leidensweg zur Kreuzigung. Dass die verstörende Botschaft von der Kreuzigung die befreiende Verkündigung der Auferstehung über Jahrhunderte in den Hintergrund gedrängt hat, hat vermutlich dazu beigetragen, dass das Sündenbewusstsein immer mächtiger war als das Erlösungsbewusstsein. Auf dieser Grundlage hat sich das Retter-Opfer-Muster fest in den Seelen etabliert, sodass viele Gläubige nach zu rettenden Opfern Ausschau hielten, gleich ob diese Hilfe brauchten oder nicht. 

Viele Kritiker des Christentums haben diese zwanghafte Haltung des Helfenmüssens als Verlogenheit und Heuchelei angeprangert. Dennoch ist sie fest in der westlichen Kultur eingenistet und wurde durch Erziehungspraktiken verstärkt, bei denen die Kinder manipuliert werden, indem ihnen bei jeder Gelegenheit ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. 

Menschen, die mit einem chronischen schlechten Gewissen aufgewachsen sind, tun sich später mit dem Unterscheiden zwischen sinnvoller und hinderlicher Hilfe schwer. Denn sie haben selbst Hilfe erhalten, die sie nicht gebraucht hätten, während ihnen Hilfe vorenthalten wurde, die sie dringend benötigt hätten. Sie mussten für unerwünschte Hilfestellungen Dankbarkeit zeigen und durften sich nicht über fehlende Unterstützung beschweren. Also setzen sie dieses Muster später fort, sobald sie die Verantwortung für andere übernehmen, in der Familie und im Beruf. Sie laden sich Lasten auf, die anderen gehören, nehmen Verantwortungen ab, die von anderen getragen werden könnten, und engagieren sich, wo die Hilfe nur noch mehr Hilflosigkeit bei den Betroffenen hervorruft.

Schritte zur Entlastung

Der Ausstieg aus dem Muster ist ein wichtiger Schritt zur Korrektur solcher asymmetrischen Beziehungen. Entlastet werden beide: Der Retter, der im Einsatz für andere seinen Selbstwert finden wollte, und das Opfer, das gelernt hat, nur im Opfersein Zuwendung zu bekommen. Wenn der Retter aus seiner Rolle aussteigt, darf er sich endlich um sich selbst kümmern und die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Sobald es ihm gelingt, das überzogene Helfertum durch Mitgefühl zu ersetzen, wird das Opfer ermächtig, seine Kräfte zu entwickeln und selbstwirksam zu werden. Das Mitgefühl mit der Last der anderen stärkt auf neue Weise den Selbstwert, denn es achtet die Würde des Hilfsbedürftigen. Aus einer Abhängigkeitsbeziehung wird ein von Empathie und Respekt getragenes Mitsein: Getragen vom Verstehen des Leids und von der Zuversicht, dass es eine Lösung gibt und dass die betroffene Person über viele Ressourcen verfügt, um sich selbst zu helfen. Menschen brauchen einen empathischen Beistand und nicht das Abnehmen der Belastung. 

Der Retter wächst heraus aus seiner zwanghaften Rolle und findet zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Hilfe und Selbsthilfe. Statt anderen die Verantwortung wegzunehmen, übernimmt er sie für sich selbst.  Das Opfer befreit sich aus der beschämenden Rolle der Abhängigkeit und findet einen Zugang zu den eigenen Fähigkeiten zur Lebensbewältigung. Es verbindet sich mit dem Teil der Würde, der mit der Bewältigung von Herausforderungen einhergeht. Die Last bleibt dort, wo sie behoben werden kann, die Verantwortung bleibt dort, wo sie getragen werden kann. Wenn Dinge an ihren Platz gelangen, tritt Erleichterung im ganzen System ein.

Jeder trage seine Lasten, soweit er es vermag. Jeder kümmere sich um die Lasten anderer, um unterscheiden zu können, wann eine Hilfe sinnvoll und förderlich ist und wann nicht.

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