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Mittwoch, 20. August 2025

Religion und Krieg

Religionen verkünden das Absolute. Sie wollen die Menschen dazu bewegen, ihre Alltagssorgen hinter sich zu lassen und dem Absoluten die Priorität im Leben zu geben. Da das Glauben an das Absolute keine reine Gefühlssache sein kann, appellieren sie an die höheren kognitiven Funktionen, mit denen die Menschen ihre Impulse und Gefühle kontrollieren können.  In komplexen Konfliktfeldern kann nur mit Hilfe dieser Funktionen das Ausbrechen von Kriegen verhindert werden, bzw. kann nur über diesen Weg Friede nach Kriegen geschlossen werden. 

Der Friede spielt deshalb eine wichtige Rolle in den Religionen und steht im Zentrum der Botschaften von Religionsstiftern und hohen Vertretern von Religionsgemeinschaften. Und doch kommt es immer wieder vor, dass die Religionen an Kriegen beteiligt sind oder solche sogar auslösen. 

Die Übersetzungsprobleme des Absoluten

Die Verkündigung des Absoluten stößt immer wieder auf Schwierigkeiten, weil das Absolute in die Sphäre der relativen menschlichen Sprache übersetzt werden muss. Deshalb ist die Verkündigungspraxis untrennbar mit den menschlichen Schwächen, ihren Impulsen und Gefühlen verbunden. Alle Religionsstifter, alle Heiligen und Propheten waren Menschen mit Stärken und Schwächen. Sie waren vom Absoluten begeistert und fühlten sich davon in einer grundlegenden Weise verändert und befreit. In diesem Zustand waren sie für viele andere, die an ihren Sorgen und Ängsten litten, ein leuchtendes Vorbild, dem sie nachfolgten, um auch in einen Zustand des Glücks und der Befreiung zu gelangen. Mit jeder relativen Vermittlung, also mit jeder Predigt oder jedem heiligen Text, wird die Botschaft des Absoluten verwässert und widersprüchlicher. Jeder nimmt sich aus der Verkündigung das, was er gerade für die eigene Bedürfnislage braucht. Und schon dient die Religion nicht mehr der Annäherung an das Absolute, sondern ordnet sich den Interessen der Menschen unter. 

Deshalb kann z.B. die russisch-orthodoxe Kirche den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine rechtfertigen. Das Oberhaupt dieser Kirche bezeichnet den Krieg als „metaphysischen Kampf“ zwischen Russland (als Verteidiger traditioneller Werte, vor allem des Patriarchalismus) und einem „dekadenten“ Westen. Diese Position hat nichts mit dem Absoluten zu tun, sondern nutzt den Anschein der göttlichen Nähe für politische und kulturkämpferische Propaganda. Die militärische Gewalt wird unter Missbrauch religiöser Formeln geheiligt.

Zwar bringt jede Religion Strömungen hervor, die das Absolute wieder ins Zentrum stellen wollen (z.B. die Ordensgründungen oder die Reformationen im Christentum oder der Sufismus im Islam), doch werden diese Versuche der Zurückführung auf die eigentliche Botschaft entweder selbst wieder institutionalisiert oder sie bleiben Randphänomene. Die Reformation hat z.B. evangelikale Kirchen hervorgebracht, die in den USA strikt nationalistisch auftreten und die aggressive Migrationspolitik der gegenwärtigen Regierung unterstützen. 

Religion und Angsterzeugung

Es ist den Religionen gelungen, mehr Ethik ins Volk zu bringen. Insbesondere monotheistische Religionen (Christentum, Islam) nutzen das Jenseits als ethisches Korrektiv für das Diesseits. Wer hier nach dem Guten strebt, wird dort mit ewiger Glückseligkeit belohnt. Anders im Hinduismus: Wer hier Gutes bewirkt, kann mit einer besseren Wiedergeburt rechnen; wer nur Gutes tut, wird sogar vom schicksalhaften Rad der Wiedergeburten befreit. Zugleich haben die Religionen aber neue Ängste geschürt: Wer nicht ihren Richtlinien folgt, muss mit ewiger Verdammnis oder mit grauslichen Widergeburten rechnen. Das Tun des Guten wird mit der Angst vor Bestrafung verbunden, und das eigentliche Ziel der Religion, Menschen dazu zu bringen, von sich aus das Gute zu  tun, wird verfehlt. 

Die Angstmache der Religionen rückt sie näher zur Sphäre der Gewalt. In vielen Religionen hat dagegen das Prinzip der Gewaltfreiheit einen wichtigen Platz. Der große Vertreter des gewaltfreien Widerstandes, Mahatma Gandhi, hat die Idee der Gewaltfreiheit aus dem Hinduismus übernommen („Ahimsa“) und von der bloßen Vermeidung von Gewalt zu einer aktiven Haltung des Mitgefühls auch gegenüber Gegnern erweitert.

Muhammad spricht in frühen Suren des Korans von Gewaltfreiheit und von der Einschränkung der Gewalt. Der umstrittene Begriff des „Dschihad“ (eigentlich: „Anstrengung auf dem Weg Gottes“) wird in der späteren Schriften im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen, in die der Prophet verwickelt war, auch auf militärische Handlungen ausgeweitet. Zur Verteidigung und zur Ausbreitung des Glaubens ist Gewalt nach der Scharia gerechtfertigt. 

Auch das Christentum ist in seiner Geschichte sehr ambivalent mit dem Thema Gewalt verstrickt. Bekanntlich wurden die Kreuzzüge mit äußerster Brutalität geführt. In verschiedenen Kriegen haben Kirchenvertreter Waffen gesegnet und Kriege gutgeheißen, wenn nicht sogar angezettelt. Diese unrühmlichen Rollen wurden durch die Wiedererinnerung an die Friedensbotschaft des Christentums  in längeren Lernprozessen zumindest von Teilen der Amtskirchen verabschiedet.

Vermischung von Absolutem und Relativem

Religionen enthalten immer absolute und relative Wahrheiten. Sobald sich Religionsvertreter in weltliche Belange einmischen, laufen sie Gefahr, den Absolutheitsanspruch der religiösen Wahrheit auf die relativen Dinge zu übertragen. Das Absolute ist ungeeignet, gesellschaftliche Konflikte zu lösen, vielmehr werden Kompromisse verhindert, sobald absolute Ansprüche erhoben werden. 

Aus dieser Vermischung erwächst der Fanatismus, in dessen Namen schon viele Gewalttaten begangen wurden. Im Gefühl der Rechtschaffenheit und Gottesfürchtigkeit wird Böses begangen, ohne Einsicht und Reue, sondern mit der Überzeugung, dem Guten nur auf diese Weise zum Durchbruch verhelfen zu können.

Höchste Erlaubnis für Gewalttätigkeit

Die von den Religionen in der Geschichte bis heute immer wieder entfachte Wucht an Aggressivität wurzelt darin, dass religiös geprägte Religionsvertreter aus missverstandener Treue an das Absolute Gewalt rechtfertigen und dazu ermutigen. Sie nutzen die Autorität des Absoluten, um ihren Anhängern einen Freibrief zu geben, ihre Wut an anderen Menschen auszulassen. Viele Menschen haben große Mengen an Wut in sich aufgestaut, gespeist aus den verschiedensten Quellen der eigenen Lebensgeschichte. Mit einem Heiligenschein versehen, darf sich die Wut an unschuldigen Opfern austoben, scheinbar als Dienst am Absoluten. In Wahrheit sind es Machtinteressen von verblendeten Menschen, die aus solchen angezettelten Blutvergießen ihren Nutzen ziehen. Die Vollstrecker der Gewalt dienen als nützliche Idioten der Anstifter, und diese hängen sich den Mantel des Absoluten um, um ungeschoren davon zu kommen und ihre Schäfchen ins Trockene bringen zu können.

Klare Grenzen als Voraussetzung für die Humanität

Dort, wo es gelingt, eine klare Grenze zwischen den absoluten und den relativen Wahrheiten zu ziehen, wird dem Kaiser gelassen, was des Kaisers ist, und Gott das, was Gottes ist. Die Kirche bleibt im Dorf, und die Heiligen versuchen nicht, auf mächtige Politiker zu spielen. Dann macht sich die Religion keine Finger mit den hässlichen Geschäften um Krieg und Gewalt schmutzig, sondern besinnt sich auf ihre eigentliche Rolle, die im Übersetzen des Absoluten in die relative Welt der Menschen besteht. 

In vielen Kulturräumen der Welt ist diese Grenzziehung noch immer verschwommen, und dadurch entsteht viel Unheil. Gewalttaten und Kriege werden im Namen und mit Billigung der Religion ausgeführt, scheinbar bewaffnet mit dem Segen Gottes und besessen von der Unerbittlichkeit des Absoluten. Die verführerische Macht absoluter Aussagen bringt noch immer viele Menschen dazu, an sie zu glauben und ihr ohne Kritik zu folgen. Unmenschliche Taten werden mit der Aussicht auf himmlischen Lohn verherrlicht, während sich die religiöse Botschaft gerade selbst ins Absurde dreht, gegen sich selbst gerichtet. Eher über lang als über kurz graben sich die Religionen in ihrem Machtrausch den Boden ab, auf dem sie entstanden sind. Sie merken nicht, dass sie sich mit den Kräften verbündet haben, die sie in ihren Predigten als den Teufel brandmarken. 

Menschen, die sich nicht von Absolutheitsansprüchen verführen und blenden lassen, wenden sich mit Abscheu von der Heuchelei und Verlogenheit von Religionen ab, die Wasser predigen und Blut trinken. Aufrechte und würdebewusste Menschen können nur glauben, was glaubhaft ist, was also von ethischer Integrität getragen ist. 

Gesellschaftlicher Bedeutungsverlust und spiritueller Gewinn

Die Krise des Christentums in den aufgeklärten Ländern West- und Nordeuropas hat mit den inneren Widersprüchen zu tun, die aus der Vermischung relativer Machtansprüche mit der absoluten Botschaft entstanden sind.  In der Rückbesinnung auf den ursprünglichen Verkündigungsauftrag haben sich diese Kirchen einerseits mehr der Mystik, also der direkten Erfahrung des Absoluten, und andererseits der Caritas, der Vermenschlichung des Absoluten im Einsatz für die Hilfsbedürftigen und Schwachen der Gesellschaft zugewandt und sind dadurch wieder glaubhaft geworden.

Der Deutungs- und Bedeutungsverlust der Religionen als Folge der Religionskritik der Aufklärung ist ein Prozess, der für die Vermenschlichung der Gesellschaften unabdingbar ist. Es handelt sich um eine Art der Gesundschrumpfung. Erst dann, wenn sich die Religionen auf ihren von ihren Stiftern vorgegebenen Weg der Liebe und Demut zurückbegeben, können sie den Menschen eine Orientierung anbieten, die sie aus der Gewaltbereitschaft zur Friedfertigkeit führt.

Die Religionen haben nur eine Zukunft, wenn sie sich bedingungslos auf die Seite der Friedensstifter stellen und in Kriegen nie auf der Täter-, sondern immer auf der Opferseite stehen. Indem sie auf alle Machtansprüche verzichten, können sie ihre Kräfte dem Dienst an den leidenden Menschen widmen. Sie gewinnen dadurch die ethische Integrität, mit der sie gegen alle destruktiven Strömungen auftreten können. Sie werden zu Vertretern der menschlichen Vernunft und unterstützen die Projekte der Vermenschlichung gegen die Egoismen. 

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Kriege entstehen in den Köpfen
Krieg und Scham
Pazifismus in der Krise?

 

Sonntag, 11. Mai 2025

Hass, Zerstörung und Krieg

Die Inder haben der Zerstörung eine eigene Göttin gewidmet. Denn die Kraft der Zerstörung ist, so seltsam es klingen mag, eine wichtige Kraft in der Weiterentwicklung des Lebens, in der Evolution. Altes geht unter, damit Neues gedeihen kann. Die Natur zerstört Leben und schafft neues Leben. Das Alte geht zugrunde, damit Neues wachsen und gedeihen kann. 

Wenn die Natur zerstört, wie z.B. bei einem Erdbeben, so gestaltet sie sich um und gibt sich sofort eine neue Form. Nach einem Lavaausbruch aus einem Vulkan beginnen irgendwann Pflanzen zu sprießen. Das Tragische oder Katastrophale bei solchen Ereignissen liegt „nur“ im Leiden der betroffenen Menschen, die unwiederbringlich ihr Hab und Gut oder ihre Liebsten verloren haben. 

Der Natur nachgemacht, kann auch jeder Mensch eine konstruktive Form der Zerstörung anwenden. Er kann in sich spüren, was ihn an sich selbst stört – schlechte Gewohnheiten, behindernde Verhaltensmuster, unethische Charakterzüge. Dann braucht er Mut, um diese Aspekte der eigenen Persönlichkeit in sich selbst zu konfrontieren, mit dem Ziel, sie dann stillzulegen, zu transformieren und neue kreative Impulse an ihre Stelle zu setzen. Das ist die konstruktive Seite am menschlichen Zerstörungstrieb.

Hass und Selbstzerstörung

Es gibt aber auch eine Zerstörung um ihrer selbst willen. Sie stammt aus der genuin menschlichen Regung des Hasses. Der Hass will das, was ihn stört, vernichten, sodass es nie mehr stören kann. Die Nationalsozialisten fühlten sich durch die Juden gestört, also wollten sie alle umbringen. Die Migrantenhasser fühlen sich durch Ausländer gestört und wollen sie alle außer Land bringen, damit sie an keiner Störung mehr leiden müssen. 

Der nach außen gerichtete Hass ist im Grund eine Abwehrstrategie gegen den eingepflanzten Selbsthass; Hass auf Objekte im Außen ist also immer auch Selbsthass, mutwillige Zerstörung vernichtet Teile der eigenen Seele. Der Selbsthass wiederum ist das Ergebnis eines von anderen empfangenen Hasses. Eltern, die sich im Grunde selbst hassen, geben ihren Hass auf ihre Kinder weiter, die dann anfangen, sich selbst zu hassen, d.h. ihre Selbstauslöschung wünschen, um den Willen der Eltern zu erfüllen. Hier führt ein Weg zu schweren Depressionen bis zum Selbstmord, die andere Richtung zur erneuten aggressiv geladenen Projektion des Hasses nach außen, der sich dann in Zerstörungswut äußern kann.

Geteilter Hass führt  zur Gewalt.

Der Hass, der dann im Inneren getragen wird, bleibt oft verborgen, bis Gleichgesinnte gefunden werden, mit deren Hilfe er nach außen gewendet werden kann. Eine Gruppe, mit der der Hass geteilt wird, entlastet von der Scham, die mit jeder Hassregung verbunden ist. Alles Lebensfeindliche ist schambesetzt; eine geteilte Scham kann jedoch leicht in Aggression und Gewalt umgemünzt werden. Die Gruppe sorgt für die Rechtfertigung, in dem sie sich einer Ideologie unterordnet, z.B. der antisemitischen oder der ausländerfeindlichen Ideologie.

Die Aufgabe von Ideologien besteht darin, die irrational gesteuerte Destruktivität aus unverarbeiteten Hassgefühlen als konstruktive Zerstörung zu tarnen. Menschen beginnen Kriege nur aufgrund von Ideologien, die die Zerstörung der Feinde als unausweichlich darstellen, damit das Leben gut weitergehen kann. Die Umwandlung der hassgeleiteten Zerstörungswut in einen geheiligten Krieg, also in einen scheinbar notwendigen Schritt zur Läuterung und Reinigung, dient zur Rechtfertigung der Gewalt und zur kollektiven Schamentlastung.

Ohne Ideologie kein Krieg

Österreich-Ungarn begann 1914 den Krieg gegen Serbien auf der Grundlage der Ideologie, für einen Mord einen ganzen Staat verantwortlich zu machen und dafür zu bestrafen. Die Entfesselung eines Weltkriegs wurde blind in Kauf genommen. Hitlerdeutschland begann 1939 den Zweiten Weltkrieg mit der ideologischen Rechtfertigung, die Schmach des Vertrages von Versailles rückgängig zu machen und Lebensraum für das deutsche Volk im Osten zu schaffen. Die USA haben sich in den Vietnamkrieg eingemischt, um die Weltherrschaft des Kommunismus zu verhindern. Russland hat die Ukraine angegriffen, um den angeblich dort herrschenden Nationalsozialismus zu beenden. Usw. 

Die Zerstörungswut kann vor allem dann schamfrei ausgelebt werden, wenn sie durch einen Gruppenkonsens als „natürliche” und notwendige Reaktion auf ein Unrecht oder eine Unmenschlichkeit erscheint. Deshalb nehmen sich politische Parteien dieser Hassimpulse an. Sie entwerfen Ideologien zur Bemäntelung und Heroisierung von pathologischen Gefühlsreaktionen. Diese sollen als beinahe naturnotwendige Eingriffe in den Lauf der Dinge erscheinen, um alles Böse wieder zum Guten zu wenden.

Kriege zerstören Menschenleben und materielle Werte. Wenn eine Rakete, die um die 1 Million gekostet hat, in ein Haus einschlägt, das 10 Millionen wert ist, dann ist, nüchtern betrachtet, der Gegenwert von 11 Millionen in Schutt und Asche verwandelt, also vernichtet. Waren Menschen in dem Haus, so ist der vernichtete Wert unermesslich höher. 

Dem aus Hass Zerstörten steht nicht Neuerschaffenes gegenüber. Irgendwann vielleicht, wenn in der Gegend wieder Friede herrscht, kann das Haus neu errichtet werden (die Kosten werden weit höher sein als die zerstörten Werte); die Menschenleben sind aber für immer verloren. Vernichtet wurden Menschenleben und Dinge, die das Leben erschaffen hat, in Form von Produkten menschlicher Arbeit (das Erbauen eines Hauses oder die Konstruktion einer Rakete samt aller dafür notwendigen Materialien), unter Verwendung von Rohstoffen aus der Natur. All das, was die Natur durch langsame Prozesse der Evolution geformt hat, wurde mit einem Schlag in lebloses sinnloses Chaos verwandelt. Massive Ressourcen verschwinden in dem Haufen der Zerstörung. Und dieser Schlag ist durch nichts anderes als durch immensen menschlichen Hass gesteuert. 

Es wird so lange Kriege unter den Menschen geben, als die Quellen des Hasses nicht trockengelegt sind – in den individuellen wie in den kollektiven Seelen. Es wird so lange Kriege geben, als die Menschen hasserfüllte Ideologien hervorbringen, verbreiten und verfolgen. Es wird so lange Kriege geben, als der unermessliche Wert jedes Menschenlebens ignoriert und Zielen untergeordnet wird, die einer unerlösten Zerstörungswut entspringen.

Zum Weiterlesen:
Die Kraft der Zerstörung
Der Hass in der politischen Fixierung
Hass und Liebe: Vom Mangel in die Fülle
Hass im Internetzeitalter
Geschlossene Systeme und der inhärente Hass


Samstag, 22. Juni 2024

Kriege entstehen in den Köpfen

Kriege wirken auf die betroffenen Menschen wie Naturkatastrophen, denen sie machtlos ausgeliefert sind. Aber es ist nicht die Natur, die Kriege hervorbringt. Manche meinen, es wäre die animalische Seite des Menschen, die zur Gewalt neigt und zum Berserker wird, wenn die Ressourcen knapp werden und von Artgenossen bedroht sind. Das wäre der Ursprung für das Kriegführen. Doch wegen der hohen Zerstörungskraft, die von menschlichen Kriegen ausgeht und die mit jeder Weiterentwicklung der Technik wächst, sind Kriege hochriskante Abenteuer, und das, was für ihre Entfesselung notwendig ist, geht weit darüber hinaus, was animalische Triebe hergeben. Die Motive, die hinter dem Auslösen von Kriegen stecken, sind viel komplexer.

Der Historiker Yuval Harari sagt in einem Videogespräch: „Menschen kämpfen nicht um Land oder Nahrung. Sie kämpfen wegen imaginärer Geschichten in ihrem Verstand.“ Diese Sichtweise verstehe ich folgendermaßen: Die Motive, einen Krieg zu führen, stammen nicht aus unerfüllten Bedürfnissen und davon ausgelösten Frustrationen von Einzelpersonen oder Kollektiven, sondern daraus, dass diese Bedürfnisse mit der Vorstellung verknüpft werden, dass sie nur durch einen Krieg erfüllt werden könnten. Es besteht Hunger, und das Bedürfnis ist, Nahrung zu bekommen; es gibt dazu verschiedene Wege, und einer davon ist es, Krieg zu führen, wenn z.B. ein Land dem anderen die Lebensmittelzufuhr abschneidet. Welcher Weg gewählt wird, entscheidet nicht das Bedürfnis, sondern das Denken. Es wählt unter den Optionen diejenige aus, die am wahrscheinlichsten, am schnellsten oder am nachhaltigsten einen Erfolg verspricht. Diese Wahl wird aus Erzählungen gespeist, die sich vor allem aus Opfergeschichten unter Verwendung von Täterkonstrukten zusammensetzen. Der Opferstatus dient zur Rechtfertigung der Gewaltanwendung gegen den Täter. Um diesem demütigenden Zustand zu entkommen, ist jedes Mittel recht. 

Vorstellungen, die ein gewaltsames Vorgehen als einzige Lösung einschätzen, stammen aus Gefühlen der Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Die Vernunft ist außer Kraft gesetzt. Unbewusste Ängste liefern die alleinige Triebkraft für die Aggressionen. Diese Ängste werden von Denkkonstrukten erzeugt, die einen Opfer-Täter-Zusammenhang suggerieren, der nur durch die Vernichtung des Täters aufgelöst werden kann. Der Opferstatus kann nur durch die Übernahme des Täterstatus überwunden werden, so die Gefühlslogik, die hinter jeder kriegerischen Aggression steckt. Nur wenn ich so böse werde wie der Täter, der mich zum Opfer gemacht hat, kann ich die Schande des Opferseins ausgleichen. 

Opfererzählungen nähren sich auf der individuellen Ebene aus einem mangelhaften Selbstwert; auf der kollektiven Ebene ist es genauso. Es wird nur das Mangelhafte am eigenen Kollektiv wahrgenommen, eben die Unterlegenheit gegenüber einem anderen Kollektiv, und dieser Mangel kann nur dadurch behoben werden, indem das andere Kollektiv besiegt und unterworfen wird.

Nehmen wir das Beispiel des Russland-Ukraine-Krieges. Der russische Diktator hat diesen Krieg unter Verwendung mehrerer Narrative entfesselt. Prominent dabei ist die Auffassung, dass Russland seine nationale Größe nach dem Zerfall der Sowjetunion verloren hat und dass die Größe weiterhergestellt werden muss. Russland ist in eine Mangellage geraten, die Verkleinerung des Staatsgebietes hat den nationalen Wert gemindert und das Land in einen Opferstatus gerückt. Als Täter eignet sich der Westen, insbesondere die NATO, die sich auf Kosten von Russland ausbreiten will und das Land immer mehr an den Rand drängt. Da die Ukraine, die Teil der Sowjetunion war, sich dem Westen zuwenden will, stellt sie eine weitere Bedrohung dar, die den Opferstatus Russlands noch mehr verschärfen würde. Also, wo kein Wille ist, bleibt nur die Gewalt. Es geht folglich Russland bei diesem Krieg nicht darum, mehr Land und damit mehr Macht zu gewinnen (Land hat, wie Harari bemerkt, Russland mehr als genug), sondern darum, den Opferstatus, der aus dem Narrativ der eigenen Minderwertigkeit hervorgeht, zu eliminieren und damit die eigene Geschichte vom Opferstatus in die Täterrolle zu drehen. 

In einem Spiegel-Interview sagt Harari: „Nationale Interessen sind oft nicht durch objektive Vernunft geformt, sondern entstehen aus mythologischen Narrativen, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben.“ Ebenso, wie Nationen als solche schon Schöpfungen von Erzählungen sind, sind nationale Interessen aus den Gefühlsenergien dieser Erzählungen gespeist. Der Begriff eines nationalen Interesses wird von Politikern gerne verwendet, wenn sie Machtansprüche ausdrücken wollen und gehört zur Rhetorik der Vorbereitung von Kriegen. Gesellschaften verfügen über die unterschiedlichsten Interessen, z.B. ganz zentral das Interesse am Frieden. Denn nur im Frieden kann das Zusammenleben der Menschen gedeihen. 

Werden Gesellschaften mit Nationen gleichgesetzt, so dringen die nationalen Erzählstränge in die Mentalität der Gesellschaft und in die Psyche ihrer Mitglieder ein. Diese Narrative dienen der Herstellung der Identifikation der Mitglieder mit dem Kollektiv. Auf diese Weise wurden und werden Gesellschaften in Nationen umfunktioniert und auch die Interessen der Mitglieder denen der Nation untergeordnet. Diese Verschiebungen bilden die Grundlage für die Kriegsbereitschaft in der Moderne. 

Die furchtbaren Erfahrungen zweier Weltkriege, die aus diesen Dynamiken entstanden sind, haben dazu geführt, Ansätze einer übernationalen Weltordnung zu erstellen. Die Langsamkeit der Entwicklung der weltweiten Zusammenarbeit zeigt, wie tief die „mythologischen“ Nationalnarrative verankert sind. Aus diesen Gründen entstehen immer wieder neue kriegerisch ausgetragene Konflikte, zum Schaden der betroffenen Menschen und der Menschheit insgesamt. Jeder neue Krieg ist ein massiver Anschlag auf die Menschenwürde und stellt eine Schande dar, für die Verantwortlichen und für die Menschheitsfamilie. Das Versagen der Friedenspolitik, das wir in den letzten Jahren beobachten und bedauern können, zeigt die Macht der unbewussten Kräfte aus dem Zusammenspiel von Opfer- und Täterrollen auf der Basis von gedanklichen Konstrukten.

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Kriegsverbrechen und Schamverdrängung
Krieg und Scham
Pazifismus in der Krise?
Das Kämpfen nährt den Kampf


Donnerstag, 7. März 2024

Das Kämpfen nährt den Kampf

Wenn wir gegen jemanden kämpfen, wollen wir diesen Gegner schwächen, bis er besiegt ist und wir gewonnen haben. Das ist das Ziel jedes Kampfes. Sobald wir mit einem Kampf beginnen, wehrt sich aber der Gegner und sammelt seine Kräfte. Um zu bestehen, muss er über sich hinauswachsen und Energien mobilisieren, die ihm sonst nicht zur Verfügung stehen. Er wird durch unseren Angriff stärker. Es entsteht also ein Paradoxon: Wir wollen den Gegner schwächen und erreichen gerade dadurch, dass er stärker wird. Ähnliches geschieht in uns selber: Wir haben ein Feindbild in uns, mit dem wir unseren Angriff rechtfertigen. Sobald wir erkennen, dass sich der Gegner wehrt, wird dieses Feindbild in uns mächtiger. Das Feindbild wächst mit jedem Schlag, zu dem wir ausholen oder den wir einstecken, und damit ergreifen auch unsere Feindschaft und unser Hass mehr Besitz von uns selber. 

In einem Krieg z.B. wird der Gegner gezwungen, aufzurüsten, wenn er angegriffen wird. Je stärker der Angriff abläuft, desto stärker wird die Gegenwehr und desto zerstörerischer werden die Kämpfe. Gleichzeitig werden die Feindbilder auf beiden Seiten aggressiver und verzerrter. Wir können diese Dynamik bei allen großen und kleinen Konflikten beobachten. Ähnlich manchen Boxkämpfen enden viele Kriege erst, wenn die Kräfte emotional oder physisch erschöpft sind. Dann setzt sich entweder die Seite durch, die den längeren Atem hat, oder der Konflikt endet wie beim Schach mit einem Remis oder Patt.

Die Kampfdynamik wirkt weit, selbst wenn der Gegner besiegt wurde. Die unterlegene Partei muss dafür sorgen, ihre verlorene Würde wiederherzustellen. Sie will wieder zu Kräften kommen und die verlorene Macht neu errichten. In diesem Prozess wird der Drang nach Rache aufwachen und irgendwann in Aktion treten. Die Scham, die die Niederlage bereitet hat, soll durch einen Racheakt ausgeglichen werden, der andere beschämt, indem er sie in die Opferposition bringt. 

Kampf um des Kämpfens willen

Im Kampf geht es nur scheinbar um den Sieg und in Wirklichkeit um das Kämpfen selbst. Wir kennen diese Dynamik von Wettkämpfen oder Konkurrenzspielen. Wir wollen, dass unser Handballteam das gegnerische besiegt; aber die eigentliche Befriedigung liegt im Spielen. Auch wenn wir unterliegen, wollen wir weiterspielen. Das Spannende und Lohnende ist der Wettkampf selbst, nicht das Ergebnis. Hobbyfußballer, die sich auf dem Feld nichts schenken, gehen nachher gemeinsam Bier trinken. Im geselligen Beisammensein wird das Gefälle zwischen den stolzen Siegern und den beschämten Unterlegenen wieder ausgeglichen.

Sportliches Kräftemessen

Sportliches Kräftemessen unterscheidet sich allerdings prinzipiell von anderen Formen des Kampfes, die auf Feindschaft und Hass beruhen. Aktivitäten, die wir aus freien Stücken verfolgen, erleben wir ganz anders als solche, die wir als aufgezwungen erleben und aus denen wir nicht einfach aussteigen können, wenn wir wollen. Der Unterschied liegt also darin, ob die Kontrolle über das Geschehen bei uns liegt oder nicht. In einem Fall sprechen wir von einem guten Stress (Eustress), im anderen vom Distress. Bei Eustress gerät der Körper zwar in einen Anstrengungszustand mit der Aufbietung von Reserven und schüttet dazu das Stresshormon Adrenalin aus, aber mobilisiert zugleich Dopamin, das für Glücksgefühle zuständig ist. Beim Distress folgt auf die Adrenalinausschüttung das Cortisol, das langfristig wirksame Stresshormon, aber kein Dopamin. Hier stehen wir also unter einer Angstspannung ohne jeden Lustfaktor, denn es geht um Leben oder Tod. Die Spannung wirkt außerdem noch über die Kampfsituation hinaus und enthält die Tendenz zur Chronifizierung.

Die Corona-Debatten

In der Corona-Debatte konnten wir beobachten, dass die hitzigen Debatten über das Corona-Management oder das Impfen immer schärfer wurden, je länger sie dauerten. Viele Diskussionen führten nicht dazu, dass sich die Standpunkte nicht annäherten, sondern dass sie sich, aufgeladen durch die aufgeheizten Auseinandersetzungen, immer weiter voneinander entfernten, während der Hass in den unterschiedlichen Lagern wuchs. Je mehr Kampfenergie in die Debatten gepumpte wurde, desto ausdauernd wurde der Kampf. Erst als sich die Pandemie beruhigte und die Erkrankungen weniger und milder wurden, ebbten die Diskussionen ab. Aber auch Jahre danach wirken die Folgen weiter, manche aufgerissenen Gräben in Familien oder Freundesgruppen sind noch immer nicht zugeschüttet.

Das Festhalten am Kämpfen hat viel damit zu tun, die Schmach der Niederlage nicht tragen zu wollen und deshalb bis „zur letzten Kugel“ weiterzukämpfen. Es ist also die vorweggenommene Scham, im Fall des Unterliegens als Schwächling und Versager dazustehen. Diese Dynamik kennen wir von Debatten über scheinbar harmlose Themen ebenso wie von Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen bewaffneten Konflikten, die über Jahre und Jahrzehnte brennen und schwelen. Eine verdeckte Form der Schamvermeidung stellt das Wettrüsten zwischen den Großmächten dar.

Die Erkenntnis, dass der Kampf das Kämpfen nährt, liefert keinen zureichenden Grund, gänzlich auf das Kämpfen zu verzichten. Wenn einer Aggression von außen keine Gegenaggression entgegengestellt wird, hat sie die natürliche Tendenz, sich weiter auszubreiten und sich noch mehr Raum einzuverleiben. Aber wir brauchen auch die Bewusstheit über diese Dynamik, weil sie uns darauf hinweist, wann es notwendig ist, auf das Kämpfen zu verzichten. Irgendwann wachsen die Schäden und damit die vielen Formen des Leidens ins Unermessliche, die durch das Zerstörerische am Kämpfen ausgelöst werden. Als Großmut gilt, wenn der Stärkere im Kampf dem unterlegenen Gegner die Hand reicht und ihm auf Augenhöhe begegnet. Der Kampf ist zu Ende, die Menschen können wieder wahrnehmen, dass sie keine Feinde, sondern Brüder und Schwestern sind. Der Zyklus der Rache ist durchbrochen. Nur mit der hohen Tugend des Machtverzichts kann es gelingen, dort einen dauerhaft haltbaren Frieden zu schaffen, wo Feindschaft geherrscht hat. 

Der Nahostkonflikt als Beispiel

Der Gaza-Krieg, der zurzeit wütet, dient aus israelischer Sichtweise dem Ziel, die Hamas zu vernichten. Es handelt sich um einen Racheakt gegen den blutigen und blutrünstigen Überfall der Hamas auf Israel, mit dem solche Überfälle in Zukunft verhindert werden sollten. Eine der modernsten und bestausgebildetsten Armeen der Welt kämpft gegen eine Terrororganisation oder gegen die gewählte Verwaltungsmacht im Gaza-Streifen, je nach Sichtweise. Dieser Krieg dauert nun schon 6 Monate und hat bisher ca. 30 000 Tote und 70 000 Verletzte verursacht, darunter ca. 1200 israelische Tote und 5000 Verletzte. Er spielt sich im Gaza-Streifen ab und hat dort zu massiven Zerstörungen der Wohnanlagen und der Infrastruktur  geführt. 70 Prozent der Gebäude liegen in Trümmern.

Ein neues Kapitel im nun schon über hundert Jahre alten Nahostkonflikt, ohne jede Aussicht auf eine Lösung, ohne Aussicht auf einen Frieden. Spätestens seit der Staatsgründung von Israel 1948 war der Landstrich am Ostufer des Mittelmeers der Schauplatz von vielen Kriegen und spannungsgeladenen Zwischenzeiten. Die Aussicht auf einen dauerhaften Frieden mit einer Zweistaatenlösung hat sich in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts zerschlagen. Jeder Krieg hinterließ auf beiden Seiten tiefe Spuren, jeder Krieg trug zur Vermehrung und Vertiefung des Hasses und damit zur Steigerung der Gewaltbereitschaft bei. Bei den Palästinensern, die in jedem Krieg die Verlierer waren und die durch vielfache Vertreibungen gedemütigt wurden, ist die Last der Scham über mehrere Generationen angewachsen. Bei den Israelis ist parallel dazu die Angst angewachsen. Denn bewusst oder unbewusst stellt es eine enorme Belastung dar, mit Nachbarn zu leben, die voll von Hass und Scham sind. Es ist nur die Frage, wann es zur nächsten aggressiven Explosion kommt. Auch wenn es auf beiden Seiten Menschen gibt, die über diese Gefühlsbelastungen hinausgewachsen sind und sich im offenen Dialog verständigen können, steckt die große Mehrheit in der Geschichte von Verletzungen und Gewalthandlungen fest. 

Es besteht in dieser Gegend seit vielen Jahrzehnten ein Dauerkampf, der manchmal offen ausbricht und ansonsten unterschwellig besteht; es gibt die offenen Aggressionen der Palästinenser und die strukturelle Gewalt der Israelis, die sich gegenseitig befeuern (es gibt dazu noch offene Aggressionen der Israelis mit der Ermordung von über 400 Palästinensern im Westjordanland seit dem 7.10.23). Als scheinbar unvermeidliche Folge der Dauerspannung wächst beständig die Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten. Immer mehr Israels wählen rechte Parteien, die die ihre Feindschaft gegen die Palästinenser offen zur Schau stellen, während auf palästinensischer Seite die radikalen politischen Organisationen immer mehr Zulauf bekommen. Die Dauerspannung wächst also weiter und weiter.

Der israelische Staat kann sich auf eine moderne Wirtschaft und auf die Unterstützung der USA und anderer westlicher Staaten stützen, die seine Existenz garantieren. Die Palästinenser haben große Teile der arabischen Welt auf ihrer Seite, die ihr Überleben auch unter den prekärsten Bedingungen absichern, so gut es geht. Auf diese Weise sind mächtige Staaten und damit viele Volkswirtschaften und Gesellschaften in den Konflikt eingebunden. Wegen der nationalstaatlichen Souveränitäten haben die Außenstehenden aber nicht die Einflussmöglichkeiten, um den Krieg zu beenden und Friedensregeln einzuführen.

Da die Lebenschancen im Gazastreifen durch die Abriegelung nach außen minimal sind, gibt es für viele, vor allem junge Menschen keine Perspektiven für eine kreative Selbstverwirklichung. Deshalb wird es immer wieder Jugendliche geben, die zur Gewalt tendieren und zu den Waffen greifen wollen, um wenigsten ein kleines Machtgefühl zu erlangen. Jeder Tag, den der Krieg andauert, erzeugt neben all dem Leid neue Kampfbereitschaft, die sich irgendwann in der Zukunft ihre Bahn brechen wird.

Der Kampf nährt den Kampf und bringt immer wieder neuen Kampf hervor, solange versucht wird, die Spannungen mit Gewaltanwendung zu lösen. Der gewaltsam niedergerungene Gegner wird irgendwann wieder aufstehen und die angetane Gewalt heimzahlen.

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Krieg und Scham


Montag, 27. März 2023

Der plötzliche Tod und die moderne Lebensweise

Ist der plötzliche Tod ein Phänomen der Neuzeit und eine Folge der Beschleunigung, die stattgefunden hat? Sicher hat es schon früher plötzliche Todesfälle gegeben, durch Unfälle, Gewalteinwirkung oder durch Herzstillstand. Aber es könnte sein, dass diese Todesart zugenommen hat, so wie auch die allgemeine Geschwindigkeit zugenommen hat. 

Der Verkehrstod 

90 % der Todesfälle durch Unfall geschehen im Straßenverkehr. Die rasante Zunahme der Verkehrstoten hat in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht dazu geführt, dass die Geschwindigkeit der Autos reduziert wurde, sondern dass die Fußgänger und Radfahrer von den Straßen verdrängt wurden. Einschränkungen müssen die potenziellen Opfer auf sich nehmen, nicht die möglichen Täter in ihren schweren Fortbewegungsmaschinen. 

Priorität genießt also die Schnelligkeit, und jeder, der sie stört, wird von den privilegierten Verkehrsflächen verbannt. Das Geschwindigkeitsprinzip im Sinn des expandierenden Kapitalismus hat zur Bevorzugung der schnellen Verkehrsmittel vor den langsameren Verkehrsteilnehmern geführt, und es ist bis heute wirksam. Die Verantwortung für den schnellen Verkehrstod wird damit von den schnelleren und damit lebensgefährlicheren Fortbewegungsmitteln auf die langsameren übertragen. 

Die Anzahl der Verkehrstoten weltweit übertrifft regelmäßig die der Todesfälle durch Kriege, Genozide und Terrorüberfälle bei weitem, und dabei sind diejenigen, deren Leben durch indirekte Folgen des Verkehrs verkürzt wird, z.B. durch Luftverschmutzung, gar nicht mit einberechnet. Miteinbezogen, würden sich die Todesfälle durch Verkehr verdreifachen. Die Beschleunigung fordert ihren Preis, und mit ihr steigen die plötzlichen Todesfälle. Der Tod hält offensichtlich Schritt mit der allgemeinen Zunahme der Schnelligkeit. 

Wir alle wünschen uns einen sanften, langsamen Tod. Wie das schöne Wort besagt, wollen wir friedlich entschlafen, nachdem wir uns von unseren Nächsten verabschiedet haben. Doch führen wir unser Leben so, dass wir alles tun, um dieses Ziel nicht zu erreichen. Wir beschleunigen, wo es nur geht, treiben uns an zu mehr und effektiverer Leistung, haben das Gefühl, dass wir nirgends nachlassen dürfen und meinen, dass auch nur kurzzeitige Untätigkeit der Anfang allen Lasters ist. Wir pumpen immer mehr Energie in alle Abläufe unseres Lebens und sorgen immer weniger für deren Regeneration und Nachhaltigkeit. Wir betreiben Raubbau an uns selbst, nicht nur an den natürlichen Ressourcen um uns herum. Wie also soll unser Leben organisch ausklingen, wenn wir bis zum Äußersten unorganisch leben?  

Krieg und Tod 

Plötzliche Tode gab es in allen Kriegen, aber die Technik, die immer mehr die Kriegführung übernimmt, führt zu immer raffinierteren Formen des Tötens, wo mit einem Atombombenabwurf auf einen Schlag hunderttausende Menschen den plötzlichen Tod finden. Raketen werden abgeschossen und landen in Wohnblöcken, in denen viele Menschen ihren sofortigen Tod finden. Der Einsatz von moderner Tötungstechnik fördert die Anonymisierung des Tötens: Der Töter steht dem Getöteten nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber, sondern drückt auf einen Knopf, das Geschoß nimmt seinen Lauf und findet selbstgesteuert sein Ziel, das es sofort vernichtet. Damit fallen viele Tötungshemmungen weg. Der plötzliche Tod wird zum dauernden Begleiter aller Menschen, die in einem Kriegsgebiet leben. Jede Kriegspartei versichert zwar, dass sie nur deshalb tötet, weil damit das Töten schneller beendet werden kann, aber das Einzige, was diese Todeslogik bewirkt, ist ein noch schnelleres und häufigeres Töten. 

Krankheiten der Zivilisation 

Herzinfarkte waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch für 10% der Todesfälle verantwortlich; zur Jahrtausendwende waren es in den Industrieländern bereits 50%. Diese Anstiege werden zwar mit der gestiegenen Lebenserwartung erklärt; ein Zusammenhang mit der zunehmend hektischeren Lebensweise („der Puls der Zeit schlägt immer schneller“) und dieser Form des raschen Todes drängt sich aber auf.  

Die Corona-Pandemie hat nicht nur gezeigt, wie rasant sich eine Krankheit in der modernen Gesellschaft über Länder und Kontinente ausbreitet. Sie hat auch zu einer Beschleunigung des Sterbens vor allem bei vorbelasteten Menschen geführt. Vor allem die ersten Varianten dieses Virus haben die Intensivstationen in unseren hochentwickelten Gesundheitssystemen sehr bald nach dem Ausbruch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt. Die Entstehung und die Verbreitung des Virus, wie auch immer sie passiert ist, ist ohne die Beschleunigungsvorgänge in unseren Gesellschaften schwer vorstellbar. Das Virus erscheint wie ein Ausdruck der Unbewusstheit, mit der die selbst- und naturausbeutende Lebensweise unserer Industriekultur in rasendem Tempo vorangetrieben wird.  

Die Todesverdrängung 

Die Kehrseite der Todesverdrängung, die in allen Beschleunigungsanstrengungen wirksam ist, liegt in immer neuen Formen des plötzlichen Todes, die durch diese Lebensweise in der einen oder anderen Form hervorgerufen werden. Wir entrinnen unserem Ende nicht, so sehr wir uns auch beeilen, all das zu erledigen, was sich immer wieder von neuem auftut, um erledigt zu werden. Es scheint sogar, als würde dieses Ende umso abrupter kommen, je mehr wir ihm mit unserer Hast und mit unserem Vollstopfen der uns noch verbliebenen Zeit entkommen wollen. 

Zum Weiterlesen:

Die Langsamkeit der Natur
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen
Die Geschwindigkeitssucht
Langsamer ist schneller


Freitag, 28. Oktober 2022

Krisen und Krisenresilienz

Im vorigen Artikel war die Rede von Störungen im Alltag. Es gibt Störungen, die von Dauer sind, ohne dass wir uns an sie gewöhnen können, und die wir als sehr heftig erleben. Wir nennen sie dann Krisen. Es sind Anhäufungen von Störungen, die unsere Verarbeitungskapazitäten überschreiten. Persönliche Krisen entstehen durch Krankheiten oder psychische Überlastungen wie z.B. beim Burnout. Gesellschaftliche Krisen entstehen, wenn eine Gesellschaft mit den Herausforderungen nicht mehr zu Recht kommt, die an sie gestellt werden und viele Individuen darunter leiden.

Krisen sind also massive Enttäuschungen von Erwartungen. Sie erschüttern eingeübte Lebensgewohnheiten und unterbrechen ritualisierte Abläufe, was verunsichert und als sehr belastend erlebt wird und Stress erzeugt. Zukunftsbilder und Pläne müssen über den Haufen geworfen werden, und sie zerplatzen wie Seifenblasen. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig, ohne Chance, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Die Pandemie als Krise

In der Pandemiezeit sind viele in Krisen gestürzt – Ängste um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen, Ängste um den Beruf und die Ausbildung, Verlustängste wegen abgeschotteter und unterbrochener Beziehungen. Dazu kamen und kommen die von Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und verzerrten Forschungsergebnissen erzeugten und geschürten Ängste, die das Krisenbewusstsein zusätzlich aufgeladen haben. Viele Menschen mussten viele ihrer Gewohnheiten aufgeben und auf viele Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens verzichten. Diese massiven Enttäuschungen und Verunsicherungen haben Depressionen ausgelöst und zu anderen psychischen Symptomen geführt. Denn wir greifen in Krisen auf unsere Überlebensprogramme zurück. Da sie uns schon irgendeinmal geholfen haben, sollen sie uns auch jetzt mehr Sicherheit verschaffen. Sie engen allerdings unsere Flexibilität und unsere Kreativität ein und schneiden uns von unserem lösungsorientierten Potenzial ab, sodass wir erst recht nicht mit den Herausforderungen der Krise zurande kommen. 

Traumaketten

Alle Krisen docken zusätzlich an das kollektive Krisengedächtnis an, sodass die aktuellen Ängste durch vergangene Ängste verstärkt werden. Die subjektive Krisenresilienz, also die individuelle Fähigkeit, mit Krisen konstruktiv umgehen zu können, hängt sehr von der eigenen persönlichen Vorgeschichte ab. Je mehr Traumatisierungen in der eigenen Geschichte vorgekommen sind, desto verletzbarer und infizierbarer ist das Bewusstsein für aktuelle Krisenbelastungen. Außerdem dringen Verschwörungsgeschichten und vereinfachende Erklärungstheorien leichter in den Innenraum ein und vermindern die Fähigkeit zur adäquaten Wirklichkeitswahrnehmung. Die Personalisierung von komplexen Zusammenhängen, die Fixierung auf Retter und Bösewichte und einfache Schwarz-Weiß-Schemata vermitteln zwar eine gewisse kognitive Orientierung, die einigermaßen Sicherheit gibt, aber sie hilft in der Praxis nicht weiter, weil sie auf realitätsfremden Annahmen und Schlussfolgerungen beruht.

Große Zerstörungen, große Chancen?

Die Krisenbelastungen in Kriegsgegenden sind natürlich noch viel höher und hinterlassen deshalb enorm tiefere Spuren im kollektiven Gedächtnis der betroffenen Länder und der Menschheit insgesamt. Aber selbst beim düsteren Szenario des Ukrainekrieg gibt es Perspektiven der Hoffnung: Vielleicht wird der furchtbare Ukrainekrieg zum wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte des gepeinigten Landes und führt es in eine lichtvollere Zukunft? Vielleicht führt der Krieg in Russland zu neuen Entwicklungen für mehr Demokratie und Meinungsfreiheit?

Der erste Weltkrieg mit seinen Millionen an Todesopfern hat zur Gründung der ersten internationalen Staatenvereinigung und der zweite Weltkrieg mit noch viel mehr Opfern und Zerstörungen zur Gründung der UNO geführt. Die verheerenden Erfahrungen mit den beiden Hauptkatastrophen des vergangenen Jahrhunderts haben bei vielen Menschen eine zuvor noch nie gekannte Friedensbereitschaft wachgerufen und die Ächtung des Krieges zu einem ethischen Standard gemacht. 

Lernchancen

Krisen enthalten große Lernpotenziale, die nach dem Überstehen der Krisenzeit genutzt werden können. Wir werden uns zwar nie mit den angerichteten Zerstörungen und geopferten Menschenleben abfinden können – die tiefen Spuren des vergossenen Blutes sind unauslöschlich in unser kollektives Gedächtnis eingesunken. Wir können aber unsere Energien darauf bündeln, die Chancen, die in einer überwundenen Krise enthalten, zu nutzen, um die Menschheit zu mehr Menschlichkeit weiterzuentwickeln.

Das Lernen durch die Pandemie

Die Pandemie hat nicht nur bei vielen Menschen und in vielen Bereichen die digitalen Fähigkeiten verbessert, sondern auch neue Einstellungen zur Gesundheit, zum Gesundheitswesen und zu den Gesundheitsberufen hervorgebracht. Es hat sich als gesellschaftlicher Konsens herausgebildet, dass der Wert jedes einzelnen Menschenlebens über betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzenrechnungen und über kapitalistische Gewinnerwartungen gestellt werden muss – oder: Die Ethik ist wichtiger und maßgeblicher als die neoliberale Ideologie.

Klima und Krisenbewusstsein

In Bezug auf die Klimakrise sind wir als Gesellschaft viel zu weit vom Krisenbewusstsein und damit von der Lernzone entfernt. Es braucht offenbar noch mehr und noch schlimmere Katastrophen, damit eine kritische Masse für substantielle Veränderungen entsteht. Viele Menschen sind erst dann bereit, ihr Leben zu verändern und gesellschaftliche und politische Änderungen zu fordern, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht – wie den Menschen in Bangladesch und Pakistan, wenn also die Krise an die eigene Haustüre klopft und sie die Bedrohung hautnah erleben müssen.

Zerstörung und Neubeginn

Krisen haben Ähnlichkeiten mit Geburtsprozessen. Das Alte wird zerstört und muss unwiederbringlich hinter sich gelassen werden. Vom Alten zum Neuen muss bedrohliche eine Krisenphase durchlaufen werden, ohne die das neue Leben nicht gewonnen werden kann. Es kann umgekehrt sein, dass wir Krisen nur deshalb als so belastend erleben, weil wir den krisenhaften Geburtsprozess durchlaufen haben und weil sich unser Unterbewusstsein an all die lebensbedrohlichen Situationen dieses dramatischen Ablaufs erinnert. Jede spätere Krise bringt die Ängste aus den früheren Krisen hoch – und aktiviert das Unterbewusste, noch mehr nach möglichen Gefahrenquellen zu fahnden, auch deshalb sind Theorien, die große Katastrophen ankündigen, bei traumatisierten Menschen besonders beliebt. 

Krisen fordern unsere Anpassungs- und Lernbereitschaft heraus und können, wenn sie zu intensiv erlebt werden (verstärkt durch Vorbelastungen), auch zur Lähmung und Resignation führen. Die Chancen, die in jeder Krise liegen und durch die neue Kräfte mobilisiert werden können, können nur genutzt werden, wenn es gelingt, die Macht der Ängste, die uns blockieren, zu überwinden und den Mut des Neuanfangens zu spüren. 

Krisenresilienz

Krisenresilient können wir nur werden, wenn wir einen stabilen Bezug zur äußeren Realität herstellen und aufrechterhalten können. Auf diese Weise gelingt es uns, die Ängste mit der Realität zu konfrontieren und unsere Handlungsmöglichkeiten nach ihrer Tauglichkeit und Umsetzbarkeit zu bewerten. Wir sollten unsere Befürchtungen durch Vertrauen und unsere Verzweiflung durch Hoffnung ersetzen. Wir sollten uns auf unseren Mut besinnen, der uns schon in vielen Situationen unseres Lebens weitergeholfen hat. Krisen sind Wendepunkte, und wenn wir sie in der richtigen Weise nutzen, können wir gestärkt aus jeder Krise hervorgehen.

Zum Weiterlesen:
Störungen zerstören Illusionen
Die Kraft der Zerstörung
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?
Krisenängste und ihr Jenseits
Die Corona-Krise als Chance


Samstag, 19. März 2022

Krieg und Propaganda

Kriegszeiten sind Zeiten der Verunsicherung auf der individuellen und auf der kollektiven Ebene. Kriege produzieren vor allem Zerstörung, von Leben und Gütern. Kriege führen zur politischen Instabilität und belasten die Wirtschaft, weil Güter hergestellt werden, die Zerstörung anrichten und dann selbst zerstört werden. Kriegszeiten sind auch Zeiten der Verunsicherung, was Information und Wahrheit anbetrifft. Wenn das eigene Leben in Frage gestellt wird, wird auch das Vertrauen in die Mitmenschen erschüttert und es wird schwerer abzuschätzen, wer zuverlässig informiert und wer nur manipulieren will oder sonst Böses im Schilde führt.

Krieg und Propaganda

Spätestens seit der Neuzeit besteht ein Teil der Kriegsführung in Propaganda, also in Wahrheitsverwirrung und –verzerrung zum eigenen Vorteil. Dieser Teil wird immer wichtiger und mächtiger und damit die Auswirkungen immer zerstörerischer. Die Desinformation, die Kriege begleitet, dient verschiedenen Zwecken: Sie soll die Moral der eigenen Seite stärken und die des Gegners schwächen. Sie soll die eigenen Ziele als ehrenwert und moralisch gerechtfertigt herausstreichen und die Ziele des Gegners als verachtenswert und destruktiv brandmarken. Sie soll die eigene Kriegsführung als integer darstellen und die des Gegners als inhuman und grausam anprangern. Sie soll die eigenen Schwachstellen verschleiern und die des Gegners betonen. Sie dient also nicht der Wahrheitsfindung, sondern soll die Erreichung der Kriegsziele fördern. Sie soll nicht nur die feindliche Seite desorientieren, sondern auch die eigene Bevölkerung täuschen und verdummen. Kriegspropaganda dient dem Schüren von Hass auf den Gegner und der Glorifizierung der eigenen Nation.

Da Informationen heute weltweit vernetzt sind und überall gleichermaßen zugänglich sind, steht die Kriegspropaganda vor der paradoxen Situation, dass die eigenen Narrative neben denen des Gegners aufscheinen und keine Exklusivität mehr zuwege bringen, außer es gelingt einem Staat, die weltweite Vernetzung im eigenen Land durch zensurmaßnahmen unter Kontrolle zu bringen. 

Kriegspropaganda im 20. Jahrhundert

Früher, als die Informationskreise stärker voneinander abgeschottet waren – kaum jemand las im 1. Weltkrieg Zeitungen aus den gegnerischen Ländern oder aus neutralen Staaten, und die Zeitungen im eigenen Land konnten recht einfach zensuriert werden –, war es leichter, die eigene Bevölkerung einheitlich zu desinformieren und die Einstellungen zu prägen. Es konnte also ein kollektiv gültiges Narrativ erzeugt werden, das z.B. gerade am Ende des 1. Weltkrieges dazu führte, dass viele Leute in den unterlegenen Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn nicht verstehen konnten, warum der Krieg verloren war, wo doch die Nachrichten über Siege bis zuletzt verbreitet wurden. Die fehlenden Informationen über die eklatanten Schwächen und erschöpften Ressourcen der Militärs dieser Länder führten dort zum verbreiteten Unverständnis für die Kriegsfolgen, die als ungerechtfertigt und demütigend empfunden wurden. Daraus entwickelten sich neue Narrative wie z.B. die Dolchstoßlegende, die die Niederlage auf Saboteure im eigenen Land zurückführte und die dann vor allem zur Feindschaft gegen die Linke und gegen die Juden verwendet wurde. Insgesamt entstand das Gefühl, dass die zugefügte Niederlage und die darauf folgende Demütigung durch die Friedensverträge gerächt werden mussten. Dieses Motiv wurde dann von den Nationalsozialisten aufgegriffen und stellte eine Hauptursache für die Entfesselung des 2. Weltkriegs dar. Er ist also die Frucht von Desinformation und manipulativer Kriegspropaganda.

Die Nationalsozialisten waren es, die die Bedeutung der Propaganda zur Verschleierung der eigenen Ziele und zur Indoktrination der Bevölkerung erkannten und einen eigenen Propagandaminister installierten, Joseph Goebbels, der einer der treuesten Wegbegleiter Adolf Hitlers bis in die letzten Stunden war. Dem Volk wurden Volksempfänger angeboten, die nur die Frequenz des Deutschlandsenders empfangen konnten, und das Hören von „Feindsendern“ war streng verboten und wurde mit der Einlieferung in KZs bestraft. Die anderen Medien waren „gleichgestaltet“, durften also nur regierungsgetreue Nachrichten weitergeben. 

Dadurch konnten viele Gräueltaten der Kriegsführung und des NS-Terrors gegen Randgruppen, Minderheiten und Juden vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Die Kriegsberichterstattung war von Jubelmeldungen geprägt, Niederlagen kamen nicht vor. Allerdings wurde im Lauf des Krieges durch die Bombardierung des ganzen Landes deutlich, dass das Regime nicht in der Lage war, die eigene Bevölkerung zu schützen, trotz aller Siege und Frontbegradigungen und anderer aufgebauschter Meldungen, von denen die Medien voll waren. Langsam wurde deutlich, dass die feindlichen Truppen näher rückten, und die aufgebauten Illusionen zerbröckelten immer mehr. Die bedingungslose Kapitulation 1945 war nur eine logische Folge der katastrophalen Niederlage, die diesmal kaum jemanden überraschte, aber nur wenige mit Freude erfüllte.

Die folgende Ernüchterung und das Erwachen aus einer eingetrichterten Verblendung führte zunächst bei den meisten nicht zu einem Streben nach der Wahrheit, danach also, zu wissen, was wirklich abgelaufen ist und dazu, sich mit den Verbrechen, die im Namen des Volkes begangen wurden, auseinanderzusetzen. Vielmehr bestand der allgemeine Trend darin, das Geschehene möglichst schnell zu vergessen und in eine bessere Zukunft zu schauen. Die Last der kollektiven Traumen, die das NS-Regime und der Krieg hinterlassen hatten, wurde damit den nachfolgenden Generationen überlassen. Die Mittäter und Mitläufer wurden still und heimlich eingegliedert, und über die Schandtaten wurde ein Mantel des Schweigens gebreitet. Die Politik wurde den Eliten überlassen, nach dem Motto: Politisch Lied ist garstig Lied. Die Geschichtslehrer trachteten danach, genug Unterrichtszeit auf die Griechen, Römer und mittelalterlichen Helden zu verwenden, damit sie die desaströsen Kriege des 20. Jahrhunderts nicht behandeln mussten.

Erst langsam verbreiterte sich das Bedürfnis, mit den Schrecknissen und Grauslichkeiten der Vergangenheit ins Klare und Reine zu kommen. Die historische Aufklärung erlangte mit einer Generation mehr Breitenwirkung, die im ansteigenden Wohlstand groß geworden war, aber an der emotionalen Leere litt, die die Weltkriege in den Seelen der Kriegsteilnehmer hinterlassen hatten. Es richtete sich die Wut auf die Institutionen des Staates, dem die Verdrängung angelastet wurde. Die Protestbewegungen aus der Jugend der 60er Jahre führte zu gesellschaftlichen Reformen und zur Entstehung einer kritischen Zivilgesellschaft, die sich Informationen aus alternativen Quellen beschaffen konnte und dann gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch das Internet enorm wachsen konnte. Parallel dazu kamen die Wunden und Schwären der Vergangenheit immer an die Öffentlichkeit, wie z.B. die amerikanische Fernsehsendung „Holocaust“, die Anfang der achtziger Jahre ein Gefühl für das Ausmaß der nationalsozialistischen Judenvernichtung in die Haushalte brachte. 

Unmerklich vollzog sich in diesen Prozessen eine Auseinandersetzung mit der Scham über die Unmenschlichkeiten in der eigenen Vergangenheit und Geschichte, die da und dort in Konflikten ausbrach, wie z.B. in der Waldheim-Affäre oder um die Ausstellungen zu den Verbrechen der Wehrmacht. Als Sammelbewegungen zur Schamverdrängung boten sich rechtsgerichtete Parteien an, die in Österreich ab den 80er Jahren und in Deutschland nach 2000 zu Klein- und Mittelparteien anwuchsen und in Österreich sogar zweimal in die Regierung gelangten.

Aufklärung und Gegenaufklärung

Die Geschichte der Information verläuft, wie an diesen Beispielen sichtbar wird, ambivalent. Jeder Schritt zur Aufklärung erzeugt Gegenaufklärung. Wir kennen diesen Prozess aus inneren Abläufen, wie sie z.B. bei der therapeutischen Aufarbeitung von Traumatisierungen erfolgen: Widerstände werden überwunden und Verdrängtes wird bewusst, worauf sich wieder Widerstände bilden, die die erreichten Fortschritte rückgängig machen wollen. 

Auf gesellschaftlicher Ebene formieren sich Gegenkräfte, wann immer unangenehme Wahrheiten aus der Geschichte an die Oberfläche kommen. Die Gegenkräfte nutzen die Desinformation, weil sie Wahrheiten bekämpfen müssen, denen sie durch das Erzeugen von Verwirrung die Grundlage entziehen wollen. Wie die biographische Wahrheit, die sich z.B. bei der Aufdeckung einer Missbrauchserfahrung zeigt, vor der Entdeckung geschützt werden muss, weil in ihr heftige und belastende Gefühle enthalten sind, soll auch die historische Wahrheit im Dunklen oder zumindest im Zwielicht verbleiben. Denn sie kränkt das nationale Selbstgefühl, beschmutzt das eigene Nest und besudelt die Heimat, die eigenen Wurzeln. Also werden die Informationen, die auftauchen, geleugnet (Holocaust-Leugner), verkleinert (die Opferzahlen der Shoa werden minimiert) oder in die ferne Vergangenheit abgeschoben („Es muss endlich Schluss sein mit dem ewigen Wühlen in der Vergangenheit!“).

Gibt es unabhängige Medien?

Jedes publizistische Medium braucht Geldgeber und Finanziers. Rein durch Verkauf und Abonnenten kann keine Zeitung qualitätsvolle Ergebnisse liefern. Insoferne ist der Wunsch oder die Forderung nach unabhängigen Medien illusorisch. Es macht aber einen wichtigen Unterschied, ob ein Medium den Anspruch vertritt, faktengetreu zu informieren oder nicht, und ob es sich nach diesem Maßstab messen lässt. Die Affäre um die gefälschten Tagebücher von Adolf Hitler, die der Stern 1983 veröffentlichte, war der Zeitschrift nach dem Auffliegen der Fälschung äußerst peinlich. Es können Fehler bei der Informationsbeschaffung passieren, aber sie werden auch eingestanden und korrigiert, wenn das Medium auf seinen Ruf wert legt. 

Medien wollen primär nicht manipulieren (außer es handelt sich um Medien, die direkt von politischen Parteien oder Gruppierungen betrieben werden), sondern Gewinn machen. Die einen machen Gewinn dadurch, dass sie es mit der Objektivität und Wahrheitstreue nicht so genau nehmen und lieber reißerisch harmlose Ereignisse aufbauschen, um mehr Leser anzulocken, die anderen dadurch, dass sie möglichst objektive Information versprechen und sich für journalistische Sorgfalt einsetzen. Es gibt also noch immer Zeitungen und andere Medienkanäle, die sich zum Titel „angesehen“ bekennen und Qualitätsjournalismus bieten, um dem Ruf gerecht zu werden und zu bleiben. Sie richten sich an Menschen, die an möglichst realitätsnahen Fakten interessiert sind und Informationen und Meinungen klar unterscheiden wollen, die unterschiedliche Sichtweisen erwägen und das Für und Wider zu gesellschaftlichen Fragen erörtern wollen. Es sind Medien, die Leserforen mit einem breiten Meinungsspektrum pflegen und im Austausch mit verschiedenen Informationsquellen, gesellschaftlichen Gruppen und Trends stehen. Es gibt genügend Menschen in der Zivilgesellschaft, die an solchen Informationsquellen interessiert sind, dass sie am Markt bestehen können, ohne in dieser Ausrichtung in Abhängigkeit von Geldgebern und ihren Interessen zu geraten.

Werden wir durch Medien manipuliert?

Die Manipulation durch die Medien gibt es nur dort, wo die mediale Landschaft gleichgeschaltet ist. Es ist dort zwar einfach, sich vor Manipulation zu schützen, indem man völlig auf Medienkonsum verzichtet. Andererseits fehlt die Möglichkeit, zu verlässlichen Informationen zu kommen, sodass der Zugang zu wichtigen Bereichen der Realität verloren geht. Deshalb erleben viele Menschen solche Systeme als Freiheitseinschränkung und wollen ihnen entrinnen.

Wo verschiedene Informationsquellen zugänglich sind, werden nur jene Personen manipuliert, die sich nicht die Mühe machen, die angebotenen Informationen zu sichten, indem Fakten und Meinungen unterschiedenen werden und die Quellen kritisch geprüft werden. Wer sich nicht manipulieren lassen will, prüft die Ursprünge und das Zustandekommen der Informationen, sodass der Spreu vom Weizen gesondert wird. Es ist keine einfache Aufgabe, weil die Informationslandschaft riesige Ausmaße angenommen hat und mit unheimlicher Geschwindigkeit weiter wächst. 

Wem vertrauen?

Zur unübersehbaren Menge an Information kommt die überwältigende Zahl an konkurrierenden Quellen und Anbietern. Informationen widersprechen sich häufig; wem kann man vertrauen? Wir haben die Naivität verloren, mit der frühere Generationen für bare Münze genommen haben, was das Radio oder das Fernsehen gezeigt haben oder was „schwarz auf weiß“ in einer Zeitung gestanden ist. Heute wissen wir, dass Informationsangebote von Interessen geleitet sind und vielfach manipulative Zwecke verfolgen. Ohne die Mühen des Sichtens und kritischen Überprüfen geht es nicht, den Fallen, die überall in der Medienwelt aufgestellt sind, zu entgehen. Informationsprüfung ist also Arbeit, Fiktion von Faktizität zu unterscheiden aber unerlässlich, um mit der modernen Lebenswelt zurechtkommen zu können und Orientierung zu gewinnen.

Die Mühen der Prüfung

Wenn wir uns dieser Mühe nicht unterziehen, tendieren wir dazu, nur meinungskonforme Informationskanäle zu nutzen und damit in unserer Blase zu bleiben. Bekanntlich sind virtuelle Plattformen darauf programmiert, uns mit Informationen zu füttern, die unsere Vorurteile, Werthaltungen und ideologischen Präferenzen verstärken. Bequemer ist es, beim eingeübten Denken in Schablonen zu bleiben, als alte Gewohnheiten abzulegen und neue Kontexte zu bilden. Die informationskritische Einstellung erfordert nicht nur Zeit, sondern auch Anstrengung und Veränderungsbereitschaft. Statt uns passiv von Medien berieseln zu lassen, bleiben wir in kritischer Distanz und in einer offenen Haltung, die auch bereit ist, sich mit alternativen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Wir dehnen unseren Horizont, statt ihn einzuengen oder in der gewohnten Beengung zu belassen. 

Vertrauen verdienen jene Medien, in denen Fakteninformation von Meinungskundgabe unterschieden wird, bei denen die Quellen der Fakten einsichtig sind, in denen unterschiedliche Standpunkte diskutiert werden und die zu Selbstreflexion bereit sind, die also Fehlinformationen zugeben und korrigieren. Misstrauen verdienen jene Medien, in denen nur eine Sichtweise verbreitet wird, die zudem auf keiner verlässlichen Faktenbasis beruht, bei denen andere Ansichten nicht einmal in Foren oder Leserbriefen vorkommen und die keine Bereitschaft zur Selbstreflexion erkennen lassen. 

„Mainstream“ als Abwertung

Medienskeptiker, die die sich mit ihrer Meinung in einer Minderheitsposition wahrnehmen, verwenden gerne den Begriff der Mainstream-Medien in einem abwertenden Sinn. Sie gelten quasi als die Multis im Mediengeschäft, die entweder von Wirtschafts- oder Politikinteressen gelenkt sind und deshalb keine Glaubwürdigkeit haben. Medien mit weniger Verbreitung, Nischensender usw. verdienten dagegen mehr Vertrauen, nach der Logik: Wer am Markt schwächer ist, hat weniger Macht, wer weniger Macht hat, kann nicht manipulieren, wer nicht manipuliert, sagt die Wahrheit – so die Kurz-Schlussfolgerung.

Ob ein Medium einem „Mainstream“ angehört, ist weder ein Kriterium für Verlässlichkeit und Wahrheitstreue noch dagegen. Misstrauen verdienen allerdings jene Publizisten oder Publikationen, die für sich die Wahrheit reklamieren, bloß weil sie von der des „Mainstreams“ abweicht. 

So gilt es auch für die Medienlandschaft: Publizisten, die in einem Randmedium arbeiten, wollen mit abwegigen Ansichten Aufmerksamkeit erringen und nutzen dafür die Außenseiterrolle als Vorteil, oft ohne sich um den Realitätsbezug ihrer Aussagen zu kümmern. Gegen die Medien, die von den Mehrheiten konsumiert werden, wird Misstrauen gesät, weil diese mächtiger wären und deshalb von vornherein schon korrumpiert und manipulativ sind. Überdeckt werden dabei die eigene Manipulationsabsicht und die Interessen, die damit vertreten werden. Denn nicht selten stecken hinter Minderheitenpositionen, wie z.B. hinter jener der Impfgegner, potente Geldgeber mit wirtschaftlichen Interessen. Bei der Kriegsberichtserstattung liegt es auf der Hand, dass abwegige Theorien einer Kriegsseite nutzen sollen. So wird z.B. die Meinung vertreten, dass die russische Armee nicht in der Ukraine einmarschiert ist, sondern ein Krieg der Ukrainer untereinander tobt, womit klarerweise die russische Aggression verharmlost wird – Wasser auf die Mühlen der Aggressoren.

Eine Verschärfung des Mainstream-Vorwurfes stellt die Rede von der „Lügenpresse“ dar. Dieser aggressive Ausdruck gilt wird im Meinungskampf als politischer Kampfbegriff eingesetzt und wird gerne von jenen verwendet, die selber Lügen oder Halbwahrheiten verbreiten oder Fantasien mit Realität verwechseln und dabei nicht aufgedeckt werden wollen. Wer andere der Lüge bezichtigt, vermeint selber über die Wahrheit zu verfügen, aber will keine Presse, die den eigenen Standpunkt in Frage stellen und Ungereimtheiten aufzeigen könnte. 

Zum Weiterlesen:
Manipulation erkennen und entzaubern
Astroturfing - Manipulation vom Feinsten
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Kollektiven Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine


Freitag, 11. März 2022

Schamverdrängung im Ukraine-Krieg

Wer anderen Menschen Leid zufügt, erlebt Scham. Diese unweigerliche Reaktion entspringt aus der sozialen Natur der Menschen. Wenn wir das Leid nicht erkennen, das wir anderen antun, fallen wir aus dem sozialen Netz heraus, und in der Folge zerfällt die Gesellschaft. Das Erleben von Scham ist also ein wichtiger Kitt für den Zusammenhalt unter den Menschen und ein starkes Gegengewicht gegen einseitige Machtdurchsetzung und Gewaltausübung. Der Willkür, die sich aus einer Überlegenheitsposition ableitet, kann nur Einhalt geboten werden, indem die Scham darüber erkannt wird. 

Wenn schon kleine Verletzungen, die im zwischenmenschlichen Alltag geschehen, zu Schamreaktionen führen, dann ist es klar, dass massive Verletzungen, wie sie in einem Krieg geschehen, ebenso massive Schamgefühle auslösen. Am aktuellen Beispiel der Ukraine bedeutet das, dass die Angreifer, die russische Föderation und die für den Angriff verantwortlichen Personen massiv mit Scham belastet sind. 

Krieg ist eine Schande 

Sergej Gandlewskij, ein angesehener russischer Dichter, hat einen Protestbrief verfasst, in dem er schreibt: „Der von Russland gegen die Ukraine entfachte Krieg ist eine Schande! Das ist unsere SCHANDE. Leider werden noch die Generation unserer Kinder und die heute noch gar nicht geborenen Russen die Verantwortung dafür übernehmen müssen!“ Den Brief haben bisher zehntausend russische Kulturschaffende unterzeichnet. (Quelle: Falter 10/22, S. 28) 

Das Phänomen hat den Kreml-Sprecher Peskow zu der Äußerung veranlasst: “Ein echter Russe schämt sich nie, ein Russe zu sein.” Wer sich dennoch schäme, wäre kein echter Russe. Das ist eine Formulierung aus einem blinden und autoritären Nationalismus: Über die eigene Nation darf man nichts kommen lassen, sonst gehört man nicht mehr dazu. Zur Nation zu gehören heißt bedingungslos deren Führern zu folgen und deren Handeln für richtig zu befinden. Die Scham wird verboten, weil sie dazu herausfordert, das eigene Handeln in Frage zu stellen und zu überprüfen. Eine schambefreite Nation ist zu allem fähig, gleich ob es gut oder böse ist: Right or wrong, it is your country. Vor solchen Nationen sollte man sich hüten. 

In dieselbe Kerbe schlägt die kategorische Aussage einer russischen Facebook-Posterin, dass Russen keine Zivilisten töten. Es ist, als ob die eigene Rechtschaffenheit und der Wunsch nach Menschlichkeit der ganzen Nation übergestülpt wird. Wer Russe ist, ist automatisch gut. Damit kann die Identifikation aufrechterhalten bleiben, die an das Ganze der Nation bindet. Der Umkehrschluss gilt dann auch gleich: Wer Zivilisten tötet, kann kein Russe sein. Alles Böse wird externalisiert, wird nach außen verbannt, und das Innere wird zwanghaft sauber gehalten. 

Generationenbelastung

Für alle aber, die nicht im Bann einer nationalistischen Ideologie stehen, ist jetzt schon klar zu sehen, dass verursachtes Leid Scham auslöst und Verantwortung einfordert. Wenn sie nicht gleich mit dem Geschehen einbekannt wird, überträgt sie sich auf die nächsten Generationen. Auch auf der Täterseite entsteht damit eine kollektive Traumatisierung, die im schlimmsten Fall weitere Aggressionen befeuert und im besseren Fall zu einer Abkehr von Gewalt und Militarismus führt, wie es z.B. in Deutschland und Japan, den beiden Aggressoren im 2. Weltkrieg, geschehen ist. 

Nur mit dem Annehmen und Einbekennen der Scham kann die eigene Seele ins Gleichgewicht kommen und nur so können die sozialen Beziehungen wiederhergestellt werden. Nur so kann Unmenschlichkeit durch Menschlichkeit ersetzt werden. Sich der Scham zu stellen und das angerichtete Unheil einzugestehen und dafür die Verantwortung zu übernehmen, führt zurück in die Würde und zum Respekt für die anderen, vor allem für die Opfer. Wenn das nicht geschieht, bleibt die Scham bestehen und legt sich wie eine Wolke über die eigene Person und über eine ganze Gesellschaft, eine Wolke, die alles Erleben eintrübt. 

Schamabwehr 

Da diese Konsequenzen aus Leid, das anderen zugefügt wurde, unvermeidlich sind, aber zugleich mit äußerst unangenehmen Gefühlen verbunden sind, kennt die menschliche Seele eine Reihe von Abwehrformen, die scheinbar aus der Last der Scham herausführen. Die Hauptverantwortungsträger bei kollektiven Schambelastungen nutzen die einfachste Form der Schamabwehr, die Unverschämtheit, also die Weigerung, Scham zu spüren, und sie wird meist verbunden mit ideologischen Rechtfertigungen: Die Aggression gegen den Nachbarn war notwendig, um Unheil von ihm selber abzuwenden, um einen historischen Irrtum zu korrigieren, um das eigene Volk vor einer Bedrohung zu schützen usw.  

Es gibt immer Gründe für das eigene Handeln, ob sie nun aus der Realität oder aus der eigenen Fantasie, gespeist von kollektiven Traumen, abgeleitet sind. Aber diese Gründe reichen nicht aus als Rechtfertigung für das Leid, das verursacht wurde. Gründe und Motive finden sich genauso willkürlich wie die Taten selbst. Mit Gründen versucht sich der Täter herauszureden, damit er nicht die Verantwortung für seine Taten übernehmen muss. Er will sein Gewissen beruhigen und die Scham stilllegen. Nicht zugelassene Scham öffnet dann Tür und Tor für das Festhalten an der eigenen Praxis, daran, dass die aggressive Schiene zwanghaft weiterverfolgt werden muss. Je mehr wider die eigenen Schamregungen agiert wird, desto stärker ist der Impuls, das eigene Tun durch das Tun zu rechtfertigen. Denn es fehlt das Korrektiv, das die Destruktivität eingrenzen könnte. Das Eingestehen von Scham und Schuld gilt als Schwäche, die um jeden Preis vermieden werden muss – und wenn dafür auch andere Menschen mit ihrem Leben bezahlen müssen. 

Der Verlust der Scham bewirkt einen Verlust der Empathie. Gesprächspartner des russischen Präsidenten berichten, dass er, auf zivile Opfer angesprochen, keine Gefühlsregung zeige. Vergleichbar dem Weltgeist nach Georg Hegel, der unbesehen der Schlachtbänke der Menschheit, die immer wieder angerichtet werden, in seinem Gang weiterschreitet, fühlen sich manche Drahtzieher und Regisseure von Bluttaten als Vollstrecker historischer Notwendigkeiten, für deren Verwirklichung Menschenleben und Menschenleid nicht zählen. 

Scham auf der Täterseite 

Wer sich auf der Täterseite zur Scham bekennt, schert aus aus dem verschworenen und verordneten nationalen Einheitsdenken. Die Absage an die bedingungslose Identifikation mit der Nation und all ihren Angehörigen ermöglicht einen bewussten Umgang mit der kollektiven Scham und reduziert deren Macht. Es bleiben die Türen zu den Schamgefühlen offen, sie werden nicht gänzlich ins Unterbewusste verdrängt und bilden ein Gegenmittel zur vorherrschenden Schamlosigkeit. Jede Ent-Identifikation mit dem Nationalstolz und der Illusion von Gleichheit, die damit suggeriert wird, ermöglicht die differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Jede Absplitterung vom monolithischen Block der schambefreiten Nation ersetzt Fantasie, Wunschdenken und Ideologie durch Realität.  

In dieser Realität gibt es Gutes und Böses überall, bei den Eigenen und bei den Feinden. Die Nation ist ein Konstrukt, das besonders in Krisenzeiten herbeibeschworen wird, um die Leute unter einem Banner zu scharen und in einen Krieg schicken zu können. Dieses Konstrukt hat die Verdrängung der Scham als einen wichtigen Zweck. Deshalb sind in seinem Namen unzählige Grausamkeiten und Skrupellosigkeiten begangen worden, eigentlich genug, sollte man nach 240 Jahren Erfahrung mit diesem blutgetränkten Begriff meinen, endlich Zeit, das Gemeinsame, das Übernationale über das Nationale zu stellen und den Mut aufzubringen, zum moralischen Versagen der Vergangenheit und der Gegenwart stehen zu können und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Nur so gibt es einen Weg in eine friedvollere Zukunft, in der die Menschenwürde an höchster Stelle steht. 

Zum Weiterlesen:
Krieg - Braucht es einen Krieg?
Kriegsverbrechen und Schamverdrängung
Krieg und Scham
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine


 

Samstag, 31. Juli 2021

Keine Nachhaltigkeit ohne soziale Konfliktlösung

Die Menschen sind nicht gegen die Natur, sondern gegeneinander. Sie handeln unbewusst und achtlos der Natur gegenüber, weil sie damit beschäftigt sind, ihre zwischenmenschlichen Probleme zu lösen. Und das ist der Grund, warum wir vorrangig daran arbeiten müssen, als Menschheit miteinander besser zurechtzukommen.

Menschen sind Natur, durch und durch, jede Zelle stammt aus den Milliarden der kosmischen Geschichte und ihrer erstaunlichen Entwicklung. Selbst jeder Gedanke und jede Idee, die je in einem Menschengehirn aufgetaucht ist, ist ein Spross dieser Entwicklung, die neben vielen anderen Errungenschaften die Nervenzellen hervorgebracht hat.

Wie kommt es nun zu diesen Konflikten zwischen den Menschen und dem anderen Rest der Natur, die die aktuelle Situation prägen und die ein Ende der Menschheit auf diesem Planeten heraufbeschwören könnten?

Womit die Menschen am wenigsten zurecht kommen, sind die eigenen Artgenossen. Sicher leiden wir unter Unwetterkatastrophen, Seuchen und Vulkanausbrüchen. In früheren Zeiten gab es Raubtiere, die das menschliche Überleben bedrohten. Aber am stärksten leiden wir an dem, was wir uns gegenseitig antun. Aus der Traumaforschung wissen wir, dass menschenverursachte Traumatisierungen wesentlich schwerer wiegen als nicht durch Menschen hervorgerufene Traumatisierungen. Bei schweren Vorfällen, bei denen Naturgewalten ins menschliche Leben eingreifen, helfen und trösten sich die Menschen gegenseitig. Oft tragen solche Ereignisse dazu bei, dass sich die Bande unter den Betroffenen stärken und die Solidarität und das Vertrauen wächst.

Daran ersehen wir die Ambivalenz der Kulturentwicklung. Sie hat im Lauf der Menschheitsgeschichte zu einer zunehmenden Entsolidarisierung geführt, in dem Maß, in dem die Naturgewalten unter menschliche Kontrolle gebracht wurden. Raubtiere wurden ausgerottet und man findet sie fast nur mehr in Reservaten und Zoos. Dämme wurden gebaut, um Hochwässer zu verhindern. Erdbebensichere Gebäude wurden errichtet. Seuchen verloren durch Hygiene, Medikamente und Impfungen ihren Schrecken. Versicherungen sichern gegen jede erdenkliche Störung unseres Komforts. Wir leben heute in den hochentwickelten Ländern auf einem Niveau an Sicherheit, das es in der Geschichte nie zuvor gegeben hat.

Entsprechend ist die Notwendigkeit zur nachbarschaftlichen Hilfe zurückgegangen. Jeder sorgt selber für seine Sicherheit, Solidarität brauchen wir nur mehr im äußersten Krisenfall, so zumindest die Ansicht der neoliberalen Ideologen und die praktische Konsequenz, die die meisten Leute in ihrem Alltag ziehen.

Allerdings geht bei diesem Trend auch die gesellschaftliche Solidarität verloren, die wir vor allem dafür brauchen, um gesellschaftliche Ungleichheiten auszutarieren oder zumindest abzupuffern. Eine ungleiche Gesellschaft bringt Konflikte hervor, und soziale Konflikte schüren die Überlebensängste. Solange die Armut und der Hunger unter den Menschen verbreitet ist, kann es keinen Frieden geben und keine „geschwisterliche“ Beziehung zur Natur. Der Umwelt- und Naturschutz ist ein Privileg der Reichen und Wohlhabenden. Wer von Tag zu Tag schauen muss, eine karge Mahlzeit für sich und für die eigene Familie zustande zu bringen, wer bei Krankheit keine medizinische Unterstützung hat und im Alter befürchten muss, völlig zu verarmen und auf Almosen angewiesen zu sein, wird nicht viel an die umweltgerechte Entsorgung von Plastiksackerln und Getränkeflaschen zu denken.

Es ist klar, dass die krass unausgewogene Gesellschaftsstruktur, die alle Volkswirtschaften in unterschiedlichem Ausmaß und die globale Situation insgesamt prägt, das Haupthindernis für eine von der gesamten Menschheit getragenen nachhaltigen Lebensweise darstellt. Jeder zwischenmenschliche Konflikt, von Ehestreitigkeiten bis zu zwischenstaatlichen Reibereien, verbraucht Ressourcen und Energien, die für die Rettung des Ökosystems fehlen. Es wird niemandem in den Sinn kommen zu verlangen, dass die Menschen in einem syrischen Kriegsgebiet ihren Müll ordentlich sortieren. Wo das unmittelbare Überleben bedroht ist, gibt es keine Perspektive für die Nachhaltigkeit. Wir haben den Luxus, in Dekaden planen und organisieren zu können, was Klimaziele anbetrifft. Andere Menschen können aufgrund der Umstände, in denen sie zu leben gezwungen sind, nur in Stunden oder Tagen planen und organisieren.

Natürlich macht es keinen Sinn zu warten, bis die Menschen endlich ihre strukturellen Konflikte bereinigt haben. Es muss auch jetzt getan werden, was möglich ist, um einen katastrophalen Zusammenbruch des Ökosystems zu verhindern. Aber wir müssen uns mit der gleichen Energie und Entschlossenheit für den gesellschaftlichen Ausgleich einsetzen wie für den Ausstieg aus dem Verbrauch fossiler Brennstoffe. Es ist ein Armutszeugnis für die Menschheit, dass sie es 75 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg noch immer nicht geschafft hat, soziale und politische Konflikte gewaltfrei zu regeln. Jeder Krieg bringt unermessliche Zerstörungen mit sich, materielle, soziale und emotionale.

Es ist dazu noch bedauerlich, dass es allzu viele Menschen auf unserer reichen Erde gibt, die an bitterer Armut leiden müssen, und dass der Hungertod noch immer nicht verschwunden ist. Wir dürfen nicht aufhören, uns immer wieder daran zu erinnern, auch wenn wir dabei mit einem Schamgefühl konfrontiert sind: Denn es ist eine Schande, dass wir trotz unserer herausragenden Intelligenz und unserer Empathiefähigkeit noch immer in einer Steinzeit leben, was die Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen auf einer globalen und strukturellen Ebene anbetrifft.

Wir sollten nicht vergessen, dass wir dieses systemische Denken, die systemische Vernunft und eine systemische Ethik brauchen, um die Herausforderungen, die sich der Menschenwelt stellen, zu meistern. Wir müssen aufhören, nur auf den eigenen Säckel und die eigenen Kleinbedürfnisse fixiert zu sein. Wir sollten jeden Tag ein Stück unseres Egoismus mehr überwinden und uns auf größere Zusammenhänge beziehen. Wir können unsere Energien darauf ausrichten, Frieden zu stiften, wo es nur geht, zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Wir können daran arbeiten, dass immer mehr Menschen ein sicheres und freies Leben mit ausreichenden Ressourcen führen können.

Zum Weiterlesen: 

Die Schwachen und die Nächstenliebe
Die Solidaritätsschranke
Gleichheit und soziale Sicherheit

Donnerstag, 1. April 2021

Die verschüchterte und die böse Schwester: Scham und Rache

Jede Beschämung hat eine Rache zur Folge. Dieser Zusammenhang scheint in der menschlichen Psyche wie ein Naturgesetz zu wirken: Keine Beschämung ohne Rache. Beschämungen werden als Demütigung erlebt, als Verletzungen der eigenen Würde. Um den beschädigten inneren Wert wieder aufzurichten, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Der Schaden, der geschehen ist, muss vergolten werden, dann ist das Gleichgewicht wiedergewonnen.

Wir kennen diese Dynamik von der Blutrache, die uns wie ein sinnloses archaisches Ritual erscheint, das nie endet und das wir kopfschüttelnd irgendwelchen primitiv gebliebenen Ecken dieser Welt zuordnen. Tatsächlich aber kennen wir die Rituale der Rache in unserem eigenen Inneren nur zu gut. Die Rache kann viele Formen annehmen. Oft bemerken wir sie gar nicht, weil wir sie nicht bewusst erleben. Wir erleben die Verletzung, die wir erlitten haben, allzu gut, aber was dann in unserem Inneren abläuft, erscheint uns in jeder Hinsicht als sinnvoll und gerechtfertigt. Jede Verletzung sucht Heilung, das ist klar, weniger offensichtlich ist aber, dass wir im emotionalen Bereich und auf der sozialen Ebene auch einen Ausgleich brauchen. Folgt auf die Verletzung eine Entschuldigung, so können wir schnell in Frieden kommen, außer wir sind nachtragend. Kommt zur Verletzung eine Beschämung in Form einer Abwertung oder Beleidigung, so ist nicht nur ein Randteil unserer Psyche betroffen, der leidet, sondern dazu noch ihr Kern, ihr Zentrum. Unser Wesen und damit unsere Existenzberechtigung ist in Frage gestellt, beschmutzt, missachtet.

Schamreaktionen wirken zunächst wie ein Schock, der alles lähmt. Wenn sich die Blockierung löst, dann wird der Schmerz über die Verletzung spürbar, und bald danach regen sich die Racheimpulse, die eine Vergeltung verlangen. Auf diese Weise soll der beschädigte Selbstwert wieder aufgerichtet werden.

Die Logik der Rache

Das ist die Grundstruktur der Rache: Wenn ich wegen dir leide, sollst auch du leiden. Wenn du mir weh getan hast, sollst auch du Schmerzen haben. Dann sind wir wieder gleich. Da ich zunächst Opfer deiner Tat bin, muss ich Täter werden und du bist das Opfer. Die Krux liegt darin, dass das Opfer dann wieder Täter werden muss, und die Auseinandersetzung geht weiter.

Warum hängen wir so an dieser Logik? Wir erwarten uns, dass wir besser verstanden werden, wenn die andere Person das Gleiche erleidet wie wir selber. Wir sind beleidigt worden und beleidigen dann zurück. So soll die andere Person verstehen, was sie angerichtet hat und wie sehr es schmerzt. Um diesen Effekt zu verstärken, verdoppeln wir manchmal die Intensität oder den Gehalt der Verletzung. Klarerweise drehen wir mit diesem Verhalten an der Eskalationsschraube.

Im Grund steckt also ein Hilfeappell hinter der Rache: Bitte verstehe mich, ich leide. Es ist der Wunsch nach Mitgefühl. Wenn jedoch keine Aussicht auf Mitgefühl besteht oder viel zu selten die Erfahrung gemacht wurde, dass Verletzungen verstanden werden und dass Trost kommt, meldet sich schnell der Racheimpuls. Es ist also ein Mangel an empathischer Einfühlung, der die Menschen rachsüchtig werden lässt.

Die Aggression, die in der Rache steckt, kompensiert die Scham und die mit ihr verbundene Schwäche und Hilflosigkeit. Im Impuls zur Vergeltung steckt eine Selbstermächtigung: Ich hole mir zurück, was mir genommen wurde, notfalls mit Gewalt. Da mein Selbstwertgefühl herabgewürdigt wurde, während sich die andere Person über mich gestellt hat, muss ich dafür kämpfen, dass sich das Verhältnis wieder umkehrt und ich wieder Oberwasser habe. Dazu dient die Rache.

Scham, Rache und Krieg

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen für den unheilvollen Zusammenhang zwischen Scham und Rache. Bei vielen, wenn nicht bei allen kriegerischen Ereignissen finden sich Beschämungen, gefolgt von Rache an prominenter Stelle unter den Auslösern.

Eine der frühesten überlieferten Erzählungen handelt vom Trojanischen Krieg, der mit einer Beschämung beginnt: Menelaos, dem König von Theben wird die Frau vom Sohn des trojanischen Königs entführt. Aus Rache beginnen die Griechen einen Krieg gegen Troja, der zehn Jahre dauert.

Am 23. Mai 1618 werden drei hohe Beamte des Kaisers von Aufständischen aus einem Fenster der Prager Burg gestürzt, eine Beleidigung des Kaisers. Daraufhin beginnt ein Krieg, der dreißig Jahre dauert und weite Teile Mitteleuropas verwüstet.

Deutschland beginnt am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg, der propagandistisch durch die Rede vom „Schandvertrag von Versailles“ vorbereitet worden war. Deutschland habe durch den Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg eine Beschämung erlitten, die nur durch eine Revision des Vertrages beseitigt werden könne. Es beginnt ein Krieg, der ein vorher nicht dagewesenes Ausmaß an Todesopfern und Zerstörungen anrichtet.

Am 11. September 2001 werden zwei Wolkenkratzer in New York durch Attentäter zum Einsturz gebracht, mit Tausenden Todesopfern. Die Supermacht USA erleidet eine Beschämung. Als Rache beginnt ein Krieg gegen Afghanistan, der bis heute andauert, und zwei Jahre später ein Krieg gegen den Irak, der das Land nachhaltig destabilisiert hat. Diese Kriege haben hunderttausende Menschenleben gefordert und zwei Staatsgebilde ruiniert. Die Folge war eine Zunahme des islamistisch motivierten Terrorismus, als Vergeltung der Racheaktionen.

Stellvertretende Rache

Manchmal kriegen andere die Aggression ab, wenn wir ein Ungemach erlitten haben. Das typische Beispiel ist der Angestellte, der vom Chef heruntergemacht wird, zuhause die eigene Frau anschnauzt, die das Kind schimpft, das schließlich dem Hund einen Rüffel gibt. Natürlich würden wir uns freuen, wenn der Hund bei nächster Gelegenheit den Chef beißt, aber das gibt die Geschichte nicht mehr her.

Vor allem in hierarchischen Systemen ist es schwer und riskant, direkt Rache für erlittenes Unrecht zu üben, also werden Stellvertreter gesucht, denen die Demütigung zurückgezahlt werden soll und die benutzt werden, um den eigenen Selbstwert wieder zu stabilisieren. Das ist der Kitt im hierarchischen Gefüge, das die Über- und Unterordnung zementiert: Die Hackordnung, die auf allen Stufen Gewalt erlaubt, aber immer nur in einer Richtung, von oben nach unten. Die Geprügelten prügeln, die Misshandelten misshandeln, immer die Schwächeren. Nach oben buckeln, nach unten treten, lautet die Devise.

Die Rache nach oben gibt es allerdings auch, aber meist nur indirekt. Sie äußert sich vor allem im passiven Widerstand, der die aufgestaute Wut kanalisiert. In Organisationen, in denen viel autoritäres Gehabe und Abwertungen vorkommen, sind besonders häufig passive Racheaktionen die Folge, die sich in Verweigerung, Verschleppung, Informationsunterdrückung, Krankenständen usw. ausdrücken.

Viele Racheaktionen werden genutzt, um längst fällige offene Rechnungen aus der Vergangenheit zu begleichen, und beziehen ihre emotionale Wucht aus einem Fundus unbearbeiteter vergangener Kränkungen, die oft weit in die Kindheit und Schulzeit zurückreichen. Wo die Achtung und das Verständnis fehlen und Beschämungen ohne Folgen und ohne Ausgleich bleiben, gedeiht die Missgunst und das Misstrauen, ein inneres Klima entsteht, das Rachegefühle und Racheaktionen begünstigt.

Rache im Denken

Für den Fall, dass wir es uns verkneifen, die Racheimpulse offensiv und direkt auszuleben, haben wir unser Denken zur Verfügung. Es stellt sich zur Verfügung, dass wir hier den gesuchten Ausgleich finden können. Wir erzeugen alle möglichen abwertenden und verletzenden Gedanken, malen uns in der Fantasie aus, was der anderen Person zustoßen sollte, oder schmieden Rachepläne, die wir dann nicht ausführen. Wir sollten allerdings damit rechnen, dass sich die Rachegedanken, wenn wir sie zu umfangreich pflegen, in passiven Aggressionen äußern werden. Aber in solchen Fällen haben wir dann Ausreden zur Verfügung: Ach, deine Lieblingsvase ist mir aus der Hand gerutscht, sie war so glitschig. Ich hatte gestern so viel anderes im Kopf, und obwohl ich immer wieder an deinen Geburtstag gedacht habe, hatte ich überhaupt keine Zeit für einen Anruf.

Indirekt Rache üben wir auch dann aus, wenn wir schlecht über nicht anwesende Personen, also hinter ihrem Rücken, reden. Wir werden unseren Ärger los, müssen uns aber nicht direkt mit der Person auseinandersetzen. Auch hier suchen wir das Verständnis der Mitmenschen, die uns Recht geben sollen, dass wir schlecht behandelt wurden, und die die Täterperson wie wir auch verurteilen. Wir haben eine Allianz gegen den Bösewicht geschmiedet, die ihn zur Strafe isoliert.

Vom Fluchen und Verwünschen

Eine spezielle Spielart der Rache findet sich bei Flüchen und Verwünschungen. Denken wir an das Märchen vom Dornröschen. Die dreizehnte der weisen Frauen, die nicht zum Geburtsfest von Dornröschen eingeladen wurde, spricht einen Fluch über die Königstochter aus, dass sie sich an ihrem fünfzehnten Geburtstag an einer Spinnnadel stechen und daran sterben wird. Aus Rache, dass sie nicht eingeladen wurde, spielt sie ihre Zaubermacht aus und versetzt alle in Angst und Schrecken; der Fluch lastet fortan über der Königsfamilie.

Flüche und Verwünschungen verbinden die Rache mit der Welt der Magie mit ihren besonderen Kräften. Wo die Macht in dieser Welt nicht ausreicht, um erlittene Ungerechtigkeiten auszugleichen, müssen höhere Mächte beschworen werden. Das Böse im Fluch trägt einen besonderen Grauen in sich, weil es nur von der Person, die den Fluch ausgesprochen hat, wieder aufgehoben werden kann. Andererseits hängt die Wirkung vom Glauben an die Macht des Fluches und seiner höchsten Fürsprecher ab, ähnlich wie beim Voodoo-Zauber. Wenn der Adressat des Fluches diesem keine Wirkkraft zuspricht, ist er folgenlos.

Neben diesen „mächtigen“ Flüchen gibt es jene des Alltags, die uns bei den größeren und kleineren Missgeschicken und Schlechtbehandlungen hochkommen. Ein kleines Beispiel: Viele elektronische Geräte sind wohl schon Objekt von Verfluchungen durch ihre Nutzer geworden, aber gemeinhin gehören sie zu jenen, die nicht an die Macht des Fluches glauben. Jede Unfähigkeit, die uns bei den technischen Geräten unterläuft, beschämt ein wenig, und das Fluchen entlastet, indem wir die widerborstigen Objekte durch Beschimpfungen beschämen, in diesen Fällen freilich folgenlos.

Aussteigen aus der Rachedynamik

Ohnmachtserfahrungen, wie sie mit dem Schamerleben verbunden sind, bilden den Ursprung von Rachegedanken und -handlungen. Die Erfahrung einer gelungenen Rache erlaubt eine kurzzeitige Befriedigung, doch keine dauerhafte Befriedung. Vielmehr tendieren Rachedynamiken zur Unendlichkeit: Jede Rache, die ihr Ziel erreicht, beschämt und schafft die Grundlage für eine Gegenaktion. Rache hat Rache zur Folge, und die Gefahr besteht, dass die Gewalt mit jeder Runde zunimmt.

Darum ist es wichtig, die Rachedynamik bei sich selbst abzubrechen, sobald sie bewusst wird. Das ist der einzige Schritt zur Befriedung, der in unserer Macht steht. Macht über andere und ihr Verhalten, geschweige denn ihr Inneres ist uns ja nicht wirklich gegeben.

Verletzungen und Beschämungen sind Aspekte des Soziallebens, die sich nicht einfach abschaffen lassen, sondern immer wieder geschehen können, weil die Kapazitäten zur Achtsamkeit bei uns und unseren Mitmenschen wie alles andere auch beschränkt und unvollkommen sind. Was wir schaffen können, ist die nachträgliche Bewusstheit: Legen wir unser Augenmerk auf unsere Reaktionsgewohnheiten, wenn wir Unachtsamkeiten unserer Mitmenschen erleben und spüren wir, wo sich Racheimpulse aus dem eigenen Repertoire einmischen. Welche anderen Möglichkeiten haben wir, ohne den aussichtslosen Umweg über die Rache zu einer Lösung des Konflikts zu kommen? Nutzen wir unsere soziale und emotionale Kreativität, um unsere Racheimpulse zu durchschauen und abzuschwächen und konstruktive kommunikative Wege für die zwischenmenschlichen Probleme zu erschaffen.

Zum Weiterlesen: 
Die passive Aggressivität
Krieg und Scham