Dienstag, 28. Februar 2017

Das Hören, das Altern und der Narzissmus

Seit ein paar Monaten bin ich Besitzer eines Hörgerätes. Die Entscheidung dazu war rational einfach: Durch die Verwendung von Hörgeräten wird nicht nur die akute Hörfähigkeit erhöht, sondern auch langfristig das Hörvermögen verbessert. D.h. das Innenohr kann sich durch die Geräte regenerieren und das Hörzentrum im Gehirn wird entlastet. Emotional musste ich eine Hürde überwinden, eine narzisstische Kränkung verarbeiten. 

Zumindest in meiner sozialen Wahrnehmung ist das Tragen einer Brille, also eine Sehschwäche, nichts besonderes und wirkt manchmal auch intellektuell oder chic. Das Tragen eines Hörbehelfes dagegen gehört in dieser meiner Sichtweise ins hohe, wenn nicht ins Greisenalter, und wer schon früher solche Behelfe braucht, leidet unter einer anderen Kategorie der Behinderung als jemand mit schwachen Augen. Natürlich gibt es junge Leute, die Hörgeräte brauchen, aber im allgemeinen gilt es als Indiz des Alterns. Und ein zentraler Aspekt des Alterns liegt darin, dass Fähigkeiten schwächer werden, und jedes Schwächerwerden führt in der Tendenz, die unser Denken vorausberechnen kann, gegen Null. Das ist die Angst hinter der Kränkung: Jede Schwächung, vor allem eine solche, die jedem auffällt, der genau hinschaut, erinnert an die eigene Vergänglichkeit, und der Narzissmus dient uns dazu, uns über die Endlichkeit als Teil unserer Unendlichkeit hinwegzutäuschen.


Hier noch eine aktuelle interessante Studie zum Hören in den Städten dieser Welt: Wir sollten alles tun, um den Verkehr zu beruhigen, denn das Hören ist ein Teil dessen, was uns zu Menschen macht.

Die Hörspezialisten von Mimi Hearing Technologies haben anlässlich des Welttags des Hörens einen Bericht veröffentlicht, der detailliert Aufschluss über den weltweiten Hörverlust gibt. Es wurden Daten aus den Hörtests von über 200.000 Nutzern der Mimi Hörtest-App ausgewertet und mit statistischen Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie Daten zum weltweiten Hörverlust aus dem SINTEF-Bericht verglichen, um zu erforschen, wie weit die städtische Lärmbelastung und das abnehmende Hörvermögen zusammenhängen. Damit möchte das Unternehmen nicht nur über die weltweite Hörminderung informieren, sondern auch deutlich machen, dass sowohl bei jedem Einzelnen als auch im Gesundheitssystem Handlungsbedarf besteht, mehr in präventive Maßnahmen zu investieren.

Dr. Manfred Gross von der Charité in Berlin erklärt: “Während für die meisten Menschen ein Sehtest Routine ist, kümmert sich niemand um sein Gehör. Das wird zum Problem, denn je früher man einen Hörverlust feststellt, umso besser sind die Chancen, weiteren Schäden vorbeugen zu können.”

Für den Hörtest von Mimi geben Teilnehmer ihr Alter und ihr Geschlecht an und testen dann ihr Gehör. Basierend auf diesen Daten wurde der Weltweite Hörindex 2017 erstellt, der am jeweiligen Ort den durchschnittlichen Unterschied zwischen dem Alter der Teilnehmer und ihrem ermittelten Höralter beschreibt. 

Der durchschnittliche Hörverlust-Index zeigte eine positive Korrelation von 64 Prozent mit dem Grad der Lärmbelastung in den verschiedenen Städten an, woraus sich schließen lässt, dass der Hörverlust direkt oder indirekt durch die Lärmbelastung an den Wohnorten beeinflusst wird. Um sowohl den Hörverlust-Index einer jeden Stadt, als auch den Grad der Lärmbelastung einzubeziehen, wurde für beide Parameter eine Skala von 0 bis 1 angewendet. Die Summe beider Werte ergibt den Zusammengefassten Hörverlust, nachdem die Städte im finalen Ranking sortiert wurden. 

Die fünf Städte mit dem geringsten zusammengefassten Hörverlust: 
Zürich, Wien, Oslo, München, Stockholm.
Dabei weist Wien den geringsten Hörverlust auf: In Wien weicht das Höralter am geringsten vom tatsächlichen Alter der Menschen ab.

Hier zum Gesamtergebnis der Studie.

Freitag, 24. Februar 2017

Enneagramm und frühe Prägungen

Das Enneagramm ist eine Typenlehre, die neun verschiedene Ausprägungen des menschlichen Charakters kennt und in den Grundzügen beschreibt. Dieses System wird seit nicht allzu langer Zeit in verschiedenen Bereichen zur Charakteranalyse, Selbsterkenntnis und für das innere Wachstum angewendet. Außerdem dient es dazu, Menschen, mit denen man zu tun hat, besser einschätzen zu können.

Ein Charakteristikum dieses Systems im Vergleich zu anderen Typologien besteht darin, dass es davon ausgeht, dass jeder Mensch einem Typus zugehört, dass es also keine Mischtypen gibt und auch keine Varianten zwischen Männern und Frauen. Damit wird es notwendig, dass jeder Mensch, der mit dem Enneagramm arbeiten möchte, erkennt, welchem Typ er angehört.

Und das ist schon der erste Schritt der Arbeit mit diesem Konzept. Denn häufig geschieht es, dass beim Studium der einzelnen Typen der Eindruck entsteht, von jedem ein Stück bei sich zu erkennen, sich aber nicht festlegen zu können, zu welchem man wirklich gehört. Es braucht oft einige Zeit, bis sich eine engere Wahl herausfiltert, aber selbst dann kann es schwer sein, sich innerlich für einen Typ zu entscheiden.


Die Auswirkung früher Prägungen auf die Verstellung des Charakters


Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Aspekt eingehen, der bei dieser Schwierigkeit mitspielt. Laut der Theorie des Enneagramms liegt der Typ schon ganz am Anfang des individuellen Lebens, also bei der Zeugung fest. Es gibt keine Antwort auf die Frage, wie das geschieht, sondern es ist eine der Grundannahmen, die auch die besondere Kraft dieses Ansatzes ausmacht.

Wir kommen als völlig neue Wesen zur Welt, eine einmalige Kombination aus unterschiedlichen Erbanlagen. Allerdings nehmen wir auch Lasten aus dem Leben der Eltern und deren Vorfahren mit. Dennoch haben diese nach gängiger Theorie keine Auswirkung auf den Enneagrammtyp, sondern nur auf die individuelle Ausgestaltung, die natürlich jeden Menschen gleich welchen Typs zu einem einzigartigen Individuum macht.

Zur Belastung durch Vorfahren kommt, dass wir als Kinder abhängig von der Bestätigung durch unsere Elternsind. Wir wissen nur durch ihre Rückmeldungen, ob wir so gut sind wie wir sind. Sonst haben wir keine Informationsquelle für unseren Selbst-Wert. Schnell passiert es, dass wir uns an die Erwartungen unserer Umgebung anpassen und unser Verhalten in eine Richtung modellieren, die uns ein Maximum an Erfolg verspricht, nämlich ein Maximum an Anerkennung bzw. ein Minimum an Ablehnung und Zurückweisung. Wir versuchen herauszufinden, was „Bravsein“ (=sich so verhalten, dass wir die Liebe unserer Eltern erhalten) bedeutet und lernen durch Versuch und Irrtum, bis wir es schaffen, soweit zu funktionieren, dass wir nicht dauernd in den Abgrund des Liebesentzugs abstürzen müssen.

Damit verschiebt sich unser innerer Schwerpunkt vom Spüren der eigenen Bedürfnisse auf die Entwicklung von Fähigkeiten der Anpassung an die Bedürfnisse der Eltern. Der Fokus der sinnlichen Wahrnehmung verlagert sich von innen nach außen, und der innere Sinn beginnt zu verkümmern. Zunehmend definieren wir uns über die Rückmeldungen, die wir bekommen; sind sie positiv, sind wir auch positiv, sind sie negativ, sind wir auch negativ. Wir haben verlernt, auf uns selber zu hören und unserer inneren Stimme zu vertrauen. Wir sind in unserer Wirklichkeitskonstruktion von den Erwartungen unserer sozialen Umwelt abhängig geworden. Die Dimension der inneren Wirklichkeit ist bedeutungslos geworden.

Damit legt sich, aus der Sicht des Enneagramms betrachtet, ein Schleier oder ein Schutzmantel um den Persönlichkeitskern. Wir wissen selber nicht mehr genau, wer wir eigentlich sind, weil wir gelernt haben, unsere eigene Wirklichkeit allein an den Maßstäben anderer zu messen. Das äußert sich darin, dass wir uns später in unserem Enneagrammtyp irren können. Wir sehen uns noch immer mit den Augen unserer Eltern und deren Verhaltenserwartungen. Erst wenn wir lernen, hinter diese Schale zu spüren und tiefer wahrzunehmen, wo unsere eigentlichen Triebkräfte, Ressourcen und Potenziale liegen, erkennen wir, was unsere Grundanlage ist.

An diesem Punkt brauchen wir manchmal die Unterstützung von außen, um den Blick in die richtige Richtung zu lenken, also reicht es nicht, sich nur von Büchern und anderen Informationsquellen inspirieren zu lassen. Allzu leicht können uns unsere Ängste täuschen und ablenken. Wir schauen dann auf etwas, das uns wichtiger erscheint, obwohl es in Wirklichkeit nebensächlich ist. Denn unser schützendes Unterbewusstsein signalisiert uns, dass wir uns genau dort in Acht nehmen sollen, wo die zentralste Heilungsmöglichkeit verborgen ist, weil dort auch am meisten Angst und Schmerz gespeichert ist. Eine helfende und erfahrene Person kann uns auf diese Punkte aufmerksam machen und uns zur Seite stehen, wenn wir in sie hineingehen. Und dann wird es klar, welche genau unsere Position im Zyklus des Enneagramms ist, und wir können deutlicher die Kraft spüren, die sie anbietet. 


Was bringt die Erkenntnis des Enneagramm-Typs?


Was haben wir davon, wenn wir wissen, welcher Typ im Enneagramm der unsere ist? Sind wir dann für immer fixiert und festgelegt, haben wir unsere Freiheit und Veränderungsfähigkeit eingebüßt? Solche Ängste können wir getrost weglassen. Wir haben nur einen zusätzlichen Orientierungspunkt gewonnen, der uns helfen kann, wenn wir in die Zukunft schauen, wenn wir also neue Aufgaben anpacken, und wenn wir zurück schauen, um unsere hinderlichen Muster zu durchschauen.

Zum einen wird uns deutlich, welche Strategien, Einstellungen und Bestrebungen uns entsprechen. Wir verstehen dann besser, warum uns bestimmte Handlungen leicht fallen und andere immer wieder auf Widerstand stoßen. Damit kann die Erkenntnis unseres Typs der Verbesserung unserer Leistungsfähigkeit in allen Belangen des Lebens dienen. Wir arbeiten mit unseren Grundanlagen und nicht gegen sie.

Aus dem Verstellungsmodus kommend, neigen wir dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Z.B. meinen wir, Führungsaufgaben so erledigen zu sollen, wie es andere machen, die wir als Führungsfiguren bewundern. Oder wir wollen so kommunizieren, wie andere es tun, die uns gut gefallen. Wir bemühen uns redlich, aber letztlich erfolglos, so zu agieren, wie es jemand anderer macht. Wir können uns allerdings nur bis zu einem gewissen Grad verbiegen, dann drohen wir zu brechen.

Diese Arbeit gegen uns selbst können wir aufhören, sobald wir wissen, wie wir selber funktionieren, und dazu kann uns helfen, draufzukommen, wie unsere Grundstrukturen beschaffen sind. Wir kommen damit leichter in den Flussmodus und können unsere Kreativität ohne innere Hindernisse mit der Welt teilen.

Die andere Richtung weist uns darauf hin, wo unsere Hauptblockierungen für eine Weiterentwicklung liegen. Jeder Enneagrammtyp ist mit einem bestimmten Schattenmuster verbunden, in dem die speziellen Ängste wirken, die in jeder Prägung stecken. Wir wissen damit, wo wir hinschauen müssen, wenn sich ein Widerstand im Lebensfluss zeigt, wenn wir auf ein Leiden stoßen oder auf Konflikte mit unserer Umgebung. Wo immer wir mit dem Leben auseinanderfallen, wo immer wir die Wirklichkeit nicht so akzeptieren können, wie sie ist, dort meldet sich der Schattenbereich unseres Typs, den wir mit Hilfe des Modells deutlicher ins Visier nehmen können.

Das Enneagramm ist ein bewertungsfreies System. Jeder Typ ist gleich viel wert, jeder hat seine Vorzüge und Lernaufgaben. Mit ihm üben wir uns auch darin, uns selbst wahrzunehmen und anzunehmen: Mit einer Prägung, die spezielle Vorzüge und spezielle Verengungen aufweist. Damit wissen wir, worauf wir aufbauen können und in welche Richtung wir uns weiter entwickeln können. An der Schwelle zu dieser Richtung warten Ängste auf uns, aber das Enneagramm kann uns helfen, sie zu benennen und überall zu identifizieren, wo sie im Leben behindernd auftreten. Dadurch fällt ihre Auflösung leichter.

Mit der Befreiung von Ängsten schaffen wir Raum für Liebe und innere Ruhe. Indem wir die aus unserer Biographie entstandenen Schutzhüllen auflösen, stoßen wir zu dem innersten Kern vor, der unbeschädigt ist – und der sich letztlich selber als Illusion erweist. In diesem Sinn erweist sich die Suche nach dem Enneagrammtyp als spiritueller Reinigungsweg.


Vgl. Typenwahl im Enneagramm

Donnerstag, 23. Februar 2017

In der Mangel des Erfolgsstrebens

Frühkindliche Prägungen


Erfolg heißt, ich schaffe es, trotz Widerstand und Schwierigkeiten doch noch zu dem zu kommen, was ich ersehne und wodurch ich hoffe, der Ganzheit näher zu kommen. Aus der kindlichen Perspektive ist das, wonach ich mich sehne, das, was ich brauche, und das ist mein Recht, deshalb spricht die Psychologie auch von Entwicklungsrechten. In der Sicht des Kindes ist es ein Recht, das zu bekommen, was zum Überleben notwendig ist. Das Kind klagt in seinem Schreien aus Bedürfnisnot sein Existenzrecht ein: Wenn ich das, was mir jetzt gerade fehlt, nicht kriege, dann wird mein Menschenrecht auf Existenz nicht geachtet.

Wenn die Erfüllung der Bedürfnisse selbstverständlich und bedingungslos gewährt wird, folgt also auf die Bedürfnisäußerung in angemessener Zeit die entsprechende Befriedigung, dann schließt sich die Gestalt, die Spannung schwindet und Wohlgefühl macht sich breit. Unter dem aktuellen Ereignis wächst das Fundament an Vertrauen, in die Menschen, in die Welt und in sich selbst: Ich bin mit der Welt in gutem Kontakt so wie sie mit mir, ich haben meinen Platz, von dem aus ich wachsen kann.
Kommt es aber zu Störungen und Unterbrechungen im Zyklus zwischen Bedürfnis und Erfüllung, so entsteht statt Entspannung Frustration. Und jede Frustration bewirkt Enttäuschung und Misstrauen und verunsichert die Einstellung zur Umgebung und zu sich selbst. Jede Frustration führt zu einer inneren Verhärtung, und sucht sich eine Kompensation.

Erfolge als Kompensation


Kompensation heißt, dass etwas Eigentliches, Authentisches, auf organischer Ebene Stimmiges und Gesundes durch etwas Zweitrangiges ersetzt wird, gewissermaßen eine falsche Kopie für das Original, der Schnuller für die Mutterbrust. Wir können die gefälschte Version der Wirklichkeit akzeptieren, weil sie der eigentlich stimmigen Befriedigung ähnlich ist und weil sie einen gewissen Grad an Befriedigung bedeutet. Wir täuschen uns selber über die Frustration und ihren Schmerz hinweg und trösten uns mit einem Ersatz. Diese Figur bestimmt hinfort unser Streben in der Welt.

Denn die moderne Lebenswelt in ihrer Üppigkeit und Buntheit bietet uns eine nahezu unendliche Fülle an Kompensationen an: Konsumartikel und Erfolgschancen. Beide sind ineinander verschachtelt: Wir wollen konsumieren, um innere Mängel zu kompensieren. Dafür brauchen wir Erfolg, für den wir uns anstrengen müssen, und wir strengen uns deshalb an, weil wir dann ungehemmt konsumieren können, also alle Mängel auffüllen können. Der Mangel dient dann wieder als Antrieb für das Erfolgsstreben. Konsum ist die passive und Erfolg die aktive Seite der Lebensbewältigung, solange sie nur von unerfüllten Kindheitsbedürfnissen gelenkt wird.

Das ist der Motor des materialistischen Bewusstseins: Jedem wird eine Karotte vor die Nase gebunden, die er zu erhaschen strebt, weil sie ihm die Erfüllung jedes inneren Mangels verspricht. Sie sagt: „Verspeise mich, dann bist du für immer glücklich, aber erst musst du mich mal erwischen.“ Und jetzt glaubst du, du hast sie geschnappt und das Glück ist dein – aber nein, da baumelt schon wieder eine vor der Nase, oder ist das noch immer die alte?

Die unbarmherzige Herrschaft des Zahlenprinzips schlägt auf dieser Bewusstseinsebene zu: Welche Zahl du auch nimmst, es gibt unendlich viele, die mehr davon sind. Wie viele Erfolge du auch hast, es gibt unendlich mehr von denen, die du nicht hast. Wie viel Geld du hast, es gibt unendlich mehr, das du nicht hast. Alles, was du erreicht hast, findet sich inmitten einer bis an den Horizont reichenden Wüste des Mangels. Dennoch ist es keine Wahl, aufzugeben, denn Aufgeben bedeutet den Untergang.

Es heißt so schön: Ohne Fleiß kein Preis. Ohne Anstrengung gibt es keine Auffüllung des Mangels. Solange der Mangel herrscht, war die Anstrengung noch zu gering. Wer erfolgreich sein will, muss hart arbeiten. Das zeigen uns die, die es geschafft haben, die uns auf den Hochglanzbildern gütig zulächeln: Sie haben ihren Mangel gestillt und schweben deshalb nahe am Himmel, badend in ihrem märchenhaften Reichtum, millionenfach bewundert und beneidet.

Bedingungsloses Schaffen


Im anderen Fall, also wenn die Aktivität nicht aus den unerfüllten emotionalen Bedürfnissen der Kindheit kommt, sprießt sie aus kreativen Gestaltungsbedürfnissen, die ungehindert und ungeplant aus dem Lebensvertrauen sprudeln und sich entfalten wollen. Hier geht es nicht primär um den Erfolg, sondern um den Selbstausdruck, um das Teilen des Eigenen und Individuellen mit dem Ganzen, also um ein Geben, das nicht auf das Zurückbekommen fixiert ist. Die Aktivität macht schon in sich Sinn, gleich was danach kommt, ob sie mit frenetischem Applaus von Menschenmassen bedacht wird oder im Stillen blüht, von niemandem bemerkt und bestaunt. Es beinhaltet auch die Freude über Anerkennung, denn das Teilen ist erst wirklich ein Teilen, wenn es von jemandem angenommen wird. Was fehlt, ist die Abhängigkeit vom Rücklauf, von der Reaktion der Menschen auf das Geschaffene. Das ist es, was die Freiheit im Schaffen bewirkt.

Diese Freiheit entsteht, wenn wir erkennen, dass ein innerer, emotionaler Mangel nicht durch äußere, materielle Erfolge wettgemacht werden kann, so üppig diese auch ausfallen mögen. Wir müssen uns den Gefühlen stellen, die durch die fehlende Bedürfnisbefriedigung in uns entstanden sind und weiter wirken. So entkommen wir den Schleifen der Erfolgsabhängigkeit und werden frei für ein bedingungsloses Schaffen, für ein Geben aus dem Vertrauen heraus, dass alles, was wir brauchen, uns in der rechten Form zukommt.


Vgl. Wozu brauchen wir Erfolge?

Donnerstag, 16. Februar 2017

Wut - das herausforderndste der Gefühle

Im Repertoire unserer Gefühle hat die Wut einen besonderen Stellenwert, wie schon im früheren Artikel zu diesem Thema beschrieben. Denn es ist offensichtlich, dass wir als Individuen wie als Gesellschaft nur schwer mit dem Zorn zurecht kommen. Wenn jemand weint, wissen wir, dass wir trösten sollen, wenn jemand Angst hat, versuchen wir zu beruhigen und Sicherheit zu geben. Wenn jemand in der Wut ist, tun wir uns schwerer. Denn dieses Gefühl bedroht und fordert dazu heraus, sich zu schützen. 

Allzu schnell kann es passieren, dass unsere Reaktion die Wut nur vermehrt: Beschwichtigung, Rechtfertigung, selber zornig werden, auf Distanz gehen, zur Vernunft mahnen, etc., all dies kann die zornige Person noch aggressiver machen. Eltern fühlen sich oft hilflos mit den Wutausbrüchen ihrer Kinder, Lehrer mit denen der Schüler, und die Ereignisse die der näheren und ferneren Umgebung, die mit Gewalt zu tun haben, füllen die Seiten der Zeitungen, Tag für Tag - Anzeichen der kollektiven Unfähigkeit der Menschheit, mit dem Gefühl der Wut umgehen zu können. 

Die Wut ist ein notwendiges Gefühl, nicht umsonst hat uns die Evolution damit ausgestattet. Wenn jemand in unseren Raum eindringt, ohne dass wir das wollen, müssen wir uns wehren können, weil sonst unsere Integrität oder sogar unsere Identität zerstört werden könnte. Die Wut ist das Gefühl, das die Energien mobilisiert, die für die Verteidigung gebraucht werden. Wenn wir keinen Zugang zu unserem Zorn haben, sind wir den Machteinflüssen, die von außen kommen, wehr- und hilflos ausgeliefert. Unsere Grenzen werden überrannt, ja es ist geradezu so, dass wir, ohne es zu wollen, andere, die ihren Machtraum ausdehnen wollen, einladen, diesen unseren Raum für sich in Besitz zu nehmen. 

(Das mit der Wut verbundene Phänomen der Macht können wir so verstehen, dass sich die Macht, ähnlich der Luft oder dem Wasser, immer dorthin ausbreitet, wo ein Mangel ist, ein Vakuum. Macht hat die Tendenz, sich so weit auszudehnen, bis sie auf eine Grenze stößt, wie ein Hochwasser, das allen Raum einnimmt, wo noch kein Wasser ist, bis eine wasserfeste Grenze Einhalt gebietet. Dazu kommt, dass die Macht, wie die Wut, im vorrationalen Bereich angesiedelt ist, dass also Argumente gegen ihren Expansion nichts ausrichten können.)


Wie kann die Regulation von Wut gelernt werden?


Die Wut als "reines" Gefühl zeigt sich im 2. Lebensjahr. Entwicklungsdynamisch geht es in dieser Phase darum, dass sich das Kleinkind aus der Abhängigkeit von den Elternpersonen lösen muss. Es sucht die Lösung aus der Bindung, um ein eigenes autonomes Individuum werden zu können. Nur kann die Lösung aus der Bindung in diesem Alter nur innerhalb der Bindung erfolgen, also innerhalb eines Rahmens von Sicherheit. Wird jedoch die Bindung von den Erwachsenen in Frage gestellt oder abgebrochen, sobald sich das Kind "daneben benimmt", gerät das zornige Kind in eine Falle: Bin ich zornig, verliere ich jede Sicherheit, bin ich nicht zornig, kann ich nicht zur Autonomie kommen. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten, und aufgrund verschiedener Umstände wählen die einen die "progressive" Alternative, indem sie immer wieder wütend werden, bis die Erziehungspersonen resignieren. Sie lernen, dass sie nur über Wut ihren Willen durchsetzen können. Die anderen versuchen, das Gefühl der Wut zu unterdrücken, oft bis zu dem Punkt, dass sie später gar nicht mehr wissen, dass sie so ein Gefühl jemals hatten, und sie wundern sich, wenn andere wütend werden. Sie passen sich an und werden brave, nach Alice Miller "begabte" Kinder, also Kinder, die darauf dressiert sind, alles zu vermeiden, was die Eltern unzufrieden machen könnte. Diese Kinder verhalten sich regressiv, weil sie auf die Entwicklung ihrer Autonomie verzichten, während die anderen ihre Autonomie nur mittels Gewalt behaupten können. Die einen gehen den Weg des geringsten und die anderen den des maximalsten Widerstandes. Beide Wege sind gleichermaßen ungesund für das innere Wachstum. 

Der Wütende ist in seiner Wut hilflos. Das ist die Erfahrung des Kleinkindes, und es signalisiert auch: Ich kann jetzt nicht anders, helft mir, dass ich wieder rauskomme. Die kindliche Wut enthält einen starken Appell, der oft mit einer enormen Wucht und Lautstärke zum Ausdruck kommt und den ganzen Passagierraum eines Flugzeugs oder Bahnwaggons ausfüllt. 

Es ist die Verantwortung der Großen, dem Kind einen Weg zu zeigen, wie es selber eine Wut regulieren kann. Dazu brauchen die Erwachsenen für sich eine Wutkompetenz, also die Fähigkeit, aus der Kenntnis dieser Emotion ihre Kraft und ihre Grenzen zu kennen und damit so umgehen zu können, dass das Gefühl weder unterdrückt noch explosiv ausgedrückt werden muss. Sie brauchen also selber genügend Erfahrungen im druckfreien und selbstverantwortlichen Umgang mit der Wut. 

Im günstigen Fall bleiben die Eltern in kommunikativem Kontakt mit dem Kind. Das kann nonverbal oder verbal sein. Sie lassen sich nicht in Stress bringen, auch wenn das Kind im Stress ist. Sie geben dem Kind die Rückmeldung, dass sie bei ihm bleiben, ohne aber dem Inhalt der Wut nachzugeben. Erst wenn sich das Kind beruhigt hat, kann auf den Anlass des Gefühlsausbruches eingegangen werden.

Wird das Kind beispielsweise wegen eines Verbots zornig, so macht es keinen Sinn, während des Wutprozesses zu erklären, warum das Verbot notwendig ist. Vielmehr kann das Kind erst verstehen, was gemeint ist, wenn es sich wieder beruhigt hat.


Hilflose Kinder und hilflose Eltern


In vielen Fällen allerdings geschieht das Gegenteil: Die hilflos wütenden Kinder machen die Eltern hilflos. Beide Seiten verzweifel, und die Eltern erscheinen gleich inkompetent wie die Kinder. Das ist natürlich nicht deren Schuld, weil sie selber als Kinder keine Wutregulation lernen konnten, und auch in den Schulen kein Unterrichtsgegenstand dafür vorgesehen ist. So retten sich die meisten mit der Wutstrategie, die sie im Überlebenskampf der frühen Kindheit erworben haben, durchs Leben, bis sie selber wieder Eltern werden - ein Staffellauf der missglückten Wutintegration. Die Einzelschicksale summieren sich in der gesellschaftlichen Manifestation der Unfähigkeit gegenüber dem Phänomen der Wut.


Wutregulation als gesellschaftliche Aufgabe


Das Problem der Wutregulation ist kein triviales und auch nicht nur ein privates, sondern, wie eingangs erwähnt, es formuliert eine zentrale Aufgabe für jede Gesellschaft. Denn die Energien, die in der Wut stecken, können Gesellschaften von ungerechten Strukturen befreien, aber auch ins Chaos stoßen, wie wir an vielen Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart sehen können. 

Aus der therapeutischen Arbeit wissen wir, dass viele Menschen, wenn sie tiefer in sich hineinspüren, auf eine immense Wut stoßen, eine, von der sie meinen, dass sie, wenn ausgedrückt, alles zerstören würde.

Es ist die Wut des Kleinkindes, das sich der Macht des Gefühls hilflos ausgeliefert fühlt und dem der Rahmen für ein Verstehen fehlt, wenn ihn die Eltern nicht bieten können. Bei erwachsenen Menschen kann sich diese hilflose und zugleich ungeheure Wut ausdrücken, wenn es dafür eine Rechtfertigung gibt, wenn also die gesellschaftliche Hemmung der Aggression durch eine andere gesellschaftliche Kraft aufgehoben wird. Denken wir an die angepassten Kleinbürger, die in der SS-Uniform zur Bestie wurden. 

Die Terroristen unserer Zeit ziehen die Rechtfertigung ihrer öffentlich inszenierten Wutausbrüchen aus der Identifikation mit einem Kollektiv und einer Ideologie: Meiner Gemeinschaft, meinem Volk, meiner Religion wurde so viel angetan, dass ich in meiner immensen Wut darüber nur einen Bruchteil davon ausgleichen kann, indem ich einige Dutzend Menschen umbringe. Das reicht lange nicht dafür, dass der Schaden, der mir und meiner Gemeinschaft zugefügt wurde, wieder gutgemacht werden könnte. So unschuldig, wie ich und mein Kollektiv zum Opfer wurde, so unschuldig können und sollen die Opfer meiner Wut sein. Die Schuld liegt bei den anderen und muss durch Opfer gesühnt werden. Auf diese Weise gelingt es auch, mit dem Widerspruch zurecht zu kommen, der entsteht, wenn die Opfer Angehörige der eigenen Gruppe, Religionsgemeinschaft oder Nation sind.

Der Terrorist sieht sich als legitimer Vertreter einer Gemeinschaft, für die er mit seiner Gewalttat etwas zum Ausgleich bringen will, was durch Gewalt verursacht wurde. Er darf, ja, er muss tun, was als einzige Möglichkeit zur Verfügung steht: Gewalt durch Gewaltausübung auszugleichen. So wie ihm kein Mitgefühl zuteil wurde, so braucht er kein Verständnis für die Opfer seiner Taten haben.

Alles an Grausamkeit, was ihm als Kleinkind widerfahren ist, wird der Welt angetan, denen, die nichts von diesem Leid wissen, aber durch das Leid, das ihnen zugefügt wurde, verstehen sollen, worin ihr Verschulden liegt.


Die kollektive Wutregulation 


Trivial ist die Frage der Bildung im Bereich der Wut auch deshalb nicht, weil die Flexibilität der Gesellschaft davon abhängt, wie weit die kollektive Wutregulation funktioniert. Wenn z.B. unserer Gesellschaft durch Zuwanderung neu aufgemischt wird, löst die Verunsicherung im bestehenden System Ängste und darauf aufbauend Wut aus. Die Zunahme von Hass in sozialen Netzwerken ist ein Symptom dafür, wie fragil das Wutmanagement in einer Gesellschaft ist, in der die Wutunterdrückung nur notdürftig geregelt ist. Kaum tritt ein neuer Faktor auf, der  destabilisierend wirken könnte, verschaffen sich die in den Tiefen der Seele schlummernden Wutgefühle ein Ventil. Hass schwabbert hoch, sobald Menschen ihre Grenzen bedroht fühlen, Ohnmacht und Hilflosigkeit erleben. Auch sie meinen, dass die Wut- und Hassgefühle angesichts objektiver Faktoren berechtigt sind, ohne zu merken, dass sich in ihnen die ohnmächtigen und hilflosen Kleinkinder melden und nach Verständnis, Schutz und Ausgleich verlangen.


Wut im kommunikativen Rahmen


Was wir lernen müssen, als Individuen, in Gruppen und in der Gesellschaft, ist die Einbeziehung der Wut in die Kommunikation. Hier ist der Raum, in dem wir sie zähmen können, ohne sie zu unterdrücken. Die Wut kann im Rahmen bleiben, wenn der Kontakt nach außen weiter besteht. Die isolierte Wut ist es, was nach innen und nach außen zerstörerisch wirkt. Wutmanagement besteht also darin, die Wut in den Austausch und in den Kontakt einzubinden. Damit wird dem wütenden inneren Kind signalisiert: Du darfst deine Wut haben, sie ist weder gut noch böse, sondern ein Ausdruck dessen, was in dir gerade vorgeht. Die Wut kommt und sie geht auch wieder, und ich bleibe die ganze Zeit, die es dafür braucht, bei dir und mit dir. Ich kenne diese Wut und ich weiß, was es braucht, damit sie da sein kann und gut wieder abfließen kann. Die Angelegenheit, um die es geht, kann besser im ruhigen Gespräch geklärt werden, so dass eine Lösung gefunden werden kann, mit der beide Seiten gut leben können.

Es ist auch wichtig, dass die Hassposter nicht in ihrer Blase bleiben, indem sich andere einmischen, die andere Meinungen vertreten, ohne die aggressive Sprache zu teilen. Dann kann deutlich werden, dass der Hass ein Randphänomen in einer Gesellschaft ist, die (noch) ihre Auseinandersetzungen kommunikativ, im Diskurs auflösen kann. Der Hassposter kann sich dann selber entscheiden, sich vom Rand weg zu bewegen in einen Bereich, wo seine Ansicht Gewicht bekommen kann, indem sie in einer respektvollen Sprache abgefasst ist, oder am Rand zu bleiben, wo er Außenseiter und Minderheit bleibt.

Alle also, die nicht wollen, dass die Ränder ins Zentrum drängen und statt dessen eine gesellschaftliche Mitte wünschen, in der die Vernunft im Sinn der gewaltfreien Kommunikation einen bestimmenden Rang behält, müssen auch das Ihre dazu beitragen, dass den Ausbrüchen unzivilisierter und respektloser Wut ziviler Widerstand entgegengesetzt wird. So kann die Gesellschaft offen bleiben und ihre seit Jahrhunderten erkämpften Freiheiten aufrecht erhalten.

Vgl. Was tut gut an der Wut? 

Donnerstag, 9. Februar 2017

Musterveränderung – aber wie?

Wie stellen wir es an, eine neue Gewohnheit zu etablieren, wenn wir merken, dass wir mit einem bestimmten Aspekt unseres Lebens unzufrieden sind? Z.B. fühlen wir uns gestresst und wissen, dass wir mehr Entspannung im Leben brauchen, merken aber, dass wir uns gerade dann besonders unruhig und gestresst fühlen, wenn wir uns entspannen wollen.

Um eine Veränderung unserer Gewohnheiten zu erreichen, ist ein bewusster Einfluss notwendig. Erfordert ist der Einsatz des Willens, also die Mobilisierung der inneren Bereitschaft, etwas zu ändern. Damit versuchen wir, eine bewusste Kontrolle der oberen Zentren unseres Gehirns über die unteren, unbewussten, auszuüben (top-down). Unser Wollen gibt die Richtung vor, in die es gehen soll.

Die Erfahrung zeigt uns allerdings häufig, dass sich das alte Muster zurückmeldet, sobald wir unsere Aufmerksamkeit abziehen, oder kurz danach – oder bei nächster Gelegenheit, bei der ein äußerer Anreiz das alte Muster aktiviert. Die neue Übungsform erscheint nun beschwerlich, anstrengend, unbequem, während uns das alte Muster Bequemlichkeit und Vertrautheit suggeriert.

Daran zeigt sich die verführerische Macht der Gewohnheit. Unser Unterbewusstsein hat die „Erfolgsmasche“, Strategien, die lange Zeit eingeübt sind, für sinnvoll zu halten, auch wenn sie uns selber, unserer Gesundheit oder unserem Sozialleben nicht gut tun. Es nimmt eine neue Form, die wir üben, zunächst als netten Ausflug in ein unbekanntes Terrain, von dem schnell der Weg zurück ins bequeme altbekannte Muster gesucht wird. Dort fühlen wir uns sicher, weil wir in vertrauter Umgebung sind, so sehr wir auch immer wieder daran leiden mögen. Meistens ziehen wir – sprich unser Unterbewusstsein – die Sicherheit der Stimmigkeit vor, denn die Unsicherheit grenzt schnell an die Überlebensfrage an, und so zieht uns unser innerer Wächter von der gefährlichen Klippe zurück in die bewährte Komfortzone, in der wir uns schon sicher eingerichtet haben – Sicherheit um jeden Preis. Das Gewohnte dem Neuen vorgezogen, auch wenn es uns oft mehr Belastung, Verunsicherung oder Stress beschert als die neue Strategie.

Deshalb gelingt es uns nur, neue Muster zu etablieren, wenn wir sie beständig einüben. Dazu brauchen wir den klaren inneren Entschluss, die klare Ausrichtung und die Bereitschaft, gegen alle Widerstände und Bequemlichkeiten dranzubleiben. Auch hilft uns die Meta-Bereitschaft, beim Einknicken der Übungspraxis als ganzer einfach wieder anzufangen, ohne uns selbst wegen unserer Inkonsequenz abzuwerten.

Auf diese Weise schwächen wir langsam und Schritt für Schritt die Macht der alten Gewohnheit. Wir können uns unser Gehirn vorstellen wie einen Wald. Tiere und Menschen nehmen dort einen bestimmten Weg, der langsam ausgetrampelt wird. Weil es einfacher ist, ihn entlang zu gehen als im Dickicht daneben, nehmen alle, die den Wald durchqueren wollen, diesen Weg. Die Pflanzen haben keine Chance, am Weg zu wachsen, und so entsteht die kleine Schneise durchs Unterholz.

Ähnlich läuft es in unserem Gehirn: Pfade, die wir immer wieder benutzen, werden stärker mit Neuronen besetzt, und diese werden leichter mit anderen vernetzt als jene, die wir kaum nutzen. Also kommen wir schnell aufs immer wieder gleiche Gleis, wenn eine Information von außen oder von innen dorthin steuert, und ab geht die Post.


Bahnung


Beim Üben machen wir es umgekehrt. Wir legen einen neuen Pfad an. Zunächst wird er zugewachsen sein, wenn wir ihn am nächsten Tag suchen. Aber wir kennen die Richtung und gehen einfach wieder aufs Neue los. Manchmal wird es passieren, dass wir den alten Weg wählen und erst mittendrin draufkommen, was wir eigentlich wollten. Dann wechseln wir auf den neuen Weg und gehen ihn mit Bewusstheit. Stetig wird der neue Weg gebahnt, wir haben eine Bahnung (Priming) geschafft, wie das in der Gehirnforschung bezeichnet wird, eine kleine Autobahn im Gehirn, der die Neuronenfeuerungen entlang rasen.

Wir erleben, dass es uns leichter fällt, die neue Verhaltensweise anzuwenden. Die Widerstände sind schwächer geworden oder ganz verschwunden, und wir haben Freude an der neuen Aktivität. Damit ist die positive Selbstverstärkungsschleife etabliert, die neue Tätigkeit wird zum Selbstläufer, wir vergessen kaum darauf, weil uns etwas dazu hinzieht, und wir missen es, wenn wir einmal keine Zeit haben.

Wann immer wir eine Musterveränderung in eine Richtung anstreben, die uns, unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden gut tut, wie z.B. das Üben einer entspannenden Atemmethode, wirken die Selbstheilungskräfte unseres Körpers mit. Es gibt ein organisches Wissen in uns, das die ideale und optimale Funktionsweise unseres Inneren kennt. Es weiß z.B. um das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus in unserem autonomen Nervensystem, das unsere Leistungsfähigkeit ebenso wie unsere Regenerationsfähigkeit stabilisiert. Es strebt von sich aus zu Ausgleich und Harmonie, wenn es zu einer einseitigen Überlastung kommt. Sobald wir bewusst gelenkte Schritte in diese Richtung initiieren, wird es seine unbewussten Energien mobilisieren, um die Änderung hin zur Optimierung zu unterstützen.

Damit haben wir einen wichtigen Partner für unseren Übungsweg gefunden, der uns hilft, dass wir immer leichter und schneller zum neuen Weg finden und dass wir immer eleganter und flexibler auf ihm weiterkommen.


Soziale Verstärkung


Eine weitere Unterstützung auf dem Änderungsweg kommt aus unserem sozialen Umfeld. Menschen können uns in vielfältiger Weise helfen, die neuen Gewohnheiten fester in uns verankern, vor allem, indem sie uns positive Rückmeldungen geben, auch indem sie uns ermuntern und helfen, Widerstände zu überwinden. Am besten gelingt das Gleichgesinnten, die den Übungsweg selber kennen oder kennenlernen wollen. Deshalb ist es immer empfehlenswert, Wanderkameraden für den neuen Pfad zu finden. Wir können uns über unsere Erfahrungen austauschen und neue Impulse aufnehmen, wenn unsere inneren Antriebe erlahmen. Wir nehmen uns ein Beispiel an anderen, denen eine bestimmte Aktivität leichter fällt, und dienen als Beispiel für jene, die sich schwerer tun als wir selber. 


Vom Nutzen des Wachsens


Jede neu eingeübte Fertigkeit erweitert unser inneres Repertoire und macht uns damit reicher. Wir können in irgendeiner Weise besser mit der Wirklichkeit umgehen und deren Vielfalt leichter für uns nutzbar machen. Je mehr Autobahnen wir in unserem Gehirn gebahnt haben, desto mehr Ziele können wir erreichen und desto schneller kommen wir von einem Ort zum nächsten. Der Spaß, der in dieser Beweglichkeit steckt, verlockt zu den nächsten Bahnungen, zum nächsten Abenteuer im inneren Wachsen.

Vgl. Der Vagus 
Das kohärente Atmen
Widerstand und Verwandlung 

Montag, 6. Februar 2017

Der Vagus-Nerv und die Selbstheilkraft

Der Vagus-Nerv wird in diesem Artikel in seiner Wichtigkeit für unsere Gesundheit und Gesunderhaltung vorgestellt. Er verdient auch diese Prominenz, sodass ihn der Wiener „Hormonpapst“ Johannes Huber in seinem jüngsten Buch so vorstellen kann: „Gestatten: Dr. med. personalis Nervus Vagus, die Selbstheilungskraft jedes Menschen.“ (S. 102)

Vagus und Parasympathikus


Wer mit der Polyvagaltheorie und dem kohärenten Atmen vertraut ist, weiß schon, wovon die Rede ist. Der Vagus-Nerv ist die Hauptkomponente des parasympathischen Nervensystems, und damit der wichtigste Akteur für Ruhe, Erholung und Regeneration.

Der Vagus-Nerv beginnt im Hirnstamm, hinter den Ohren. Von dort wandert er auf jeder Seite des Nackens nach unten bis zum Bauch. Das Wort „Vagus“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Wandern, weil sich diese Nervenbündel im ganzen Oberkörper verzweigen. Sie verbinden das Gehirn mit dem Magen und dem Verdauungstrakt, versorgen die Lungen, Herz, Galle, Leber und Nieren. Dazu kommt noch die Enervierung von Sprache, Mimik und Augenbewegungen, die bekanntlich vom neuen, smarten Teil des Vagus gesteuert wird, der vom ventralen Teil des Hirnstammes ausgeht.

80 Prozent der vagalen Nervenfasern sind sensorisch, d.h. sie übermitteln Nachrichten von den peripheren Organen ans Gehirn. Deshalb kann der Vagus als „gutmütiger Spion“ (Johannes Huber) defekte Körperfunktionen ausfindig machen und schnell Gegenaktionen in Gang setzen.

1921 hat der deutsche Arzt Otto Loewi entdeckt, dass die Reizung des Nervs den Herzschlag reduziert, indem eine Substanz ausgeschüttet wird, die er „Vagusstoff“ nannte. Später erhielt sie den Namen Acetylcholin und wurde der erste Neurotransmitter, der von den Wissenschaften entdeckt wurde. Er wirkt wie ein Tranquilizer, den wir ganz einfach selber aktivieren können, indem wir langsam und entspannt ausatmen. Das Acetylcholin wird während der Ausatemphase über den Vagus zum Sinusknoten transportiert, wo es dessen Aktivität dämpft und den Herzschlag verlangsamt. Damit nutzen wir die Kraft des Parasympathikus, um uns in den Zustand innerer Ruhe zu versetzen.

Der Vagus-Nerv arbeitet tief unterhalb unseres Bewusstseins. Er ist von zentraler Bedeutung dafür, unseren Körper gesund zu erhalten. Er ist der wesentliche Teil des parasympathischen Nervensystems, zuständig für die Beruhigung des Körpers nach Stresserfahrungen. Wenn das Vagus-Nervensystem kräftig ausgebildet ist, kann sich der Körper schneller und leichter entspannen.

Die Stärke der Vagus-Reaktion wird als vagaler Tonus bezeichnet, der über die Messung der Herzschlagvariabilität bestimmt werden kann. Forschungen haben gezeigt, dass ein hoher vagaler Tonus dazu beiträgt, dass der Körper den Glukosespiegel im Blut besser regulieren kann. Damit wird die Wahrscheinlichkeit von Diabetes, Gehirnschlag und Herzkreislauferkrankungen verringert. Ein niedriger vagaler Tonus dagegen wird mit Depressionen, getrübten Stimmungen, Herzanfälle und auch mit chronischen Entzündungen in Verbindung gebracht.

In einer Studie aus dem Jahr 2010, die in  Psychological Science publiziert wurde, zeigte sich, dass ein hoher vagaler Tonus mit einer positiven Feedbackschleife zwischen positiven Emotionen, körperlicher Gesundheit und guten sozialen Verbindungen einher geht. Bei diesem Experiment wurde die Loving-Kindness-Meditationstechnik verwendet, um die Teilnehmer in eine gute Stimmung zu bringen. Es zeigte sich jedoch, dass schon die Reflexion auf positive soziale Kontakte den vagalen Tonus steigern konnte.


Der Vagus und die Entzündungen


Wenn irgendwo im Körper eine Entzündung entsteht oder sich etwas Schädliches entwickelt, sind proinflammatorische Proteine wie Interleukin 6 oder der Tumornekrosefaktor beteiligt. Sie sind in der Lage, gesunde Zellen umzubilden. Sie kommen aber auch über den Nervus Vagus ins Gehirn. Dort wird Acetylcholin gebildet, um die Entzündung an der Peripherie zu bekämpfen.

Der Vagusnerv ist also die wichtigste Kommunikationsschiene zur Aufrechterhaltung eines störungsfreien Ablaufes in unserem Organismus, für den es notwendig ist, all die potenziellen Entzündungs- und Krebszellen, die wir in uns tragen, unter Kontrolle zu halten, sodass sie ihre schädlichen Wirkungen nicht entfalten können.

Menschen, denen früher wegen Magenleiden der Nervus-Vagus durchtrennt wurde (damit wollte man die Produktion von Magensäure verringern), begannen nach der Operation Tumore zu entwickeln. Offenbar sind wir ohne Parasympathikus den Krebszellen hilflos ausgeliefert.

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2014 fanden die Schweizer Forscher heraus, wie der Vagus Bauchgefühle wie Angst und Furcht ins Gehirn transportiert. Wahrscheinlich spielen die Zytokine eine Hauptrolle, wenn das Immunsystem durch Stress überlastet wird. Eine verstärkte Zytokin-Produktion ist jedenfalls beteiligt an gedrückten Stimmungen und Energie- und Motivationsmangel.

Doch auch für Entzündungsvorgänge im Körper ist der Vagus zuständig. Entzündungsreaktionen spielen eine zentrale Rolle in der Entwicklung und im Weiterbestehen von vielen Krankheiten, und sie können schlimme chronische Schmerzen bewirken. In vielen Fällen sind Entzündungen die Reaktionen des Körpers auf Stress.

Zwar haben Entzündungen als Teilfunktion des Immunsystems eine nützliche Rolle, damit der Körper Verletzungen ausheilen kann, aber es können auch Organe und Blutgefäße beschädigt werden, wenn der Entzündungsprozess länger anhält als er gebraucht wird. Eine der Aufgaben des Vagus-Nervs liegt darin, das Immunsystem abzuschalten und die Produktion von Proteinen, die die Entzündung in Gang halten, zu beenden. Ein schwacher vagaler Tonus bedeutet, dass diese Regelung weniger wirkungsvoll ist, sodass Entzündungen ausufern können, wie z.B. bei der rheumatischen Arthritis.

Vor kurzem hat ein internationales Forscherteam aus Amsterdam und den USA einen klinischen Versuch durchgeführt, bei dem gezeigt wurde, dass die Stimulation des Vagusnervs mit einem kleinen implantierten Gerät signifikant Entzündungen verringert. Patienten mit rheumatischer Arthritis konnten ihren Zustand verbessern, weil die Zytokin-Produktion verringert werden konnte. Die rheumatische Arthritis  ist eine chronische Entzündungserkrankung, die in den USA allein 1,3 Millionen Menschen betrifft und Milliarden an Gesundheitskosten jährlich verschlingt.

Obwohl die Studie auf Patienten mit rheumatischer Arthritis beschränkt war, ist es wahrscheinlich, dass die Resultate auf Patienten mit anderen chronischen Entzündungserkrankungen übertragen werden kann, darunter z.B. Parkinson, Morbus Crohn und Alzheimer. In diesen Fällen kann vermutlich eine solche Implantation traditionelle Therapien mit hochpreisigen Medikamenten mit vielen Nebenwirkungen überflüssig machen.


Wie können wir den Vagus kräftigen?


Es erfordert einen hohen Aufwand, ein Gerät in den Oberkörper einzubauen, das dann über elektrische Impulse den Vagusnerv aktiviert. Vielleicht ist das allerdings die einzige Hilfe, wenn die Fehlregulationen über lange Zeit so stark ausgeprägt sind, dass die Einflussnahme auf der Ebene der bewussten Selbsthilfe, also mittels Erster-Person-Perspektive keine maßgebliche Wirkung mehr erzielen kann.

Im Sinn der Vorbeugung ist aber gerade diese Ebene von zentraler Bedeutung. Gelingt es uns, durch die eigene Übungspraxis und Lebensweise einen starken vagalen Tonus in unserem Körper aufzubauen und aufrechtzuerhalten, tragen wir wesentlich dazu bei, uns die oben beschriebenen chronischen Entzündungsprozesse buchstäblich vom Leib zu halten.

In meinem Buch über das kohärente Atmen habe ich auf die Atemmethode hingewiesen, die sich für diesen Zweck hervorragend eignet, weil sie genau dafür entdeckt und entwickelt wurde. Über mehrere positive Feedbackschleifen können wir durch das langsame, regelmäßige und entspannte Zwerchfellatmen einen kohärenten Rhythmus im ganzen Organismus erzeugen und stabilisieren, der neben der Entlastung der Herztätigkeit und des Trainings der Blutzirkulation den Parasympathikus aktiviert und stärkt.

Kohärent atmen können wir immer, wenn wir nicht gerade anstrengenden Tätigkeiten nachgehen; wir müssen nur daran denken. Je mehr wir davon in unseren Alltag übernehmen, desto leichter macht es uns der Organismus, dass wir uns schnell auf diesen Rhythmus einschwingen können, weil er von sich aus nach dem Schwingungszustand strebt, der seinem Optimalzustand entspricht.

Es gibt auch noch andere Möglichkeiten zur Vagus-Stärkung. Datis Kharrazian, der Autor des Buches “Why Isn’t My Brain Working”, das sich vor allem mit der Glutenunverträglichkeit beschäftigt, hat einige Empfehlungen zur Stimulation des Vagus-Nervs vorgestellt:

Gurgeln: Mit Wasser gurgeln stimuliert den Vagus, und dadurch wieder kommt mehr Blutfluss in den Bauch. Wenn man das richtig macht, können sogar Tränen kommen, weil auch ein Gehirnbereich in der Nähe des Vagus aktiviert wird, der als der obere Speichelkern bezeichnet wird. Denn der parasympathische Anteil des Gesichtsnervs entspringt in diesem Kern (nucleus salivatorius superior) im Hirnstamm und bewirkt das Weinen. Wenn man mit einer kleinen Menge Wasser beginnt und die Dauer und Intensität langsam steigert, werden diese Neuronen trainiert und gestärkt.

Den Würgereflex  auslösen: Dafür können Einweg-Zungenspateln verwendet werden, die man auf die Hinterseite der Zunge drückt, um den Würgereflex auszulösen. Dabei ist achtsam vorzugehen, sodass der rückwärtige Teil des Gaumens nicht verletzt wird. Wenn dabei Tränen kommen, ist das wieder ein Zeichen dafür, dass der Vagus-Nerv gereizt wurde.

Kaffee-Einlauf: Solche Einläufe werden vor allem zur Entgiftung genutzt. Aber sie dienen auch zur Reizung von Rezeptoren im Darmbereich, die für die Darmbewegungen zuständig sind: die nikotinischen Acetylcholin-Rezeptoren. Ein starker Kaffee-Einlauf kann einen starken Reiz zum Stuhlgang auslösen, der aber so lange wie möglich zurückgehalten werden sollte. Dabei soll es zur Aktivierung und Stärkung der Achse zwischen dem Frontallappen des Großhirns, der Pons und den Eingeweiden, also der Kopf- und Bauchhirnverbindung kommen.

Singen: Eine andere Möglichkeit, die vagalen Muskel an der Hinterseite des Gaumens zu aktivieren, besteht im wirklich lauten Singen, das ist wohl von all diesen Möglichkeiten die einfachste und angenehmste! Jetzt wissen wir auch, warum Singen glücklich macht.

Der Gesundheitsblogger Dave Asprey nennt folgende Maßnahmen zur Stärkung des vagalen Tonus:

•    Kalte Thermogenese, also sich der Kälte aussetzen, z.B. durch kaltes Duschen
•    Training der Herzschlagvariabilität, z.B. durch das kohärente Atmen
•    Kieferregulierung: Hier geht es um den Zusammenhang zwischen dem Trigeminus und dem Vagus.

Wer im letzteren Bereich eine wirksame Atemmethode sucht, sei auf das holographische Atmen von Martin Jones verwiesen, die speziell auf den Kiefer ausgerichtet ist und chirurgische Eingriffe ersetzen kann.

Und hier schließt sich wieder ein Kreis. Wim Hof und seine Studenten konnten zeigen, dass intensive Atemübungen und Kaltwassererfahrungen die Zytokin-Produktion durch die weißen Blutkörperchen verringern konnte, was also eine entzündungshemmende Wirkung hat. Also schlagen wir mit intensivem und mit ruhigem Atmen zwei Fliegen auf einen Schlag: Wir stärken die parasympathische Kompetenz und reduzieren das Risiko für chronische Erkrankungen.

Wir sehen also: Wo immer es irgendwo zwickt oder zwackt, es kann immer hilfreich sein, bei unserer Atmung nachzuschauen, ob sie eine Abhilfe parat hält.

Literatur:
Wilfried Ehrmann: Kohärentes Atmen. Tao Verlag 2016
Johannes Huber: Es existiert. Die Wissenschaft entdeckt das Unsichtbare. edition a 2016
Datis Kharrazian: Why Isn’t My Brain Working? Elephant Press 2013


Vgl. Kohärentes Atmen