Dienstag, 31. Juli 2012

Vom Vergleichen

Häufig vergleichen wir uns mit anderen Menschen und sehen es offenbar auch gerne, wenn Menschen untereinander verglichen werden. Denn Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen solche Vergleiche mit Vorliebe: Wer ist die bestangezogenste Dame des Landes (mit oder ohne Hut), wer hat das tollste Auto, wer ist der beste Fettabsauger, wer verdient am meisten Geld? Oder: „Zum Fremdschämen“: die zehn hässlichsten Urlaubsklamotten gefällig?

Woher kommt diese Leidenschaft? Ist sie nur ein Spiel zum Vertreiben der Langeweile oder steckt mehr dahinter?

Rangordnungen gibt es schon im Tierreich in großer Zahl, bekannt ist die „Hackordnung“ bei den Hühnern. Diese Rangordnungen erfüllen jeweils Funktionen zur Sicherung der Nahrung und des Fortbestandes der Gruppe. So haben auch Menschen von Anfang an das Rangdenken in sich getragen, und es spielt bei der Machtverteilung in jeder Gruppe ein wichtige Rolle. Mit der Einführung von bürokratischen Staatsgebilden wurden die Rangordnungen perfektioniert. Heute treffen wir sie besonders deutlich sichtbar bei streng hierarchisch angeordneten Organisationen, wie z.B. bei der Befehlskette eines militärischen Verbandes an.

Beim Vergleichen schielen wir gewissermaßen auf unsere Nachbarn, um an ihnen Merkmale zu entdecken, die uns darüber informieren, ob sie oberhalb oder unterhalb von uns stehen. Wir inspizieren sie, als wollten wir an ihnen Rangabzeichen ausfindig machen. Vergleiche verschaffen uns eine Orientierung. Wir wissen, wo wir selber stehen und wie wir mit anderen Menschen dran sind. Wer steht über mir, wer steht unter mir und wo stehe ich selber? Mit wem muss ich kämpfen, wenn ich weiter nach oben will, gegen wen muss ich meinen Platz verteidigen?

Das sind wichtige Fragen vor allem für die hierarchische Bewusstseinsstufe, die uns alle geprägt hat und die die uralten biologischen Erinnerungen wieder wachgerufen hat. Ein skurriles Beispiel: Die Friedensverhandlungen zur Beendigung des 30-jährigen Krieges ab 1645 haben nicht deshalb drei Jahre gedauert, damit es wirklich ein 30-jähriger Krieg wird, sondern weil monatelang darüber verhandelt wurde, in welcher Reihen- und damit Rangfolge die einzelnen Würdenträger, Politiker und Diplomaten den Sitzungssaal betreten sollten.

Viele Ängste sind mit den Fragen der Rangordnung verbunden. Sie äußern sich vor allem über das Schamgefühl, das ein Indikator dafür ist, ob wir uns rangmäßig richtig oder falsch verhalten haben. Wir versuchen, das Schamgefühl hintan zu halten und die Ängste zu bannen, indem wir Vergleiche anstellen: Die andere Person steht über mir, also habe ich mich unterzuordnen, die andere steht unter mir, also kann ich Macht über sie ausüben. Sobald ich das weiß, kann ich nichts falsch machen und mich sicher auf meiner Ebene bewegen.

Der oberösterreichische Komponist Anton Bruckner, der vermutlich stark und zwanghaft durch hierarchisches Denken geprägt war, war ein hervorragender Organist. Doch unterzog er sich immer wieder Prüfungen durch andere Musiker, die ihm immer wieder bestätigen mussten, dass er ohnehin der beste Orgelspieler des Landes war. Mit jeder Prüfung war die Angst ein wenig beruhigt, den eigenen Platz und die Anerkennung in der Musikerzunft zu verlieren.

Da wir uns in einer sehr komplexen sozialen Welt befinden, stecken wir in den verschiedensten Hierarchien und stufen uns selbst und andere permanent ein, fast immer ohne unser Mitwissen. Deshalb ist es uns so vertraut, wenn irgendwelche Medien irgendwelche Menschen miteinander vergleichen. Wir freuen uns darüber, weil wir meinen, dass uns damit eine innere Arbeit abgenommen wurde.

Wenn sich hierarchische Elemente mit materialistischen verbinden, fließt das Leistungs- und Konkurrenzdenken in das Vergleichen ein. Wir vergleichen uns, um abzuschätzen, ob wir in einem bestimmten Bereich besser oder schlechter sind als andere. Wenn wir besser sind, müssen wir darauf achten, dass der Vorsprung erhalten bleibt. Wenn wir schlechter sind, müssen wir an unserer Verbesserung arbeiten. Im materialistischen Bewusstsein, das mit dem modernen Wirtschaftssystem verknüpft ist, müssen wir die ganze Zeit auf der Hut sein, die Gefahren lauern überall, deshalb müssen wir uns permanent rundherum mit der Außenwelt abgleichen.

Hier ein Zitat aus der „Bunten“ (September 2008): „Das falsche Kleid kann ein Image ruinieren, das richtig gewählte Outfit hingegen die Karriere beflügeln.“. Kleine Achtlosigkeiten schon können ausreichen, um zur Verliererin zu werden. Deshalb: Der Vergleich macht sicher, ahmen wir die Erfolgreichen nach und flügeln wir die Karriereleiter mit intaktem Image nach oben.

Sobald wir mit dem Vergleichen beginnen, nagt an uns unser mangelhaftes Selbstwertgefühl. Es lässt uns nur die Wahl zu resignieren oder unseren Ehrgeiz anzustacheln und das Leistungs- und Stressmuster zu aktivieren. Und dieses sagt uns dann wieder, dass wir immer schauen müssen, wie sich die anderen in Bezug auf uns selber halten, wie der Radrennfahrer, der, wenn er vorne ist, sich dauernd umdrehen muss, um zu sehen, wie die Konkurrenten unterwegs sind, sodass er diesbezüglich seine eigenen Anstrengungen dosieren kann.

Wir verfangen uns damit in einen hübschen Teufelskreis: Je mehr wir vergleichen, desto mehr Stress bauen wir in uns auf, je mehr Stress wir aufbauen, desto mehr müssen wir vergleichen. Durch das Vergleichen halten wir den Stresspegel hoch, und durch den Stress vermehren und perfektionieren wir unsere Vergleichssensoren.

Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist der Verlust der Beziehung zu unserer Einzigartigkeit. Wir messen uns nur an den anderen, wie und wo diese etwas tun oder lassen. Unsere Handlungen richten wir danach, wie die anderen handeln. Wir vertrauen unseren Eigenheiten und Besonderheiten nicht, sondern meinen, dass wir nur bestehen können, wenn wir wie die anderen werden.

Natürlich gibt es „die anderen“ genau so wenig, wie es möglich wäre, dass wir selber jemals wie jemand anderer werden könnten. Aber der neurotische Mechanismus, der sich aus der Verbindung von hierarchischen und materialistischen Grundmustern ergibt, suggeriert uns, dass das Vergleichen und Anpassen an die Erwartungen der anderen der einzige Weg ist, um unser Leben zu verbessern.

Das Ich-Ideal

Unser Ich-Ideal, also wie wir gerne wären, hat eine lichte und eine dunkle Seite. Die lichte Seite enthält das, was wir an Begabungen und Talenten mitbekommen haben, an Ressourcen und Potenzialen, alles, was unsere Einzigartigkeit ausmacht. Wenn wir diese nicht entwickeln und ausleben, fühlen wir uns unerfüllt und befürchten, dass wir unser Leben vergeuden. Hätte sich Schubert z.B. voll dem Alkoholtrinken oder Kartenspielen hingegeben statt dem Komponieren, hätte er sich weit von sich selbst entfernt. So aber kann er als besonderer Vertreter eines personalistischen Bewusstseins anerkannt und in seinen Werken genossen werden.

Hier sehen wir auch einen Grund, warum das personalistische Bewusstsein über das materialistische hinaus gehen musste. Es stellt die Einzigartigkeit jedes Menschen in den Vordergrund, die besondere Qualität, die jeder mitbringt und in sich entfalten kann. Die Musik von Schubert kann nicht mit der von Schumann verglichen werden, wenn wir der Schönheit in beiden Werken gerecht bleiben wollen. Zwar hat sich Schubert mit seinem Zeitgenossen Beethoven verglichen, aber glücklicherweise in so geringem Maß, dass seine musikalische Kreativität nicht darunter gelitten hat. Auch wenn Schubert vielleicht mit Blick auf Beethoven die Fülle seiner musikalischen Ideen in eine strengere Form zu bringen versuchte, war das sein ganz eigener Weg des Ausgleiches zwischen Inhalt und Struktur.

Die dunkle Seite des Ich-Ideals besteht in den Aspekten, die nicht aus uns, aus unserer Einzigartigkeit stammen, sondern von außen übernommen worden sind. Die meisten Eltern hegen Hoffnungen für ihre Kinder, die oft das ausfüllen sollen, was sie selber in ihrem Leben nicht erreicht haben. Darüber hinaus haben Kindergarten, Schule, Wirtschaft, Religionsgemeinschaft, Nachbarschaft usw. ihre Erwartungen, was aus den jungen Menschen einmal werden soll. Diese von außen eingespeisten Anteile des Ich-Ideals entfremden uns von uns selbst, solange wir ihnen folgen, ohne ihre Herkunft verstanden zu haben.

Vergleiche in der Wachstums-Szene

In den Spiri- und Esokreisen gibt es ein Lieblingsthema – wer ist schon weiter auf dem Weg nach innen? Wer hat sich schon am dichtesten an die Erleuchtung herangewagt oder wer ist tatsächlich schon dort, und wie weit oder wie tief reicht diese Erleuchtung, Befreiung, Aufwachung?

Für alle, die sich auf diesem Weg abmühen, scheint es wichtig zu sein abzuschätzen, wie weit es noch zum Ziel ist. Das wollen wir ja auch wissen, wenn wir wandern gehen oder im Flugzeug sitzen: Wie lange noch, bis wir dort sind? Dabei vergleichen wir den Ist-Zustand mit dem Wunschzustand und steigern uns lebhaft in die Fantasie der vollkommenen Zukunft hinein: Wenn erst der Flug vorbei ist und ich wieder die Beine bewegen kann, wenn erst der Gipfel erklommen und die Aussicht genossen werden kann...

Wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen, sind wir in einer Ego-Falle. Ich will unbedingt weiterkommen auf meinem spirituellen Weg, sagt mein Ego. Vermutlich weiß es, dass das ein raffinierter Weg ist, um an der Macht zu bleiben. Jeder Erfolg auf dem Weg wird als Ego-Errungenschaft ausgegeben und befestigt damit die Selbstherrlichkeit, vor allem, wenn die Vergleiche mit den anderen angestellt werden, die noch an ihren Ego-Problemen kiefeln.

Wie wäre ich gerne, oder wer wäre ich gerne, oder wie weit wäre ich gerne schon? Manche Lehrer arbeiten auch mit dieser Karotte: Wenn du so werden willst wie ich, musst du möglichst viel Zeit bei mir (bei meinen Veranstaltungen) verbringen (und meine Brieftasche füttern).

In meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“ habe ich darauf verzichtet, Zahlen weiterzugeben, die angeben sollen, wie viele Menschen sich auf welcher Bewusstseinsstufe befinden. Solche Zahlen suggerieren einen Vergleichsmaßstab, den es m.E. nicht geben kann, weil jeder Wachstumspfad individuell verläuft und auch individuelle Verwerfungen aufzeigt. Ein Mensch kann im Laufe eines Tages die verschiedenen Bewusstseinsebenen mehrfach wechseln.

Ähnlich können spirituell sehr weit entwickelte Persönlichkeiten in manchen Lebenslagen und bei manchen Themen wenig weit entwickelte Verhaltensweisen an den Tag legen. Als in den siebziger Jahren buddhistische Mönche mit den höchsten Weihegraden von begeisterten Studenten aus Klöstern in den Wäldern Thailands nach Kalifornien eingeladen wurden, hatten sie den kurvigen Reizen der dortigen Beach-Girls nichts entgegenzusetzen. Ihre spirituelle Disziplin war machtlos gegen die in ihnen optisch entfesselten Sexualtriebe.

Alte und junge Seelen

Ein Modell für den Vergleich auf dem spirituellen Weg spricht von älteren und jüngeren Seelen. Unter der Annahme der Seelenwanderung gibt es Seelen, die weniger Inkarnationen haben, also jüngere Seelen, während die älteren schon mehr Leben auf dem Buckel haben und dementsprechend schon reifer und näher dem Ziel sind. Nach dem vor kurzem verstorbenen Lehrer Maitreya Ishwara wären jeder Seele 108 Leben vergönnt gewesen, und je mehr Leben schon abgedient wären, desto eher wäre die Erleuchtung zu erwarten.

Wenn wir uns demnach als ältere Seele wahrnehmen, was wir daran erkennen, wie wichtig wir Meditation und Innenschau nehmen, brauchen wir nicht mehr auf Menschen herabschauen, die nichts davon halten und ihr Leben lieber mit Fernsehen oder Grillfesten ausfüllen. Das sind eben die jüngeren Seelen, die erst ihre Anfängererfahrungen auf dem Weg sammeln. Wir als die schon weiter Vorgedrungenen haben damit ein Vergleichsschema, das es uns erleichtert, mit der eigenen Unsicherheit zurecht zu kommen, die Menschen in uns auslösen, die ohne spirituelle Anstrengungen offenbar ihr Leben auch genießen können.

Allerdings entkommen wir mit diesem Konzept der Vergleichsspirale nicht. Solange es uns selber wichtig ist, „alte Seelen“ zu sein, und nicht einfach der Mensch, der wir sind, auf einer bestimmten Stufe unseres ganz eigenen und einzigartigen Entwicklungsweges, haben wir eine wichtige Lektion noch nicht verstanden. Wenn wir dagegen bereit sind, diese Kategorisierung und das damit verbundene Vergleichen mit anderen Menschen loszulassen, gewinnen wir den Zugang zu mehr innerer Freiheit.

Montag, 23. Juli 2012

Das Heldenhafte an der Liebe

Anmerkung: Die Heldin ist immer auch der Held.

Das Heldenhafte an der Heldin liegt darin, den Weg ins Unbekannte hinein zu wagen. In Bezug auf die Liebe bedeutet das, dass sie eine gewohnte Form der Liebe hinter sich lassen muss. Die Liebe, die darauf ausgerichtet ist, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, ist ein wichtiges Element für das Wachsen und Gedeihen des menschlichen Lebens. Sie trägt aber die Tendenz in sich, Abhängigkeiten zu erzeugen und die Geliebte an sich zu binden.

In Beziehungen äußert sich diese Liebe darin, dass wir versuchen, über die andere Macht auszuüben: Du musst dies oder jenes tun oder nicht tun, damit ich mich geliebt fühle. Die Liebe der Geborgenheit und Sicherheit, die sich bedroht fühlt durch das Streben nach Freiheit, versucht die Liebe zu definieren: Ich erkenne deine Liebe nur, wenn du dieses oder jenes oder möglichst alle meiner Bedürfnisse erfüllst. Tust du das nicht, dann verweigerst du mir deine Liebe.

Wird die Liebe definiert, so unterliegt sie der Macht. Definieren heißt Begrenzen, etwas in einen vorgesetzten Rahmen einpassen. Die Liebe verkümmert unter solchen und unter jeden Bedingungen. Sie braucht die Unbedingtheit, und sie braucht die Freiheit.

Die Heldin muss die Form der definierten Liebe hinter sich lassen, wenn sie ihre Freiheit gewinnen will. Erst mit diesem Schritt gewinnt sie den Zugang zu einer größeren Form der Liebe. Die Liebe, die möglich wird, wenn die Heldin ihren Weg geht und gegangen ist, öffnet sich in die Weite. Sie beschränkt sich nicht mehr auf eine einzige Person, die als Ersatz für die Liebe der Eltern dient, sondern wächst darüber hinaus, bis sie in der Lage ist, sich prinzipiell auf alle Menschen zu beziehen. Das ist die erwachsene Form der Liebe, die sowohl die Liebe zu den Eltern, zu einem Partner oder einer Partnerin, zu eigenen Kindern, zu Freunden und Nahestehenden einschließt, und sich auch darüber hinaus erstrecken kann.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Liebesbeziehungen, zunächst gleicht keine Beziehung der anderen, weil immer verschiedene Menschen daran beteiligt sind. Darüber hinaus gibt es den für viele Menschen kategorialen Unterschied zwischen einer Beziehung, die alle Ebenen des Sich-aufeinander-Beziehens umfasst, also vor allem Intimität und Sexualität einschließt, und allen anderen Beziehungen, mit Freunden, Bekannten, Geschäftspartnern usw.

Gerade für das Gelingen der intimen Liebesbeziehung ist die erwachsene Form der Liebe, die sich der Heldin erschließt, von großer Wichtigkeit. Solange die kindlichen Bedürfnisse und Erwartungen in die erwachsene Beziehung hineinspielen, kann sie nicht freu sein. Denn im Gefangensein von solchen Bedürfnissen können wir uns nicht auf den erwachsenen Partner beziehen, sondern verwechseln ihn mit einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Wohl haben kindliche Sehnsüchte und Erwartungen ihren Platz in jeder Erwachsenenbeziehung, weil Erwachsensein nicht das Gegenteil von Kindsein bedeutet, sondern das Überformen der Kindheit durch das Erwachsensein, in dem Kindliches erhalten und lebendig bleibt. Doch sollten diese Aspekte und Stimmen als das „markiert“ sein, was sie sind und sich nicht in erwachsener Sprache verstecken und mit erwachsenen Machtmitteln durchgesetzt werden.

Im französischen Sprichwort heißt es, dass die Liebe ein Kind der Freiheit ist. Sie ist frei von Abhängigkeiten und damit frei von Manipulation und Manipulierbarkeit. Sie lässt dem „Objekt“ der Liebe, also der Geliebten, die Freiheit und steht zur eigenen Freiheit.

Sie ist auch frei von Bedürftigkeit. Sie schließt die Bedürfnisse nicht aus, im Gegenteil, sie beachtet und achtet sie und spielt mit ihnen, aber sie lässt sich von ihnen nicht beherrschen. Bedürfnisse können auch durch die Geliebte frustriert werden, ohne der Liebe Abbruch zu tun. Die Kraft dieser Liebe bemisst sich daran, wie sie den Herausforderungen Stand halten kann, die von der Macht der Bedürfnisse ausgehen. auch an der Toleranz für Enttäuschungen und Verletzungen, die in Liebesbeziehungen geschehen können.

Montag, 16. Juli 2012

Der Weg des Helden

Anmerkung: Der Held ist immer auch die Heldin.

Der Held ist der, der sich aus Abhängigkeiten löst, die er nicht mehr braucht. Es können innere Abhängigkeiten sein oder äußere, z.B. eine ungesunde Lebensweise oder die Bande der Herkunftsfamilie. Er spürt, dass er in den Bereichen, die durch Abhängigkeiten abgedeckt waren, selbst aktiv und kreativ werden kann. Es sind nur noch Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, die ihn darin festhalten. Sobald er das erkennt, ist sein Heldentum gefragt. Damit ist die emanzipative Kraft gemeint, welche die Widerstände zum Wachsen überwindet, die sich in Gewohnheit und Bequemlichkeit manifestieren.

Im klassischen Bild zeichnet sich der Held geradezu dadurch aus, dass er seinen Weg geht, indem er sich von nichts beirren lässt, das sich ihm entgegen stellt. Er hält stur an seiner Richtung fest, und führt sie ihn auch „über Leichen“. Die Gefühle der anderen kann er missachten, wenn sie ihm entgegen stehen. Er ist bereit zu verletzen, emotional oder physisch. Er ignoriert die Schuldgefühle, die ihn dabei plagen mögen.

So wird aus dem Helden ein gefühlskaltes Monstrum. Er vermeint, dass er seine Schwächen gemeistert hat, bemerkt aber nicht, dass er sie nur mit derselben Unerbittlichkeit unterdrückt hat, die er auch nach außen zeigt. Das Scheitern ist die einzige Möglichkeit, die das Leben hat, um ihn auf sich selbst zurückzuwerfen. Und dann ist die Katastrophe vollkommen, denn er hat nichts in seinem Repertoire, was ihm im Versagen helfen könnte. Denn er hat die geheimnisvolle Kraft nicht erkannt, die darin liegt, sich den eigenen Schwächen zu stellen.

Es ist also nur die halbe Kraft, mit deren Hilfe der Held aus den Schatten der Vergangenheit herausgetreten und in ein neues Licht der Zukunft gekommen ist. Es ist nur die halbe Wahrheit des Heldenweges. Zum wirklichen Helden wird er erst, wenn er sich auch den Schatten stellt, die ihn aus der Vergangenheit mit begleiten, wohin auch immer ihn sein Weg führt.

Wenn er auf dem inneren Weg weiterkommen will, muss der Held sich also seiner Verletzlichkeit stellen. Er muss den Schmerz und die Angst in sich selbst spüren, die mit dem Schritt aus der früheren Abhängigkeit verbunden sind. Das Annehmen der Gefühle der Verletzlichkeit erst macht wirklich stark und unabhängig. Solange er sich diesen Gefühlen nicht gestellt hat, hängt der Held in unbewältigten Themen der eigenen Kindheit fest. Seine Taten geschehen aus Trotz und nicht aus Selbstbestimmung.

Sobald sich der Held den Gefühlen des Schattens stellt, erkennt er sein Schuldgefühl: Die Stimme, die ihm sagt, dass er Rücksicht nehmen muss und anderen nicht weh tun darf. Da er aber meint, dass das Brechen des äußeren Widerstandes keine Rücksichtnahme verträgt, meidet er tunlichst jedes Zugeben einer Schwäche. Hinter der Angst, andere zu verletzen, steckt die Angst vor Liebesverlust. Es ist ein kindliches Gefühl, das an die Erfahrungen aus frühen Beziehungen und deren Frustrationen und Traumatisierungen erinnert.

 „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein...“

 Das ist der Held, der sich von den Fesseln der Kindheit befreit. Er muss eine Strecke des Weges alleine gehen, um sich zu beweisen, dass er die Abhängigkeiten gelöst hat. Er erobert eine neue Welt für sich, mit Stock und Hut. Er weiß, dass er damit Erwartungen enttäuscht und Verletzungen bewirkt. Doch vertraut er dem inneren Impuls, der ihn auf den Weg schickt.

 „Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr, da besinnt sich das Kind, kehret heim geschwind.“

Hier bricht der Held seinen Emanzipationsweg ab, er spürt, wie das Schuldgefühl in ihm hochsteigt, und er ist noch nicht stark genug, ihm zu widerstehen. So kehrt er um in die Position des reumütigen Kindes, das der Mutter nicht weh tun will. Die alte Welt der bequemen und gewohnten Abhängigkeiten ist wieder hergestellt.

Doch irgendwann wird sich der Impuls wieder melden, der zum Ausbruch aus der Enge der Kindheit mahnt. Und irgendwann wird der Held zu seinem Impuls stehen und den Weg weiter als bis zur nächsten Kurve gehen, gleich, ob alle damit glücklich oder darüber traurig sind.

Er verweigert eine Form der Liebe, deren oberste Maxime darin liegt, anderen (z.B. der Mutter) keinen Schmerz zuzufügen und alles zu vermeiden, was den anderen verstören könnte. Diese Liebe beschränkt die Welt auf einen engen Kreis von Menschen, die sorgsam und unablässig aufeinander achten, sich bedingungslos unterstützen und sich auch untereinander behindern und in feststehenden Konventionen blockieren, wie wir es von der tribalen Bewusstseinsstufe kennen.

Stattdessen beruft sich der Held zunächst auf die Selbstliebe, auf den Egoismus, der ihm erlaubt, nur für sich selber einzustehen, rücksichtslos vorzugehen und die Gefühle anderer Menschen zu ignorieren. Er hat die Erfahrung gemacht, dass er nicht weiterkommt, sondern in seinem angestammten Platz festkleben bleibt, wenn er nur dem gehorcht, was andere für ihn wollen und für ihn (oder für sich selber) für gut befinden.

Der Schritt, den das Heldentum gebietet, verändert die Welt. Er verändert nicht nur die Welt des Helden, der ein neues Reich erobert, sondern auch die Welt derer, die er verlassen hat. Auch wenn sie enttäuscht und verletzt sind, auch wenn sie den Helden beschuldigen und sich selbst als Opfer fühlen, lernen sie mit der Zeit, mit der neuen Situation zurecht zu kommen und neue Kraft daraus zu schöpfen. So begegnen sie dem Helden, wenn er wieder in seine alte Welt zurückkehrt, als neue Menschen. Die alte Welt gibt es nicht mehr.