Donnerstag, 25. Oktober 2012

Der Lehrer und der Schüler

Der Lehrer sagt dem Schüler: "Du musst ein besserer Mensch werden."

Der Schüler wendet sich beschämt ab.

Ist der Lehrer jetzt ein besserer Mensch?

Wie oft sagen wir Sätze aus dieser Gattung?

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Animus und Anima im 21. Jahrhundert



Zum Verstehen des Männlichen und Weiblichen und der Beziehungen zwischen beiden hat Carl Gustav Jung vor fast hundert Jahren das Modell von Animus und Anima entwickelt. Die Idee dabei ist, dass jeder Mann in sich versteckt weibliche Anteile hat (Anima) und jede Frau einen verborgenen Animus. Wir suchen uns Beziehungspartner aus, die unsere eigenen ungelebten und unbewussten Anteile zum Ausdruck bringen, sodass wir in der Beziehung zu dieser Ganzheit finden wollen. Allerdings scheitert dieser Weg, sobald deutlich wird, dass der Partner oder die Partnerin in der Beziehung den Erwartungen nicht gewachsen ist. Zum einen fließen in die Projektion die Verletzungen und Irritationen ein, die wir als Kind erlebt haben, zum anderen haben wir es mit Archetypen zu tun, die wir gerne mit realen Personen verwechseln.

Die Anima


Die Anima gilt als die weibliche Seite im Unbewussten des Mannes, der Archetyp des Weiblichen. Sie wird als intuitiv, aufnehmend, einfühlsam, aber auch launisch aufgefasst.
Die Anima kann sich störend in Beziehungen einmischen, wenn der Mann von einer Frau erwartet, dass sie so ist wie die archetypische Gestalt in ihm, was keiner realen Frau je gelingen wird. Vielmehr muss der Mann diese Anteile in sich selbst entwickeln, sonst geht er in die Irre und entwickelt eine narzisstische Beziehungsstörung. Dabei ist noch zu beachten, dass der Anima-Archetyp vom Mutterarchetyp überlagert ist und erst einmal von diesem befreit werden muss, bis dem Mann klar wird, wie er seinen weiblichen Pol ausgestalten kann. Der positive Aspekt der Anima ist die Führung nach innen, zum Ernstnehmen der eigenen Empfindungen, Gefühle und Phantasien. Dadurch kann der Mann das empfangende Prinzip in sich entwickeln.

Der Animus


Der Animus repräsentiert die männlichen Aspekte im Unbewussten der Frau, den Archetyp des Männlichen. Er wird als rational, bestimmend und beherrschend beschrieben. Ähnlich wie beim Mann, wirken auch bei der Frau die archetypisch geprägten Rollenerwartungen belastend auf die Beziehung. Sie sind zusätzlich aufgeladen mit den inneren Vaterbildern und Prägungen durch andere männliche Familienmitglieder. Auch hier gilt es, dass die Frau in sich die Qualitäten entwickelt, die ihr Animus für sie bereit hält. Seine positiven Aspekte liegen nach Jung in Mut, Unternehmungsgeist und Wahrhaftigkeit, sowie auch in der Seelenführung zur inneren Wandlung.

Der heilsame Nutzen


C.G. Jungs Intention, diese Archetypen zu beschreiben, lag darin, den Menschen zur Ganzheit (zum Heilsein) zu verhelfen. Als Tiefenpsychologen war es ihm wichtig, verdrängte unbewusste Anteile ins Bewusstsein zu holen und damit der Psyche zugänglich zu machen. Damit wollte er Männern wie Frauen helfen, sich zu finden und zu vervollständigen und damit ihre Beziehungsprobleme besser lösen zu können. Wird nämlich eine Projektion auf den Beziehungspartner erkannt und zurückgenommen, entsteht ein neuer Raum für die Liebesbeziehung. Zugleich fühlt sich jeder mit sich selber besser, wenn alle Seelenanteile ihren Platz im Bewusstsein und in der eigenen Identität haben dürfen.

Allzu mechanistisch aufgefasst, kann allerdings das Modell so missverstanden werden, als ob jeder Mann dem Archetypus, der zugleich als Idealtypus fungiert, möglichst nahe kommen muss, um ein „echter Mann“ zu sein, und umgekehrt so bei der Frau. Jeder Mann müsste dann die für alle gleiche Anima in sich finden, und jede Frau den ebenso allgemein verbindlichen Animus.

Der Archetyp ist jedoch kein Ideal, sondern laut Jung eine Gestalt aus dem kollektiven Unbewussten. Er symbolisiert zentrale menschliche Erfahrungen, die es, wie in diesem Fall die Begegnung von Mann und Frau, in allen Kulturen gibt. Er umfasst eine ganze Bandbreite von Phänomenen, und es ist deshalb leicht irreführend, wenn er mit ganz bestimmten Eigenschaften behaftet wird. Jede inhaltliche Beschreibung des Archetypen greift immer zu kurz.


Folglich kann die Beschäftigung mit Animus und Anima nur dann heilsam wirken, wenn von der jeweils individuellen Ausgestaltung der Archetypen ausgegangen wird, wie sie symbolisch verkleidet in Träumen oder Fantasien auftauchen kann. Dabei hilft der Archetyp mehr als Wegweiser denn als Ziel, das es zu erreichen gilt. Das Ziel ist die innere Ganzheit, das Zu-Sich-Selbst-Kommen in der je eigenen Form und nicht die Anpassung an ein vordefiniertes Muster.


Auch die Traumgestalt, so eindrucksvoll sie sein mag, gilt es nicht nachzuahmen, sondern die eigene Form, die sich darin verbirgt, die individuell wahrnehmbare Bedeutung und der selbst interpretierte und gefundene Symbolgehalt sind die Richtschnur der Exploration und der Garant der integrativen Aneignung.

Rollenbilder

 

Kritisiert wird an Jungs Modell der Rückgriff auf gesellschaftlich vorgeprägte Rollenbilder. Gibt es nicht Frauen, die rational und dominant sind und denen ein wenig mehr Weichheit gut täte? Oder Männer, die nachgiebig und gefühlvoll sind, und denen mehr Durchsetzungskraft nicht schaden könnte? Zu Jungs Zeit waren die Rollenbilder noch klar definiert und zementiert. Doch da hat sich viel geändert. Zwar gibt es nach wie vor das Ziel in der Erziehung, dass Männer zu Männern und Frauen zu Frauen erzogen werden. Auch wenn jede Zeit ihre Männer- und Frauenbilder entwirft und verbreitet, gibt es dazu den Trend, dass diese Bilder immer vielfältiger und vieldeutiger werden, sodass es immer unklarer wird, zu welchen Männern und Frauen erzogen werden soll.  

Darin wird deutlich, dass jeder Mensch eine eigene Mischung aus Animus und Anima bildet, die einen haben mehr von dem einen und die anderen mehr vom anderen. Es gibt “männlichere” Frauen als manche Männer u.U. Eine in die Zukunft gerichtete Idee wäre, dass sich Männer wie Frauen von vordefinierten Rollenbildern lösen und frei ihre Form von Anima und von Animus leben können. Dann dienen uns die beiden Pole als Archetypen, die von jedem Menschen in seiner eigenartigen und einzigartigen Form ausgelegt werden.

Archetypen und das Individuum


Wir sprechen von Archetypen, prägenden Grundideen des kollektiven Unbewussten. Die Wirklichkeit zeigt Männer und Frauen in unterschiedlichster individueller Ausprägung, eine unendliche Vielfalt in der Mischung des Männlichen und Weiblichen, die sich nicht als Pole gegenüberstehen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Bei der Gestaltung der jeweiligen Animus-Anima-Persönlichkeit wirken die genetisch und epigenetisch weitergegebenen Anlagen ebenso mit wie embryonale Erfahrungen (Geschlechtswunsch der Eltern, eventuell Begegnung mit einem Zwilling, Interaktionserfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft usw.) und natürlich die Rollenbilder, die in der Erziehung und im kulturellen Umfeld vermittelt werden.


Typisch Mann – typisch Frau, die einen vom Mars, die anderen von der Venus, diese Stereotype nähren sich aus den vielfältigen Quellen der Identitätsbildung, von den Hormonen bis zu den Ikonen der Werbewelt. Das Angebot an Männer- und Frauenbilder wird immer vielfältiger und widersprüchlicher. So wird es immer verwirrender für die suchenden Menschen, ihre Identität zu finden und die Klarheit zu gewinnen, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.

Jung hatte es noch einfach in seiner Zeit, als die „klassischen“ Rollenzuteilungen (der rationale Mann, die gefühlvolle Frau) weitgehend in der Wirklichkeit gefunden werden konnten. Die Gesellschaft hat sich seither rasant weiter entwickelt und ausdifferenziert. Männer, die sich als Frauen fühlen und Frauen, die Männer sein wollen, werden immer weniger ausgegrenzt. Wir wissen heute viel mehr, aus der Pränataldiagnostik z.B., dass sich das männliche Geschlecht dadurch entwickelt, dass die Ausprägung der weiblichen Organe verhindert wird, oder aus der Gehirnforschung, dass sich männliches und weibliches Gehirn hauptsächlich durch ein im Durchschnitt größeres Ausmaß an Testosteron unterscheiden und dass die Ausprägung der „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ stark von der hormonellen Embryonalentwicklung abhängt. Wir wissen aus der Soziologie, wie Geschlechtsrollen laufend konstruiert und wieder dekonstruiert werden. Und wir erleben in den vielfältigen Angeboten der Unterhaltungsindustrie, dass zu jedem Typus eine Unmenge von Stereotypen produziert werden können.

Wollen Sie männlich sein wie Leonardo di Caprio oder Silvio Berlusconi, oder vielleicht wie Johnny Depp (in welcher Filmrolle bitte?)– nein, werden Sie ein echter Mann, endlich! Hätten Sie gerne Ihre Weiblichkeit nach Frau Zeta-Jones oder Frau Merkel, oder eine kreative Mischung aus beiden? Sind Sie schon genug emanzipiert und wissen Sie, wie Sie in der City jederzeit zu Ihrem Traumsex kommen? Wie wollen Sie Ihre Beziehung leben: gemäß Allan & Barbara Pease (Warum Männer immer Sex haben wollen, während sie einparken und Frauen von Liebe träumen, während sie zuhören), nach John Gray (Alles, was Mann (am Mars) wissen muss, und wie Frau es ihm sagen kann (von der Venus aus?)) oder doch nach Cordelia Fine (Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann)?

Jenseits der Klischees


Auf der systemischen Bewusstseinsstufe müssen wir alle starren Rollenzuteilungen aufgeben. Zu jedem Modell gibt es ein Gegenmodell, zu jedem Typus einen Antitypen, und dazwischen jede Menge an Variationen. Jeder Mensch ist eine Abweichung von irgendetwas. Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch ein dualistisches Konzept von Animus und Anima, oder steht es uns eher im Weg, wenn wir uns selber und das jeweils andere Geschlecht besser verstehen und gedeihlicher miteinander auskommen wollen? 

Jedes der Modelle ist schon irgendwo im Streit der Männer und Frauen als Waffe verwendet worden, um den eigenen Standpunkt zu untermauern und durchzusetzen und die andere Person abzuwerten. Ich bin so, weil ich vom Mars bin. Du musst dich ändern, weil du deinen Animus unterdrückt hast... Wir können jedes Modell dazu benutzen, die andere Person einzustufen und zu bewerten, statt ihr zu begegnen. Über Konzepte können wir einen Menschen nie verstehen, und mit Diagnosen kommen wir ihm auch garantiert nicht näher.

Was wir statt dessen brauchen, ist eine Einstellung, aus der heraus wir Menschen begegnen, nicht nur unterschiedlichen Geschlechts, sondern überhaupt und vor allem unterschiedlichen Wesens. Zunächst gilt es, diese Einzigartigkeit zu erkennen und zu würdigen, und erst nachgeordnet die Geschlechtszugehörigkeit. Dafür ist es notwendig, alle Rollenklischees abzulegen und hinter die Prägungen zu blicken, die unsere Kultur in uns hinterlassen hat. Und dass wir uns selbst begegnen als ganz besondere Wesen, dass wir uns selbst so annehmen, wie wir sind, in der uns ganz eigentümlichen Mischung von Animus-Anteilen und Anima-Anteilen, und dass wir in unserer Innenerforschung weitergehen, um noch mehr davon freizulegen. 


Das Animus-Anima-Modell können wir dafür immer wieder auch als Leitfaden nehmen und es dabei zunehmend von den aufgeklebten Rollenbildern befreien, sodass wir schließlich unser ganz eigenes Zusammenspiel von dem, was vielleicht einmal zum männlichen Archetyp gehörte und dem, was einmal zu seinem weiblichen Gegenpol gehörte, in uns erkennen und sein inneres Wachstum beobachtend begleiten können. So kommen wir in eine Spirale der Bereinigung der Bilder von uns selbst und jener, die wir uns von den anderen Menschen machen. Je mehr wir andere Menschen in ihrer Tiefe und Eigenart annehmen können, desto besser gelingt uns das bei uns selbst. Diese Spirale nähert uns mehr und mehr dem an, was wir in der Kommunikation und in der Begegnung eigentlich suchen, ein Erkennen von Mensch zu Mensch.



Literatur: C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole. Bern: Walter 1995, S. 195


"In Beziehung wachsen" - Seminar in Corfu (Griechenland) vom 16. - 22. Juli 2017. Leitung: Wilfried und Madya Ehrmann. 
Informationen unter www.wilfried-ehrmann.com

Sonntag, 14. Oktober 2012

Das Gute und das Böse



Wie uns die Bibel berichtet, geschah der Sündenfall von Adam und Eva, nachdem sie den Apfel vom verbotenen Baum aßen. Dieser Baum hatte einen Namen: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Was mag uns die Bibel damit sagen?

Offenbar kennen wir alle einen unschuldigen Zustand, in dem die Kategorien von Gut und Böse keine Rolle spielen. Stellen wir uns ein kleines Baby vor und versuchen wir, es als gut oder böse zu sehen – was macht das für einen Sinn? Wenn es lächelt, freuen wir uns, wenn es schreit, haben wir Mitgefühl, Sorge oder Ärger. Ist es böse, weil es schreit und uns aus dem Schlaf weckt? Höchstens in unseren Gedanken, aber wenn wir klar sehen, erkennen wir, dass das Baby nicht aus Bosheit schreit, sondern aus Bedürftigkeit und Not. „Böse“ erleben wir es nur, wenn wir selber nicht „gut“ drauf sind.

Also warten wir, bis das Kind größer wird und seinen eigenen Willen bewusst entdeckt. Dann können und müssen (?) wir es mit den Begriffen von Gut und Böse vertraut machen. Wenn du A machst, bist du gut, bei B böse. Du musst lernen, Gutes zu tun und Böses zu meiden, damit wir miteinander auskommen können, schärfer noch: Damit wir dich liebhaben können. Damit pflanzen wir dem Kind ein Bewertungsschema ein, das es ihm ermöglichen soll, sich in der komplexen sozialen Welt der Menschen und ihren Erwartungen orientieren zu können.

In dieser Welt können wir es nicht durchgehen lassen, wenn Menschen sich daneben benehmen. Wir müssen Verhalten, das andere schädigt und verletzt, eindämmen und möglichst verhindern. Dazu dient die Einteilung in Gut und Böse. In der Evolutionsgeschichte des Bewusstseins befinden wir uns auf der 3. Stufe. Hier, im hierarchischen Denken, werden die Normen und Gesetze kodifiziert, die das Verhalten der Menschen festlegen und regulieren sollen. Der Staat wacht mit all seiner Macht darüber, dass sich die Menschen wohl verhalten. Dazu muss auch jedes Mitglied der Gesellschaft wissen, was gut und was böse ist. 

Allerdings, je höher jemand in der Hierarchie angesiedelt war, desto weniger genau konnten diese Einteilungen angebracht werden, was ja bis heute so praktiziert wird: Die Mächtigen machen sich ihre eigenen Regeln und Gesetze, zu ihrem eigenen Vorteil. Ein aktuelles Beispiel aus der österreichischen Innenpolitik: Alle Staatsbürger, die vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss geladen werden, müssen dort erscheinen, nur einer nicht: Der Herr Bundeskanzler. Der hat nämlich die Macht zu verhindern, dass er geladen wird.

Die Welt wird noch komplexer durch die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Was soll schlecht oder böse daran sein, den eigenen Wohlstand zu steigern und Geld anzuhäufen? Wer es nicht zu Reichtum bringt, ist doch selber schuld. Was aber, wenn mein Reichtum durch die Verarmung eines anderen Menschen entstanden ist – bin ich da noch gut? 

Die nächste Bewusstseinsstufe verschärft die Frage noch mehr, indem sie die Kritik an allen Regeln und Standards forciert. Nichts, was Menschen anderen Menschen vorschreiben, darf als selbstverständlich genommen werden, sondern muss auf seine Sinnhaftigkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben überprüft werden. So tritt langsam der öffentliche ethische Diskurs an die Stelle der unkontrollierten Autorität bei der Festlegung von Gut und Böse. Die Herrschenden werden selber der Kontrolle unterworfen und, wenn es sein muss, zur Verantwortung gezogen. Auch gekrönte Häupter können auf dem Schaffott fallen. 

Erstaunlicherweise produzierte gerade die ethisch so hoch entwickelte personalistische Stufe die ärgsten Bösewichter. Mit den technischen und ökonomischen Mitteln des Kapitalismus ausgestattet, installierten im 20. Jahrhundert einige hasserfüllte und paranoide Individuen die Massenvernichtung von Menschen als Methode der Politik. Diese Leute dienen als Argument für das „abgrundtiefe Böse“, das offenbar im Menschen wohnt und, wenn die Umstände passen, gewalttätig und zerstörerisch zum Ausbruch kommt. 

Die systemische Bewusstseinsschicht, die auch aus den Verzerrungen des personalistischen Denkens erwachsen ist, eröffnet einen Ausweg aus der Polarität von Gut und Böse. Vorbereitet von scharfen Beobachtern der menschlichen Schwächen wie Friedrich Nietzsche, der die Verlogenheit der Gutmenschen entlarvte, oder Sigmund Freud, der die zerstörerischen Kräfte des Unbewussten in jedem Menschen erkannte, verloren die eindeutigen Zuordnungen an Aussagekraft. Es ist zu einfach, die Hitlers und Stalins der Geschichte und Gegenwart als abartige Entgleisungen der Natur oder der Gene abzuurteilen. 

Um zu verstehen, was da abgelaufen ist, helfen die Etikettierungen nicht weiter. Wir brauchen sie zwar, um Position zu beziehen und die Gesellschaft vor den Ausbrüchen der Asozialität zu schützen. Recht muss gesprochen werden, Verurteilungen und Strafen müssen verhängt werden. Aber damit ist nichts geheilt und transformiert, sondern oft geht das Elend weiter, wenn der Straftäter durch die Strafe verhärtet und verbittert wird und seinen Ausweg wieder nur in der Kriminalität sieht.

In jedem Täter steckt ein Opfer, und in jedem Opfer ist auch ein Täter. Böse sind Gute und Gute sind Böse. Es gibt das Böse im Guten und das Gute im Bösen. In der systemischen Sicht gibt es niemanden, der ausschließlich böse oder ausschließlich gut ist. Die Polarität löst sich aus der Starre, die Eindeutigkeiten weichen der Vielfalt. Genaueres Hinschauen ist dazu notwendig. Das heißt auch, hinter die Kulissen zu blicken und die Regie neben dem Theaterdonner wahrzunehmen.

Damit lösen wir uns aus dem Druck, Menschen zu verurteilen und uns moralisch über sie zu stellen, was unserer eigenen Moral nicht gut tut. Wir öffnen uns für die Vorstellung, dass Menschen nicht an sich gut oder böse sind, sondern so reagieren, wie es ihnen in bestimmten Situationen anders nicht möglich ist, ob uns das gefällt oder nicht. Aber wir brauchen uns nicht mehr herausnehmen, sie dafür zu verachten, zu hassen oder ihnen das Menschsein abzusprechen.

Ich halte für diesen Schritt die Überlegung für wichtig, dass Polaritäten im menschlichen Verstand entstehen und außerhalb davon keine Wirklichkeit haben. Sie spiegeln den bis in unsere Zellen als Notmechanismus einprogrammierten Kampf/Flucht-Antagonismus wider. Die Natur und damit die Lebensabläufe verändern sich nach Nuancen und nicht polar oder stochastisch – nach einem Entweder/Oder-Schema. Es ist nicht entweder Tag oder Nacht, sondern der Tag geht in die Nacht über und wir können nur willkürlich festlegen, wann die Nacht beginnt und der Tag zu Ende ist.

Ein sprechendes Beispiel dazu wird von dem österreichischen Politiker Bruno Kreisky berichtet, der einmal gesagt haben soll, als ihm ein Journalist eine Frage vorlegte, auf die er mit Ja oder Nein antworten sollte: „Das hat zuletzt die Gestapo von mir verlangt.“

Weil nur unser Denken Polaritäten schaffen kann (weil es auch digital arbeiten kann), finden wir in unserer äußeren Erfahrungswelt kein Gut und Böse. Erst wenn wir diese Welt in unserem Kopf verarbeiten, nutzen wir dieses Schema, vor allem, wenn wir in Stress sind. 

Bsp.: Ich bin in der U-Bahn, entspannt, nehme die Menschen um mich herum als Menschen wahr und verhalte mich rücksichtsvoll und freundlich. Ich gerate in Stress, weil ich auf die Uhr schaue und merke, dass ich spät dran bin und die U-Bahn viel zu langsam fährt. Ich vergesse die Menschen um mich herum und sehe sie nur als Hindernis, sobald wir in der Station ankommen, plötzlich stellen sich alle mir in den Weg und ich muss sie wegstoßen, um aussteigen zu können. Dann fange ich auch zu denken, die anderen sind böse, und die anderen, die angerempelt wurden, denken vermutlich, ich bin der Böse. Sobald sich der Stress gelegt hat, kann mir deutlich werden, was sich in mir abgespielt hat und die anderen tun mir leid. Da braucht es dann kein "Gut" - "Böse" mehr.

In diesem Sinn ist der Mensch oder sind die Menschen weder gut noch böse, sondern so, wie sie sind und wie sie handeln. Das passt manchmal zu unseren Erwartungen und manchmal nicht. 

Wenn wir uns auf die holistische Ebene begeben, werden uns die Zusammenhänge noch deutlicher. Wenn wir das ganze Bild betrachten, all die menschlichen Versuche, zu leben, das Leben weiterzugeben und weiterzuentwickeln, all das, was dabei gelungen und das, was misslungen ist, dann sehen wir vielleicht ein Bild mit vielen Farben und Kontrasten, aber nirgends die Textmarke „Böse“. Und dann stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch die Bezeichnung "Gut" brauchen, der in unserem Denken als Gegenpol zu böse verankert ist.

Wir können die Frage auf uns wirken lassen. Mit der Antwort haben wir genug Zeit. Schließlich erwacht das universalistische Bewusstsein erst langsam in uns.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Benennungen auf dem inneren Weg

Wenn wir Dingen, die wir wahrnehmen, Namen anhängen, dient uns das zur Orientierung, zum Wiedererkennen, zum Einordnen etc. „Das ist ein Auto“, dann weiß ich, wie ich mich verhalten muss. Dabei abstrahieren wir, ziehen also Merkmale aus dem Ding heraus und bilden daraus ein mentales Konstrukt. „Das Auto“ gibt es nur in unserem Hirn. Kein wirkliches Auto entspricht perfekt diesem Hirninhalt.

So machen wir es auch mit inneren Erfahrungen. „Mir schmeckt die Orange“, und ich bilde ein inneres Konstrukt von „schmeckt gut“. Ich füge es in die entsprechende Datenbank ein, in die Abteilung „schmeckt gut – Orange“. So oder so ähnlich verarbeiten wir innere Erfahrungen, die uns dann als Vergleichsmaßstab für neue Erfahrungen dienen: „Diese Orange schmeckt noch besser als jene…“.

Wenn wir uns auf den inneren Weg begeben, auf die Suche nach der Freiheit oder nach der Wahrheit, oder wie immer wir auch diesen Weg beschreiben (selbst der Ausdruck „Weg“ ist eine Beschreibung), laufen wir immer wieder Gefahr, die Beschreibung mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Ich kann z.B. sagen: „Ich bin ja auf dem Weg“, um mich vor mir selbst zu entschuldigen, dass ich wieder einmal in eine alte Falle meines Egos gestolpert bin. Dann nutze ich die Beschreibung dafür, gleich in die nächste Ego-Falle zu tappen, die mir suggeriert, es gäbe etwas zu entschuldigen.

Versprachlichte Erfahrung


Erfahrung und Benennung der Erfahrung klaffen auseinander. Sobald ich eine Erfahrung auf die sprachliche Ebene bringe, wird sie eine andere, und mischt sich dabei mit kognitiven Inhalten, wie Erinnerungen, Einstellungen, Konzepte, Werte usw. Versprachlichte Erfahrung ist also sinnliche Erfahrung plus Gedanken, Momentanes angereichert mit Vergangenem.

Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, Erfahrungen ohne deren Versprachlichung zu erleben, ist bei den Sprachforschern und Philosophen heftig umstritten. Wie auch immer dieser Streit ausgeht, wichtig erscheint mir, die Klarheit zu behalten, dass es den Unterschied gibt, dass es also eine Erfahrung gibt und deren Benennung, die nicht das Gleiche sind. Sonst laufen wir Gefahr, uns in den Worten zu verlieren und die eigentliche Erfahrung zu übersehen oder gering zu schätzen.

Ein Unterschied zwischen Erfahrungen und Worten liegt darin, dass Erfahrungen fließend sind, sich dauernd verändern, neu formieren und wieder auflösen, während Worte unveränderlich gleich bleiben. Deshalb kann der Satz: „Ich bin traurig“ auf der Erfahrungsebene viele verschiedene Gesichter wiedergeben. „Ich bin traurig“, auch wenn sich das Gefühl gerade aufbaut oder fast schon abgeebbt ist, flach oder intensiv ist. Sprache kann nie so reichhaltig sein wie die Erfahrung, die sie zum Ausdruck bringen will.

Empfindungen und Gefühle


Empfindungsbenennungen sind näher an der Erfahrungswelt als Gefühlsbenennungen. Denn als Empfindung meldet sich unser organisches Leben bei unserem Bewusstsein. Empfindungen sind die einfachste Botschaft, die der Körper an die bewusstseinsfähigen Schichten unseres Gehirns schickt. Dort bilden sich dann mit Hilfe der Gefühlszentren (limbisches System) aus Empfindungskomplexen die eigentlichen Gefühle. Wenn wir also unsere Empfindungen benennen (es juckt hier oder drückt da, hier fühlt es sich kalt oder heiß an usw.), sind wir so nahe an der Schnittstelle zwischen den beständig ablaufenden Lebensprozessen unseres Körpers und deren Bewusstwerdung, wie nur möglich. Solche Benennungen schmiegen sich den Lebensprozessen gleichsam ganz nahe an und zeigen auch deren Veränderbarkeit und Flüchtigkeit. Sie sind deshalb selber beweglicher und flexibler.

Je weiter wir an der Abstraktionsleiter nach oben steigen, desto allgemeiner werden unsere Beschreibungen. Sie umfassen damit mehr Phänomene und vereinigen sie zu Gruppen, dienen damit der Vereinfachung, zugleich werden sie auch unkonkreter und neigen zur Verselbständigung. Wir sprechen solche Begriffe aus, ohne genau zu wissen, auf welche Erfahrungen sie sich beziehen und wie aktuell sie sind.

Identitätswechsel in der spirituellen Suche


Solche Formen der Verselbständigung von abstrahierten Begriffen können schließlich zu Identitätszuschreibungen führen. „Ich bin ein neuer Mensch“. So können wir uns nach tiefgreifenden inneren Transformationserfahrungen fühlen. Um diesem Gefühl eine begriffliche Stütze zu geben, suchen wir nach den geeigneten Benennungen, die uns diese Erfahrungen absichern sollen.

Manche Menschen nutzen spirituelle Namen zu diesem Zweck. Sie geben sich oder lassen sich einen neuen Namen geben. Damit wollen sie eine Zäsur zwischen einer alten und einer neuen Identität markieren. Das kann hilfreich sein, um sich an die spirituelle Berufung zu erinnern, die mit dem neuen Namen verbunden ist. Allerdings hat die Identität immer zwei Seiten, eine, die gleich bleibt, und eine, die sich wandelt. Ein neuer Name ändert daran nichts, er stellt nur den Aspekt der Veränderung in den Vordergrund. Der andere, die Beständigkeit der eigenen Identität, macht sich bemerkbar, sobald die alten Gewohnheiten und die Themen der Vergangenheit auch in der neuen Identität auftauchen.

Der innere Erfahrungsprozess, mit seinen Bahnen, Wirbeln und Verwerfungen, erfährt keinen grundlegenden Wandel durch den Wechsel des Namens. Denn die neue Identitätszuschreibung erfolgt auf einer hohen Ebene der Abstraktion. Deswegen wählen manche Menschen einen dritten Namen oder kehren irgendwann wieder zum ersten zurück.

Doch sind wir frei in der Wahl der Mittel und Methoden. Wem es hilfreich und förderlich erscheint, einen „spirituellen“ Namen anzunehmen, dem kann es als Erinnerungsstütze dienen, als Wecker, der hilft, aus dem Alltagsschlummer zu erwachen. Zäsuren können wichtige Entwicklungsschübe auf dem inneren Weg bewirken. Wie bei jeder Methode, gibt es Vorteile, die auf dem Weg weiterhelfen und Fallen, die den Weg behindern und verzögern können. Deshalb ist es weder falsch noch notwendig, sich einen neuen Namen geben oder geben zu lassen.

Lehrer und ihre Titel


Wie verhält es sich mit den ungeschützten Markenbezeichnungen im Feld der Wachstumsangebote? Wie ist das mit den „Erleuchteten“, „Meistern“, „Erwachten“, „voll Realisierten“ usw.?

Die Benennung „Meister“ oder „Meisterin“ erhält man üblicherweise durch Ernennung in einer ehrwürdigen Linie im Rahmen einer spirituellen Tradition mit überlieferten Regeln und sind manchmal auch mit Namensänderungen verbunden. Ein Meister erfordert Schüler, die ihn als solchen anerkennen, verehren und ihm in die Bereiche seiner Lehre hinein folgen. Die Lehre umfasst dabei zumeist Bereiche des Wissens wie auch der Lebenspraxis und der Beschreibung der Stufen, die die Schülerin auf dem Weg absolvieren muss.

Die anderen genannten Bezeichnungen haben mit besonderen Innenerfahrungen zu tun, die zwar bei Meistern vorausgesetzt werden, aber nicht das Hauptkriterium ihres Meisterseins ausmachen. Menschen, die bei anderen Lehrern oder Meistern oder einfach selber einen tiefgreifenden inneren Wandlungsprozess erlebt haben, der ihnen ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt, übernehmen dann gerne Zustands- oder Identitätsbeschreibungen wie „Ich bin erwacht“, „Ich habe den inneren Frieden gefunden“, „Ich ruhe in meiner inneren Heimat“ usw., wenn sie bemerken, dass es sich nicht um vorübergehende Erfahrungen, sondern um einen beständigen und dauerhaften Zustand geht.

Wozu dienen nun diese Selbstbezeichnungen? Sie helfen, der Innenerfahrung einen Rahmen und einen Bezugspunkt zu geben. Wir wollen verstehen und kommunizieren können, was mit und in uns passiert, und ein Name oder eine Bezeichnung unterstützt uns dabei.

Subtiles Vergleichen und die Herzenskraft als Gegenmittel


Die Falle liegt ganz offensichtlich darin, dass sich das Ego daraus einen neuen Anzug schneidert, vor allem, wenn die neue Selbstbezeichnung plakativ nach außen getragen wird. Ich bin etwas Besonderes, ich bin schon weiter auf dem Weg, und wer sich nicht in einem Zustand wie dem meinen befindet, ist zu bedauern. Jedenfalls entstehen zwei Gruppen von Menschen, die mit und die ohne Erleuchtung, Erwachen, Realisierung. Der Unterschied, der in seiner eigenen Entwicklung erlebt wird, wird nach außen verlagert. Wie kann ich den Unterschied wahrnehmen ohne Wertung? Statt in der Selbstwahrnehmung zu bleiben, beginnt das Vergleichen. Die anderen, die noch in ihrem Leiden und in ihren Egomustern stecken, werden in ihrer Mangelhaftigkeit gesehen und, wie ginge das dann anders, subtil abgewertet und verachtet.

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die innere Öffnung in abgehobene spirituelle Bereiche mit ganz außergewöhnlichen Erfahrungen geführt hat, ohne dass sich damit die Liebesfähigkeit erweitert und vertieft hätte. Die Kraft des Herzens ist das Gegenmittel gegen Abwertungen und Überheblichkeiten. Das Herz kann nicht vergleichen, sondern spürt das heile innere Wesen in jedem Menschen. Für das Herz gibt es keine Unterschiede auf dem Weg, sondern nur Menschen, die sich in ihrer Eigenart zeigen und weiterentwickeln. Das Herz schließt sie alle ein in einen Mantel aus Liebe.

Wenn sich in einem Menschen diese Kraft nicht in ihrer möglichen Fülle entwickeln kann, was genauso eine Gnade darstellt wie jede andere spirituelle Erfahrung, ist eine Vermischung der spirituellen Lehre mit Machtthemen unvermeidlich. Oft auch gelingt es dann dem Lehrer nicht, die Ideale der Lehre in das Alltagshandeln und den Umgang mit Menschen zu übersetzen.

Das Herz benötigt keine Namen, Bezeichnungen und Benennungen. Es weiß, dass es keine festgelegten Wirklichkeiten gibt, sondern nur das Fließen, das sich jenseits der Worte abspielt.

Rumi sagt: „Liebe zu erklären ist peinlich! Manche Kommentare können klärend wirken, aber mit der Liebe ist die Stille klarer. Eine Feder kritzelte vor sich hin, aber als sie versuchte, Liebe zu schreiben, brach sie.“

Und Schibli: „Wer meint, er sei angekommen, hat nichts erreicht. Wer darauf deutet, ist ein Götzendiener. Wer darüber spricht, ist leichtfertig. Wer denkt, er sei nah, kommt nie an. Wer tut, als habe er gefunden, hat verloren.“